RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
bnisse der Geistesforschun
Vierzehn qffenrfiche Vortrdge
gehalten zwischen dem 31. Oktober 1912
und dem 10. April 1913
im Architektenhaus zu Berlin
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen,
nicht wortlichen und teilweise liickenhaften Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann und Johann Waeger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Friihere Veroffentlichung
«Ergebnisse der Geistesforschung»
dreizehn Einzelhefte als Reihe, Basel 1941-1942
Bibliographie-Nr. 62
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1960 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0620-8
Zu dm Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswis-
senschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschrie-
benen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den
Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl
offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spa-
ter Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur-
spriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be-
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte.
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wemgen Fallen
die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867- 1948) wurde ge-
maS ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden
sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der
Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Wie widerlegt man Geistesforschung ?
Berlin, 31. Oktober 1912 9
II. Wie begrundet man Geistesforschung?
Berlin, 7. November 1912 46
III. Die Aufgaben der Geistesforschung fur
Gegenwart und Zukunft
Berlin, 14. November 1912 84
IV. Die Wege der ubersinnlichen Erkenntnis
Berlin, 21. November 1912 117
V. Ergebnisse der Geistesforschung fiir Lebensfragen
und das Todesratsel
Berlin, 5. Dezember 1912 150
VI. Naturwissenschaft und Geistesforschung
Berlin, 12. Dezember 1912 185
VII. Jakob Bohme
Berlin, 9. Januar 1913 220
VIII. Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Ge-
genwart, Herman Grimm, und die Geistesforschung
Berlin, 16. Januar 1913 249
IX. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft vom
Geiste
Berlin, 30. Januar 1913 286
X. Marchendichtungen im Lichte der Geistesforschung
Berlin, 6. Februar 1913 321
XI. Lionardos geistige Grofte am Wendepunkt zur
neueren Zeit
Berlin, 13. Februar 1913 353
XII. Irrtumer der Geistesforschung
Berlin, 6. Marz 1913 382
XIII. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
Berlin, 3. April 1913 . , 416
XIV. Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts
Berlin, 10. April 1913 445
Hinweise 489
Namenregister 507
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 510
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesarntausgabe . . . . 519
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fiir diese offentliche Vortragstatigkeit
gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen behan-
delt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vortragsreihe
zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinander ubergrif-
fen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig fundierten
methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und konnten auf
ein regelma&g wiederkehrendes Publikum rechnen, dem es darauf
ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden Wissensgebiete
einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden die Grundlagen
fiir das Verstandnis des Gebotenen immer wieder gegeben wurden.»
(Marie Steiner)
Die vorliegenden, wahrend des Winterhalbjahres 1912/13 gehalte-
nen 14 Vortrage bilden die zehnte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte.
Kurz zusammengefafit wird darin folgendes dargestellt: Die Gei-
steswissenschaft in ihrer Begegnung mit der Vergangenheit, Gegen-
wart- und Zukunft, ihre moglichen Begrundungen und Widerlegun-
gen, ihre Verhaltnisse zu Naturwissenschaft, zu Leben und Tod, zu
Moral und Ubersinnlichem. Den Geistesschiiler erwarten auf seinem
Erkenntnisweg schwere moralische Priifungen und grofie Gefahren
des Irrtums. Grofie Personlichkeiten der Geschichte wie Jakob Boh-
me, Raffael und Leonardo im Licht der Geistesforschung. Goethe, das
19. Jahrhundert und deren wiirdiger Erbe Herman Grimm und deren
Beziehung zur Geisteswissenschaft.
WIE WIDERLEGT MAN GEI STESFORS CHUNG?
Berlin, 3LOktober 1912
Wie in den verflossenen Wintern werde ich mir gestatten,
im Laufe dieses Winterhalbjahres eine Anzahl von Vor-
tragen iiber Geisteswissenschaft hier an diesem Orte zu
halten. Aus dem Programm wird ersichtlich sein, dafi diese
Vortrage sich zuerst auf das erstrecken sollen, was die Gei-
steswissenschaft von ihrem Gesichtspunkte aus iiber die
Fragen des Lebens vorzubringen hat, dafi dann der Uber-
gang gemacht werden soil zur Beleuchtung einiger wich-
tiger Kulturerscheinungen, hervorragender Kulturtatsachen
und hervorragender Personlichkeiten der Vergangenheit,
wie etwa Raffael, Leonardo da Vinci, und dafi zuletzt noch
die Beziehung, das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zu
mancherlei Erscheinungen im unmittelbaren gegenwartigen
Geistesleben beleuchtet werden soil. Heute sollen diese
Vortrage in einer eigenartigen Weise begonnen werden. Es
soil irn Eingange nicht das vorgebracht werden, was zur
Erhartung und zur Bekraftigung dieser Geistesforschung
gesagt werden kann, sondern im Gegenteil das, was an
moglichen, an bedeutungsvolleren Einwanden gegen diese
Geisteswissenschaft vorgebracht werden kann.
Es liegt in der Natur der Tatsachen, dafi diese Geistes-
forschung in unserer Gegenwart infolge des Standes unserer
Zeitbildung und infolge mancherlei anderer Tatsachen viele
Gegnerschaft nach sich zieht. Aber nichts ware gerade die-
ser Geisteswissenschaft unangemessener, als wenn sie in Fa-
natismus verf alien wiirde und sozusagen nur das sehen
wollte, was von dem Gesichtspunkte ihrer Vertreter an
Griinden f iir sie auf gebracht werden kann. Fanatismus mufi
gerade — und wir werden sehen, aus welchen Griinden -
dieser Geistesforschung vollig fernliegen. Daher mufi sie,
mehr als dies vielleicht von irgendeinem anderen Stand-
punkt aus notig ist, darauf bedadit sein, die Einwande
ihrer Gegner zu verstehen, ja, sie mufi sie in einem gewissen
Sinne geradezu tolerieren, und begreiflich mulS es ihr er-
scheinen, dafi eine ganze Anzahl gerade ehrlicher Wahr-
heitssucher der Gegenwart merit mit ihr gehen konnen. Es
ist ja meine Gewohnheit gewesen — die verehrten Besucher
der friiheren Vortrage werden das wissen, und diese Ge-
wohnheit soli auch in der Folge fortgesetzt werden -, bei
den einzelnen Vorbringungen zugleich auf die moglichen
Einwande Rucksicht zu nehmen. Heme sollen sozusagen
bedeutungsvollere, gewichtigere Einwande vorweggenom-
men werden. Denn Einwande gegen das, was von dem
Standpunkte der Geistesforschung zu sagen ist, ergeben sich
wahrlich nicht blofi von den Gegnern her, sondern bei einem
gewissenhaften Betriebe der Geistesforschung fiihlt sich die
Seele, die einem solchen Betriebe hingegeben ist, auf Schritt
und Tritt selber vor diese moglichen Einwande gestellt.
Weil ja die Wahrheiten der Geistesforschung in der Seele
errungen, erkampft werden miissen, so mufi die Seele in
einer gewissen Weise dem Gegner in bezug auf solche Ein-
wande, die in der Seele selbst geltend gemacht werden, auch
gewachsen sein, und viel besser wird man auf diesem Ge-
biete fortkommen, wenn man sich von vornherein dariiber
klar ist, was alles eingewendet werden kann.
Nun soli es allerdings nicht meine Aufgabe sein, auf die-
jenigen Einwande oder angeblichen Widerlegungen hier
einzugehen, welche sozusagen auf der Strafie gefunden
oder aus den Fingern gesogen werden konnen, sondern es
soil auf die Einwande Riicksicht genommen werden, die
man sich als ehrlicher Wahrheitsucher aus unserer Zek-
bildung, aus den geistigen Grundlagen unserer Gegenwart
heraus selber machen kann und in einem gewissen Grade
sogar machen mufi. Audi nicht auf die Einwande gegen gar
mancherlei soli eingegangen werden, was sich heute oft Gei-
stesforschung oder Theosophie nennt; denn von vornherein
soil zugegeben werden, dafi man mit vielem - namentlich
in der Form -, was heute als «Theosophie» auftritt, nicht
gerade Staat machen kann. Aber das, was hier vertreten
wurde und vertreten wird, das soil in meinen heutigen Ein-
wanden beriicksichtigt werden. Wenn wir uns aber auf
solche Einwande einlassen wollen, so mufi mancherlei von
dem, was schon im Laufe der vorhergehenden Zyklen ge-
sagt worden ist und was in den nachsten Vortragen noch
zur Sprache kommen wird, gleichsam im Umrifi vor die
Seele geriickt werden. Kurz wollen wir uns also dariiber
verstandigen, was unter Geistesforschung nach ihrem In-
halte und ihren Quellen hier gemeint ist.
Zunachst kann man ganz im allgemeinen Geisteswissen-
schaft dadurch charakterisieren, dafi man sagt, die Geistes-
wissenschaft stelle sich auf den Standpunkt, dafi sie iiber
alles, was der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, was
er mit einer Wissenschaft zu ergriinden vermag, die vor-
zugsweise auf die Sinne und auf den Verstand gebaut ist,
der aus den Sinnen seine Schlixsse zieht - dafi sie iiber alles
dieses hinausschreiten mufi zu den geistigen Ursachen der
sinnlichen und durch den Verstand erf orschbaren Tatsachen,
so dafi sie iiberall hinter diesen sinnlichen Tatsachen eine
geistige Welt nicht nur annimmt, sondern zu beweisen ver-
sucht, eine geistige Welt, in welcher die Ursachen zu alle-
dem liegen, was die Sinne sehen und der Verstand erf orschen
kann.
Von mancherlei anderen Geistesrichtungen der Gegen-
wart und der Vergangenheit unterscheidet sich diese Geistes-
wissenschaft dadurch, dafi sie nicht nur im allgemeinen,
etwa hypothetisdi, behaupten will, es gabe iiber den Ver-
stand und die Sinne hinaus eine geistige Welt, sondern dal$
sie davon ausgeht, der Mensch sei imstande, seine Erkennt-
niskrafle, seine Seelenkrafte so auszubilden, so zu entwik-
keln, dafi sie in eine geistige Welt hineinzuschauen ver-
mogen-wozu sie ohne diese Entwickelung nicht fahig sind.
Also nicht nur die MogHchkeit einer geistigen Welt, son-
dern die Erkennbarkeit einer geistigen Welt ist das Eigen-
tumliche dieser Geistesf orschung oder Anthroposophie, wenn
wir sie so nennen wollen. Dafi man mit der Eigenart der
Seelenkrafte und mit den Eigenschaften der Erkenntnis-
krafte, wie sie der Mensch zu seinem gewohnlichen Tages-
gebrauch - wenn wir so sagen diirfen - besitzt, nicht in die
geistige Welt hineindringen konne, das wird von vorn-
herein zugegeben. Dafi es aber richtig sei, diese Erkenntnis-
krafte seien unentwickelbar, dafi sie sich nicht dazu ent-
falten konnten, um nach ihrer Hinauf organisation zu die-
sem hoheren Standpunkte in eine geistige Welt hineinzu-
schauen, wie die Augen in die Sinneswelt hineinschauen,
das bestreitet die Geisteswissenschaft. Damit stehen wir
aber schon an den Quellen dieser Geistesforschung.
Diese Quellen ergeben sich der Seele, wenn diese Seele
durch innerliche Arbeit, durch innere Entwickelung - und
oft wurde hier von den Methoden dieser inneren Entwicke-
lung gesprochen - sich selber zu einem hoheren Stand-
punkte ihrer Anschauung hinaufarbeitet. Dann steht zu der
Sinneswelt, die uns umringt, so zeigt die Geisteswissen-
schaft, eine andere da, eine geistige Welt, von der die wah-
ren Ursachen aller Erscheinungen der Sinneswelt ausgehen.
Durch die Erforschung der geistigen Welt kommen wir
aber dazu, den Menschen als ein viel komplizierteres Wesen
anzusehen, als er es fur die gewohnliche sinnliche oder ver-
standesmafiige Anschauung ist. Wir kommen dazu, den
Menschen als ein viergliedriges Wesen anzusehen. Dasjenige,
was man den physischen Leib nennt, betrachtet die Geistes-
forschung nur als einen Teil der gesamten menschlichen
Wesenheit. Diesen physischen Leib kann das gewohnliche
Sinnesleben beobachten, kann der Verstand begreifen. Die-
ser Sinnesleib ist der Gegenstand der gewohnlichen Wissen-
schaft. Fiir einen groften Teil unserer heutigen Zeitanschau-
ung ist dieser physische Leib die Gesamtheit der mensch-
lichen Wesenheit. Fiir die geisteswissenschaftliche Forschung
ist er nur ein Teil unter vier Gliedern dieser menschlichen
Wesenheit.
Ober diesen physischen Leib hinaus unterscheidet die
Geistesforschung den sogenannten Atherleib oder Lebens-
leib, der dem physischen Leibe eingegliedert ist. Aber nicht
so spricht sie von diesem Atherleib oder Lebensleib, wie
wenn er blofi dem Verstande erschlossen ware, sondern so,
daft die entwickelten Seelenkrafte ihn zu schauen vermogen,
wie das entwickelte Auge die Farben Blau oder Rot schauen
kann, wahrend das farbenblinde Auge diese Farben nicht
schauen kann. Und sie spricht dann davon, daft sich die
notwendige Folgerung ergibt, dafi der physische Leib durch
die ihm eigenen Krafte mit dem Tode selbstverstandlich
zerfallt, weil die Krafte, die dem physischen Leibe ange-
horen, seine Zersetzung, seinen Zerfall bewirken und nur
dadurch zusammengehalten werden, daft wahrend der Zeit
des Lebens zwischen Geburt und Tod diesem physischen
Leibe der Atherleib oder Lebensleib eingegliedert ist, der
als ein fortwahrender Kampfer gegen den Zerfall des phy-
sischen Leibes da ist. Erst wenn mit dem Momente des
Todes die Trennung von dem Atherleibe eintritt, folgt der
physische Leib seinen eigenen Kraften, die aber dann, weil
sie in ihrer Eigenart wirken, seine Zersetzung hervorrufen.
Den physischen Leib hat der Mensch gemeinschaftlich mit
der ganzen mineralischen, unlebendigen Welt. Den Ather-
leib hat er gemeinsam mit allem Lebendigen, mit der gan-
zen Pflanzenwelt.
Dabei kann aber die Geisteswissenschaft noch nicht stehen-
bleiben. Sie erkennt noch ein drittes Glied der mensch-
lichen Wesenheit an, das so selbstandig ist wie der physische
Leib. An Ausdriicken braucht man sich dabei nicht zu sto-
len; sie werden noch zur Erklarung kommen und sind
zum Teil schon erklart worden. Als drittes Glied wird der
astralische Leib unterschieden. Er ist der eigentliche Trager
der Leidenschaften, Begierden, Triebe, Affekte, also alles
dessen, was wir unser Seelenleben nennen, was im Innern
verlauft. Und von diesem astralischen Leibe unterscheiden
wir in der Geistesforschung dann wieder den eigentlichen
Ich-Trager. Wahrend der Mensch den astralischen Leib mit
allem gemeinschaftlich hat, was zum Beispiel in der tie-
rischen Welt AfFekte, Leidenschaften hat und ein inneres
Vorstellungsleben entwickeln kann, hat er als die Krone
seiner Eigenheit den Ich-Trager als das vierte Glied seiner
Wesenheit fur sich. In dem physischen Leib, in dem Ather-
oder Lebensleib, in dem astralischen Leib und in dem Ich-
Trager liegt zunachst des Menschen Wesenheit fiir die
Geistesforschung.
Weiter erzeugt sich fiir den, der in die geistige Welt ein-
zudringen vermag, die Erkenntnis, wie sich ein grofier Teil
unserer Lebenszustande, denen wir unterworfen sind, von
dem gewohnlichen Leben unterscheidet, namlich das Schlaf-
leben. Der Schlaf unterscheidet sich fiir den Geistesforscher
von dem wachen Leben dadurch, dafi beim schlaf enden
Menschen der Ich-Trager und der astralische Leib des Men-
schen abgetrennt werden von semem Atherleib und phy-
sischen Leib. Die beiden letzteren bleiben wahrend des
Schlafes wie ein pflanzliches Gebilde im Bette liegen, der
Ich-Trager mit dem Astralleib und mit den Aff ekten, Trie-
ben, dem Vorstellungsvermogen und so weiter bewegen sicb
dagegen wahrend des Schlafes aus dem physischen Leib und
Atherleib heraus und entfalten in einer fur sich bestehen-
den geistigen Welt dann ein eigenes Leben. Nur ist fiir den
heutigen normalen Menschen, wenn Ich und Astralleib im
Schlafe fiir sich sind, das gewohnliche Leben unmoglich,
weil dieser Astralleib und das Ich keine Organe haben, urn
die Umwelt wahrzunehmen, nicht Augen und Ohren haben
wie der physische Leib. So ist es unmoglich, dafi Astralleib
und Ich die Welt wahrnehmen, in der sie dann sind.
Darin besteht gerade die hohere Entwickelung der Seele,
da£ Astralleib und Ich f ahig werden, Organe auszubilden,
um ihre Umgebung wahrzunehmen, und dafi dadurch fiir
den Geistesforscher ein Zustand eintreten kann, in welchem
er die geistige Welt wahrnimmt; so dafi er dann aufier dem
Wachzustand und dem Schlafzustand noch einen wachen
Schlafzustand hat, wenn wir ihn so nennen diirfen, der
gerade der jenige Zustand ist, in welchem der Geistesforscher
die geistige Welt wahrnehmen kann, welcher der Mensch
seinem eigentlichen Ursprunge nach angehort. So versucht
die Geisteswissenschaft aus den geistigen Tatsachen heraus
den Obergang des Menschen zwischen je vierundzwanzig
Stunden in Wachen und Schlafen zu erklaren.
Das Weitere fiir die Geisteswissenschaft ist, dafi sie an
das grofie Ratsel von Tod und Leben herantritt, das heifit
mit anderen Worten an die Frage, die das Menschenherz
so bewegt: an die Frage nach der Unsterblichkeit des Men-
schen. Da kommt die Geisteswissenschaft dazu, dafi das
eigentliche geistige Wesen des Menschen nicht etwa nur
ein Ergebnis seiner physischen Organisation ist, sondern
eine selbstandige, einer geistigen Welt angehorende Ein-
heit und Wesenheit, welche sich den physischen Leib auf-
baut, welche vor der Geburt, ja, vor der Empfangnis exi-
stiert und von dem ersten Momente, wo der Mensch als
Keimzelle ins Dasein tritt, an seinem Organismus aufbauend
wirkt. Es ist dies mit anderen Worten das Geistig-Seelische,
das eigentlich Tatige und Aufbauende, das den Menschen
durch sein Leben hindurch organisiert, das nur die Friichte
seiner Lebenserfahnmgen durch das Tor des Todes hin-
durchtragt und das mit dem Tode in eine geistige Welt
iibergeht, um dann weitere Erlebnisse zu haben, und das
sich dann einen neuen physischen Leib fur ein weiteres
Leben organisiert, um ein neues Leben durchzumachen und
den Zyklus zu wiederholen.
Die Geisteswissenschaft spricht mit anderen Worten von
wiederholten Erdenleben, spricht von wiederholten Erden-
leben so, dafi wir von unserer gegenwartigen Verkorperung
innerhalb des Sinnendaseins zuruckblicken zu anderen Ver-
korperungen in der Vergangenheit, aber audi in die Zu-
kunfl: blicken zu spateren Verleiblichungen unserer Wesen-
heit. So dafi wir das Gesamtleben des Menschen teilen in
ein Leben zwischen Geburt und Tod und in ein anderes,
welches fur die Sinne und fur den Verstand rein geistig
verlauft zwischen dem Tode und der nachsten Geburt. Aber
nicht in einer ewig wiederkehrenden Art stellt sich die Gei-
steswissenschaft dies vor, sondern so, dafi sie in diesen Wie-
derholungen nur Zwischenzustande anerkennt, das Gesamt-
leben des Menschen aber auf ein ursprungliches Geistiges
zuriickfiihrt, welches allem Leben, vor allem unserem Pla-
neten, vorangegangen ist; so dalS die Erdenleben einmal
einen Anfang genommen haben, als der Mensch aus einem
rein geistigen Dasein heraustrat, und da$, nachdem sich
einst die Bedingungen erfiillt haben werden, der Mensch
wieder in rein geistigeZustande eintreten wird, welche in sich
die Friicbte alles dessen enthalten werden, was der Mensch
durch die verschiedenen Erdenleben durchgemacht hat.
Das ist allerdings nur ein Umrifi, der in den kommen-
den Vortragen mit einzelnen Farben ausgefiillt werden
soil, der aber zeigen kann, zu welchen Ergebnissen eine
geisteswissenschaftliche Forschung kommt. Wenn wir uns
dieses ganze Tableau vor Augen stellen, dann muli man
allerdings sagen, fiir einen grofien Teil der denkenden
Menschheit unserer Tage wird dieses Bild nicht nur etwas
Unverstandliches, Unbeweisbares, sondern vielleicht sogar
etwas Verletzendes haben, etwas sogar, was Ironie, Hohn
und Spott herausf ordern kann, Schon wenn von dem Wesen
der Geistes wissenschafl gesprochen wird, mulS der Mensch,
der alles fiir ihn Wichtige heute auf den rechten Boden der
Wissenschaffc beziehen will, gewichtige Einwande machen.
Der Mensch, der auf diesem Boden der Wissenschafl stent,
mufi sich sagen: Was bedeuten einer solchen Vorbringung
gegeniiber alle die grofien, nicht nur einzelnen Errungen-
schaften der Wissenschafl, sondern was bedeuten denn die
wissenschaftlichen Methoden, was bedeutet gegeniiber der
Geistesforschung der Ernst, die Wiirde, die Exaktheit, was
bedeuten alle die Anstrengungen, welche die Wissenschafl
in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten gemacht
hat, um zu einer Sicherheit, zu einer objektiven Sicherheit
zu kornmen? Es will die Geistesforschung selbstverstandlich
nicht etwa gegen die Wissenschafl arbeiten, das ist ofl
betont worden, sondern im vollen Einklange mit der Wissen-
schafl stehen. Daher mufi sie sich bewufit sein, was die
Wissenschafl gegen sie einzuwenden hat, nicht nur von
ihrem Inhalte aus, sondern namentlich von ihrem Ernste
und ihren Errungenschaflen der letzten Jahrhunderte aus.
Da kann man mit Recht sagen, es werde von der Geistes-
wissenschaft darauf hingewiesen, dafi diese Quellen der
Geistesforschung in einer gewissen Entwickelung der Seele
liegen, indem die Seele gewisse innere Vorstellungs-, Emp-
findungs- und Willensprozesse durchmacht, das durchmacht,
was man Meditation nennt, so dafi sie dadurch innere Er-
lebnisse hat, die naturlich rein beschrankt sind auf die
eigene Seele, die kein anderer kontrollieren kann, als der
sie selber erlebt, und dann wird so etwas durch nichts zu
Kontrollierendes als wissenschaftliches Resultat iiber die
geistigen Welten hingestellt. Wo bleibt, kann die Wissen-
schaft sagen, das, was gerade die schonste Errungenschaft
dieser Wissenschaft ist, dafi sie durch die Forschungen der
letzten Jahrhunderte nur das gelten lafit, was von jedem
Menschen objektiv und iiberall und zu jeder Zeit kontrol-
liert werden kann? Das aufiere Experiment, die aufieren
Beobachtungen haben die Eigentiimlichkeit, dafi jeder an
sie herangehen kann. Nicht so dasjenige, was im Innern
errungen und erkampft wird. Wenn man auf Menschen
hinblickt, die so in ihrem Innern erleben, zeigt sich denn
dann nicht an der grofien Mannigfaltigkeit dessen, was sie
fortwahrend an "Widerspruchsvollem zum Ausdruck brin-
gen, das ganz Unsichere, wie wenig die Erlebnisse iiber-
einstimmen, die durch ein mystisch vertieftes Bewufitsein
gegeben werden? Wie miissen dagegen die Forschungen
ubereinstimmen, welche die einzelnen Forscher in der Kli-
nik, im Laboratorium und so weiter machen! Man wird
darauf hinweisen, dafi dies gar nicht anders sein konnte,
so dafi also das, was der Mensch subjektiv erlebt, sich da-
durch als unwissenschaftlich zeigt, und dies besonders auch
deshalb, weil es durch keinen anderen kontrolliert werden
kann, da der andere nicht hineinschauen kann in die Seele
des betreffenden Geistesforschers.
Haben nicht diese Erlebnisse der Seele, kann man sagen,
eine voile Ahnlichkeit mit alledem, was nachweislich aus
irgendwelchen krankhaffcen Zustanden, aus Obertreibungen
der Seele, in der Ekstase und so weiter, in der Seele erlebt
wird? Wenn der Geistesforscher einwendet, dafi er ja nicht
gewillt ist, jede beliebige Vision, die in der Seele auftritt,
als Forschungsergebnis gelten zu lassen, sondern dafi er nach
bestimmten Methoden vorgeht, dann kann man doch ein-
wenden, und dieser Einwand erscheint durchaus berechtigt:
Ja, zeigt es sich denn nicht bei allem, was die Menschen
durch Visionen, Halluzinationen und so weiter erleben,
dafi solche Menschen, wenn sie derartigen Seelenzustanden
ausgesetzt sind, einen viel grofieren Glauben an ihre fixen
Ideen, an ihre Halluzinationen und Visionen entwickeln
als an das, was ihnen aufterlich die Sinne geben oder was
ihnen der Verstand aufdrangt? Wenn man auf den starren
und unbeugsamen Glauben der Illusionisten hinblickt, so mufi
man bedenklich werden gegeniiber dem, was der Geistesfor-
scher aus den Tiefen seiner Seele heraufholen will als etwas,
was nicht eine Illusion ist, was einen objektiven Bestand in
der geistigenWelt haben soil. Es kann,sokonnte man sagen,
so etwas sein, was einen objektiven Bestand in der geistigen
Welt hat, aber gegen die Gultigkeit eines solchen Seelen-
Experimentes mufi gesagt werden, dafi der Illusionist zu
seinen Wahnideen ein ebensolches Vertrauen hat wie der
Geistesforscher zu seinen Forschungsresultaten, die er dem
verdankt, was aus den Tiefen der Seele heraufkommt.
Nur wer die Entwickelung der objektiven Forschung, der,
wie man sagen kann, gesunden Wissenschaft der letzten
Jahrhunderte und Jahrzehnte nicht mitgemacht hat, kann
etwa mit einem Lacheln iiber einen solchen Einwand hin-
weggehen. Er ist gewichtiger, als man gewohnlich meint,
bei denen meint, die aus einer einseitigen Richtung zu ihren
geisteswissenschaftlichen Resultaten kommen. Es muiS ge-
sagt werden, zum Beispiel mit Bezug auf das, was in meinem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?» mitgeteilt ist, wo gewisse Angaben fur die einzelne
Seele gemacht sind, dafi die Seele, wenn sie sich bei einem
solchen Erleben ganz sich selber iiberlalk, nirgends einen
Anhaltspunkt hat, der sie kontrolliert. Das alles bezeugt,
dafi man sich in der ernstesten Weise mit einem solchen, fur
einen oberflachlichen Geistesforscher sogar trivial erschei-
nenden Einwand auseinandersetzen mufi. Es wird so viel
uber die Natur der, wie man sagen kann, unwahren Vor-
stellungen vorgebracht, da£ das dagegen Vorgebrachte sich
auch auf die Geisteswissenschafl; anwenden lafit, indem man
sagt: Alles, was ihr da vorbringt als Methoden, um die
Seele auszubilden, braucht nichts anderes zu sein als nur
ein raffinierteres Illusions- und Halluzinations-Vermogen.
Dann aber nimmt sich besonders die Geisteswissenschafl;
deplaciert aus gegeniiber der ernsten, kontrollierbaren Wis-
senschaft, wenn sie auf die einzelnen Ergebnisse hinweist.
Da konnte der gewissenhafte Wahrheitsucher der Gegen-
wart, der mit der Entwicklung der letzten Jahre bekannt-
geworden ist, sagen: Wifk ihr denn nichts von alledem, was
vorgegangen ist? Da sprecht ihr von einem Atherleib oder
Lebensleib, der gegeniiber dem physischen Leibe ein selb-
standiges Dasein haben soli. Wifit ihr denn nichts davon,
dafi bis ins neunzehnte Jahrhundert herein das gespukt hat,
was man Lebenskraft nannte, und dafi durch ernste wissen-
schaflliche Anstrengungen der Glaube an diese Lebenskraft
endlich beseitigt worden ist? Wifit ihr denn nichts von der
folgenden Tatsache: Man hat in fruheren Jahrhunderten
gesagt, zwischen den einzelnen chemischen StoflFen spiele sich
in der leblosen Natur draufien ein chemischer Prozefi ab.
Wenn aber dieser selbe Zusammenhang von StofFen in den
menschlichen Organismus eintrete, so bemachtige sich seiner
die sogenannte Lebenskraft; da wurde unter den einzelnen
Stoffen nicht das vor sidi gehen, was wir in der Chemie
und Physik lernen, sondern es wirkten da die einzelnen
Stoffe unter dem Einflusse der Lebenskraft aufeinander ein.
Ein grower Fortscbritt war es, dafi diese Lebenskraft tiber
Bord geworfen worden ist, dafi man versucbt hat, zu sagen:
Diese Lebenskraft hilft gar nichts, sondern man mufi so zu
Werke gehen, dafi das, was man in der unlebendigen Welt
erforschen kann, im lebendigen Organismus weiter ver-
folgt werden mufi, dafi man nur die kompliziertere Art,
wie dort die Stoffe zusammenwirken, berucksichtigen miisse
und dafi man sich nicht auf das Faulbett der Lebenskraft
zu werfen habe.
Gerade als ein solches «Faulbett der Wissenschaft» wurde
die Lebenskraft beseitigt, indem man zeigte, wie die Wirk-
samkeit gewisser Stoffe, die man sich friiher nur unter dem
Einflusse der Lebenskraft denken konnte, audi im Labo-
ratorium zustande kommt. Und weil es noch nicht aller
Tage Abend ist, so miisse sich die Wissenschaft doch jenes
hohe Ideal stellen, auch jene Zusammensetzung der Stoffe
ins Auge zu fassen, wie sie in der Zelle der Pflanze vorhan-
den ist, und diirfe sich nicht auf das Faulbett einer Lebens-
kraft legen, wenn es darauf ankommt, zu untersuchen, wie
die Stoffe und Krafte im Organismus wirken.
Solange man nicht imstande war, gewisse Stoffzu-
sammensetzungen im Laboratorium zu erzeugen, war es
berechtigt, zu sagen, sie kamen nur zustande, wenn die
einzelnen Stoffe durch die Lebenskraft eingefangen wer-
den. Seit es aber gelungen ist - besonders durch Liebig
und Wobler -, nachdem man an die Lebenskraft nicht mehr
glaubt, gewisse Stoffe ohne die Lebenskraft darzustellen,
seitdem mufi gesagt werden, dafi auch die komplizierteren
Zusammenfugungen im menschlichen Organismus die Zu-
hilfenahme einer besonderen Lebenskraft nicht mehr notig
haben. So trat im Lauf e des neunzehnten Jahrhunderts vor
die Wissenschaft das hohe Ideal, das die meisten Forsdier
festhalten, selbst wenn es audi «Neo-Vitalisten» gibt, das
Ideal, das sich erfullen wird: solche StofTzusammenhange,
wie sie sich im lebendigen Organismus zusammenfiigen, zu
erkennen und ohne die Zuhilfenahme einer nebulosen, my-
stischen Lebenskraft herzustellen, die, wie die ernste wissen-
schaftliche Forschung des neunzehnten Jahrhunderts immer
behauptet hat, gar nichts niitzt, weil sie gar nichts beitragt
zur objektiven Erkenntnis der Natur.
Wer diese Tatsachen erkennt und vor allem den Ernst
und die Wiirde ins Auge fafit, die dieser Entwickelung der
Wissenschaft zugrunde liegen, der darf wohl einwenden:
1st es erhort, dafi nun eine Anzahl von Menschen als so-
genannte Geistesforscher auf treten, die in Form ihres Ather-
leibes oder Lebensleibes die alte Lebenskraft wieder auf-
warmen? 1st es nicht ein Zeichen eines wissenschaftlichen
Dilettantismus? Sie mogen «glauben», sie, die nichts von
dem Ideal der Wissenschaft wissen; der wissenschaftliche
Forscher selber aber kann nicht von dem ergrifFen werden,
was ja doch nur als eine Aufwarmung der Lebenskraft
erscheinen kann. So arbeitet die Geisteswissenschaft, kann
man sagen, dilettantisch mit Aufierachtlassung alles dessen,
was gerade zu den schonsten Idealen der modernen Wissen-
schaft gehort, und sie benutzt nur den Umstand, dafi es
heute der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, gewisse
Stoffe, die im lebendigen Organismus anzutreffen sind, auch
im Laboratorium herzustellen, um einstweilen behaupten
zu konnen, es sei zur Erzeugung des Lebens ein besonderer
Atherleib oder Lebensleib notig. Man kann sagen, die fort-
schreitende Wissenschaft werde dem Menschen diesen Ather-
leib oder Lebensleib schon austreiben. Solange es der Wis-
senschaft in ihrem Schreiten von Triumph zu Triumph noch
nidit gelungen ist, zu zeigen, dafi kein Atherleib da ist und
dafi die Zusammenfugung der StofFe des lebendigen Orga-
nismus audi in der Retorte erzeugt werden kann, solange
mogen die Theosophen oder Geistesforscher Staat machen
mit dem Atherleib, der doch nur eine Aufwarmung der
alten Lebenskraft ist! - So konnte dieser Vorwurf erhoben
werden zunachst als eine Tatsache des Dilettantismus.
Wenn nun gar die Geisteswissenschaft von dem Schlaf-
leben sagt: AfTekte, Triebe, Begierden des Menschen seien
an einen besonderen Astralleib gebunden, und dieser trete,
wenn der Sdilaf den Menschen iibermannt, aus dem Ather-
leib und physischen Leib heraus und fiihre ein eigenes
Dasein, so kann man sagen: Es ist sehr leicht, von einem
inneren Seelenleben zu sprechen, wenn man sich die Sache
einfach macht, indem man dieses innere Seelenleben nicht
mit alien Schwierigkeiten und Ratseln hinnimmt, welche
sich der Wissenschaft bieten, sondern wenn man sagt: Da
ist ein Astralleib, und daran ist das gebunden, was sich im
Innern abspielt. - Da kann man wieder mit den Fort-
schritten der Wissenschaft kommen und sagen: Was be-
deuten denn da die grofien Fortschritte, welche besonders
in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind, um eine
Erscheinung wie das Schlafleben oder das Traumleben rein
naturwissenschaftlich zu erklaren? - Es wiirde lange dauern,
wenn ich Ihnen alle die Anstrengungen der Wissenschaft
vorfuhren wollte ~ die durchaus mit Ernst und Wiirde zu
nehmen sind -, um das Schlafleben und Traumleben zu
erklaren. Namentlich deshalb wiirde es eine lange Zeit in
Anspruch nehmen, weil gerade in der letzten Zeit eine
grofie Anzahl von Forschungen zutage getreten sind, die
durchaus diskussionsmoglich sind.
Es geniigt, einen Gesichtspunkt ins Auge zu fassen, der
zeigen kann, wie schwer es dem ernsten Wahrheitsforscher
der Gegenwart wird, sich zu dem zu bekennen, was zunachst
nur wie eine Behauptung erscheinen kann: das Ich und der
Astralleib des Menschen ziehen sich mit dem Einschlafen
aus dem physischen Leib und Atherleib zuriick.
Wenn wir, eine grofte Anzahl von verschiedenen Hypo-
thesen und Aufstellungen iiber das Schlafleben zusammen-
fassend, gleich eine Pauschalerklarung dieses Schlaflebens
nehmen, so ist es die folgende: Es wird gesagt, daft man
zur Erklarung des Schlaflebens durchaus nichts anderes
brauche als ein unbefangenes Hinblicken auf die Erschei-
nungen des menschlichen oder tierischen Organismus. Es
zeige sich, daft das wache Leben darin bestehe, daft die
Erscheinungen der Umwelt auf die Sinnesorgane Eindruck
machen, daft sie auf das Gehirn Reize ausiiben. Den ganzen
Tag hindurch iiben sie solche Reize aus. Wie wirken sie auf
das Gehirn und Nervensystem des Menschen? Sie wirken
so, daft sie die Substanz, aus der das Nervensystem besteht,
zerstoren. Den ganzen Tag hindurch - sagt die moderne
Naturwissenschaft. - haben wir es damit zu tun, daft die
aufteren Farben, Tone und so weiter auf unsere Seele, das
heiftt auf unser Gehirnleben, eindringen. Dadurch werden
Dissimilationsprozesse hervorgerufen, das heiftt Zersto-
rungsprozesse. Es lagern sich bestimmte Produkte ab.
Der Mensch ist, solange diese Prozesse stattfinden, nicht
in der Lage, den umgekehrten Prozeft, den des Wieder-
aufbauens seines Organismus, zu bewirken. Daher wird
jedesmal, nachdem wir aufwachen, das innere Seelenleben
in gewisser Beziehung zerstort, so daft wir, bis wir mude
geworden sind, dazu gelangt sind, daft wir unseren Organis-
mus zerstort haben und daft er kein inneres Seelenleben
mehr entwickeln kann; es hort auf. Man braucht nichts
anderes vorauszusetzen, als daft sich durch das Tagesleben
Ermiidungsstoffe in unserem Organismus ablagern. Man
braucht nur die Auf reibung der organischen Substanz anzu-
nehmen, daft die organische Substanz fiir eine gewisse Zeit
nicht mehr imstande ist, ihre inneren Prozesse zu entwickeln.
Dann aber wirken die aufteren Reize nicht mehr, und die
Folge ist, daft der innere Organismus jetzt anfangt, seine
Ernahrungsprozesse zu entwickeln, das Gegenteil von den
Dissimilationsprozessen, die Assimilationsprozesse, daft er
jetzt die zerstorte organische Substanz wiederherstellt, und
dadurch wird der Nachtschlaf bewirkt. Ist die organische
Substanz wiederhergestellt, so ist audi das innere Seelen-
leben wiederhergestellt, und so kann das wache Leben
wieder neue Reize ausiiben, bis wieder Ermiidung eintritt.
So hat man es dabei mit dem zu tun, was man eine Selbst-
steuerung des Organismus nennt.
Darf man nicht zugeben, daft der gewissenhafte Wahr-
heitsforscher, der mit den Ergebnissen der heutigen Wissen-
schaflbekannt ist, sagen muft : Wenn so durch Selbststeuerung
des Organismus das Wachleben und Schlaf leben in ihrem
Wechsel ganz gut erklarbar sind, dann ist es nicht nur iiber-
fliissig, sondern direkt schadlich, wenn ihr den Fortschritt
einer solchen menschlichen Wissenschaft dadurch beeintrach-
tigt, daft ihr sagt, nicht eine Selbststeuerung liege vor, son-
dern weil der Mensch selbstandig ist, trete etwas aus dem
Organismus heraus. Da es durch den Organismus ganz allein
erklarbar ist, daft der Wechsel von Schlaf und Wachen zu-
standekommt, so ist es unnotig und schadlich, anzunehmen,
daft das Bewufttsein etwas Besonderes sei und aus dem Or-
ganismus heraustrete, umwahrendderNacht ein besonderes
Leben zu entwickeln. -Wieder kann man darauf hinweisen,
daft auf sei ten der Geisteswissenschaft ein furchtbarerDilet-
tantismus vorliegt, an den nur solche glauben, die den Weg
der Wissenschaft selbst nicht kennen, urn den Organismus
aus sich selbst zu erklaren.
Wenn von Selbstandigkeit des Geisteslebens gesprochen
wird, wenn davon gesprochen wird, was ja plausibel er-
scheint, dafi das Geistesleben selbstandig sei, da£ wir den
menschlichen Organismus als physischen durch unsere Sinne
vor uns haben und durch die Methoden der Wissenschaft
erforschen, wie die physischen Vorgange verlaufen, wah-
rend dann aber doch noch das Geistige da ist, so ist das
etwas, was oft betont worden ist, zum Beispiel von Du
Bois-Reymond und audi von anderen, die sich nicht ohne
weiteres zum Materialismus bekennen. Denn man nehme
beispielsweise irgendeineGehirnvorstellung: wenn man sich
das menschliche Gehirn so vergrofiert dachte-das hat schon
Leibniz gesagt dafi man darin spazierengehen konnte,
so wiirde man darin nur materielle Prozesse sehen. Das
geistige Leben sei aber noch etwas Besonderes, und das be-
zeuge, dafi man es doch mit einem von den Vorgangen des
physischen Lebens abgesonderten Geistesleben zu tun habe.
Wenn das berechtigt sei, so zeige dies doch das, was zum
Beispiel Benedikt sagt: Die Tatsache des Bewufitseins ist im
Grunde genommen von keiner anderen Ordnung, als die
Tatsache der Wirkung der Schwerkraft in Verbindung mit
der Materie. Denn wir sehen die physische Materie zum
Beispiel eines Weltenkorpers. Diese iibt nach Annahme der
physischen Wissenschaft Schwerkraft aus, und da ist etwas,
was angezogen wird, zum Beispiel von der Sonne. Bei sol-
chen Wirkungen zwischen Sonne und Erde oder Mond
sprach man dann fruher von etwas Dbersinnlichem. Aber
das ist nur so, wie wenn wir ein Stuck weiches Eisen haben
und aufier ihm die elektrische Kraft oder den Magnetismus.
Und wenn wir das Gehirn vor uns haben und in ihm
zusammengedrangt Vorstellungen, Leidenschaften, Affekte
und so weiter, so ist das ebenso wie die Tatsache, dafi um
die materielle Erde die Schwerkraft und andere Krafte wal-
ten. Warum sollte es also von einer anderen Wirkung her
sein, wenn um das Gehirn herum Prozesse spielen, die eben-
so auf treten wie die Schwerkraftprozesse um die materielle
Erde herum? Die Erde in Verbindung mit der Schwerkraft
und dem anderen, was unsichtbar um sie waltet, ist nichts
anderes, als was um das Gehirn als Affekte, Vorstellungen
und andere Vorgange waltet. Wie hat man da ein Recht,
so konnte gefragt werden, von einer Selbstandigkeit des
Geisteslebens zu sprechen, wenn man sich kein Recht zu-
schreibt, davon zu sprechen, dafi die Schwerkraft audi dann
ausgeiibt werde, wenn kein anziehender Korper vorhanden
ist? - Und man kann weiter sagen: Wie man kein Recht
habe, in solchem Falle im freien Weltenraume von einem
die Schwerkraft entwickelnden Weltenkorper zu sprechen,
so habe man kein Recht, von einem besonderen Seelischen
zu sprechen, das nicht an materielles Dasein bei einem Ge-
hirn gebunden sei.
Dafi nicht mit einem unwissenschaftlichen Fanatismus
iiber solche Dinge hinweggegangen werden darf, das sollte
jedem erristen Geistesf orscher klar sein.
Wenn sich nun schon gewichtige Einwande erheben gegen
die geisteswissenschaftliche Annahme iiber das Schlaf- und
Wachleben, gegen die Selbstandigkeit des Bewufitseins uber-
haupt, wie kann dann der, welcher mit den wissenschaft-
lichen Methoden der Gegenwart Ernst macht, sich irgend-
wie in Ubereinstimmung versetzen mit dem, was von der
Geisteswissenschaft iiber die wiederholten Erdenleben ge-
sagt wird, uber ein Vorhandensein eines menschlichen We-
senskernes, der uber den Tod hinaus ein Dasein fiihrt, der
Erlebnisse durchmacht in der Zeit zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt und dann in einem neuen, nachsten
physischen Erdenleben wiedererscheint! Hier wird nicht
nur ein Einwand gemacht von denen, die auf naturwissen-
schaftliche Tatsachen bauen, sondern auch von denen, die
heute selber Geisteswissenschaftler in vieler Beziehung sein
wollen: von den Psychologen, von den Seelenforschern der
Gegenwart. Es wird gefragt: Was ist denn das notwendige
Kennzeichen dafiir, dafi der Bestand der menschlichen We-
senheit verbleibt? Dies kann der Seelenforscher der Gegen-
wart in nichts anderem als darin finden, dafi das mensch-
liche Bewufitsein gedachtnismafiig von seinen Zustanden
weifi, die es wahrend des Lebens durchgemacht hat. Fort-
dauer, Kontinuitat des Bewufitseins ist das, was der Psy-
chologe der Gegenwart besonders ins Auge fafit. Er kann
sich nicht auf das einlassen, was nicht in das Bewufksein
der menschlichen Personlichkeit hereinf allt, und er wird sich
immer darauf berufen miissen, dafi der Mensch zwar ein
Gedachtnis iiber seine besonderen Zustande in seinem Leben
zwischen Geburt und Tod habe, dafi aber nichts Analoges
gezeigt werden konne fur den Bestand der menschlichen
Wesenheit, die aus friiheren Erdenleben heriiberkame.
Gegen mancherlei andere Dinge noch, die im Verlaufe
dieser Vortragsreihen vorgebracht worden sind, wird man-
cher ernste Wahrheitsforscher der Gegenwart etwas ein-
wenden konnen. Da kann gesagt werden: Du kannst zwar
vorbringen, gewisse Dinge im Menschenleben erscheinen so,
dafi man sie aus den Vorgangen des einzelnen Lebens nicht
erklaren kann, sondern dafi man annehmen mufi, dafi sich
der Mensch gewisse Anlagen, Talente und so weiter durch
die Geburt hindurch mitbringt, so dafi man annehmen kann,
die Seele existiere schon vor dem Eintritt in das physische
Leben. Aber das bleibt denn doch alles nur gewagte Hypo-
these. Das bleibt alles gegeniiber der modernen Seelen-
forschung insofern ungeniigend, als diese wieder einen Weg
nimmt, der scheinbar ganz gewissenhaft nach einem Ideale
hinsteuert.
Was hier vorliegt, kann man in folgender Weise charak-
terisieren : Wer das menschliche Leben unbef angen betrachtet,
wie es sich abspielt mit diesen oder jenen Leidenschaften,
mit dieser oder jener Gefuhlsschattierung, mit einer Hin-
neigung zu diesen oder jenen Vorstellungen, der wird, wenn
er sich ohne viel Bedenken auf den Standpunkt der Geistes-
wissenschaft stellt, sagen: Durch unsere Erziehung haben
wir uns ja mancherlei errungen; aber nicht alles kann da-
durch erklart werden, sondern wir bringen uns durch die
Geburt hindurch etwas mit, was aus f riiheren Erdendaseins-
stufen stammt. - Aber, so kann der ernste Wissenschaftler
entgegnen, haben wir nicht damit einen Anfang gemacht,
das erste Kindheitsleben zu erforschen, jenes Kindheits-
leben, an das man sich spater nicht zuriickerinnert?
Der moderne Naturforscher oder der Philosoph wird
dann vielleicht sagen: Da will der Geistesforscher einen
genialen Menschen, wie zum Beispiel Feuerbach, dadurch
erklaren, dafi er sich gewisse Krafte aus dem vorhergehenden
Leben mitgebracht hat und dadurch in die Lage gekommen
ist, kiinstlerisch zu arbeiten. Nun hat man aber die folgende
Entdeckung gemacht: Ein soldier Maler malt mit einer ganz
besonderen Farbenstimmung, bevorzugt einen bestimmten
Gesichtsausdruck und so weiter nach einer ganz bestimmten
Richtung. Geht man dem nach, so findet man, dafi er in
seinen ersten Kinderjahren zum Beispiel in seinem Zimmer
eine Biiste sah und dafi eine besondere Art, wie das Licht
immer darauf fiel, sich in die Seele des Kindes eingegraben
hat. Das tritt dann spater wieder auf, und es zeigt sich
dann, so kann man sagen, dafi solche Eindrucke tief wirk-
sam und bedeutsam sind. Es ist dadurch moglich, vieles zu
erklaren. Die Geisteswissenschaft will alles auf friihere
Erdenleben zuriickfuhren, wahrend man vielleicht durch
eine sorgfaltige Beobachtung und Erforschung der ersten
Kindheit alles erklaren kann.
Man kann dann welter hinweisen auf die moderne Na-
turwissenschaft, die durch das biogenetische Grundgesetz
zeigt, wie der Mensch die Tierformen, von denen man an-
nimmt, daft sie das Menschengeschlecht in friiheren Erden-
zustanden durchlaufen habe, wirklich im vorgeburtlichen
Zustande audi durchmacht, so dafi es also eine Berech-
tigung habe, dies zu zeigen. Daran ankniipfend, kann man
sagen: Wo hat die Geisteswissenschafl: auf so etwas Ahn-
liches hinzuweisen, dafi sich im einzelnen individuellen
Leben etwas wiederholt, was der Mensch in friiheren Erden-
leben durchgemacht hat? Das muftte man fordern konnen,
wenn man als rechtmaftiger Wahrheitssucher der Gegen-
wart glauben soil, dafi in dieser Beziehung in der Geistes-
wissenschafl jener Ernst und jene Wurde angewendet wer-
den, die bei einer ahnlichen Behauptung auf dem Boden der
Naturwissenschaft da ist. So ist es gekommen - und mit
einem gewissen Recht kann man sagen — , dafi der Mensch,
wenn er sich xiber das menschliche Leben, iiber das tierische
Leben und auch iiber das planetarische Leben, das uns durch
die Astronomie zuganglich wird, ein wenig naturwissen-
schaftliche Erkenntnisse angeeignet hat, seiner Phantasie
dann freien Lauf lassen kann, Schlufifolgerungen zieht und
allerlei andere Welten ersinnt, die einen recht starken Ein-
druck von Wirklichkeit machen. Gewifi, bei dem, der keine
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse hat, wird sich die
Sache sehr bald in Widerspruche verwickeln, und seine Un-
kenntnis wird sich bald zeigen, indem er alles Mogliche
herausprojizieren wird, was mit den naturwissenschaft-
lichen Ergebnissen nicht ubereinstimmt. Wer aber die Na-
turwissenschaft kennt, der wird zeigen, dafi sich seine Ideen
sehr hubsch in das hineinftigen, was die Naturwissenschaft
zeigt. Dann wird man ihn nicht widerlegen. Aber wer tritt
in der Geisteswissenschaft dafiir ein, so kann man jetzt
wieder fragen, dafi so etwas nicht unberecbtigterweise aus
solchen Behauptungen herausprojiziert und dann phanta-
stisch ausgebildet worden ist? Wer biirgt dafiir, dafi man
sich auf den Standpunkt stellt, dafi nur das von jedem
Erforschbare Geltung haben soli? Daher muftte man sich
darauf einlassen, aus dem einf achen Grunde, weil man sieht,
wie im neunzehnten Jahrhundert etwas heraufgekommen
ist, das sich auch in der modernen Geisteswissenschaft gel-
tend macht.
Wir haben es ja erlebt, dafi sich im neunzehnten Jahr-
hundert im deutschen und im franzosischen Geistesleben die
Dinge geltend gemacht haben, welche die Geisteswissen-
schaft behauptet. 1854 ist von Reynctud ein Werk erschienen,
«Terre et ciel», und von Figuier ein Werk iiber das, was
mit dem Menschen nach dem Tode folgt. Es hat zahlreiche
Gegner mit naturwissenschaftlicher Bildung gegeben, welche
gesagt haben: Ja, was ist denn besser, dafi ihr euch auf
Grundlage der Naturwissenschaft Tatsachen ausdenkt iiber
eine Vielheit der menschlichen Erdenleben, iiber ein Leben
nach dem Tode, und so weiter, oder ist es besser, irgend-
eine andere, ebenso ausgedachte Hypothese iiber diese Dinge
anzunehmen?
Wenn solche Einwande gemacht werden, und wenn sie
nicht in frivoler Weise gemacht werden, sondern durchaus
auf dem Boden ernsten Wahrheitssuchens, dann mufi man
sagen: Es sind nicht Einwande, die nur aus Widerspruchs-
geist entstehen, sondern solche, die sich die menschliche
Seele selbst machen mul5, sich um so mehr machen muE, als
man auf der anderen Seite wieder sieht, wie wenig gewissen-
haft auf seiten derer, die Geisteswissenschaft pflegen wollen,
oft vorgegangen wird, wenn «Beweise» dafiir vorgebracht
werden, dafi das menschliche Leben ein individuelles sei
und gesagt wird, dafi man auiRerhalb des individuellen Le-
bens keine Erklarung finden konne fur Erscheinungen, wie
es zum Beispiel das menschliche Gewissen und das Verant-
wortlichkeitsgefiihl sind, wenn man nicht gewisse Anlagen
und Tendenzen aus fruheren Erdenleben heraus annehmen
wollte. Da sagen manche: Wenn ich mich verantwortlich
halte, so mufi ich mir die Anlage dafiir erworben haben. Da
ich sie mir. in diesem Leben nicht erworben habe, so mii es
in einem fruheren gewesen sein.
Es wird auch gesagt, das menschliche Gewissen sei eine
Erscheinung, welche beweise, daft eine innere Stimme in
uns hereinspricht, die wir nicht aus dem jetzigen Leben
ableiten konnen, und deshalb miissen wir sie aus einem
fruheren berleiten. Dann wird auch gesagt: Man sehe sich
die verschiedenen Kinder des gleichen Elternpaares an, sie
weisen ganz verschiedene geistige Eigenschaften auf . Wenn
aber alles auf dem Wege der Vererbung von den Eltern
auf die Kinder iibergegangen sein soli, wie kann man sich
dann solche Verschiedenheiten erklaren, wie sie ja selbst
bei Zwillingen auftreten? Daher diirfe man schliefien - so
sagen die Leute dann dafi die Kinder des gleichen Eltern-
paares verschiedene Individualitaten haben, die nicht ver-
erbt sein konnen, sondern aus einem fruheren Erdenleben
in das jetzige heriibergezogen sein miissen.
Da wird der gewissenhafte Wahrheitsforscher einwen-
den: Berucksichtigt ihr denn gar nicht, dafi die Indivi-
dualitat eines Menschen, wie er uns entgegentritt, aus der
Vermischung des vaterlichen und des miitterlichen Elementes
entsteht, und dafi daher bei den einzelnen Kindern die
Mischung eine verschiedene sein mufi? Miifiten denn nicht
selbst bei Zwillingen, weil eben verschiedene Mischungen
da sind, die Individualitaten, wenn man sie nur aus der
Vererbung erklart, verschieden sein?
Ein soldier Einwand ist riicht ein hergesuchter, sondern
einer, der sich aus der Sache selbst aufdrangt. Wenn man
alles beriicksichtigt, so findet man es durchaus verstandlich,
daft die, die immer eine «kontrollierbare» Wissenschaft
verlangen, die Geisteswissenschaft nicht aufnehmen, weil sie
nicht kontrollierbar ist; und wenn man bedenkt, daft solche
Gegner ein Bedeutsames fiir sich haben, so begreift man
sie. Sie haben das fiir sich, daft neben dem kritischen Geist
in unserer Zeit noch etwas anderes vorhanden ist. Dieser
kritische Geist ist wohl durchaus vorhanden, und wenn die
Geisteswissenschaft etwas sagt, so ruft sie ja sofort die Geg-
ner auf, die nicht nur logisch irritiert, sondern auch sittlich
entnistet sind, daft solche Theorien vorgebracht werden.
Solche Gegner werden aufgerufen, und die Kritik ist etwas,
was wir iiberall hervorsprieften sehen. Und weil sich die
Geisteswissenschaft mit ihren Ideen als etwas Schockieren-
des in unsere Zeit hineinstellt, so ist eine solche Kritik durch-
aus begreiflich.
Aber neben dem kritischen Geist lebt in unserer Zeit die
Leichtglaubigkeit, das Nachlaufenhinter einem jeden, wenn
von ihm nur etwas aus der Geisteswissenschaft behauptet
wird. Die Sehnsucht, die Dinge so zu bekommen, daft man
sie auch einsehen kann, ist bei den Menschen wenig vor-
handen, ist ebensowenig vorhanden, wie stark vorhanden
ist der kritische Geist und die Leichtglaubigkeit. So sehen
wir, daft durch die Leichtglaubigkeit, durch das Auf-Au-
toritat-Hinnehmen eines leichtglaubigen Publikums, das
alle moglichen Dinge aus der Geisteswissenschaft hinnimmt,
geradezu demjenigen Vorschub geleistet wird, was sich
gegeniiber der wirklichen, ernsten Geistesforschung jeder-
zeit geltend gemacht hat, namlich der Scharlatanerie. Es ist
eine Herausforderung zu Sdiarlatanerie, wenn die Leute
allem leichtglaubig nachlaufen. Und es ist eine grofie Ver-
suchung fiir den Menschen, wenn ihm alles Mogliche ge-
glaubt wird, wenn er der Schwierigkeit enthoben ist, diese
Dinge wirklich vor dem Forum der Wissenschaft, vor dem
Forum des Zeitgeistes zu rechtfertigen. Audi in unserer
Zeit ist das, was hier angef iihrt ist, nur zu weit verbreitet.
Wir sehen, wie die Leichtglaubigkeit, wie der krasseste
Aberglaube sehr stark grassiert. Daher gibt es wohl kaum
zwei andere Dinge in der "Welt, die so verschwistert sind
wie Geistes wissenschaft und Sdiarlatanerie. Wenn man die
beiden Wege nicht unterscheiden kann, wenn man alles nur
auf blinden Autoritatsglauben hin annimmt, so wie schon
seiner Natur nach manches auf Autoritat hin angenommen
werden mu£, was ja oft in der Gegenwart der Fall ist, dann
fordert man heraus, was mit Recht von ernsten Wahrheks-
forschern kritisiert wird: die Sdiarlatanerie, die so sehr
mit der Geisteswissenschaft verkniipft ist. Man kann es
begreiflich finden, wenn jemand, der nicht in der Lage ist,
den Scharlatan von dem Geistesforscher zu unterscheiden,
dann den Einwand hat, dafi alles Sdiarlatanerie sein miisse.
Nichts ist schneller gefunden als der Ubergang zu dem,
was auf moralischem und religiosem Gebiete liegt. Wir kon-
nen die Einwande, die sich fiir dieses Gebiet ergeben,
schneller charakterisieren, weil sie leichter verstandlich sind.
Man kann sagen: Man sehe hin, wie das, was intimste
Angelegenheit der Menschenseele sein mufi, was der Mensch
fiir sich als Giauben, als sein subjektives Furwahrhalten
finden kann, zu einer scheinbaren Wissenschaft auf gebauscht
wird! -Und einwenden kann man dem Geisteswissenschaft-
ler: Wenn du das als deinen Giauben hinstellst, so wollen
wir dich unbehelligt lassen. Wenn du aber das, was du als
Lehre von den hoheren Welten aufstellst, fiir andere Men-
schen geltend machen wirst, so ist das gegen die Natur und
den Charakter dessen, wie sich das Innere des Menschen zu
den geistigen Welten, zu dem religiosen Leben iiberhaupt
verhalten soil. - Will man dann audi die Friichte in dieser
Beziehung zeigen, so kann man sagen: Man sehe hin auf
Menschen, welche sich in geisteswissenschaftlichen Kreisen
zum Beispiel die Idee der wiederholten Erdenleben zur
Oberzeugung gemacht haben; ihnen kann man ansehen, wie
das, was moralische Weltanschauung ist, gerade durch eine
geisteswissenschaftliche Weltanschauung in den krassesten
Egoismus hineingef iihrt wird. - Und man kann das, was sich
aus der Geisteswissenschaft ergibt, zusammenstellen mit
dem Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, indem
man sagt: Da hat es zahlreiche Menschen gegeben, die mit
ihrem Geiste iiber die blofien materiellen Vorgange hinaus-
konnten, und die da sagten: Ich sehe meine hohere Moral
nicht darin, nach meinem Tode auf eine geistige Welt An-
spruch zu machen, um von ihr aufgenommen zu werden
und dort fortzuleben, sondern wenn ich etwas Moralisches
tue, so tue ich es ohne Hoff nung auf eine geistige Welt, weil
es mir die Pflicht gebietet, weil ich gerne hingebe, was mir
meine eigene Egoitat ist.
Viele hat es gegeben, fiir welche die Unsterblichkeits-
Moral nur eine egoistische Moral war. Diese Moral erschien
ihnen viel weniger gut als die, welche alles, was getan wird,
mit dem Tode des Menschen ubergehen lafit in das all-
gemeine Weltenleben. Demgegeniiber stent die Moral derer,
welche sagen, es hatte keinen Sinn, wenn nicht das, was sie
tun, in folgenden Erdenleben seinenAusgleich fande. Dieses
Karmagesetz, konnen nun die Gegner der Geisteswissen-
schaft sagen, begiinstige nur den menschlichen Egoismus;
ganz abgesehen von solchen Leuten, die vielleicht geradezu
sagen: Ich erkenne viele Leben in der Zukunfl: an. Was
brauche ich daher jetzt ein anstandiger Mensch zu werden?
Ich habe viele Leben vor mir, und wenn ich audi in der
Gegenwart dumm bleibe, gescheit und klug kann ich in den
nachherigen Leben noch werden. - So konne man doch
sagen, dafi die wiederholten Erdenleben gerade dazu her-
ausfordern, ein bequemes und lassiges Leben zu fiihren.
Das alles zeige an der Idee der wiederholten Erdenleben,
dafi der Egoismus, der sem Ich erhalten will, von einer
selbstlosen Moral sehr weit entf ernt ist.
Und ein Einwand kann aufgenommen werden, den
Friedricb Scblegel gegen die Anschauung von den wieder-
holten Erdenleben gemacht hat, wie sie bei den Indern an-
genommen werden: Die Anschauung von dem Leben der
Menschenwesenheit, die da eile von Verkorperung zu Ver-
korperung, fuhre dazu, dafi der Mensch dem tatigen, un-
mittelbaren Eingreifen indieWirklichkeit entfremdet wird,
dafi er das Interesse verliere an allem, worin er sich ent-
falten soli. - Eine gewisse weltfremde Sonderlingsart ist ja
leicht zu bemerken bei denen, die sich in die Geisteswissen-
schaft hineinleben. Ein gewisser Geistes-Egoismus, eine ge-
wisse weltfremde Lehre wird dadurch geziichtet. Ja, es
zeigt sich, daft solche Menschen sagen: Nachdem ich mich
eine gewisse Zeit hindurch mit der Geisteswissenschaft be-
schafligt habe, verliere ich das Interesse fiir das, was mir
fruher lieb war. - Das ist etwas, was oft auftritt, was aber
zeigt, dafi der Einwand mit Ernst gemacht wird, dafi der
Mensch arbeiten solle in der Welt, der er zugeteilt ist! Es
ist ein ernster Einwand, dafi die Geisteswissenschaft die
Menschen dem unmittelbaren starken Wirklichkeitsleben
nicht entfremden, sie nicht zu Sonderlingen machen soli, die
alles drunter und dniber gehen lassen.
Und nun das religiose Leben! Man kann sagen: Worin
liegt die schonsteBliite, dieherrlichsteBlute dieses religiosen
Lebens? Sie liegt in der Hingabe, in der selbstlosen Hingabe
der menschlichen Individuality, kann man sagen, an ein
aufiermenschliches Gottliches. Das Sichverlieren des Ge-
motes, das sich opfernde Hingeben des Gemiites an das
aufiermenschliche Gottliche erzeuge die eigentliche religiose
Stimmung. Nun kommt aber die Geisteswissenschaft und
erklart dem Menschen, dafi ein gottlicher Funke in ihm ist,
der zuerst in einer geringfugigen Weise in einem Erdenleben
zum Ausdruck kommt, dann aber ausgebildet wird und sich
immer mehr und mehr vervollkommnet, so dafi der Gott
im Menschen immer starker und starker werde. Das ist
Selbstvergottung statt selbstloser Hingabe an die aufier-
menschliche Gottlichkeit.
Ja, man kann mit einem gewissen Recht einwenden,
wenn man es mit der religiosen Anschauung ernst nimmt,
da$ durch dieses Sichhineinleben in die eigene gottliche Na-
tur, wenn es sich durch die verschiedenen Inkarnationen
hindurch verwirklicht, die wahre religiose Stimmung zer-
stort werden kann, wie auch das Leben in Liebe zerstort
werden kann. Wenn der Mensch nicht in der unmittelbaren
liebevollen Hingabe sich dazu getrieben fiihlt, sondern
wenn er daran denkt, dafi in einem spateren Erdenleben in
dieser Beziehung ein Ausgleich stattfinde, so liebt er also
nur auf den Ausgleich hin. Und der Religiose kann sagen:
Das religiose Leben wird in der geisteswissenschaftlichen
Weltanschauung durch den Egoismus begriindet, dafi der
Mensch den Gott nicht aufter sich habe, sondern in sich. -
Und berechtigt ist der Einwurf : Welche Summe von Ober-
hebung, von Hochmut und Selbstvergottung kann dadurch
in der menschlichen Seele begriindet werden!
Die, welche sich solche Einwande machen, brauchen sie
sich ja nicht auszumalen. Man kann aber daran sehen, wie
treumeinende Anhanger der Geisteswissenschaft zu einem
solchen Hochmut und immer wieder zu soldier Selbstver-
gottung kommen konnen. Daher kommt es, dafi wir im
Abendlande ein soldies Auflehnen gegen das Bestehen des
Gottesfunkens im Menschen finden, gegen das Bestehen des
menschlichen Wesenskernes vor der Geburt. Man soil es
nicht leicht nehmen, was man bei einem ernsten Wahrheits-
forscher als einen solchen Einwand gegen die wiederholten
Erdenleben im Gegensatze zu den Vererbungsverhaltnissen
finden kann.
Einen Einwand, den ich vorlesen will — woriiber ich wei-
cer nicht sprechen will, urn ihn nicht abzuschwachen fin-
den wir bei Jacob Frohschammer, der als ein Typus eines
der Menschen genommen werden kann, die vieles gegen die
Annahme einer Praexistenz der Seele einwenden konnen:
«... Als Gottes Wesen oder als Teil Gottes kann sich die
Menschenseele unmoglich betrachten, weniger wegen der
Thomistischen Besorgnis urn die Einheit Gottes, da sie im-
merhin als Momente in ihm sein konnten, ohne seiner Ein-
heit zu schaden, - als vielmehr nach dem eigenen Bewufit-
sein und Zeugnis der Menschenseele selbst, die weder sich
noch die Welt als direkten Ausdruck gottlicher Vollkom-
menheit oder als Verwirklichung der Idee Gottes selbst
betrachten kann. Als von Gott stammend, kann sie nur als
Produkt oder Werk gottlicher Imagination gelten; denn
es mufi die Menschenseele wie die Welt selbst in diesem
Falle zwar aus gottlicher Kraft und Wirksamkeit kommen
(da aus blofiem Nichts eben nichts werden kann), aber diese
Kraft und Wirksamkeit Gottes mufi, wie vorbildend fiir
die Schopfung, so audi bildend bei deren ReaHsierung und
Forterhaltung wirken; also als Gestaltungskraft (nicht blofi
formaler, sondern audi realer Art), demnach als Phantasie,
d. h. als in der Welt immanent fortwirkende und fort-
schaffend erhaltende Kraft oder Potenz, also als Weltphan-
tasie, - wie dies f riiher schon erortert wurde. Was die Lehre
von der Praexistenz der Seelen betrifft (der Seelen, die ent-
weder als ewigbetraditet werden oder als zeitlidi geschaflen,
aber schon am Anfang und insgesamt auf einmal), die man,
wie bemerkt, in neuerer Zeit wieder hervorgezogen und zur
Losung aller moglichen psychologischen Probleme fiir taug-
lich halt, - so stent sie mit der Lehre von der Seelenwan-
derung und Einkerkerung der Seelen in irdische Leiber in
Verbindung. Danach f ande also bei der Zeugung der Altern
weder eine direkte gottliche Schopfung der Seelen statt,
noch eine schopferische Produktion neuer Menschennaturen
nach Leib und Seele durch die Altern, sondern nur eine neue
Verbindung der Seele mit dem Leibe, also eine Art Fleisch-
werdung oder Versenkung der Seele in den Korper, - we-
nigstens einer teilweisen, so dafi sie teils vom Korper um-
fangen und gebunden ist, teils dariiber hinausragt und eine
gewisse Selbstandigkeit als Geist behauptet, aber doch nicht
davon loskommen kann, bis der Tod die Verbindung auf-
hebt und fiir die Seele Befreiung und Erlosung bringt
(wenigstens von dieser Verbindung). Der Geist des Men-
schen gliche da in seinem Verhaltnis zum Korper den armen
Seelen im Fegfeuer, wie sie von malenden Pfuschern auf
Votivtafeln dargestellt zu werden pflegen, als Korper, die
halb in den auf lodernden Flammen versenkt sind, mit dem
obern Teil aber (als Seelen) hervorragend und gestiku-
lierend! Man bedenke doch, welche Stellung und Bedeutung
bei dieser Auffassung dem Geschlechtsgegensatz, dem Gat-
tungswesen der Menschheit, der Ehe und dem Alternver-
haltnis zu den Kindern zukame! Der Geschlechtsgegensatz
nur eine Einkerkerungseinrichtung, die Ehe ein Institut zur
Ausfuhrung dieser schonen Aufgabe, die Altern den Kin-
derseelen gegeniiber die Schergen zum Festhalten und Ein-
kerkern derselben, die Kinder selbst den Altern diese elende,
miihselige Gefangenschaft verdankend, wahrend sie weiter
nichts mit ihnen gemein haben! All das, was sich an dieses
Verhaltnis kniipft, beruhte auf elender Tauschung!>>
Man kann, wenn man fanatischer Geistesforscher ist,
iiber eine solche Sadie ja lacheln, aber Fanatismus soil der
Geisteswissensdiaft f ernliegen. Verstehen soil sie und wirk-
lich tolerieren das, wogegen sich die Seele aufbaumt. Aus
diesem Grunde wurde dieser einleitende Vortrag nicht als
eine «Begriindung», sondern wie eine «"Widerlegung» der
geisteswissenschaftlichen Forsdiung gehalten. Aber um so
fester wird das stehen konnen, was in dem nachsten Vor-
trage «Wie begriindet man Geistesforschung?» vorzubrin-
gen sein wird, wenn wir uns die berechtigt zu machenden
Einwande selbst machen konnen. Dal5 ich in Wahrheit die
Geistesforsdmng nicht widerlegen will, wird man mir wohl
glauben!
Ich. konnte ja nnr eine, ganz kleine Anzahl von Einwanden
hier anfiihren. Es konnten viele solcher Einwiirfe gemacht
werden. Das kann zum Teil in der kommenden Zeit
geschehen, und es wird dann die Widerlegung gleich auf
dem Fufie folgen. Aus allem aber, was angefiihrt wird,
kann man sehen, wie der Mensch durch die Entgegennahme
der geisteswissenschafllichen Forschung innerlich auf einen
Kampfplatz gerufen wird, wie nicht blofi die Dinge sich
ergeben, die fur die wiederholten Erdenleben, fiir den
Durchgang des Menschen durch eine geistige Welt und so
weiter sprechen, sondern wie sich aus den dunklen Seelen-
tiefen heraus auch alle Gegengriinde ergeben konnen. Gut
ist es, wenn der, welcher sich in einer ruhigen Weise mit
Geistesf orschung beschafHgt, auch diese Gegengriinde kennt.
Dann wird er auch die richtigeToleranz denGegnern gegen-
iiber anwenden konnen. Nur einfach sich mit Geisteswissen-
schaft zu beschaftigen oder sich blind zu stellen oder zu
lachen iiber Einwande der Gegner, kann nimmermehr die
Art des Geistesforschers sein. Daft das nidbt zutraglich
wirkt, zeigte sich sclion an einem besonderen Falle im neun-
zehnten Jahrhundert, den idi hier wiedererzahlen mochte.
Im Jahre 1869 erschien die «Philosophie des Unbewuft-
ten» von Eduard von Hartmann. Wenn man audi nicht mit
ihr einverstanden sein wird, so kann man doch sagen, daft
in ihr ein guter Versuch vorlag, iiber die Sinnesanschauung
hinauszukommen. Daher muftte sich Eduard von Hartmann
gegen mancheswenden, was damals gerade als ein Ideal der
Wissenschaft herausgekommen war, besonders gegen das,
was aus dem neu aufbliihenden Darwinismus kam. So fin-
den wir vieles in der « Philosophic des Unbewuftten», was
gegeniiber dem Darwinismus nicht hat modern werden sol-
len. Aber dasbesondereObereinstimmende aller derjenigen,
die sich auf seiten des Darwinismus nicht mit diesem Buche
einverstanden erklaren konnten, war, daft sie sich gegen
Eduard von Hartmann auf lehnten als gegen einen, der sich
nicht bekanntgemacht habe mit dem, was aus der Natur-
wissenschaft der Gegenwart folgte. Eine grofte Flut von
Gegenschriften erschien. Man braucht nicht zu denken, daft
diese Gegenschriften lauter Torheiten enthielten; sie erschie-
nen zum Teil von solchen, die hervorragende Menschen auf
ihrem Gebiete sind, zum Beispiel von Ernst Haeckel, von
dem Zoologen Oskar Schmidt und anderen. Unter diesen
Schriften war auch eine, deren Verfasser sich nicht nannte,
mit dem Titel «Das Unbewuftte vom Standpunkte der Phy-
siologie und Deszendenztheorie». Darin wurde mit schla-
genden Griinden bewiesen, wie viele Dinge in der «Philo-
sophie des Unbewuftten» nicht haltbar waren und wie ihr
Verfasser damit gezeigt habe, daft er auf dem Gebiete der
Naturwissenschaft nichts anderes als ein Dilettant ware.
Viele Menschen waren geradezu frappiert iiber die schlag-
f ertige Art, wie dieser Anonymus in dieser Schrift vorging,
und Oskar Schmidt, damals an der Universitat Jena, meinte,
sie sei das Beste, was vom Standpunkte der Naturwissen-
schaft aus gegen die «Philosophie des Unbewuftten» gesagt
werden konne. Manche sagten: Er nenne sich uns, denn er
ist einer der Unsrigen; und Ernst Haeckel sagte, er selber
konnte nichts Besseres gegen die « Philosophic des Unbe-
wuftten» schreiben.
So war es kein Wunder, daft die erste Auflage dieser
Schrift «Das Unbewuftte vom Standpunkte der Physiologie
und der Deszendenztheorie» bald vergriffen war. Eine
zweite Auflage erschien, und jetzt nannte sich der Ver-
fasser: es war-Eduard von Hartmann! Jetzthorten manche
Stimmen auf, die vorher gesagt hatten: er nenne sich uns,
er ist einer der Unsrigen. Aber das Bedeutungsvolle hatte
sich vollzogen, daft ein Mensch gezeigt hatte: er kennt alles,
was die ernstesten Gegner gegen ihn vorbringen konnen.
Einmal ist damit der Beweis geliefert worden, daft man
nicht glauben soli, wenn gegen eine Weltanschauung etwas
vorgebracht werden kann, daft der Verfasser dieser Welt-
anschauung sich das nicht selbst hatte sagen konnen.
Fur die Geisteswissenschaft ist dies geradezu eine Lebens-
frage. Nun konnte ich heute zwar nicht alles sagen, was
gesagt werden konnte. Aber die Geisteswissenschaft muft
kennen, was gegen sie eingewendet werden kann, und es
ware nur zu wiinschen, daft manche von denen, welche glau-
ben, ein abgrundtiefes Wissen aufzubringen, um die Geistes-
wissenschaft mit dem oder jenem guten wissenschaftlichen,
exakten Grunde zu widerlegen, sich manchmal iiberlegen
konnten, wieviel besser derjenige, gegen den das einge-
wendet wird, die Sache kennt, als der, welcher es einwendet.
So ist es bei einem gewissenhaften Geistesforscher. Er kann
natiirlich nicht sein Publikum damit langweilen, daft er im-
mer audi alle Gegengriinde anfuhrt, die moglich sind. Wenn
aber irgend etwas fiir die Geisteswissensdiaft vorgebracht
wird, und wenn dann mancher Gegner auftritt, dann sollte
dieser sich selbst erst fragen, ob das, was er vorbringt, sich
derjenige nicht selbst sagen kann, der die Geisteswissen-
sdiaft vertritt.
Die Aufgabe des nachsten Vortrages soil es nun sein, die
Frage aufzuwerfen: Wie stellt sich die Seele in richtiger
Art zu dem, was in ihr selbst als Gegengriinde aus ihren
Tiefen herauf sich geltend macht? Sollte es wirklich wahr
sein, dafi sich der Mensch gegenuber der Geisteswissensdiaft,
weil so vieles gegen sie eingewendet werden kann, wirklich
so zu stellen habe, wie - in einer etwas iibertragenen Weise
gesagt - Goethe zuletzt seinen Faust sagen laik: «K6nnt ich
MagievonmeinemPfadentfernen»? Sind die Gegengriinde
der Geistesforschung so, wie sich Faust gegenuber den Ge-
gengriinden der Magie verhalt? Sind sie so, daft ein Philo-
soph wie Geoffroy de Saint-Hilaire recht hat, wenn er sagt:
Gegenuber der Weltbetrachtung gibt es im Ernste nur das
Folgende. Wir sehen, daft der Mensch in vieler Beziehung
schwach ist. Warum sollten wir uns diese Schwache nicht
gestehen, und warum sollte es nicht gerade eine Starke sein,
wenn man sich mit seiner Schwache abfmdet? Wie muft sich
der Mensch gestehen, daft er schwach ist gegen Wind und
Wetter, gegen vulkanische Gewalten und Elementarereig-
nisse! Wie mufi sich der Mensch gestehen, daft er schwach
ist gegenuber dem, was die Natur iiber ihn verhangt, wenn
er den Samen in die Erde legt und die Ungunst der Witte-
rung ihn nicht reifen laftt, die aus seinem FleiB nur eine
Hungersnot hervorgehen lafk! Wenn sich der Mensch oft
seine Schwache zu Gemiite fiihren mufi, warum sollte er es
nicht sagen, aus Ehrlichkeit heraus sagen: Zwar kann der
Geist in manchem iiber sich hinaus, aber audi er ist schwach
und beschrankt und kann nichts vermogen iiber das, was
die Natur iiber ihn verhangt; so kann er nichts erkennen
iiber das, was unsere Natur ist — wir miissen resignieren!
Waren die Griinde, die jetzt vorgebracht sind, so ge-
wichtig, dafi der nachste Vortrag nicht gehalten werden
konnte, so gabe es nichts anderes als eine soiche Resignation,
die nicht nur GeofTroy de Saint-Hilaire, sondern die viele
aus einer ehrlichen, wahrheitsliebenden Seele heraus emp-
finden und die das vertreten zu miissen glauben, dafi der
Mensch nicht in eine geistige Welt eindringen konne. Weil
die Gegengriinde nicht aus Widerspruchsgeist sondern aus
der Natur der Sache selbst hervorspriefien, deshalb ist
die Auseinandersetzung iiber Natur und Wert der Gegen-
griinde der Geisteswissenschaft nicht bloift eine theoretische
Tatsache, sondern etwas, was sich aus dem Kampfplatze
der Seele heraus ergeben muiS, wo Meinungen gegen Mei-
nungen ein scheinbar mehr oder weniger berechtigtes Kamp-
fen auffiihren, und wo man erst durch harte Kampfe er-
kennen kann, welche von diesen dort auftretenden Griin-
den Sieger bleiben konnen. Wenn man sich offen und riick-
haltlos dem inneren Kampfe der Seele gegeniiberstellt und
sagenkann, was fiir und wider eine Erkenntnis der geistigen
Welt spricht, so wird man zwar nicht ein fanatischer Ver-
treter dieses oder jenes ausgedachten oder erkliigelten Prin-
zipes, sondern ein Anerkenner jenes Prinzipes, da£ eine
ruhige Uberzeugung sich auf Grundlage derjenigen Griinde
aufbaut, die erst dann, und nie vorher, fiir sich geltend ge-
macht werden, nachdem sie in der eigenen Seele ihre Gegen-
griinde aus dem Felde geschlagen haben.
Wenn so der Wahrheitssucher seine Uberzeugung sucht,
dann darf er sich sagen, er mag getrost der Entwickelung des
Geisteslebens in die Zukunft entgegengehen; denn wahr ist,
was der ernste Wahrheitssucher gesagt hat: Was unwahr
ist, und mag es nodi so oft vorgebracht werden, es wird von
dem sidi fortentwickelnden Wahrheitsstreben der Mensch-
heit hinausgeworfen werden. Das aber, was wahr ist und
sein Dasein so gegeniiber den Gegengrunden erkampfen
mufite, wie wir es immer in bezug auf die Vorgange in der
Weltgeschichte sehen, das fmdet seinen Weg in der Ent-
wicklung der Menschheit in der ganz besonderen Weise, daft
man stehen kann vor dieser Entwicklung der Wahrheit in
die Jahrhunderte und Jahrtausende hinein und sagen kann:
Und seien nodi so viele von verdeckenden Eindriicken, das
heifit Vorurteile und Widerspriiche, aufgetiirmt, die Wahr-
heit findet immer wieder Spalten und Risse, um sich zu
behaupten, um sich zum Segen, zum Fortschritt und Nutzen
der Menschheit geltend zu machen.
WIE BEGRUNDET MAN GEISTESFORSCHUNG?
Berlin, 7. November 1912
In den vorangehenden Ausfiihrungen gestattete ich mir,
eine Anzahl von Einwendungen, von Widerlegungen der
Geistesforschung oder Anthroposophie anzufiihren. Es
wiirde nun ein Miftverstandnis sein, wenn etwa der Glaube
herrschen sollte, der heutige Vortrag sei dazu bestimmt,
diese Widerlegungen wiederum zu wider legen; denn das
soil von vornherein gesagt sein: nicht um ein Gedanken-
spiel, nicht um ein dialektisches Spiel mit Griinden und
Gegengriinden soil es sich handeln. Diejenige Geistesfor-
schung, von der hier die Rede sein soil und immer die Rede
gewesen ist, soil durchaus in vollem Einklange mit der
Wissenschaft und der Bildung der Gegenwart arbeiten. Da-
her sind die letzthin erwahnten Entgegnungen auch nicht
in dem Sinne angefuhrt worden, als ob man sie leichten
Herzens so ohne weiteres aus der Welt schafFen konnte,
sondern sie sind in dem Sinne angefuhrt worden, daft sie
gewissermafien berechtigterweise in der heutigen Seele auf-
tauchen, in der Seele, welche mit den Errungenschaffien
unserer Geisteswissenschafl, mit den Fortschritten unserer
Geisteskultur bis in die Gegenwart rechnet. Nicht als un-
berechtigte Einwendungen, sondern als in ihren Grenzen
berechtigte Einwendungen sind sie vorgebracht worden,
und es sollte das Gefiihl erweckt werden von dem Ernste,
mit dem die Geistesforschung arbeiten mochte und von dem
Bewulksein, daft sie aus ihren Quellen heraus die voile Ver-
antwortung fur sich selber ubernehmen kann, trotzdem
diese Geistesforschung durchaus begreift - das sollte haupt-
sachlich mit diesen Einwendungen gesagt sein -, dafi sie
gewissermafien allein auf sich selber angewiesen ist in einer,
man mochte sagen in der Hauptsache dreifachen Gegner-
schaft, welcher sie sich gegeniibersieht.
Die eine Gegnerschaft erwachst ihr von der zeitgenos-
sischen Wissenschaft oder wenigstens von der jenigen Wissen-
schaft, welche oftmals glaubt, auf dieser zeitgendssischen
Wissenschaft widerspruchslos aufgebaut zu sein. Die zweite
Gegnerschaft erwachst ihr aus mancherlei religiosen Be-
kenntnissen, und die dritte erwachst ihr aus dem gewohn-
lichen Bewufitsein des Tages, das sich ja instinktiv in vieler
Beziehung gegen das auflehnt, was Geisteswissenschaft,
Geistesforschung zu sagen hat.
Es konnte leicht scheinen, als ob so ohne weiteres die
Frage berechtigt ware: Wie beweist also die Geistesforschung
gegen die gemachten Einwande ihre Behauptungen? Wie
beweist sie das, was sie zu sagen hat? - Wir werden im Ver-
laufe dieser Wintervortrage manches iiber den Inhalt dieser
Geistesforschung, iiber wirkliche Resultate der Forschung
iiber eine iibersinnliche Welt zu horen haben. In diesen bei-
den ersten Vortragen mufi mir schon gestattet sein, in der
Art zu sprechen, wie es vielleicht mancher abstrakt, obwohl
es nicht abstrakt gemeint ist, schwer verstandlich oder un-
interessant findet. Denn wenn auch vielleicht nicht mit allem
einzelnen meiner Ausfiihrungen im ersten und zweiten Vor-
trage mitgegangen werden kann, so kann trotzdem wohl
das Gefiihl gewonnen werden, dafi ein wahrhaft guter Un-
tergrund fiir diese Geistesforschung gesucht wird. Daher
darf vielleicht heute manche Frage aufgeworfen werden,
welche derjenige uninteressant findet, den es mehr interes-
sieren wiirde, gleich diese oder jene Erzahlungen aus der
ubersinnlichen Welt entgegenzunehmen. Die Frage darf auf-
geworfen werden: 1st denn iiberhaupt auf die Begriindung
einer Weltanschauung das in dem vielf ach geglaubten Sinne
anzuwenden, was man so gewohnlich Beweise nennt? Kann
man Beweise als etwas ansehen, was, wenn es vorhanden
ist, den Zwang fiir die Oberzeugung eines jeden Menschen
in sich schlielk?
Jeder, der sidi zu irgendeiner Weltanschauung im Ernste
bekennt, glaubt gewohnlich, er konne sie beweisen, und er
wird fiir diese Weltanschauung ganz gewifi, wenn er ernst
genommen sein will, seine Beweise anfiihren. Gegeniiber
diesem so vielf ach verbreiteten Glauben mochte ich zunachst
ein Wort eines energischen, tatkraftigen deutschen Philo-
sophen anfiihren, das Wort Johann Gottlieb Fichtes, der
sagt: Was man fiir eine Philosophie hat, das hangt davon
ab, was fiir ein Mensch man ist.
Wenn man auf den Grund eines solchen Wortes kommen
will, wie es Fichte hier ausgesprochen hat, wenn man mit
anderen Worten fragen will, was er gemeint hat, so mufi
man sich sagen: Es kommt nicht blofi auf Beweise an, son-
derndarauf, welche Beweise man fiir maftgebend halt, welche
Beweise fiir einen Menschen nach seiner Seelenentwickelung
das Gewicht haben, um Einsicht gewinnen zu wollen in
dieses oder jenes. So werden wir selbst von einem Philo-
sophen wie Fichte auf das menschliche Innere gewiesen,
wenn es sich um die Bewertung von Beweisen handeln soli.
Es wird gleichsam verlangt, dafi der Mensch durch seine
Seelenentwickelung sich die Fahigkeit erworben habe, um
das Gewicht von Beweisen einsehen zu konnen. Trivial ge-
sprochen, mochte ich sagen: Was nutzen alle Beweise schliefi-
lich demjenigen, der an diese Beweise nicht glauben kann?
Und wie es sich um die sogenannten Beweise verhalt, das
konnen wir vielf ach gerade aus der Methodik mancher
Weltanschauungen studieren, die scheinbar ganz auf dem
festen Untergrunde naturwissenschaftlicher Tatsachen auf-
gebaut sind.
Wenn ich so etwas sage, wie ich es jetzt sagen will, so
mufi ich allerdings immerwieder vorausschicken: Ichglaube
nicht, dafi irgend jemand fiir die naturwissenschaftlichen
Fortschritte in unserer Zeit mehr Achtung und Anerken-
nung haben kann als der echte Geistesforscher. Und heute
mochte ich noch insbesondere das vorausschicken, dafi alle
die Einwendungen, die heute vor acht Tagen gemacht wor-
den sind, durchaus so gemeint sind, dafi sie insof ern berech-
tigt sind, als die unmittelbaren Einwendungen des Geistes-
forschers gegen das vor acht Tagen Gesagte unberechtigt
waren. Denn der Geistesforscher leugnet dasjenige nicht,
was die naturwissenschaftliche Forschung behauptet, mit
Recht behauptet. Er erkennt es voll an. Diese Tatsache mufi
man auch ins Auge fassen.
Die Geistesforschung wird fortwahrend von der Natur-
wissenschafl bekampft; dagegen die Geistesforschung selbst
bekampft ihrerseits die Naturwissenschaft gar nicht, wenn
man die richtige Sachlage zu wiirdigen in der Lage ist. Aber
es gibt viele naturwissenschaftliche Tatsachen, die von ge-
wissen Weltanschauungsstromungen heute so verwertet wer-
den, so scheinbar in ein gewisses Licht gesetzt werden, dafi
man mit den Tatsachen vollig einverstanden sein kann,
nicht aber mit der Art, wie manchmal gewisse Weltan-
schauungen auf Grund dieser Tatsachen etwas beweisen
wollen. Die Tatsachen, die sich aus der Naturwissenschaft
ergeben, werden zumeist von der Geistesforschung erst recht
bekraftigt, und es darf gesagt werden, die Zeit werde kom-
men, in welcher dasjenige, was am Darwinismus und an der
modernen Entwicklungslehre berechtigt ist, gerade durch
die Geistesforschung die richtige Wiirdigung finden wird.
So kann auch insbesondere durch die Geistesforschung
klar sein, dafi die Seele des Menschen, indem sie sich in der
aufieren physischen Welt wirksam erweisen soli, sich zu
gewissen geistigen Verrichtungen gewisser Teile, gewisser
Partien des Gehirnes bedienen mufi, wie man sich zu an-
deren Verrichtungen der Hand bedienen mui Wie die
Hand gewissen Verrichtungen des Menschen zugeteilt ist,
so sind gewisse Partien des Gehirnes als Werkzeuge dem
seelischen Erleben zugeteilt. Gerade durch die Geistesfor-
schung wird der richtige Sinn, die richtige Bedeutung dieser
Zuteilung ins Auge gefafit werden konnen, und mit dem,
was die Naturwissenschaft in dieser Beziehung heute viel-
fach vertritt, stent die Geistesforschung nicht im geringsten
im Widerspruch. Dagegen sind die sogenannten Beweise,
die angefuhrt werden, vor demjenigen, welcher Beweiskraft
versteht, oftmals recht sehr briichig. So zum Beispiel, wenn
fur die wahren Tatsachen, daft zum seelischen Leben be-
stimmte Partien, gewisse Teile des Gehirns hinzugehoren,
immer wieder und wieder angefuhrt wird, es werde durch
die Erkrankung dieser Gehirnteile die betreffende seelische
Tatigkeit ausgeschaltet, und man kann daher nicht wahr-
nehmen, dafi die Seele gewisse Verrichtungen wie zum Bei-
spiel die Sprache zuwege bringt, so dafi also das Sprach-
zentrum ausgeschaltet wird.
Es sind solche Beweise fur den, der Beweiskraft versteht,
wirklich mit dem Einwande des beruhmten, wenn auch
nicht existierenden Professors Schlaucherl getroffen, der ja,
wie vielleicht einigen von Ihnen bekannt sein wird, den
Beweis fiihren wollte, wie der Frosch empfindet. Dazu
setzte er einen Frosch auf den Experimentiertisch und klopfte
auf den Tisch, und siehe da: der Frosch sprang fort - also
hatte er es gehort. Jetzt rifi er ihm die Beine aus und klopfte
wieder auf den Tisch. Jetzt sprang der Frosch nicht fort,
weil ihm ja die Beine ausgerissen waren. Aber daraus, daiS
er jetzt nicht mehr fortspringen konnte, folgert der Pro-
fessor Schlaucherl, dafi der Frosch mit den Beinen hort;
denn wenn er keine Beine hat, zeigt sich an nichts, dafi er
horen kann.
Man muft, wenn man eine solche Sache vorbringt, selbst-
verstandlich um Entschuldigung bitten. Aber sie ist logisch,
methodisch durchaus mit dem zusammentreffend, was viel-
fach heute zu Beweiszwecken an Tatsachen angefuhrt wird,
die nicht im geringsten durch die Geisteswissenschaft be-
zweifelt werden sollen, die sogar wahr sind. Aber die an-
gefuhrten Beweise werden niemals denjenigen wirklich
iiberzeugen konnen, der beweiskraftiges menschliches Aus-
sagen zu beurteilen vermag.
So ist es mit vielem von dem, was gerade im vorher-
gehenden Vortrag angefuhrt worden ist, wie es ein ge-
wichtiger Einwand sei, der im wissenschafllichen Sinne
gerade von ernsten und wiirdigen Forschern der Natur-
wissenschaft der Gegenwart gemacht werden kann, dafi
man sagt: Da haben sich die Menschen in vergangenen Zei-
ten die Lebenskrafl: ausgedacht und alles, was Vorgange im
lebendigen Leibe sind, aus dieser Lebenskrafl heraus zu
erklaren versucht. Aber das neunzehnte Jahrhundert hat
gezeigt, dafi man diese Lebenskrafl zu nichts brauchen kann
und dafi man, wenn man nur die gewohnlichen Krafle in
gewissen StofTen voraussetzt, zeigen kann, sobald man
labor atoriumsmafiig vorgeht, wie gewisse zusammengesetzte
Stoffe, von denen man friiher geglaubt hat, dafi sie nur im
lebendigen Organismus durch die Lebenskrafl zustande
kommen konnen, im Laboratorium ohne diese Lebenskrafl
dargestellt werden konnen. So dafi daher das Ideal der
Wissenschafl darin bestehen muft, vorauszusetzen, daft es
einmal gelingen werde, auch kompliziertere Substanzen des
Lebendigen auf diese Weise wirklich herzustellen. Nun
kommen die Geistesforscher und behaupten, dafi es im
lebendigen Organismus einen besonderen Lebensleib oder
Atherleib gebe, der notwendig ist, damit die lebendigen
Erscheinungen zustande kommen. Das sei aber nichts an-
deres als eine Aufwarmung der alten Lebenskraft. Das
konnte also nur von dilettantischen Seelen herkommen, die
in bequemer Weise ein Erklarungsprinzip dort suchen, wo
sie wegen ihrer Unkenntnis nicht mit den Fortschritten der
wahren Wissenschaft zu rechnen wissen.
Ich mochte zuerst durch eine Art historischen Zeugnisses
erklaren, wie diese ganze Schlufifolgerung auf eine Seele
wirkt, die nicht, voreingenommen durch die, wieder sei es
gesagt, berechtigten Fortschritte der Wissenschaft, sich so
ohne weiteres ihren SchlujSfoIgerungen hingibt. Ich mochte
es zunachst durch etwas Historisches zeigen. Man glaubt,
die Annahme eines Atherleibes oder Lebensleibes aus dem
Felde geschlagen zu haben, indem man sagt: Es mufi als ein
Ideal der Wissenschaft gelten, einmal die lebendige Substanz
aus ihren einzelnen Stoffen laboratoriumsmafiig zusam-
menzusetzen; daher konnte man nicht mehr an eine Be-
griindung des Lebens durch etwas t)bersinnliches glauben,
sondern man musse es als eine Wirkung im rein Stoff lichen
ansehen, wenn man im Laboratorium arbeket und die zu-
sammengesetzten Substanzen aus den einf achen zusammen-
fugt.
Es gab eine Zeit, in welcher man wahrhaftig mehr, als
ein heutiger ernster Wissenschaftler wagen wird, daran
glaubte, dafi man laboratoriumsmafiig nicht nur eine ein-
zelne lebendige Substanz, sondern audi unterste Lebewesen,
ja sogar einen kleinen Menschen, den bekannten Homun-
kulus zusammensetzen konnte. Die Zeit, in der man fest
glaubte, dafi man laboratoriumsma£ig den Homunkulus
erzeugen konnte, nahm diesen Glauben durchaus nicht so
auf, als ob damit das Obersinnliche der Lebenserscheinungen
aus der Welt geschafft ware; sie glaubte gerade erst recht an
das Obersinnliche der Lebenserscheinungen. Das ist ein
historischer Einwand gegen die Behauptung, es sei fiir das
menschliche Denken unvertraglich, an den iibersinnlichen
Ursprung des Lebens zu glauben und zugleich mit dem Na-
turf orscher voll die Ansicht zu vertreten, daft das Lebendige
im Laboratorium dargestellt werden konnte. Die beiden
Dinge sind eben vertraglich, und daft sie vertraglich sind,
dazu mufi man vielleicht wieder eine recht triviale Gedan-
kenverbindung ins Feld fiihren, die aber deshalb nicht min-
der bedeutsam ist fiir denjenigen, der sich nicht nur nicht
etwas durch eine naturwissenschaftliche Weltanschauung
hypnotisieren oder suggerieren laftt, sondern der auf das
ganze Gefiige des menschlichen Seelenlebens einzugehen
vermag.
Da sehen wir, wie vor uns gewisse Storfe sind. Wir fiigen
sie zusammen. Wir sehen - wir nehmen das hypothetisch
an -, wie daraus lebendige Substanz entsteht. Sind wir des-
halb berechtigt, daraus den Schluft zu ziehen, daft aus dem,
was wir vor uns an den einzelnen Stoffen gesehen haben,
das Leben dieser Substanz sich wirklich gebildet hat? Nein,
das sind wir nicht! Und wir sind es von dem Momente an
nicht mehr, da wir zugeben, daft sich an den Nahrungs-
resten, welche sich in einem Zimmer befinden, die Fliegen
nicht heranentwickelt haben, die sich nach einer gewissen
Zeit einstellen. Wenn wir ein Zimmer voll Fliegen sehen,
so konnen wir sagen, diese Fliegen sind deshalb da, weil in
dem Zimmer Unordnung herrscht und Nahrungsreste ge-
blieben sind. Diese Nahrungsreste waren die Bedingung,
aber sie haben die Fliegen nicht gemacht. Es stellt sich aber
die Anwesenheit der Fliegen immer ein, wenn die Bedin-
gungen da sind, und wenn die Bedingungen da sind, dann
wird sich das Leben einstellen. Aber niemand darf behaup-
ten, dafi es daraus hervorgegangen ist, sondern nur, dafi
sie die Veranlassung gewesen sind, daft das Leben sidi ein-
gestellt hat.
Ein ubersinnlicher Vorgang darf auch dann angenommen
werden, wenn labor atoriumsmafiig die Dinge zusammen-
passen. Daher ware es von seiten der Geistesforschung ganz
falsch, wenn sie sich darauf begninden wollte, daft sie sich
in mehr oder weniger ironischer oder geistvoller Weise iiber
das erheben wollte, was die Naturwissenschaft als ihr Ideal
anstrebt. Mit dem geht sie durchaus mit, damit ist sie vollig
einverstanden. Aber das raumt nicht das aus dem Wege,
was die Geistesforschung zum wirklichen, volligen Begreif en
der Dinge beitragt.
Nehmen wir als ein anderes Beispiel den im ersten Vor-
trage gegen die Geistesforschung gemachten Einwand, inso-
fern diese die Erscheinungen des Schlafens und Wachens
dadurch erklart, dafi sie sagt, es sei im Menschen ein Ober-
sinnliches, das sich mit dem Einschlafen des Menschen aus
dem physischen Leibe und Atherleibe heraus erhebt, in eine
besondere geistige Welt geht und beim Aufwachen wieder
in sie untertaucht. Wir haben den gewichtigen Einwand er-
w'ahnt, der durchaus schlagend ist, dafi die Naturforschung
das Phanomen des Schlafes dadurch zu erklaren versucht,
dafi sie eine Art Selbststeuerung des Organismus vorfiihrt,
dafi sie zeigt, wie die Reize, die durch die Eindriicke des
Tageslebens ausgeiibt werden, die organische Substanz ge-
wissermafien zerstoren, verbrauchen, so da^ dadurch ein
Punkt eintritt, wo diese organische Substanz, die Lebens-
substanz, wiederhergestellt werden raufi. Wahrend sie
wiederhergestellt wird, ist Dumpfheit iiber das Bewufit-
sein ausgebreitet, und ist die Wiederherstellung vollendet,
dann konnen die aufieren Reize wieder wirken. So hatten
wir es mit einer Selbststeuerung des Organismus zu tun
und konnten sagen: Was br audit es da nodi einer beson-
deren Geistesforschung, die sich in einer besonderen Be-
sdireibung dessen ergeht, was wahrend des Sdilaf es aus dem
Menschen herausgehen soli, um in einer anderen Welt dann
zu sein - wenn die Erscheinung des Sdilaf es aus dem
menschlichen Leibe selbst erklart werden kann?
Welches Gewicht der durchaus in gewissen Grenzen wah-
ren naturwissenschaftlichen Darstellung beizumessen ist,
ergibt sich durch f olgende Betrachtung. Mogen die einzelnen
Dinge, die ich vorbringe, audi nur skizzenhaft angefuhrt
werden konnen, sie stimmen, wenn auch nicht in alien Ein-
zelheiten, so doch zu dem ganzen Geiste der heutigen natur-
wissenschaftlichen Forschung.
Was geschieht denn, wenn der Organismus im Schlafe
vor uns liegt, auch durchaus nach naturwissenschaftlicher
Anschauung? Wir miissen nach naturwissenschaftlicher An-
schauung sagen: da werden gleichsam die durch die Ein-
driicke der Sinne und durch die anderen aufieren Eindriicke
verbrauchten organischen Substanzen ausgebessert. Da ge-
schieht also ein innerer Proze£, ein ProzeiR, der vollig durch
die Natur und das Wesen des menschlichen Leibes, des
menschlichen Organismus bedingt ist, und wir konnen das-
jenige, was so innerlich geschieht, selbstverstandlich nur aus
dem erklaren, was eben in den Gesetzen des menschlichen
Leibes, in den Gesetzen des Organismus liegt. Diese Gesetze
des Organismus konnen uns aber niemals, in keiner Gegen-
wart und in keiner Zukunft, etwas anderes geben-das mull
jeder, der die Sadie griindlich durchschaut, anerkennen
als was uns etwa die Lunge fiir den Atmungsprozefi gibt.
Wer den menschlichen Atmungsprozeft durchforscht, wird
ihn vollstandig verstehen konnen aus den Gesetzen des
Lungenlebens. Was aber der Mensch nicht wird verstehen
konnen, das ist die Natur und das Wirken des Sauerstoffes.
Der wird aufterhalb der Lunge zu erforschen sein, der
mu& erst von aufkn in die Lunge hineinkommen, und wer
glaubte, durch die Erforsdiung der Lunge die Natur des
Sauerstoffes kennenzulernen, der wiirde sidi gewaltig irren.
Der Lungenvorgang, alles was im Organismus geschieht,
ist aus dem Inneren des Lungenlebens zu erfahren. Um die
ganze Atmung zu verstehen, ist notwendig, dafi wir aus
dem Lungenleben herausgehen und die Natur des Sauer-
stoff es draufien fur sich verstehen, und nichts gewinnen wir
an Erkenntnis iiber die Natur des Sauerstoff es aus dem Pro-
zesse des Lungenlebens. Ebensowenig gewinnen wir, wenn
wir untersuchen, was im Organismus wahrend des Schlafes
vorgeht, an Erkenntnis fur alles dasjenige, was sich im
wachen BewuEtsein vom Morgen bis zum Abend abspielt,
indem Triebe, Leidenschaflen, Aff ekte, Ideale und so weiter
auf- und abwogen. Sowenig das Lungenleben einerlei mit
der Natur des Sauerstoffes ist, so gewifi der Sauerstoff in
die Lunge von aufien hereinkommen mufi, so gewiE ist es,
dafi alles, was in den Bewufkseinserscheinungen beschlossen
ist, sich mit dem vereinigen mufi, von aufien in es herein-
kommen muft, was wir innerlich wahrend des Schlafpro-
zesses als innere leibliche Vorgange studieren und beob-
achten konnen.
Einen solchen Gedankengang wird man allerdings nicht
sofort ganz durchschauen konnen. Er ist aber, wenn Sie ihn
verfolgen, nicht etwa eine blofte Analogie, er ist mehr als
das: er ist eine Art Erziehungsmittel, um die Dinge, die
uns bei der charakterisierten Erscheinung im Leben ent-
gegentreten, wirklich richtig zusammen zu betrachten. Und
wer sich wirklich aufklart iiber das Verhaltnis des Sauer-
stoffes, der aufien ist und in die Lunge hineingeht, zu dem,
was in der Lunge geschieht, der lernt an einem solchen Be-
griffe, an einer solchen Idee erkennen, wie er uber das zu
denken hat, was wahrend des Schlafes aufierhalb des phy-
sischen Organismus ist und zu den Vorgangen, die im phy-
sischen Organismus wahrend des Schlafes vor sich gehen,
ebenso hinzukommen mufi, wenn Bewu£tsein sich erleben
soil, wie der Sauerstoff zu den inner en organischen Vor-
gangen der Lunge hinzukommen muft, wenn ein Atmungs-
vorgang wirklich lebendig eintreten soli.
Die Dinge, die man nennen kann ein «Begriinden der
GeisteswissenschafU, sind eben durchaus nicht so einfach
wie man oftmals glaubt. Weil sie das nicht sind, deshalb
sieht es oft so aus, als ob sie sich durch leichtgeschiirzte
Widerlegungen aus der Welt schafFen liefien. Es handelt sich
wirklich bei der Anerkennung von Grixnden und Gegen-
grunden auf diesem Gebiete im Fichteschen Sinne darum,
was fur ein Mensch man ist, das heifit, welche Seelenver-
fassung man mitbringt, um die Dinge in ihrem richtigen
Lichte zu sehen. Wie oft hort man sagen: Ach, da kommen
diese Geistesforscher oder Anthroposophen und sagen, der
Mensch, den man doch als einen einheitlichen wahrnimmt
und fur den wir uns die Anschauung errungen haben, dafi
er ein einheitlicher ist, zerfalle in verschiedene Glieder oder
Teile, in einen physischen Leib, einen Atherleib oder Le-
bensleib, einen astralischen Leib und ein Ich. Ja, so ein-
teilen kann man ja alles. - Aber nicht darum handelt es
sich, dafi man iiberhaupt einteilt, sondern darum, dafi man
nach den berechtigten Anforderungen eines wirklich in die
Dinge eindringenden Denkens solche Forschungsmethoden
vollzieht. Wenn jemand Wasser vor sich hat, dann wird er
dem Chemiker nicht unrecht geben, der ihm sagt: Du kannst,
solange du dies « Wasser» sein lafit, niemals darauf kommen,
welches die chemischen Bestandteile dieses Wassers sind;
dazu mufit du es zerlegen in Wasserstoff und Sauerstoff.
Solange man auf elnem solchen konkreten Gebiete bleibt,
wird man vielleidit den Einwand nicht horen: Du begehst
eine Todsiinde wider den Monismus, denn das Wasser ist
ein Monon. Du darf st es nicht zerteilen in Wasserstofif und
Sauerstoff, sonst wirst du ein ganz aberglaubischer Dualist. -
Auf einem solchen konkreten Gebiete wird man vielleicht
einen solchen Einwand nicht horen, weil hier die Notwen-
digkeit zu sehr in die Augen springt, eine solche Zerteilung
vorzunehmen. Was ist denn ein Hauptkennzeichen fur die
Berechtigung einer solchen Zerteilung, wenn man nicht blofi
das Wasser ins Auge fafit, sondern wenn man das ganze
hier in Frage kommende Seinsgebiet berucksichtigt? Das
Wesentliche ist, dafi der Sauerstoff nicht blofi im Wasser
sein kann, sondern, wie ihn der Chemiker meint, audi in
anderen Substanzen, mit denen er sich ganz verbinden kann,
und dafi ebenso der Wasserstoff sich mit anderen Substan-
zen verbinden kann, so dafi man also Wasser zerteilen
kann, und die einzelnen Teile konnen ganz andere Ver-
bindungen eingehen und haben in diesen Yerbindungen wie-
der ihre besonderen Schicksale.
Wenn es bei der Geistesforschung nur darum zu tun
ware, in dem was sich als Mensch darlebt, zu unterscheiden,
sagen wir den Atherleib und den physischen Leib, um das
andere nicht zu erwahnen, so konnte man sagen: Da machst
du eben eine Einteilung. - Aber verfolgen Sie einmal die
Geistesforschung - es kann heute nicht alles angefiihrt wer-
den — , da geht es geradeso zu wie zum Beispiel in der
Chemie. Nicht deshalb zergliedern wir den Menschen in
einen physischen Leib und in einen Atherleib, weil uns das
in bezug auf diesen Menschen so bequem ist, die Erschei-
nungsarten in dieser Weise auseinanderzuschalen, sondern
weil wir in der Tat zu zeigen haben: ebenso wie Wasser-
stoff und Sauerstoff, wenn sie von ihrem Wasser-Sein ge-
trennt werden, in den verschiedenen Substanzen verschie-
dene Sdiicksale durchmachen, so macht der physische Leib
im Tode seine besonderen Schicksale durch, wie der Ather-
leib audi, und audi der astralische Leib geht andere Ver-
bindungen ein. Wie der Chemiker das Wasser verfolgt,
wenn er es nicht ein Monon sein lafit, sondern es als die
Dualitat von WasserstofF und SauerstofF auFfaftt, wie er
zeigt, dafi der WasserstofF ganz andere Wege nehmen kann
als der SauerstofF, so verfolgt der Geistesforscher die Wege
des physischen Leibes, des Atherleibes oder Lebensleibes,
des Astralleibes und des Ichs in den verschiedensten Ge-
bieten des Lebens. Das gibt ihm die Berechtigung, von einer
realen Teilung zu sprechen. Ein Einwand, dafS er damit
gegen den Monismus verstofien wiirde, ware ganz gleich-
bedeutend damit, dafi derjenige gegen den Monismus ver-
stofit, der Wasser in WasserstofF und SauerstofF zerlegt.
Es handelt sich also darum, dafS der Mensch durch die
wirkliche Einsicht in die Tatbestande den Wert, die Berech-
tigung der Einwande und audi die Grenzen der Einwande
versteht. Der wahren, echten, ernsten Geisteswissenschaft
wird man es ansehen, wenn man auf sie eingeht, dafi sie
nicht leichtherzig iiber die Einwande weggeht, sondern dafi
sie gerade dadurch zu ihren Resultaten dieBegrifFe zu finden
versucht, dafi sie das Fiir und Wider wohl erwagt. Wenn
nun aber schon wiederholt heute hingewiesen worden ist
auf den Fichteschen Ausspruch: Man hat eine solche Philo-
sophic, wie sie sich ergibt, je nachdem man als Mensch
geartet ist so konnte man audi das sagen, was audi schon
vor acht Tagen gesagt worden ist: Da wird ja gerade alles
zuriickgefuhrt auf ein inneres Subjektives, da wird die
Oberzeugungskraft nicht in dem gesucht, was aufierlich
gegeben wird, sondern in der Art und Weise, wie sich der
Mensch zu den Erscheinungen der Welt verhalten konnte.
Da kommen wir dann auf die Besprechung dessen, worauf
im ersten Vortrage hinge wiesen worden ist: auf die Quel-
len der geisteswissenschafilicheii Erkenntnisse. Es wurde ge-
sagt, dafi diese Quellen sich durch eine Entwickelung der
mensdilichen Seele ergeben. Wie diese Entwickelung vor
sich geht, welche Wege- die Seele zu durchwandern hat, da-
mit sie wirklich zu Erkenntnissen und Anschauungen der
iibersinnlichen Welt hinaufsteigt, dariiber werden wir noch
sprechen. Heute soil nur gesagt werden, dafS die Seele
innere Vorgange durchzumachen hat, die man zum Beispiel
bezeichnet als Meditation, als Konzentration des inneren
Lebens. Was wird durch solche Vorgange bewirkt?
Wenn derjenige, der wirklich ein Geistesforscher werden
will, seine Seele sozusagen zum Apparat fur die Geistes-
forschung machen will, so mufi er eben kiinstlich einen ahn-
lichen Zustand bei sich herstellen, wie es sonst der Schlaf-
zustand ist, das heifit, er mufi kiinstlich durch scharfe Wil-
lenskonzentration in der Lage sein, das herbeizufiihren,
was sich sonst nur durch die Ermudung als Schlafzustand
einstellt. Er mufi alle aufSeren Sinneseindriicke ausschlieften
konnen, muiS auch alles an das Gehirn gebundene Denken
unterdriicken konnen, und dennoch mufi er jenen Zustand
vermeiden, der sonst im Schlafe eintritt: die vollige Leer-
heit des Bewufitseins. Das vermeidet er dadurch, daf$ er
sich ganz bestimmten Vorstellungen- wir werden sie spater
noch charakterisieren - hingibt, die geeignet sind, seine
Seelenkrafte zu konzentrieren, zusammenzuziehen, so da£
sie starker werden als sie sonst sind. Wahrend sie sonst
gleichsam diinn sind und daher, wenn sie wahrend des
Schlafes aus dem physischen Letbe herausgehen, nichts von
sich und der Welt wissen konnen, ihre innere Wahrneh-
mungskraft also zu schwach ist, werden sie durch solche
Meditationen und Konzentrationen in sich erstarkt, ver-
dichtet. Der Mensch zieht sich dann aus dem gewohnlichen
Denken nicht so heraus, dafi er nichts von sich weift, wie
es beim gewohnlidien Schlafe der Fall ist, sondern so, dafi
er sich bewufk zu halten vermag und durch die Eigenart
dieses Zustandes erfahrt: Jetzt horst du nichts durch die
Ohren, siehst nichts mehr durch die Augen, denkst nicht
mehr durch das an das Gehirn gebundene Denken, sondern
jetzt erlebst du dich im rein Geistigen und hast eine Realitat
im rein Geistigen.
Gesagt ist, dafi ein gewohnlicher und wiederum berech-
tigter Einwand gegen eine solche Behauptung der Geistes-
forschung der ist: Da kann man durch eine solche Seelen-
entwickelung zum Beispiel zu inneren Vorstellungswelten
kommen, die man als einen Ausdruck einer iibersinnlichen
Welt ansieht. Man kann audi durch die Art, wie sich diese
Vorstellungsarten ergeben, die Meinung haben, sie wiesen
auf etwas Reales hin. Aber man wisse doch-sokann gesagt
werden daft der, welcher Halluzinationen, Wahn-Ideen,
Visionen hat, auch mit aller Kraft an diese Halluzinationen
und so weiter glaubt, und es sei daher ganz unmoglich, in
Wahrheit eine Unterscheidung zu finden zwischen den
Halluzinationen, Wahn-Ideen und so weiter und dem, was
sich so beim Geistesforscher einstellt. - Warum sollte man
das, wozu der Geistesforscher auf diese Weise kommt, nicht
auch, zwar als eine raffiniertere, aber doch als eine blo£e
Halluzination ansehen? Abgesehen davon, da& man sagen
kann: Was so im Innern erlebt werde, sei nur subjektiv und
konne nicht von einem anderen zu jeder Zeit kontrolliert
werden, wie dies zum Beispiel beim physikalischen Expe-
riment der Fall ist.
Nun muiS aber darauf hingewiesen werden, dafi es durch-
aus nicht im Charakter aller Wahrheiten liegt, dafi sie durch
aufiere Veranstaltungen gefunden oder auch nur bekrafligt
werden konnen. Man kann sagen, es konnten fiir jeden,
der nur denken will, die Vorstellungen der Mathematik
im auftersten Sinne dafiir iiberzeugend sein, denn sie wer-
den im Innern gewonnen. Wir brauchen, urn das einzu-
sehen, nicht auf hohere, sondern nur auf die gewohnliche
Vorstellung, dreimal drei ist neun, hinzuweisen. Um das
einzusehen, bedarf es nur eines inneren Vorstellens der
Seek, und es ist nichts weiter als eine Versinnlichung, wenn
sich jemand zum Beispiel durch dreimal drei Erbsen ver-
anschaulicht, daft dreimal drei neun ist. Es hangt von der
inneren Seelenentwickelung ab, wenn jemand die Erkennt-
nis hat, daft dreimal drei neun ist, und er braucht sie sich
durch einen aufieren Vorgang nicht erst zu bekraftigen. Er
weift, was er erlebt hat, er weift es ohne jede auftere Kon-
trolle. Es gibt also ein inneres Seelenarbeiten, fiir welches
auftere Kontrolle nichts weiter als Veranschaulichung ist,
die sich in dem Veranschaulichten erschopft, und dem man
es ansieht, daft dieses innerlich Durchzumachende wahr ist.
In einer ganz ahnlichen Weise, nur auf hoherer Stufe,
wird der Unterschied erlebt zwischen Irrtum und Wahrheit
der ubersinnlichen Welt. Der Geistesforscher mufi alle die
Dinge durchmachen wollen, die ihn zur Erkenntnis fiihren
konnen: wo horen Halluzinationen, Visionen und Illusionen
auf, und wo beginnt die ubersinnliche Realitat? Wo das
eine aufhort und das andere beginnt, das kann nur auf
eine ahnliche Weise eingesehen werden, wie die mathe-
matischen Wahrheiten eingesehen werden konnen. Aber es
kann eingesehen werden. Wer ein wirklicher Geistesforscher
ist und die Natur, die wirklich zur Geistesforschung hin-
fuhrt, kennt, der wird ohnedies nicht die Welt mit seinen
Visionen unterhalten, und wenn Sie jemanden finden, der
die Menschen iiber die ubersinnliche Welt dadurch unter-
halt, daft er von seinen Visionen mitteilt, so konnen Sie
immer voraussetzen, dafi er von einem wahren Geistes-
forsdier sehr weit entfernt ist. Denn der wahre Geistes-
forsdier weifi, daft alles imaginare, visionare Leben, das
man in der aufieren Welt kennt, nicbts als eine Vorstellung
des eigenen Seelenlebens ist, dafi es nichts anderes darstellt
als ein Hinausprojizieren der eigenen Seele in den eigenen
Raum. Und nicht in diesem Raum, niclit in dem, was man
eigentlich meint, wenn man von dem Vorstellen des Geistes-
forschers als ein Nichtkenner spricht, liegt das, was seine
Wissenschaft begriindet, sondern in demjenigen, was erst
hinter diesem Vermeintlichen liegt, nachdem er ganz den
Vorgang durchgemacht hat, wie sich das Seelenleben ver-
objektiviert und wie dann die Wand durchbrochen wird,
welche sich zuerst als eine Widerspiegelung unserer inneren
Seelenvorgange aufrichtet.
Gerade das ist fur den Geistesforscher wichtig, dafi er
das Wesen der Halluzinationen, der Visionen und Illusionen
in ihrem Zusammenhange mit dem inneren seelischen Leben
erkannt hat und sich lange genug sagen kann: Was so er-
scheint, ist nicht als das objektiv Mafigebende, sondern rein
als innere Seelenvorgange aufzufassen. Und es gehort nicht
so sehr zu den Anforderungen einer wirklichen geistes-
wissenschafllichen Schulung, durch gewisse Verrichtungen,
die man in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» nachlesen kann, die Seele dazu zu brin-
gen, dafi sie frei vom Leibe Erlebnisse hat, da£ sie aus dem
Leibe heraustritt; sondern wichtiger ist es, da£ die Seele
iiber diese Erlebnisse aufierhalb des physischen Leibes, im
rein Geistigen, ein rkhtiges Urteil gewinnt.
Von einem gewissen Punkt ab weilS die Seele durch das,
was sie erlebt, dafi sie nicht mehr subjektive Vorgange
erlebt, sondern dafi sie ihre Subjektivitat abgestreift hat
und in ein Objektives hineinkommt, das fiir jeden objektiv
ist, wie das Mathematische objektiv ist, trotzdem man seine
Beweiskrafl nur im Innern erleben kann. Der Fehler, den
die Menschen machen, die an ihre Illusionen glauben, be-
steht darin, daft sie nicht lange genug die Widerstandskraft
gegen die illusionare Welt aufrechterhalten konnen, daft zu
friih der Glaube eintritt an das, was sie erleben, daft sie
sich von ihren Erlebnissen nicht lange genug sagen: Das
erscheint zunachst nur als eine Widerspiegelung von dir
selbst, und erst wenn du alles Subjektive von dir abge-
streift hast, wie du es bei der Mathematik machen muftt,
trittst du in die Sphare der objektiven Wirklichkeit ein.
So entf allt auch der Einwand, daft man es bei den geistes-
forscherischen Erlebnissen mit etwas Subjektivem zu tun
hat. Man hat es ebensowenig mit etwas Subjektivem zu
tun, wie man es bei mathematischen Wahrheiten damit zu
tun hat. Wenn Geisteswissenschaft mitgeteilt wird, so han-
delt es sich nicht eigentlich darum, Beweise zu liefern.
Wenn es sich darum handelt, so mufi man vor allem das
Wesen des Beweises verstehen. Wenn es niemals in der
Welt vorgekommen ware, daft jemand einen Walfisch ge-
sehen hatte, so wiirde niemand beweisen konnen, daft es
einen Walfisch gibt. Aus alien Kenntnissen, die er hat,
wiirde er nie das Dasein eines Walfisches beweisen konnen,
denn ein Walfisch ist eine Tatsache, und Tatsachen kann
man nicht beweisen, sondern man kann sie nur erleben.
Damit ist etwas aufierordentlich Gewichtiges iiber die Lo-
gik gesagt, aber man mufi sich erst von diesem Gewich-
tigen iiberzeugen.
Von diesem Gesichtspunkte aus handelt es sich bei den
Mitteilungen der Geistesforschung auch nicht darum, daft
man Beweise fur die ubersinnliche Welt oder zum Beispiel
fur die Unsterblichkeit der Seele liefert, sondern um etwas
ganz anderes. Davon werden sich diejenigen iiberzeugen,
die eine langere Zeit den wahren Betrieb der Geistesfor-
schung mitmachen. Nicht urn ein logisches Spintisieren han-
delt es sich, sondern um ein Kennenlernen, um ein Mit-
teilen der iibersinnlichen Tatsachen. Wenn der Geistesfor-
scher durch die schon geschilderte Entwickelung der Seele in
die Lage gekommen ist, dafi er das Leben zwischen dem
Tode und der neuen Geburt iiberblickt, so handelt es sich
darum, da£ er dann die Tatsachen, welche er f iir das Leben
der Seele in der Zeit zwischen dem Tode und der nachsten
Geburt anzufuhren hat, mitteilt, dafi er mitteilt, was er in
der iibersinnlichen Welt erlebt. Um Mitteilung von Erleb-
nissen, von Tatsachen, die er in seiner Seele durchwandert,
handelt es sich.
Von dem anderen darf man sagen: es ergibt sich an der
Hand dieser Mitteilungen. Wenn gezeigt wird, wie die
Seele in sich geschlossen bleibt, wenn die Teile des Leibes
zerfallen, wie die Seele dann gewisse Vorgange durch-
macht, wie sie etwas in einer rein iibersinnlichen Welt erlebt
und die Krafte zu einem neuen Leben sammelt, um in einem
Leibe wieder ins physische Dasein zu treten, wenn das in
alien Einzelheiten angegeben wird, so wird ja gezeigt, wie
die Seele lebt, wenn sie durch die Pforte des Todes durch-
geschritten ist. Dann wird hingewiesen auf Tatsachen. Um
ein solches Hinweisen auf Tatsachen, um eine solche Mit-
teilung von Tatsachen handelt es sich, und nicht um ein
abstraktes Beweisen.
Nun konnte man sagen: Dann hatte aber ein solches
Kennenlernen von entsprechenden Tatsachen nur fiir den
eine Bedeutung, der in die geistige Welt hineinschauen
kann, der eine entwickelte Seele hat. Oh, es sieht ein solcher
Einwand aufterordentlich iiberzeugend aus, und es soli dies
auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Wer aber das
wirkliche Seelenleben kennt, der wird auch zu diesem Ein-
wande ein ganz anderes Verhaltnis gewinnen, als manche
glauben. Da mussen wir die Frage aufwerfen: Werden wir
denn in unserer Seele im normalen Leben iiberhaupt da-
durch von etwas uberzeugt, dafi uns jemand abstrakte Be-
weise liefert? Nehmen wir ein Beispiel. Nehmen wir ein
Bild, zum Beispiel die Sixtinisdie Madonna. Irgend jemand,
der keine Ahnung von dem hat, was in einem solchen Bilde
liegt, trete vor dieses Bild hin. Ein anderer stelle sich neben
ihn und beginne, ihm zu beweisen, was da drinnen liegt.
Ja, der, welcher da zuhort, versteht gar nicht, wovon der
andere redet. Der kann lange «beweisen», dafi in diesem
Bilde etwas Besonderes liegt; der Zuhorende kann an seine
Beweise nicht glauben. Denn daft man Beweise herbeischafft,
das ist noch nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche
ist, daft der Zuhorer die Moglichkeit hat, an diese Beweise
zu glauben. - Ein anderer stent vor diesem Bilde; ein Zwei-
ter tritt hinzu und spricht zu ihm, und der Zuhorende hat
jetzt die Moglichkeit, so etwas wahrzunehmen, was durch
das Bild ausgedrlickt werden soli. Dann regt durch das, was
er erkannt hat, der andere in ihm das an, wovon er glaubt,
daft es in dem Bilde liegt. Der redet vielleicht gar nicht
beweisend. Er schildert nur, was in ihm wirkt, schildert nur
das, was in ihm spricht, und hat der Zuhorende einmal in
der Seele erfaftt, wovon der andere spricht, und sieht er
sich dann das Bild an, dann sieht er das andere in dem
Bilde, dann wirkt es so, daft er weifi: es ist in dem Bilde
drinnen. Nicht auf eine abstrakte Beweiskraft kommt es
an, sondern darauf , daft jemand an uns heran tritt, der weift,
was in dem Bilde liegt, und daft wir wirklich das in uns
aufnehmen konnen, was in dem Bilde liegt, wenn wir eine
Anschauung von dem gewinnen wollen, was in ihm ist.
So ist es, wenn der Mensch der Welt und den mensch-
lichen Erscheinungen gegeniibertritt, und der Geistesfor-
sdier tritt zu ihm. Wiirde der Geistesforscher mit abstrak-
ten Beweisen kommen wollen, so wiirde der, welcher nicht
in der Lage ist, in seiner Seele das nachzuerleben, was der
Geistesforscher sagt, niemals durch einen Beweis iiberzeugt
werden konnen. Der Geistesforscher aber macht es so wie
jener Erklarer des Bildes, von dem ich zuletzt gesprochen
habe. Er erklart, was sich ihm in der Seele ergeben hat, die
er erst zum Instrumente fur die geistigen Wahrheiten ge-
macht hat, als im Hintergrunde des geistigen und mensch-
lichen Lebens stehend. Er gibt die Tatsachen, die er erlebt
hat. Und wenn nun der andere in der Lage ist, daft er diese
Begriffe und Tatsachen in sein ganzes Seelenleben aufneh-
men kann, so sieht er jetzt die Welt so, dafi sich ihm durch
das, was der Geistesforscher zu sagen hat, dieses als sein
eigener Seeleninhalt ergibt.
Das kann naturlich nicht immer so sein. Wenn der Gei-
stesforscher oder Geisteserfahrer dem Zuhorer mit ganz
fernen Behauptungen kommt, die fur ihn selbst vielleicht
Erf ahrungs wahrheiten sind, wenn er ihm - und selbst wenn
er noch so viel in der geistigen Welt erlebt hat - erzahlt,
was dort alles fur Wesenheiten sind und was sie tun, dann
hat selbstverstandlich der Zuhorende, wenn er es zum
ersten Male hort, nicht die geringste innere Verpflichtung,
das zu glauben, was er hort. Er wird es und kann es nicht
glauben.Warumkann er es nicht glauben? Weil der Abstand
zwischen dem, was in der Seele erlebt wird, und dem, was
ein soldier geistiger Seher in der Seele erlebt hat, zu groft ist.
Ebenso unberechtigt ware es, wenn jemand glaubte, sagen
zu konnen, in dreifiig Jahren werde einmal ein neuer Welt-
heiland oder ein neuer Weltmessias kommen, auf den man
warten konne, und der ganz besonders grofie Wahrheiten
mitteilen werde. Eine solche Behauptung konnte jemand
vor einem anderen, der nicht dazu vorbereitet ware, nur
dann tun, wenn er vor der menschlichen Seele und vor den
Errungenschaften der menschlichen Kultur keinen Respekt
hatte. Aber es gibt einen Weg, um alles dieses eben anders
zu machen, indem man an das ankniipft, was wirklich jeder
mit unbefangener Seele in einer gewissen Weise verfolgen
kann. Daher mufi es immer wieder gesagt werden, dafi der
Einwand unberechtigt sei: Geistesforschung gelte nur fiir
den, welcher selber durch seine entwickelte Seele in die
geistige Welt hineinkommen kann. Das ist nicht richtig. Die
geistige Welt erforschen kann man nur, wenn man diese
Seele zu einem Instrumente der Wahrnehmung in der gei-
stigen Welt umbildet. Was man aber dort erlebt, das ist
man gleichsam verpflichtet, in solche Begriffe zu giefien,
welche fiir jeden Menschen nach der betreffenden Zeitbil-
dung bei unbefangener Seele verstandlich sein konnen,
wenn er sich nur eben unbefangen ihnen hingibt und nicht
durch irgend etwas, zum Beispiel durch eine vermeintliche
oder falsche Gelehrsamkeit, sich dagegen straubt. Daher
kommt es vielmehr darauf an, wie die Tatsachen des hell-
sichtigen Bewufkseins irgendeinem Zeitalter mitgeteilt wer-
den, als dafi solche Tatsachen mitgeteilt werden.
Man kann es zum Beispiel erleben, wenn irgend jemand
eingestandlich nur ein Buch gelesen hat, dafi er dann uber
Geistesforschung glaubt ein Urteil zu haben und berechtigt
ist, sagen zu diirfen: diese Geistesforscher fangen immer an,
das Wort «esoterisch» zu gebrauchen, wenn ihnen Begriffe
ausgehen. Vielleicht konnte es aber auch so sein, dafi bei
dem Betreffenden, der so etwas sagt, das Wort esoterisch
immer die Folge hatte, dafi er selber bei seinen Begriffen
etwas wie eine Leere fuhlt, so dafi auf ihn selber das Wort
esoterisch begriff s-ausloschend wirkt. Also wenn sich jemand
auf diese Weise dagegen straubt und nicht das aufruft, was
in seiner Seele ist, um die Ergebnisse der Geistesforschung
auf sich wirken zu Iassen, dann ist es selbstverstandlich -
das haben wir vor adit Tagen gesehen — , dafi die aller-
griindlidisten Einwande gegen die Geistesforschung vorzu-
bringen sind. Wenn sich aber die Seele unbefangen dem
hingibt, was die Geistesforsdiung gibt, dann geniigt der
gesunde Menschenverstand, das gesunde unbef angene Den-
ken, um mitzuerleben — nicht was der nicht geschulten Seele
erlischt, wohl aber das, was von ihr verstanden werden
kann. Denn wie verhalt sich denn jede menschliche Seele
zu der Seele des Geistesforschers, der iiber gewisse konkrete
Tatsachen der iibersinnlichen Welt ein Urteil hat, weil er
sich in sie hineinbegeben hat? Es verhalt sich eine jede Seele
zu der Seele des Geistesforschers, wie ein Lebenskeim zu
dem vollstandig entwickelten Leben; und in derselben
Weise, wie im Lebenskeime, zum Beispiel im Ei, das voll-
standige Lebewesen schon enthalten ist, so ist in jeder Seele
das vorhanden, was nur jemals der Geistesforscher dieser
Seele sagen kann. Wie auch schon im unentwickelten Le-
benskeime gezeigt werden kann, wie daraus das Einzelne
hervorgeht, so kann die einzelne Seele, welche die Ergeb-
nisse der Geistesforschung mitgeteilt erhalt, in sich keim-
hafl, aber mit vollstandiger Oberzeugungskraft, Einsicht
gewinnen in die geistigen Welten.
Daher ist es niemals begriindet, wenn man dem, der sich
nicht blofi auf seine intellektuelle Kraft des logischen Spie-
les, sondern auf seine ganze Seelenkraft verlafit, vorwirft,
er miisse ein leichtglaubiger Mensch sein, wenn er sich auf
das einlasse, was der Geistesforscher zu sagen hat. Der Ver-
stand allein wird es nicht einsehen konnen; die ganze Seele
aber wird es hinnehmen konnen. Daher ist ein wirkliches
Prtifen - nicht ein Hinnehmen auf Autoritat - der Geistes-
forschung moglich, ist in jeder Zeit moglich gewesen und
wird auch immer moglich sein.
Es ist wohl zu merken, dafi ich den heutigen Vortrag
nicht genannt habe «Wie beweist man Geistesforschung?»
sondern «WiebegrundetmanGeistesforschung?>>, dasheilk:
woher holt man sie, und wie kann die menschliche Seele ein
Verhaltnis zu ihr gewinnen? Dieses Verhaltnis wird fiir
viele Menschen wahrhaftig schwer zu finden sein, aus dem
Grunde, weil viele Einwande gegen diese Geistesforschung
Gewicht zu haben scheinen. Wie sollte es denn nicht Ge-
wicht haben - und hier komme ich wieder auf einen Punkt,
wo ich wieder abstrakt und uninteressanter sprechen muiS -
wenn jemand sagt: Der Geistesforscher behauptet, dafi er
in seinem iibersinnlichen Bewufksein die Seele bis in die
Zeit hinter der Geburt oder der Empfangnis verfolgen
kann, wie sie lebt zwischen dem Tode und der nachsten
Geburt und wie sie sich dann in das gegenwartige Leben
hereinlebt. Nun, man kann ja zeigen - so konnte jetzt ein-
gewendet werden ~, wie gewisse Eigentiimlichkeiten, welche
die Seele wahrend des Lebens ausbildet, in der Kindheit
vorgebildet werden oder vor der Geburt im Leibe der
Mutter vorgebildet werden! - Vielleicht ist unter den Ein-
wanden gegen die Geistesforschung fiir viele nichts von
solchem Gewicht, als gerade ein soldier Einwand. Die, welche
ofler solche Vortrage gehort haben, werden wissen, wie ich
selber solche Einwande auch mache, so zum Beispiel, dafi
in der Familie Bach so und so viele grofiere und kleinere
Musiker gelebt haben, so dafi man mit einem gewissen Recht
darauf hinweisen konnte, wie der Mensch rein in der phy-
sischen Vererbungslinie das empfangt, was ihn zum Mu-
siker macht. So kann man darauf hinweisen, wie durch Ver-
erbung oder durch Aneignung wahrend des Lebens das an
den Menschen herankommt, was er spater als seine beson-
deren Eigentumlichkeiten und als seine Individuality zeigt.
Oh, es ist ein soldier Einwand, wenn man sich mit ihm be-
schaftigt, wenn man sich seiner suggestiven Kraft iiberlafit,
sehr bedeutsam, und jeder Geistesforscher wird es ver-
stehen, dafi es Menschen gibt, welche von einem solchen
Einwande nicht loskommen konnen, auf welche die Ge-
walt der Tatsachen, die man da anfiihren kann, aufier-
ordentlich stark wirkt.
Aber es gehort noch etwas anderes dazu, sich so einer
Beweiskraft hinzugeben, namlich einzusehen, dafi Ursachen,
richtige Ursachen vorhanden sein konnen, und dennoch
nichts verursachen, dennoch nicht wirklich der Anlafi sind,
dafi tatsachlich etwas entsteht. Ich sage etwas scheinbar
sehr Paradoxes, und fur den, welcher das Gewichtige der
geisteswissenschaftlichen Tatsachen auf seine Seele wirken
lafit, ist es gar nicht notwendig, sich darauf einzulassen.
Aber hier handelt es sich darum, gegenuber dem Zeitalter
darauf einzugehen, um darauf aufmerksam zu machen,
was vom philosophischen Gesichtspunkte aus zeigen kann,
dafi Ursachen da sein konnen und dennoch nichts verur-
sachen.
Warum hat ein Huhn, wenn es entsteht, Federn, einen
Schnabel oder diese oder jene Eigenschaft seines Leibes?
Ganz gewilS kann jemand sagen: Die hat es vererbt bekom-
men von dem Eltern-Huhn, und fiir die besondere Aus-
pragung des Schnabels und so weiter sind die vererbten
Merkmale die Ursachen, die wir bei jenem Huhn finden,
von welchem das betreffende abstammt. Aber nun mufi man
einsehen, dafi noch etwas Besonderes dazu gehort, wenn die
Eigenschaften des Federn-Habens, des Einen-bestimmten-
Schnabel-Habens und so weiter, die bei dem Mutter-Huhn
da sind, auch bei dem Tochter-Huhn auftreten sollen: es
kann etwas eine ganz richtige Ursache sein, aber es ist not-
wendig, dafi ein bestimmter Keim unter bestimmten Din-
gen entsteht, damit die Ursachen «Ursachen» werden kon-
nen. Nicht darauf kommt es an, dafi man von dem Folgen-
den auf die bestimmten Ursachen hinweist, sondern dafi
man zeigt, inwiefern die Ursadien audi haben Ursachen
werden konnen.
Hier stehen wir an einem Punkt, wo die Geisteswissen-
schaft aus ihren eigenen Tatsachen heraus ein Verhaltnis
gewinnen kann zum Beispiel zum Darwinismus. Niemand,
der nicht ein vorwitziger, sondern ein ernster Geistesfor-
scher ist, wird die Tatsachen und ernsten Ausfiihrungen
Darwins und der Darwinianer bestreiten. Er wird sogar
zustimmen, wenn Darwin fragt: Warum schmiegt sich das
Katzchen so an, wenn der Mensch in seine Nahe kommt?
Da weist der Forscher darauf hin, dafi es sich schon auf
seinem Lager an die Mutter anschmiegt, und daraus sieht
man, wie das Spatere mit dem Fruheren zusammenhangt.
Man kann auf die Ursachen hinweisen, wie ein Mensch
diese oder jene Eigenschaft hat, die er vielleicht durch die
Mutter erhalten hat, bevor er geboren worden ist. Man
kann darauf hinweisen; man hat aber nichts daruber gesagt,
inwiefern die Ursachen nun Ursachen geworden sind. Alles,
was von einer Weltanschauung gesagt werden kann, die
scheinbar f est auf dem Boden der Naturwissenschaft gebaut
ist, was erklart werden kann durch vererbte Merkmale und
so weiter, das wird ja von der Geistesforschung ohne wei-
teres zugegeben, und wer von dorther Emwande holt, lebt
gewohnlich unter der Voraussetzung, da£ sie nicht zuge-
geben werden, Sie werden zugegeben, aber der andere geht
nicht darauf ein, dafi Ursachen erst Ursachen werden mus-
sen, so dafi es sich also um etwas viel Tieferes handelt, als
er im Auge hat. Das ist uberhaupt heute der Fall, dafi man
dasjenige, was Geistesforschung aus der Tiefe des Seins her-
auszuschopf en sich bemuht, immer nur nach der Oberflache
beurteilt, die man gerade selbst zu iiberschauen vermag.
Wenn das nidit immet gesdiahe, dann konnte zum Beispiel
ein Feuilleton nidit zustande kommen wie jenes, weldies
am letzten Sonntage im «Berliner Tageblatt» erschienen ist,
das eingestandlich nur auf einem einzelnen Buche fufit. Ich
mochte nur einmal f ragen, was man einem Menschen sagen
wird, der sich ein abschliefiendes Urteil zum Beispiel iiber
Chemie nur aus einem einzigen Buche gemacht hat? Aber
so machen es unsere Zeitgenossen. Man darf sagen, die
Geistesforschung hat nodi gewichtige Griinde, in der Ge»
genwart sich erhartet zu f iihlen.
Fiir die, welche diese Vortrage langere Zeit angehort
haben, darf ich wohl sagen, dafi hier vieles aus der philo-
sophischen Entwickelung angefiihrt worden ist. Wer das
kennt, wird vielleicht zu dem Urteil kommen: es haben
viele Philosophen Beweise geliefert fiir die Unsterblichkeit
der menschlichen Seele. Ich selbst mufi gestehen, ich habe
mich gegeniiber dem, was von philosophischer Seite an Be-
weisen fiir die Unsterblichkeit der Seele oder fiir eine iiber-
sinnliche Welt herbeigebracht wurde, nie recht behaglich
gefiihlt, denn was die Philosophen meist im Auge haben,
sind nur die Begriffe der Dinge. So haben die Philosophen
selbst vom menschlichen Ich nur den Begriff des Ichs. Dafi
man aber aus dem Begriffe des Ichs nichts Reales folgern
kann, das sollte jedem ebenso klar sein, wie es klar ist, dafi
ein blofi gemalter Maler kein Bild malen kann. Ebenso
sollte man sich dariiber klar sein, dafi das Bild des Ichs
nichts fiir das Ich selbst sagt. Wer sich auf die Geisteswissen-
schaft einlafit, der wird sehen, dafi die Cberzeugung von
der Realitat des Ichs durch etwas ganz anderes gewonnen
wird, namlich durch die ganze Art des Fortlebens des Ichs
nach dem Tode.
Also an dem, was gutglaubige Philosophen nach dieser
Richtung hin vorbringen, kann einem nicht behaglich wer-
den. Aber aus dem, was diejenigen vorbringen, welche als
Gegner oft so recht gegen die Dinge wettern, gewinnt der,
weldier die Dinge tiefer durchschaut, einen recht guten Be-
weis fiir die Natur des Ichs. Denn es gibt ja Philosophen,
welche sagen, sie konnten das Ich iiberhaupt nur als eine
Zusammenf assung aller moglichen physiologischen usw. Ta-
tigkeiten erfassen. Da sieht man dann, dafi diese Forscher
alles Mogliche anfiihren, nur kann sich das, was sie an-
fiihren, nicht auf ein Ich beziehen. Sie sind da in dem-
selben Sinne, nur umgekehrt, wie jene Richtung, welche die
Lebenserscheinungen durch die Lebenskraft erklaren will.
Denn wie die Lebenskraft das fiinfte Rad am Wagen ist, so
wird durch die Erklarungen, die fiir das Seelenleben bei-
gebracht werden, nicht nur nichts erklart, sondern sie sind
sogar ganz iiberflussig, wenn es sich um das wahre Erfor-
schen des Seelischen handelt. Man sieht dann, daft solche
Erklarer das Seelische wirklich ungeschoren lassen und gar
nicht dort herankommen, so daft also das Seelische fiir sich
bleibt und sich als etwas erweist, woran die aufieren Er-
klarungen nicht herankommen konnen. Erst wenn im Zeit-
bewuBtsein das Gefuhl entstehen wird, dafi man Geistes-
forschung nicht nach der Oberflache, sondern nur durch ein
vertieftes Hineingehen in sie beurteilen kann, erst dann
wird nicht irgendein Urteil maftgebend sein konnen, das
von aufien iiber die Geistesforschung kommt.
Wie es mit den wissenschaftlichen Einwanden ist, so auch
mit den Einwanden, die im ersten Vortrage in moralischer
oder religioser Hinsicht gegen die Geistesforschung vorge-
bracht worden sind. Wenn zum Beispiel gesagt wird, es sei
unendlich viel wertvoller, wenn jemand aus reiner Selbst-
losigkeit, selbst mit der Aussicht, im Tode vernichtet zu
werden, das Gute tue, nur aus der Einsicht und dem Willen,
da£ es in die Allgemeinheit ubergehe - als wenn er es tue
im Hinblick auf einen Ausgleich in folgenden Erdenleben,
so ist ein solches Urteil durchaus wahr und soli nicht be-
stritten werden. Wahr ist es, wenn gesagt wird, dafi jemand
nur aus Egoismus heraus etwas Gutes tue, wenn er glaube,
dafi es ihm dann durch das Karma in einer Art Vergeltung
wieder als ein Gutes im neuen Erdenleben zukomme, oder
wenn er das Bose deshalb unterlafit, weil es sidi als eine Art
Strafe im neuen Leben wieder zeigen konnte. Es ist gewifi,
dafi man eine solcbe Behauptung als den Egoismus begriin-
dend einsehen kann und daher mit vollem Rechte sagen
darf : Also werde ja gerade durch das, was die Geistesfor-
schung iiber den Menschen zu sagen habe, der Egoismus
unter den Menschen gefordert.
Schopenhauer hat einmal mit Recht gesagt - Sie wissen,
dafi ich durchaus nicht iiberall mit ihm iibereinstimme — :
«Moral predigen ist leicht, Moral begriinden schwer.» Was
heilk Moral begriinden? Es heilk, eine Seelenverfassung
herbeif iihren, durch welche der Mensch zu einem moralischen
Handeln kommen kann. Wer das Volkerleben kennt, der
weifi, dafi Moral predigen nicht nur leicht ist, sondern mei-
stens sehr nutzlos ist; denn man kann sehr wohl recht gute
Moralgrundsatze kennen - und recht schlecht handeln.
Wenn es sich blofi um das Anhoren von Moralpredigten
handelte, so wiirde es ganz gewifi viel mehr moralische
Menschen geben, als es der Fall ist.
Es konnte jemand zum Beispiel sagen: Man nehme ein
Elternpaar an, das seinen Kindern gegeniiber alles anstre-
ben wiirde, damit diese ordentHche und tuchtige Menschen
werden. Denn, so sagen die Eltern, wenn wir sie zu ordent-
lichen, tiichtigen Leuten machen, so werden sie uns im
Alter eine Stiitze sein konnen, und wir werden alles Mog-
liche von ihnen haben konnen. Wenn die Eltern ihre Kinder
unter diesem Gesichtspunkte erziehen, so ist es zweifellos
ein hochst egoistisclier Gesichtspunkt. Aber nehmen wir
nun an, die Kinder werden ordentlidi, so dafi sie tuchtige
Leute sind, wenn sie herangewachsen sind. Dann haben die
Eltern zwar etwas Egoistisches getan, aber sie haben Moral
nicht selbst gepredigt, wohl aber Moral begrundet, und es
konnte sich herausstellen, dafi sie, wenn sie die Kinder zu
tiichtigen Leuten machen, und diese dann spater etwas ganz
anderes zeigen, als sie sich vorgestellt haben, noch zu einer
ganz anderen ethischen Auffassung kommen. Da ware auch
fur die Eltern Moral begrundet, nicht gepredigt.
Nehmen wir an, ein Mensch hatte nicht die Gelegenheit,
fur sein nachstes Erdenleben den Ausgleich fur schlechte
Handlungen zu berechnen. Aber indem er nun unter dem
Einflusse einer solchen Anschauung von dem Karma Hand-
lungen begeht, wird sich ihm allmahlich eine moralische
Weltanschauung herausbilden. Sie wird aus der mensch-
lichen Natur heraus begrundet werden. Wer noch auf einer
niederen moralischen Stufe steht, wird ja gewift aus einer
egoistischeren Auffassung des Karma heraus handeln. Wer
aber auf den hoheren Standpunkt gekommen ist und daher
auch eine hohere Auffassung von dem Karma hat, wird in
sich eine selbstlose Moralforderung erfullen.
So handelt es sich darum, dafi man nicht abstrakt auf
etwas hinweise, indem man eine Karmaidee egoistisch
nennt, sondern daiS man zeigt, wie sie den Menschen zu
einer hoheren Entwicklung hinauffuhrt. Das konnte noch
weiter ausgefuhrt und gezeigt werden, wie die Geistesfor-
schung auf das Reale, auf das Wirkliche der Menschennatur
geht. Wenn jemand den anderen Einwand erheben wiirde,
dafi viele sich sagen konnten: Ich habe spatere Erdenleben
vor mir, da brauche ich erst in den spateren Leben ein
ordentlicher Mensch zu werden; jetzt habe ich noch Zeit,
jetzt kann ich noch ein unordentlicher Mensch sein -, so
ware das ein Einwand, der audi theoretisch zu widerlegen
ist. Um sich aber riditig zu ihm zu stellen, dazu gehort, dafi
man die praktischen Verhaltnisse kennt. Man mufi wissen,
daft jemand, welcher der Ansicht ware, er brauchte in seinem
jetzigen Leben nodi kein ordentlicher Mensdi zu sein, er
wolle dies erst im nachsten Leben werden, durdi einen sol-
dien Vorsatz in sein nachstes Leben hineingewirkt hat.
Wenn er nicht jetzt beschliefit, ein ordentlicher Mensch zu
werden, so hat er eben audi fur das nachste Leben nicht die
notigen Grundlagen dazu. Er benimmt sich also jetzt schon
die Fahigkeit, um spater ein ordentlicher Mensch zu sein;
er schafft sich selbst die Krafte dafiir hinweg. So konnte
wieder Stuck fiir Stuck iiber die berechtigten moralischen
Einwande gesprochen werden.
Audi der religiose Einwand ist berucksichtigt. Es wird
gesagt: Da mufi die Geistesforschung erklaren, dafi in jeder
Seele ein Funke des Gottlichen ist und dafi der Mensch
diesen Gottesfunken von Leben zu Leben immer mehr und
mehr entwickelt. Es wird also der Funke des Gottlichen in
die menschliche Brust verlegt.
Wie man sich zu dieser Sache verhalt, wenn man sie in
das richtige Licht zu bringen weift, das versuchte ich zu
zeigen in der ersten Szene meines Mysterien-Dramas «Die
Priifung der Seele». Gewifi, man kann sagen, es gehe durch
eine solche Anschauung das verloren, was geradedas religiose
Prinzip genannt werden kann, das Abhangigkeitsgefuhl
von dem Gottlichen, aufierhalb dessen der Mensch steht,
das kindliche Hinaufblicken zu diesem aufier ihm befind-
lichen Gottlichen. Aber man nehme nun das, was von dem
anderen Standpunkte aus zu sagen ist, dafi der Mensch
vollig einsehe, dafi das Gottliche einen Funken in ihn gelegt
hat, den er erleben mufi und zur Entfaltung bringen mufi;
dafi er tatsachlich einzusehen vermag: Du tragst in dir einen
gottlichen Funken, und lafk du ihn unentwickelt, so lalk
du ihn verkummern! Dieses Beisammensein mit dem Gott-
lichen, und doch wieder die Notwendigkeit, diesen Funken
erst entwickeln zu miissen, das ist ein Antrieb von einer
unendlich viel grofieren Starke, als jeder andere religiose
Antrieb.
Wer sich auf die Geisteswissenschaft einlafk, wird schon
sehen, dafi es sich nirgends um eine Gegnerschaft zu irgend-
einem religiosen Bekenntnisse handelt. Man glaubt, weil
sich religiose Bekenntnisse so gerne gegen anthroposophische
Geisteswissenschaft wenden, dafi sich nun die Geisteswissen-
schaft auch gegen religiose Bekenntnisse wenden werde.
Aber wie mit den vorhin charakterisierten wissenschaft-
lichen Einwanden ist es gerade auch mit diesem religiosen
Einwande: keinem religiosen Bekenntnisse kommt Geistes-
wissenschaft in die Wege, denn sie hat es mit dem Verhalt-
nisse der Menschenseele zu den iibersinnlichen Welten zu
tun, wahrend es die Religion zu tun hat mit dem Verhalt-
nis zu der einzelnen Seele.
Wer wirklich zu sehen vermag, der wird sehen, wie es
fiir den Menschen durchaus moglich ist, Geistesforschung
zu treiben, trotzdem er voll in einem fiir ihn naturgemafien
religiosen Bekenntnisse drinnen stehen bleibt. Die wahre
Begrundung von Geistesforschung aber, wenn sie von der
Welt aufgenommen wird, wird dem Menschen das geben
konnen, was man nennen kann eine vertieftere Auffassung
des seelischen Lebens, sowohl des einzelnen seelischen Le-
bens wie des Zusammenlebens der Seelen. Wer sich nur ein
wenig davon iiberzeugen kann, daft alles aultere mensch-
liche Zusammenleben nur ein aufieresBilddessen seinkann,
wie die Seelen zueinander stehen, der wird das Unermefi-
liche einsehen, was sich fiir die Seele ergibt, wenn sie zu der
Erkenntnis kommt, wie die einzelne Seele zu der anderen
steht, wie die einzelne Seele zur anderen stehen kann, wenn
sie richtig erfafit hat, wie die Schicksale der einzelnen Seele
gegenuber der anderen Seele sind im Leben zwischen dem
Tode und der nachsten Geburt, welches die Schicksale fur
die einzelne Seele sind, was es heifit, von einer anderen Seele
abgetrennt zu sein, was es heifit, ein neues Verhaltnis zu
gewinnen zu der abgeschiedenen Seele, wenn die Seele, die
hier geblieben ist, etwas von der ubersinnlichen Welt wissen
kann. Ober alles menschliche Wissen und iiber alle sonstigen
Verhaltnisse des Menschenlebens wird neues Licht ausge-
gossen, wenn sich das in die Seelen zu senken vermag, was
aus den Tiefen der ubersinnlichen Welt fiir jede einzelne
Seele hervorgeholt werden kann. Ein Hineinleben, nicht
blofi ein Hineindenken, gehort zu dem Erkennen, zu dem
Erschauen, zu dem Verstehen der geistigen Wahrheiten.
Das hat man nicht erst durch die Geistesforschung der
neueren Zeit erkannt, sondern das hat man im Grunde ge-
nommen immer schon iiberall da erkannt, wo man aus einer
wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt heraus gesprochen
hat. Nicht von mir selbst aus mochte ich sagen, was ich zu
sagen hatte fiir die Stellung der Geistesforschung gegenuber
denen, welche sie, ohne sie wirklich zu kennen, ablehnen,
wohl aber von Johann Gottlieb Fichte aus mochte ich es
sagen. Wenn manches Schwerwiegende, vielleicht auch fiir
manchen Verletzende in diesem Ausspruche ist, so beriick-
sichtige man, dafi er von einem Manne herkommt, der,
voller Enthusiasmus fiir Geistesforschung, seinen Zorn ver-
kiinden wollte alien denjenigen, welche, ohne wirklich einen
Einblick in die geistige Forschung gewinnen zu wollen, sie
ablehnen und sie bekampfen zu miissen glauben. Diesen
ruft Fichte zu:
«Sie konnen nicht anders, als jene sie beschamende Uber-
zeugung von einem Hoheren im Menschen und alle Er-
scheinungen, die diese Oberzeugung bestatigen wollen, wii-
tend anzufeinden; sie mussen alles Mogliche tun, um diese
Erscheinungen von sich abzuhalten und sie zu unterdriik-
ken; sie kampfen fiir ihr Leben, fur die feinste und innigste
Wurzel ihres Lebens, fiir die Moglichkeit, sich selber zu er-
tragen. Aller Fanatismus und alle wutende Aufierung des-
selben ist, vom Anfange der Welt an bis auf diesen Tag,
ausgegangen von dem Prinzip: wenn die Gegner recht
hatten, so ware ich ja ein armseliger Mensch. - Vermag
dieser Fanatismus zu Feuer und Schwert zu gelangen, so
greift er den verhafken Feind an mit Feuer und Schwert;
sind diese ihm unzuganglich, so bleibt ihm» (dieses letztere
mufi man ja fiir unsere Gegenwart doch auch sagen) «die
Zunge, welche, wenn sie auch den Feind nicht totet, doch
sehr oft seine Tatigkeit und Wirksamkeit nach aufien kraftig
zu lahmen vermag. Eines der gebrauchlichsten und belieb-
testen Kunststiicke mit dieser Zunge ist dieses, dafi sie der
nur ihnen verhaftten Sache einen allgemein verhafiten Na-
men beilegen, um dadurch sie zu verschreien und verdach-
tig zu machen. Der stehende Schatz dieser KunstgrifTe und
dieser Benennungen ist unerschopflich und wird immerfort
bereichert, und es wiirde vergeblich sein, hierbei einige Voll-
standigkeit anzustreben. Nur einer der gewohnlichsten ver-
haftten Benennungen will ich hier gedenken: der, dafi man
sagt, diese Lehre sei Mystizismus.
Bemerken Sie hierbei, zuvorderst in Absicht der Form
jener Beschuldigung, dafi, falls etwa ein Unbefangener dar-
auf antworten wiirde: Nun wohl, lafit uns annehmen, es
sei Mystizismus und der Mystizismus sei eine irrige und
gefahrliche Lehre, so mag er darum doch immer seine Sache
vortragen, und wir wollen ihn anhdren; ist er irrig und
gefahrlich, so wird das bei der Gelegenheit wohl an den
Tag kommen, - jene, der kategorischen Entscheidung ge-
mafi, mit welcher sie dadurch uns abgewiesen zu haben
glauben, darauf antworten mufiten: da ist nichts mehr an-
zuhoren; schon vorlangst, wohl seit anderthalb Menschen-
leben, ist der Mystizismus durch die einmiitigen Beschliisse
aller unserer Rezensionskonzilien als Ketzerei dekretiert
und mit dem Banne belegt.»
So Johann Gottlieb Fichte. Fichte spricht sich so aus, dafi
es einigermafien audi heute noch gelten kann uber das Ver-
haltnis der Geistesforschung, sagen wir zu denen, die nur
ihren Sinnen vertrauen wollen und die Welt nach dem ein-
gerichtet haben wollen, was ihnen ihre Sinne sagen. Fichte
vergleicht solche Menschen - obwohl dieser Vergleich viel-
leicht nicht ganz berechtigt ist die nur ihren Sinnen
vertrauen wollen und nicht zugeben wollen, da£ es eine
nahere Erkenntnis der Wahrheit gibt, mit Taubstummen
und BHndgeborenen, die auch nicht Tone und Farben zu-
geben wollten, wenn ihnen durch die Sehenden davon ge-
sprochen wird. Nun kann man Blindgeborene und Taube
allerdings nicht mit denen vergleichen, die nicht aufnehmen
wollen, was durch die hellseherische Forschung gegeben
werden kann, weil jede Seele fahig ist, sich in ein Ver-
haltnis zu den ubersinnlichen Wahrheiten zu bringen. Aber
Fichte sagt:
«Daf$ man sich auch der Taubstummen und der BHnd-
geborenen annimmt und einen Weg sich ausgesonnen hat,
um an sie Unterricht zu bringen, ist alles Dankes wert -
von den Taubstummen namlich und den BHndgeborenen.
Wenn man aber diese Weise des Unterrichts zum allge-
meinen Unterrichte, auch fiir die Gesundgeborenen, machen
wollte, weil neben ihnen doch immer auch Taubstumme
und Blindgeborene vorhanden sein konnten, und man dann
sicher ware, fiir alle gesorgt zu haben; wenn der Horende
ohne alle Achtung fiir sein Gehor ebenso miihsam reden
und die Worte auf den Lippen erkennen lernen sollte, als
der Taubstumme, und der Sehende ohne alle Achtung fiir
sein Sehen die Buchstaben durch Betastung lesen, so wiirde
dies gar wenig Dank verdienen von den Gesunden; ohn-
erachtet diese Einrichtung freilich sogleich getroffen werden
wiirde, sobald die Einrichtung des offentlichen Unterrichts
von dem Gutachten der Taubstummen und Blindgeborenen
abhangig gemacht wiirde. »
Vielleicht wiirde man sagen konnen, wenn man schon
gegen diesen Fichteschen Satz einenEinwand machen wollte,
dafS es nicht einmal so bei den Blindgeborenen und Taub-
stummen zugehen wiirde. Wenn es aber auf diejenigen an-
kame, die nur auf die Sinne und auf den Verstand ver-
trauen, um darauf zu kommen, wie die Welt gestaltet sein
sollte, so wiirden sie diese nicht so gestalten, wie die Sehen-
den sie erblicken. Sie wiirden zwar wettern und sich auf-
lehnen gegen alle spirituelle Interpretation der Welt von
seiten anderer, wiirden aber sich selbst fiir unfehlbar er-
klaren in bezug auf das, was sie iiber die Welt zu sagen
wissen. Hohnlachend wiirden sie sich verhalten, wenn ver-
langt wiirde, daft nur der iiber eine solche Sache sprechen
sollte, der von ihr weifi, und dafi diejenigen nichts dariiber
sagen sollten, die nichts von ihr wissen. Der Hauptgrund
aller Leugner der Geistesforschung ist ja nur der, dafi sie
nichts von ihr wissen. Logisch ware die erste Forderung,
dafi nur derjenige iiber eine Sache sprechen soil, der etwas
von ihr weiE. Aber solche Griinde, dafi man etwas ableug-
net, von dem man nichts weifi, werden nur zur Ablehnung
einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung in unserer
Zeit gebraucht.
Wer aber in seiner Seele durchleben kann, was in dem
ersten Vortrage gesagt worden ist, wer nicht zu warten
braucht auf die Einwande, die er in sich selber erleben kann
und in seinem Geistesleben zu durchschauen vermag, der
wird auch immer einen Weg finden zur Begriindung der
Geistesforschung, so daft fur ihn ein Wahrwort wird, was
idi audi in der ersten Szene der «Priifung der Seele» aus-
gesprochen habe, und das in der ganzen Verfassung des Be-
wufkseins zusammenfassen kann, was uns das Wissen von
den iibersinnlichen Welten geben kann, geben kann fur
unsere Lebenshoffnung, fur unsere Kraft im Leben, fur
unsere Sicherheit im Leben, fiir alles, was wir zu einem
menschenwerten Dasein gebrauchen. Alles, was gesagt wer-
den kann, was man sagen kann als in der Seele sich er-
hebend, in der Seele sich erlebend und erfiihlend, das kann
eben zusammengefafit werden in die Worte: Nicht bist du
mit deinem Denken, Fiihlen und Wollen allein. Wie du mit
deinem Leib in den StorTen lebst, die im ganzen Weltall
verbreitet sind, so lebst du mit deinem Denken, Fiihlen
und Wollen in etwas, was in dem ganzen Kosmos, in den
Raumesweiten ausgebreitet ist. Das heifit, es kann der Aus-
spruch, den ich an der bezeichneten Stelle meines Mysterien-
Dramas gesagt habe, Oberzeugung werden:
«In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fiihlen weben Weltenkrafte,
In deinem Willen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkrafte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkenstraumesspiel ;
Beginne in den Geistesweiten,
Und ende in den eignen Seelentief en : -
Du findest Gotterziele,
Erkennend dich in dir.»
DIE AUFGABEN DER GEI STE SF ORSCHUNG
FOR GEGENWART UND ZUKUNFT
Berlin, 14. November 1912
Geisteswissenschaft, wie sie hier in diesen Vortragen ge-
meint ist, will nicht etwas sein, was aus der Willkiir dieses
oder jenes Menschen entspringt, was etwa auf einem sub jek-
tiven Einfall eines einzelnen oder mehrerer beruht, sondern
sie will eine geistige Weltauff assung sein, die sich mit einer
gewissen Notwendigkeit in die Bediirfnisse und in die For-
derungen unserer Zeit hineinstellt, insofern sich diese Zeit
als ein erkennbares Produkt der Entwickelungsgesdiichte der
Menschheit ergibt. Nur dann, wenn eine Weltanschauung
gewissermafien von ihrer Zeit gefordert wird, kann sie mit
einer gewissen Berechtigung jene vertrauensvollen Worte
fur sich in Anspruch nehmen, welche in dem ersten Vor-
trage dieses Winters ausgesprochen worden sind. Nur unter
soldier Voraussetzung kann sie sagen: Wie audi von dieser
oder jener Seite her die Gegnerschaft gegen sie sich geltend
machen moge: enthalt sie irgend etwas von Wahrheit, so
darf sie darauf bauen, dafi die Wahrheit immer, und wenn
man sie noch so sehr verschiittet, die Ritzen und Spalten
finden werde, durch die sie im Geistesleben der Menschheit
Verbreitung gewinnt.
Wir werden nun, nicht mit allgemeinen Redensarten,
sondern mehr mit konkreten Tatsachen, darauf hinzuweisen
versuchen, wie im Laufe der letzten Jahrhunderte und
namentlich in der allerletzten Zeit bis zur Gegenwart her-
auf die suchende Menschenseele sich immer mehr und mehr
zu dem hinentwickelt hat, was die hier gemeinte Geistes-
wissenschaft dieser suchenden Mensdienseele sein will.
Wer konnte heute nicht, wenn er aus seinem Gemiite, aus
den Bediirfnissen seiner Seele heraus sich gezwungen sieht,
fiir. die Starke, fur die Sicherheit seines Lebens sich Auf-
schliisse iiber die Weltenratsel zu verschaffen, wer konnte
da nicht versucht sein, zunachst Anfrage zu halten bei dem,
was die ganz gewifi von der Geisteswissenschaft nicht unter-
schatzte, sondern in ihren Triumphen und Errungenschaften
voll anerkannteNaturwissenschaftzugebenhat? Unzahlige
Menschen sind ja heute des Glaubens, dafi es von einer
weiteren Ausbildung der naturwissenschaftlichen Fragen,
der naturwissenschaftlichen Forschung abhangen werde, ob
man gleichsam durch eine Zusammenfassung dieser natur-
wissenschaftlichen Tatsachen und Gesetze auch zu einer
Weltanschauung kommen werde, welche dem Menschen die
Ausblicke in dasjenige erofTnet, was hinter den Dingen
liegt, die er mit den Sinnen wahrnehmen kann, die er mit
seinem Verstande begreifen kann und mit denen er sich
verbunden fuhlt in seinem Dasein, die er aber zu erkennen
bestrebt ist, damit er wissen kann, welches das Schicksal der
Seele, ja, das Schicksal ihres Wirkens in der ganzen Welt ist.
Einer solchen Sehnsucht und einer solchen Hoffnung ge-
geniiber darf aber wohl darauf hingewiesen werden, dafi
sich im Laufe der Menschheitsentwickelung das Verhaltnis
der Seele zu dem, was die auftere Wissenschafb sein kann,
vollstandig geandert hat, und gerade an dem Beispiele, das
wir hier in bezug auf Seelenfragen im Verhaltnisse zur
Wissenschaft anf iihren konnen, mag sich uns so recht zeigen,
wie unsere Zeit in einer Beziehung doch nicht nur mit dem
trivialen, oft gebrauchten Worte einer «Ubergangszeit»
bezeichnet werden darf , sondern wie sie eineZeit ist, welche
in bezug auf geistige Forschungen im eminenten Sinne eine
neue Epoche fordert. Wir brauchen da nur an das Beispiel
einer groften Personlichkeit zu erinnern, die wie viele andere
ihrer Art dazu beigetragen hat, unsere Geisteskultur vor-
warts zu bringen, an Kepler, welcher der eigentliche grofie
Ausgestalter der kopernikanischen Weltanschauung ist, von
welcher ausgehend sich dennoch ja viele Fragen unserer
heutigen Weltanschauung aufwerfen.
Wer wiirde heute nicht, wenn er nicht Herz und Sinn
hat fur eigentliche Geisteswissenschaft, vielleicht sogar dazu
kommen konnen, zu sagen: Durch solche Leistungen wie
diejenigen Keplers ist es der Menschheit gelungen, mit
r einer objektiver Naturwissenschaft und ihren Gesetzen
die Bewegungen der Himmelskorper zu erfahren. Und wie
kann-konnte der Mensch sagen -daneben etwa der Glaube
bestehen, da£ diese Bewegungen der Himmelskorper in
irgendeiner Weise von geistigen Wesenheiten geregelt seien,
auf welche die Geisteswissenscharl hinweisen will, von gei-
stigen Wesenheiten, die hinter dem Materiellen und seinen
Gesetzen stehen, da sich doch alles auf mechanische, phy-
sikalische Art erklaren la£t! Wozubedarf es da noch irgend-
weicher hinter diesen physikalischen Gesetzen stehender
geistiger Krafte?
Ein soldier Ausspruch sieht aufierordentlich beriickend
aus, und man kann darauf hinweisen, dafi es gerade die
Erlosung von altgewohnten Vorurteilen der alten spiri-
tuellen Weltanschauungen war, dafi solche Leute wie Kepler
aus rein physikalischen Gesetzen heraus die Bewegungen
der Himmelskorper im Raume erklart haben. Gehen wir
aber objektiv, ohne Zeitvorurteile, auf Kepler selber ein,
studieren wir ihn in seinen seelischen Eigentiimlichkeiten,
so finden wir das Merkwurdige, dafi alles, was Keplers
Blick in die Himmelsraume hinausgerichtet hat, was ihm
die eigentlichen inneren Impulse gegeben hat, um seine
grofien, gewaltigen Gesetze aufzufinden, das Bewufksein
war, mit seiner Seele eingebettet zu sein in geistige Ur-
griinde des Daseins, in die Wirksamkeit geistiger Wesen-
heiten, welche die Raume erfiillen und durch die Zeit hin-
durch wirken. Er war sich klar, da$ das, was er den Pla-
netenbewegungen als «Gesetze» zuschrieb, ihm nur dadurch
eingegeben werden konnte, dafi die Gesetze die Gedanken
gottlich-geistiger Wesenheiten seien. Wenn wir nachfor-
schen, worauf bei Kepler solche Impulse beruhten, so miis-
sen wir sagen, sie beruhten eben darauf, dafi der ganze
Gang der Menschheitsentwickelung immer die menschliche
Seele in Zusammenhang gehalten hat mit dem Geistig-See-
lischen, und da£ dasjenige, was man wie ein selbstverstand-
liches Geistig-Seelisdies hinnahm, zu Keplers Zeiten eben
noch da war, da war in der Tradition, in dem allgemeinen
Glauben, da war, um die Seele zu befeuern, zu befliigeln
und in ihr Gedanken wach werden zu lassen.
Aber wer konnte daneben leugnen, dafi dies bei Kepler
so klar im Hintergrunde seines Schaffens Stehende gerade
im Lauf e der letzten Jahrhunderte allmahlich hingeschwun-
den ist, hingeschwunden durch das, was aus ihm geschaffen
worden ist, so dafi heute die Menschenseele sehr leicht glau-
ben kann, dafi Keplers Gesetze und alles, was in dieser Art
zustande gekommen ist, zum Beweise aufgerufen werden
konnte gegen die Annahme einer geistig-gottlichen Welt.
Wenn wir von Kepler durch die Jahrhunderte herauf bis in
unsere Zeit gehen, so sehen wir, wie dasjenige, was zwar
noch aus dem Bewufitsein des Zusammenhanges des Men-
schen mit dem Gottlich-Geistigen geboren ist, immer mehr
und mehr dieses Bewufitsein selbst hinwegschafft, und wie
eine Zeit herauf riickt, grofi und gewaltig durch ihre natur-
wissenschaftlichenErrungenschaften,grofiundgewaltigdurch
die Schopfungen bedeutsamer Erkenntnisse auf dem Ge-
biete der Naturwissenschaft, eine Zeit, in welcher die Men-
schenseele allmahlich unf ahig ist, aus der Fiille dieses natur-
wissenschaftlichen Materials, aus der Fiille dessen, was man
auf materiellem Gebiete erkannte, wirklich zum Geistigen
aufzusteigen. Man konnte sagen: Dadurch charakterisiert
sich der Hergang unserer Geistesentwickelung der letzten
Jahrhunderte, da£ das Mehr dessen, was sie gebracbt hat,
ungeheuer ist, grofi und bewunderungswiirdig, dal$ aber
die Moglichkeit der Menschenseele, von diesen Leisuingen
aus hin auf ein Geistiges durchzublicken, gerade durch die
Fiille und die Art der naturwissenschaftlichen Leistungen
beeintrachtigt, ja geradezu vernichtet worden ist.
Anschaulich wird uns das, wenn wir zum Beispiel die
Art auffassen, wie noch Goethe mit seiner Art des For-
schens iiber Naturvorgange hineingestellt war in die ganze
Weltanschauungsrichtung seiner Zeit. Es ist interessant, wie
zum Beispiel Herman Grimm, dieser geistvolle und zu-
gleich tiefe Kenner Goethes, sich veranlalk fiihlt, das Hin-
eingestelltsein Goethes in die naturwissenschaftlichen Rich-
tungen seiner Zeit zu charakterisieren. Herman Grimm
fragt: Wie dachten die dem goetheschen Zeitalter voran-
gegangenen Jahrhunderte sich noch das Verhaltnis des
Menschen zur Natur?
Wer diese Jahrhunderte kennt, wird Herman Grimm
recht geben: so unterschieden sie sich von dem Spateren,
daiS der Mensch auf der Erde stand und man sich befugt
glaubte, wenn man das Wesen von Tieren, Pflanzen und
anderen Dinge ansah, in dem Menschen etwas wie eine Art
Abschlu£ der ganzen iibrigen Erdenschopfung, ja Welten-
schopfung anzusehen; da£ man sich befugt glaubte, zu sagen:
Es liegt ein soldier Sinn in der ganzen Entwickelung, dafS
man erkennen kann, wenn man auf Stein, Pflanze und Tier
hinblickt, wie eine innere Wesenheit sich allmahlich heran-
entwickelt hat, den Menschen schon im Auge habend, sich
heraufentwickelt hat, urn alles andere fiir den Menschen
und sein Ziel hinzustellen. Wie weit man dabei noch der
alten mosaischen Schopfungsgeschichte anhangen wollte,
darauf kommt es nicht an. Aber diese Oberzeugung war da:
in alien Weltenreichen etwas wie einen Impuls zu sehen,
der schon den Menschen in sich schliefit und alles Ubrige
nur zur Vorbereitung macht, um den Menschen, der von
Anfang an geistig da ist, zum Gipfel dieser ganzen Schop-
fung zu machen.
Was bildete sich dem gegeniiber immer mehr und mehr
heraus? Zuerst - meint audi Herman Grimm - begann die
Astronomic DieErde wurde zu einem unbedeutenden Wel-
tenkorper im Weltall gemacht und der Mensch so hinge-
stellt auf die Erde, als ob er sich, ohne dafi er in den anderen
Reichen von vornherein veranlagt worden ware, wie eine
Naturnotwendigkeit zuletzt ergeben hatte, so dafi er nicht
berechtigt ware, seinen Sinn mit dem ganzen Hergang der
Sache zu verbinden. Ungeheure Zeitraume nimmt die Geo-
logie an, die verflossen sind, bevor der Mensch auf der Erde
auftrat, und die keineswegs im Sinne der Naturforschung
schon die Spuren zeigen wiirden, dafi alles andere da ware,
um den Menschen spater vorzubereiten. Goethe darf man
in einer gewissen Weise geradezu einen radikalen Natur-
forscher nennen. Hier habe ich es ofter erwahnen diirfen,
wie er durch seine eigenen naturwissenschaftlichen Ent-
deckungen bemiiht war, aus den Anschauungen iiber den
aufieren Bau des Menschen das hinwegzuraumen, was ihn
von den iibrigen Organismen der Erde scheiden kbnnte,
und man darf Goethe einen Deszendenz-Theoretiker, einen
Entwicklungs-Theoretiker vor Darwin und den anderen
Entwicklungs-Theoretikern unserer Zeit nennen. Aber mit
Recht weist Herman Grimm darauf hin, wie Goethe es sich
doch nicht habe nehmen lassen, hinter dem, wo der Dar-
winismus nichts mehr sieht als materielle Vorgange, ein
«Geistiges» zu sehen, welches sich geistig in alien mate-
riellen Vorgangen entwickelt, so dafi der Mensch doch dort
hineingestelft ist.
Wir haben von Goethe ein merkwiirdiges Wort, das so
recht aufmerksam machen kann, wie er bemiiht war, ob-
wohl er so recht naturwissenschaftlich gesinnt war, den
Menschen als den Gipfel und die Krone des geistigen Seins
hinzustellen. Er sagt: Was sollen denn schlieftlich alle die
Millionen Sterne in der Welt, wenn sich nicht zuletzt ein
menschliches Auge ihnen entgegenstellen kann, um sie zu
betrachten und in sein Wesen aufzunehmen? - Und nicht
mit Unrecht. Es brauchte ja freilich vieles, was, wenn wir alle
diese naturwissenschafllichen Tatsachen und naturwissen-
schaftlichen Gesetze durchgehen, das Recht zu der Frage
belegen kann: Wo finden wir irgend etwas draulkn aufter
dem Menschen, was uns Anhaltspunkt werden konnte, dafi
Geist in allem Lebendigen und in allem Leblosen walte?
Wo finden wir, wenn wir naturwissenschaftlich den Men-
schen selbst ins Auge f assen, nachdem einmal die Erkenntnis
errungen ist, dafi das seelische Leben an die Gehirnvorgange
gebunden ist, wo finden wir einen Hinweis darauf, das
Seelendasein aufierhalb der Grenzen von Geburt und Tod
zu denken?
Man braucht heute nur eine der bedeutenderen und be-
ruhmteren Philosophien aufzuschlagen, zum Beispiel die
des weltberuhmten Wundt, und man wird iiberall finden,
wenn solche Philosophen von der naturwissenschafllichen
Forschung ausgehen, dafi gewisse Schlusse, gewisse Ergeb-
nisse aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen gezogen
werden, und dafi die Philosophen iiberall herankommen -
meinetwillen - bis an das Geistige, daft sie aber in dem
Augenblick, wo es sich darum handeln wiirde, das Geistige
zu ergreifen, gezwungen sind, stehenzubleiben. Warum
das? Aus dem einfachen Grunde, weil die ganze Art und
Weise des Denkens, wie es sich in Anlehnung an die natur-
wissenschaftlichen Forsdiungen herausgebildet hat und die
naturwissenschaftlichen Tatsachen Stiick fur Stuck verfolgt,
keine Moglichkeit ergibt, um innerhalb dieser Denkgewohn-
heiten, innerhalb dieser ganzen Art des Forschens, den Weg
zu finden aus der Materie und ihren Gesetzen heraus in
das wirkliche geistige Geschehen und sein Wesen, weil iiber-
all der Denkfaden abreifit. Warum rifi er Goethe nicht ab?
Weil Goethe noch durchdrungen war von Impulsen, die als
uralte herauf gekommen waren in der Menschheitsentwicke-
lung, weil in ihm noch etwas von dem Historisch-Geblie-
benen, von den uralten geistigen Anschauungen lebte - die
wir noch kennenlernen werden — , und weil seine Seele in
einer gewissen Weise noch nicht von dem entleert war, was
der Seele auf direktem geistigem Wege im Laufe der Jahr-
tausende zugekommen war, wenn diese Seele in die Dinge
des materiellen Geschehens hinausblickte.
Aber schnell entwickelte sich unsere Zeit, und daher ist
bei ihrer schnellen Entwicklung in denjenigen, die ihre
Denkgewohnheiten nach den naturwissenschaftlichen For-
sdiungen einrichteten, heute kaum mehr das vorhanden,
was bei Goethe noch vorhanden war. Daher haben wir es
erlebt, dafi Darwin zwar ausfiihrlicher und eindringlicher
als Goethe die Zusammenhange der lebendigen Wesen an
den Tag gelegt hat, aber trotzdem stehengeblieben ist bei
dem ganzen Sinn und der Art seines Forschens. Wahrend
aber Goethe bei dieser ganzen Art und dem Sinn des For-
schens iiberall noch hinter den Erscheinungen den Geist sah,
haben die Darwinianer — nicht Darwin selbst! — das, was
Goethe nicht gehindert hat, zum Geiste zu kommen, auf-
fassen imissen als ein Hindernis, um irgendwie zum Gei-
stigen zu kommen.
Deshalb konnen wir es begreifen, daS diejenigen, die
ihre eigentlichen Hoffnungen fiir eine Weltanschauung bei
der zeitgenossischen Wissenschafl sehen, diese Hoffnungen
vielfach getauscht sehen miissen. Allerdings geht etwas, was
in der Menschheit vorhanden war, nicht so ohne weiteres
verloren. Wir konnen es bis in die neueste Zeit herein er-
leben, daft audi ernste Forscher, die nur Wissenschafl wol-
len, durchaus nicht der Meinung sind, dafi diese Wissen-
schaft nur aufiere Tatsachen darstelien miisse, sondern sehr
wohl dazu dienen konnte, den fortlaufenden Gang einer
Weltenweisheit, die in den Dingen lebt, zu belegen. Interes-
sant ist es, dafi selbst ein Historiker aus der Schule Rankes,
Lord Acton, bei einer bedeutsamen Universitatsrede in Cam-
bridge im Jahre 1895 als Geschichtslehrer zu seinen Zu-
horern sagen konnte: Ich hofTe, da£ die ganz objektive
Schilderung geschichtlicher Tatsachen das Wirken einer gott-
lichen Weltenweisheit enthiillen werde. - Ja, Lord Acton
sprach sogar dazumal vom Wirken des «Auferstandenen»
in der Geschichte.
So sehen wir, dafi noch in unsere Zeit hereinragt aus den
Zeiten, da man das Dasein einer geistigen Welt als etwas
Selbstverstandliches hingenommen hat, etwas wie ein Ge-
tragenwerden des Forschens, wie ein Getragenwerden des
ganzen wissenschafUichen Denkens von einer solchen Ge-
sinnung, wie noch hereinragt bei diesem Getragensein aus
den alten Zeiten das Durchdrungensein der Seele so, dafi
dieses Getragensein sich noch in sich durchdrungen fuhlt
vom Geistigen. Aber ebenso wahr ist es, dafi der, welcher
sich heute ganz an die naturwissenschaftlichen Denkgewohn-
heiten anschmiegt und zum Beispiel verfolgt, wie die ein-
zelnen Seelentatigkeiten ihre entsprechenden Aufierungen
in Gehirn- oder anderen Nervenvorgangen haben, dafi ein
soldier, gerade indem er Tatsache auf Tatsache verfolgt,
sich leicht sagen kann: Ja, fur das, was der Mensch zu
denken, zu f uhlen und zu empfinden vermag im materiellen
Leben, dafiir gibt es audi iiberall Anhaltspunkte des For-
schers; aber was etwa fiir die Seele davor oder darnach
liegen konnte, dariiber sagt mir die Naturwissenschafl nichts.
Wie verbreitet ist der Irrtum, dafi die Naturwissenschafl,
weil sie schon einmal aus ihrer Betrachtung der Tatsachen
und ihrer Gesetze nicht zu dem Geistigen hinuberkommen
kann, deshalb audi das Geistige ablehnen musse! Zwar
wird, und das ist wieder charakteristisch fiir die ganze
Weltanschauungslage unserer Zeit, selbst von denjenigen,
welche auf dem Standpunkte stehen, dafi wir zu einer Welt-
anschauung iiberhaupt nur durch Zusammenfassung der
naturwissenschafllichen Tatsachen und Gesetze kommen
konnen, immerdar gewarnt vor voreiligen Schlussen, vor
der Hypothesenmacherei, die immer ein paar Tatsachen
zusammenfassen will, um Schlusse zu ziehen, wie das Leben
der Seele an dieses oder jenes gebunden sei, wie der ganze
Weltenzusammenhang sei oder dergleichen.
Eine solche Warnung erging erst wieder vor kurzem
an bedeutungsvoller Stelle. Auf der diesjahrigen Naturfor-
scherversammlung hielt der sehr bedeutende Naturforscher
Wettstein eine Rede fiber Biologie, iiber die Wissenschaft
vom Leben, in ihrer Verwertbarkeit fiir die Weltanschauung,
und er warnte davor, aus den Tatsachen, wie sie vorliegen,
allgemeine Schlusse fiir die Weltanschauung zu ziehen. Aber
es glauben dennoch viele, dafi man deshalb warten mufite
in bezug auf die Ratsel, die sich auf das Leben der Seele
beziehen, bis die Naturwissenschafl mit ihren Tatsachen zu
Ende gekommen sei. Zwar erinnert das, was hier vorge-
bracht ist - wenn man namlich behaupten wollte, es miifite
der Mensch, der in die Geheimnisse der Seele und des Gei-
stes eindringen will, urn iiber Seele und Geist zu Schliissen
zu kommen, durchaus uberall in der Welt naturwissen-
schaftlicher Tatsadien herumgegangen sein- es erinnert das
an einen schonen Goetheschen Ausspruch: «Um zu begreifen,
dafi der Himmel uberall blau ist, braucht man nicht um die
Welt zu reisen.»
Ich mochte aber im Konkreten zeigen, wie der Weg der
Menschenseele zu ihren Geheimnissen im Geistigen in einer
gewissen Beziehung unabhangig ist von allem, was die ein-
zelnen Gesetze der Naturwissenschaft, was die einzelnen
Gesetze der Gelehrsamkeit iiberhaupt dieser Menschenseele
geben konnen. Um dies zu erharten, mochte ich auf fol-
gende Tatsache hinweisen: Wir hatten im neunzehnten
Jahrhundert einen bedeutenden Philosophen in Miinchen,
Moriz Carriere. Er gehorte zu denen, die aus einer Fulle
nicht nur von Gedanken, sondern aus einer Fulle wirklicher
wissenschaftlicher Gelehrsamkeit heraus die Welt und ihre
Erscheinungen zu begreifen versuchten. Hat doch Carriere
durch sein grofies Werk iiber die Kulturentwicklung der
Menschheit bewiesen, wie er Tatsache auf Tatsache aus den
alten Zeitaltern gelehrt zusammengetragen hat, um den
Gang des Geistes durch die Weltentwicklung zu begreifen.
Aus alien solchen Vorgangen hat sich nun Carriere eine
Weltanschauung gebildet, die ich deshalb um so lieber er-
wahne, weil sie noch durchaus vor der Ausbildung einer
eigentlichen Geisteswissenschaft lag, eine Weltanschauung,
welche durch sich zu der Einsicht kam von dem Zusammen-
hange der Seele mit einer geistigen Welt, die durch Raume
und Zeiten ausgebreitet ist, so, wie es einen Zusammenhang
gibt zwischen dem, was korperlich im Korper des Menschen
liegt, und den Stoffen und Kraften, die drauften im Raume
ausgebreitet sind, und die in der Zeit wirken.
Eines Tages nun bekam Moriz Carriere das Manuskript
eines einfachen Mannes gezeigt, eines Mannes, der ganz
und gar nidit gelehrt war, der nichts hatte von der Fiille
der Gelehrsamkeit, durch welche Moriz Carriere zu der
Anschauung des eben geschilderten Zusammenhanges der
Seele mit dem Geistigen gekommen war. Zeuner hiefi dieser
einfache Mann, 1813 ist er geboren. Durch einen Lebens-
lauf , dessen Schilderung hier aus Mangel an Zeit nicht mog-
licli ist, kam Zeuner in die Lage, viele, viele Monate einsam
hinbringen zu miissen; er hatte sich von der revolutionaren
Bewegung hinreifien lassen, und dies hatte ihn ins Gefang-
nis gebracht. Aber er war, ohne Gelehrter zu sein, eine
hochgeartete Seele. In dem Manuskript, das er nun in
den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Moriz
Carriere gezeigt hat, erzahlt er, wie er in seiner einsamen
Zelle gebrutet und gebriitet hat, angefiillt nur - wie es im
Geiste seiner Zeit und der Menschen lag, die ihn bis dahin
umgeben hatten - mit materialistischen Anschauungen, wie
aber seine Seele ode geworden war in der Einsamkeit, wie
sie gelitten hat unter dem Hunger, etwas zu haben, an das
er aber nicht glauben konnte. Dann erzahlt er weiter, wie
er einmal von seiner Zelle aus einen merkwurdigen Gesang
horte, der sich draufien erhob, der ihn erinnerte an Erleb-
nisse seiner ersten Kindheit und ihn mit anderen Erleb-
nissen in Zusammenhang brachte, wie dies wieder einen
Funken Freude in der Seele ausloste, und wie dieser Impuls,
der dadurch der Seele gegeben war, ein Impuls von innerer
Frische und Aktivitat der Seele, Gedanken in dieser ein-
fachen, schlicbten Seele ausloste, Gedanken, die nun Zeuner
niederschrieb. Und dieses Manuskript hat er dann spater
an Moriz Carriere iibersandt. Wenn man es liest - Moriz
Carriere hat es spater abdrucken lassen -, so mufi man
Carriere recht geben: Zeuner hat, indem er sich der einsam
aus seiner Brust gebieterisch herausarbeitenden Seele iiber-
lassen hat, etwas gefunden, was in derselben Weise den
Zusammenhang der Seele mit dem Weltengeiste darstellt,
wie ihn Carriere darstellen konnte, nachdem er ein Leben
von Gelehrsamkeit und ein Leben von Wissenschaft hinter
sich hatte.
Man braucht nicht um die Erde herumzureisen, um zu
begreifen, dafi der Himmel iiberall blau ist. Der Weg zum
Geistigen muS eben in einer anderen Art gefunden werden
als durch ein blolSes Zusammenfassen naturwissenschaft-
Hcher Gesetze oder durch ein Konsequenzen-Ziehen aus den
naturwissenschaftlichen Forschungen. Die Auseinanderset-
zung aber mit der Naturwissenschaft mufi vielmehr eine
andere sein. Keine Weltanschauung kann heute bestehen,
und keine Weltanschauung darf bestehen -weil die Bediirf-
nisse der Menschenseele sie hinwegfegen wiirden - welche
mit der Naturwissenschaft im Widerspruch stehen wiirde.
Daher mufite in den beiden ersten Vortragen so scharf
betont werden, was von seiten der Naturwissenschaft gegen
Geistesforschung gesagt werden kann und wie sich die
Geisteswissenschafl dagegen zu verhalten hat. Und nicht
oft genug kann es betont werden, dafi man sich beirrt fuhlen
sollte in bezug auf irgendeine geisteswissenschaftliche Er-
kenntnis, wenn man mit ihr heute in Widerspruch zu einem
berechtigten Ergebnisse der Naturwissenschaft kommen
wird. Aber wenn man sich dann wieder diese Naturwissen-
schaft ansieht und wenn man einen Sinn und ein Herz hat
fur die notwendige Autoritat, die von der Naturwissen-
schaft ausgehen mufi, so wird man um so mehr auf das hin-
deuten mussen, was die Seele beirren kann, was sie gerade
beirren mufi durch die Fiille des Vorhandenen, wenn sie den
Weg zum Geiste antreten will. Auch das mochte ich durch
Beispiele erharten.
Da sei auf zwei Forscher aufmerksam gemacht, die beide
auf dem Boden der Entwicklungsgeschichte, auf dem Boden
der Naturwissenschaft standen. Beide Forscher fafiten den
Hervorgang der einzelnen lebendigen Organismen ausein-
ander so auf, wie dieDarwinianer dieSache audi auffassen,
aber sie nahmen nur den Menschen aus. Sie waren sich klar,
dafi man die auf die Tierwelt anzuwendenden Gesetze nicht
auf den Menschen anzuwenden habe, sondern dafi man,
wie man sein Korperliches aus dem Physischen, so sein
Geistig-Seelisches aus einem Geistig-Seelischen herleiten
musse. Daniber waren sich beide vollstandig klar. Sie waren
ebenso gute Naturforscher wie Erkenner des Geistigen, aber
ihre Denkgewohnheiten standen unter denjenigen der natur-
wissenschafHichen Richtung. Sie dachten wie man als echter
Naturwissenschaftler denkt. Wie dachte der eine, Mivart,
und wie dachte der andere, Wallace, ein Zeitgenosse Dar-
wins, liber die eigentlichen Vorgange in der Entwicke-
lung?
Wallace sagte sich, der Mensch konne nicht so einfach in
die Tierreihe hineingestellt werden. Schon aus dem Grunde
nicht, weil schon im aufieren Bau des Gehirnes ein betracht-
licher Unterschied zwischen dem Menschen und dem hochst-
entwickelten Affen vorhanden sei, wenn man auch nur den
Wilden ins Auge fasse, und weil das Affengehirn gegen-
uber dem Gehirn des Wilden viel zu unvollkommen sei,
wenn nur im geraden Fortgange der Entwickelung der
Mensch sich aus dem Affen entwickelt haben soil.
Der andere Forscher, Mivart, fand, dafi die Kulturstufe
des wilden Menschen gar nicht aufterlich verschieden sei von
der Entwicklungsstufe des hochstentwickelten Affen. Wenn
man aber die geistigen Betatigungen des Wilden und da-
gegen die Betatigungen des hochstentwickelten Affen ins
Auge fasse, so musse man voraussetzen, da die Gehirne der
beiden so viel Ahnlichkeit miteinander haben, dafi der
Mensch deshalb nicht in die Tierreihe gehore. Wenn man
wieder die Gehirne ins Auge fasse, so sehe man ganz klar,
dafi sidi das Gehirn des Menschen nicht aus dem Affen-
gehirn entwickelt hat durch Anpassung an aufiere Ver-
richtungen, sondern es entwickle durch die Zivilisation alle
Moglichkeiten schon so, dafi es nur so scheine, als ob schon
alles veranlagt ware, damit es einmal das Werkzeug der
Zivilisation werden konnte.
Also weil das Affengehirn und das Menschengehirn so
stark voneinander abweichen, glaubt der eine, Wallace,
annehmen zu miissen, dafi keine Verwandtschaft des Men-
schen mit der Tierreihe bestiinde. Und gerade die Ahnlich-
keit der geistigen Eigenschaflen bei beiden war fur Wallace
ein Beweis fur das, was er sagte. Fur Mivart, seinen Zeit-
genossen, war das gerade Umgekehrte vorhanden; er war
der Ansicht, wenn man die geistigen Eigenschaflen des
wilden Menschen mit dem hochststehenden AfTen vergleiche,
so trete ein so grofier Unterschied hervor, dafi man wegen
dieses Unterschiedes keine Stammverwandtschaft zwischen
dem Wilden und dem Aff en annehmen konne.
Wir sehen also zwei Naturforscher, beide an natur-
wissenschaftliches Denken gewohnt, die beide aus entgegen-
gesetzten Griinden das annehmen, was ihre Meinung ist;
der eine, weil die Eigenschaffcen des Wilden und des hochst-
stehenden Affen so ahnlich, der andere, weil sie so ver-
schieden sind. Wenn nun schon zwei Forscher, die beide
dazu neigen, den Menschen vom Geistigen abzuleiten, in
bezug auf ihre Beweisgriinde so durch das beirrt werden
konnen, was sich an Fiille der Tatsachen ausbreitet, wie
sollte erst der, welcher noch mehr vorurteilsvoll in den
Denkgewohnheiten des blofi materialistischen Denkens be-
fangen ist, nicht noch mehr durch die Fiille der Tatsachen
unf ahig sein, aus diesen Tatsachen und Gesetzen selber her-
aus zum Geistigen zu kommen!
Die Naturwissenschaft fiihrt uns eben nur von Tatsache
zu Tatsache. Haben wir die Geisteswissensdiaft, dann kann
aus dieser Geisteswissensdiaft gerade das Naturwissenschaft-
lichebegriffen und ins rediteLicht geriickt werden. Niemals
aber konnen die Gesetze der Geisteswissensdiaft aus der
Naturwissenschaft heraus irgendwie gefunden werden. Da-
her miifke es immer mehr und mehr geschehen, dafi der
menschlichen Seele ihre ganze geistige Nahrung entzogen
wiirde, wenn sie darauf angewiesen bliebe, «wissenschaft-
lich» nur das gelten zu lassen, was die Naturwissenschaft
hervorbringt. Die Naturwissenschaft selbst wird gerade da-
durch ihre Grofie und Bedeutung erlangen, dafi sie sich in
ihren Grenzen halt.
Wer aber nur ein wenig einen Blick in das menschliche
Seelenleben tut, der wird bald finden, dafl die Seele zu ihrer
Sicherheit, zur Kraft und zur Arbeit im Leben die Ant-
worten braucht auf die Frage nach dem Geiste. Waren sie in
alten Zeiten - wir haben es an Kepler, an Goethe erhartet
und konnen es an anderen erharten - fur die Menschen-
seele von selber schon in den ganzen Anschauungen iiber
die Welt enthalten, so sind sie es heute nicht, und eine neue
Aufgabe entsteht, die wir schon charakterisieren konnten,
und die wir in ihrem Wesen noch charakterisieren werden:
die Aufgabe der Geisteswissensdiaft. Gerade was durch die
Grofie der Naturwissenschaft verschwunden ist, das mufi
auf selbstandige Weise wieder durch die Geisteswissensdiaft
gefunden werden, indem die Wege gezeigt werden, auf
welchen die Menschenseele in ihre geistige Heimat hin-
gelangen kann. Wer das Zeitalter richtig versteht, der wird
begreifen, wie sich, nachdem der Her gang nun einmal so
war, wie er geschildert worden ist, ein starkes Bediirfnis,
eine starke Sehnsucht zeigt, immer mehr vom Geiste aus
nun audi die Welt zu begreifen und eine selbstandige Gei-
steswissenschaft neben die Naturwissenschaft hinzustellen.
Wenn wir auf Einzelheiten eingehen, selbst auf das viel-
leicht heute von vielen Geistglaubigen verworfene Gesetz
der wiederholten Erdenleben, so sehen wir es langsam und
allmahlich heraufkommen und sich in die neuere Kultur
einleben, zum Beispiel bei Lessing in seiner Abhandlung
uber die «Erziehung des Menschengeschlechts>>. Immer wie-
der sehen wir, wenn man auch heute wenig davon weifi,
wie im neunzehnten Jahrhundert innerlich konsequente
Seelenforscher hingefiihrt werden zu dem fiir die mensch-
liche Seele einzig und allein angemessenen Gesetz der wie-
derholten Erdenleben.
Je mehr die Naturwissenschaft auf dem Boden des Ma-
teriellen ihre groiKen Triumphe feiert, desto mehr erbliiht
fiir den Geist die Sehnsucht, seine eigenen Wege zu gehen.
Und wieder an einem konkreten Beispiele mochte ich zeigen,
wie der ganze Hergang des Geisteslebens unserer Zeit so
gestaltet ist, da£ er wie von selbst in das einlauft, was die
Geisteswissenschaft heute sein will. Auf einen Denker, auf
einen Forscher mochte ich aufmerksam machen, den ich im
Laufe dieser Wintervortrage noch mehr besprechen werde,
der gerade mit Hinblick auf ein Sehnen nach der Geistes-
wissenschafl interessant ist, auf Herman Grimm, den Kunst-
historiker. Ein umfassender Geist, zeigt er uns gerade als
ein solcher, wie die Seele in der neueren Zeit aus einer
blofien naturwissenschaftlichen Auffassung des Geschehens
herausdrangt, namentlich im Menschenleben herausdrangt,
und wie durch die Impulse und Krafte der Zeit die Seele
wieder zuriickgehalten wird vor dem letzten Schritt des
Hinausdrangens, vor dem Hineindrangen in die Geistes-
wissenschafl.
Wer die Schriften Herman Grimms sorgfaltig durch-
nimmt, wird sehen, dafi Herman Grimm nadi einem Wel-
tenprinzip sucht, aber nicht nach einem toten Weltenprinzip,
sondern nach einem schaffenden Gesetz, woran sich zum
Beispiel der praktische Geschichtsforscher halten kann, und
was etwas anderes sein mufi als die sogenannten histo-
rischen Ideen. Ideen konnen ebensowenig etwas schafTen,
wie - nach dem Bilde des letzten Vortrages - ein gemalter
Maler ein Bild malen kann. Ideen sind etwas Totes. Wirk-
sam kann nur etwas Lebendiges sein. Herman Grimm
suchte nach dem Lebendigen in der Geschichte, das kraft-
voll schaff en kann von Epoche zu Epoche, das einstmals in
der Urepoche der Menschheit aus unpersonlichen Griinden
die Gestalt der menschlichen Seele schuf xmd dann von Volk
zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter aus sich die einzelnen
Errungenschaften hervorzauberte. Und was glaubte er als
ein solches gefunden zu haben? Die schaffende Phantasie.
Auch ein deutscher Philosoph, Frohschammery hielt die
Phantasie fiir das nicht nur im geschichtlichen Werden, son-
dern auch in der Natur Schopferische. Herman Grimm
konnte nicht dazu kommen - was er ja wollte - zu zeigen,
wie die Phantasie wirklich eine Art von Gottheit ist, welche
in dem Willen lebt und die Taten in der Menschheits-
geschichte hervorbringt, wie der einzelne Mensch die Taten
seiner Seele aus sich heraus. Was er tat, hat er im Lichte
dieser Anschauung geschaffen, dafi hinter dem geschicht-
lichen Werden die schopferische Phantasie stent, dafi alles
aus der schopferischen Phantasie heraus zustande gekom-
men ist. Aber was ist ihm die Phantasie? Sehen wir nicht
in dem Drange eines Forschers, die Tatsachen verstehen zu
konnen, das Heranriicken an etwas Geistiges, das aber doch
kein Geist ist? Denn die schafFende Phantasie bleibt doch
nur ein Abstraktum, welches zwar lebendiger ist als die
Geschichtsideen, aber fur den realistisch Denkenden doch
nur ein Abstraktes ist.
Man mochte sagen, bis vor das Tor der Geisteswissen-
schaft dringt ein Forscher wie Herman Grimm. Er kann
nicht bei den auifteren materiellen Tatsachen und dem
aufieren Geschehen stehen bleiben, er sieht hinter allem
aufieren Geschehen das, was die Phantasie schafft, und ver-
objektiviert es im Weltgeschehen. Aber niemand kann in
der Phantasie ein Wirkliches, etwas real Schaffendes er-
kennen. Sie bleibt ein Abstraktum, und erst wenn man
hinter sie dringt zu dem, was nicht mehr ein Abstraktum
ist, was geistig ist, was so real ist wie ein real Sinnliches,
erst wenn man herandringt zu den geistigen Tatsachen, die
nicht umschriebene Ideen sind, sondern wesenhaft sind,
kann man verstehen, wie das, was um uns herum ist, in der
Welt wirklich geschieht. Deshalb sehen wir an einem sol-
chen tiefen Denker, wie die Sehnsucht unserer Zeit zum
Geistigen hin heranruckt, und wie die durch die Zeit ge-
schaffenen Verhinderungsgriinde so gewaltige sind, dafi die
Menschen nicht durch das Tor zum Geistigen kommen
konnen. Sehen wir nicht den Drang, zu dieser Geistes-
wissenschaft heranzukommen? Sehen wir nicht, wie diese
Geisteswissenschaft fiir Gegenwart und Zukunft Aufgaben
hat, welche der Sehnsucht, dem Drange, den Forderungen
der Zeit entsprechen?
Schauen wir uns die Behinderungsgriinde der heutigen
Seelen genauer an! An der Sehnsucht nach dem Geistigen
konnen wir so klar erkennen, wie die Menschen gar nicht
anders konnen, wenn sie in die Zeitverhaltnisse klar hin-
einschauen, als nach dem Geiste und seinen Gesetzen zu
begehren, wie sie aber doch nicht in das Geistige hinein-
dringen konnen und nun sozusagen auf ein Geistiges war-
ten. Wo man hinblickt, merkt man den Drang nach dem,
was man eben noch nicht kennt. Aber an der Art des Dran-
ges selber merkt man ganz genau, dafi einstmals eine Zeit
kommen werde, die gar nicht mehr so feme liegt, wo die
Menschen verstehen werden: zu der Sehnsucht, zu dem
Drange, den sie haben, ist die Geisteswissenschaft die
Erlosung.
Man hat vor kurzer Zeit auf jedem Bahnhofe bei den
Buchhandlern ein Buch sehen konnen, das wahrhaftig nicht
von einem Manne verfafit ist, der sich leicht jeder einzelnen
Schwarmerei hingeben wurde, Nicht von einem einsamen
Griibler und einem Nichtkenner der geistigen Bediirfnisse
der Zeit riihrt dieses Buch her. Wenn die Geisteswissen-
schaft ihre Berechtigung zeigen will, so darf sie sich ja nicht
auf die oft sonderbaren Schwarmer stutzen, die in ihrem
sektiererischen Wesen verstehen wollen, was der Mensch-
heit forthelfen kann; aber berufen darf sie sich auf das,
was in dem jetzt gemeinten Buche «Zur Kritik der Zeit»
von Walther Rathenau zum Ausdruck gebracht ist, das ein
Mann geschrieben hat, der im industriellen und kommer-
ziellen Leben mitten drinnen steht und der das Raderwerk
unserer Zeit kennt.
Nicht, als ob ich mich mit allem darin einverstanden er-
klaren wollte. Gegen jede Seite dieses Buches konnte etwas
eingewendet werden, aber gerade was man nennen konnte
den Drang der Zeit nach geistiger Erkenntnis, das zeigt sich
symptomatisch an einem solchen Buche. Was stellt Walter
Rathenau dar? Er stellt gerade das dar, was ich aus dem
Geiste der Zeitentwicklung im letzten Jahrhundert etwas
tiefer zu begrtinden versuchte, Bei Rathenau ist es so: Durch
die Fortschritte der naturwissenschaftlichen Entwicklung
hat sich allgemein eine Mechanisierung des Lebens ergeben.
Wahrend der Mensch friiher das, was sich seinen Sinnen
darbot, aus dem Geiste heraus zu erklaren versuchte, er-
klart er es heute aus dem Mechanischen heraus. Aber audi
das VerhaltnisvonMenschzuMensch hat sich mechanisiert.
«Mechanisierung» ist das, was durch die groften Fortschritte
und die bedeutenden Errungenschaften der Zeit heraufge-
kommen ist. Und empfinden kann man — und Walther
Rathenau empfindet es -, wie die Seele innerhalb des Denk-
und sozialen Mechanismus verodet, wie sie allmahlich leer
wird unter solchen Zielen, wie man ihr zwar die Nahrung
nehmen kann, ihr aber nicht durch die Mechanisierung den
Hunger tilgen kann.
Was viele der besten Kenner der Zeit gesagt haben, das
ist auch hier gesagt: Man drangt zuriick, was die Seele
geistig verlangt, und man wird sehen konnen, wenn sich
auch die Seele mit etwas Scheinbarem zufrieden gibt, daft
der betrefTende Hunger um so mehr sich zeigen wird. ~ So
sehen wir denn, wie ein ganz in seiner Zeit drinnen ste-
hender Mensch schreibt:
«Die Zeit sucht nicht ihren Sinn und ihren Gott, sie
sucht ihre Seele, die im Gemenge des B lutes, im Gewiihl des
mechanistischenDenkensundBegehrens sich verdustert hat.
Sie sucht ihre Seele und wird sie finden; freilich gegen
den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche lag nichts
daran, das Seelenhafte im Menschen zu entfalten; sie ging
darauf aus, die Welt benutzbar, und somit rationell zu
machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jen-
seitige zu verdecken. Dennoch sind wir wie je zuvor vom
Mysterium umgeben; unter jeder glatten Gedankenflache
tritt es zutage, und von jedem alltaglichen Erlebnis bedarf
es eines einzigen Schrittes bis zum Mittelpunkt der Welt.
Die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur
Natur -und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem
einzelnen nicht rauben; fiir das Leben der Gesamtheit wer-
den sie zur Bedeutungslosigkeit verfluchtigt. Menschenliebe
sank zum kalten Erbarmen und zur Fiirsorgepflicht herab
und bedeutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamt-
epoche; Naturliebe wurde zum sentimentalen Sonntagsver-
gniigen; Gottesliebe, iiberdeckt vom Regiebetriebe mytho-
logisch-dogmatischer Ritualien, trat in den Dienst dies-
seitiger und jenseitiger Interessen und wurde so nicht blofi
unedlen Naturen verdachtig. Es gibt wohl keinen einzigen
Weg, auf dem es dem Menschen nicht moglich ware, seine
Seele zu finden, und wenn es die Freude am Aeroplan ware*
Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten. Es
werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter,
denn dieser iibertaubtenZeitwird keine Einzelstimme mehr
vernehmlich werden: sonst konnte sie heute nocli auf Chri-
stus und Paulus horen. Es werden keine esoterischen Ge-
meinden die Fiihrung iibernehmen, denn eine Geheimlehre
wird schon vom ersten Schiller mifiverstanden, geschweige
vom zweiten. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre
Seele bringen, denn die Kunst ist ein Spiegel und ein Spiel
der Seele, nicht ihre Urheberin.
Das Grofite und Wunderbarste ist das Einfache. Es wird
nichts geschehen, als dafi die Menschheit unter dem Druck
und Drang der Mechanisierung, der Unfreiheit, des frucht-
losen Kampfes die Hemmnisse zur Seite schleudern wird,
die auf dem Wachstum ihrer Seele lasten. Das wird ge-
schehen nicht durch Griibeln und Denken, sondern durch
freies Begreifen und Erleben. Was heute viele reden und
einzelne begreifen, das werden spater viele und zuletzt alle
begreifen: daiS gegen die Seele keine Macht der Erde stand-
halt. »
Insofern solche Worte Sehnsuchten ausdriicken, und in-
sofern unsere Zeit den Geist fordert, kann man durchaus
damit einverstanden sein. Nur mufi man hinzufiigen: es
herrscht hier ein vollstandiges Wissen von dem, was die
Zeit bedarf, aber ein vollstandiges Unbekanntsein mit dem,
was diesen Drang und diese Bediirfnisse befriedigen kann.
Es herrscht audi ein klares Urteil, dafi der berechtigte Indi-
vidualismus unserer Zeit nicht mehr dazu angetan ist, einen
einzelnen Religionsstifter oder Propheten aufzunehmen,
oder auf irgendeine sektiererische Seite hin, die sich «eso-
terisch» nennen will, Geheimschulen zu begriinden.
Wahre Geisteswissenschaft wird weder das eine noch das
andere wollen. Wahre Geisteswissenschaft weift, wie das
richtige Esoterische dann berechtigt ist, wenn es nicht zum
Exoterischen werden will, sondern innerhalb seiner selbst
stehenbleibt. Denn nicht auf das, was als ein Esoterisches
sich einleben will, wird es ankommen, sondern auf das,
was sich in unsere Zeit so einleben will, dafi es von dem
gesunden Sinn aufgenommen werden kann. Insofern wird
nicht die Autoritat irgendeines Propheten dem Zeitalter
geniigen konnen, sondern nur die vom Menschen und seiner
subjektiven Individuality ganz unabhangige Wahrheit,
welcher sich die Menschenseele hingeben kann, wenn sie es
nur will. Insofern ist das, was mit Geisteswissenschaft hier
gemeint war, gerade mit den Worten dieses Praktikers
Rathenau getroffen.
Aber warum ist es unserem Zeitalter so schwierig, nun
wieder zur Geisteswissenschaft zu kommen? Warum tiirmt
sich. so etwas auf wie eine uniibersteigliche "Wand zwischen
dem Drang der Zeit und der eigentlichen Geisteswissenschaft?
Audi dies kann man zeigen, worin die eigentlichen Hin-
dernisse liegen. Was wiirde zum Beispiel jemand iiber eine
Naturwissenschaft sagen, die «Wissenschaft» sein will und
sich als den Bediirfnissen des Menschengeistes entgegen-
kommend erweisen will, wenn der Mensch, der da Natur-
wissenschaftler sein will, auf jede Frage nach dem Zusam-
menhange des physischen Menschenleibes mit den natur-
wissenschaftlichen Tatsachen nur immer antworten wiirde:
Da ist diese oder jene Organisation im physisdien Leibe des
Menschen; das entspricht dem, was audi draufien in der
Natur ist. - Kann sich jemand eine ernste Naturwissen-
schaft denken, die auf alles, wonach man sie fragt, nur
immer antwortet: Das ist Natur! Die Natur ist hinter den
Bewegungen der Sterne, die Natur ist hinter den chemischen
Verrichtungen, Natur, Natur, Natur. - Ein Wort nur!
Kann man sich vorstellen, daft der, welcher so etwas tate,
als ein ernsthafter Erkenner der Natur aufgefaftt wiirde?
Nun kann man wieder sagen: Die Impulse der Menschen-
seele, um in die geistige Welt hineinzukommen, sind in der
letzten Zeit so schwache geworden, dafi der ganz lebendig
sich bekundende Drang in unserer Zeit sich noch in gar
nichts anderem aufiert als in dem, was in der Geisteswissen-
schaft ganz ahnlich ware wie in der Naturwissenschaft, wo
die Menschen nur immer schreien wiirden: Natur, Natur,
Natur! Sehen wir doch gewichtige Stimmen sich erheben,
die energisch dafiir eintreten, dafi die naturwissenschaftliche
Betrachtung unserer Zeit den Menschen hinlenken miisse
nach dem Seelischen. Aber sie kommen nicht weiter, indem
sie diese Hinlenkung nach dem Seelischen fordern, als zu
betonen: «Der Mensch hat eine Seele, es gibt eine Seele»,
und so weiter; «Seele, Seele, Seele - Geist, Geist, Geist»,
sagen sie, so wie der wenig befriedigende Naturforscher
sagen wiirde: Natur, Natur, Natur!
Da sehen wir - und es seien nicht unbedeutende, sondern
durchaus bedeutende Tatsachen angefuhrt -, wie ein be-
deutender Mann der Gegenwart bei einer Festfeier der
Harvard-Universitat in Amerika eine Rede dariiber hielt,
wie eine allgemeine Weltanschauung, welche zum Geistigen
ftihrt, aus der Naturwissenschaft herausgeboren werden
miisse, Dr. Eliot, ein Mann, der fest auf dem Boden der
Naturwissenschaft steht, der ein genauerKenner der Natur-
wissenschaft der Gegenwart ist. Ich mochte wirklich wieder
eine Stelle aus einer Rede anfiihren, die an einem hervor-
ragenden Orte der Erde gehalten worden ist. Dr. Eliot
sagte:
«Die Menschen haben immer eine vom Korper verschie-
dene, obgleich ihm innewohnende Seele angenommen. Nie-
mand ist willens, in seinem Korper aufzugehen. Im Gegen-
teil glaubt jetzt jedermann, und alle Menschen haben dies
geglaubt, dafi es im Menschen ein belebendes, herrschendes,
eigenartiges "Wesen oder einen Geist gibt, der er selber ist.
Dieses ist etwas gerade so Wirkliches, als der Korper, und
Charakteristisches . . . Dieser Geist oder diese Seele ist der
wirksamste Teil des menschlichen Wesens, er wird als sol-
dier erkannt, und dies war immer der Fall.»
Weiter sagt Dr. Elliot nichts, als da£ er auf die «Seele»
hinweist, analog dem, wie wenn jemand immer nur auf die
«Natur, Natur, Natur» hinweisen wiirde. Wir sind eben
in unserer Zeit noch nicht so weit, dafi sich dieDenkgewohn-
heiten in bezug auf den Geist diesem ebenso anbequemen
wiirden, wie bei der Natur. InderNaturwissenschaftunter-
scheiden wir SauerstofF und Wasserstoff im Wasser, und
wir sagen nicht: Sauerstoff und Wasserstoff gehoren der
«Natur» an. -Da gehen wir auf die Einzelheiten der Natur
ein. Ebenso mufi die Geisteswissenschaft dahin kommen,
dasjenige, was in der Seele als Krafte und als Betatigungen
lebt, nicht nur auf ein «allgemein Geistiges» zu beziehen,
sondern auf eine geistige Welt, auf ein konkretes Reich des
Geistes, das unterschieden wird, das im einzelnen beschrie-
ben wird wie die einzelnen Tatsachen der Naturwissenschaft.
Erst wenn die Geisteswissenschaft so dastehen wird vor
der Betrachtung der einzelnen Tatsachen der Menschenseele,
wie die Naturwissenschaft vor der Betrachtung der ein-
zelnen Naturtatsachen steht, wird sie der Menschenseele
das geben konnen, was die Seele verlangt. Zu zeigen, wie
diese Wege sind, dazu ist der nachste Vortrag bestimmt.
Aber das sollte vor alien Dmgen auseinandergesetzt wer-
den, wie in unserer Zeit der Drang nach etwas vorhanden
ist, iiber dessen Bedeutung und Wesenheit man sich noch
nicht klar ist, und wie der Geisteswissenschaft in unserer
Zeit die Aufgabe erwachst, eine Erkenntnis des Geistigen
zu bringen, wie die Naturwissenschaft eine Erkenntnis der
Naturtatsadien bringt. Und so wie es die Naturwissenschaft
als ihre Aufgabe betrachtet, einen Stoff, der sich audi im
menschlichen Leibe findet, in seiner Entwickelung draufien
in der Welt zu verfolgen, um den ganzen Zusammenhang
zu erkennen, so wird es die Geisteswissenschaft als ihre
Aufgabe betrachten, irgendeine Betatigung der mensch-
lichen Seele auf die geistigen Krafte und die geistigen
Schopfungsprinzipien draufien im Weltall zuriickzufiihren.
Daraus wird sie aber audi erkennen, wie das, was in der
menschlichen Seele lebt, sich zu dem ganzen Weltall, zu
Raum und Zeit verhalt. Nur dadurch kann sie zu den Ant-
worten auf die Ratsel der Unsterblichkeit und des Schick-
sals des Menschen zwischen dem Tode und einer nachsten
Geburt kommen. Nicht das abstrakte Hinweisen auf «Geist»
und «Seele» im allgemeinen kann zu etwas Erspriefilichem
fiihren. Das wird immer nur zum Zweifel gegeniiber den
wahren Antworten, zum Beispiel iiber die Unsterblichkeits-
frage, fiihren. Erst wenn man sieht, wie an etwas ganz
anderes angekniipft ist, das im Zeitenlaufe nicht der Ver-
ganglichkeit unterworfen ist, werden sich diese Fragen aus
der Geisteswissenschaft heraus beantworten lassen.
Wenn man dies bedenkt, darf man aller dings sagen: Die
Aufgaben der Geistesforschung fur Gegenwart und Zu-
kunft stellen sich ahnlich, wie sich die Aufgaben der Natur-
wissenschaft gerade bei der Morgenrote der naturwissen-
schaftlichen Entwicklung in der neueren Zeit gestellt haben.
"Wie man zur Zeit des Kopernikus, Galilei, Kepler und so
weiter die alten Traditionen uberwand und den mensch-
lichen Geist selber auf die naturwissenschaftlichen Tatsachen
hinlenkte, und wie durch Verfolgung dieses Weges bis in
unsere Zeit herein eine gewisse Fiille der naturwissenschaft-
lichen Errungenschaflen entstanden ist, so mufi es unserer
Zeit die ernsteste Aufgabe sein, in ausfuhrlicher Art eine
Geisteswissenschaffc zu begrunden und die Wege zu zeigen,
welche die Seele zu den einzelnen geistigen Wesenheiten
und den einzelnen geistigen Tatsachen zu gehen hat.
Leicht hat es die Naturwissenschaft nicht gehabt. Sie hat
auch ankampfen miissen gegen Hindernisse, wie wir sie
heute wieder gegenuber der Geisteswissenschaft haben. Ofter
habe ich auf solche Hindernisse hingewiesen. So suchte zum
Beispiel Galilei den Menschen seiner Zeit klarzumachen,
wie man durch das ganze Mittelalter hindurch geglaubt
hatte, dafi die Nerven des Menschen vom Herzen aus gin-
gen, und er wollte zeigen, wie die Nerven vom Gehirn aus
gehen. Da sagte ihm em Freund: Das widerspricht allem,
was Aristoteles gelehrt hat. - Abgesehen davon, dafi es
Aristoteles gar nicht so gemeint hat, hat man aber doch
geglaubt, dafi die Nerven des Menschen vom Herzen aus
gehen. Das ganze Mittelalter hat nicht auf die Natur selbst
hingeschaut, sondern nur alte Traditionen und Vorurteile
fortbewahrt. Als nun Galilei seinem Freunde am Leichnam
zeigte, er solle sich davon iiberzeugen, dafi die Nerven vom
Gehirn aus gehen, da entgegnete ihm dieser: Wenn ich es
mir anschaue, so sieht es so aus, als ob die Nerven des
Menschen vom Gehirn aus gehen, aber das widerspricht
Aristoteles, und wenn ich in Konflikt komme mit Aristoteles,
so glaube ich dem Aristoteles und nicht der Natur.
So stark konnen sich die Vorurteile der Menschen auftiir-
men. Und als spater, ganz im Galileischen Sinne, Francesco
Redi das noch zu seiner Zeit herrschende Vorurteil um-
warf, lebendige Wesen konnten sich aus etwas Unleben-
digem entwickeln, niedere Tiere, Wiirmer und dergleichen
konnten aus Flufischlamm entstehen, als er den Satz aus-
sprach: «Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen»,
und es sei nur eine ungenaue Beobachtungsweise, wenn
man glaube, dafi aus dem Flufischlamm, in welchem kein
Keim war, Wiirmer hervorgehen konnten, da entging er
nur mit knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno.
Wenn nun heute der geisteswissenschaftliche Forscher sagt:
Wenn ihr glaubt, dafi bei einem sich entwickelnden Kinde
alles, was es seelisch hervorbringt, nur durch die Vererbung
von den Eltern und Voreltern bedingt sei, so beobachtet ihr
ungenau; es rvihrt vielmehr von einem geistigen Keime
her, der schon durch ein fruheres Erdenleben ging, auf der
Erde war, und dann ein Leben im Geistigen durchgemacht
hat, — wenn so die Geisteswissenschaft auf einen geistigen
Keim hinweist, wie Francesco Redi auf den materiellen
Keim hingewiesen hat, dann stehen ihr wieder die Vor-
urteile der Zeit entgegen. Wenn man auch heute nicht mehr
verbrennt, so hat man heute andere Mittel, um solche ket-
zerische Behauptungen unschadlich oder wenigstens lacher-
lich zu machen. Die Art, wie die Zeit ihre Menschen behan-
delt, wird zwar von Epoche zu Epoche eine andere, aber es
bleibt das Wesen der Vorurteile immer dasselbe. In ahn-
licher Weise steht heute die Zeit zu der Erforschung der
geistigen Bedurfnisse, wie sie in der Zeit der Mor gemote
der naturwissenschafllichen Entwicklung zu den damaligen
naturwissenschaftlichen Bediirfnissen gestanden hat. Und
wenn die Naturwissenschaft durch ihre Friichte der Mensch-
heit eine Erhohung der aufieren Kultur gebracht hat, so
werden die Friichte der Geisteskultur noch ganz andere
sein. Sie werden vor allem Friichte fiir das Leben der Seele
sein.
Wie leidet heme mancher Mensch praktisch unter den
naturwissenschaftlichen Vorurteilen! Da steht ein Mensch,
und wenn er ein naturwissenschaftlicher Glaubiger und den
Geist Ablehnender ist, so sagt er sich wohl: Da habe ich
eine gewisse Art der Individuality an mir; ich schaue
hinauf zu meiner Blutsverwandtschaft und mufi erkennen,
wie ich das Ergebnis der Vererbung seitens dieser meiner
Blutsverwandtschaft bin. - Dann senkt sich Depression,
Energielosigkeit und Unfahigkeit des Ankampfens gegen
ein Schicksal in manche Seele. Denn wenn es so ware, daft
der Mensch nur das Ergebnis der Vererbung ware, dann
wiirde es ebenso unmoglich sein, die schlimmen Wirkungen
der Vererbung aufzuhalten, wie es unmoglich ist, den Blitz,
der gegen einen Menschen zuckt, aufzuhalten. Wenn aber
die Geisteswissenschaft nicht blofi eine Theorie bleibt, son-
dern Kraft der Seele wird, so dafi wir wissen: in uns lebt
ein seelischer Kern, der das, was die Vererbungslinie gege-
ben hat, nur als aufiere Hiille an sich tragt, und der in sich
immer tiefere und tiefere Krafte suchen mufi - dann wachst
der Mut, die Hoffnung, die Energie, um das, was sich im
aufieren korperlichen Dasein als Schwache zeigt, durch das
Geistige zu beherrschen und zu verbessern. Da gibt es dann
keinen Augenblick im Menschenleben mehr, wo man nicht
im Hinblick auf die geistigen Krafte im Menschen die
Sicherheit gewinnen kann, aufiere Hindernisse zu uber-
winden.
So ist es auf vielen Gebieten. SovermagderblofieGlaube
an das Materielle, in welches das Seelenleben eingespannt
sein soli, unser Gluck, unsere Energie herabzudriicken, und
so vermag dagegen die Geisteswissenschafl, wenn sie zur
lebendigen inneren Kraft der Seele wird, uns Sicherheit zu
geben gegen alle Mechanisierung des Lebens. Das ist eine
andere Aufgabe der Geisteswissenschafl, dafi sie auf alien
Gebieten die MogHchkeiten schafTen wird, sicher und gesund
dem Leben gegenuberzustehen. - Dr. Eliot verspricht audi
eine gesunde Wissensdiafl in seiner Art. Er, der zwar audi
den Drang der Seele zu dem Geiste kennt, aber sich so ver-
halt wie der Naturerkenner, der bei allem nur immer von
«Natur, Natur, Natur» spredien wiirde, ersagt: Einesolclie
neue Wissensdiafl wird nicht wie die alte von Tod und
Trauer reden, sondern von Leben und Freude.
Das glaube ich gern, dafi die Seele gar sehr nach einer
Weltanschauung verlangt, die nach «Leben und Freude»
drangt, die ablehnen will und nicht an sich herankommen
lassen will «Tod und Trauer », auf welche vielfach alte
Weltanschauungen zuriickgingen, die vor allem das Ratsel
des Todes vor den Menschen hinstellten. Das glaube ich
gern, da£ die Menschen Tod und Trauer abzulehnen ver-
langen. Aber Tod und Trauer - kommen von selber. Die
Menschen mogen noch so sehr sich wehren und sagen, sie
wollen Tod und Trauer in ihren Weltanschauungen ab-
lehnen, sie wollen Leben und Freude haben. Aber Tod
und Trauer kommen von selber, und dann mu£ man mit
ihnen fertig werden. Man wird aber nur mit ihnen fertig,
wenn man den lebendigen Geist kennt, welcher das Leben
audi dort fortsetzt, wo die aufiere Natur Tod und Trauer
hinsetzt, und der audi das schopf erische Prinzip in Schmerz,
Leid und Trauer kennt. Das werden wir noch sehen, daft
die Geisteswissenschafl, wie sie hier gemeint ist, das schein-
bar Entwicklungshemmende, das Bose, das dem Leben
Widersprechende, doch als die Welt vorwartsbringend und
dem Leben dienend anzusehen vermag.
Man konnte sagen: Was die Wahrheit der Geistesfor-
schung, wie sie nicht aus der Willkiir eines einzelnen, son-
dern aus dem folgt, was der Mensch heute erkennen kann,
wenn er die Umwelt richtig durch die Wege der Seele zu
einer geistigen Erkenntnis auffafit, was diese Wahrheit im
ganzen Weltenzusammenhange bedeuten kann, das kann
sich in dem Vergleiche darstellen, wie sich der geisteswissen-
schaftliche Forscher verhalt zu dem naturwissenschaftlichen
Welterkenner in der Morgenrote der neueren Zeit. Schauen
wir hin auf Giordano Bruno, bei dem die Weltanschauung
des Kopernikus am pragnantesten zum Ausdruck kommt!
Wie steht er da in seiner Zeit? Er nimmt die Gesetze des
Kopernikanismus auf, richtet den Blick hinaus in die Rau-
mesweiten. Vorher gab es eine Weltanschauung, die sich nur
auf die au£ere Sinnesanschauung verlassen hat. Wenn man
heute hort, dafi alles unsicher sei, was nicht von der ge-
brauchlichen Wissenschafl erforscht ist, so konnte man ein-
wenden: Es sehe doch die Wissenschafl hin auf die Zeit des
Kopernikus und des Giordano Bruno! Solange man sich in
bezug auf den Sternenhimmel auf das verlassen hat, was
sich dem Auge darbietet, hatte man von dem aufieren Welt-
system nicht die richtige Anschauung, sondern erst, als man
uber die aufiere Sinnesanschauung hinausging und sich den
Gedanken hingab, hat man durch die innere Energie das
gefunden, was man heute als wahr erkannt hat.
Erst als Kopernikus und Giordano Bruno so weit waren,
dafi sie die Tauschung des Sinnenscheins iiberwanden, konn-
ten sie darauf hinweisen, wie irrig der bisherige Glaube der
Menschen war, die Erde sei etwas fest im Raume Stehendes,
urn sie herum kreisten Mond, Sonne und die Planeten, dann
kame die Fixsternsphare, und dahinter sei gleichsam die
sogenannte achte Sphare, die begrenze alles. Giordano
Bruno stellte sich hin und sagte den Menschen: Wenn ihr
den Blick in den Himmelsraum hinausrichtet, dann ist keine
«achte Sphare» da, die macht ihr euch selbst; sondern da ist
das blaue Firmament, und ausgefullt sind die Raumes-
weiten mit Welten, wie die unsrige ist, und wir sehen hin-
aus in ein Meer von Unendlichkeit, wenn wir nur die Grenze
zu iiberwinden vermogen, die wir uns selbst gesteckt ha-
ben! -Diese Oberwindung der Raumesgrenze war die Grofie
der kopernikanischen und der Giordano Brunoschen Welt-
anschauung, indem erkannt wurde: weil der Blick des Men-
schen nidit weiter reichte, glaubte man an eine achte Sphare,
wahrend in Wahrheit die Raumesweiten unbegrenzt sind.
Heute stent die Menschheit in bezug auf die Geistes-
wissenschafl: ganz auf demselben Boden. Wie Giordano
Bruno zeigte, da£ das blaue Himmelsgewolbe nur deshalb
da ist, weil der Blick des Menschen nicht weiter reiclit, so
zeigt die Geisteswissenschafl, dal$ das Menschenleben zwi-
schen Geburt und Tod nur deshalb begrenzt ist, weil der
Blick des gewdhnlichen Menschen nur bis dahin geht. Eben-
sowenig, wie fur die Betrachtung des Weltenraumes das
Firmament eine Grenze ist, ebensowenig sind Geburt und
Tod eine Grenze fur die Menschenbetrachtung, die wir nur
aufrichten, weil der Blick des gewohnlichen Menschen nur
so weit reicht. Wie durch die Naturwissenschaft die raum-
liche Begrenzung der Welt hinweggeschafrt und der Welten-
raum erschlossen wurde, so werden heute die Grenzen von
Geburt und Tod durch die Geisteswissenschafl fiir den Men-
schen hinweggeschafft, indem sie den geistigen Blick hin-
auszurichten lehrt in das Leben der Seele in der ewigen
Dauer, so wie die Naturwissenschaft in der Morgenrote der
neueren Zeit den Blick hinausgerichtet hat in die Ewigkeit
oder, besser gesagt, in die Unendlichkeit des Raumes. Ganz
dasselbe, heute wie damals, nur auf einem anderen Gebiete!
So wahr die Naturwissenschaft, die sich an das auftere
Menschenleben und an die aufiere Erkenntnis des Men-
schenlebens gewendet hat, unendliche Vorteile und Errun-
genschaften gebracht hat, so wahr audi wird dem, was die
Seele zu ihrem Leben braucht, der iiber Geburt und Tod,
iiber Zeitliches erweiterte Blick der Menschenseele unend-
liche Werte bringen. Denn die geisteswissenschaftliche For-
schung wird, wenn sie richtig getrieben wird, ubergehen in
die Menschenseele und wird dort Leben werden, wird Kraft
und Zuversicht werden, wird uns hineinstellen in den gan-
zen sozialen Zusammenhang und der Seele das bringen,
wonach die Seelen, die nur ein biiSchen zu verstehen be-
ginnen, sich so sehr sehnen.
Durchaus wahr, nicht nur in der Theorie, sondern im
Leben und in der Kraft, wird die Geisteswissenschaft das
machen, was ich schon einmal in einige Worte zusammen-
zufassen versuchte, mit denen ich auch heute meine Be-
trachtung schlieJSen will, die zeigen sollte, was Geist und
Sinn und Ziel der Geisteswissenschaft ist, und was diese
Geisteswissenschaft der menschlichen Seele sein soli. Sinn
und Ziel der Geisteswissenschaft, wir konnen sie etwa so
fassen:
Es sprechen zu dem Menschensinn
Die Dinge in den Raumesweiten;
Sie wandeln sich im Zeitenlauf .
Erkennend dringt die Menschenseele,
Unbegrenzt von Raumesweiten
Und unbeirrt vom Zeitensein,
In das Reich des Geistes ein.
DIE WEGE DER OBERSINNLICHEN
ERKENNTNIS
Berlin, 21. November 1912
Sdion in den einleitenden Vortragen zu dem diesjahrigen
Winterzyklus wurde des ofteren darauf hingewiesen, wel-
ches die Quellen der iibersinnlichen Erkenntnisse des Men-
sclien sind, jener Erkenntnisse, von denen - und audi von
ihrer Beziehung zu der Welt, in der wir leben - dieser ganze
Vortragszyklus handeln soil. Es wurde darauf hingewiesen,
wie diese Quellen iibersinnlicher Erkenntnisse in der Men-
schenseele, in jeder Menschenseele selber liegen, in ihr als
schlummernde Krafte und Fahigkeiten liegen, welclie durch
geeigneteMittel im intimen inneren Er leben hervorgebracht
werden konnen, so dafi der Mensch fahig werden kann, in
die geistigen Welten hineinzuschauen. Die Entwicklung die-
ser in der Seele schlummernden Fahigkeiten soli am heu-
tigen Abend mit einigen Strichen gezeichnet werden. Weitere
Ausfiihrungen zu dem heute Darzustellenden werden sich
dann in den nachsten Vortragen ergeben.
Wenn es sich darum handelt, zunachst begreiflich zu ma-
chen, wie die in der Seele schlummernden iibersinnlichen Er-
kenntniskrafte hervorgeholt werden, so kann man immer auf
eine Erscheinung, auf eine Tatsache hinweisen, die sich mit
jedem Menschen im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden
abspielt: auf den Wechsel von Schlaf und Wachen. Der
Mensch geht ja gewohnlich gerade an denjenigen Lebens-
ratseln vorbei, die taglich als etwas Gewohntes in das Le-
ben hereinspielen, und das Seltene und durch seine Selten-
heit Bedriickende wird in den meisten Fallen leicht die
Sehnsucht hervorrufen, als Ratselfrage gelost zu werden.
Ober solche bedriickende Lebensratsel soil im nachsten Vor-
trage hier gesprochen werden. Heute aber soli von einem
Ratsel ausgegangen werden, das sich allerdings in seiner
Ratselhaftigkeit nur deshalb dem Menschen entzieht, weil
er die betreffende Erscheinung eben so gewohnt ist, namlich
der Wechsel von Schlaf und Wachen.
Wir miissen zur Aufrechterhaltung unseres Lebens mit
jedem Tage axis dem Zustande der Bewufkheit in den-
jenigen der Unbewufitheit tibergehen. Was ist denn ge-
schehen - wir brauchen es nur popular anzudeuten -, wenn
der Mensch in den unbewulken Zustand des Schlafes iiber-
geht? Die Aufnahmefahigkeit der Sinne hort auf, die Be-
wegungsfahigkeit der organischen Glieder hort auf, das
Denken, das ja an die Tatigkeit des Gehirns gebunden ist,
insofern es sich in der au£eren Welt betatigt, hort auf. Wir
fiihlen im Einschlafen alle die Tatigkeiten und alleBewufit-
seinserfiillung, welche uns den Tag liber ausfiillt, versin-
ken. Es ware fur jeden unbefangen Urteilenden schon eine
logische Unmoglichkeit, zu denken, dafi dasjenige, was im
bewu£ten Zustande vom Morgen bis zum Abend in un-
serer Seeie auf und ab wogt als unsere Vorstellungen, unsere
Gefuhle, Empfindungen, Affekte, Leidenschaften, ja, als
unsere Ideale und Ideen, mit dem Einschlafen seiner eigent-
lichen Wesenheit nach jedesmal ins «Nichts» iiberginge -
und am nachsten Morgen wieder entstehen wiirde. Nur
eine logische Befangenheit kann leugnen, dafi des Men-
schen geistig-seelischer Wesenskern auch vorhanden ist, wah-
rend der Mensch in der Bewufitlosigkeit des Schlafes ist.
Wenn wir heute zunachst einmal hypothetisch voraus-
setzen - die folgenden Vortrage sollen diese Voraussetzung
rechtf ertigen dafi der Mensch, wahrend er in der Bewufit-
losigkeit des Schlafes ist, sich mit seinem eigentlich geistig-
seelischen Wesenskerne gewissermaflen herausgezogen hat
aus dem physischen Leib und den diesen physischen Leib
belebenden Kraften, und daft er dann in einer geistigen
Welt lebt, so liegt es zunachst als Annahme, als Vermutung
nicht fern, dafi im Menschen der Grund zu suchen ist, wenn
er mit seinem geistig-seelischen Wesenskerne aus seinem
Leibe herausgezogen, nicht ebenso seine Umgebung wahr-
nehmen kann, wie er sie wahrnimmt, wenn er in der phy-
sischen Welt sich seiner Augen, seiner anderen Sinneswerk-
zeuge und des Instrumentes des Gehirnes bedient. Es liegt,
sage ich, nicht fern, zu denken, dafi des Menschen geistig-
seelische Krafte zunachst darauf angewiesen sind, sich im
gewohnlichen Leben der Sinne und des Gehirnes zu be-
dienen, um eine Welt um sich zu haben, und dafi sie, wenn
sich der Mensch, wie im Schlafe, der Moglichkeit entledigt,
durch diese Instrumente wahrzunehmen, zu gering, zu
schwach sind, um das wirklich zu schauen, wirklich zu emp-
finden und zu denken, was sie dann wahrnehmen konnten.
Als richtig erweisen konnte sich eine solche Vermutung
nur dann, wenn wirklich die Moglichkeit vorhanden ware,
die Krafte, welche man da als schwache vermutet, tatsachlich
aus ihrer Verborgenheit hervorzuholen, etwa wenn man
imstande ware, die seelischen Krafte, die im gewohnlichen
normalen Leben gewissermafien «dunn» sind, in sich zu
verdichten, in sich zu konzentrieren, so dafi dann nicht das
eintreten miiEte, was der Mensch im Schlafe erlebt, wenn er
aufhort, sich seiner Sinne oder seines Gehirnes zu bedienen,
sondern dafi es auch einen Zustand geben konnte, der dem
Schlafe ahnlich ist, und doch wieder in einer gewissen Be-
ziehung ihm vollstandig entgegengesetzt ist. Ahnlich mufite
dieser Zustand dem Schlafe darin sein, dafi der Mensch
nicht gezwungen, wie beim Einschlaf en, sondern willkurlich,
durch seine inneren Krafte, durch seinen Willen das Sich-
zuriickziehen aus den Sinnen oder aus dem Gehirn hervor-
rufen wiirde; so dafi er es bewirken konnte, dafi er zwar
vollstandig wach ist, aber nicht durch seine Augen seine
Umgebung sieht, audi durch die anderen Sinne nichts wahr-
nimmt, sondern die Augen und die anderen Sinne zum
vollstandigen Schweigen bringt. Mit anderen Worten, dafi
er alle Sinnestatigkeit durch semen Willen vollstandig un-
terdriicken kann, da£ er ebenso das gewohnliche Denken
unterdriicken kann, jenes Denken, das sich im alltaglichen
Leben durch die Vorstellungen uber die aufiere physisch-
sinnliche Welt betatigt. Ferner miifke der Mensch, wenn er
so durch seine Willkiir unterdriicken konnte, was ihn sonst
zum Wahrnehmen bringt, imstande sein, in seinem geistig-
seelischen Wesenskerne nun nicht zu der Bewufklosigkeit
des Schlafes zu kommen, sondern Krafte zu konzentrieren,
die sonst schwach, diinn sind, so dafi er sich auch ohne seinen
Leib, aufierhalb seines Leibes, richtig betatigen kann.
Es entsteht die Frage, ob das, was jetzt eben ausgespro-
chen worden ist, sich irgendwie verwirklichen lafit. Das
kann natiirlich nur durch die Tatsachen beantwortet wer-
den, welche der Mensch an sich selber hervorruft, namlich
einfach durch die Tatsache, dafi er in die Lage kommt, auf
seine Seele Mktel anzuwenden, durch welche das eben Cha-
rakterisierte eintritt. Durch die Anwendung solcher Mittel
auf die Seele kommt man zu iibersinnlichen Erkenntnissen.
Der Weg zur iibersinnlichen Erkenntnis ist keiner, der durch
auftere Mittel fiihrt, der etwa allerlei bloft in der aufieren
Welt vorhandene Machinationen erfordert, sondern er ist
ein intimer Seelenweg, und alles, was fur ihn vorgenommen
werden mufi, spiel t sich in den Tiefen des seelischen Lebens
selber ab.
Nun gibt es, wenn wir in die Welten hinaufsteigen wol-
len, welche uns die aufiere Welt, in der wir leben, erklaren
sollen, wenn wir also in die ubersinnlichen Welten hinauf-
steigen wollen, drei Stufen, die wir iibersteigen miissen.
Eine eingehendere Darstellung dieser drei Stufen befindet
sich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der ho-
heren Welten ?». Hier sollen sie aber mit einigen kurzen
Strichen nur angedeutet werden. Bei der Bezeichnung dieser
drei Stufen bitte ich Sie, sich nicht an Worten zu stolen.
Die Worte sind zum Teil so, dafi sie heute in der gebrauch-
lichen Sprache fiir etwas ganz anderes angewendet werden,
als hier gemeint ist, und zum Teil haben diese Worte keinen
guten Klang in den Denkgewohnheiten der Gegenwart,
weil sie fiir alle moglichen Dinge angewendet werden, die
man ungenau oder unklar erkennt, oder auch fiir solche, die
man mit Recht abweist. Dadurch wird zuweilen schon eine
Art Gef iihlsbetonung hervorgeruf en, wenn man diese Worte
hort. Allein es ist leicht einzusehen, daft es fiir die Dinge,
die hier zu besprechen sind, in einem gewissen Grade so sein
mufi, denn unsere Sprache ist einmal fiir die aufiere Welt
da. Daher miissen die Worte fiir die Bezeichnungen ent-
lehnt werden aus der aufteren Welt und konnen deshalb
nie genau fiir das passen, was aufierhalb der aufieren Sinnes-
welt liegt, fiir welche die Sprache geschaff en ist.
Die erste Stufe der hoheren, der ubersinnlichen Erkennt-
nis ist die sogenannte Imagination, die imaginative Er-
kenntnis, wobei ich Sie eben bitte, damit der Irrtum nicht
entsteht, von dem eben gesprochen worden ist, unter dieser
Imagination fiir heute nur das zu verstehen, was ich sogleich
charakterisieren werde. Die zweite Stufe der ubersinnlichen
Erkenntnis ist die Inspiration, und die dritte Stufe ist das,
was man, wenn man das Wort so gebraucht, wie wir es
nachher charakterisieren werden, und nicht so, wie es im
gewohnlichen Leben oft ungenau gebraucht wird, die wahre
Intuition nennen kann. Zu diesen drei Stuf en iibersinnlicher
Erkenntnis verhalt Sich die aufiere Sinnes- und Verstandes-
erkenntnis, die wir im gewohnlichen Leben und auch in der
Wissenschaft von der aufieren Welt anwenden, wie eine Art
Vorstufe, so dafi man im ganzen, wenn man die iibersinn-
lichen Erkenntnisstufen hinzuzahlt, von vier menschlichen
Erkenntnisstuf en sprechen kann.
Nun gibt es viele Mittel, und viele Mittel miissen auch
angewendet werden, wenn es sich darum handelt, aus der
gewohnlichen Sinnes- und Verstandeserkenntnis heraus sich
zu der ersten Stufe der Ubersinnlichen Erkenntnis, der Ima-
gination, zu erheben, und ich will, weil zu einer ausfiihr-
licheren Darstellung nicht die Zeit vorhanden sein wiirde,
mit aller Konkretheit hervorheben, wie es gewissermaften
die Seele mit einem der Mittel machen mufi - andere finden
Sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wei-
ten?» angegeben -, um die in ihr schlummernden ubersinn-
lichen Erkenntnisfahigkeiten zu wecken. Eines der Mittel
ist die sogenannte Meditation.
Wenn wir uns die Frage vorlegen: Was ist diese Medi-
tation im geisteswissenschaftlichen Sinne? - so miissen wir
sagen: Diese Meditation ist die Hingabe an eine Vorstel-
lung, an eine Gedankenempfmdung oder einen Willens-
inhalt in einer so intensiven Weise und in einer solchen Art,
wie es im gewohnlichen Leben nicht geschieht, wie sie aber
geeignet ist, um Krafte, die sonst gleichsam verdiinnt in
unserem Seelenleben vorhanden sind, zu konzentrieren, zu
verdichten. Dabei ist es gut, obwohl auch der andere Fall
moglich ist, zu einer solchen Erkenntnis der Seele nicht Vor-
stellungen zu verwenden, die man sonst im gewohnlichen
Leben oder in der gewohnlichen Wissenschaft gewinnt.
Diese Vorstellungen sind wohl auch verwendbar, aber sie
sind nicht so gut zu verwenden. Die verwendbarsten Vor-
stellungen zur Meditation sind sinnbildliche, symbolische
Vorstellungen. Ich will eine solche symbolische Vorstellung
einmal hier entwickeln, die fiir einen Teil der Zuhorer in
anderen Zusammenhangen bereits angef iihrt worden ist.
Zunachst mag es grotesk, paradox aussehen, dafi jeman-
dem zugemutet wiirde, das in seiner Seele wir ken zu lassen,
was jetzt besprochen wird, aber warum es geschehen soli,
werden wir nachher charakterisieren. Nehmen wir an, je-
mand bilde sich die Vorstellung, er habe zwei Glaser vor
sich, ein leeres Glas und ein teilweise mit Wasser gefiilltes.
Nun schiitte er das Wasser aus dem gefullten Glase in das
leere hinein und stelle sich vor, dadurch, dafi er das Wasser
aus dem gefullten Glase in das leere gielk, wiirde das
gefullte Glas nicht, wie es in der Aufienwelt geschieht, im-
mer leerer und leerer, sondern immer voller und voller.
Das ist wobl zunachst eine paradoxe Vorstellung, aber diese
Vorstellung soli ein Sinnbild sein, und da£ sie Sinnbild ist,
soil im Bewufksein des geistigen Forschers leben. Sie soil
gleichsam sinnbildlidi fiir unsere Seele die Natur und das
Wesen menschlicher Liebe charakterisieren. Mit der mensch-
lichen Liebe und mit alledem, was iiberhaupt unter die Idee
der Liebe fallt, ist es gewi£ so, da£ diese Quelle der Liebe
so unendlich tief und so unendlich reichhaltig ist, dafi, wenn
wir uns der Tatsache der Liebe in der Welt gegeniibergestellt
sehen, wir bescheiden jederzeit zugestehen miissen: Dieses
Ratsel der Liebe ist in seiner wahren Wesenheit ganz gewifi
fiir jede Seele unergrundlich. Und jemehr wir dieses Gefiihl
der Unergrundlichkeit haben, desto besser ist es fiir den
Inhalt und fiir die Intensitat unseres Lebens. Aber eine
Eigenschaft konnen wir mit aller Klarheit von der wirk-
lichen Liebe wissen und hervorheben: das ist die Eigen-
schaft, die uns sinnbildlidi durch das Bild dargestellt wird,
von dem wir eben gesprochen haben.
Der Mensch, der dem anderen Menschen Liebe, Taten
der Liebe zuwendet, wird durch das, was er aus Liebe tut,
niemals armer, niemals leerer, sondern erwird immervoller
und voller, immer reidier und reicher in seinem Seelenleben.
Diese Eigenschaft der Liebe, herausgehoben, haben wir
gleidisam ubersichtlich vor uns, wenn wir uns das Bild der
zwei Glaser vorstellen und das Obergiefien des Wassers
vom einen ins andere.
Wir machen es da gewissermafien ahnlich, wie man es
auf einem anderen Gebiete des Erkennens macht und dabei
fur die aujRere Sinneswelt zu wichtigen Resul taten kommt.
Nehmen wir an, wir haben von irgendeiner uns unbekann-
ten Substanz eine kreisformige Platte. Wir konnen, wenn
wir zunachst diese kreisformige Platte ansehen, sagen: Was
das als Substanz ist, wie die Stoffe zusammengeschweifit
sind, das ist uns zunachst unergnindlich. Aber eines konnen
wir tun, wenn wir etwas von dieser Scheibe richtig wissen
wollen: wir konnen einen Kreis vor uns hinzeichnen. Dann
haben wir etwas von dieser Scheibe herausgehoben, namlich
daft sie kreisformig ist, und dieses Herausgehobene ist ganz
gewifi wahr, so wenig wir audi sonst von der Scheibe
wissen. Wenn wir mathematisch denken, machen wir es audi
so - und die ganze Mathematik ist in dieser Beziehung
Symbolik- dafi wir einiges symbolisch herausheben. Dieser
Vorgang, sinnenfallige und dann von der Seele festgehal-
tene Bilder zu schaffen, ist fur seelisch-geistige Taten, fur
seelisch-geistige Erlebnisse die Vorbereitung zur imagina-
tiven Erkenntnis.
Wenn jemand sagen wiirde: Dann geht ja der Geistes-
forscher darauf aus, in seiner Seele Bilder, Sinnbilder leben
zu lassen, die gar keiner Wahrheit entsprechen, er geht also
von vornherein darauf aus, Unwahrheit zu denken und
Unwahrheit in seiner Seele leben zu lassen -, dann miifite
geantwortet werden: Aber selbstverstandlich hat der wahre
Geistesforscher ein Bewufitsein davon, da$ dies, was er so
als Sinnbilder in seiner Seele leben lafk, keiner aufieren
Wirklichkeit entspricht! Wurde er einen einzigen Augen-
blick das Sinnbild mit irgendeiner Wirklichkeit verwechseln
konnen, so ware er kein Mensch, der auf dem Wege zur
ubersinnlichen Erkenntnis ist, sondern auf dem Wege zur
Illusion. Diese Sinnbilder sind eben nicht dazu da, aufiere
Wirklichkeiten abzubilden, sondern dazu, dafi sie in un-
serer Seele leben, dafi wir sie mit unserem Seelenleben ver-
binden und verquicken und unser Seelenleben darauf kon-
zentrieren.
Sind wir nun imstande, ein solches Sinnbild so stark ins
Auge zu fassen, dafi wir unsere ganze Seelenkraft ver wen-
den, um nur dieses Sinnbild in unserer Seele leben zu lassen
und alles beiseite zu schafTen, was von den aufieren Ein-
driicken auf uns eindringen konnte, audi alle iibrigen Ge-
danken beiseite zu schaffen, so dafi wir einzig und allein
ein solches Bild in den Mittelpunkt unseres Bewufttseins
bringen, dann ist ein solches Bild schon deshalb besser als
ein unmittelbarer Abdruck einer aufieren Wirklichkeit, weil
ein soldier uns dochimmerwiedermitunserenSeelenkraften
zu der aufieren Wirklichkeit hinzieht, uns gleichsam aus
uns selber herauslenkt. Wenn wir aber mit dem vollen Be-
wufitsein, daE wir etwas rein Konstruiertes haben, eine
bildliche, willkiirliche Vorstellung gebildet haben, der wir
uns jetzt hingeben, so ist das etwas, was nur insofern die
Wirklichkeit behalt, als es aus dieser entlehnt ist. Was wir
auch fur Bilder ausbilden: wir haben ja die Bestandteile
dazu der aufteren Wirklichkeit entnommen. Diese Bilder
sind in Farben, Formen und so weiter vorgestellt, sie sind
der aufieren Wirklichkeit entlehnt, aber sie beziehen sich
nicht auf die aufiere Wirklichkeit. Denn das geschieht nicht
in der aufieren Wirklichkeit, dafi ein Glas voller wird,
wenn man den Inhalt ausschiittet.
Eine solche Obung hat zur Folge, dafi die Seele in einer
ganz anderen Weise ihre Krafte konzentrieren mufi, als
wenn sie zu ihrer Hilfe das nimmt, was sie sonst erlebt hat.
Wenn nun der, welcher den Weg in die ubersinnlichen Wel-
ten gehen will, Geduld und Ausdauer hat, um immer wie-
der und wieder solche Konzentrationen seines Seelenlebens
zu iiben, so wird er eine ganz bestimmte innere Erfahrung
machen konnen. Diese Erfahrung zu haben, ist der erste
Schritt zur imaginativen Erkenntnis. Er wird die Erfah-
rung machen, da£ er dadurch sein Seelenleben inner lich
geandert hat, und dafi er nach einiger Zeit gewahrwerden
kann, wie aus seiner Seele selbst, ohne dafi er das erst her-
beifiihrt, solche Sinnbilder, solche Bilder auftauchen, so
auftauchen, dafi sie sich vor ihn hinstellen mit allem Schein
von Realitat, wie sich sonst nur Bilder hinstellen, wenn wir
aufiere Wahrnehmungen gemacht haben und uns Vorstel-
lungen von ihnen gebildet haben.
Wahrend im gewohnlichen aufieren Leben die Vorstel-
lungen aus der Seele sich gleichsam erheben als Spiegel-
bilder der aufieren Wirklichkeit, erheben sich durch die
genannten Ubungen aus den Tiefen des Seelenlebens herauf
Vorstellungen, die nur Bilder sind zunachst, selbstverstand-
lich. Aber darin besteht die Erhohung des Seelenlebens,
dafi die Seele sich nun innerlich stark fiihlt und da£ sie
gleichsam in einen Zustand kommen kann, der ahnlich
und doch entgegengesetzt ist dem Schlafzustande. Im Schlaf e
abstrahieren wir von alien aufieren Wahrnehmungen und
auch von dem an das Gehirn gebundenen Denken, aber wir
verf alien in die BewuEtlosigkeit. Im imaginativen Erkennen
sehen wir auch ab von alien auBeren Wahrnehmungen und
von allem Gehirndenken, denn wir unterdnicken das alles.
Aber trotzdem wird die Seele nicht leer, wird nicht be-
wufklos, sondern aus ihrenTiefen steigen Bilder auf , Bilder,
die immer reicher und reicher, immer umf anglicher und um-
fanglicher werden, und die sich dann vor die Seele hin-
stellen wie eine neue Welt. Das ist eben die Welt, von der
in diesen Vortragen schon angedeutet worden ist, dafi sie
von dem Laien, der in solchen Dingen nicht bewandert ist,
verwechselt werden kann, auch in ihrem Werte verwechselt
werden kann mit der Welt krankhafter Illusionen, Hallu-
zinationen, Wahnideen und dergleidien. Aber nur wer die
Wirklichkeit auf diesem Gebiete doch nicht kennt, sondern
eben nur nach dem krankhaften Seelenleben urteilt, kann
eine solche Verwechslung begehen; denn es besteht ein ge-
waitiger Unterschied zwischen den krankhaften, irgendwie
auch nur im geringsten krankhaften Vorstellungen solcher
Art, und den im rechten Sinne durch methodische Seelen-
erziehung gewonnenen.
Wer nur ein weniges iiber das erfahren hat, was man
krankhafte Seelenerscheinungen nennt, Halluzinationen,
Illusionen oder Wahn vorstellungen, der weifi eines: dafi
diejenigen Personen, welche von solchen Vorstellungen be-
fallen sind, an die Realitat derselben zuletzt so felsenfest
glauben, dafi der Glaube, den sie selbst den Erfahrungen
der aufieren Sinneswelt entgegenbringen, gar nichts da-
gegen ist. Das ist das Charakteristische der Wahnvorstel-
lungen, der Illusionen, dafi die von ihnen Befallenen zu-
gleich einen iiberwaltigenden Glauben an sie ausbilden. Es
ist ja nichts schwieriger, als einem Menschen, der Illusionen
hat - sie brauchen sich nicht einmal bis zum Grade der Hallu-
zinationen zu gestalten, sondern nur gewohnliche Wahn-
vorstellungen, paradoxe Ideen zu sein — , solche Vorstel-
lungen auszureden. Wenn zum Beispiel ein Mensch beginnt,
in krankhafter Weise die Idee in sich auszubilden, dafi er
von anderen Mensdien verfolgt werde, so ist es ungeheuer
schwierig, etwa durch blofte "Oberredung diese Idee von ihm
wegzubringen, und es kommt vor, dafi ein soldier die wun-
derbarsten logischen Gedankengebaude ausbildet, um zu
beweisen, wie richtig das alles ist, was er als solche Wahn-
vorstellungen hat. Besessen kann der Mensch von dem wer-
den, was so iiber ihn kommt, und felsenfest glaubt er an die
objektive Realitat solcher Vorstellungen.
Wenn Sie nun nur in einigem das berikksichtigen, was in
dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» gesagt wird, so werden Sie seben, dafi, wahrend
der Mensch sich dazu bringt, solche Bilder, Bildvorstellungen
in der Seele auf sich wirken zu lassen, von der richtigen
Geistesschulung zugleich alles getan wird, damit in dem-
selben Mafte, wie diese Bilderwelt in der Seele erbluht, das
Gef angenwerden durch diese Bilder, der Glaube an sie als an
eine objektive Realitat aus der Seele ausgetrieben wird, so
daft in keinem Augenblick der geistig sich Schulende jemals
zu der Idee kommen kann, es sei das, was sich ihm so als
Imaginationen ergibt, eine objektive Wirklichkeit. Alle
Geistesschulung ist unrichtig, die nicht zugleich in der Seele
die Klarheit hervorrufen wiirde: Was da hereintritt zu-
weilen an Wunderwerken wie neue Welten, das hat so, wie
es iiber dich kommt, keine objektive Realitat. Es ist alles
zunachst nur da, um die Seele innerlich zu beleben, um sie
in sich selber reicher und, wenn wir den paradoxen Aus-
druck gebrauchen wollen, innerlich wirklicher zu machen,
mehr erfullt zu machen von Realem. Und das ist die beste,
ja, die einzig richtige Errungenschaft des Schiilers, dafi er
weifi: die Imaginationen, welche auftauchen, sind nichts
anderes als ein Spiegelbild des eigenen Wesens.
Wenn der Geistesschuler in der Lage ist, alien Glauben
an die Realitat, an die Objektivitat dieser seiner Imagina-
tionen in demselben Augenblicke zu uberwinden, wo er sie
bekommt, dann ist die Geistesschulung die richtige. Irn all-
gemeinen ist es fiir manchen Menschen schwierig, das eine
mit dem anderen hinzunehmen, denn der Mensch wird ja
dadurch, da£ er entsprechende Ubungen in seiner Seele an-
wendet, sozusagen mit einer neuen Welt beschenkt, mit
einer Welt von zuweilen grofiartigen Vorstellungen. Das
aber ist fiir viele Menschen eine aufierordentHche Befrie-
digung, eine aufierordentliche Annehmlichkeit, etwas, was
sie mit defer Sympathie erfiillt. Und der, welcher ihnen
audi nur im geringsten den Glauben beibringen wollte, dafi
dies alles keine objektive Realitat sei, sondern nur ein Spie-
gelbild des eigenen Wesens, dafi da nur das eigene Wesen
sich inhaltvoller ausdriickt als friiher, der wiirde von ihnen
als ein Feind, als ein Verpfuscher der schonsten Seelen-
hoffnungen angesehen werden. Aber verstanden mufi es
werden, dafi solche Imaginationen, wie sie zunachst auf-
treten, gar nicht geeignet sind, wirkliche Erkenntnisse der
hoheren Welten zu geben, sondern dafi sie nur eine Briicke
fiir die Seele sind. Denn jetzt beginnt fiir die Seele eine ganz
andere Aufgabe, jene Aufgabe, welche allmahlich himiber-
f uhrt von der Imagination zur Inspiration. Es beginnt ge-
wissermafien jetzt ein Kampf zwischen der Seele und dem,
was so auf tritt als ihre Imaginationen. Soil ich charakteri-
sieren, wie dieser Kampf beschaffen ist, so mufi ich ein
Gleichnis aus dem gewohnlichen Leben gebrauchen.
Wir erfahren es im gewohnlichen Leben immer wieder,
da£ wir nicht unseren gesamten Seeleninhalt im Bewufit-
sein haben. Denken Sie, wie es ware, wenn Sie alles, was
Sie jemals vorgestellt haben, auf einmal im Bewufttsein
hatten ! Sie konnten sich an Vorstellungen erinnern, die Sie
vielleicht vor Jahrzehnten gehabt haben. Die ruhen in den
Untergrunden Ihrer Seele, und bei irgendeiner Gelegenheit
werden sie heraufgerufen. Das heifit, man hat im gewohn-
lichen Leben die Moglichkeit, zu vergessen, und das Ver-
gessene wieder aus der Seele hervorzubringen. Man hat also
die Moglichkeit, aus dem Bewuiksein herauszubringen, was
das Bewuiksein als Vorstellungen erlebt, und es von un-
serem bewulken Leben abzusondern, so dafi es unabhangig
von diesem irgendwo in unserer Seele ist. Es kann also der
Bewulkseinsinhalt irgendwohin hinuntergesenkt werden,
so dafi er dann aus dem Bewuiksein heraus ist.
Dasselbe mufi uns gelingen — wenn es auch auf diesem
Gebiete etwas anderes ist-mit alien unseren Imaginationen,
wenn wir Geistesforscher werden. Wir miissen willkiirlich
jede Imagination, die auftritt, aus unserer Seele heraus-
tilgen konnen, miissen sie willkurlich ausloschen und in
einen Zustand bringen konnen, wo sie so aus unserem Be-
wuiksein herausgeworfen ist, wie eine vergessene Vorstel-
lung aus unserem Bewuiksein herausgeworfen ist, die wir
spater wieder heraufholen konnen. Das ist notwendig. Wir
miissen in dem ganzen Gebiete unserer Imaginationen Herr
sein iiber jede einzelne Imagination, miissen jede einzelne
von uns unabhangig machen konnen.
Wer ein gewissenhafter Geistesforscher ist, der solche gei-
stige Forschungen anstellen will, die er dann gewissenhaft
der Welt mitteilen will, der vollzieht das oft und oft, immer
wieder und wieder, dafi er dies, was so vor seine Seele als
ein Bild tritt, das zunachst aufgetaucht ist, immer wieder
und wieder hinunterstolk, es unbewulk macht, austilgt.
Dann kommt es wieder, und zwar jetzt nicht nur durch
Willkur, sondern durch etwas ganz anderes: durch eine
innere Kraft, deren wir uns sogar erst in diesem Augen-
blicke bewulk werden, wenn wir auf der entsprechenden
Stuf e stehen. Und nicht alle Imaginationen kommen herauf,
sondern wir haben das deutliche Bewuiksein, es gibt Ima-
ginationen, die da unten bleiben in einem Unbekannten,
die nidit wieder heraufzubringen sind, oder wenn sie wie-
der heraufkommen, zeigen sie sich als solche, die wir ab-
lehnen.
Die Imaginationen andern sich, wenn sie uns wieder zu-
riickkommen; sie sind dann auch etwas ganz anderes. Sie
dringen so zu uns, auch auf dieselbe Art, wie aufierlich in
der Welt die Wahrnehmungen von den Dingen der phy-
sischen Welt zu uns dringen. Aus denselben Untergriinden
heraus, warum wir, wenn wir gesunden Menschenverstand
haben, aufierlich etwas Ertraumtes, etwas Nichtvorhan-
denes unterscheiden konnen von etwas Wirklichem, Vor-
handenem, aus denselben Griinden konnen wir das, was als
Imagination wieder auftaucht, in seiner Wirklichkeit, in
seiner geistigen Wesenheit erkennen.
Es wurde einmal gefragt, als solche Dinge auseinander-
gesetzt wurden: Wodurch kann denn der Mensch sicher
sein, wenn ihm so die Imaginationen zuruckkommen, die
er erst aus seiner Subjektivitat herausgeworfen und der
Objektivitat iibergeben hat, um sie sich dann wiedergeben
zu lassen, wodurch kann er iiberzeugt sein, dafi sie Wirk-
lichkeiten oder Unwirklichkeiten darstellen? Wissen wir
doch, dafi es Suggestionen, Einbildungen gibt, die so stark
sind, dafi sie den Menschen iiberwaltigen, so dafi er doch
als Wirklichkeit empfindet, was gar nicht da ist. Man hatte
ein anschauliches Beispiel angefuhrt: wenn jemand so sensi-
tiv ist, dafi er, ohne Limonade zu trinken, schon bei der
blofien Vorstellung derselben den Limonadengeschmack im
Munde hat, so sei das ein Beispiel dafiir, dafi etwas da ist,
was in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Man konne also
auch bei dem, was die wiedergeborenen Imaginationen sind,
einer ahnlichen Tauschung unterliegen.
Einen solchen Einwand kann man immer machen. Er
kann audi bei einer blofkn Dialektik, bei einem bloften
Spiel mit Worten aufrecht erhalten werden, nicht aber der
Wirklichkeit gegeniiber. Denn wer seine Seele in der ge-
schilderten Weise entwickelt, kommt zu derselben Moglich-
keit, Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, wie man in
der Aufienwelt Wahrheit und Irrtum unterscheidet, wo
man ja audi nichts anderes hat als die gesunde Seele, um
Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Davon kann sich
jeder einen Begriff bilden, wenn er zum Beispiel an die
Schopenhauerische Philosophic denkt mit dem Satz: Die
Welt um mich herum ist meine Vorstellung.
Ich unterschatze nicht die Philosophic Schopenhauers,
sonst hatte ich sie nicht selbst herausgegeben und eine Ein-
leitung dazu geschrieben. Aber grofte Geister machen oft
die einfachsten Irrtiimer. Denn tatsachlich ist der Satz «Die
Welt ist meine Vorstellung » dadurch wider legt, da£ man
jemanden auf die ganz triviale Tatsache aufmerksam
macht: wenn er sich die Vorstellung eines 900 Grad heifien
Stuck Stahles bildet und seine Finger damit verbunden
denkt, so verbrennt er sich nicht. Er wird sich niemals durch
eine solche Vorstellung verbrennen, und wenn sie noch so
sehr gesattigt ist. Hat er aber den wirklichen Stahl vor sich,
so wird er sich verbrennen. So wird er, nicht durch Begriffe
oder durch Philosophien, wohl aber durch Erfahrung die
Wirklichkeit schon von der Vorstellung unterscheiden kon-
nen. Eine andere Unterscheidung aber gibt es nicht. Und
erne andere Unterscheidung gibt es auch auf ubersinnlichem
Gebiete nicht, als dafi man sich durch Schulung das richtige
Zusammensein mit der iibersinnlichen Wirklichkeit erwor-
ben hat.
Daher ist eben fur unser Bewulksein notwendig, da$ wir
wissen: Wie die Imaginationen zunachst auftreten, hat sie
unsere Seele selber gemacht, und so sind sie nur ein Spiegel-
bild unseres eigenen Wesens. Der Mensch kann die schon-
sten Imaginationen haben - er tut am besten, sie zunachst
so auszulegen, dafi er sich sagt: Was ist in mir fur ein ver-
borgener Gemiitszustand, was ist in mir fur eine verbor-
gene Leidenschaft, was fiir ein Glaube oder Aberglaube,
dafi mir gerade diese oder jene Bildervor dieSeeletreten? -
Wenn er zunachst in den Bildern nichts anderes sieht als das
Spiegelbild seiner selbst, dann hat er sich den richtigen Be-
wulkseinszustand angeeignet, um die Wege in die iibersinn-
liche Welt hinauf zu gehen. Er mufi dann imstande sein,
aus den inneren starken Kraften seiner Seele ein Kampfer
gegen sich selbst zu sein. Er mufi das, woran er oft am stark-
sten zu glauben versucht ist, was er am meisten Hebt, was
fiir viele Menschen schon Seligkeit bedeuten konnte, mit
der Wurzel ausreifien und in eine Sphare vergessener Vor-
stellungen hinuntertauchen lassen konnen. Wenn er dann
das, was seine Seele erst gemacht hat, so selbstlos von sich
losgerissen hat und der Welt aufier sich ubergeben hat, dann
kommt es ihm wieder zuriick als Inspiration. Dann ist er
daran, mit denjenigen Wesenheiten, wirklichen Wesenheiten
und Tatsachen der iibersinnlichen Welt, zu denen solche
Vorstellungen gehoren, leben zu konnen.
Zunachst sind solche Imaginationen so, dafi sie uns recht
bekannt erscheinen, weil wir erforschen konnen, wie sie
sich nicht anders gestalten, als wir selber in der Seele sind,
wie sie nur ein Spiegelbild der Seele sind. Man kann von
der Welt der Imaginationen immer nachweisen, dafi diese
Imaginationen so und so sind, je nachdem wir selber sind
und je nach unserem Gemiitszustande. Wenn sie aber zu~
ruckkommen, dann ist es allerdings anders. Dieselben Bil-
der kommen nicht zuriick, andere kommen zuriick, Neues,
demwirfriiher iiberhaupt nicht gegeniibergestanden haben,
und das sich ebenso als eine Realitat ankiindigt, wie sich
aufiere Realitaten fiir uns als solche ankiindigen. Nur hat
man dem gegentiber ein ganz anderes Gefiihl.
Den Dingen der aufieren Welt stehen wir so gegeniiber,
dafi wir aufler ihnen stehen. Ein Tisch, den wir anschauen,
ist aufier uns. Er ist da, und wir kommen in die Dinge nicht
hmein. Bei den Tatsachen und Dingen der hoheren Welten,
die uns dann entgegentreten, haben wir, wenn wir uns in
der geschilderten Weise dazu vorbereitet haben, sogleich
als inneres Erlebnis das Bewulksein: wir konnten iiberhaupt
nur dadurch zu ihnen kommen, dafi wir etwas, was wir in
uns selber aus den Tiefen der Seele erst hervorgeholt haben,
an sie abgegeben haben. Es ist wahrhaftig so, wie wenn ein
Gegenstand vor mir liegt, und ich will ihn ergreifen: wie
ich meine Hand ausstrecken mufi und seiner Realitat ge-
wahr werde, so muft ich durch dasjenige, was ich erst durch
die geschilderte Methode erreiche, das was mir dann als
Imagination entgegentritt, von meiner eigenen Ichheit ab-
sondern, in die Vergessenheit versenken. Damit aber strecke
ich mein eigenes Wesen aus nach einer Welt, die ich dann
ergreifen kann.
Man erlebt in der Welt viele Widerlegungen auch dessen,
was jetzt eben gesagt worden ist. Aber so viel man auch
herumsieht, so viel man sich auch mit diesen Widerlegungen
gutwillig, noch so gutwillig bekannt machen will, eines
tritt einem immer entgegen: die Menschen, die das wider-
legen, was jetzt gesagt worden ist, haben es noch nicht ver-
standen. Das zeigt die Art und Weise, wie sie dariiber spre-
chen. Und wer es verstanden hat, dem fallt es gar nicht ein,
es widerlegen zu wollen. So trifft man namentlich sehr
haufig diese vermeintliche Widerlegung, dafi man sagen
hort: Aber diese iibersinnlichen Vorstellungen, die du dann
hast, und die du fiir Eindriicke von Wesen haltst, die dich
inspirieren sollen, unterscheiden sich dann doch nicht von
ganzgewohnlichenIllusionenoderWahnvorstellungen!-Sie
unterscheiden sidi eben ganz gewaltig dadurch, dafi der wirk-
liche Geistesforscher ein anderes Bewufksein zu ihnen hat,
ein Bewufitsein, welches ihn ebenso seinen gesunden Men-
schenverstand diesen Dingen gegeniiber bewahren lafk, wie
den Dingen der aufieren Welt gegeniiber. Daher eignen sich
auch zum wirklichen Geistesforscher am allerwenigsten aber-
glaubische oder leichtglaubige Personen, solche, die man mit
dem gebrauchlichen Ausdrucke als Schwarmer bezeichnet.
Wer leicht eine Wahrheit annimmt, wird ganz gewifi
nicht im Geistigen sachgemafi forschen konnen. Phantasie
und Glaube sind die grofiten Feinde wirklicher Geistes-
forschung, trotzdem das, was zum Beispiel Phantasie in der
Kunst ist und was Glauben an die Realitat ist, doch wieder
zuletzt die herrlichsten Geschenke der Geistesforschung sein
konnen. Denn was im Geistigen erforscht werden kann,
kann sich umgestalten zur Phantasie und zum Kunstwerke
werden. Ebenso mufi, wenn gesagt wird: Was die Geistes-
forscher verkiinden, ist etwas, was doch nur zum Glauben
spricht-, der Satz gelten: Gewifi glaubt der Geistesforscher
das, was er weiE. Er ware aber auch wahrhaflig ein Tor,
wenn er das nicht glauben wxirde, was er weift; doch nichts
anderes glaubt er, als was er weilS.
Es ist eben gesagt worden, daft wir das, was wir uns
zunachst erworben haben, wie aus der Seele herausreifien
miissen, dafi wir dadurch gleichsam geistige Organe aus-
strecken miissen und durch sie die geistige Wirklichkeit zu-
ruckbekommen. Wenn wir uns immer mehr und mehr in
ein solches Seelenleben hineinleben, so wachsen wir auch
immer mehr und mehr mit den Wesenheiten und Dingen
der geistigen Welt zusammen. Dann tritt das ein, was in
unserem Bewufttsein so auf tritt, dafi wir nicht so mit diesen
Wesen verkehren, wie ein Mensch mit dem anderen durch
aufiere Organe verkehrt, sondern durch das, was wie un-
mittelbar von Wesen zu Wesen spricht, was wie unmittelbar
von den Wesen wahrgenommen wird, indem unsere Seele
unmittelbar bei dem Wesen ist, das sie wahrnimmt, so dafi
sie sozusagen nicht aufier ihm, sondern in ihm ist. Dann
tritt die Intuition ein, die eigentlich erst der Abschluft der
ubersinnlichen Erkenntnis ist, jener ubersinnlichen Erkennt-
nis, die uns nicht in ein verschwommenes, nebuloses Geistes-
leben hineinfiihrt, sondern in ein konkretes, wesengestal-
tetes, wirklichkeitserf iilltes Leben. Es gibt keine andere Art,
um wirklich mit dem Geiste und seinem Dasein zusammen-
zukommen, als gewissermafien, wie es jetzt geschildert
worden ist, mit ihm zu verschmelzen. Alles aber, womit
wir nicht verschmelzen, kann nie als ein Beweis fur den
Geist gelten, denn einen anderen Beweis gibt es nicht, als
das eigene Erleben mit dem Erleben des Geistes zusammen-
fallend zu finden. Wer ein Geistwesen erfahren will, mufi
seine Seele so weit bringen, dafi er sein eigenes Erleben
zusammenf alien lassen kann mit dem Erleben dieses gei-
stigen Wesens.
Der ganze Gang des geistigen Erlebens, wie er geschildert
worden ist, kann es erklarlich machen - es wiirde ja nichts
niitzen, die Dinge zu verschleiern, sondern man mufi sie
offen aussprechen -, dafi der Mensch am leichtesten schon
durch die imaginative Erkenntms, wenn ich so sagen darf,
«reine» Geister erkennen kann, der en Dasein nur ein gei-
stiges ist, die nicht mit einer anderen Hiille umkleidet sind
als nur mit einer geistig-seelischen. Geistige Wesenheiten, die
nicht zur Verkorperung kommen, die sich nicht in au£eren
Naturwirkungen ausdriicken, konnen schon auf der Stufe
der Imagination erkannt werden, wenn wir noch nicht die
Fahigkeit haben, zur Inspiration durchzudringen. Das ge-
schieht dann so, dafi die Imaginationen, die wir ins Ver-
gessen hinuntergesenkt haben, uns in einer veranderten
Form zuruckkommen, und wir erkennen sie dann als Bilder
fiir geistige Wesenheiten, die so geistig sind, wie unser ohne
einen Korper gedachtes Geistig-Seelisches.
Dagegen mufi man sdion zur Inspiration aufsteigen,
wenn man Wesenheiten erkennen will, die zum Beispiel
mit den Naturelementen, mit dem Leuchten in der Natur,
mit den Warmeverhaltnissen in der Natur und so weiter
zusammenhangen, kurz, die hinter der Sinneswelt schop-
ferischen Machte und Wesenheitenkrafle zu erkennen, die
sich im aufieren Dasein ausdrucken und nur in ihren aufieren
Ausdrucken dort erkannt werden konnen. Das ist nur durch
Inspiration moglich. Dazu mufi das, was wir in der Seele
haben, schon intensiver herausgerissen werden, damit es
hinuntertaucht, als bei den Wesen, die ein blofi geistiges
Dasein haben. Und die starksten Seherkrafte miissen auf-
gewendet werden, wenn man jene schopferischen Krafte
erkennen will, die das aufiere Verstandesbewufitsein nur
als die materialistischen Naturkrafle anspricht, die aber in
Wahrheit schopferische Wesenheiten sind.
Wenn wir diese schopferischen Wesenheiten erkennen
wollen, die hinter allem aufieren Dasein verborgen liegen,
dann miissen wir unser inneres Seelenleben so stark aus uns
herausreifien konnen, wie es der Fall ist, wenn wir eben
zur Intuition aufgestiegen sind. Das heifit, es gehort mit
zu dem allerschwierigsten, durch iibersinnliche Erkenntnis
im konkreten Falle die vorhergehende Inkarnation eines
Menschen zu erkennen, denn bei einem Menschen, wie er
uns in der Sinneswelt entgegentritt, hat man es auch mit
etwas zu tun, was sich in Naturwirkungen, in korperlichen
Wirkungen darstellt.
Hinter diesen korperlichen Wirkungen liegt etwas wie
Schopfergewalten. Aber das verbirgt sich fiir den geistigen
Seher hinter dem Aufteren des Korperlichen genau so, wie
die geistigen Wesenheiten, welche im Blitz und Donner und
hinter aller Natur vorhanden sind, sich hinter diesen ver-
bergen; und das eine ist kaum leichter zu finden als das
andere. Daher wird man es immer wieder erf ahren konnen,
dafi Menschen, die zur Intuition kommen, alles mogliche,
wirkliche Illusionen von friiheren Inkarnationen erzahlen.
Daher ist es gut, wenn man dann moglichst wenig darauf
gibt. Der wirkliche Geistesforscher weifi, dafi dies zu dem
allerschwierigsten gehort, was audi der entwickelten Seele
nur in diesem oder jenem Momente moglich ist.
Was bisher gesagt worden ist, bezieht sich auf die Er-
forschung des "Obersinnlichen, des geistigen Lebens und We-
bens. Wer seine Seele in einer solchen geschilderten Weise
zubereitet, macht dadurch diese Seele selber zu einem Werk-
zeug, um in die iibersinnlichen Welten hineinzudringen. Fiir
den Geistesforscher, der die geistige Erkenntnis der Welt
mitteilen will, kommt aber dann erst die allerbedeutsamste
Auf gabe. Denn dieses Hineinschauen in die geistigen Welten
wird von den Menschen, die es nicht in der richtigen Weise
kennen, zumeist mifiverstanden, verkannt. Und audi das
gehort zu der richtigen Abschatzung der Wege iibersinn-
licher Erkenntnis, dafi sich der Mensch ein Urteil zu bilden
vermag, was wirkliche Geisteserkenntnis ist und was nur
entweder Unfug, Scharlatanerie oder Selbsttauschung ist.
Da mujK immer wieder und wieder gesagt werden: Zum
Forschen in der geistigen Welt, zum Aufsuchen iibersinn-
licher Tatsachen und Wesenheiten gehort, daft sich die Seele
selbst dazu erziehe. Wenn aber von dem Geistesforscher,
der in der richtigen Art in die iibersinnlichen Welten ein-
gedrungenist, seineBeobachtungen richtig geschildert werden
mit den Begriffen, welche der gesunde Menschenverstand
hat und die einem richtigen Wahrheitsgefuhle entsprechen,
dann kann das, was der Geistesforsdier schildert, von jedem
Menschen, der sich nicht befangen machen lafit, audi in der
richtigen Weise verstanden werden. Zum Erforschen iiber-
sinnlicher Tatsadien und Wesenheiten gehort die zubereitete
Seele, zum Begreifen niemals. Das ist gewissermafien das
Geheimnis der Darstellung geistiger Dinge, dafi sie, nach-
dem sie durch die iibersinnlichen Erkenntniskrafte erforscbt
worden sind, so dargestellt werden konnen, dafi sie von
jeder Seele verstanden werden konnen.
Nun gibt es ein Eigentumliches: die Menschenseele braucht
zum Verstandnis jener Dinge, von denen wir zum Beispiel
beim nachsten Vortrage iiber «Lebensf ragen und das Todes-
ratsel» sprechen werden, die Ergebnisse der Geistesf orschung.
Die Menschenseele diirstet danach, Ideen und Begriffe zu
haben iiber das, was iiber den Tod hinausgeht, Ideen und
Begriffe, um das Wesen der Seele wirklich zu erf assen. Und
wer es ablehnen wollte, dieses Wesen der Seele zu begreifen,
der konnte wohl eine Weile das unterdriicken, was man
Sehnsucht der Seele nach der Ldsung der Weltenratsel nen-
nen kann. Aber es zeigt sich dann um so mehr, dafi wir
wohl der Seele die geistige Nahrung verweigern, ihr aber
nicht den Hunger unterdriicken konnen, der hervorkommt
und die Seele nicht nur in Verzweiflung, sondern in Un-
gesundung hineintreiben kann. Der Mensch braucht gewis-
sermaften zu seinem Heile und zu seiner Sicherheit im
Leben die Ergebnisse der Geistesforschung, und um die
Seele in der richtigen Weise mit den Ergebnissen der Geistes-
forschung glucklich zu machen, dazu ist nur notwendig ge-
sunder Menschenverstand. Es geniigt der naturliche Wahr-
heitssinn, um das zu begreifen, was der Geistesf orscher mit-
teilt. Solange es nicht erforscbt ist, kann es nicht gesagt
werden. Wenn es aber erforscht und in der richtigen Weise
f ormuliert ist, kann es verstanden werden.
Wie sehr dies wahr ist, das kann am besten daraus her-
vorleuchten, daft der Geistesforscher selber fiir sein Seelen-
gliick, fiir alles, was er im allgemeinen fiir seine Seele
braucht, von seinem «Schauen» gar nichts hat. Er hat eine
neue Welt. Aber diese neue Welt nutzt ihm gar nichts, so-
lange er sie nicht so weit gebracht hat, daft sie zum Urteil
iiber das Seelenleben geworden ist, das wir im Alltag f iihren,
und das sich im Alltage sehnt nach der Losung der Welten-
ratsel. Was der Geistesforscher von seiner Forschimg haben
kann, das hat er ganz gleich und gemein mit dem anderen,
dem sie nur erzahlt wird, und der sie mit natiirlichem Wahr-
heitssinn und gesundem Menschenverstande begreift. Aber
in bezug auf das, was die Seele zum Leben braucht, hat der
Geistesforscher durch seine Forschung nichts, sondern einzig
und allein durch das, was dann durch das Forschen heraus-
kommt und jedem mitgeteilt werden kann. Audi der gan-
zen Menschheit kann der Geistesforscher nur etwas sein,
wenn er imstande ist, die Ergebnisse seines Forschens in
solche Begriffe und Vorstellungen hineinzugieften, daft die
Vorstellungen eines Zeitalters sie begreifen konnen, wenn
diese nur vorurteilslos und unbefangen genug sind. Diese
Vorurteilslosigkeit fehlt in der Gegenwart gewifi im wei-
testen Umfange noch, weil man glaubt, daft andere Vor-
stellungen, zum Beispiel die der Naturwissenschaft, diesen
Ergebnissen der Geisteswissenschaft widersprechen. Wenn
man aber genauer auf die Ergebnisse geisteswissenschaft-
licher Forchung eingeht, wird man iiberall sehen, daft es
nicht der Fall ist.
Aber noch ein anderes stellt sich zwischen den Geistes-
forscher und sem Publikum. Gerade das, was der Geistes-
forscher dadurch ist, daft er in die geistige Welt hinein-
schauen kann, wird im weitesten Umfange eigentlich ver-
kannt. Man gibt sich uber den Geistesforscher als solchen
gerade dort argen Irrtiimern hin, wo man an die Geistes-
f orschung herantreten will oder Sehnsucht nach ihr hat. Um
nicht zu lang zu reden, will ich nur bemerken, dafi der
grofite Irrtum gerade bei den Gutmeinenden der ist, dafi
man den Geistesforscher, weil er seine Seele zubereitet hat,
um in die geistige Welt hineinzuschauen, als eine Art «ho-
heres Tier» ansieht, dafi er gegeniiber den anderen Menschen
etwas voraus hat. Aber durch eine solche Anschauung ver-
legt sich der, welcher zur ubersinnlichen Erkenntnis kom-
men mochte, am allermeisten die Wege zu ihr. Es bildet
sich sehr haufig aus einem gewissen guten Willen heraus die
Ansieht, dafi der Geistesforscher, weil er in die geistige Welt
hineinsehen kann, deshalb iiber andere Menschen hinaus-
ragt, mehr wert sei als sie, daft es etwas besonders Erstre-
benswertes fiir die Menschenseele und ihren Wert sei, in die
geistige Welt hineinschauen zu konnen. Daft in unserer Zeit
dieses Streben in den weitesten Kreisen auftritt, riihrt von
einer Tatsache her, die kurz in folgender Weise charakteri-
siert werden kann.
In alteren Zeiten finden wir auch Mitteilungen aus der
Geistesforschung, die den Menschen gemacht worden sind.
Aber es wurden zumeist nur die Ergebnisse mitgeteilt. Uber
die Methoden wurde nicht so gesprochen, wie zum Beispiel
heute gesprochen werden kann, oder wie es heute in einem
offentlichen Buche verbreitet werden kann, wie jenes ist
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wei ten? » oder
meine «Geheimwissenschaft im Umrifi». Es wurde iiber
die Methoden, aus gewissen Griinden, nur vor einzelnen
wenigen gesprochen, deren man in bezug auf bestimmte
Eigenschaften ganz sicher war. Das war fiir altere Zeiten
deshalb richtig, weil fiir ein grofteres Publikum zwar Ge-
fiihl und Sinn und auch Wahrheitssinn vorhanden waren,
um die Ergebnisse auf die Seele wirken zu lassen und auch
die Seele gliicklich werden zu lassen, aber nicht genug, um
die Schwierigkeiten zu iiberwinden, damit die Seele in die
geistige Welt hineinkommen kann.
Heute leben die Seelen anders. Heute gibt es die Mog-
lichkeit eines ganz anderen Denkens. Vergleidien wir nur,
wie heute die Menschen ganz anders denken konnen, nicht
nur durch die fortgebildete Naturwissenschaft, sondern wie
schon durch die immer fortschreitende Bildung die Men-
schen ganz anders denken lernen, als dies friiher der Fall
war. Dadurch hat sich das Zeitalter die Moglichkeit er-
worben, die Dinge besser zu beurteilen. Daher konnen die
Dinge mitgeteilt werden. Aber das ist eben erst im An-
fange. Daher kann es nicht fehlen, dafi Irrtumer entstehen.
Ein solcher Irrtum ist es, wenn man den Geistesforscher
als etwas Besonderes ansieht. Aber der Mensch ist niemals
dadurch, daft er seine Erkenntnis erhoht, wie es geschildert
worden ist, etwas, was iiber die Menschheit, die keine solche
Erkenntnis haben kann, hinausragt. Ebenso, wie der Che-
miker dadurch nicht etwas anderes ist als die iibrigen Men-
schen, daft er die Chemie kennt, ebensowenig ist der Gei-
stesforscher etwas anderes als die anderen Menschen. Nicht
durch solche Dinge wird der Wert des Menschen bestimmt,
sondern er wird in gewissen engeren Grenzen bestimmt
durch die Intellektualitat, durch die Kraft des gesunden
Denkens. Ein Mensch ist mehr wert, wenn er gut denken
kann, als ein anderer, der schlecht denken kann. Und im
umfassenden Sinne ist der Wert des Menschen bestimmt
durch seine Moralitat, dadurch, daft er moralische Hand-
lungen vollbringt und eine moralische Seelenverfassung
hat. Nicht durch eine besondere Ausbildung der Seele hat
er etwas voraus, sondern allein durch seine intellektuellen
und moralischen Qualitaten.
Aus diesem Grunde sollte die iible Gewohnheit, die so
sehr die Wege zur iibersinnlidien Erkenntnis verlegt, ganz
und gar bei denen ausgetilgt werden, welche an solche Er-
kenntnis herantreten wollen: dafi man den Geistesforsdier,
der in die geistige Welt hineinzuschauen vermag, deshalb,
weil er dies kann, fur eine besondere Autoritat, fur etwas
Besonderes halt. Dadurch wird Autoritatsglaube und eine
blinde Anhangerschaft hervorgerufen, die schon sdhlimm
genug sind auf anderen Gebieten, die aber am allerscblimm-
sten sind auf dem Gebiete geisteswissenschaftlicher For-
schung, denn die Erfahrung zeigt fur den Betrieb der Gei-
stesforschung das Folgende.
Wer sich innerhalb des gewohnlichen Lebens, so wie an-
dere Menschen, die im gewohnlichen Leben stehen, ein ge-
sundes, ein gerades, ein logisches Denken erworben hat, der
tragt dieses logische, gesunde Denken auch in die iibersinn-
liche Welt hinein und vermag dadurch zu beurteilen, was
wirklich, was richtig und was wahr ist, und der allein kann
dann aus dem, was er erkennt, richtige Urteile seiner Mit-
welt iiberliefern. Nicht dadurch, dafi man in die iibersinn-
liche Welt hineinschaut, pragt man richtige Urteile, sondern
dadurch, dafi man mit richtigem Intellekt, mit guter Logik
hineingeht. Ein Tor, der noch so viel in der geistigen Welt
schauen kann, der eine ganze Unsumme von allem mog-
lichen Geistigen schaut, weil er auf irgendeine Weise seine
Seele dazu gebildet hat, wird auch lauter unsinniges Zeug
erzahlen, wie es in der geistigen Welt ist. Ob man zur
Wahrheit kommt, das hangt davon ab, wie man urteilen
kann. Deshalb ist der Mensch mit gutem Verstande, wenn
er auch gar nicht in die geistige Welt hineinschauen kann,
jederzeit in der Lage, sich ein Urteil dariiber zu bilden, ob
das, was einer erzahlt, und wenn er es noch so sehr in der
geistigen Welt «gesehen» hat, ein Unsinn ist, oder ob es
Hand und Fufi hat. Wenn jemand zeigt, dafi er nicht gut
denken kann, dafi er die Dinge nicht richtig verkniipfen
kann, dann sollte er, statt dem Geistesforscher aufzuhor-
chen, lieber bei dem gesunden Menschenverstande Wache
stehen, denn dann wird er jederzeit wissen, ob etwas aus
einem klugen oder einem torichten Sinne kommt.
Nodi bedeutender ist in dieser Beziehung die moralische
Seelenverfassung. Wer mit schlechten Leidenschaften, mit
schlechten Gefiihlen und Empfindungen, namentlich aber
mit Eitelkeit und Ehrsucht an die geistige Welt herantritt,
der wird das, was sich ihm dann bietet, nur verzerrt und
unwahr schauen. Er wird die schlechtesten Partien des Gei-
stigen schauen, und diese werden sich ihm noch so dar-
stellen, daft sie ihm nicht Wahrheit kiinden, sondern Illu-
sionen aufbinden. Seine moralische Verfassung entscheidet
bei dem geistigen Seher iiber das, was er in der geistigen
Welt schauen kann. So sehr ist das geistige Schauen selbst
nicht dazu geeignet, den Menschen irgendwie zu einer Au-
toritat zu machen. Vielmehr haben wir auf die Art zu
achten, wie Geistesforschung vorbereitet wird, und mussen
wissen, dafi wir das grofite Unheil anrichten, wenn wir
nicht mit unserem gesunden Menschen ver stand Wache hal-
ten und nur auf das objektiv zu Beurteilende sehen.
Das ist der Weg zur Beurteilung iibersinnlicher Erkennt-
nisse von seiten derjenigen, die solche Erkenntnisse fur das
Heil und das Gliick ihrer Seele ersehnen. Wenn sich der
Mensch in dieser Weise zu dem Geistesforscher verhalt,
dann ist wahrhafHg dieses Verhaltnis der Welt dem Geistes-
forscher gegenuber nicht anders als das Verhaltnis der Welt
zu anderen Wissenschaften. Wie nicht jeder auf die Stern-
warte oder ins Laboratorium gehen kann, um dort Unter-
suchungen zu machen, so konnen auch, obwohl heute immer
schon eine gewisse Vertiefung in die geistige Welt moghch
ist, verhaltnismafiig wenige in dieselbe hineinschauen. Das
ist aber audi nicht notwendig, denn das, was die Friidhte
einer geistigen Erkenntnis sind, das kann, wenn es mitge-
teilt wird, durdi unbefangenes Begreifen verstanden wer-
den. Dies kann das richtige Verhaltnis des Geistesforschers
zu seinem Publikum werden, und dies ist audi immer das
richtige im Zusammenleben der Menschen.
Je mehr man es dahin bringt, den Geistesforscher nicht
als Autoritat zu nehmen, sondern sich auf seinen gesunden
Menschenver stand zu verlassen, alles zu priifen, und je
mehr man alles, was der Geistesforscher sagt, daran bemilk,
wie man es einsieht, wenn man es mit demLeben vergleicht,
wenn man, mit anderen Worten, seinen gesunden Menschen-
ver stand anwendet - je mehr man das tut, des to mehr
steht man auf einem gesunden Boden. Wir diirfen durch-
aus sagen, dafi Geisteswissenschaft, soweit sie die Welt
braucht, heute jedem Menschen zuganglich ist aus dem Um-
stande, weil sie begreifbar ist, audi wenn man nicht in die
geistigen Welten hineinschauen kann. Wir sind heute schon
auf dem Standpunkte, da£ es eigentlich keiner Seele mehr
versagt ist, den Weg in die geistige Welt zu gehen. Das
erfordert unser Zeitalter, dafi sich die Menschen immer
mehr und mehr uberzeugen, dafi der Weg in die ubersinn-
lichen Welten hinein audi gemacht werden kann. Das ist
das Richtige, im Gegensatze zu dem, was den Menschen zu
einem blinden Autoritatsglauben bringt. Das aber allein,
was richtig ist, hat fur das Gliick und das Heil der Seele
einen Wert.
Das sollten einige Andeutungen sein iiber die Wege zur
ubersinnlichen Erkenntnis, zu jener Erkenntnis, die uns
wirklich in eine geistige Welt hineinfiihrt, welche hinter
unserer Sinneswelt liegt, und die uns audi dazu bringt, diese
geistige Welt zu begreifen. Der Geistesforscher selber hat
fur seine Personlichkeit, fiir seine Wesenheit erst dann
etwas von der geistigen Welt, wenn er nicht bloE schauen
kann, sondern das Geschaute audi begreifen kann. Denn
alles Geschaute 1st, ohne daiS es begriffen wird, noch nichts
wert. Wenn es aber begriffen ist, begriffen 1st von dem
charakterisierten gesunden Menschenverstande und dem
natiirlichen Wahrheitsgefiihl, dann grabt es sich ein in un-
sere Seele, verbindet sich mit ihr, und unsere Seele fuhlt
unmittelbar, was da drinnen ist, wie die Seele, wenn sie
vor ein Bild tritt, unmittelbar fuhlt, was in dem Bilde ist,
wenn sie dieses Bild auch nicht selber machen kann. Wie es
nicht notwendig ist, um von einem Bilde etwas zu haben,
dafi man ein Maler sein mufi, ebensowenig ist es notwendig,
um in eine fiir die Seele auch im hochsten Mafie notwen-
dige Erkenntnis, zum Beispiel der Unsterblichkeit oder des
Durchganges durch wiederholte Erdenleben, einzudringen,
oder um diese Erkenntnis geniigend zu durchdringen, dafi
man selber diese Erkenntnisse im geistigen Schauen formen
kann - obwohl es gut ware, wenn immer mehr und mehr
Menschen in das geistige Schauen eindringen wiirden. Das
erobert sich aber die Zeit, und das werden auch immer mehr
Menschen tun, weil das notwendige, gar nicht zu iiber-
windende Bediirfnis auftreten wird, sich in die iibersinn-
liche Welt hineinzuleben. Die Seelen werden immer mehr
und mehr gezwungen werden, auch sozusagen zum Seher
zu werden, wirklich mit der geistigen Welt zusammenzu-
wachsen.
Das aber gibt - sei es begrifTenes Selbstschauen, sei es
begriffenes Schauen des andern - der Besitz der iibersinn-
lichen Wahrheiten, der ubersinnlichen Erkenntnisse, dafi
unsere Seele weifi, wie wir durch die aufiere Wissenschaft
erkennen, wie alle die aufSeren Stoffe, die in unserem Leibe
sich flnden, in dem ganzen Universum vorhanden sind, so
dafi wir wie eingebettet sind in dem Gleichen, das in dem
ganzen Universum ausgebreitet ist - Untersuchungen, die
erst durch die Spektral-Analyse moglich gemacht worden
sind — wie der Mensdi aus dem Universum heraus gestaltet
ist. So lernt er durch die geistbegreifende Forschung audi
erkennen, daft er in allem, was in seinem Bewufitsein oder
in seinem Unterbewufttsein auf- und abwogt, mit einer
Welt von geistigenWesenheiten zusammenhangt, diewahr-
haftig wirklicher sind als die Stoffe, mit denen der Leib
zusammenhangt.
So fuhlt der Mensch nach und nach die Fnichte der Gei-
stesf orschung an seiner Seelenruhe, und fuhlt audi die Kraft,
zu arbeiten und tatig zu sein im geistigen All, im gott- und
geistdurchtrankten All. Das aber macht es erst, daft der
Mensch weift, was er ist und die fur ihn notwendige Er-
kenntnis hat: daft er ruhend und tatig, denkend, fiihlend
und wollend im geistdurchtrankten All lebt und sich mit
ihm verbunden fuhlt und weift. Und das macht das aus,
was die Seele nicht entbehren kann, was sie sucht, wenn sie
es fiir eine gewisse Zeitdauer nicht hat. Das braucht die
Seele, wenn sie nicht in sich veroden soli und durch die Ver-
odung nicht unfahig werden soil, mitzuarbeiten an der
Menschheit, so da£ sie nicht nur zur Verzweiflung an dem
Gottlichen, sondern audi in die Dekadenz kommen wiirde.
Das Bewufitsein aber der Zusammengehorigkeit mit den
iibersinnlichen Welten liegt dem zugrunde, was wie instink-
tiv fiihlend in Goethe lebte, wenn er sagt:
War nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne konnt es nie erblicken;
Lag nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie konnt uns Gottliches entziicken?
Wohl, das Auge ist sonnenhaft! Dieselbe Kraft, die in
der Sonne ist, ist im Auge. Dadurch kann Gleiches von
Gleichem, wie schon die alten Philosophen sagten, erkannt
werden. In dem Menschen ist ein Gottliches, die ganze Welt
ist durchtrankt von Gottlichem: dadurch kann das innere
Gottliche das auftere Gottliche erfassen. Aber Goethe er-
kannte audi, dafi das Gegenteil davon eine Wahrheit ist.
Schopenhauer vermag, obwohl er die ganze Welt zu
einer Willenserscheinung macht, nicht einzusehen, dalS das,
was in uns ist, nicht blofi notwendig ist fur die Erkenntnis
des AuEeren um uns, sondern dafi umgekehrt audi das
Aufiere notwendig ist fur das Dasein des Inneren. Im
schopenhauerschen Sinne ware es, dafi die Sonne nur da-
durch vorhanden ist, dafi wir ein Auge haben. Dadurch ist
ja die sonderbare Philosophic entstanden, welche die Welt
als tonlos, als warmelos und so weiter betrachtet und alles
dieses erst beginnen lafit, indem die menscblichen Organe
in die Welt treten. Aber Goethe wu£te das Richtige: dafi
nicht nur, indem wir Augen haben, wir die Dinge sehen,
indem wir Ohren haben, wir die Tone horen, sondern dafi
ein Auge erst dadurch auftreten kann, daft die Sonne da
ist. Aus einer einstmals augenlosen Wesenheit hat sich der
Mensch zu einem sehenden Wesen dadurch gemacht, dafi
das Licht den Raum erfiillte und aus dem Organismus, der
noch kein Auge hatte, das Auge herausholte. Die Sonnen-
kraft hat das Auge geschaffen durch das von ihr verbreitete
Licht. So kommt es nicht darauf an, dafi wir das Gottliche
in uns tragen und zum Beispiel in Feuerbachs Sinne das
Gottliche, das wir erst in uns geschaffen haben, nur hin-
ausprojizieren in die Welt, sondern wir miissen wissen, dafi
wir gar nicht diesen «Gottessinn» in uns hatten, wenn nicht
das Gottlich-Geistige die Welt erfiillte und in uns ein Geist-
organ geschaffen hatte, wie die aufiere Sonne das auftere
Auge geschaffen hat.
Deshalb konnen wir sagen: Das Bewufksein der Zusam-
mengehorigkeit von Seele und Welt, das der Seele Starke
und Kraft gibt und sie ruhen und tatig sein lafk im geistigen
All, das setzt sich aus zwei Dingen zusammen, zwei Din-
gen, von denen wir das eine mit dem schonen Goetheschen
Ausspruche diarakterisieren konnen:
War nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne konnt es nie erblicken;
Lag nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie konnt uns Gottliches entzucken?
Aber es ist ganz im goetheschen Sinne, wenn wir, diese
einseitige Wahrheit durch das andere erganzend, was sie
erst zur vollen Wahrheit macht, den anderen Spruch hin-
zufugen, der da heifien mag:
Ware die Welt nicht Sonne-begabt,
Wie konnten Augen den Wesen erbluhen?
Ware das Dasein nicht Gottes Enthullung,
Wie kamen Menschen zur Gottes-Erfullung?
ERGEBNISSE DER GEISTESFORSCHUNG
FOR LEBENSFRAGEN UND DAS TODESRATSEL
Berlin, 5.Dezember 1912
Die grolken Ratsel des Lebens, welche allgemeine mensch-
liche Bedeutung haben, sind uns nicht durch besondere For-
schungen der Wissenschaft auf gegeben, sondern sie begegnen
uns auf Schritt und Tritt des Lebens. Und der grofke Frage-
steller ist ja wohl das Leben selbst, das fortwahrend an uns
herantritt, ein Fragesteller, der mit seinen Fragen nicht nur
unsere Neugier, unsere Wifibegierde erregt, sondern der
durch seine Fragen Gluck und Leid, Bef riedigung oder wohl
audi Verzweiflung unserer Seele bedeuten kann. Geistes-
wissenschaft, wie sie hier in diesen Vortragen vertreten
wird, soil ja vorzugsweise dazu da sein, diese vom Leben
selbst gestellten Fragen zu losen, soweit es menschlichem
Erkenntnisvermogen gestattet ist, in die Geheimnisse des
Daseins hineinzuschauen. Wenn auch gegeniiber der heute
gebrauchlichen Wissenschaft diese Geisteswissenschaft als
etwas Neues, als etwas Ungewohntes erscheint, so ist das
fur den begreiflich, der nur einen Blick in diejenigen Zweige
gebrauchlicher Wissenschaft tut, welche sich gerade mit Fra-
gen der Seele, mit Fragen des geistigen Lebens beschaftigen.
Was man heute Psychologie oder Seelenwissenschaft nennt,
kann, soweit es sich darbietet, in weitem Mafie durchforscht
werden, und man wird finden, dafi gerade die grofkn Da-
seinsfragen, die grofien Lebensratsel in dieser gebrauch-
lichen Wissenschaft gar sehr zu kurz kommen.
Einer der grofteren Seelenforscher der Gegenwart, Franz
Brentano, hat es in seiner «Psychologie» ausgesprochen:
Wie man heute eigentlich in der gebrauchlidien Seelenfor-
schung die Fragen beantwortet findet oder wie sie wenig-
stens zu beantworten versucht werden, wie sich Vorstellung
an Vorstellung reiht, wie die eine Empfindung die andere
in der Seele wachruft, wie vielleicht nodi diejenigen Seelen-
krafte sich innerhalb unseres Bewufkseins ausgestalten, die
wir mit dem Namen Gedachtnis bezeichnen, das alles —
meint audi Franz Brentano - konnte doch kein Ersatz fur
das sein, was einstmals gerade die Seelenforschung als eine
gewisse Losung des Geheimnisses zu ergriinden suchte, das
sich an den Namen der Unsterblichkeit des menschlichen
Wesens knupft. - Nach solchen Fragen wie jener der Un-
sterblichkeit der Seele wird man eben heute in der gebrauch-
lidien Geistes- oder Seelenwissenschaft vergeblich suchen,
und nach anderen Fragen auch. Sie konnen aus dieser ge-
brauchlichen Seelenwissenschaft heraus sozusagen gar nicht
einmal aufgeworfen werden.
Man mochte sagen, mit einem trivialen Worte konnten
die alleralltaglichsten grofien Ratselfragen des Seelenlebens
aufgeworfen werden, namlich mit den Worten: Wie soil
der Mensch iiberhaupt mit sich und der Welt fertig werden,
wenn er an sich selbst erlebt, wie er in jedem Lebensalter ein
anderer wird, wie jedes Lebensalter neue Aufgaben vor ihn
hinstellt schon im Leben zwischen Geburt und Tod? Wie
soil sich der Mensch das grofie Ratsel des Daseins beant-
worten, das alltaglich an ihn herantritt und das, wie jeder
merken kann, innig zusammenhangt mit dem ganzen Wesen
des Menschen? Das grofie Ratsel, wie kommt es und was
fur eine Bedeutung hat es, dafi alles, was vom Morgen
bis zum Abend im wachen Zustande in uns auf- und ab-
flutet an Vorstellungen, Trieben, Begierden, Leidenschaften,
Affekten und so weiter, mit dem Eintritt des Schlafes in
ein unbestimmtes Dunkel hinuntersinkt und wiederum aus
diesem unbestimmten Dunkel auferweckt wird, wenn wir
den neuen Tag beginnen? - Schlaf und Wachen, die so innig
mit dem Daseinsratsel des Mensdien zusammenhangen, von
ihnen mufi die Wissenschaft selbst gestehen und gesteht es
immer mehr, dafi sie kaum irgend etwas zur Beantwortung
dieser Ratselfragen zu sagen weifi. Und dann kommt das
eben schon angedeutete Todesratsel, jenes Ratsel, iiber wel-
ches ein bedeutender Forscher der jiingst vergangenen Zei-
ten, wie es hier schon angedeutet worden ist, nichts anderes
zu sagen weifi, als was sozusagen die Beobachtung der
aulkren Korperlichkeit ergibt. Huxley fiihrt sie gleich im
Beginne seiner «Grundziige der Physiologie» an, die Worte
des melancholischen Danenprinzen Hamlet:
Der grofie Casar, tot, und Lehm geworden,
Verstopft ein Loch wohl vor dem rauhen Norden;
O daft die Erde, der die Welt gebebt,
Vor Wind und Wetter eine Wand verklebt!
Und weiter fuhrt er das aus, was er sagen will, indem
er zeigt, dafi die einzelnen materiellen Teile, welche den
Mensdien zusammensetzen, wenn er durch die Pforte des
Todes schreitet, sozusagen in alle Winde nach und nach ver-
fliegen, in die anderen Materien ubergehen, die um uns
herum sind, und wie wir dort zusammensuchen miiftten
das, was der Mensch gewesen ist, wenn wir die stofflichen
Atome dort, wo sie nach einiger Zeit anzutrefifen sind, in
den Weltenweiten, suchen wiirden.
DajS dies, was aus den Atomen des gro£en Casar gewor-
den ist, gar nicht die Frage ist, die eigentlich der mensch-
lichen Seele nahegeht, das fiihlt sozusagen die aufiere natur-
wissenschaftliche Betrachtung gar nicht mehr. Dafi die Frage
die ist: Wo sind die Seelenkrafte, die in Casar gewirkt ha-
ben? Was ist mit ihnen geschehen? Wie wirken sie in der
Welt weiter? - dafi dies die grofte Frage ist, das kann audi
eine auftere Wissenschaft nicht mehr fiihlen. Und dann
jene Frage, die sich einschliefk in das bedeutungsvolle Wort
Schicksal, die Schicksalsfrage, die uns eben wirklich auf
Schritt und Tritt im Leben entgegentritt, die uns das grofie
Ratsel auf gibt, das sich uns alliiberall zeigt. Wir sehen einen
Menschen ins Dasein treten, in Not und Elend geboren, so
dafi wir an seiner Wiege voraussagen konnen, dafi ihm ein
wenig giinstiges Gesdiick besdiieden sein wird, oder wir
sehen ihn mit scheinbar geringfugigen Anlagen ins Leben
treten, so dafi wir wieder voraussagen konnen, er wird sich
und den anderen Menschen nur wenig von Vorteil sein. Bei
einem anderen wieder sehen wir, wie er ins Leben tritt, im
Gliick und Oberflufi geboren, umgeben von sorgenden Han-
den von der Wiege an, mit Anlagen ausgestattet, welche
von vornherein zeigen, dafi er sich und seinen Mitmenschen
ein nutzliches Glied der Weltenordnung werden konnte.
Wieviel von alledem, was wir Gliick und Leid nennen, und
was taglich, stundlich an uns herantritt, schliefk sich in
diese Schicksalsfrage ein! Man mochte sagen, die grofien
Fragen des Daseins beginnen erst dort, wo die Wissen-
schaft gewissermafien aufhoren mufi. Und wer heute mit
einer solchen Weltanschauung sich bekannt zu machen ver-
sucht, die aus rein wissenschaftlichen Unterlagen heraus
gepragt ist, der wird sich sagen: Was mir da als Zusammen-
fassung, als noch so schone Zusammenfassung wissenschafl-
licher Wahrheiten geboten ist, das zeigt mir erst den An-
f ang der Fragestellung, jener Fragestellung, wie ich die gro-
fien Ratselfragen des Daseins aufwerfen mufi; von Ant-
worten ist da noch nicht viel zu finden.
Dem allem gegeniiber mu£ man aber betonen, dafl im
weitesten Umf ange der Bildung der heutigen Zeit gar nicht
die Moglichkeit vorhanden ist, auf die Lebensfragen der
menschlichen Seele einzugehen, aus dem einfachen Grunde,
weil durch Erscheinungen und Tatsachen, die sich im Laufe
der letzten Jahrhunderte abgespielt haben - und die in den
nachsten Vortragen zur Sprache kommen sollen — die
menschlichen Denkgewohnheiten, die ganzen Anlagen des
menschlichen Denkens mehr auf das auftere Materielle hin-
gelenkt worden sind und sich eigentlich erst dann beruhigt
fuhlen, wenn sie mit dem Urteil, mit dem Forschen bei
irgend etwas einsetzen konnen, was dem Augenschein ge-
geben ist, oder was dem an das Gehirn gebundenen Ver-
stande zuganglich ist. Es ist diesen Denkgewohnheiten
vielfach die Moglichkeit entzogen, auf das nur hinzu-
schauen, was seelisches Leben ist, hinzuschauen auf die-
jenigen Ereignisse, innerhalb welcher sich das abspielt, was
nicht im Korperlichen sich erschopfl, sondern was spezifisch
seelisch ist.
Es ist wohl aus den bereits in diesem Winter gehaltenen
Vortragen ersichtlich, dafi es sich bei Beantwortung dieser
Fragen nicht so sehr darum handelt, ob der Mensch etwa
durch die Wege ins iibersinnliche Leben, welche im letzten
Vortrage hier angedeutet worden sind, in diejenigen Ge-
biete hineinschauen kann, wo sich Antworten finden lassen
konnen auf die angedeuteten Fragen. Mehrfach ist es be-
tont worden, dafi gewisse Dinge auf diesem Wege erforscht
werden miissen, daft aber dann der unbefangene Menschen-
ver stand, das unbefangene Urteil durchaus in der Lage ist,
das einzusehen, was die iibersinnliche Forschung geben
kann. Wenn dies der Fall ist, dann wird es auch verstand-
lich sein, dafi der im letzten Vortrage geschilderte Weg
iibersinnlicher Erkenntnis immer die Moglichkeit gibt, das-
jenige, was im Leben ohnedies da ist, was sich im Leben
iiberall darbietet, in richtiger Art anzuschauen und durch
die richtige Anschauung Antworten zu bekommen auf die
grofien Ratselfragen des Daseins.
Das Geistige im Menschen ist iiberall vorhanden, ist im-
mer da, und dafi es uns seine Unsterblichkeit kiindet, dazu
ist nicht so sehr ein unmittelbares Hineinblicken in die
iibersinnliche Welt notwendig, als ein richtiges Anschauen
- das allerdings herangezogen und gelautert werden kann -,
als ein richtiges Anschauen der unmittelbaren Ereignisse
unseres Seelenlebens selber. Darauf sollte das Hauptaugen-
merk bei der Beurteilung dessen gerichtet sein, was hier
Geisteswissenschaft genannt wird: in welcher ArtdasLeben
betrachtet wird, in welcher Art durch das von der Geistes-
wissenschaft herbeigefiihrte eigenartige Denken die Erschei-
nungen des unmittelbaren Seelenlebens sich darbieten. Wer
dabei genau zusehen will, der wird finden, dafi die Geistes-
wissenschafl die Erscheinungen des unmittelbaren Seelen-
lebens im Zusammenhange mit dem aufieren Leben des
Materiellen so betrachtet, dafi die angedeutete grofie Ratsel-
frage des Daseins sich aus der unmittelbaren Lebensbeob-
achtung heraus zur Beantwortung bringt.
Es ist hier schon mehrfach angedeutet worden, dafi die
Geisteswissenschaft heute in einer ahnlichen Lage ist, in
welcher die Naturwissenschaft in der Zeit der Morgenrote
der neueren Bildung war, als zum Beispiel Francesco Redi
die grofie "Wahrheit aussprach, die heute allgemein iiblich
ist und allgemein anerkannt wird: Lebendiges kann nur
aus Lebendigem stammen. Damit war zunachst ein mach7
tiges Vorurteil bekampft, das Vorurteil, welches damals
nicht etwa bloJft auf Laienkreise beschrankt war, sondern
die ganze damalige Wissenschaft beherrschte - und diese
Zeit liegt nur wenige Jahrhunderte zuriick: Man glaubte
noch vor drei Jahrhunderten etwa, beim Auftreten Fran-
cesco Redis, dafi niedere Tiere, wie Fische, Regenwiirmer
und dergleichen, aus Flufischlamm durch blofie Zusammen-
fiigung des aufleren Materiellen entstehen konnen. Dafi
dies eine ungenaue Beobachtung war, zeigte Francesco Redi.
Er zeigte, dafi nichts von lebendigem Dasein entstehen
kann, ohne dafi ein von einem gleichen Lebendigen her-
riihrender Lebenskeim in die unorganisierte Materie hin-
emversetzt wird, und stellte den Satz auf : Lebendiges kann
nur aus Lebendigem entstehen. In den Grenzen, in denen
hier von diesem Satze gesprochen werden soli, erkennen
ihn alle an, von Haeckel bis Du Bois-Reymond. Nicht an-
erkannt war er zur Zeit Francesco Redis. Dieser mufite erst
zeigen, wie nur eine ungenaue Beobachtung zugrunde liegt,
wenn man glaubt, dafi sich die unlebendige Materie zu
Lebendigem zusammenformen konne.
In derselben Lage ist die Geisteswissenschaft heute dem
Geistigen gegeniiber, wie es dem Lebendigen gegenuber
Francesco Redi war. Die Geisteswissenschaft zeigt heute
durch die Art, wie sie die Seelenerscheinungen zu betrachten
vermag, dafi es einer ungenauen Beobachtung entspricht,
wenn man glaubt, dafi das, was mit einem Menschen an
innerem Seelenleben ins Dasein tritt, etwa herriihren
konnte zum Beispiel von der Vererbung, von den Eltern
oder Grofieltern usw. herauf, oder nur aus dem herriihren
konnte, was die Seele des Menschen durch aufiere Erfah-
rung, durch aufieres Erleben der Umwelt in sich aufnimmt.
Die Geisteswissenschaft hat zu zeigen, dafi der Glaube, es
konnte so sein, genau ebenso auf ungenauer Beobachtung
beruht, wie der Glaube, dafi aus unlebendiger Substanz sich
ein gestaltetes Lebendiges zusammenformen konnte. Wie
die unorganische Materie sozusagen nur von einem leben-
digen Keim zusammengezogen werden kann, so kann alles,
was an vererbten Merkmalen und Eigenschaften die Men-
schenseele in sich gestaltet, alles, was sie aus der aufieren
Welt durch die Sinne und durch den Verstand aufnimmt,
nur zu dem, was als unmittelbar lebendiges Seelenwesen in
uns lebt und webt, zusammengefiigt werden, wenn ein
lebendiger Geisteskeim da ist, ein Geisteskeim, der in sich
zusammenfiigt sowohl die vererbten Merkmale, wie alles,
was aus der aulteren Umgebung auf genommen wird.
Diesen Geistes- oder Seelenkeim faftt die Geisteswissen-
schaft ins Auge, und sie steht damit allerdings einem sehr,
sehr verbreiteten Vorurteile der Gegenwart gegeniiber.
Wenn man heute von dem Geprage der menschlichen Seele
spricht, wenn man von allem spricht, was der Mensch dar-
lebt, dann wird man -und es ist dies durch gewissenhafteste
Forschungen geschehen, die durchaus in ihrer Art anerkannt
werden sollen - auf dieses oder jenes hinweisen, was von
den Vorfahren «vererbt» ist. Man wird immer versucht
sein, was in der menschlichen Seele lebt, und was der Mensch
ausgestaltet, sozusagen zusammenzufugen durch diese oder
jene Ursachen, welche innerhalb der Vererbungslinie liegen,
auf die man nur einwirken lassen will, was von aufien auf
den Menschen einstiirmt zur Gesamtgestaltung der mensch-
lichen Seele.
Es wird einmal eine gewisse Harmonie zwischen der
Naturwissenschafl und der Geisteswissenschaft auf diesem
Gebiete zustande kommen, wenn man eine Frage beriick-
sichtigen wird, welche der Geisteswissenschaft stets vor-
schweben mufi, wenn vom menschlichen Seelenkern und
von vererbten Anlagen die Rede ist, die Frage, die sich
knupft an die Erhaltung der ganzen menschlichen Gattung.
Innerhalb des Gattungslebens, innerhalb dessen, was im
Generationenwesen vom Grofivater und Vater auf den
Sohn und so weiter vererbt wird, sehen wir allerdings
Merkmale von Generation zu Generation iibergehen. Aber
eines tritt uns fragestellend entgegen, wenn wir diese Auf-
einanderfolge des Menschendaseins im Laufe der Gene-
rationen ins Auge fassen: daft der Mensch in einer gewissen
Zeit sozusagen die Mannbarkeit, die Geschlechtsreife er-
langt, und in der Zeit, in welcher er diese erlangt hat, ist er
in der Lage, sozusagen gattungsmafiig wieder einen voll-
standigen Menschen ins Dasein zu stellen. Das heifk mit
anderen Worten, der Mensdi ist mit erlangter Geschledits-
reife fahig, seinesgleichen hervorzubringen, hat also die
Fahigkeiten, welche da sein miissen, damit er seinesgleichen
hervorbringen kann.
Was also menschliche Entwickelung ist, das geht bis zur
Geschlechtsreife hin so, dafi der Mensch bis zu derselben in
sich alle Fahigkeiten entwickelt, die es moglich machen, daft
er ein Wesen seinesgleichen hervorbringen kann. Aber der
Mensch entwickelt sich nach der Geschlechtsreife weker.
Neue Gestaltungen, neuer Inhalt der Seele treten auch nach
der Geschlechtsreife auf, und es ist unmoglich, das, was die
Seele in ihrer Entwickelung nach der Geschlechtsreife durch-
macht, in derselben Weise mit der ganzen Entwickelung der
menschlichen Gattung in Zusammenhang zu bringen wie
das, was der Mensch bis zur Geschlechtsreife zur Herstel-
lung der menschlichen Gattung durchmacht. Ein scharfer
Unterschied mufi gemacht werden in des Menschen ganzer
Stellung zur Welt in bezug auf seine Entwickelung bis zur
Geschlechtsreife, und in bezug auf die Zeit nachher. Das ist
eine Frage, die, wie wir gleich sehen werden, nur von der
Geisteswissenschafl richtig ins Auge gefafk werden kann.
Eine andere, bedeutungsvolle Frage taucht damit auf,
die aber zeigt, wie das aufzufassen ist, was mit dem Aus-
drucke «Vererbung» bezeichnet wird, im Gegensatze zu
dem, was uberhaupt in der menschlichen Seele spielt und
zur menschlichen Entwickelung gehort. Was im Menschen
auftritt und sich deutlich als ein Produkt der Vererbung
innerhalb der menschlichen Gattung zeigt, wir konnen es
an einem radikalenFalle anfassen, wo eine Vererbung unter
alien Umstanden auf tritt, einf adi dadurch, dafi der Mensch
Mensch ist und von einem gleichartigen Wesen, einem We-
sen seinesgleichen, abstammt. Eine solche Sadie ist zum
Beispiel der Zahnwechsel im ungefahr siebenten Lebens-
jahre. Das ist etwas, was in den Kraften liegt, die der
Mensch vererbt hat, die unter alien Umstanden auftreten,
audi wenn wir den Menschen von der menschlichen Gemein-
schaffc herauslosen und auf eine einsame Insel setzten, wo
er wild heranwachsen wiirde.
So ist es mit alien Eigenschaften, welche eigentlich nur
innerhalb der Vererbungslinie begriindet sind. Nehmen wir
aber einmal etwas, was so innig mit der menschlichen Seele
zusammenhangt wie die Sprache, und da finden wir gleich,
dafi uns die Vererbungsbegriffe im Stiche lassen. Wo es
berechtigt ist, von Vererbung zu sprechen, da werden die
vererbten Merkmale auftreten wie beim Zahnwechsel. Wenn
wir aber einen Menschen auf eine einsame Insel bringen
und ihn wild aufwachsen lassen, so dafS er keinen mensch-
lichen Laut hort, dann entwickelt sich die Sprache nicht.
Das heifit, wir haben da etwas, was uns zeigt, daf* es in
der menschlichen Seele etwas gibt, was nicht in gleicher
Art an die Vererbung gebunden ist wie die Krafte, die wir
im eminenten Sinne als vererbte anzusprechen haben.
So konnten wir vieles anfiihren, was uns zeigen wiirde,
wie wenig man mit den Vererbungskraften zur Erklarung
des Gesamtwesens des Menschen auskommen kann. Aber
gegenuber der Betrachtung des Geistigen durch die Geistes-
wissenschaft macht man ja von vornherein dort, wo man in
der Beurteilung vorurteilsvoll zu Werke geht, Fehler iiber
Fehler, Fehler, die sich einfach als logische Fehler heraus-
stellen. So glaubt man zum Beispiel immer wieder, die
Geisteswissenschaftwolle sich gegen irgend etwas auflehnen,
was die Naturwissenschafl zu sagen hat, wahrend sie gerade
den Errungenschaften der Naturwissenschafl die hochste
Schatzung entgegenbringt.
So glaubt man dies zum Beispiel, wenn die Geistes-
wissenschaft geltend macht, dafi das, was wir den mensch-
lichen Seelenkern nennen, nicht etwa blofi von den Eltern,
Grofieltern und so weiter abstammt, sondern als ein geistig-
seelischer Kern auf ein vorhergehendes, weit zuriickliegen-
des Leben des Menschen zuruckgeht, so zuruckgeht, dafi die
Geisteswissenschaft zu sagen hat: Das Erdenleben des Men-
schen ist nicht nur ein einmaliges, sondern ein wiederholtes.
Wenn wir durch die Geburt in das Erdendasein schreiten,
so tritt ein Seelenkern ins Dasein, der in sich gewisse Eigen-
tumlichkeiten, gewisse Krafte in f riiheren Lebenslaufen auf-
genommen hat. Dadurch, dafi er diese Krafle in friiheren
Lebenslaufen in sich aufgenommen hat, gleichsam in sich
konzentriert hat, tritt er in einer gewissen Beziehung in
einen neuen Korper ein, in eine neue physische Umgebung
ein. Wie der lebendige Keim im physischen Leben sich in
seine unorganische Umgebung versetzt und von dort die
unorganischen Krafte und StofFe aufnimmt, so tritt dieser
aus friiheren Erdenleben kommende menschliche Seelenkern
an die vererbten Merkmale heran, bindet sie, konzentriert
sie, nimmt das, was die Aufienwelt geben kann, und formt
und gestaltet so an dem neuen Leben, welches wir dann
die Zeit von der Geburt bis zum Tode durch fiihren. Das
jetzige Leben ist wieder ein solches Zusammenziehen teil-
weise der vererbten Merkmale, teilweise dessen, was das
au£ere Leben uns bietet. Und wenn wir durch die Pforte
des Todes schreiten, dann ist dieser Seelenkern am konzen-
triertesten. Dann durchlaufl er in der Zeit zwischen dem
Tode und einer nachsten Geburt ein rein geistiges Dasein
und tritt, wenn er in diesem weiterhin dazu gereift ist, durch
eine neue Geburt oder Empf angnis in ein neues Erdenleben.
Dafi irgend etwas von dem, was heute gewissenhafte und
gut erforschte naturwissenschaftliche Ergebnisse sind, durch
solche Anschauungen der Geisteswissenschaft bekampft oder
irgendwie audi nur beriihrt werden miifite, ist leider nur
ein landlaufiges Vorurteil. Die Geisteswissenschaft versteht
vollig - das ist bereits erwahnt worden wenn der Natur-
forscher kommt und zeigt, wie durch die Vermisdiung des
vaterlichen und miitterlichen Keimes in jedem einzelnen
Falle sozusagen eine besondere Individualisierung des Kin-
deskeimes stattfindet,und wie schondurdidiese Vermisdiung
des vaterlichen und miitterlichen Elementes die Individua-
litaten der einzelnen Kinder verschieden sein konnen. Die
Geisteswissenschaft in ihrer Tiefe lafit sich nicht auf die
triviale Behauptung ein, dafi es schon ein Beweis fur eine
besondere menschliche Individuality ware, dafi in ein und
derselben Familie die Kinder individuell und untereinander
verschieden seien, denn diese Individualisierung kann durch-
aus begriffen werden aus der verschiedenen Vermisdiung
des vaterlichen und miitterlichen Elementes. Wenn vielmehr
der Naturforscher kommt und darauf aufmerksam macht,
wie das, was der Mensch im Leben darlebt, auf diese oder
jene organische Konstitution, auf diese oder jene Gestal-
tung des Gehirnes und so weiter hinweisen konnte, so ist
die Geisteswissenschaft damit vollig einverstanden, und es
bleibt Dilettantismus in der Geisteswissenschaft, wenn man
darauf nicht eingehen will. Wenn aber das, was die Na-
turwissenschaft mit vollem Recht auf diesem Gebiete zu
sagen hat, ein Einwand sein soil gegen die Ergebnisse
der Geistesforschung, dafi namlich trotz aller Ergebnisse
naturwissenschaftlicher Forschung der menschliche Seelen-
kern die vererbten Merkmale erst heranzieht, um ein Leben
zu gestalten, dann begeht man einen logischen Fehler, der
etwa in der folgenden Weise charakterisiert werden kann.
Nehmen wir an, ein Mensch sieht einen anderen vor sich,
der gesund atmet, und er sagt: Dafi dieser Mensch lebt und
jetzt als ein lebendiges Wesen vor mir stent, das riihrt von
der Luft und der Lunge her, die vorhanden sind. - Wer
wollte bestreiten, dafi dies eine vollige Wahrheit ist! Eben-
sowenig wie dies von irgendeiner Geisteswissenschaft be-
stritten werden kann, ebensowenig kann das bestritten wer-
den, wenn der Naturforscher kommt und die materiellen
Bedingungen aus der Vererbungslinie in Aussicht nimmt,
um die individuelle Gestalt des Seelenlebens zu erklaren.
Wahr ist es, ebenso wahr, wie wenn der Naturforscher
sagt: Da stent ein Mensch vor mir, der lebt in diesem Augen-
blicke dadurch, weil aufier ihm die Luft und in ihm die
Lunge ist.
Darf deshalb der Naturforscher den Geistesforscher fur
widerlegt halten, wenn die Geisteswissenschafl; sagt: Trotz
allem, was da angefiihrt wird, ist das, was sich mit deiner
Seele zutragt, bestimmt, geistig-seelisch bestimmt in rein
geistiger Art durch das, was die Seele in fruheren Leben
erlebt hat, trotz alledem ist das ganze Schicksal des Men-
schen durch das bestimmt, dafi der Mensch in fruheren Leben
selbst dieses Schicksal vorbereitet hat? Nein, der Natur-
forscher darf nicht den Geistesforscher, der eine solche Be-
hauptung macht, fur widerlegt halten. Es darf der Natur-
forscher, der da sagt: Der Mensch, welcher da vor mir stent,
lebt in diesem Augenblicke dadurch, weil aufier ihm die
Luft und in ihm die Lunge ist, den Geistesforscher eben-
sowenig fur widerlegt halten, wie er denjenigen fur wider-
legt halten darf, welcher ihm sagt: Nein, deshalb lebt er
nicht, sondern er lebt in diesem Augenblicke durch etwas
ganz anderes; dieser Mensch wollte sich einmal erhangen,
und er ware ganz gewift bei seinem damaligen Versudi des
Erhangens mit dem Tode abgegangen, ware ich nidit dazu-
gekommen. Ich habe ihn aber abgeschnitten, und deshalb
lebt er jetzt.
Hieran sehen wir also, wie die objektive Wahrheit, daft
der andere nur deshalb lebt, weil aufier ihm Luft und in
ihm Lungen sind, dem Tatbestand nicht widerspricht, daft
er in diesem Augenblicke nur deshalb lebt, weil ihn der
andere abgeschnitten hat! Ebensowenig, wie diese letztere
unwiderlegliche Wahrheit in Widerspruch steht mit der Er-
kenntnis des Naturf orschers, daft der Mensch lebt, weil Luft
und Lungen vorhanden sind, ebensowenig steht das, was
die Naturwissenschaft zu sagen hat, in Widerspruch mit
dem, was die Geisteswissenschaft vorzubringen hat: daft
die letzten, geistigen Griinde fur das Dasein des Menschen
in den wiederholten Erdenleben liegen.
Da handelt es sichdarum, daft der Blickin rich tiger Weise
auf das Richtige gelenkt werde, und da konnen wir als
ein gutes Beispiel geradezu die Sprache ins Auge fassen.
Jeder Geistesforscher, der in die Tiefen der Dinge eindringt
und die Naturwissenschaft versteht, kann begreifen, daft
man leicht versucht sein kann, zu sagen: Der Mensch kann
sprechen, weil er in seinem Gehirn ein Sprachzentrum hat.
Das ist ganz gewift richtig. Aber ebenso richtig ist es audi,
daft dieses Sprachzentrum des Gehirnes erst zu einem leben-
digen Sprachzentrum dadurch geformt ist, daft iiberhaupt
eine Sprache in der Welt existiert. Die Sprache hat das
Sprachzentrum geschafTen. Ebenso ist alles, was an Forma-
tionen des Gehirnes und des ganzen organischen Apparates
des Menschen existiert, durch das Geistig-Seelische geschaffen
worden. Dieses hat erst in die unbestimmte Menschenmate-
rie das eingepragt, was geistiges Leben ist. Daher haben
wir das eigentlich Schopferische im menschlichen Seelen-
kerne, in dem Geistig-Seelischen zu suchen. Wir haben nidit
das Geistig-Seelische als ein Ergebnis des Gehirnes anzu-
sehen, sondern umgekehrt: das Gehirn mit seiner feinen
Bildung als ein Ergebnis des Geistig-Seelischen.
Wenn wir das menschliche Leben betrachten, dann zeigt
es sich uns sogar in jedem Punkte so, daft wir durch eine
gesunde Lebensbetrachtung das eben Gesagte erhartet fuh-
len. Fassen wir doch das einmal ins Auge, was wir nennen
konnen menschliche Entwickelung iiber das Gattungsmafiige
hinaus, was sich im Menschen also audi dann noch ent-
wickelt, wenn sozusagen die Krafte innerhalb der Ver-
erbung voll ausgebildet sind, wenn er mannbar geworden
ist, um durchaus die Krafte in sich zu tragen, die ein Wesen
seinesgleichen hervorbringen konnen. In ganz anderer Art
zeigen sich uns die Seelenkrafte, welche die menschliche
Entwickelung ausmachen, wenn wir sie denjenigen Kraften
gegenuber betrachten, welche das ganze Menschenleben hin-
durch als die vorhanden sind, die sich zum Beispiel in der
Erhaltung der Gattung, in der Fortpflanzung auspragen.
Innerhalb dessen, was in den Fortpflanzungskraften liegt,
sehen wir, wie sich sozusagen alles von innen nach aufien
entfaltet, wie der Mensch durch die Krafte, die auf diesem
Gebiete spielen, Wesen seinesgleichen neben ihm hervor-
bringt, das heilk also wie das, was in ihm ist, den Weg
nach aufien macht. Den genau umgekehrten Weg nehmen
die Krafte, welche der inneren menschlichen Entwickelung
angehoren. Man mufi nur uberhaupt Geistiges als Wirk-
liches ansehen konnen. Dann wird man die Betrachtung,
die jetzt angestellt werden soil, von vornherein als eine
berechtigte hinnehmen.
Wie leben wir unser Leben hin, wenn wir das inner-
lich Seelische ins Auge fassen? Im gerade entgegengesetzten
Sinne leben wir es, als wir das Leben innerhalb der Gattung
hinleben: in der Gattung geschieht alle Entwickelung nadi
aufien, in dem individuellen Leben geht alle Entwickelung
nach innen. Das geht so vor sich, dafi wir das, was von
aufien an uns herantritt, in uns aufnehmen, in uns verar-
beiten, und nicht nach aufien drangen wie bei der Fort-
pflanzung, sondern dafi wir das, was wir so durchleben,
immer intensiver und intensiver in uns selbst konzentrieren,
es immer intensiver sozusagen seines Charakters als AulSen-
welt entkleiden und zum Inhalt unseres eigenen Ichs machen.
Wer das menschliche Leben unbefangen betrachtet, wird
finden, wie es zum Beispiel unserem Seelenleben unmoglich
ware, jemals in einem Augenblicke alles, was die Seele durch-
lebt hat, woran sie sich erinnern kann, wirklich jeweilig in
der Erinnerung zu haben. Denken wir uns, dafi irgendeiner
der hier sitzenden Menschen in diesem Augenblicke in seiner
Seele alles lebend haben sollte, was jemals an BegriflFen,
Vorstellungen, Empfmdungen, Affekten und so weiter in
der Seele gelebt hat. Das ware eine reine Unmoglichkeit.
Aber ist das, was wir friiher durchlebt haben, was wir
innerlich seelisch aufgenommen haben, deshalb verloren-
gegangen, weil wir uns in diesem Momente nicht daran
erinnern konnen? Es ist nicht verloren. Wenn wir unser
Seelenleben in aufeinanderfolgenden Zeitmomenten ver-
gleichen, so werden wir finden, daft vielleicht wichtiger als
das, woran wir uns erinnern, dasjenige ist, was wir schein-
bar vergessen haben, was aber an uns gearbeitet hat und
uns zu einem anderen Menschen gemacht hat.
Wir sind ja im Laufe unser er Entwickelung immer ein
anderer Mensch, fiihlen uns mit immer anderem Inhalt
durchtrankt. Wenn wir uns einmal beobachten, wie wir
jetzt sind, und uns vergleichen mit dem, was wir etwa vor
zehn Jahren waren, so werden wir nicht leugnen konnen,
dafi wir ein anderer Mensch sind, und dafi das, was dies
bewirkt hat, die verarbeiteten Erlebnisse sind, was in uns
hereingestromt ist, von uns aufgenommen worden ist und
gerade den entgegengesetzten Weg gemacht hat als die
Krafte, welche zur Fortpflanzung dienen. Wir vernichten
gleichsam mit unserm Anschauen, mit unserm vorstellungs-
mafSigen Erinnern dasjenige, was wir erleben, nehmen es
aber dafur in unser Ich herein. Unser Ich wird ein fort-
wahrend anderes. Daher konnen wir sagen: Eine genaue
Lebensbetrachtung zeigt uns, wie dieses Ich sich das ganze
Leben hindurch verandert, und wie das, wodurch es sich
verandert hat, die aufgenommenen Erlebnisse sind. Wir
fuhlen, wie das Ich innerlich voller wird, sich immer mehr
und mehr durchkraftet, immer reicher und reicher wird als
es war, da wir jugendlich ins Leben getreten sind.Dem liegt
eine sehr bedeutsame Erscheinung des Lebens zugrunde, die
gewohnlich nur nicht genug beachtet wird.
Goethe, der tiefe Lebenskenner, der das Leben vor alien
Dingen so ansah, wie es sich ihm in seiner eigenen Person-
lichkeit darlegte, sprach den Satz aus: Im Alter werden wir
Mystiker. Was wollte erdamit sagen? Washeiflt «Mystiker
werden» im Goetheschen Sinne? Wir miissen da aus diesem
Satze entfernen, was ihm an ungeklarten, nebelhaften Vor-
stellungen anhaftet. Goethe meinte, dafi der Mensch, indem
er immer reifer und reifer wird, dasjenige immer weniger
und weniger hat, was die Welt ihm aufierlich darbietet,
sondern die Krafte des Erlebens aus den Schachten der eige-
nen Seele heranziehe, in die er sie hat hinuntertauchen lassen.
«Der Mensch wird Mystiker» heifk: seine Seele ist immer
voller und voller geworden, hat immer mehr und mehr
Krafte in ihrem Innern beschlossen.
Sehen wir genauer zu, wie das ist, was so unser Seelen-
kern in unserem Innern vereinigt hat, wie er das, was er
erlebt hat, aufgenommen hat und was er daraus gemacht
hat, dann konnen uns gerade diejenigen, welche unabhan-
gig von irgendeinem Lebensalter Mystiker geworden sind,
ein wenig auf die Fahrte bringen, was eigentlich da in der
menschlichen Seele vorgeht. Fragen wir bei den Mystikern
an! Wovon reden die Mystiker am allermeisten? Von einem
«zweiten Ich», von einem «hoheren Mensdien» im Men-
schen, davon, dafi in diesem menschlichen Ich, welches von
Jugend auf mit uns heranwachst, ein zweites Platz greifen
kann, welches viele Mystiker als ein «gottliches» inter-
pretieren. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf,
wie sie gefiihlt haben, daft mit dem Heranwachsen des
Menschen etwas heranreift wie ein zweiter Mensch, den er
festhalt, der sich in ihm konzentriert. Wir sehen das genau
Entgegengesetzte wie bei der Fortpflanzung, dafi ein zwei-
ter Mensch geboren wird neben dem ersten, dafi der zweke
abgestoiSen wird: was als das «zweite Ich» wird, das ist
nichts, was der Mensch von sich abstofit, sondern was er
immer mehr und mehr in sich konzentriert.
So konnen wir in der Tat sagen: Indem der Mensch sein
Leben durchlebt, gestaltet er in seiner Individualist etwas
aus, was die entgegengesetzte Richtung nimmt, als die Fort-
pflanzungsrichtung ist. Er gebiert nichts aus sich; er kon-
zentriert etwas in sich, lafit nicht aus seinem Ich etwas her-
austreten, sondern durchtrankt etwas in sich, was der My-
stiker ganz gut als einen zweiten Menschen bezeichnet,
welcher sich gleichsam innerhalb der Haut des ersten Men-
schen ausgestaltet und immer mehr und mehr geistig-
seelische Bestimmtheit erlangt. Das ist beim einen Menschen
mehr, beim anderen weniger naheliegend; aber der Sinn
des werdenden Menschen beruht darauf, dafi wir einen
entgegengesetzten Keimprozefi durchmachen, wo wir nicht
entfalten, sondern im Gegenteil etwas in uns hineinkon-
zentrieren. Nennen wir die Fortpflanzungsrichtung eine
Evolution, eine Entwickelung, so konnen wir das, was da
das Idi durchmacht, eine Involution, eine Einwickelung, eine
innere Gestaltung der Erlebnisse nennen. Und es ist selbst-
verstandlich, dafi die innere Spannkraft, welche das Ich,
das herangewachsen ist, als zweites Ich in sich tragt, am
grofiten ist, wenn wir am Ende unseres physischen Lebens
sind, wenn wir also durch die Pforte des Todes schreiten.
Wenn wir das einmal priifen und uns genauer ansehen,
was sich so als ein zweites Ich ausgestaltet hat, dann miissen
wir allerdings sagen: Der Mensch ist nicht immer geneigt,
sich dieses genauer anzusehen. Das Leben nimmt ihn in
Anspruch, und er lenkt nicht die geniigende Aufmerksam-
keit auf das zweite Wesen, das er da ausgestaltet. Wenn
er aber die geniigende Aufmerksamkeit darauf verwendet,
dann wird er finden, dafi dieses zweite Wesen ganz be-
stimmte Eigenschaften hat, vor allem einen bedeutsamen
Drang in sich tragt, selbstandig und frei zu sein gegeniiber
dem, was wir im weiteren Leben aufnehmen konnen. Im
weiteren Leben leben wir in einem gewissen Sprachzusam-
menhange. Dadurch haben unsere Begriffe immer eine be-
stimmte Farbung von diesem Sprachzusammenhange. Was
wir aber im Innern entwickelt haben, das strebt darnach,
sich von dem f reizumachen, was nur ein bestimmter Sprach-
zusammenhang geben kann, und eine Lebensanschauung
auszugestalten, die frei und unabhangig von einem jeglichen
Sprachzusammenhange ist. Hinauswachsen wollen wir iiber
das, was ein bestimmter Sprachzusammenhang geben kann,
und damit wachsen wir auch iaber das hinaus, worin wir
von Jugend an heranwuchsen. Da miissen wir uns von Ju-
gend an zum Beispiel schon eine gewisse Gestaltung des
Ohres entwickeln. Von dem, was wir uns in unserem Ich
heranentwickeln, merken wir, dafi es etwas ist, was immer
freier und freier werden will von der aufieren Korperlich-
keit. Einen neuen Menschenkeim bilden wir heran, der
unabhangig ist gegenuber dem, der sich aus unserer aufieren
Korperlichkeit gestaltet hat, wenn der Mensdi erwach-
sen ist.
Das ist es, worauf die Geisteswissenschaft die Seele hin-
lenken will: dafi sich aus dem mensdilichen Idi im Laufe
des Lebens ein zweites Ich ausgestaltet, dessen Wesen ge-
rade darin besteht, dafi es sich urn so voller, um so inten-
siver fuhlt, je unabhangiger es sich fuhlen kann von dem,
was seit der Jugend herangewachsen ist. Und wenn man
dieses in unserem Ich gestaltete zweite Ich genauer ins Auge
fafit, dann wird man sehen, dafi es so in sich kraftebegabt
ist, dafi wir etwa sein ganzes Wesen damit charakterisieren
konnen, dafi wir sagen: Dieses Ich tragt die Krafte in sich,
um einen neuen, einen anderen Menschen zu gestalten als
den, durch welchen es selbst herangebildet ist.
Es ist nicht eine Analogie, sondern nur verdeutlicht, wenn
wir sagen: Das Ich, welches wir in uns haben, lafit sich mit
dem PfLanzenkeime vergleichen, der sich von der Wurzel
durch den Stengel und die griinen Blatter bis zur Bliite
herangebildet hat. Dann ist er am meisten lebensbegabt und
kann die Grundlage fur eine neue Pflanze bieten. Da hat
sich das ganze Pflanzenwesen im Keime zusammengezogen,
und wenn der Keim reif ist, dann stirbt ab, was an Stengel,
griinen Blattern und Bliite herangewachsen ist. So reift in
uns heran ein geistig-seelischer Kern. Wie der Keim der
Pflanze immer mehr und mehr heranwachst, wenn die
Blatter verwelken und die aufiere physische Gestalt der
Pflanze dem Tode entgegengeht, so reift der geistig-seelische
Kern im Menschen heran, indem das Xufiere immer mehr
und mehr abstirbt, indem die Hiillen der Organe nach und
nach welk werden und dem Tode entgegengehen. Daher
haben wir einer richtigen Seelenbeobachtung gegenuber die
eigentiimliche Tatsache vor uns, die sich darin ausspricht,
daft die inneren Spannkrafte eines neuen Iclis am starksten
sind, wenn wir durch die Pforte des Todes durchgehen.
Da tragen wir die Krafbesysteme, die Kraftzusammenhange
durch die Pforte des Todes in eine Welt hinuber, welche
nichts mit der Welt in unserem Leibe zu tun haben kann.
Wenn wir nun audi nicht weiter verfolgen wollen - was
uns noch die folgenden Vortrage zeigen werden - wie uns
der Geistesforscher audi zeigen kann, was nun mit diesem
im Idi ausgebildeten geistig-seelischen Kerne in einer rein
geistigen Welt geschieht, welche der Menscli in einem Leben
durchlebt, das zwisdien dem Tode und der nachsten Geburt
liegt, so konnen wir dodi sagen: In derselben Art, wie der
Naturforscher zu Werke geht, wenn er die Pflanze ver-
stehen will, konnen wir zu Werke gehen, wenn wir das
menschliche Wesen verstehen wollen. Der Naturforscher
wendet den Blick auf den Keim der Pflanze und sieht, wie
nun der Keim ein neues Pflanzenleben gedeihen lassen kann.
So sucht er die neue Pflanze vom Keime aus zu verstehen,
wie der iibriggebliebene Keim in einer neuen Pflanze wie-
der erscheint. So kann audi der Geistesforscher den Men-
schen betrachten, wie er durch die Geburt oder Empf angnis
ins Leben hereintritt. Da sehen wir, wie der Mensch zunachst
aufierlich nichts anderes zeigt, als dafi sich seine Organe
in einer gewissen Weise ausgestalten. Dann tritt jenes
seelische Leben auf, welches wir schon dadurch charakteri-
siert haben, daft wir sagten: wenn es auf tritt, dann kommt
fur den Menschen audi der Augenblick, bis zu welchem er
sich spater zuruckerinnern kann. Denn er wird sich sagen:
Ganz offenbar war ich vor diesem Zeitpunkt schon da, aber
ich kann mich nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkte
zuruckerinnern. - Es ist das jener Zeitpunkt, wo der
Mensch in die Lage kommt, sich als ein Ich zu fuhlen; aber
ganz zweifellos ist er schon vorher als geistig-seelisches
Wesen vorhanden. Warum tritt, so kann die Geisteswissen-
schaft f ragen, die Moglichkeit, dafi man sich zuriickerinnern
kann, erst von einem gewissen Zeitpunkt an auf ? Waren
die inneren Krafte, welche die Riickerinnerung bewirken,
vorher nicht da? Es ware ein vollig unlogisches Denken,
wenn wir das Geistig-Seelisdie erst bei dem Zeitpunkte
beginnen lassen wollten, bis zu dem sich der Mensch spater
zuriickerinnert. Der alltagliche Schlaf kann uns lehren, wie
die geistig-seelischen Krafte in uns leben, bevor die Riick-
erinnerung erwacht.
Man hat heute allerlei sonderbare Vorstellungen iiber den
Schlaf. Die richtige Vorstellung dariiber wurde zum Teil
schon in den Vortragen iiber Wachen und Schlafen zutage
gebracht. So hat man heute zum Beispiel die Vorstellung,
dajR der Schlaf nur das sei, was man nennen kann, er sei
herbeigefiihrt durch die Ermudung. Die Zuhorer der frii-
heren Vortrage bitte ich darauf zu achten, dafi die Geistes-
wissenschaft genau sprechen will. Wenn jemand sagen wollte,
die Geisteswissenschaft habe selber gesagt, dafi der Schlaf
von der Ermudung herriihrt, so ist das nicht ganz richtig,
denn es wurde gesagt: der Schlaf ist dazu da, um die Er-
miidung fortzuschaffen. Es kommt in der Geisteswissen-
schaft immer darauf an, ganz genau die Dinge aufzufassen,
weil es audi das Bestreben sein mufi, die Dinge genau dar-
zustellen.
Kann die Ermudung die Ursache des Schlafes sein? "Wer
das behauptet, der wird durch das Leben selber widerlegt.
Wer behauptet, der Mensch miisse nur schlafen, weil er er-
miidet sei, der wird schon dadurch widerlegt, wenn er sich
anschaut, oder wenn er beriicksichtigt, wie der oft gar nicht
ermudete Rentner nachmittags in seinem Stuhle einschlaft,
trotzdem er gar nicht ermiidet ist. Und besonders wird er
widerlegt, wenn er in Betracht zieht, wann am meisten
geschlafen wird: nicht wenn man am meisten ermiidet ist,
sondern in der Kindheit wird am meisten geschlafen. Die
Dinge miissen nur richtig betrachtet werden.
Die Geisteswissenschaft zeigt nun, dafi sowohl wahrend
des gewohnlichen Schlafzustandes wie audi wahrend des
dumpfen Bewufkseinszustandes des Kindes diejenigen
Krafte, welche zum bewuftten Erleben verwendet werden,
in den Organismus hineingeschickt werden und dort ar-
beiten. Die Krafte, die wir vom Aufwachen bis zum Ein-
schlafen verwenden, um Vorstellungen, Empfindungen und
so weiter zu bilden, dieselben Krafte arbeiten wahrend des
Schlaf lebens an uns, aber so, dafi die abgebrauchten Korper-
krafte wieder ersetzt, wieder hergestellt werden. Da regene-
rieren sie uns, bessern aus, was abgenutzt und abgebraucht
ist, das heiftt, sie formen, sie gestalten. Wahrend sie im
wachen Tagesleben deformieren, die Gestaltung auflosen,
und wahrend das wache Tagesleben gerade darin besteht,
dafi wir die Gestaltung auflosen, ist der Schlaf dazu da,
um die Form wieder herzustellen, das heiftt, am mensch-
lichen Bau direkt zu arbeiten. Weil wir wahrend des Schla-
fes unsere Bewufitseinskrafte haufig verwenden zum Auf-
bau gewisser verfallener Krafte, deshalb entziehen sich uns
diese Krafte, und wir versinken in Bewufitlosigkeit. Weil
wir im Beginne des Lebens, bevor der Augenblick eintritt,
bis zu welchem wir uns spater zuruckerinnern konnen, die-
selben Krafte, die in uns leben und unser Bewufitsein aus-
fiillen, in den ersten Kindheitsjahren zur feineren Aus-
gestaltung und Formung der Gehirnorganisation und der
Blutzirkulation verwenden, deshalb entziehen sie sich dem
bewulken Ich. Das Ich ist vorhanden wahrend der Kind-
heit, und es ist eine sonderbare Sache heute, wenn die Art,
wie das Ich zuerst auftritt, als mafigebend gehalten wird
fur die Betrachtung des Menschen. Wiederum ein grandio-
ser logisdier Fehler!
Sie konnen heute ganze Werke durchgehen, in welchen
es heilk: Wir sehen, wie das Selbstbewufitsein entsteht,
wie es sich beim Menschen bildet. - Man kann sich etwas
Verkehrteres nicht denken, und auf jedem anderen Gebiete
wiirde man eine solche Betrachtung strengstens ablehnen,
wie man sie zum Beispiel bei jemandem ablehnen wiirde,
der sich Kenntnis von einer Uhr nur dadurch verschaffen
wiirde, dafi er darauf achtet, wie die Uhr entsteht. Auf
keinem Gebiete ist das so. Ebenso sollte man mit Bezug
auf das Selbstbewufitsein zeigen, wenn man verfolgen will,
wie die Vorstellungen heraufriicken, wie grandiose Fehler
in dieser Beziehung gemacht werden. Das kann erst der,
welcher sich geisteswissenschaftlich auf die Dinge genauer
einlafit. Man merkt es sonst nicht. Ich-Bewufitsein, Selbst-
bewufksein sind so, dafi das allmahliche Wissen um das
Ich, wie es sich heranentwickelt, nichts zu tun hat mit der
Realitat des Ichs selber. Vielmehr, weil sich das Ich, die
menschliche Wesenheit, kontinuierlich fortentwickelt von
den Zeiten, da es im Kinde noch nicht bewufit ist, bis zu
den Zeiten, in welchen es dann bewufit erlebt wird, deshalb
konnen wir nicht sagen: Es ist nicht da! Es ist da, es ge-
staltet den Menschen aus in seiner feineren Gliederung. Ja,
noch viel mehr: es gestaltet den Menschen aus in dessen
Zusammenhange mit dem ganzen Menschenleben, was wir
erst merken, wenn wir in einer mehr oder weniger selbst-
losen Weise auf das menschliche Leben eingehen.
So wie der Mensch das Leben gewohnlich betrachtet,
kann er gegeniiber seinem Schicksale sagen: Da trifft mich
das eine oder das andere. Das eine ist mir sympathisch, das
andere ist mir unsympathisch; das eine betrachte ich als ein
Gluck, das andere als ein Ungliick, das eine als Beschleuni-
gung, das andere als Verlangsamung meines Lebens. - Das
ist aber doch nur eine oberflachliche Betrachtung, denn der
Mensch konnte sich iiberzeugen, daft er in jedem Zeitpunkte
seines Lebens gar nichts anderes ist, als sein konzentriertes
Schicksal. Daft idi jetzt zu Ihnen spreche, was ist es? Es ist
mein konzentriertes Schicksal. Es sprechen meine Lebens-
erfahrungen zu Ihnen, und nichts anderes bin ich, als meine
Lebenserfahrungen, als mein Schicksal, und wollte ich mein
Schicksal herausziehen, so miifite ich ein Stuck von mir
selbst herausschneiden. Der Mensch ist das, was er aus sich
selbst gemacht hat, was sein Schicksal ist, was er in einem
gegebenen Augenblicke ist. Wir konnen gar nicht unser Ich
von uns trennen, von unserem Schicksal, und das Ich als
etwas anderes ansehen in bezug auf den Inhalt, als das
Schicksal.
Nun sehen wir aber, indem wir als Kind in einen be-
stimmten Lebenszusammenhang hineingestellt sind, wie wir
nicht nur bestimmt sind durch unsere Anlagen, durch unser
Ich, audi wenn wir noch nicht wissend sind, indem unser
Ich an unserer Blutzirkulation arbeitet, und indem es auch
noch nachher ganz bestimmte Anlagen und so welter ent-
wickelt, sondern wir sehen auch, daft wir in einen bestimm-
ten Volkszusammenhang hineingestellt sind, daft wir Kin-
der eines bestimmten Elternpaares sind, in einem bestimmten
Klima aufwachsen und mit diesen oder jenen Menschen
zusammenleben miissen. Dadurch sehen wir uns fur das
ganze Leben schicksalsmaftig bestimmt. Wenn wir priifen,
was wir bewufit verfolgen konnen und als unser Schicksal
ansprechen konnen, so ist es selbstverstandlich, daft wir
dieses als das mit unserem Ich zusammenhangende Schicksal
ansprechen miissen, wie wir durch unsere Verhaltnisse in
ein Leben hineingestellt sind, das entweder miihselig und
beladen ist, oder von sorgenden Handen umgeben ist. Es
hangen nicht nur unsere spateren Sdiicksale mit dem zu-
sammen, was wir selbst gemacht haben, sondern audi eben-
so dieSchicksalsschlage, die uns aus dem Unbewufken heraus
zukommen, und die wir nicht mit dem Bewufksein ver-
folgen konnen.
So werden wir auf den geistig-seelischen Wesenskern
des Menschen gefiihrt, der in sidi alle die Kraftesysteme
enthalt, weldie das Gehirn ausgestalteten, das Blutsystem
und so weiter formten und uns dadurch bestimmten. Wir
werden aber auch schicksalsmafiig bestimmt durch dasselbe
Ich, das sich in einen bestimmten Lebenszusammenhang
hineinstellt. Auf dem Gebiete der Naturbeobachtung gibt
dies jeder zu, wenn er zum Beispiel sagt: Wenn ich eine
Alpenpflanze betrachte, so weif? ich, dalS die ganze Alpen-
natur dazu gehort, und deshalb kann die Alpenpflanze
nicht in der Ebene wachsen. Was in der Naturbeobachtung
jeder zugibt, das braucht nur auf einen geistig-seelischen
Wesenskern ubertragen zu werden. Dann wird man sehen,
dafi der geistig-seelische Wesenskern, der seine Korperlich-
keit mit ganz bestimmten Anlagen versieht, auf der einen
Seite an seine Korperlichkeit angepafit ist, sich diese Kor-
perlichkeit aufsucht, sich in sie hineinbegibt, auf der an-
deren Seite aber sich auch sein Schicksal aufsucht.
Wenn dieses Schicksal als hart empfunden wird und
dann dem Menschen gesagt wird: Das hast du dir selber
geschaffen, das hast du dir durch deinen geistig-seelischen
Wesenskern mitgebracht, - wenn man so fur das hart
empfundene Schicksal dem Menschen im ganzen die Schuld
zuschreibt, so beruht dieses Empfinden doch auf einer kurz-
sichtigen Betrachtung. Ein tieferes Prinzip urteilt anders,
und wie es urteilt, das konnen wir uns begreif lich machen,
wenn wir uns ein Beispiel aus demLeben zur Verahnlichung
nehmen. Stellen wir uns vor, ein junger Mann hatte da-
durch, dafi sein Vater wohlhabend war, so hingelebt, da£
er aus der Tasche seines Vaters lebte und nicht viel zu
sorgen brauchte. Da verliert der Vater durch irgend etwas
sein ganzes Vermogen, und der Sohn kann nun nicht mehr
so dahinleben wie vordem. Er wird vielleicht sagen: Welch
herbes Schicksal hat mich getroffen! Wie ungliicklich bin
ich! - Wenn er aber nun etwas lernt, wenn er vom Leben
durchgehechelt wird und ein tuchtiger Mensch geworden
ist, wird er dann, wenn er funfzig Jahre ist, ebenso sagen?
Nein, sondern jetzt wird er vielleicht sagen: Fur mein per-
sbnliches Leben war jene Schicksalswendung ganz gut, denn
sonst ware ich vielleicht ein Taugenichts geworden; das
Ungluck meines Vaters hat zu meinem Gliicke beigetragen.
Was vom Standpunkte der achtzehn Jahre aus gesagt
werden kann, das ist nicht besonders weitsichtig; mit funf-
zig Jahren sehen wir weiter. Dasjenige, was das tiefere
Lebensprinzip in uns ist, das sucht das Ungluck auf, das
sucht Not und Elend auf, weil wir nur durch die Besiegung
der Hindernisse in Not und Elend zu einem Gliick uns
fortentwickelt haben und so etwas geworden sind, was wir
sonst nicht geworden waren. Von einer hoheren Warte aus
gesehen, und sobald wir nur zugestehen, dafi in einem Men-
schen ein tieferer Wesenskern lebt, der von Leben zu Leben
geht und notwendig macht, dafi wir das Leben von einer
hoheren Warte aus betrachten, stellt sich uns vieles sofort
als begreiflich dar.
Wenn wir den Menschen so anschauen konnen, da£ er
fur uns, dem Alter zugehend, ein Kraftesystem im Innern
entwickelt, das nach einem neuen Menschen hingeht, der
geradezu unabhangig ist von dem, was der Mensch aufier-
lich aus seinem friiheren Leben oder aus den Verhaltnissen
seines jetzigen Lebens entwickelt hat, und wenn wir sehen,
wie er eine innere Spannung von Kraften durch die Pforte
des Todes hindurchtragt, dann konnen wir sagen: Dieser
Menscli kann unmoglich jetzt gleich wieder nadi dem Tode
ins Dasein treten. Warum denn nidit? Was wiirde ge-
schehen, wenn er gleich wieder ins Dasein trate? Er wiirde
die aufiere Umgebung noch ahnlich derjenigen finden, aus
welcher er soeben herausgegangen ist und von der er durch
Entwickelung des inneren Seelenkernes frei werden wollte.
Ebensowenig, wie der innere Seelenkern zu sich selber ein
unmittelbares Verhaltnis in der Weise hat, dafi er gleich
wieder «er selber » sein will, ebensowenig kann sich der
Mensch selber wieder gleich nach dem Tode verkorpern,
denn er wiirde in sich selber hineinwachsen. Das heilk aber,
es kann sich der innere Seelenkern nur nach einer bestimm-
ten Zeit wieder verkorpern. Wahrend dieser Zeit lebt er
in einer rein geistigen Atmosphare, nicht in der physischen
Welt. Was sich als geistiger Kern herangebildet hat, sich
ebenso herangebildet hat, wie man den Pflanzenkeim inner-
halb von Stengel, Blatter und Bliite sich heranbilden sieht,
das lebt in einer geistigen Welt, und wird sich erst wieder
dazu hingezogen fuhlen, das, was es herangebildet hat,
aufierlich zu verkorpern, wenn andere Verhaltnisse ein-
getreten sind; das hei£t, wenn sich die Erde verandert hat
so, dalS der Mensch in andere Verhaltnisse hineinwachst,
damit er sich weiter ges taken kann.
Deshalb wird zwischen dem Tode und der nachsten Ge-
burt so viel Zeit vergehen, dafi wir zum Beispiel nicht
wieder in dasselbe Sprachgebiet hineingeboren werden und
dafi sich auch die anderen Verhaltnisse ringsherum geandert
haben. Wir wissen, dafi sich auf der aulteren Erde die Ver-
haltnisse im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende
andern. Was sich aber in der Zwischenzeit ereignet hat, rein
aufierlich in der Kultur, das lernen wir durch den Unter-
richt, durch die Erziehung hinzu. So treten wir also aus
einer bestimmten Epoche mit unserem geistig-seelischen
Wesenskerne heraus mit den Kraften, welche wir frei
machen wollten, und warten, bis neue Verhaltnisse auf
dem Erdenrund herbeigefiihrt smd. Das aber, was wir in
der Zwischenzeit nicht mitmachen konnten, miissen wir
durchErziehung und Unterricht nachholen. Deshalb miissen
Erziehung und Unterricht erganzend zu demjenigen hinzu-
treten, was wir in den besonderen Anlagen und Fahigkeiten
haben, die wir aus der Frucht f riiherer Leben heraufbringen.
Nicbts anderes konnte ich in der verhaltnismafiig kurzen
Zeit entwickeln als das, was man nennen kann einen Weg,
um die menschlichen Seelenverhaltnisse so zu betrachten,
dafi diese Betrachtung auf der einen Seite streng natur-
wissenschaftlich ist, dafi aber auf der anderen Seite in diesen
geistig-seelischen Erlebnissen etwas Reales gesehen wird
und dafi gesehen wird, wie in der Tat in dem Menschen,
wie er vor uns lebt, sich schon dasjenige heranentwickelt,
was in einem nachsten Leben wieder auftritt als Keim, der
die Vererbungskrafle wie audi die Krafte der Umgebung
heranzieht, um sich weiter auszubilden.
Nicht nur auf die theoretischen Lebensfragen, sondern
auf Starke und Sicherheit und auf die Kraft des Lebens
kann eine solche Weltanschauung, wie sie aus der Geistes-
wissenschafl hervorgeht, einen eminent gesundenden Ein-
flujS gewinnen. Wer f reilich sich mit der Geisteswissenschaft
nicht bekannt machen will, der wird nicht einsehen, da£
ein gesundes aufieres Leben in vielem Wesentlichen durch
ein gesundes Seelenleben bedingt ist, dafi das gesunde
Seelenleben seine Krafte ausstrahlt in die Korperlichkeit,
und dafi, wenn die Seele verodet ist und aus dem eigenen
Innern nicht herausholen kann, was ihr Bewulksein mit
Befriedigung erfullt, dann die Unbefriedigung, das Unzu-
sammenhangende, das In-Ratseln-Schwebende des Seelen-
lebens sich. in Nervositat und so weiter als ungesundend bis
in die Korperlichkeit hineinpragt. Wer es nicht einsieht,
wird es vielleicht erleben. Das Leben stelk die grolken
Ratselfragen, und an Fallen, die fiir jedenBedeutunghaben,
spielt sidi das ab, was man so ausdrucken kann, daft man
fragt: Wo anders riihren gewisse Krankheitserscheinungen
eines Lebens her, das mit sich selber nicht zufrieden ist,
als daher, dafi das Seelenleben nicht gesundend, nicht voll-
inhaltlich ist und daher nicht gesundend ausstrahlt auf die
Leiblichkeit? - Wer aber so den gesundenden Einflufi eines
gesunden Seelenlebens auf das Leibliche in Betracht ziehen
mag, der wird sich audi das Folgende sagen konnen.
Wenn man in unserer Zeit immer wieder und wieder auf
die vererbten Eigenschaften hinweist und bei dem oder
jenem, zum Beispiel in bezug auf das, was wir als Krank-
heitsanlagen in uns fiihlen, immer wieder sagt: Das haben
wir von den Vorfahren vererbt, das konnen wir nicht
andern — , dann bedeutet dieser Gedanke etwas, was uns im
tief sten innern Seelenleben niederdriicken mufi und eine De-
pression des Seelenlebens bedeutet, die sehr bald auf das
aufiere Leibesleben einen ungiinstigen Einflufi ausiiben und
von dem Betreffenden als etwas Herabstimmendes emp-
funden werden mufi, was nicht zu andern ist, weil es in
der rein physischen Vererbungslinie liegt. Wer aber aus der
Geisteswissenschaft heraus die Oberzeugung gewinnen kann,
dafi das, was in ihm lebt, nicht allein ein Zusammenhang
der vererbten Merkmale und vererbten Krafte ist, sondern
etwas, was als geistig-seelischer Kern von Leben zu Leben
geht, der kann, wenn die Geisteswissenschaft fiir ihn nicht
nur eine Theorie ist, sondern etwas, was sein Leben durch-
trankt, sich dann immerzu darauf besinnen, dafi gegeniiber
alien vererbten Merkmalen und Kraften sein geistig-see-
lischer Kern lebt, aus dem er sich die Krafte holen kann,
durch die er Sieger werden kann, auch wenn die Verer-
bungslinie nocli so sehr nadi einer Dekadenz weisen sollte.
Das Bewulksein, das man aus der Geisteswissenschaft
heraus gewinnen kann, beantwortet nicht nur Lebensratsel,
die theoretisch sind, sondern beantwortet alle Fragen, die
an das ganze Gemiit herandringen als Ratsel, die wir be-
antwortet haben mussen, um in unserer Seele zu leben.
Wenn wir nichts wissen von jenem geistig-seelischen Kerne,
der von Leben zu Leben eilt, dann fiihlen wir uns unter
das Joch der Vererbung gebeugt, das uns bedriickt und
schwach macht. Stark und kraftig fiihlen wir uns erst und
leben uns dar als geistig-seelische Menschen, wenn wir in
der Verf assung unseres geistig-seelischen Wesenskernes auf-
recht stehen und uns sagen konnen: Unversieglidi sind die
Krafte unseres geistig-seelischen Wesenskernes, denn sie erst
sind es, welche das zusammenfassen, was uns in der Ver-
erbungslinie gegeben ist, und durch sie konnen wir das,
was scheinbar dem Niedergang geweiht ist, aus dem Zen-
trum unserer Seele heraus wieder zum Aufstieg bringen.
Da schreiben sich die Losungen der Geisteswissenschaft in
das Leben selber hinein. Dann erst wird die Geisteswissen-
schaft ihre rechten Fruchte tragen, wenn sie sich in dieser
Weise in das Ganze der Seelengesinnung und Seelenstim-
mung hineinfiigen kann, und wenn wir stark werden, nicht
nur gescheit werden durch Geisteswissenschaft. Aber wir
werden auch in unserem Denken tuchtiger, namentlich in
bezug auf gewisse feinere Lebensunterscheidungen, und ge-
winnen an Kraft und Urteil fur eine feinere Lebensauf-
fassung.
Nur ein Beispiel dafiir! Wenn diejenigen, welche alles
gern auf Vererbung zuruckfiihren wollen, irgendeinen be-
deutenden Menschen in bezug auf seine Vorfahrenreihe
untersuchen, so sagen sie wohl: Da kann man sehen, dafi
von dem, was dieser Mensch an sidi zeigt, bei dem einen
Vorfahren diese, bei einem anderen jene Eigenschaft sicii
findet. — Und man sagt dann: Das hat sich summiert
und vererbt, und da sind dann die vererbten Merkmale
in ein Seelenwesen zusammengeflossen. - Man pragt dann
den Satz: So sieht man, daft das Genie am Ende einer
Vererbungsreihe stent und sidi vererbt hat aus den Vor-
fahren.
So ausgedriickt, ist damit sozusagen ein Gedanke iiber-
quert. Denn wer wiirde bei diesem Gedankengange etwas
bewiesen haben? Man wiirde nur etwas bewiesen haben,
wenn man zeigen konnte, daft das Genie am Anf ange einer
Vererbungsreihe stiinde, nicht aber, wenn es sich am Ende
derselben zeigt. Denn wenn es am Ende einer Vorfahren-
reihe auftritt, so beweist das nichts anderes, als, mit Ver-
laub zu sagen: Wenn ein Mensch ins Wasser gef alien ist und
herauskommt, so ist er naft. Es beweist nur, daft er durch
ein bestimmtes Element durchgegangen ist und von diesem
etwas angenommen hat, wie der Mensch, wenn er aus dem
Wasser gezogen ist, naft ist. Wollte man etwas durch die
Vererbungslinie beweisen, so miiftte man zeigen, dafi das
Genie am Anfange und nicht am Ende einer Vererbungs-
reihe steht. Das wird man aber hiibsch bleiben lassen, denn
die Welt spricht dagegen.
Uberall die Fragen richtig stellen und beantworten, das
ist es, was aus der Geisteswissenschaft folgt. Dann wird
man einsehen, daft die Geisteswissenschaft nicht der Natur-
wissenschaft widerspricht, aber auch, daft eine naturwissen-
schaftliche Antwort auf die groften Lebensratsel nicht aus-
reicht. Die groftte Lebensweisheit wird wohl aus der Geistes-
wissenschaft dann gezogen werden, wenn einmal die ganze
menschliche Erziehung in das Licht der Geisteswissenschaft
gestellt werden kann, wenn der Mensch so heranwachst,
dafi sein Heranwachsen ein Bewufttwerden des geistig-see-
lisclien Kernes bedeutet.
Dann wird der geistig-seelische Wesenskern mit dem
Menschen zwischen Geburt und Tod so heranwachsen, dafi
nicht nur in Realitat jene Vollinhaltlichkeit der Seele ein-
tritt, von welcher vorhin gesprochen worden ist, sondern
dafi sich die Seele auch des zweiten Ichs bewulk wird, jenes
Keimes, der immer mehr und mehr sich konzentriert. Dann
wird die Bewufkheit iibergehen in eine andere Lebensform.
Dann wird der Mensch zwar sehen, wie die Zeit heran-
kommt, da die Haare bleichen, das Gesicht sich runzelt und
die Krafte nachlassen, welche die aufieren Organe bergen.
Aber er wird dann auf das blicken, was er von Jugend
an heranwachsen gesehen hat, was ihm Rest und Erbschaffc
eines fruheren Lebens ist und wird fuhlen, wie man beim
Pflanzenkeim f iihlt, wenn die abfallenden Blatter das Ende
der Pflanzengestalt ankiindigen, derKeim aber immer mehr
und mehr sich erstarkt. So wird der Mensch sich fuhlen
als Keim eines neuen Lebens und sich sagen: Was von dir
abfallt, das mufi durch den Tod gehen, denn darin kannst
du nicht bleiben; denn ein anderes mufi es sein, was dir
Hiille sein kann, einen anderen Leib mufit du dir aufbauen,
denn du hast es schon in dir vorbereitet. In sich wird der
Mensch das Leben heranreifen fuhlen, das er nach fernen
Zeiten wieder zu durchleben hat.
Daft die Lebenswiederholungen nicht ohne Anfang und
ohne Ende sind, und wie die Frage sich beantworten wird,
inwiefern diese Inkarnationen des menschlichen Wesens-
kernes einen Anfang und ein Ende haben, das soil spater
beantwortet werden.
Wenn der Mensch so das Leben als Keim zu einem fol-
genden Leben betrachtet, dann wird er auch sehen, wie
dieses wieder einen Keim ausbildet. Dann hangt er nicht
an einer Unsterblichkeitslehre, die er gleichsam philoso-
phisch untersucht, sondern dann setzt er Leben an Leben,
das er bluhen und gedeihen sieht, und durchdringt sidi mit
dem Bewufitsein der Unsterblichkeit, weil er weift, dafi aus
jedem Leben wieder ein neuer Lebenskeim entstehen mufi.
In dem immer mehr und mehr wachsenden und Hoffnung
erregenden geistig-seelischen Lebenskeim beantwortet sich
der Mensdi die Fragen nach dem Lebens- und Todesratsel.
Er beantwortet sie sich nicht nur theoretisch, sondern im
lebendigen inneren Erleben ergreift er, erfafit er, erlebt er
Unsterblichkeit und sagt nicht blofi: Ich habe die Unsterb-
lichkeit begriffen -, sondern er erfafk die Seele in ihrer
Wesenheit als ein Wesen, welches nicht anders sein kann als
unsterblich, weil sie aus jedem Leben einen neuen Lebenskeim
entwickelt, und der Mensch innerlich das Heranreif en dieses
neuen Lebenskeimes schaut. Daher diirfen wir sagen: Die
Geisteswissenschaft beantwortet die Frage nach dem Lebens-
und Todesratsel nicht nur theoretisch, gibt nicht nur eine
theoretische Gewifiheit, sondern sie kann unser Leben inner-
lich so umwandeln, daft wir mit dem Erf assen der Unsterb-
lichkeit Krafle sammeln und fiihlen, was von Leben zu
Leben geht, und damit durch alle Leben geht.
So wandelt sich auf diese Weise Theorie in Lebenspraxis,
das Unsterblichkeitsratsel in ein Erfassen der Unsterblich-
keitsfrage selbst. Das ist immer die besteFrucht der Geistes-
wissenschaft, wenn sie sich aus der blofien Betrachtung um-
wandelt in etwas, was dann in uns selber lebt. Und man
darf sagen: Wenn die Geisteswissenschaft vom Menschen
in diesem Sinne erfafit wird, dann ist sie nicht nur etwas,
was ihm etwas begreif lich macht, sondern etwas, was sich
in seine eigene Seele wie eine Lebenskrafl senkt und in
ihm lebt.
Daher diirfen wir am Schlusse die heutige Betrachtung
darin zusammenfassen, dafi wir sagen: Die Geisteswissen-
schaft lehrt uns, indem sie audi fur die menschliche Seele
lebendig bewahrheitet, was uns ein Blick iiber die ganze
iibrige Welt lehrt, die grofie Anschauung von der immer-
wahrenden Verwandlung des Lebens, zugleich aber audi
von der immer und immer sich uns zeigenden Dauer in
allem Wandel; sie lehrt uns das Ewige in allem Zeitlichen.
Wie in eherne Tafeln schreibt sich in unsere Seele die grofie
Lebenserfahrung: Alles, was da lebt im Weltenall, es lebt
nur, indem zu neuem Leben den Keim in sich es schafft.
Und die Seele, sie ergibt sich nur dem Altern und dem Tode,
um unsterblich zu stets neuem Leben heranzureifen!
NATURWISSENSCHAFT UND
GEISTESFORSCHUNG
Berlin, 12.Dezember 1912
Unter den Vorwiirf en, weldie man in der Gegenwart gegen
Geisteswissenschaft und Geistesforsdiung erhebt, ist wohl
einer der bedeutendsten derjenige, dafi diese Geisteswissen-
schaft oder Geistesforsdiung im Gegensatz stiinde zu den
gut gesicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft, jener
Naturwissenschaft, welche geradezu, und mit vollem Recht,
der Stolz unseres gegenwartigen Geisteslebens, ja, unseres
ganzen gegenwartigen Kulturlebens genannt wird. Sollte
dieser Vorwurf begriindet sein, daft Geisteswissenschaft und
Geistesforsdiung sich gegen diese gesicherten Ergebnisse der
Naturwissenschaft in einen Gegensatz zu stellen beabsich-
tigten, so - man kann dies wohl sagen - stiinde es wahrlich
schlecht um diese Geistesforsdiung. Nicht nur um ihre Mog-
lichkeit, den Zugang zum Verstandnis und zum Herzen des
Gegenwartsmenschen zu finden, sondern es stiinde wohl
schlecht um ihre Berechtigung uberhaupt. Deshalb darf
wohl zu alledem, was in den bisherigen Vortragen iiber
das Verhaknis von Geistesforsdiung zur Naturwissenschaft
gesagt worden ist, heute noch diese besondere episodische
Betrachtung eingef iigt werden iiber die Beziehung von Gei-
stesforsdiung zur Naturwissenschaft, bevor ebendas nachste
Mai eine im eminenten Sinne nur der Geisteswissenschaft
zugangliche Gestalt betrachtet werden soil: die Gestalt
Jakob Bohmes.
Geistesforsdiung, so wie sie hier in diesen Betrachtungen
gemeint ist, stellt sich ohne Zweifel als etwas dar, was sich
gegeniiber den Denkgewohnheiten und den geistigen Be-
strebungen unserer Gegenwart vielf ach als etwas Neues aus-
nimmt, als etwas, das aus diesen gewohnten Denkarten, aus
den Vorstellungsweisen des gegenwartigen Geisteslebens her-
ausfallt. Und dieFrage liegt ja nahe: Wiekommt es, dafi ge-
rade in einer Zeit, in welcher der gebildete Mensch, der sich
fur Geistesfragen iiberhaupt interessiert, alle Hoffnung auf
das setzt, was dieNaturwissenschaft geben kann- wiekommt
es, daft in einer solchen Zeit sich diese Geisteswissenschaft
Geltung verschaffen will, daft sie sich mitten hineinstellt in
den Triumphzug des naturwissenschaftlichen Denkens?
Es wird sich vielleicht diese Frage am leichtesten beant-
worten lassen, wenn man ein wenig Ausschau halt nach
dem Geistesleben im letzten Drittel oder vielleicht in der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts. Das ist ja
die Zeit, in welcher nicht nur glanzvoll, Sieg auf Sieg
erlebend, die naturwissenschaftliche Forschung zu ihrer
Hohe auf gestiegen ist, sondern es ist auch die Zeit, in welcher
die Hoffnungen immer grofter und grofier wurden, dafi
auch alle moglichen Auskiinfte iiber die Bedeutung dessen,
was man Geist und Geistesleben nennen kann, von seiten der
Naturwissenschaft her kommen mufken. Wer mit vollem
Bewufitsein das Geistesleben im letzten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts mitgemacht hat, oder sagen wir, wer
in der Lage war, die grofien Hoffnungen dieses Geistes-
lebens des neunzehnten Jahrhunderts auf sich wirken zu las-
sen, zum Beispiel in den achtziger Jahren des neunzehnten
Jahrhunderts, der konnte damals bemerken, wie aus alien
Gebieten naturwissenschafllicher Forschung die Fragen nur
so herankamen, jene Fragen, welche alles menschliche Den-
ken geradezu auf eine neue, mit dem Alten brechende Basis
schienen stellen zu miissen.
Es soli nur auf eines aufmerksam gemacht werden. In
den siebziger, achtziger Jahren konnte der fur das Geistes-
leben sich Interessierende die Bekanntsdiaftmit dem machen,
was damals auf naturwissenschafllichem Felde mehr oder
weniger neu war, zum Beispiel mit der mechanischen Warme-
theorie. Der im naturwissenschaftlichen Erkennen Drinnen-
stehende sah damals in so etwas wie der mechanischen
Warmetheorie eine ungeheure Errungenschaft des mensch-
lichen Geistes. Vielleicht aber interessiert uns der Stand-
punkt eines solchen weniger als der Standpunkt eines Men-
schen, dem es vor allem um die geistige Erkenntnisfrage zu
tun war. Was sah ein solcher?
Ein solcher hatte vielleicht bemerken konnen, daft unter
den mancherlei Sinneseindriicken, welche auf den Menschen
beim Gebrauch seiner Sinne einstiirmen, die Empfindung
dessen sei, was man eben als Warme oder, sagen wir, als
Warme und Kalte bezeichnet. Wie die Farbe, wie das Licht
und wie der Ton, so ist ja audi Warme zunachst ein Sinnes-
eindruck. Der Mensch fuhlt durch seine Sinne, wie die Welt
um ihn herum sich in einem gewissen Warmezustande be-
findet, und er nimmt diese Warme zunachst wahr als einen
Eindruck auf seine Empfindung, In dieser Zeit, von der
eben gesprochen worden ist, betrachtete man es als eine
durch die damaligen Forschungen erwiesene Tatsache, daft
das, was der Mensch die Warme nennt, wovon er glaubt,
daft es so, wie es sich in seinem Empfinden ausnimmt,
drauften im Raume ausgebreitet ist, die Korper durchdringt
und auf die Wesen wirkt, dafi dieses objektiv drauften in
der Natur nichts anderes sei als Bewegung der kleinsten
Korper teile. Also man konnte sich sagen: Wenn du die
Hand in laues Wasser steckst und einen gewissen Warme-
zustand wahrnimmst, so ist diese Empfindung eines Warme-
zustandes nur Schein. Was dir da als der unmittelbare Ein-
druck erscheint, ist nur Schein, ist nur eine Wirkung auf
deinen Organismus, die durch irgend etwas hervorgerufen
wird, was draufien ist. Das ist nur eine Bewegungsart im
kleinen; die Bewegung nimmst du niclit wahr. Diekleinsten
Teile des Wassers sind in Regsamkeit, aber nicht die Reg-
samkeit, nicht die Bewegung nimmst du wahr, vielmehr
weil die Bewegung so schnell verlauft, nimmst du sie nicht
als solche wahr, sondern sie macht auf dich den Eindruck
der Warme. - Als damals Bucher erschienen wie zum Beispiel
«Die Warme, betrachtet als eine Art von Bewegung», gait
das als eine grofie Errungenschaft der Zeit, und wir damals
jungeren Leute hatten zu studieren, wie sich die kleinsten
molekularen Teile in einer Flussigkeit, in einem Gase be-
wegen, in ihrer Regsamkeit gegen die Wande stofien, in
ihrem Innern aneinanderstoften, und man war sich klar,
da£ das, was da innere Regsamkeit ist, in der Empfindung
den Schein dessen errege, was man die Warme nennt.
Von da ging dann iiberhaupt eine gewisse Denkgewohn-
heit aus, eine gewisse Art, die Naturerscheinungen zu be-
trachten, und ich selbst erinnere mich noch, wie damals, als
ich ein kleiner Junge war, mein Schuldirektor, begeistert
von dieser naturwissenschaftlichen Errungenschaft seiner
Zeit, alle Naturkrafte als solche, von der Schwere ange-
fangenbis zur Warme und den chemischen und magnetischen
Kraften und so welter, nur als einen Schein betrachtete und
das Wahre in jenen Bewegungen, in jenen feinen Bewe-
gungszustanden im Innern der Korper sah. Die Schwere,
die Fallkraft, die Gravitation zum Beispiel sah jener Schul-
direktor - Heinrich Schramm hiefi er - nur als eine Be-
wegung der kleinsten Teile der Korper an. Innerhalb einer
solchen Naturbetrachtung war wirklich etwas, was einen
dahin bringen konnte, zu sagen: So ist ja alles «Wirkliche»
nur der, sagen wir, ins Unendliche ausgedehnte Raum, die
in diesem Raume befindliche, in kleinste Teile gegliederte
Materie und die Bewegungen dieserMaterie! Und eskonnte
wohl die Hoffnung entstehen, dafi man, wie man zum Bei-
spiel Warme, Elektrizitat, Magnetismus und Licht als eine
feine Regsamkeit kleinster Teilchen der Materie erklaren
konne, so auch einst wiirde die Denktatigkeit, die Seelen-
tatigkeit erklaren konnen als eine feine Regsamkeit jener
Materie, welche den menschlichen oder tierischen Leib zu-
sammensetzt.
Es kamen dann mancherlei Phasen in der Entwicklung
naturwissenschafUich-theoretischer Denkweise. Wahrend
man in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
zum Beispiel das Licht und die ganze Farbenwelt, wenn
man Physiker war, als eine Art von Schein aufzufassen
hatte und unendlich komplizierte, feine Regungen und Be-
wegungen innerhalb der Materie und des Athers zu studie-
ren hatte, stellte sich dann im Verlaufe der achtziger Jahre
ein, dafi man an diesen feinen Regsamkeiten irre wurde
und sich mehr darauf beschrankte, die Erscheinungen, die
Tatsachen, wie sie sich darbieten, selber ins Auge zu fassen,
durch die Rechnung auszudrucken, sie zu beschreiben, und
nicht so sehr zu spekulieren iiber das, was ja doch nicht wahr-
nehmbar sein soli, sondern nur allem zugrunde liegen soli:
iiber die feineren Regsamkeiten der Materie und des Athers.
Das war mehr auf physikalischem Gebiete.
Es war auf physikalischem Gebiete so, daft man keine
rechte Moglichkeit sah, aus der Denkgewohnheit herauszu-
kommen, die sich eben ergab, wenn man diese feinen Reg-
samkeiten der Materie im Verhaltnis zu irgend etwas be-
trachtete, was moglich machen sollte, den Geist in seinem
Unmittelbaren zu erfassen. Es hielt einen sozusagen aus der
Naturwissenschaft heraus etwas zuriick, den Geist in einer
solchen Weise zu betrachten, wie das in den letzten Vor-
tragen hier geltend gemacht worden ist. Dazu kamen noch
ganz andere Dinge. Wer damals in der naturwissenschaft-
lichen Entwicklung drinnen stand, hatte es nicht nur mit
dem eben Charakterisierten zu tun, sondern audi mit dem
Niederschlage alles dessen, was zum Beispiel die grofien Ent-
deckungen Scbleidens und Scbwanns in der ersten Halfte des
neunzehnten Jahrhunderts ergeben hatten, durch welche
die kleinsten Teile, die Zellen, innerhalb des pflanzlichen
und tierischen Organismus gefunden waren. Dadurch war
zwar nicht die Wirklichkeit der Atome und Molekiile nach-
gewiesen, aber es waren die organischen Formen auf kleinste
Bausteine zuriickgef iihrt, auf die Zellen, die in ihren Formen
nur dem Mikroskop zuganglich waren. Dann war vorhan-
den der Niederschlag dessen, was sich an den Namen Darwin
knupft, und man stand welter unter dem Eindrucke der
grofien Tat Ernst Haeckels, der im Gange der sechziger Jahre
die Theorie Darwins audi auf den Menschen ausgedehnt
hatte.
So hatte man eine naturwissenschaftliche Betrachtungsart
vor sich, welche beim Einfachsten in der pflanzlichen und
tierischen Welt anfing und betrachtete, wie von den un-
vollkommenen bis zu den vollkommeneren Wesen und bis
herauf zum Menschen die einzelnen Organe selber in der
Art sich immer vollkommener und vollkommener ergaben,
dafi man den Hervorgang der einzelnen Organe, welche
kompHzierter waren, aus den einfacheren durch Verglei-
chung sozusagen feststellen konnte. Ein ungeheures Mate-
rial an Kenntnissen wurde gesammelt. Die Breite und die
Weite dieses Materials war wirklich so grofi, da£ zum Bei-
spiel in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
einer der bedeutendsten vergleichenden Anatomen der Ge-
genwart, Carl Gegenbaur, in seiner « Vergleichenden Ana-
tomie» (1878) sagen konnte, es sei gerade in den letzten
Jahrzehnten eine Unsumme von einzelnen Kenntnissen ge-
sammelt worden, welche zeigen, wie verwandt die Lebe-
wesen in bezug auf ihre Organe sind, und man musse auf
die Moglichkeit warten - so meinte Gegenbaur die Kennt-
nisse zu «Erkenntnissen» zu erheben; und er versprach sich
von der darwinistischenMethode, dafi es moglich sein wiirde,
zu zeigen, was die Vergleichung der Organe hochster Lebe-
wesen mit denen weniger vollkommener Wesen unwider-
legbar ergeben werde, dafi audi eine im physischen Sinne
so zu nennende Abstammung der vollkommenen Lebewesen
von den unvollkommenen bestehe. So sah man gleichsam
die Kette sich schliefien in der Entwickelung von den un-
vollkommenen Lebewesen bis hin zu den vollkommeneren,
ja, bis herauf zum Menschen, und man konnte sich sagen,
durch eine Art Summierung derjenigen Krafte und Tatig-
keiten, die schon unten bei den einfachsten Lebewesen wal-
ten, ja, sogar schon durch eine Summierung der Krafte und
Tatigkeiten in der leblosen Natur selber entstehe zuletzt
das komplizierteste Wesen, das wir kennen, der mensch-
liche Leibesbau.
Ungeheure Hoffnungen kniipften sich an dieses natur-
wissenschaftliche Ideal. Wirklich stand es damals so, dafi
man schwer unterscheiden konnte zwischen dem, was natur-
wissenschaftliche Tatsachen waren und dem, was man zu
den Tatsachen hinzudachte, hinzuspekulierte, denn ein Un-
terschied war fur jeden, der griindlich dachte, zwischen den
Tatsachen und denTheorien ja doch vorhanden. DerUnter-
schied war namlich vorhanden, dafi man sich sagen konnte:
Wenn man so vorsichtig, so subtil zu Werke ginge, wie
etwa Darwin selber, besonders in seinen friiheren Jahren,
zu Werke gegangen war, dann fand man ein ungeheures
Material an gegenseitigen Beziehungen, an gegenseitigen
Vergleichspunkten zwischen den einzelnen Lebewesen, von
den unvollkommenen des Tier- und Pflanzenreiches bis
herauf zum Menschen. Aber es sei doch ein Unterschied
— konnte man sich sagen - zwischen dem, was sich so als
Tatsache der Ahnlichkeit des aufieren Baues, audi als Tat-
sadie der Ahnlichkeit der inneren Vorgange ergab, und
dem, was man doch nur erdenken konnte: der Hypothese,
der Annahme der Abstammung der vollkommenen Lebe-
wesen von den unvollkommenen, denn diese Abstammung
konnte man nach den bis jetzt bekannten Tatsachen nicht
verfolgen. Man hatte die Summe der Lebewesen vor sich,
vollkommenere und weniger vollkommene. Die Abstam-
mung als solche aber blieb fur den, der grundlich denken
konnte, doch immer nur eine Hypothese, wenn er auf natur-
wissenschaftlichem Boden stehen bleiben wollte. Aber das
Material war imponierend.
Was sich so aus der naturwissenschaftlichen Forschung
ergab, drang tief in die Seelen ein, manchmal erschiitternd
durch das Gro£artige der Einblicke, die man gewinnen
konnte. Dazu kam manches andere. Es mufi beim heutigen
orientierenden Vortrage auf manches einzelne hingewiesen
werden. So mufi hingewiesen werden auf die gewaltige
Entdeckung, wie sie zum Beispiel Helmholtz auf dem Ge-
biete der Lichterscheinungen und der Wirkungen des Lichtes
auf das menschliche Organ des Auges gemacht hatte, wie
sie ebenfalls Helmholtz gemacht hatte in bezug auf Klang-
und Tonerscheinungen und die Wirkung von Klang und
Ton auf das menschliche Ohr, auf das menschliche Gehor-
organ. Dadurch war man bekanntgeworden mit dem f riiher
ja geheimnisvoll gebliebenen Sehvorgange. Man lernte audi
erkennen, was zum Beispiel im Ohre vorging, was fur ein
komplizierter Wunderbau, man mochte sagen, ein klavier-
artiger Apparat im Ohre sich befindet. An Stelle von man-
chem, was friiher blofi Ausgedachtes schien, trat jetzt die
genauere Erkenntnis des Baues der Organe des Menschen.
Man konnte sich sagen: Was draufien nur Bewegung, Reg-
samkeit ist, das wird wie umgewandelt - eine solche Um-
wandlung ergab sich ja, wie wir eben gesehen haben, ganz
wesentlich aus der mechanischen Warmetheorie - durch das,
was nun an Wunderbarem in den Organen auf geklart wurde
in bezug auf das, was in den Seelen an Wahrnehmungen
lebt. Und das innere Seelenleben baut sich ja zuletzt aus
dem auf, was unsere Organe aus den Wirksamkeiten der
Materie und des Raumes heraus gestalten.
Vielfach kann man eigentlich den ganzen geistigen Vor-
gang, der sich damals in den Seelen abspielte, so bezeichnen,
dafi man sagen kann: Betaubt wurden die Seelen durch
alles, was da im grofien und im einzelnen gefunden worden
ist. Man mufite sich sagen: Von alledem wufite eine friihere
Zert nichts. Es kamen einem manche Traditionen, welche
iiber das menschliche Seelenleben vorhanden waren, jetzt
hinfallig vor, wo man erst anfing, die Wirkung der Materie
und ihrer Bewegungen auf den menschlichen Organismus
zu studieren, im wahren Sinne des Wortes naturwissen-
schaftlich zu studieren.
Fur den Geisteswissenschafller war das Ganze, sagen
wir, weniger wichtig wegen der Einzelheiten, als deshalb,
weil man sich gestehen mufite: Um in die weiten Perspek-
tiven, welche da in eine Welt des rein Tatsachlichen hinein
eroffnet werden, hineinzukommen, dazu gehort etwas, was
man bei den alten Betrachtungen des Seelenlebens oder des
Geisteslebens zunachst nicht vorhanden glaubt. In vielen
Seelen, welche das alles im letzten Drittel des neunzehnten
Jahrhunderts mitlebten, stieg etwa die folgende Empfln-
dung auf. Da konnten sich die Seelen sagen: Gewifi, alte
Zeiten haben manches zu denken gewagt iiber die grofien
Fragen, zum Beispiel iiber den Wechsel von Schlaf und
Wachen, uber die Frage nach der Unsterblichkeit der Men-
schenseele, iiber die Fragen von Tod und Leben, uber den
Ursprung des Daseins und so weiter. Aber wenn man ver-
gleicht die ganze methodische Art des Denkens, die ganze
Art, wie geistig geforscht worden ist in jenen alten Zeiten,
aus denen solche Traditionen von Seelenforschungen her-
aufragen, sie vergleicht mit der strengen, gewissenhaften
Art modernen naturwissenschafllichen Forschens, dann steht
das, was uns von jenen alten Zeiten iiberkommen ist, eben
einfach zuriick hinter der strengen und gewissenhaften Me-
thode heutiger naturwissenschaftlicher Forschung. Wenn
audi der Geistesforscher von den Resultaten der Natur-
forscbung nicht betroffen war, wenn er sich vielleicht auch
gar nicht hinreifien liefi von den Resultaten, das eine
wirkte gewaltig auch auf den Geistesforscher: die Strenge
des naturwissenschaftlichen Denkens, die Gewissenhaftig-
keit, der ungeheure Wahrheitssinn naturwissenschaftlichen
Denkens.
Gegeniiber einer solchen Tatsache mufke sich in dem-
jenigen, der es iiberhaupt mit Wissenschaft zu tun haben
wollte, gleichgiiltig ob mit Naturwissenschaft oder Geistes-
wissenschaft, der Trieb herausbilden, der etwa dahin charak-
terisiert werden kann: Wissenschaft im ernstesten Sinne des
Wortes, die tonangebend sein kann fur das Geistesleben
der Gegenwart, kann ihr Heil iiberhaupt nur in jenem
strengen Denken, in jenem wahrhaft gewissenhaften For-
schen suchen, wie man es an der Naturwissenschaft lernen
kann. Ein solcher Trieb verwandelt sich allmahlich, und
mufke sich auch in dem geisteswissenschaftlichen Forscher
verwandeln, in eine Art von wissenschaftlichem Gewissen.
Man konnte sich sagen: Gewifi, wie zu alien Zeiten, so hat
auch in der neueren Zeit die Seele den Drang und den
Trieb, ihre eigene Natur und Wesenhek kennenzulernen,
kennenzulernen vor alien Dingen die Vorgange, welche
iiber Geburt und Tod hinausreichen. Aber Eindruck machen
auf die Kultur unserer Zeit kann fur denjenigen, der klar
und unbefangen schaut, nur das, was nach dem Muster
naturwissenschaftHcher Denkweise vor die Zeit hintritt.
Man sah gewifi mandies iiber allerlei seelische Fragen -
man mochte heute schon sagen — auf dem geistigen Markte
ersdieinen. Man sah vieles, was wahrhaftig recht fern stand
und steht von gewissenhafter, an der Naturwissenschaft
herangebildeterDenkmethode; aber mankonnte sich sagen:
Solche Dinge mogen durch die Leichtfertigkeit, durch die
Bequemlichkeit des zeitgenossischen Denkens manchmal da
oder dort eine Weile Eindruck machen, von irgendeiner
Dauer kann ein soldier Eindruck nicht sein, denn selbst die
Bequemsten werden sich zuletzt fragen: Was kann das an
der Naturwissenschaft herangebildete gewissenhafte Den-
ken zu demjenigen sagen, was iiber die geistige Welt an-
geblich erforscht ist?
So stellte sich denn auch fur die Seelenforscher das Be-
diirfnis ein, ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft
zu forschen. Man mochte sagen eine Art Idealbild, das nur
nicht zu Ende gekommen ist, ist die Psychologie, die Seelen-
lehre des auch hier schon erwahnten Franz Brentano, die
auf viele Bande berechnet gewesen ist. Von alien diesen
Banden ist aber nur ein einziger erschienen, der erste, im
Fruhjahr 1874. Und obwohl versprochen war, dafi der
nachste Band schon im Herbste desselben Jahres erscheinen
sollte, ist er doch bis heute nicht erschienen.
Brentano ging nicht nach dem Muster derjenigen Seelen-
forscher vor, von denen das letztemal gesagt worden ist,
dafi sie ganz ausschliefien die grofien Fragen zum Beispiel
nach dem Wesen des Wechsels von Schlaf und Wachen,
die Frage nach der Unsterblkhkeit der Menschenseele und
dergleichen, sondern er wollte alle diese Fragen ganz nach
dem Muster der strengen naturwissenschafllichen Methodik
behandeln. Er scheiterte. Und warum scheiterte er? Franz
Brentano konnte sich nie entschliefien, denjenigen Weg zu
gehen, der sich gerade dadurch als der fiir die Gegenwart
notwendige gezeigt hat, dafi ein soldier Geist wie Brentano
gescheitert ist, nachdem er ihn nicht hat gehen wollen. Die-
ser Weg ist in den verflossenen Vortragen und besonders
das letztemal charakterisiert worden. Von diesem Wege
wurde gezeigt, wie er allein geeignet ist, uns in die hoheren
Gebiete, in die geistigen Gebiete des Daseins hineinzufuh-
ren, in das, was auch iiber Geburt und Tod hinausreicht.
Franz Brentano konnte sich nicht entschliefien, diesen Weg
zu gehen. Dafi man ihn gehen mufi, wenn man an ein Ende,
an ein Ziel kommen will, das hat er formlich dadurch nega-
tiv bewiesen, da£ seine Seelenlehre beim ersten Bande ge-
blieben ist, der noch nichts zu tun hat mit all den eben
genannten grofien Fragen, dafi er noch nicht herankommen
konnte an die grofien Fragen, wie er es wollte.
Ich versuchte, Ihnen ein Bild zu geben von dem geistigen
Leben der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts,
in das hineinversetzt war, wer damals seinen Weg in die
geistigen Gebiete hinein suchte. Wenn man alles, was jetzt
genannt worden ist, auf sich wirken liefi, so konnte man
nicht so ohne wei teres mit den damals auftauchenden, zu-
nachst sporadischen Erzeugnissen der auf keimenden Geistes-
wissenschaft gehen. Ich will da nur zunachst aufmerksam
machen, wie nicht nur mitten in die naturwissenschaftliche
Forschung selber, sondern auch in die naturwissenschaftliche
Erziehung der Zeit ein Werk hineinfiel etwa wie der «Eso-
terische Buddhismus» von A. P. Sinnett.
Ich will jetzt nicht die Titelfrage besprechen, dafi hier
Buddhismus nichts zu tun hat mit dem Buddha und dem
Buddhismus, wie er als religioses Bekenntnis gemeint ist,
sondern bemerken, dafi mit diesem Buche, weldies in deut-
schen Gegenden in den achtziger Jahren des neunzehnten
Jahrhunderts bekannt wurde, zunachst gegeben war eine
Obersicht der Welterscheinungen, des grofien Ganges der
kosmischen Ereignisse und audi der Fragen, welche sich an
das Wesen des Menschen ankniipfen, wie audi an die Be-
ziehungen iiber ein Leben, das iiber Geburt und Tod hin-
ausgeht. Was in diesem Buche mitgeteilt war, konnte zu-
nachst frappierend wirken. Denn wer denBlick auf geistige
Dinge hinwendete, konnte als soldier mit manchem, was da
in dem Sinnettschen «Esoterischen Buddhismus» stand, in
gewisser Beziehung sich einverstanden erklaren. Manches
widersprach durchaus nicht dem, was man denken konnte
und denken durfte, auch wenn man streng auf naturwissen-
schaftlichem Boden stand. Aber eines widersprach der da-
maligen naturwissenschaftlichen Erziehung, eines machte,
dafi man dieses Buch zwar als eine interessante Zeiterschei-
nung nehmen konnte, sich aber unmoglich so ohne weiteres
mit ihm einverstanden erklaren konnte: dafi dieses Buch
in der ganzen Art der Darstellung, in der Zusammenf assung
der Dinge und in der Art, wie diese Dinge zum Beispiel
aus ihren Quellen hervorgeholt wurden, in nichts gerecht-
fertigt dastand vor der strengen naturwissenschaftlichen
Erziehung und Wahrhaftigkeit, und dafi ein naturwissen-
schaftlich Erzogener, wenn er noch so sehr mit den einzelnen
Ergebnissen und Mitteilungen dieses Buches einverstanden
war, sich doch von der ganzen Art der Darstellung abge-
stofien fiihlen mufite.
Ebenso ging es mit manchem anderen Werke, das auf
diesem Gebiete erschien. Es ging sogar so mit dem Buche
der mit einem gewissen Recht beriihmten H. P. Blavatsky,
das dann am Ende der achtziger, am Anfang der neunziger
Jahre ersclrien: «Die Geheimlehre». Wer es mit diesen Din-
gen zu tun hatte, konnte sich sagen: Ein tiefgriindiges Wis-
sen und Erkennen iiber geistige Dinge findet sich in diesem
Buche, aber die ganze Art der Darstellung ist so chaotisch,
so untermischt mit naturwissenschaftlichem Dilettantismus,
der sich namentlich in der Bekampfung naturwissenschaft-
licher Theorien und Hypothesen dartut, dafi der natur-
wissenschaftlich Erzogene mit diesem Buche durchaus nicht
mitgehen kann.
So stellte sich gleichsam zweierlei heraus: Fur einen, der
Herz und Sinn hatte fiir den Bestand einer geistigen Welt,
gab es auf der einen Seite die naturwissenschaftliche Denk-
art, die ganze naturwissenschaftliche Vorstellungsweise. An
der konnte er seine wissenschaftliche GewissenhafUgkeit
heranerziehen, an der konnte er sich freimachen von allem
Dilettantismus, wenn er sich ernstlich darauf einliefi. An
der konnte er aber auch lernen, wie man streng forscht iiber
das Tatsachliche, und wie man durch solches Forschen iiber
das Tatsachliche zu gesicherten Ergebnissen gelangt, die
real ins Leben eingreifen, die begriindend sind nicht nur
fiir eineTheorie, sondern fiir dieTatsachen des Lebens. Auf
der anderen Seite aber konnte sich ein solcher sagen: Da,
wo man aber aus der Naturwissenschaft selber auch etwas
fiir eine geistige Interpretation der Lebenserscheinungen zu
gewinnen sucht, da, wo die Naturwissenschaft gerade durch
sich selber. dies versucht, lafit sich wenig aus ihr heraus-
pressen fiir das Geistige, um so weniger, je strenger sie auf
dem Gebiete des Tatsachlichen vorgeht. - Daher war wohl
fiir einen solchen, der so zur Sache stand, Veranlassung
vorhanden, ein wenig zuruckzublicken auf die Entwick-
lungsgeschichte der Menschheit. Da konnte er erfahren, dafi,
selbst wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung
absieht, in den verschiedenen geistigen Urkunden der Vol-
ker und der Epochen etwas aufgesammelt ist, etwas rein
aufierlich dokumentarisch daliegt, das einen grandiosen gei-
stigen Wissenskern in sich schliefit, was, wenn man es ge-
nauer ansieht, nicht leicht zu nehmen ist, sondern je mehr
man sich in dieses Aufgesammelte vertieft, desto mehr bietet
es des Einleuditenden iiber das geistige Leben, selbst wenn
man nicht herankann an die Art und Weise, wie es dar-
gestellt ist, oder audi an die Art und Weise, wie es gefun-
den sein mu£ nach dieser Art der Darstellung.
Nur fur den, welcher oberflachlich zu Werke geht, kann
etwa das, was da alte agyptische oder chaldaische Weisheit
enthalt, nur eine Summe von menschlicher Traumerei sein.
Wer tief er darauf eingeht, wird nicht Traumereien finden,
sondern wird tatsachlich ersehen, wie Einleuchtendes iiber
die Natur des Geistes und seine Wirksamkeit in diesen
Dingen in mancherlei fiir die heutige Zeit grotesk aus-
schauenden Formen enthalten ist. Und ebenso, wie bei der
agyptischen oder der chaldaischen "Weisheit, stellt sich dies
insbesondere fiir die alte indische Weisheit heraus, soweit
sie iiberliefert ist. Freilich wird man so etwas wie die in-
dische Weisheit mit dem grandiosen bedeutsamen Eindrucke,
den sie auf jeden machen mufi, nicht etwa ansehen diirfen
mit dem Auge eines modernen Philosophen, wie zum Bei-
spiel Deufieriy sondern man wird sich unbefangen hinein-
versetzen miissen in das von innen aus Einleuchtende in
bezug auf gewisse geistige Zusammenhange. Aber eines
kann auf fallen: aus der Art und Weise, wie das Ganze
dargestellt ist, zeigt sich, dafi ein geistiges Wissen jener
Art, wie es uns da entgegentritt, nicht auf dieselbe Weise
und nicht durch eine solche Methode gewonnen ist wie
unsere heutigen Forschungsmethoden sind, durch welche
die Naturwissenschaft von Triumph zu Triumph schreitet.
Wenn man nur genug Unbefangenheit hat, um auf der
einen Seite die Naturwissenschaft sidier anzuerkennen und
um auf der anderen Seite sich auf das einzulassen, wie aus
den alten Zeiten eine geistige Errungenschaft und ein gei-
stiges Wirken heriibertonen, dann wird man schon das
Oberwaltigende an lichtvollen Einsichten in das geistige
Leben auf sich wirken lassen konnen und wird audi zu-
gleich ersehen, wie so ganz anders die Methoden gewesen
sein mussen, mit denen jene geisteswissenschaftlichen Er-
kenntnisse in uralten Zeiten gewonnen worden sind.
Nun zeigt uns gerade wieder die Geistesf orschung selbst,
wie ganz anders das gewonnen ist, was wir im rechten
Sinne zum Beispiel uralt-indische Weisheit nennen konnen,
die bis tief in das Wesen der Dinge eindringende Erkennt-
nisse uns anzeigt. Da finden wir, daf$ jene "Weisheit nicht
durch die au£ere Beobachtung gewonnen ist, nicht durch
jenes Denken, das wir heute als naturwissensdiaftlicb.es
bezeichnen, sondern auf eine ahnliche Art von seelischer
Selbsterkenntnis, wie wir sie auch hier fur die modernen
Zeiten charakterisieren konnten. Yoga-Methoden, Selbst-
erziehungs-Methoden der Seele wurden angewendet. Die
fiihrten die Seele dahin, nicht nurmehr blofi so zu schauen
und wahrzunehmen und zu erkennen, wie man im gewohn-
lichen alltaglichen Leben wahrnimmt und erkennt, sondern
in sich aufgehen zu fiihlen hohere Erkenntniskrafte, welche
hineinschauen konnen in die geistigen Welten, die sich um
uns herum eroffnen, wenn wir nur fur sie in uns die Or-
gane erschliefien. Aber fur das Dasein innerhalb des physi-
schen Lebens ist alles, was uns als Seelenbetatigungen ent-
gegentritt, doch in einer gewissen Weise an das Instrument
des physischen Leibes gebunden. Und nun zeigt uns eine
geistige Forschung, wie das alte indische Forschen in anderer
Weise selbst an das Instrument des physischen Leibes ge-
bunden war als unser heutiges Forschen, wie es in der Na-
turwissenschaft gang und gabe ist. Die Naturwissenschaft
forscht heute durch die Sinne und durch den Verstand, der
an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Wozu brachte
die Yoga-Methode den Menschen? Wozu sie ihn brachte,
kann hier nur kurz angedeutet werden, weil wir uns nur
iiber die Beziehungen von Naturwissenschaft und Geistes-
wissenschaft orientieren wollen.
Yoga-Methode brachte den Menschen dazu, zunachst
bis zu einem gewissen Grade das Denkinstrument des Ge-
hirnes auszuschalten, sogar alles das auszuschalten, was das
iibrige hohere Nervensystem vermittelt. Zum Instrumente
jenes streng innerlichen Schauens in den Yoga-Methoden
wurde gerade derjenige Teil des menschlichen Nerven-
systems gemacht, der uns heute in der Naturwissenschaft
wie ein untergeordneter Teil erscheint, der aber im engsten
Sinne an die Verrichtungen des menschlichen Organismus
selber gebunden ist, das, was wir mit dem Sonnengeflecht
und mit dem sympathischen Nervensystem bezeichnen. Wie
unser heutiges naturwissenschaftlichesForschen an das hohere
Nervensystem gebunden ist, so waren jene alten Erleuch-
tungsmethoden an dasjenige Nervensystem gebunden, das
wir heute sogar in einem gewissen Sinne als ein niedriges
betrachten. Aber weil dieses untergeordnete Nervensystem
an die Daseinskrafte und an die Lebenskrafte gebunden ist
und innig mit dem zusammenhangt, wodurch der Mensch
selber in das gottlich-geistige Dasein eingetaucht ist, weil
es also mit den Quellen des Menschendaseins zusammen-
hangt, so erkannte man mit Hilfe dieses Instrumentes nicht
nur das Hereinleuchten des Geistigen in den menschlichen
Organismus; sondern wie man mit dem Auge hineinschaut
in die Lichteswelten, so schaute man mit dem Instrument
des sympathischen Nervensystems in die Geisteswelten hin-
ein, erblickte in ihnen konkrete Tatsachen und Wesenheiten.
Wer zu verstehen vermag, wie ein so in seine eigenen
Tiefen, selbst dem Instrumente nach, eindringender Mensch
sich zum Universum zu stellen vermag, der versteht audi,
wie jene uralte orientalisdie Weisheit zu uns heriiber ge-
kommen ist. Wenn wir die alten Weistiimer verfolgen, so
finden wir sie iiberall entdeckt, an die Oberflache des
menschlichen Denkens kommen durch alte Forschungs-
methoden, durch alte Yoga-Methoden. Bei den verschieden-
sten Volkern finden wir die verschiedensten Weistiimer, und
wir dringen, wenn wir uns nur mit ihnen abgeben, immer
mehr und mehr in ihre Tiefen ein und erkennen, wie die
Menschen zu ihnen gekommen sind in jenen Zeiten, in denen
sie von der heutigen physischen Astronomie, Anatomie,
Physiologie und so weiter verhaltnismafiig wenig gewulk
haben. Wie es eigentlich im physischen Leibe des Menschen
aussieht, hatte man in der alten indischen Weisheit nicht
gewufit, so wie man es heute weifi; aber man hat sich in
eine Betatigung des Organismus versetzen konnen durch
Anwendung des defer liegenden Nervensystems. Und so
war es audi bei anderen Volkern.
Nun kann man, indem man sozusagen den Blick schwei-
fen lafit iiber alles, was bis ins sechste Jahrhundert der vor-
christlichen Zeitrechnung hinein als solche alte Weistiimer
wirksam war, heraufdringen bis eben, zum Beispiel, in die
alten griechischen Zeiten hinein. Da finden wir, von allem
ubrigen abgesehen, einen uberragenden Denker, einen Den-
ker, der ebenso oft nach dem Guten wie nach dem Bosen
hin mifiverstanden worden ist: Aristoteles, der nur wenige
Jahrhunderte vor der Begriindung des Christentums tatig
war. Merkwiirdig erscheint er uns noch heute. Wenn wir
ihn so durchnehmen, dann finden wir bei ihm zuerst auf
vielen Gebieten etwas von dem, was man heute Natur-
wissenschaft nennt. Denn in den alten Weistumern ist Na-
turwissensdiaft imheutigenSinne nidit vorhanden. Zu dem,
was Aristoteles zur Naturwissensdiaft geliefert hat, haben
sich noch im neunzehnten Jahrhundert Leute, die streng
auf dem Boden und nur auf dem Boden der Naturwissen-
sdiaft stehen wollen, im allerlobendsten Sinne ausgespro-
chen. So finden wir also bei Aristoteles die Ausgangspunkte
dessen, was audi heute naturwissenschaftliches Forschen ge-
nannt werden kann. Daneben finden wir bei ihm eine aus-
gebildete Lehre von der menschlichen Seele.
Nicht auf die Einzelheiten seiner Seelenlehre soil ein-
gegangen werden, sondern es soil nur darauf aufmerksam
gemacht werden, wie sich die Lehre von der menschlichen
Seele bei Aristoteles stellt zu dem, was aus alteren Zeiten
iiber die menschliche Seele und ihren Zusammenhang mit
den grofien geistigen Welten heriiberleuchtet. Man versteht
nur, was Aristoteles iiber die Seele geschrieben hat, wenn
man sich klar ist, dafi das alles bei ihm gegeben ist als "Ober-
lief erung alten, uralten, auf die eben gekennzeichnete Art
gewonnenen Denkens. Aristoteles ist nicht mehr bekannt
mit den Forschungsmethoden der alten Zeiten; die liegen
ihm f erner. Was er aber sagen konnte iiber die Gliederung,
iiber die Einteilung der menschlichen Seele, iiber den Unter-
schied von dem, was von der menschlichen Seele nur an den
physischen Leib gebunden ist und so audi an den Tod, von
dem, was nach dem Durchschreiten des Todes an einem gei-
stigen Leben in der Ewigkeit teilnimmt, was Aristoteles iiber
dieses alles zu sagen vermag, das ist wie ein Oberkommenes
aus alten Zeiten, das er dem Inhalte nach kennt, das er so
bekommen hat, daJS er sagen konnte: es leuchtet meinem
Verstande ein. Aber die einzelnen Glieder kennt er nur
mehr, was er zum Beispiel da die vegetative Seele, die Geist-
seele und so weiter nennt. Wie die einzelnen Glieder mit
der geistigen Welt zusammenhangen, das weifi er nicht mehr.
Er kann die einzelnen Teile aufzahlen, dem Verstande nach
beschreiben und klassiflzieren, kann sie auch fur den Ver-
stand einleuchtend machen, aber er kann nicht mehr zeigen,
wie diese menschlichen Seelenteile mit der geistigen Welt
zusammenhangen.
Aristoteles* Art ging dann auf die spateren Zeiten iiber.
Die Naturwissenschaft wurde immer ausgebildeter. Es gab
ja naturlich den mittelalterlichen Tiefstand und die neue
Morgenrote der Naturwissenscbafl im Beginne der neuen
Zeit, aber wenn man davon absieht, kann man sagen, die
Naturwissenschaft wurde immer ausgebildeter und ausge-
bildeter.
Worauf beruht nun des Menschen Verhaltnis zur Natur-
wissenschaft und zu den Gegenstanden der Naturwissen-
schaft? Denken wir uns, wenn der Mensch mit seinen Sinnen
allein ware, wenn er nicht seine Sinne offnen, gleichsam an-
gliedern konnte an die Reiche der Natur, die um uns herum
ausgegossen sind, was ware dann das einzelne menschliche
Leben ohne die Eingliederung in die Natur? Betrachten wir
die Sache ganz elementar. Wir konnten unsere Augen, wenn
wir sie nicht mit der Natur in Verbindung setzen konnten,
vielleicht driicken und wurden dadurch etwas haben konnen,
was wie ein Aufglanzen der innerlichen Lichterscheinung
ware. Aber vergleichen Sie das armselige innere Leben in der
ganzen physischen Welt, welches der Mensch nur durch sich
selber haben konnte, wenn er sich nicht mit den Reichen der
Natur in Verbindung setzen konnte. Vergleichen Sie es mit
dem reichen Leben, das sich eroffnet, wenn der Mensch
seine Augen und die iibrigen Sinnesorgane den Reichen der
Natur und ihren Eindriicken offnet. Wir sind Menschen,
indem wir nicht nur in uns leben, sondern die Organe den
Reichen der Natur eroffnen, die um uns ausgegossen sind,
und indem wir mit diesen Reichen in Wechselwirkung stehen*
Wiilken wir nur das, was das Auge, was die iibrigen Sinnes-
organe f iir sich erzeugen konnen, wie arm an Inhalt waren
wir als Menschen hier in der physischen Welt! Damit ist
zu vergleichen, was das Seelenleben allmahlich wurde in
den Zeiten, in welchen die Naturwissenschaft gerade her-
aufkam und von Triumph zu Triumph fiihrte.
In bezug auf das Seelenleben wurde sozusagen das, was
Aristoteles gegeben hatte, fortgesetzt. Man beschaftigte sich
nur mit der Betrachtung der Seelenerscheinungen selber.
Das aber ist so, wie wenn man die Sinne nur in sich selber
tatig sein lie£e - und bis herauf in unsere Zeit macht es
die offizielle Seelenwissenschaft so. Bis in unsere Zeit ist
nichts anderes Inhalt der offiziellen Seelenwissenschaft als
das, was sich vergleichen laftt mit der blofien Innentatigkeit
unserer Sinnesorgane oder unseres Gehirnes, wenn die Ge-
danken des Gehirnes nicht in die Weltenweiten hinaus
gerichtet sind. Aber wir haben schon in den verflossenen
Vortragen gesehen, wie durch die Methoden der Geistes-
wissenschaft, und das war audi bei der alten Geisteswissen-
schaft der Fall, die Seele nach oben hin an geistige Reiche
angegliedert wird, die ebenso konkret und innerlich ge-
staltet sind, wie in der physischen Welt die Reiche um uns
herum, an die die Sinnesorgane angegliedert sind.
Diese geistigen Reiche, diese ganz konkreten geistigen
Tatsachen und Wesenheiten waren fur eine gewisse Zeit,
welche gerade das auftere naturwissenschaftliche Forschen
heranreifen lassen sollte, nicht zuganglich, und so verarmte
die Erkenntnis des Seelenlebens immer mehr, weil der gei-
stige Ausblick nach den konkreten Bestatigungen der gei-
stigen Welt fehlte. Die Seele erforschte man allenfalls noch
in ihrem Innenleben, wie es noch in den siebziger Jahren
des neunzehnten Jahrhunderts Franz Brentano getan hat,
wie Sie sich aus seiner «Psychologie» iiberzeugen konnen.
Aber seine Erf orschung ist so, wie wenn man das Auge nur
in bezug auf das erforschen wiirde, was es durch sich selbst
kann, und nicht in bezug auf das, was es vermag, wenn es
hinausgerichtet ist auf die Tatsachen der Natur.
Nun darf man sagen: Gerade durch das immer genauere
Hinblicken audi auf die physischen Vorgange des Menschen
wurde der Blick abgelenkt von den geistigen Welten, mit
denen die Seele zusammenhangt. - Die Seele hangt ja auf
der einenSeite mit diesen geistigen Welten zusammen, welche
sie aufnehmen, wenn sie durch die Pforte des Todes ge-
schritten ist, oder wenn sie durch den Schlaf in eine andere
Welt eintritt. Aber die Seele hangt mit der physischen Welt
durch ihre Organe zusammen, durch das gesamte Nerven-
system und durch den gesamten Blutumlauf . Dadurch, dafi
die Naturwissenschafl in ihren Methoden immer bedeut-
samer geworden ist, wurde der Blick des Menschen auf jenen
Zusammenhang der Seele hingelenkt, der sich ergibt zwi-
schen der Seele und den physischen Zusammenhangen. Die
Ergebnisse der Naturwissenschafl waren in dieser Beziehung
so grandios, dafi es die Menschen ganz erfiillte, zum Bei-
spiel das, wie sich die Seele auslebt in ihren Zusammen-
hangen mit dem Blutkreislauf und so weiter. Jeder neue
Triumph der Naturwissenschafl war in einer gewissenWeise
dem Hinlenken des Blickes der Seele auf den Zusammen-
hang mit der geistigen Welt abtraglich.
Noch etwas anderes gilt sogar. Wer eine Uhr kennen-
lernen will, wird sie in ihrem ganzen Organismus schlecht
kennenlernen, wenn er sagt: Da sehe ich, wie die Zeiger der
Uhr vorriicken, da wird vielleicht ein kleiner Damon dar-
innen sitzen, welcher die Zeiger vorwarts bewegt. - Wenn
ein Mensch, der so etwas sagt, sich noch so erhaben fuhlte
iiber den, welcher blofi den Mechanismus der Uhr studiert,
so wiirde man ihn auslachen, denn die Uhr lernt nur ken-
nen, wer ihren Mechanismus wirklich studiert. Und ein
anderes wieder ist es, zu dem Mechanismus der Uhr das
Geistesleben des Uhrmachers oder desjenigen kennenzu-
lernen, der die Uhr erfunden hat. Beide Wege kann man
gehen: den mechanischen Gang des Uhrwerkes untersuchen
und den menschlichen Gedankengang kennenlernen, der
zur Erfindung der Uhr gef iihrt hat. Unsinnig aber ware es,
wenn jemand auf irgendwelche Damonen schliefien wollte,
die das ganze Uhrwerk in Bewegung bringen.
Das ging nun der Menschheit allmahlich fiir die Mensch-
heitsf orschung verloren, was bei der Uhr entsprechen wiirde
dem Verfolgen des geistvollen Mechanismus bis in die Ge-
danken des Erfinders hinein. Denn der Menschenseele wiirde
es entsprechen, die Gedanken bis zu den Wesenheiten der
geistigen Welt zu verfolgen. Dafur ging sie in der Natur-
forschung im Triumph von Tatsache zu Tatsache, also zu
dem, was dem «Uhrwerk» entspricht. Und man kann eine
interessante Bemerkung machen: es gehen namlich gleich-
zeitig die Erkenntnisse, die noch von alten Zeiten her iiber-
liefert sind, der Menschheit gewohnlich in denjenigen Epo-
chen verloren, in denen eine betreffende Erkenntnis genau
naturwissenschafHich untersucht werden kann.Merkwiirdig:
am Ende des sechzehnten, am Anf ange des siebzehnten Jahr-
hunderts sehen wir, wie noch der Philosoph Cartesius eine
gewisse Vorstellung da von hat, dafi ein Geistahnliches beim
Menschen vom Herzen nach dem Kopfe, nach dem Haupt
des Menschen wirkt. Cartesius spricht noch von gewissen
Lebensgeistern, die nicht physischer Natur ,sind, sondern
deren Krafte zwischen Herz und Kopf spielen. Dann sehen
wir, wie eine solche Erkenntnis immer mehr und mehr im
Geistesleben der Menschheit verschwindet.
Wer sich fragt, warum das so ist, kann folgende Antwort
bekommen. Da sehen wir, geschichtlich gleichzeitig mit die-
sem Verschwinden der Erkenntnis geis tiger Vorgange, welche
sich auf das Herz beziehen, die Erkenntnis des physischen
Organismus des Herzens und des Blutumlaufes heraufkom-
men. Am Anfange des siebzehnten Jahrhunderts sehen wir
zuerst, wie der englische Arzt Harvey seine Entdeckung
des Blutumlaufes veroff entlicht, und wie Marcello Malpighi
in Bologna zuerst als Anatom an dem Blutkreislauf des
Frosches zeigt, wie kunstvoll der ganze Blutumlauf ist. So
wurde der Blick hingelenkt auf den Sinnesvorgang. Das
Wissen um die geistigen Tatsachen wurde sozusagen hin-
untergedrangt durch die genaue Erkenntnis des Smnesvor-
ganges. Wahrend es fur die Naturwissenschaft einen Triumph
bedeutet, daft der 1624 geborene Francesco Redi den Satz
aufstellt, der mit vielen Behauptungen der fruheren Zeit
in Widerspruch stand, «alles Lebendige stammt aus Leben-
digem», wahrend dieser Satz ein Triumph ist, konnen wir
sagen: Indem die Menschheit dahin kam, das Organische
als solches bis auf den Keim zuriickzufiihren, bis auf das
physisch Unbestimmte des organischen Keimes, kam ihr
abhanden, wie das Geistige selber, unabhangig von dem
organischen Keime, in die Entwickelung eingreift. Es ging
der Menschheit das Verstandnis f iir den geistigen Keim ver-
loren. So war es Stuck fiir Stuck. Je mehr die Naturwissen-
schaft erobernd heraufzog, desto mehr ging der Blick fiir
die geistige Welt verloren.
Solche Dinge sind nicht irgendwelche Zuf alligkeiten, sind
auch nicht etwas, was man tadeln oder kritisieren darf , son-
dern es sind notwendige Entwickelungs vorgange der ganzen
Menschheitsgestaltung. So muft es sein. Offcmals, wahrend
das eine heraufgeht und sich nach der Hohe entwickelt,
geht das andere hinunter. Was wir heute gerade an der
Naturwissenschaft bewundern, ja, fiir notwendig erkennen,
das stellt sich uns, wenn wir wirkliche Kenner der natur-
wissenschaftlichenEntwickelung sind, so dar, daft wir sagen:
Die Geisteswissensdiaft hat nidit die geringste Veranlassung,
die Naturwissensdiaft, wenn sich diese in ihren Grenzen
halt, irgendwie zu bekampfen, hat audi nicht Veranlassung,
iiber die Einseitigkeit der Naturwissensdiaft zuklagen. Denn
nur dadurch, daft man nicht allerlei Spekulationen in die
naturwissenschaftliche Forschung eingemischt hat, sondern
den Blick ruhig auf die physisch-sinnlichen Vorgange hin-
gewendet hat, sind die groften Errungenschaften der Natur-
wissensdiaft bis heute zustande gekommen. Ja, man kann
gerade in der Morgenrote des neueren Geisteslebens ver-
folgen, wie nur durch den Widerstand gegen den Aristote-
lismus, audi wieder gegen das inhaltlich Berechtigte des
Aristotelismus, solche Geister wie Galilei oder Giordano
Bruno zu ihren Erfolgen gekommen sind, indem sie ab-
lehnten, irgend etwas anderes in ihre Forschungen einzu-
mischen, als was sich vor ihren Sinnen ausbreitete und lehr-
reich genug war.
Heute mufi der geisteswissenschaftliche Forscher dem
naturwissenschaftlichen Forscher so gegeniiberstehen, daft
er sagt: Je mehr die naturwissenschaftliche Forschung selber
reingehalten wird von allem Spekulieren und allem Philo-
sophieren, je mehr man den Blick rein hinwendet auf die
Tatsachen und nicht allerlei geistige Essenzen erfindet, son-
dern nur nimmt, was man rein tatsachlich erforschen kann,
desto besser ist es fur die Naturwissensdiaft. Gerade der
geisteswissenschaftliche Forscher mochte eintreten fur die
Reinerhaltung der naturwissenschaftlichen Tatsachen von
allem naturwissenschaftlich oder geisteswissenschaftlich er-
spekulierten Gerede. Deshalb kann man heute auf der einen
Seite gerade geisteswissenschaftlicher Forscher sein und auf
der anderen Seite eintreten fur die Echtheit und Begriindet-
heit der naturwissenschaftlichen Forschung. Und es ist nur
ein Vorurteil, wenn man glaubt, dafi sich der Geistesfor-
scher gegen die Naturwissenschaft zu wenden habe.
Etwas anderes ist es, wenn es sich urn zahlreiche, schon
an die Geisteswissenschaft herandringende Theorien han-
delt, die man aus naturwissenschaftlichen Theorien ableiten
mochte. Da betritt der naturwissenschaftliche Forscher selber
die Bahn der Geisteswissenschaft, auf der er sich in den
meisten Fallen nur sehr wenig auskennt. Aber eines bleibt
denn doch, auch fiir die Geisteswissenschaft und Geistes-
forschung, von der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: das
ist die schon vorhin charakterisierte gewissenhafte Methode,
der gewissenhafte Wahrheitssinn, von dem wir ofter in den
verflossenen Vortragen sprachen und ihn auch charakteri-
sierten, das Stehenbleiben bei den Tatsachen.
Wie ergeben sich diese Tatsachen? Wir haben es gesehen:
Dadurch, dafi sich gewisse Krafte in der menschlichen Seele
erschlieften, die von dieser Seele aus ebenso den Zusammen-
hang mit den hoheren Welten ergeben, wie die Sinne den
Zusammenhang mit der physischen Welt ergeben. Wie die
Sinne die Tatsachen der physischen Welt ergrunden und
diese stehenlassen sollen, sie nicht durch Spekulationen ver-
derben sollen, so handelt es sich darum, nicht iiber die Er-
gebnisse der hellsichtigen Beobachtung zu philosophieren
und zu spekulieren, sondern sich auch hier auf den strengen
Standpunkt der Tatsachen zu stellen. Dann stent man zwar
ganz strenge auf dem Standpunkte der Geisteswissenschaft,
aber ganz ahnlich auf ihrem Gebiete, wie man in bezug auf
die Naturwissenschaft auf deren Boden sicber steht. Das ist
die Art von Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten ist.
Das ist es, um was es sich auch allein bei einer Geistes-
# forschung handeln kann, die sich verantwortlich fiihlt ge-
geniiber den geistigen Bediirfnissen unserer Zeit. Und das
stellt sich auch bei strenger naturwissenschaftlicher For-
schung gegenuber den Tatsadien, welche der Geisteswissen-
schaft vorliegen, sofort ein, wenn die Naturwissenschaft,
sich selbst verstehend, an ihre Grenze gelangt.
Da ergeben sich wieder, rein aus den Tatsachen heraus,
ganz merkwiirdige Resultate. Ich mochte da nur an das
erinnern, was sich ergibt, wenn wir die Anschauungen des
grofien Naturforschers Du Bois-Reymond nehmen, wie er
sie in seinen Reden ausgesprochen hat. Die bedeutendste
Rede war vielleicht die iiber die «Grenzen des Natur-
erkennens», die er auf der fiinfundvierzigsten Versamm-
lung Deutscher Naturforscher und Arzte in Leipzig am
14. August 1872 gehalten hat. Darin findet sich eine Stelle
- und ich weifi noch, welchen tiefen Eindruck beim ersten
Auftreten dieser Rede diese Stelle damals auf mich als ganz
jungen Menschen gemacht hat - eine Stelle, die etwa sagt:
Wenn wir den Menschen vor uns haben in seinem tagwachen
Leben, so kann die Naturwissenschaft nichts dariiber aus-
sagen, wie sich aus der Regsamkeit seiner kleinsten Gehirn-
teile Empfindung, Vorstellung, Wunsch, Leidenschafl; oder
Affekt ergibt. «Welche denkbare Verbindung besteht zwi-
schen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in mei-
nem Gehirn einerseits, andererseits den fiir mich urspriing-
lichen, nicht weiter defmierbaren, nicht wegzuleugnenden
Tatsachen: <ich fuhle Schmerz, fiihle Lust; ich schmecke
Siifies, rieche Rosenduft, hore Orgelton, sehe Rot>, und der
ebenso unmittelbar daraus fliefienden Gewifiheit: <also bin
ich?> - Es ist eben durchaus und fiir immer unbegreiflich,
dafi es einer Anzahl von KohlenstofF-, Wasserstoff-, Stick-
stoff-, Sauerstorf- usw. Atomen nicht sollte gleichgiiltig sein,
wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich be-
wegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.»
Das Seelenleben im wachen Zustande des Menschen auf
naturwissenschaftliche Weise zu begreifen, hielt Du Bois-
Reymond fur unmoglich. Daher sagte er: Wenn wir den
schlaf enden Menschen vor uns haben, in welchem das Leben
der Empfmdungen, der Vorstellungen, Wiinsche, Affekte,
Leidenschaften ausgeloscht 1st, dann konnen wir den schla-
fenden Menschen naturwissensdiaftlidi erklaren; dannhaben
wir etwas vor uns, was wir nennen konnen eine Regsam-
keit, eine innere organische Tatigkeit. Sogleich aber, wenn
mit dem Auf wachen in diesen Organismus Leben einschlagt,
Empfindung, Wunsch, Vorstellung und so welter, wird das
anders. Dann lafit sich naturwissenschaftlich dieses Leben,
dieser Seeleninhalt nicht aus dem erklaren, was der Natur-
wissenschafter erkennen kann. Der schlaf ende Mensch, meint
Du Bois-Reymond, sei naturwissensdiaftlidi begreifbar, der
wachende nicht.
Das auf der einen Seite. Lesen Sie auf der anderen Seite
die neueren Abhandlungen liber das "Wesen des Schlaf es:
Sie werden iiberall eingestanden finden, dafi die Natur-
wissenschaft sozusagen iiber die Griinde des Schlafes nichts
zu sagen weifi, dafi sie nichts iiber den schlafenden Men-
schen zu sagen weifi, der nach Du Bois-Reymond doch er-
grundbar sein sollte. Wir sehen so auf der einen Seite Hin-
weise auf den glanzenden Gang der Naturwissenschaffc, die
aber dann ihre Grenze in dem eingesteht, da£ der wachende
Mensch mit seinem Seelenleben naturwissenschaftlich nicht
durchschaubar sei. Auf der anderen Seite aber haben wir,
wie in unseren Tagen, das Gestandnis, dafi der Schlaf des
Menschen bis heute nicht erklarbar ist. Warum nicht? Des-
halb nicht, weil der Schlaf in diejenigen Gebiete gehort, wo
der Geist in das gewohnliche Leben hereinspielt, weil wir
den Schlaf nicht erklaren konnen, wenn wir nicht das
Wachen erklaren konnen.
Ich habe in einem der ersten Vortrage dieses Winter-
halbjahres darauf hingewiesen, wie man allenfalls natur-
wissenschaftlich einen Mechanismus ersinnen kann, der
selbsttatig, automatisch nach einer gewissen Zeit den Drang
hervorruft, das Bewufitsein und die Sinnestatigkeit auszu-
schalten, um die Ermiidung f ortzuschaffen. Aber wie gesagt,
wenn man sich darauf beschranken will, dafi der Schlaf
durdi eine Art von selbstandigen Vorgangen des Organis-
mus herbeigefiihrt wird, die wie automatische vor sich
gehen, dann hat man keine Erklarung bei jenem Rentier,
der nicht gearbeitet hat und doch seinen Nachmittagsschlaf
halt, und wir haben audi keine Erklarung fur den Schlaf
bei dem kleinen Kinde, das am meisten schlaft. Dagegen
habe ich darauf aufmerksam gemacht, dafi der Schlaf nur
erklarbar ist, wenn wir voraussetzen, dafi wir bei dem
schlafenden Menschen nur den physischen Leib und den
Atherleib im Bette liegend haben, und daft sich mit dem
Einschlafen ein eigentlich Geistiges, namlich astralischer
Leib und Ich, aus der Wesenheit des Menschen herausbe-
wegt. Was geschieht dadurch, dafi wahrend des Schlafes das
eigentlich Seelenhafte des Menschen gewissermafien au£er-
halb des physischen Leibes und des Atherleibes ist? Wir
werden iiber diese Dinge noch genauer sprechen. Heute soil
nur das Folgende angedeutet werden.
Indem das eigentlich Seelische aus dem physischen Leibe
und seinem Beleber herausgeht, wird etwas hervorgerufen,
was entgegengesetzt ist der wachenden Tatigkeit der Seele.
In der wachenden Tatigkeit ist die Seele rege. Kein Glied
bewegt sich, ohne dafi es die Seele weift. Am wenigsten
werden Vorstellungen hervorgerufen, ohne dafi sich die
Seele des Instrumentes des Gehirnes bedient. Die Seele mufi
regsam sein im Wachzustande. Das Umgekehrte ist im
Schlaf e der Fall. Da konnen wir sagen: Die Seele geniefit
ihre eigene Leiblichkeit im Schlaf leben. Wenn wir nach gei-
stiger Forschung vorgehen, haben wir dem Unterschiede
nach, Seelentatigkeit und Seelengenufi im Wachsein und im
Schlafzustande, und wir begreifen die Wechselbeziehung
zwischen Seelenarbeit und -regsamkeit und Seelengenuft,
der sich in die seelische Regsamkeit ergiefien mu£, wenn
diese in entsprechender Weise fortbestehen will. Jetzt
widerlegt uns nicht mehr der Rentier, der seinen Nachmit-
tagsschlaf halt, obgleich er gar nicht miide ist, sondern wir
wissen, dafi die Seele, wenn sie ihren Leib geniefk, iiber-
treiben kann, und dafi man schlafen kann, wenn man gar
nicht miide ist. Wir verstehen es, wenn wir wissen, wie in
gewissen Konstitutionen in iibertriebenem Mafie der Genufi
des Leiblichen erlebt werden kann.
All das wird man verstehen, wenn man den Schlaf vom
geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus sich zu erklaren
weilS. Das heifk, es gibt ein Gebiet, wo die Naturwissen-
schafl; unbeschrankt zu herrschen glaubt, und wo die Geistes-
wissenschaft ihr nur insofern hineinzureden hat, als eben
der Geist alles, auch die Naturvorgange durchdringt. Dann
aber beginnt ein Gebiet, wo gar nicht mehr das vorliegt,
was die Naturwissenschafl erforschen kann, wo zwar Tat-
sachen vorliegen, aber solche Tatsachen, die nur dann ge-
sehen werden konnen, wenn das Sehen nicht ein sinnliches
Sehen, sondern ein ubersinnliches Schauen ist. Wenn die
Geisteswissenschaft mit derselben GewissenhafKgkeit vor-
geht und sich gewohnt, auf ihrem Gebiete so streng zu den-
ken wie die Naturwissenschafl auf dem ihrigen, so kann
sie gar nicht in Kollision kommen mit der Naturwissen-
schafl. Damit aber steht die Geisteswissenschaft auf einem
Boden, der in vieler Beziehung dem widerspricht, was sich
im Laufe des Geisteslebens der Menschheit allmahlich her-
ausgebildet hat.
So sehen wir, wie diejenigen, welche als Vorlaufer echter
Geistesforschung angesehen werden konnen, Goethe zum
Beispiel, gegen das zu kampfen hatten, was sich gegen eine
geistesforsdierische Betatigung ergab. Wir sehen es am klar-
sten, wenn wir hinschauen, wie sidi Goethe einmal gewehrt
hat gegen Kant. Kant ist es ja, der zunachst festzustellen
suchte, wie das Wissen, welches sich in der neueren Zeit
herausgebildet hat, an das Instrument des Gehirnes gebun-
den ist, sich auf die aufiere Erfahrung beschranken mufi und
nicht hineindringen kann in die Untergriinde der Welt, mit
denen unser geistig-seelisches Leben zusammenhangt. Daher
die strenge Grenze bei Kant zwischen «Wissenschaft» und
dem, was er den «Glauben» nennt; und hohere Gebiete
sind fur Kant nur zuganglich fur den Glauben. Daher setzt
er an die S telle des Wissens iiber eine Welt der Ewigkeit
oder des Gottlich-Geistigen einen Glauben, der auf dem
«kategorischen Imperativ» bestehen soil. So dekretiert er
das, was Wissen sein soli in der Geisteswissenschaft, als einen
blofien Glauben. Aber Goethe sagt in seinem schonen Auf-
satze iiber « Anschauende Urteilskraft» mit Bezug auf Kant:
Kann man schon im geahnten Sinne sich hineinfiihlen in
eine geistige Region, in welcher das Gottlich-Geistige wur-
zelt, aus der das Moralische entspringt, warum sollte der
menschliche Geist, wenn er sich in diese geistige Region er-
hebt, nicht auch das Abenteuer der Vernunft wirklich be-
stehen? - Denn Kant nannte es ein «gewagtes Abenteuer
der Vernunfl», wenn der Mensch in Gebiete eindringen will,
in denen es - nach Kant - ein Wissen nicht geben kann.
Es handelt sich fur das abendlandische Denken um die
Frage: Wie kommt man aus der Naturwissenschaft himiber
in die Geisteswissenschaft? - Dafi man die Naturwissenschaft
nicht zu bekampfen braucht, sondern dafi man sie voll an-
erkennt, ja, ein treuer Anerkenner ihrer Erfolge sein kann,
trotzdem man, ganz nach dem Muster naturwissenschaft-
licher Forschung, das menschliche Wissen auf jene Gebiete
ausdehnt, mit denen die Seele in ihren geistigen Untergriin-
den in denjenigen Impulsen zusammenhangt, die ihr das
Leben geben, audi wenn sie den physischen Korper ver-
lassen hat und sich wieder ansdiickt zu einer Neugestaltung
einer spateren Korperlichkeit.
Einer wahren Geistesforschung Aufgabe wird es sein,
immer mehr und mehr von einemunberechtigtenBespotteln
oder Widerlegenwollen der berechtigten Anspruche der Na-
turwissenschaft in unserer Zeit abzukommen. Das wird f rei-
lich da von abhangen, dafi die Geistesforschung auch nur als
berechtigt anzuerkennen ist, wenn sie bekannt ist mit dem
Stande naturwissenschaftlicher Forschung der Gegenwart,
und wenn sie daher nicht in dilettantischer Weise sich
gegen das vergeht, was aus der naturwissenschaftlichen Er-
ziehung der Gegenwart heraus in berechtigter Art gef ordert
werden kann. Wie der Naturforscher aber nicht dabei
stehenbleiben kann, dafi er nur die innere Natur des Auges,
des Ohres, des Warmesinnes und so weiter untersucht, son-
dern wie der Mensch das, was die Sinne in sich zu erleben
vermogen, hinausrichten muft auf die reiche konkrete Um-
welt des Physischen, so raufi das Seelische erkannt werden,
indem die Seele durch Selbsterziehung - durch eine neue
Art von Yoga-Schulung, wie sie das letztemal beschrieben
worden ist, aber durch eine neue Art, die sich wesentlich
von aller alten Art unterscheidet — sich zusammenlebt mit
dem, womit sie im Geistigen zusammenhangt, und das dort
erst beginnt, wo die naturwissenschaflliche Forschung ihre
Grenze hat.
Da haben wir genau das Verhaltnis, die Beziehung zwi-
schen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, haben
aber auch die Moglichkeit eines wirklichen Bestandes und
Friedens und gegenseitigen Verstandnisses von Natur-
wissenschaft und geisteswissenschaftlicher Forschung. Wenn
das, was schon in den verflossenen Vortragen in dieser Be-
ziehung gesagt word en ist, mit dem zusammengehalten
wird, was mir heute wieder skizzenhaft uber das Verhalt-
nis von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher
Forschung zu sagen gestattet war, so wird man audi Ver-
standnis gewinnen konnen fiir das Berechtigte der geistes-
wissenschaftlichen Forschung, und auch Verstandnis fiir die
Moglichkeit der Geistesf orschung, sich ebenburtig in unserer
heutigen Zeit neben die Naturwissenschaft hinzustellen. Und
man wird hoflfen konnen, dafi die berechtigten Einwiirfe,
die berechtigten Bedenken, die heute noch auf seiten der
Naturforscher bestehen, allmahlich schwinden, wenn die
Naturforscher sehen werden, wie nicht blofi allerlei kon-
fuses Zeug, wie auch nicht willkurliche Behauptungen und
Aberglaube auf dem Felde der Geistesforschung figurieren,
sondern wie die Geistesforschung wohlbekannt ist mit dem,
was die naturwissenschaftliche Erziehung der Gegenwart
fordert.
Geschieht ein solches, dann wird die Geistesforschung vor
dem naturwissenschaftlichen Gewissen der Gegenwart immer
mehr gerechtfertigt erscheinen, und man wird dann auch
aus dem, was sich innerhalb der Tatsachen des Geisteslebens
ergeben wird, allmahlich verstehen konnen, dafi Geistes-
forschung wirklich moglich und wirklich berechtigt ist und
dafi die Einwande gegen Geistesforschung eigentlich in ein
Gebiet gehoren, dem gegenuber man etwas Ahnliches sagen
kann, wie Goethe einmal in bezug auf ein anderes Gebiet
sagte, namlich in bezug auf das Sicherheben iiber alien Un-
verstand und alle Unlogik.
Indem ich die Beziehung des Geistesforschers zu den-
jenigen, welche als Feinde der geisteswissenschafllichen For-
schung auftreten, zusammenfassen will, mochte ich am
Schlusse mit ein paar Worten vergleichsweise an etwas
erinnern, was einmal Goethe in bezug auf etwas ganz an-
deres gesagt hat. Goethe gedachte einer alten griechischen
Lehre und Ausfuhrung iiber die Bewegung, die aber viel-
f ach nodb in die neuere Philosophic hineinspielte, eine Lehre,
die da sagt: wenn sich irgendein Gegenstand bewegt, so kann
man ihn doch in jedem Augenblicke betrachten, und in
jedem Augenblicke, selbst in dem kurzesten Zeitpunkte,
ist er in Ruhe. Er ist in Ruhe, wenn audi nur einen Augen-
blick. So konnte es gar keine «Bewegung» geben, denn in
jedem Zeitpunkte ist ein sich bewegender Korper in Ruhe,
hat also keine Bewegung. So ist der zenonische Schlufi
der Bewegung, und so spukte herauf das Griechentum bis
in die neuere Zeit.
Goethe kam dieser Einwand gegen die Bewegung recht
sonderbar vor, und er sagte einmal die schonen Worte:
Es mag sich Feindliches eraugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas herum.
Dieses Spruches muiS ich gedenken, wenn in der neueren
Zeit manches auftaucht, das da sagt: Geist, was ihr so
«Geist» nennt, ist das Ergebnis rein materieller Regsam-
keiten, stofflicher Vorgange und Bewegungen; es geht der
Geist aus dem StofFe hervor. Wie die Bewegung - im Sinne
des eben Gesagten - nur aus der Ruhe hervorgehe und
nichts Wirkliches sei, so sei auch der Geist nichts Wirkliches
neben dem Stoff.
Wenn man in dem Sinne, wie wir hier in diesen Betrach-
tungen in die geistige Welt einzudringen versuchen, von
dem Geistigen Erkenntnis zu gewinnen versucht und sich
so recht in das Wesen dessen einlebt, was das Geistige ist,
so darf man wohl das, was die geisteswissenschaftliche For-
schung uber den Geist in seinem Verhaltnisse zu den Geg-
nern und Feinden der Geisteswissenschaft zutage fordert,
mit einer kleinen Veranderungder eben angefuhrtenGoethe-
Worte vielleicht in derWeise bezeichnen-und damit mochte
ich heute zusammenfassen, was ich iiber das Verhaltnis von
Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zu sagen habe-,
dafi man die rechte Gesinnung des wahren Geistesforschers
im Verhaltnis zu seinen Feinden folgendermafien charakte-
risiert:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter!
Und wenn sie audi den Geist verleugnen,
So griible du nicht weiter,
Und gib ihnen zuletzt noch recht:
Es steht mit ihrem Geiste eben schlecht!
JAKOB BDHME
Berlin, 9Januar 1913
In dem Zeitpunkte der modernen Geistesentwickelung, in
dem wir die Morgenrote der neuen Weltanschauung herein-
brechen sehen, in jenem Zeitpunkte, da wir die grofienTaten
des Kepler, des Galilei zu verzeichnen haben, da Giordano
Bruno gewissermafien das grofSe Problem der modernen
Weltanschauung entwirft, in diesem Zeitpunkte begegnet
uns der einsame Denker, dem die heutige Betrachtung ge-
widmet sein soil, der einfache Gorlitzer Schuster Jakob
Bohme, der gerungen hat mit den hochsten Problemen des
Daseins in einer Weise, welche unser Denken und Empfin-
den bis zum heutigen Tage in tiefster Weise beschaftigen
kann, und wohl auch noch lange das Denken und Empfin-
den der Menschen beschaftigen wird.
Eine eigenartige Gestalt, dieser Jakob Bohme, eine Ge-
stalt, die in Einsamkeit strebt und ringt, wahrend sich so-
zusagen sonst im Geistesleben die einzelnen Stromungen zu
einem grofien umfassenden Tableau zusammenschliefien. In
einer gewissen Weise darf man sagen, da& das einsame Rin-
gen Jakob Bohmes von einem gewissen Gesichtspunkte aus
fast so inter essant erscheint wie das Zusammenstromen der
verschiedenen Gesichtspunkte, die uns sonst in jenem Zeit-
alter begegnen. Und dann sehen wir, wie ganz merkwiirdig
das, was Jakob Bohme in der eigenen, einsamen Seele in
seinem Jahrhunderte noch fand, die denkbar weiteste Ver-
breitung gefunden hat, denkbar weiteste Verbreitung kon-
nen wir sagen in Anbetracht dessen, daft es sich um eine tief
bedeutsame geistige Sadie handelt. Wir sehengerade ausden
Manifestationen seiner Gegner, wie weit sein Einflufi ge-
reicht hat, nachdem nur wenige Jahrzehnte seit seinem
Tode verflossen waren. Immer wieder und wieder ist Jakob
Bohme der Gegenstand anerkennender, bewundernder, oder
audi ablehnender, verspottender Betrachtung gewesen, und
wenn wir auf das hinblicken, was sidi an Anhangerschaft
oder an Gegnerschaft gebildet hatte, so haben wir aus bei-
dem den Eindruck, dafi die Anhanger und die Bekampfer
wissen: sie haben es mit einer ganz merkwurdigen Erschei-
nung zu tun.
Merkwurdig ist diese Erscheinung besonders denjenigen,
welche eine jede Personlichkeit, die im Geistesleben der
Menschheit auftritt, sozusagen aus den unmittelbaren Be-
dingungen der Zeit und der Umgebung begreifen wollen.
Wir sehen ja, wie zum Beispiel versucht wird, Goethe da-
durdi zu begreifen, dafi man alle moglichen, audi die ge-
ringsten Einzelheiten seines Lebens zusammentragt und
aus der Zusammenstellung dieser Einzelheiten glaubt, fur
die Erklarung seines entsprechenden Geisteslebens dieses
oder jenes gewinnen zu konnen. Auf diese Weise la£t sich
fiir Jakob Bohme nicht eigentlich viel gewinnen, denn aufiere
Einfliisse lassen sich mit der aufieren Wissenschaft schwierig
konstatieren. Noch weniger lafit sich begreifen, wie er aus
dem, was das Geistesleben seiner Zeit war, herausgewachsen
ist. Daher haben viele sich zu der Meinung bekannt, dafi
man es in Jakob Bohme zu tun habe mit einer Art geistigen
Meteors. Alles, was da auftritt, was diese Personlichkeit
zu geben hatte, erscheint wie plotzlich herausentsprungen,
sich offenbarend aus den Tiefen seiner eigenartigen Seele.
Andere haben dann zu erklaren versucht, wie doch manche
Wendung bei Jakob Bohme, manche Art der Darstellung
seiner Ideen in den Worten und in den Wendungen, Ahn-
lichkeit mit den Formeln der Alchimisten oder anderer phi-
losophischer oder sonstiger Rlchtungen zeigt, die in seiner
Zeit noch lebten.
Wer aber tiefer auf die ganze Geistesart Jakob Bohmes
eingeht, der findet, daiS eine solche Prozedur kaum mehr
Wert hat, als wenn man bei einem bedeutenden Geiste, der
sich doch immer in einer Sprache ausdriicken mu£, die
Sprache untersuchen wollte; denn wenn sich Jakob Bohme
alchimistischer Formeln oder dergleichen bedient, so ist das
nur sprachliche Einkleidung. Was aber auf den, der ihn zu
verstehen sucht, einen so urgewaltigen Eindruck macht,
das stellt sich in einer Originalitat dar, wie man es nur
bei den allergrdlken Geistern findet. Dagegen gibt es einige
Anhaltspunkte, welche dem modernen Denken, der moder-
nen Weltanschauung nicht recht sympathisch sind, die aber
immerhin demjenigen, der sich auf so etwas einzulassen ver-
mag, beleuchten, wie Jakob Bohme sich auf seinen hohen
geistigen Standpunkt hat hinaufschwingen konnen. Wir
brauchen, um, soweit es hier in Betracht kommt, an sein
Leben anzuknupfen, nur wenige Daten aus seinem Leben
anzufiihren.
Jakob Bohme war der Sohn ganz armer Leute und
stammte aus Alt-Seidenberg in der Nahe von Gorlitz. 1575
ist er geboren. Er muiSte in der Jugend mit anderen Dorf-
knaben das Vieh hiiten. Er wuchs also, wie daraus hervor-
geht, in vollstandiger Armut auf, und da man bei einem
solchen Aufwachsen keine besonderen Bildungsmittel hat,
so werden wir es begreiflich finden, dafi Jakob Bohme noch
als zwolf-, dreizehnjahriger Junge kaum lesen und nur not-
diirftig schreiben konnte. Aber ein anderes Erlebnis tritt
uns bereits wahrend seiner Knabenzeit entgegen, das ein
treuer Biograph von ihm aus seinem eigenen Munde ge-
hort hat. Zunachst soli dieses Ereignis erzahlt werden. Wie
gesagt, es ist keine von denjenigen Sachen, welche dem
modernen Bewufksein so recht einleuchten wollen.
Als Jakob Bohme einst mit anderen Hirtenknaben das
Vieh hiitete, entfernte er sich von der Gesellschaft der Kna-
ben, bestieg einen mafiig hohen Berg in der Nahe seines
Heimatortes, die Landskrone, und will da am hellenMittag
gesehen haben, dafi sich etwas wie ein Eingangstor in den
Berg fand. Er ging hinein und fand dort ein Gefafi, eine
Art Butte, angefullt mit lauterem Golde. Das machte einen
solchen Eindruck des Schauderns auf seine Seele, dafi er da-
vonrannte und nur die Erinnerung an dieses eigenartige Er-
lebnis behielt. - Man kann allerdings von einem im wachen
Zustande getraumten Traume sprechen. Denen, die eine
solche Erklarung befriedigen kann, mag man zwar immer-
hin recht geben. Aber es ist nicht das Wesentliche, ob man
ein solches Ereignis einen «Traum» nennt oder ihm einen
anderen Namen gibt, sondern was es in der Seele des Be-
treffenden, der es «traumt», auslost, was es in der Seele fur
eine Wirkung ausiibt. Aus der Art und Weise, wie Jakob
Bohme spater dieses Ereignis seinem Freunde erzahlte, sehen
wir, dafi es sich tief in seine Seele eingegraben hatte, dafi
es in seiner Seele bedeutende Krafte losgelost hatte, so daft
es seelisch fur ihn von hochster Bedeutung war.
Lassen wir daher den Rationalisten das Recht, ein solches
Erlebnis, welches unter alien Umstanden ein bedeutungs-
voller Vorgang in Jakob Bohmes Seele war, so zu erklaren,
wie sie ja auch das Ereignis der Erscheinung des Christus
gegeniiber dem Paulus vor Damaskus erklaren wollen. Nur
hat eine solche Erklarung, die zu diesen Dingen Zuflucht
nimmt, auch zuzugeben, dafi eine solche bedeutsame Arbeit
wie diejenige des Paulus, die so innig mit dem Christentum
zusammenhangt, von einem «Traume» ausgegangen sei.
Etwas wie eine tiefste Aufruttelung von Seelenkraften, die
sonst nicht in der Seele tatig sind, das fiihlte schon der Knabe
Jakob Bohme, als er dieses Erlebnis hatte. Auf diese innere
Loslosung von tieferliegenden Kraften der Seele kommt es
an. Auf das Zeugnis einer solchen Sache kommt es an, das
da beweist, dafi man es mit einem Menschen zu tun hat, der
tiefer in die Schachte seines Seelenlebens hinuntersteigen
kann als tausend und abertausend andere.
Eines anderen Ereignisses von ganz ahnlicher Art ist
noch zu gedenken, von dem wir wieder sagen miissen, es
ist Jakob Bohme so im Gedachtnis geblieben, dafi der
Glanz und die Bedeutung dieses Ereignisses iiber sein gan-
zes Leben hinleuchteten, insofern dieses Leben ein Innen-
leben war.
Jakob Bohme wurde im vierzehnten Jahre zu einem
Schuster in die Lehre gegeben und mulSte im Geschaffc seines
Lehrmeisters oft sozusagen Wache stehen; verkaufen durfte
er nichts. Da kam einmal - wieder ist diese Erzahlung aus
dem Munde seines getreuen Biographen Abraham von
Frankenberg herriihrend - eine dem Jakob Bohme sofort
sonderbar erscheinende Personlichkeit in den Laden und
wollte Schuhe kaufen. Weil aber dem Knaben verboten
war, Schuhe zu verkaufen, so sagte er dies dem Fremden.
Dieser bot ihm einen hohen Preis, und es kam dann audi
dazu, dafi die Schuhe verkauft wurden. Dann aber trug sich
das Folgende zu, was Jakob Bohme zeitlebens im Gedacht-
nis blieb. Als der Fremde sich entfernt hatte und kurze
Zeit verflossen war, horte Jakob Bohme seinen Vornamen
« Jakob, Jakob !» rufen, und als er hinausging, da kam ihm
der Fremde noch sonderbarer vor als zuerst. Er hatte etwas
Sonnenhaftes, Glanzendes in den Augen und sagte zu ihm
Worte, die ganz sonderlich klangen: Jakob, du bist jetzt
noch klein, aber du wirst einst ein ganz anderer Mensch
werden, uber den die Welt in Erstaunen ausbrechen wird.
Dochbleibe demutiggegeniiberdeinemGotteund liesfleifiig
die Bibel. Du wirst viel Verfolgung auszuhalten haben.
Bleibe aber stark, denn dein Gott hat dich lieb und wird
dir gnadig sein.
Ein solches Ereignis sah Jakob Bohme fiir viel wesent-
licher an als irgendwelche anderen, aufieren biographischen
Erlebnisse. Und weiter erzahlt sein Biograph, wie ihm
Jakob Bohme selbst gesagt hat: Im Jahre 1593 war es, da
fuhlte sich Jakob Bohme wahrend sieben Tagen wie ent-
riickt aus seinem physischen Leibe, fuhlte sich wie in einer
ganz anderen Welt, fuhlte sich der Seele nach wie wieder-
geboren.
Da haben wir es also, wenn man so sagen will, mit einem
dauernd abnormen Seelenzustande zu tun. Aber Jakob
Bohme erlebte auch diese seine «Wiedergeburt» doch mehr
oder weniger wie etwas, was seiner Auffassung nach mit
einer Menschenseele sich eben verbinden konne. Er wurde
dadurch nicht etwa zum Schwarmer oder zum falschen
Idealisten, auch nicht zu einem hochmiitigen Menschen, son-
dern trieb sein Schuhmacherhandwerk weiter in aller De-
mut, man mochte sagen, in aller Niichternheit. Selbst das
Erlebnis vom Jahre 1593, die Entriickung in eine andere
Welt, blieb ihm eine Erscheinung, von welcher er sich sagte:
Du hast hineingeschaut in ein Freudenreich, in ein Reich
geistiger Wirklichkeit, aber es ist das eine vergangene
Sache. — Und er lebte in den Alltag hinein weiter seinem
Geschafte nach in seiner Niichternheit.
In den Jahren 1600 und 1610 wiederholte sich dieses
Erlebnis der Wiedergeburt. Da fing er dann an, weil er
sich dazu berufen glaubte, das aufzuzeichnen, was er in
seinen entriickten Zustanden erlebt hatte. So entstand 1612
sein erstes Werk «Die Morgenrote im Aufgange», spater
« Aurora » betitelt. Er sagt von ihr, dafi er sie nicht mit
seinem gewohnlichen Ich niedergeschrieben habe, sondern
daft sie ihm Wort fur Wort eingegeben war, daft er gegen-
iiber seinem gewohnlichen Ich in einem Wesen lebte, welches
ein umfassendes, iiberall in die Welt hineinreichendes und
sich in dieselbe versenkendes gewesen sei.
Die OfTenbarungen bekamen ihm allerdings nicht beson-
ders gut. Als einige Leute merkten, was er zu sagen hatte,
was er niedergeschrieben hatte, da wurde das Manuskript
der « Aurora » abgeschrieben und in wenigen Exemplaren
verbreitet. Die Folge war, daft der Diakonus von Gorlitz,
Gregorius Richter, wo sich Jakob Bohme inzwischen als
Schuster niedergelassen hatte, auf der Kanzel gegen Jakob
Bohme loszog und nicht nur sein Werk verdammte, sondern
es erlangte, daft er vor den Rat der Stadt Gorlitz berufen
wurde. Ich will jetzt nur die Worte wiederholen, die wir
dariiber von seinem Biographen kennen. Der erzahlt: Da
fand der Rat, daft dem Jakob Bohme verboten werden
miisse, weiter zu schreiben; denn schreiben durften nur die,
die Akademiker waren, aber Jakob Bohme sei nicht ein
Akademikus, sondern ein Idiot, und miisse sich daher des
Schreibens enthalten!
So war denn Jakob Bohme zum Idioten gestempelt wor-
den, und da er im ganzen ein gutmutiger Mensch war, der
sich doch nicht ganz denken konnte, wegen des Einfaltigen
in seiner Natur, daft man ihn so ganz grundlos zu den Ver-
dammten halten wiirde, so beschloft er in der Tat, in der
nachsten Zeit nichts weiter zu schreiben. Aber dann kam
die Zeit, wo er nicht mehr anders konnte. Und in den Jah-
ren von 1620 bis 1624, bis zu seinem Tode, schrieb er rasch
hintereinander eine grofte Anzahl seiner Werke, so zum
Beispiel «Das Buch vom beschaulichen Leben», «De signa-
tura rerum oder von der Geburt und Bezeichnung aller
Wesen», oder die «Erklarung iiber das erste Buch Mose».
Aber die Zahl seiner Werke ist eine redit gro£e, und darin
mag es mandiem Leser eigenartig ergehen. Mandie haben
gesagt, Jakob Bohme wiederhole sich immer wieder. Es ist
wahr, man kann nidit widersprechen, gewisse Dinge tau-
chen immer wieder bei ihm auf. Wenn man aber daraus
den Schlufi zieht, dafi man den ganzen Jakob Bohme kenne,
wenn man einige seiner Werke kennt, weil er sich immer
wiederholt - man mag solchen Leuten, die das sagen, nicht
so ohne weiteres unrecht geben -, so mufi doch gesagt wer-
den: wer dabei stehen bleibt, ein Werk Jakob Bohmes ge-
lesen zu haben und keinen Appetit bekommt, auch die
anderen Werke zu lesen, der wird nicht viel von Jakob
Bohme verstehen. Wer sich aber bemiihen wird, seine an-
deren Werke dann durchzugehen, der wird trotz aller Wie-
derholungen doch nicht ruhen, bis er auch die letzten ge-
lesen hat.
Wenn wir von dieser Charakteristik seines Wesens mehr
in seine Gedankengange, in das geistige Wesen Jakob
Bohmes einzudringen versuchen, so mufi gesagt werden,
dafi dem modernen Menschen, welcher nur im Bildungs-
leben unserer Zeit lebt, allerdings vieles nicht nur im In-
halte der Werke Jakob Bohmes unverstandlich sein mufi,
sondern auch in der ganzen Art und Weise, wie er darstellt.
Zunachst erscheint die Darstellung ganz chaotisch. Man liest
sich langsam ein, gewifi. Aber dann bleibt noch immer fiir
viele Leute etwas, was eine schwer zu knackende Nufi ist:
dafi wir bei ihm fmden, wie er, ganz unverstandlich fiir
das moderne Gemiit, ganz sonderbareWorterklarungen hat.
So finden wir bei ihm, dafi er zur Welterklarung immer
wieder Worte gebraucht wie «Salz», «Quecksilber» und
«Sulphur». Wenn er nun Auseinandersetzungen machen
will, was «sul» bedeutetj was «phur» bedeutet, und dann
allerlei Tiefsinniges findet, dann miissen diese modernen
Gemiiter sich sagen: Damit kann man nichts anfangen;
denn was soli es heiften, Erklarungen abgeben iiber ein
Weltprinzip, wenn man die Silben eines Wortes einzeln
erklart, wie «sul» und «phur»? - Das liegt der modernen
Seele ganz fern.
Wenn man allerdings weiter auf Jakob Bohme eingeht,
so findet man: er kleidet, was er sagen will, in allerlei
alchimistische Formeln. Aber erst wenn man zu dem durch-
dringt, was sich als Jakob Bohmescher Geist auslebt in
dem, was er so vorgefunden bat, dann erst findet man,
dafi darin etwas ganz anderes lebt, als was wir heute als
wissenschaftliches Denken, iiberhaupt als Weltanschauungs-
oder sonstiges Denken kennen.
Am ahnlichsten ist das, was in Jakob Bohmes Seele lebt,
noch dem, was hier in diesen Vortragen als die erste Stuf e
zu einem hoheren geistigen Leben charakterisiert worden
ist als die Stufe des imaginativen Erkennens. Haben wir
doch hervorgehoben, daft der, welcher von dem gewohn-
lichen Leben in der Sinneswelt aufsteigt,durcb einebesondere
Entwickelung seiner Seele dahin kommt, eine neue Welt von
Bildern, von Imaginationen wahrzunehmen. Und es ist her-
vorgehoben worden - ich bitte, sich gerade an die Charak-
teristik dieser Auseinandersetzung zu erinnern - : wenn es
der Mensch dahin gebracht hat, daft er sich nicht nur Imagi-
nationen bildet, sondern dafi Bilder, imaginative Vorstel-
lungen aus den unbekannten Tiefen des Seelenlebens her-
aufschiefien, und er eine neue Welt erlebt, dann hat der,
welcher zu neuen Erkenntnissen auf steigen will, den starken
Entschlufi zu fassen, dieses erste Aufleuchten einer imagi-
nativen Welt in der Seele ganz zu unterdrucken und zu
warten, bis es ein zweites Mai aus einer viel untergnindi-
geren Welt herauftaucht.
Am ehesten ist also die ganze Seelenverf assung, die ganze
innere Stimmung, zu welcher Jakob Bohme kommt, mit
dem zu vergleichen, was einem Menschen in seinem Seelen-
leben begegnet, der zu einem ubersinnlichen Erkennen auf-
steigt. Zwar zeigt sich nirgends, dafi schon so etwas, was
die moderne Geisteswissenschaft als ihre Methoden verkiin-
det, sich bei Jakob Bohme findet. Aber der wiirde dennoch
unrecht haben, welcher glauben wollte, das alles trete wie
von selbst bei Jakob Bohme auf . Er selbst sagt einmal, dafi
er unablassig gerungen habe nach des Geistes, nach Gottes
Beistand, und dafi sich nach diesem unablassigen Ringen
ergeben habe eine lichtvolle, imaginative Welt. So konnen
wir nicht sagen, dafi er einfach ein naiver imaginativ Er-
kennender ist, sondern wir miissen sagen, dafi er naiv zu
den Mitteln greift, welche den Menschen zu der Hohe des
imaginativen Erkennens hinauffiihren. In seiner Seele ist
natiirlich eine solche imaginative Kraft anzunehmen. Er
kommt also auf ganz denselben Wegen, nur rascher, selbst-
verstandlicher, zur imaginativen Erkenntnis, als man durch
jene Methoden dazu kommen kann, wie sie in dem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» ge-
schildert sind.
So steht Jakob Bohme als ein imaginativ Erkennender
vor uns. Aber mit Urgewalt, wie selbstverstandlich, ringt
sich dieses imaginative Erkennen, wie getragen von einem
starken innerlichen Willen, an die Oberflache. So sehen wir
bei ihm diesen starken innerlichen Willen, der sich nicht in
aufieren Taten ausleben kann - sein bescheidener Beruf
hindert ihn daran — , wie eine Flut seine Seele umgebend,
so da£ die Seele in diese Flut eintaucht. Und aus diesem
Willen sehen wir machtige Bilder herausgeboren werden,
durch die er sich die Weltenratsel zu Idsen versucht. Nicht
allein so sehr auf die einzelnen Resultate, als auf diese
Stimmung und Verf assung seiner Seele kommt es bei Jakob
Bohme an. Er fiihlt, dafi er in seinem Streben zu etwas ge-
trieben wird, was nicht das gewohnliche erkennende mensch-
liche Ich ist, sondern was mit den Kraften zusammenhangt,
welche den Menschen vom Unterbewufiten seiner Seele,
von den Tiefen seiner Seele aus mit dem ganzen Kosmos
verbinden, mit dem also, was draufien in der Natur webt
und lebt.
Der Mensch, der wirklich einen ernsthaflen Trieb zur
Erkenntnis hat, fiihlt ja, wie in dem Erkennen nicht nur
etwas Rationelles ist, sondern etwas, was er sich erringt
durch Leiden und Schmerzen und durch "Oberwindung von
Leiden und Schmerzen, Und er merkt, wenn er mit den
heutigen gewohnlichen Mitteln in Natur und Dasein ein-
zudringen versucht, wie er sich eigentlich durch alle solche
Mittel von Natur und Dasein entfernt. Wenn wir aber
Krafle in unserer Seele blofilegen, die sonst im UnterbewuE-
ten ruhen, dann fuhlen wir, dafi diese in ganz anderem,
innigerem Sinne mit Natur und Dasein zusammenhangen.
Urn das zu erklaren, mochte ich f olgendes heranziehen.
Es ist bekannt und wird oft erzahlt, wie gewisse Tiere
in Gegenden, wo ein Erdbeben oder ein sonstiges Elemen-
tarereignis herannaht, von der Statte des Erdbebens oder
dergleichen fliehen, oder dafi sie wenigstens unruhig wer-
den, so dafi sie wie prophetische Vorherverkiindiger dessen
sind, was geschehen wird. Man kann sagen: Das instinktive
Leben des Tieres hangt inniger mit dem zusammen, was
sich drauften in der Natur vollzieht, als die ganze Seelen-
verfassung des Menschen. Aber in den Tiefen der Menschen-
seele lebt etwas, das nicht etwa dasselbe ist, wie der Instinkt
der Tiere, sondern das defer ist als dieser tierische Instinkt,
das auch wieder innig mit den Naturkraften zusammen-
hangt. Indem Jakob Bohme nun in die Tiefen seiner Seele
hinuntersteigt, fiihlt er sich inniger verwoben mit den Na-
turkraften. Besonders aber ist eines hervorspringend. Es
wurde hervorgehoben: erst wenn das, was als Imaginationen
und imaginative Welt auftritt, unterdriickt wird, ausge-
loscht wird, und dann wie von selbst wieder aufleuditet, erst
dann hat diese zweite imaginative Welt einen Wert. Nun
ist es hochst eigenartig, wenn wir damit den Weg bei Jakob
Bdhme vergleichen: Im Jahre 1600 erlebt er eine Wieder-
geburt, fuhlt sich entriickt in eine geistige Welt, in ein Freu-
denreich. Dann lebt er niichtern fort. Zehn Jahre hindurch
ist wie untergetaucht, was er erlebt hat. Dann taucht es
ein drittes Mai auf im Jahre 1610. Ist dann nicht wie ein
Naturereignis in Jakob Bohmes Seele der Weg eingetreten,
den wir als den richtigen darstellten? Das ist es, was uns
Jakob Bohme so nahe heranriickt an das, was wir selbst
als den naturgemafien Weg in die iibersinnlichen Welten
insAuge gefafit haben. Wenn wir dies beriicksichtigen, wird
sein Erlebnis uns nicht mehr so f remd erscheinen, als es auf
den ersten Blick hin erscheinen kann.
Fur die objektive Erkenntnis des Zweiflers wird es aller-
dings keinen Wert haben, wenn man tiefsinnige Betrach-
tungen anstellt iiber die Zusammensetzung aus den Silben
«sul» und «phur« oder iiber anderes noch. Aber ich bitte
Sie, sich an das zu erinnern, was friiher einmal iiber die
menschliche Sprache ausgefiihrt worden ist, wie dargelegt
worden ist, wie im Laufe der Menschheitsentwickelung die
Sprache eigentlich dem abstrakten, vorstellungsmafiigen
Denken vorangeht, und wie Jean Paul durchaus recht hat,
wenn er betont, da£ das Kind an der Sprache denken lernt,
und nicht das Sprechen sich an dem Denken ausbildet. Die
Sprache ist also etwas Elementareres, Urspriinglicheres als
das Denken. Wenn wir sehen, wie die ganze Natur in un-
seren Gedanken wiederersteht, dann fiihlen wir, wie der
Gedanke durch eine Weltenkluft von den Naturtatsachen
getrennt ist. Wenn aber der Laut als ein mehr den Natur-
lauten ahnlicher - und aus solchen ist dock die Sprache ur-
spriinglich zusammengesetzt — wenn sich der Sprachlaut
der menschlichen Seele entringt, dann wirkt in die Tiefen
der Seele etwas hinein von der ganzen Gesetzmafiigkeit
der Welt, und dann ringt sich in ganz anderer Weise eine
Art Echo gegeniiber der Natur los, als wenn sich aus den
Gedanken etwas als Echo loslost.
Eine heutige Seele hat gar nicht mehr das Gefiihl fur die
Verwandtschaft von Sprache und Naturlaut. Man ringt sich
als heutige Seele nur langsam durch, zu f iihlen, wie in aller
Sprache etwas ist, was sich wie ein Echo der Eindrucke der
Auflenwelt unmittelbar ausnimmt. Bei einer solchen Per-
sonlichkeit wie Jakob Bohme, die mit elementarer Gewalt
tiefere Seelenkrafte aus ihrer Seele herausholt, ist es nur
naturgemaE, daft sie auch in dieser Beziehung gleichsam
sich auch im Fiihlen zu jener Empfindung iiber die Sprache
zuriickversetzt, welche der Menschheit einmal eigen war,
die das Kind noch mehr oder weniger unbewuftt entwickelt.
Wenn wir das eben Ausgefiihrte nun ausdehnen auf die
sonderbaren Auseinandersetzungen iiber das Zusammen-
stellen von Silben zu Worten, dann konnen wir verstehen,
wie es nur ein Fiihlen an den Lauten ist, was die Natur in
der Menschenseele macht, wie die Natur sich durch den Laut
selber eine Sprache schaffen will. Eben weil Jakob Bohme
mit der Seele der Natur naher steht, lebt er auch noch mehr
in der Sprache als in den Gedanken, und seine ganze Philo-
sophic ist mehr ein Mitfuhlen, ein Mitempfinden dessen,
was in der Natur draufien lebt und webt, als irgendein ab-
straktes Erfassen der Dinge. Man mochte sagen, wenn man
einen Gedanken Jakob Bohmes so recht auf sich wirken lafit,
hat man das Gefiihl, als ob der Gedanke so verwandt ware
dem, was Jakob Bohme beobachtet, wie man nur dem ver-
wandt ist, was man als irgendeinen Geschmack empfindet,
wo man auch eine Beriihrung mit der Natur empfindet.
So fiihlt Jakob Bohme die Beriihrung mit der Natur. Er
fiihlt im Innern, was draufien in der Natur webt und wirkt
und lebt. Er lebt das Leben der Natur mit, und er gibt im
Grunde genommen in seinen Darstellungen das, was er mit-
lebt, so da£ man in seinen Worten nachvibrieren fiihlt, was
er schaut. Daher sind ihm die Worte auch etwas, was er
besonders als das fiihlt, was das «Wie» in der Natur selber
ist. Man braucht also nicht dariiber nachzugriibeln, ob solche
Auseinandersetzungen wie die angedeutete iiber das «sul»
und «phur» bei Jakob Bohme etwas Besonderes bedeuten,
sondern man versuche, bei dieser Seele das nachzuleben, wie
sie das Welterleben zum Seelenerleben macht, und das, was
die Seele erleben kann, als ihre Offenbarungen gibt.
Man versteht Jakob Bohme nicht, wenn man der Mei-
nung ist, dafi er Blitz und Donner, Wolken oder Wolken-
verwandlungen oder das Wachsen des Grases nur so wahr-
nimmt, wie ein moderner Mensch. Man versteht ihn nur,
wenn man weifi, dafi mit dem zuckenden Blitze, mit dem
rollenden Donner, mit den sich verwandelnden Wolken f iir
sein Seelenerleben etwas sich verwandelt, so dafi sich in
seiner Seele etwas abspielt, was wie die Losung des entspre-
chenden Ratsels dasteht. So wird fiir Jakob Bohme das, was
sich in der Welt abspielt, zu einem Ratsel des eigenen Er-
lebens.
Jetzt begreifen wir, wenn wir ihn so ins Auge fassen,
wie er mit einer Aufgabe ringen konnte, die uns auch sonst
in seiner Zeit entgegentritt und die andere Geister lange
beschaftigt hat, sogar den grbfiten Geist der neueren Zeit.
Dasselbe sechzehnte Jahrhundert, in welches die Geburt
Jakob Bohmes fallt, hat ja das Faust-Ratsel geboren, das
neben den strebenden und ringenden Menschen hinstellt des
Mensdien Widersacher, der die strebende Natur des Men-
sdien herunterzieht in das Niedrige, Sinnliche, in das, was
die Zeit Jakob Bohmes «das Teuflische» genannt hat. Dich-
terisdi hat dann Goethe nodi immer mit dem Problem ge-
rungen, welches das «B6se» in den Weltenzusammenhang
hineinstellt. Mufi nicht der Mensch immer wieder und wie-
der fragen: Wie kommt es, dafi in das harmonische All, in
die weise Weltenfiihrung sich das Irregulare, das Nicht-
zweckmafiige feindlich hineinstellt? Und die Frage nach
dem Ursprunge des Bosen liegt in dem Faust-Ratsel. Sie
liegt eigentlich schon in dem Buche Hiob, aber sie trat ganz
besonders gewaltig im sechzehnten Jahrhunderte hervor.
Wie konnte diese Frage vor das Gemiit Jakob Bohmes
treten? Wir brauchen nur ein paar Worte aus der «Mor gen-
rote im Aufgange» heranzuziehen und werden gleich sehen,
wie das, was sonst ein Weltenproblem ist, fiir Jakob Bohme
zunachst ein inneres Seelenproblem wird. Da sagt er un-
gefahr die folgenden Worte: Wenn sich irgendwo in der
Welt ein verstandiger und tiefsinniger Mensch zeige, so
mische sich in seine Seele eben sogleich der Teufel hinein
und suche seine Natur in das Gemeine, Alltagliche, Sinn-
liche herunterzuziehen, suche den Menschen in Hochmut
und Uberhebung zu verstricken. - Da sehen wir sogleich bei
Jakob Bohme das Problem als ein Seelenproblem erfafit,
sehen, wie er in der Seele selbst die Gewalt des Bosen sucht,
die mitten in die guten Seelenkrafle sich hmeinmischt. Und
es entsteht fiir ihn die Frage: Was hat die Seele mit den
nach dem Bosen strebenden Seelenkraften zu tun? - So wird
zuletzt das Problem des Bosen fiir Jakob Bohme zu einer
inneren Seelenfrage. Aber weil sich «Seele» und «Welt» fiir
ihn entsprechen, erweitert sich die Seele sogleich zu einer
Welt, und jetzt ist es das Eigenartige fiir ihn, dafi sich die
Frage nach dem Bosen zu einer ganz anderen Frage aus-
bildet, zu der Frage nach dem menschlichen, ja, nach dem
geistigen Bewufitsein iiberhaupt, nach der ganzen Eigenart
des Bewufkseinslebens.
Es ist heute schwer, mit den fur uns gangbaren Vorstel-
lungen in das Seelenleben Jakob Bohmes hineinzuleuchten
und in das, was ihm die Weltenfragen und ihre Losungen
wurden, und man wird nicht recht verstandlich, wenn man
die Worte Jakob Bohmes gebraucht, weil sie in unserer Zeit
keine gangbare Munze mehr sind. So will ich, durchaus im
Geiste Jakob Bohmes, aber mit etwas anderen Worten ver-
suchen, dem nahe zu kommen, was er iiber die Frage des
Bosen sagen will, die bei ihm eine Frage nach der ganzen
Natur des geistigen Bewufitseins iiberhaupt wird.
Versuchen wir einmal zu denken, wie unser Bewufitsein
wirkt, was unser ganzes Bewufitsein ware, wenn wir nicht
in der Lage waren, das, was wir einmal in der Seele, im
Bewufitsein erlebt haben, in der Erinnerung als Gedanken
f estzuhalten. Versuchen wir zu denken, wie unser Bewufit-
sein etwas ganz anderes sein mufke, wenn wir nicht im-
stande waren, was wir gestern, vorgestern, vor Jahren er-
lebt haben, aus der Erinnerung wieder heraufzuholen. Dar-
auf beruht der ganze Inhalt des Bewufitseins, dafi wir uns
daran erinnern konnen; und unser Bewufitsein geht nicht
iiber den Zeitpunkt hinaus, bis zu dem wir uns zuriick-
erinnern konnen. Da fingen wir an, uns als ein Ich zu
fassen, den zusammenhangenden Faden unseres Bewufit-
seins zu haben, uns in unserem Seelenleben auszukennen.
Worauf beruht also die ganze Natur des Bewufitseins?
Darauf, dafi wir wissen: Jetzt erleben wir etwas im Be-
wulksein. Da sind wir, wenn wir etwas erleben, mit diesem
Erlebnis unmittelbar verbunden: wir sind in dem Augen-
blicke, wo wir etwas erleben, nichts anderes als unser Er-
lebnis selber. Wer eine rote Farbe vorstellt, ist in dem
Momente, wo er diese rote Farbe vorstellt, mit dem Erleben
derselben zusammen. Wer ein Ideal vorstellt, ist in diesem
Momente eins mit dem Ideal. Er unterscheidet sich erst
nachher von seinem Erlebnis, wahrend er vorher eins mit
ihm war. So ist unser ganzes Bewufitsein etwas, was wir
erst erlebt und dann wie ein Objektives in unserem inneren
Seelenleben aufgespeichert haben. Solche Auf speicherung in
das Objektive hinein macht unser Bewufitsein moglich. Wir
konnten kein Bewufitsein entwickeln, wenn immer gleich
alles vergessen, hinweggeschafft ware, was wir erlebt haben.
Indem wir unser Erlebnis uns entgegenstellen, als «Ge-
genwurf», wie Jakob Bohme sagt, wie ein Entgegengestelltes
uns gegemiberstellen, nur dadurch entziindet sich unser
eigentliches Bewufksein. Das haben wir sozusagen mit der
einfachsten Tatsache unseres Bewulkseins zu beobachten.
Jakob Bohme dehnt dieses Erlebnis, das ein jedes Bewuftt-
sein haben kann, in seinem hellseherischen Anschauen auf
alle Welt aus. Er sagt: Wenn ein gottliches Wesen in der
Welt einmal nur die Fahigkeit gehabt hatte, in sich zu
leben, sich aber nicht seinem Erlebnisse - als Gegenwurf -
gegeniiberzustelien, so wurde es niemals auch in einem gott-
lichen Wesen zu einem Bewufitsein gekommen sein. Fur das
gottliche Wesen aber ist der Gegenwurf die Welt. Wie wir
unsere Vorstellungen uns entgegensetzen, wie wir uns an
dem Objekt bewuftt werden, so ist fur das gottliche Be-
wufitsein die Welt der Gegenwurf. Und alles, was uns um-
gibt, hat das gottliche Bewulksein aus sich herausgesetzt,
urn seiner selbst daran gewahr zu werden, wie wir unser
Bewufitsein erst entwickeln, indem wir uns unsere eigenen
Erlebnisse als Gegenwurf hinstellen.
Fur Jakob Bohme war die Fassung dieses Gedankens
nicht eine Theorie, sondern das war fiir ihn etwas, was ihm
Befriedigung brachte fiir eine Frage, die fiir ihn ein Schick-
sal bedeutet, fur die grofie Faust-Frage. Er konnte sich
jetzt sagen: Wenn ich mich zuriickversetze in das gottliche
Bewufttsein gleichsam vor der Welt, so konnte dieses gott-
liche Bewulksein nur dadurch zu sich selbst kommen, wirk-
liches Bewufitsein werden, indem es sich die Welt entgegen-
setzte, damit es seiner an seinem Gegenwurfe gewahr wer-
den konnte. So ist alles, was da lebt und webt und ist,
aus dem Gottlich-Seelenhaften entsprungen, aus einem
Willen dieses Gottlich-Seelischen, der als Wille die Begierde
entwickelte, seiner selbst gewahr zu werden. Und in dem
Augenblicke - das wurde Jakob Bohme jetzt klar - wo sich
das einheitliche Bewufitsein den Gegenwurf setzte und seiner
selbst gewahr werden wollte, sich also verdoppelte, gleich-
sam das Spiegelbild seiner selbst schuf, da schuf es dieses
Spiegelbild in Mannigf altigem, in der Mannigfaltigkeit ein-
zelner Glieder, wie sich die einzelne menschliche Seele nicht
blofi in einzelnen Gliedern auslebt, sondern in Gliedern,
die eine gewisse Selbstandigkeit haben. Hand und Fufi und
Kopf und dergleichen. Man kommt Jakob Bohme nicht
nahe, wenn man ihn als einen Pantheisten bezeichnet. Man
mufi schon den Gedankengang in einer ahnlichen Weise
durchmachen, mufi verstehen, wie er alles, was uns ent-
gegentritt, als einen Gegenwurf der Gottheit auffafit.
Audi wie der Mensch selber ist, gehort zu dem Gegen-
wurf der Gottheit, den die Gottheit aus sich heraussetzte,
um ihrer selbst daran gewahr zu werden. Von diesem seinem
Gesichtspunkte aus sagt Jakob Bohme: Die Menschen rich-
ten den Blick empor, sehen die Sterne, die Wolkenmassen,
die Berge und die Pflanzen, und wollen oftmals noch eine
besondere Region der Gottheit aufierdem annehmen. Aber
ich sage dir, du unverstandiger Mensch, dafi du selber dem
Gegenwurfe des Gottes angehorst; denn wie konntest du
in dir irgend etwas verspiiren und gewahr werden von gott-
lidier Wesenheit, wenn du nicht dieser gottlichen Wesenheit
entflossen warest? Du stammst aus dieser gottlichen Wesen-
heit, sie hat dich sich gegeniibergestellt, wie aus ihr geboren,
und du wirst in ihr begraben. Und wie konntest du wieder
auferweckt werden, wenn eine dir fremde Gottheit gegen-
iiberstande? Wie konntest du dich ein Kind Gottes nennen,
wenn du nicht eins mit der Substanz und Wesenheit des
Gottes warest!
Dafi Jakob Bohme nicht einen gewohnlichen Pantheis-
mus meint, druckt er dadurch aus, dafi er sagt: Die aufiere
Welt ist nicht Gott, wird auch ewig nicht Gott genannt,
sondern ein Wesen, darin sich Gott offenbart. - Wenn man
sagt: Gott ist alles, Gott ist Himmel und Erde und auch
die aufiere Welt, so ist das wahr; denn von ihm und in
ihm urstandet alles. Was mache ich aber mit einer solchen
Rede, die keine Religion ist? - Einen Pantheisten kann man
ihn nicht nennen. Wie fur ihn die Frage nach dem Wesen
der Welt nicht etwas Gesucbtes ist, so auch nicht das, was
er sich als Antwort darauf gibt, sondern es ist ein Er-
lebnis fur ihn. Er hat die Bedingungen des eigenen Bewufit-
seins gefiihlt und dehnt das aus auf das gottliche Bewufit-
sein, weil er sich klar ist, daiS sein Bewulkseinsvermogen
ein Echo ist der Tatsachen der Welt. In der Beantwortung
der Frage nach der Seele und dem Gottlichen der Seele
findet er auch die Frage nach dem Ursprunge des Bosen
beantwortet. Das ist etwas fur Jakob Bohme aufierordent-
lich Charakteristisches, was immer wieder die Bewunderung
von tiefsinnigen Denkern erregt hat. So war zum Beispiel
Schelling ganz bedeutsam beriihrt, als er gewahr wurde, in
welcher Art sich Jakob Bohme der Frage nach der Bedeu-
tung des Bosen in der Welt naherte, und auch andere Den-
ker des neunzehnten Jahrhunderts bewunderten den Tief-
sinn, mit dem Jakob Bohme diese Frage anpackte.
Man kann von vielen Leuten sagen, die der Frage nach
dem Ursprunge des Bosen nachgegangen sind: sie haben
den Urgrund des Bosen gesucht. Das istnuncharakteristisch
fur Jakob Bohme, dafi er weiter geht als bis zu jenem
Punkte, bis zu dem man nach der Meinung vieler Leute
einzig und allein gehen kann. Denn wohin soil man nodi
gehen, wenn man bei diesem Urgrunde nicht stehenbleiben
will? Jakob Bohme geht iiber den Urgrund hinaus, da er
die Frage nach der Bedeutung des Bosen losen will. Er geht
zu dem, was er bedeutsam nicht den Urgrund, sondern den
Ungrund nennt, und hier stehen wir tatsachlich vor einem
Erlebnis der menschlichen Seele in Jakob Bohme, das man
im hochsten Mafie bewundern kann, wenn man ein Organ
dafur hat. Gewifi, die gewohnliche Seele, die in der moder-
nen Weltanschauung wurzelt, wird dieses Organ vielleicht
nicht haben; aber man kann dieses Organ haben, das Be-
wunderung empfindet, wo bei Jakob Bohme der Obergang
gemacht wird vom Urgrunde zum Ungrunde. Im Grunde
genommen ist es doch etwas wie das «Ei des Kolumbus»,
etwas hochst Einf aches. Denn in dem Augenblicke, wo Jakob
Bohme das Weltenratsel sich so gelost hatte, wie wir es eben
charakterisiert haben, als er sich klar war, es ist ein Ver-
haltnis zwischen Gott und Welt wie zwischen der Seele
und den Leibesgliedern, da konnte er sich auch sagen - er
hat nicht diese Worte gebraucht, aber wir wollen in seinem
Geiste, weniger in seinen Worten charakterisieren, denn wir
kommen dadurch seinem Verstandnisse naher -: Als die
Welt als Gegenwurf der Gottheit zustande gekommen ist,
da ist in dem Gegenwurfe die «Schiedlichkeit» aufgetreten,
die Unterschiede der Glieder, wie wir sagen wiirden. Die
Schiedlichkeit der einzelnen Leibesglieder gegeniiber der
einzelnen Seele ist aufgetreten. Ist nicht jedes einzelne Lei-
besglied in bezug auf Verrichtungen der Seele gut? Konnen
wir nicht sagen: Die rechte Hand ist gut, die linke Hand
ist gut, alles ist gut, insofern es den Verrichtungen der Seele
dient? Aber kann die rechte Hand nicht wegen ihrer rela-
tiven Selbstandigkeit, ja, gerade wegen ihrer Gute, die linke
Hand verletzen? Da haben wir gegen das, was Harmonie
ist, hingestellt die Selbstandigkeit des Leiblichen, dasjenige,
was «keinen Grund» zu haben braucht, haben das hinein-
gestellt in den Urgrund, was sich einfach dadurch ergibt,
dafi wir vom «Urgrunde» zum «Ungrunde» gehen.
Wie wir nicht im Lichte den Grund der Finsternis zu
suchen brauchen, so brauchen wir nicht in dem Guten den
Grund des Bosen zu suchen. Aber indem sich die Welt fur
Jakob Bohme als der Gegenwurf der Gottheit erweist, er-
gibt sich in dieser Welt der Schiedlichkeit die Moglichkeit,
dafi die einzelnen Glieder gegeneinander wirken, indem sie,
weil sie zum Zwecke der Welt, nach der Zielstrebigkeit der
Welt ihre Selbstandigkeit haben mussen, diese Selbstandig-
keit auch entfalten mussen. So wurzelt fur Jakob Bohme
das Bose nicht in dem, was man erklart, sondern in dem,
was sich ergibt als Ungrund, ohne dafi man es zu erklaren
braucht. Dadurch aber tritt letzteres wie von selbst als ein
Gegenwurf des Guten auf; und jetzt wird das Bose, das
Unzweckmafiige, das Schadliche in der Welt gegeniiber dem
Guten fur Jakob Bohme selber ein Gegenwurf, wie wir
unser selbst an dem Objekt gewahr werden.
Wir gehen fort im Raume, wir denken nicht an uns, aber
wir fangen an, sogleich an uns zu denken, wenn wir uns
zum Beispiel den Kopf an einem Fenster stolen: da werden
wir durch den Gegenwurf, durch das Objekt, unser selbst
gewahr. Wie er das Bewulksein gegen den Gegenwurf stellt,
wie er sich erfahrt an dem Gegenwurf, so wird fur Jakob
Bohme das Gute, das Zweckmafiige, das Vorteilhafte und
Nutzliche seiner selbst gewahr, indem es sich gegeniiber
dem Schadlichen und Unzweckmaftigen zu erhalten hat,
wird seiner selbst gewahr, indem das «B6se» der Gegen-
wurf des Guten wurde, wie die Objekte, die durch das An-
stofien nach der Aufienwelt hin erlebt werden.
So sieht Jakob Bohme in dem Guten die Kraft, die sich
ihren Gegenwurf einverleibt, wie sich der Mensch in der
Erinnerung immer mehr das einverleibt, was er selber erst
aus dem Bewulksein herausgesetzt hat. So finden wir ein
fortwahrendes Aufsaugen des Bosen und dadurdi ein Be-
reichern der Gutheit mit der Bosheit. Und wie Finsternis
sich zum Licht verhalt, indem das Licht in die Finsternis
hineinscheint und dadurch erst sichtbar wird, so wird das
Gute erst wirksam, indem es in das Bose hineinwirkt und
sich zu dem Bosen verhalt wie Licht zu Finsternis. Wie sich
Licht an Finsternis zu den verschiedenen Farben abstuft und
nicht als Licht erscheinen konnte, wenn ihm nicht Finster-
nis entgegenstunde, so kann das Gute nur seine Welten-
funktion verrichten, indem es sich selber an seinem Gegen-
wurfe, an dem Schlechten erlebt.
So sieht Jakob Bohme in die Welt hinein, sieht das Gute
so wirksam, dafi es das Bose sich gegeniibergestellt findet,
aber das Bose in sein Gebiet hineinstellt, gleichsam auf-
saugt. So erscheint fur Jakob Bohme ein vorirdisches Er-
eignis so, dafi er sich sagt: Die Gottheit hat sich einstmals
andere geistige Wesenheiten gegeniibergestellt. Diese waren,
wie unsere jetzige Natur auf einer spateren Stufe, ein Ge-
genwurf der Gottheit. So waren diese Wesenheiten schon ein
Gegenwurf der Gottheit, wodurch sich die Gottheit zum Be-
wuiksein brachte. Aber sie verhielten sich zu der Gottheit
wie die Glieder, die sich gegen den eigenen Leib wenden.
Dadurch entstand f iir Jakob Bohme die Wesenheit Luzif er.
Was ist fur ihn Luzif er? Es ist die Wesenheit, welche, nach-
dem der Gegenwurf geschaffen war, die Schiedlichkeit, die
Mannigfaltigkeit dazu benutzte, urn als selbstandiger Ge-
genwurf sich gegen ihren Schopfer aufzulehnen. So findet
Jakob Bohme in den miteinander diff erierenden, kampf en-
den Kraften der Welt dasjenige, was da sein muft, was aber
doch zur Gesamtevolution beitragt, indem es im Laufe der
Entwickelung aufgesogen wird. Wie er sich auch nur vor-
stellt, dafi alle Taten des Gotter-Widersachers - damit sich
die Taten der Gottheit selber nur um so starker an dem
Gegenwurfe ausleben - von der Gottheit aufgesogen wer-
den, und daft das Sichausleben der Gottheit nur um so glor-
reicher wird durch die Krafle, welche der Widersacher ent-
wickelt.
Bis tief in die Welt hinein verfolgt Jakob Bohme den
Gedanken, der das Erleben des Bewufitseins ausbreitet zu
dem Welterlebnis von dem Ursprunge und Urstand des
Bosen. In eine einfache Formel bringt er, man kann nicht
sagen, was er als die Losung der Weltenratsel theoretisch
gegeben hat, sondern was er erlebt hat, in die Formel: Kein
Ja ohne ein Nein, denn das Ja mufi sich an seinem Gegen-
wurfe, an dem Nein, erst erleben. «Kein Ja ohne ein Nein»
ist die einfache Formel, in die Jakob Bohme das ganze
Problem des Bosen hineinbrachte.
Nicht eine theoretische Formel ist es, sondern es liegt in
dieser Philosophic etwas wie urspriinglichstes, elementarstes
Erleben. Denn zu wissen, dafi kein Ja ohne ein Nein ist,
daft das Bose aufgesogen wird von dem Guten und zur
Weltentwickelung beitragt, das mag noch nichts sein. Aber
etwas anderes ist es noch, eine ringende Seele zu sein, eine
Seele, welche Schmerz und Leid, Versuchungen und Ver-
fiihrungen erlebt, und sich zu sagen: Das alles mufi doch
da sein, und trotzdem es da ist, kann ich mir aus meinem
nicht theoretisierenden, sondern lebendigen philosophischen
Wort die Sicherheit und den Trost und die Hoffnung be-
reiten, dafi das Beste in mir die Moglichkeit finden wird,
um das, was nur der Gegenwurf, das Nein ist, durch das
Urspriingliche, durch den «Wurf», durch das Ja zu uber-
winden. Und wenn ich mich nodi so sehr in das Bose ver-
stricke, und wenn der Lichtstrahl noch so klein ist, der sich
dariiber verbreitet: ich kann und darf hoffen auf Befreiung,
dafi nicht das Bose, sondern das Gute in mir den Sieg da-
vontragen werde.
Wenn eine solche Philosophic ubergeht in Erlosungs-
gewiftheit, dann ist das etwas, was in dieser Art zwar mit
der Personlichkeit verkniipft ist, aber mit diesem Person-
lichkeitscharakter zugleich allgemeine menschliche Bedeu-
tung hat. Wenn man dies auf seine Seele wirken lafk, dann
geht man gern von dieser ringenden Seele, die bis in die
kalten Abstraktionen des « Ja» und «Nein» hinaufgeht, um
den warmsten Seeleninhalt und die warmsten Seelenerleb-
nisse daraus zu gewinnen, dann geht man gern von dieser,
in ihrer Weltanschauung Zuversicht sich erringenden Seele
iiber zu dem einsamen Manne in Gorlitz, derkeineGelegen-
heit hatte, eine Schule zu griinden, denn diejenige Zeit,
welche die Menschen sonst auf geistige Dinge verwenden,
mufke er dazu verwenden, Schuhe zu machen. Abringen
mufite er sich die Zeit zu seinen zahlreichen Werken. Man
geht gern zu dem Menschen, dessen Biichern man ansieht,
wie er mit der Sprache gerungen hat, weil seine au£ere Bil-
dung eine so geringe war, dessen Lehren aber trotzdem nach
seinem Tode sich ausbreiteten und Ausdehnung gewannen,
der auf seinem Schusterstuhle safi und nur wenig Freunde
hatte, denen er sich mitteilte. Er hatte zwar Freunde, an
welche er Briefe schrieb, aber ihre Zahl war nur gering.
So schaut man ihn in seiner Einsamkeit und bekommt die
Empfindung, als ob ein notwendiger Zusammenhang darin
bestiinde: wie man sich Giordano Bruno nur denken kann
die Welt durchwandernd, von Land zu Land ziehend, um
wie mit Posaunenton etwas von der "Welt zu verkiinden,
wie man bei ihm, der auf die Mannigf altigkeit der Erschei-
nungen eingeht, fuhlt, dafi dieses Wandern zu dieser Welt-
anschauung gehorte, so fiihlt man in dem anderen Falle,
dafi dieser einsame Schuster etwas erlebte, was nur so erlebt
werden konnte, dafi es sich gleichsam wie in einem einsamen
Zwiegesprach mit den Geistern des Daseins abspielte, sich
abspielte in diesem einsamen Sehertum, das wir eingangs
charakterisiert haben.
Wenn wir so fuhlen, dann wachst in uns die Empfindung
gegeniiber dem, was der Mensch zur gemutvollen Losung
der Weltenratsel braucht: daft das Grofke, was der Mensch
in der Welt erleben kann, unabhangig ist von Ort und Zeit,
nur gebunden ist an die Kraft der Vertiefung der mensch-
lichen Seele, und dafi die Seele die grofiten Weltenwande-
rungen, die Wanderungen in die Geistgebiete, iiberall und
immer anstellen kann. Dann klingt uns aus Jakob Bohmes
Seele das entgegen und beriihrt unser Verstandnis, was als
ein so bedeutsames Wort seine Weltanschauung charakteri-
siert, wenn er sagt:
Wem Zeit wie Ewigkeit,
und Ewigkeit wie Zeit,
der ist befreit
von allem Streit.
Das charakterisiert nicht seine Weltanschauung in theore-
tischer Beziehung, sondern es charakterisiert, was seine Welt-
anschauung wirklich dadurch geworden ist, dafi er ein so
ganz besonderer Mensch war. Haben wir doch hervorheben
konnen, dafi er durch seine ganzeWesenheitintimer mit der
Natur im Zusammenhange stand als der normale Mensch,
daft er das Weben und Treiben der Natur in seinen eigenen
Seelenerlebnissen erlebte. Das macht, daiS wir eine gewisse
Notwendigkeit in einer Bezeichnung empfmden, weldie die
Freunde Jakob Bohmes diesem gegeben haben. Eine gliick-
liche Bezeichnung haben sie ihm gegeben. Denn bedenken
wir einmal: Als driiben im Morgenlande, im Orient, bereits
eine weit ausgebreitete, wunderbar ins einzelne gehende
Wissenschaft vorhanden ist, deren Weisheit wir bewundern,
v/enn wir sie kennenlernen, da finden wir auf mitteleuro-
paischem Boden nodi die allereinfachste Geisteskultur, fin-
den, wie in alien Seelen Mitteleuropas noch etwas lebt wie
ein inniger Zusammenhang der Krafte in den Seelenunter-
griinden mit den Kraften der Natur und Naturwesen, und
wie die Leute die Zweige auf den Boden warfen und aus
den «Runen», die sich da bildeten, allerlei Ratsel sahen und
zu losen suchten. «Runenratsell6ser» waren diese Menschen.
Und von alledem, was aus den Seelen der Menschen in Ger-
maniens Waldern spricht von dem, was in der Natur lebt,
was durch die Baume rauscht oder geheimnisvoli in den
Menschenseelen selber lebt, von alledem fiihlen wir etwas
wie in Jakob Bohmes Seele wirksam.
Da wird uns wohl etwas in Jakob Bohme begreiflich,
was uns heute am schwersten begreiflich ware. Es ist nicht
erzwungen, wenn man neben den Runenratselloser, der aus
den auf den Boden geworfenen Zweigen allerlei Ratsel
lost und die Oflfenbarungen der Gottheit selber erkennen
will, wenn man daneben hinstellt, wie Jakob Bohme aus
seiner Verwandtschaft mit dem Sprachgefiihl zum Beispiel
dieSilben «sul» und «phur» runenartig hinstellt und daraus
Weltenratsel losen will. Da erscheint er uns wie ein letzter
Sprofi aus Germaniens Waldern, und wir begreif en, warum
seine Freunde ihm den Namen «Philosophus teutonicus»
gegeben haben. Das schliefit aber seine Bedeutung fur die
kommenden Zeiten ein.
Wir blicken auf ihn hin, wie er mit dem Aufregendsten
gerungen hat, das in die menschliche Seele hereinspielen
kann, wie er in diesem Ringen zum Frieden gekommen ist,
und wie die letzten Worte von ihm: «Nun fahr ich hin ins
Paradies», die Besiegelung der Seelenkonsequenz, der Seelen-
praxis waren. Das ist es, was ihn zum Frieden der Seele
gefiihrt hat. Ein Hauch des Glaubens lebt in alien seinen
Biichern, und von diesem Gesichtspunkte aus wird Jakob
Bohme fur uns und fur alle Zeiten Bedeutung haben kon-
nen. Fur das, was er der Seele, wenn sie sich in ihn einlebt,
fur die praktische Lebenskonsequenz einer Philosophic
wirklich sein kann, wird dieser «Philosophus teutonicus»
immer tonangebend sein.
Seine Gegner nehmen sich manchmal recht sonderbar aus,
angefangen vom Jahre 1684, als die erste starkere Gegen-
schrift gegen Jakob Bohme von Calov erschienen ist, bis in
unsere Zeit, wo wir im vorigen Jahrhundert auch eine Schrift
gegen Jakob Bohme von einem Leipziger Gelehrten, Dr.
Harles, haben. Recht sonderbar erscheint es, wie Harles
zeigen will, dafi Jakob Bohme doch weiter nichts als alte
alchimistische Dinge auf warm te, und dann sagt: nachdem
er sich oft tagelang gequalt hat, so Jakob Bohme hinzu-
stellen, da war er oft froh, wenn er abends, nachdem er sich
des Tages iiber so mit Jakob Bohme befassen mufite, an
Matthias Claudius herantreten konnte, um in seinen Wor-
ten Erholung und Erbauung zu finden; und er wiinscht auch
seinen Lesern, da£ sie sich nicht von den gleiEenden und
glimmernden Formeln JakobBohmes beriicken lassen moch-
ten, sondern dafi auch sie ihre Zuflucht zu dem einfachen
und naiven Matthias Claudius nehmen mochten, der solches
der Seele gibt, dafi die Seele ihr Heil nicht zu suchen braucht
im Aufschwunge zu den hochsten Hohen des geistigen Le-
bens. Mag nun sein, dafi jener Dr. Harles, der Widersacher
von Jakob Bohme, zu Matthias Claudius seine Zuflucht
nehmen mufke, um von den gleifienden, hochfliegenden
Formeln Jakob Bohmes abzukommen, und dafi er bei Clau-
dius Ruhe finden konnte gegeniiber dem SichbeschafKgen
mit Jakob Bohme. Einen sonderbaren Eindruck macht es
nur bei einem, der es weifi, daJS Matthias Claudius selber,
nachdem er das geleistet hatte, was Dr. Harles bei ihm fin-
det, seinerseits seine Zuflucht suchte bei jemandem, der
Jakob Bohme nicht nur kannte, sondern ihn sogar iibersetzt
hat - bei Saint Martin, der wieder ein getreuer Schiiler von
Jakob Bohme war! So ist es sehr gut, wenn man nicht nur
weifl, woran Dr. Harles, der Gegner Jakob Bohmes, Erbau-
ung sucht, sondern wenn man audi weifi, woran wieder
Matthias Claudius seine Erbauung suchte!
Aber die Weltanschauung Jakob Bohmes ist eine solche,
die geeignet ist, iiber die Widerspriiche hinauszufuhren,
wenn man nur nicht bei ihr stehenbleibt. Die ganze Natur
der hier gehaltenen Vortrage hat ja gezeigt, dafi wir inner-
halb der hier vertretenen Weltanschauung nicht bei irgend-
einer Erscheinung stehenbleiben sollen, sondern dafi erfafk
werden soli, was von der geistigen Welt unmittelbar aus
unserer eigenen Zeit heraus erfafit werden kann. Gewifi
bleibt Jakob Bohme eine bedeutende Personlichkeit, ein
Stern erster Grofie amGeisteshimmel der Menschheit, stehen-
bleiben wird niemand bei ihm. Daher sind auch die Dar-
stellungen, die heute iiber Geisteswissenschafl gegeben wer-
den, durchaus nicht vom Standpunkte Jakob Bohmes aus
gehalten, sondern von dem unserer Zeit, und es soli auch
das nachstemal gezeigt werden, was ein ganz moderner
Geist zu sagen hat. Aber Jakob Bohme wird noch inter-
essanter, wenn wir uns in seine in Einf altigkeit und Ein-
samkeit aufrechtstehende, mit der Seele in die hochste
Region des Hellsehens entfliehende Geistesart versetzen,
und wenn wir finden, wie diese Geistesart Frieden uber
Jakob Bohmes Seele ausbreiten konnte, der von alien nach-
empfunden werden kann, die sich verstandnisvoll oder
wenigstens Verstandnis suchend Jakob Bohme nahen. Des-
halb werden audi nicht Verstandes-Charakteristiken an
Jakob Bohme heranfuhren, sondern nur solche, welche nach-
zufuhlen versuchen, was einMensch wie Jakob Bohme fiihlte,
was sich ausgoE wie zum Beispiel schon in die angefuhrten
vier bedeutungsvollen Zeilen. Dann nur werden die Worte,
mit denen ich Jakob Bohme zu charakterisieren versuchte,
ihre Bedeutung gewinnen konnen, wenn die Anwesenden
fuhlen, dafi sie nicht gesagt waren, urn in einer Theorie
oder theoretischen Charakteristik Jakob Bohmes zu gipfeln,
sondern darin, dafi im unmittelbaren Gegeniiberstehen der
Personlichkeit Jakob Bohmes von dieser etwas ausstromt -
und um so warmer und intensiver ausstromt, je mehr wir
sie kennenlernen — , was das Gesagte zusammenschliefien
kann in einem seinen Frieden, seine Ruhe bezeichnenden
Worte:
Wem Zeit wie Ewigkeit,
und Ewigkeit wie Zeit,
der ist befreit
von allem Streit.
DIE WELTANSCHAUUNG EINES
KULTURFORSCHERS DER GEGENWART,
HERMAN GRIMM,
UND DIE GEI STESFORSCHUNG
Berlin, 16.Januar 1913
Es konnte leicht scheinen, als ob das, was hier als Geistes-
wissenschaft vertreten wird, innerhalb des gegenwartigen
Kulturlebens ganz isoliert dastehe und keine Beziehung zu
demjenigen hatte, was sonst im Geistesleben der Gegenwart
herrscht und in einer gewissen Beziehung tonangebend ist.
Das kann aber nur dem so erscheinen, welcher in einer ge-
wissen engherzigen Weise diese Geisteswissenschaft oder
Geistesforschung auffafit und in ihr nichts anderes sieht
als eine Summe von gewissen Lehren und Theorien. Wer
aber in ihr eine geistige Stromung sieht, die in sich alles
aufnehmen will, wozu das Geistesleben aus den nun einmal
heute zu eroffnenden Quellen fiihrt, der wird gewahr wer-
den, dafi von dieser geistigen Stromung aus sich die Linien
zu mandierlei Richtungen des modernen Geisteslebens hin
Ziehen lassen, und dafi diese Geisteswissenschaft genannte
Art der Lebensbetrachtung anwendbar ist auf andere, ihr
mehr oder weniger nahestehende geistige Richtungen. Von
einer solchen geistigen Richtung soil heute die Rede sein,
von einer geistigen Richtung, die uns durch eine markant
hervortretende Personlichkeit des modernen Geisteslebens
reprasentiert werden kann, durch den modernen Kultur-
und Kunstforscher Herman Grimm.
Herman Grimm, der 1828 geboren und 1901 gestorben
ist, erscheint in der Tat wie ein ganz besonders ausgepragter
Typus des modernen Geisteslebens auf der einen Seite, und
doch wiederum so individuell eigenartig, so als eine be-
sondere Gestalt dastehend, dafi sich an diese Personlichkeit
gerade die heutige Betrachtung ganz besonders gut ankniip-
fen lalk. Herman Grimm erscheint demjenigen, der sich
mit ihm beschaftigt hat, wie eine Art Vermittlungsglied
zwischen jenem Geistesleben der neueren Zeit, das mit dem
Namen Goethe zusammenhangt, und unserem eigenen
modernen Geistesleben.
Auf eine ganz besondere Art hangt Herman Grimm
mit alledem zusammen, was an den Namen Goethe ange-
kniipft werden kann, durch seine Vermahlung mit derToch-
ter der jenigen Personlichkeit, welche dem Goetheschen Kreise
so nahestand, der Schwester des romantischen Dichters
Brentano, Bettina Brentano. Mit ihr war also Herman
Grimm verwandt, sie war seine Schwiegermutter, jene
Bettina Brentano, welche den merkwiirdigen Briefwechsel
Goethes mit einem Kinde herausgegeben hat, jene Bettina
Brentano, von welcher jenes einzigartige Denkmal Goethes
herriihrt, wo wir Goethe dasitzen sehen, wie ein Olympier
thronend, ein Musikinstrument in der Hand, in die Saiten
eingreifend ein Kind, in welchem sich Bettina Brentano
selber darstellte. Wie ein Kind kam sich diese aus dem
Frankfurter Kreise La Roche stammende Personlichkeit vor
in ihren Beziehungen zu Goethe, und aufgehen konnte sie
in Goethes Geist wie nur wenige. Und wenn audi so man-
cher in den Briefen, die Bettina Brentano mitteilt, etwas
Ungenaues findet, Dichtung und Wahrheit bunt durchein-
andergemischt, so mulS man doch sagen: alles, was wir in
diesem merkwiirdigen Buche «Goethes Briefwechsel mit
einem Kinde» haben, ist innig herausgewachsen aus Goethes
Geistesart, gibt uns in einer ganz wunderbaren Weise ein
Echo dieser Goetheschen Geistesart. Vermahlt war Bettina
Brentano wiederum mit dem Dichter Achim von Arnim,
der bei der Herausgabe der wunderschonen Volksdichtungs-
sammlung «Des KnabenWunderhorn» beteiligt war.Durch
die Verwandtschaft mit diesem Kreise - wie gesagt, Her-
man Grimms Frau, Gisela Grimm, war eine Tochter von
Bettina Brentano oder Bettina von Arnim - durdi diese
Verwandtschaft war Herman Grimm von Jugend auf so-
zusagen inmitten von Personlichkeiten aufgewachsen, die
Goethe durchaus nahestanden, die zu ihm in all das, was
er in seiner Erziehung aufnahm, etwas heriibertrugen wie
einen personlichen und unmittelbar elementaren geistigen
Hauch Goethes. So fiihlte sich audi Herman Grimm von
Jugend auf dazugehorig zu all denen, die Goethe noch per-
sonlich nahestanden, trotzdem er ja bei Goethes Tod ein
Kind war. Und nicht wie einer, der Goethe und den Goethea-
nismus «studiert» hat, stand Herman Grimm da, sondern
wie einer, der das Goethe- Wesen, der Goethes ganze leben-
dige Zauberkrafl und Goethes ganzes lebendiges Mensch-
heitswesen unmittelbar, elementar, personhch in sich auf-
genommen hatte.
So durchlebte denn Herman Grimm mit innigem Anteil
die Entwickelung des deutschen Lebens in den mittleren
Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts. Er durchlebte
es so, dafi er sich gewissermafien sein eigenes Reich inner-
halb dieses deutschen Lebens begriindete. Man kann ihn
einen Geist nennen, der in individuellster Art iiberall auf das-
jenige losging, was gerade f iir ihn anregend war, was f rucht-
bar war fiir die Entwickelung seiner eigenen Geisteskrafle.
Dadurch gliederte sich fiir Herman Grimm aus dem ganzen
Umf ange des Kulturlebens das heraus, was ihm angemessen
war: ein geistiges Reich, in welchem er sich heimisch fiihlte.
Innerhalb dieses geistigen Reiches, in welchem sich Herman
Grimm heimisch fiihlte, erkannte er sich gewissermafien als
den geistigen Statthalter Goethes an. Ihm erschien Goethes
Geist wie ein fortlebendes Wesen. Und wo er die Strome
desjenigen aufsuchte und auf sidi wirken liefi, was ihm im
Geistesleben konform war, da war es immer mehr oder
weniger das Goethesche Wesen, das er nicht nur gewahr zu
werden suchte, sondern das ihm Mafistab wurde bei allem,
was ihm im Geistesleben entgegentrat.
Es waren Jahrzehnte eines Ringens des deutschen Kultur-
lebens, die Herman Grimm durchlebte. Jahrzehnte waren
es, in denen nach Goethes Tode das Goethe- Wesen ziemlich
zuruckging, in denen man sich um so viele andere, man
mochte sagen mehr den unmittelbaren Tag beriihrende
Dinge zu kiimmern hatte, als um die Stromungen, die von
Goethe ausgingen. In jener Zek, in der es von vielen an-
deren Dingen innerhalb Deutsclilands recht laut, von Goethe
aber etwas still geworden war, betrachtete s£ch wohl Her-
man Grimm durch den unmittelbaren Zusammenhang mit
dem Goethe- Wesen als einen Menschen, der audi still in
sich, aber lebendig, das Goethesche Wesen zu pflegen und
es hinuberzutragen hatte in emeZeit, von welcher er eigent-
lich sicher hoffte, daft sie kommen werde, eine Zeit, in wel-
cher der Stern Goethes wieder lebendiger am europaischen
Geisteshimmel aufieuchten sollte.
So, wie Herman Grimm sich gewissermafien als den gei-
stigen Statthalter Goethes, seines geistigen Reiches, betrach-
tete, so war Herman Grimm auf eine naturgemafie Weise
in seinem ganzen Handhaben des geistigen Lebens, in der
ganzen Art und Weise, wie er sich zu geistigen Dingen
stellte, etwas eigen. Es war ihm etwas eigen wie einem
geistigen Fursten, und man fand es naturlich, ihn so ge-
wissermafien als einen geistigen Fursten anzuschauen. Bis
in die aufiere Gestalt, in die Physiognomie, bis in die Geste
und in sein ganzes Auftreten hinein hatte er etwas von
einem geistigen Fursten. Und man darf sagen: Wenn man
audi sozusagen nicht gewohnt war, in dieser Beziehimg zu
einer Personlichkeit wie zu einer <<furstlichen>> aufzusehen,
so zwang einem Herman Grimms ganze Art etwas auf,
ihm den eben gekennzeichneten Rang zuzuerkennen. So
gedenke ich nodi mit einem lieben Gedanken an ein Zu-
sammensein mit Herman Grimm in Weimar, wohin er so
oft und so gern kam. Er hatte mich damals als einzigen
Gast zu einem Mittagsmahl eingeladen. Wir sprachen uber
versdiiedenes, was ihn beriihrte. Wir spradien audi — und
es war fur mich befriedigend, dafi er dieses Gesprach mit
mir fiihren wollte - uber seine umfassenden geistigen
Lebensplane. Und als eine gewisse Zeit nadi dem Mittag-
essen vergangen war, da sagte er, in seiner Eigenart humo-
ristisch zwar, aber dodi wiederum natiirlich, so dafi man es
von ihm hinnahm wie eben etwas Nadir liches: «Nun, mein
lieber Doktor, jetzt will ich Sie in Gnaden entlassen!» Es
war tatsachlich etwas, was mir damals ganz den Eindruck
der Selbstverstandlichkeit machte, weil Herman Grimms
Auftreten eben so war, dafi man ihm eine gewisse geistige
Furstlichkeit zugestand.
So etwas tragt das ganze Lebenswerk Herman Grimms
an sich. Man kann keine seiner grofteren oder kleineren
Schriften auf sich wirken lassen, ohne dafi man, wahrend
diese auf der einen Seite so wunderbar harmonischen und
auf der anderen Seite wieder so pragnant gebauten Satze
in die Seele einfliefien, daneben die Empfindung hat: das
alles wirkt so auf die Seele, die sich ihm hingibt, wie wenn
immer die Personlichkeit des Autors dahinterstiinde, einen
anschaute und mit ungeheuer seelenvollem, personlichem
Anteil einem das in die Seele schickte, was sie einem zu
sagen hat. Das macht das ganz wunderbare, seelisch Tonende
in Herman Grimms Schriften aus, dafi sie alliiberall in
dieser schonsten Art der Ausflufi seiner ganzen seelenvollen
Personlichkeit sind und unmittelbar audi so wirken. Sein
ganzer Stil erhalt allerdings dadurch den Charakter eines
gewissen berechtigten vornehmen Pathos. Aber dieses vor-
nehme Pathos wird eben iiberall durch das personliche Ele-
ment, das man daraus hervorbrechen fiihlt, gemildert. Man
nimmt diesenStil trotz seiner Vornehmheit als etwas Selbst-
verstandliches hin, und man f iihlt ihm iiberall an, dafi er seine
Herkunft von der innigen Aufnahme Goethescher Geistes-
elemente hat, fiihlt aber audi, dafi diese Herkunft nicht das
einzige ist. Man fiihlt, dafi das Goethesche Element durch-
gegangen ist durch das romantische Wesen der deutschen
Geistesentwickelung. Ein gewisses Losgelostsein von allem,
was man im breitesten Sinne das Alltagliche, Volkstiimliche
nennen kann, ein Zuriickgezogensein in eine einzelne Per-
sonlichkeit, ein ganz individuelles Wesen, eine ganz indivi-
duelle Art verspiiren wir in dem Stile Herman Grimms.
Vielleicht wurde diese Richtung im Geiste Herman
Grimms zu einer gewissen Einseitigkeit haben fuhren kon-
nen, wenn nicht eine andere Stromung bei ihm mitgewirkt
hatte, die ihn wieder so innig verbunden hat mit allem
Volkstumlichen, die ihn hat Wurzel schlagen lassen tief
hinein in den Geist alles Volkstumlichen. Denn Herman
Grimm selber war ja der Sohn Wilhelm Grimms und der
Neife Jacob Grimms. Das sind die beiden Manner, welche
die deutsche Sprachforschung in der neuzeitlichen Art be-
griindet haben, die Manner, die jene mittlerweile so tief in
das deutsche Geistesleben hineingedrungenen deutschen
Marchen gesammelt haben, jene Manner, die hingehorcht
haben auf das, was die einfachen Menschen aus dem Volke
erzahlten an Sagen und Marchen; Sagen und Marchen, die
durch lange Jahrhunderte hindurch im einfachsten Volks-
gemiit gelebt hatten, die fast vergessen waren, nur durch
einzelne wenige hinauf getragen in die neuere Zeit, die aber
heute wieder leben, weil sie zu dieser Wiederbelebung ge-
bracht worden sind durch die Briider Grimm.
Wenn so Herman Grimm, trotz seiner Vornehmheit im
Stile in allem, was von ihm kommt, wieder etwas zeigt von
Verwachsensein mit allem Volkstumlichen, so miissen wir
nodi etwas hervorheben, was eine vielleicht sonst zur Ein-
seitigkeit gewordene Geistesrichtung harmonisch mit einer
anderen Stromung verbindet, so dafi uns alles in ihm wie
eine Art innerer harmonischer Totalitat erscheint. Haben
wir doch, wenn wir Herman Grimm auf uns wirken lassen,
in seinem ganzen Stile etwas wie eine gewisse Weichheit,
wie eine Anschmiegbarkeit an alle dieGeisteserscheinungen,
in die er sich im Verlaufe seines Lebens vertiefl hat. Ein Iso-
liertsein als Mensch ist notwendig, wenn man sich so in die
geistigen Erscheinungen und geistigen Tatsachen von man-
cherlei Jahrhunderten vertiefen will. Diese Weichheit be-
kommt aber wieder in Herman Grimm ihr Skelett, ihre
Harte durch ein anderes, das in seine Erziehung eingeflossen
ist: gehorten ja doch sein Vater und sein Oheim zu jenen
«G6ttinger Sieben», welche im Jahre 1837 gegen die Auf-
hebung der Verfassung ihres Landes ihren Protest einge-
reicht haben und deshalb von der Universitat Gottingen
entfernt worden sind. So erlebte Herman Grimm schon als
Knabe eine Tat seltener Art und erlebte diese Tat mit man-
cherlei Folgen. Denn gar mancherlei Folgen gab es fur Vater
und Oheim auch im alltaglichen Leben dadurch, dafi sie
nicht nur Stellung, sondern auch Brot damals verloren
hatten. Und Herman Grimm hat es oft hervorgehoben, wie
er mit den Impulsen des geschichtlichen Werdens schon da-
mals als neunjahriger Knabe in Beziehung getreten ist,
nicht durch das «Buch», sondern durch eine bedeutsame
historische Tat.
So steht Herman Grimm als Personlichkeit vor uns. Wie
eine Art von Trager des Goethe- Wesens kam er sich wohl
vor in der Zeit, als es von diesem Goethe- Wesen in Deutsch-
land stille geworden war und man sich anderen Dingen zu-
gewendet hatte, Aber er erlebte es, dafi dieses Goethe- Wesen
wieder auflebte, und dafi er selber mancherlei beitragen
konnte zur Wiederbelebung dieses Goethe- Wesens. Er er-
lebte es, dal$ er im Beginne der siebziger Jahre des neun-
zehnten Jahrhunderts seine beriihmten « Goethe- Vor lesun-
gen» an der Berliner Universitat halten konnte, jene Goethe-
Vorlesungen, die audi in seinem bedeutsamen Goethe-Buch
vorliegen. Und was ist dieses Goethe-Buch fur ein Buch!
Wer es als junger Mensch in die Hand bekommt und sich
in der rechten Weise zu ihm zu stellen vermag, der darf
ohne Zweifel im spateren Leben davon als von etwas Be-
deutsamem sprechen. Und so, wie es eben ausgesprochen
worden ist in diesem Buch, so steht Herman Grimm vor
uns als einer, der sich zu Goethe zu stellen vermag, wie
einer, der eingedrungen ist in die verschiedenen Veraste-
lungen des Goetheschen Seelenlebens. So entwickelt er Werk
fur Werk dasjenige, was durch Goethes eigene Seele gezogen
ist, wahrend Goethe an diesen Werken geschaffen hat.
Da konnen wir nun Herman Grimm belauschen, wie er
eine solche Personlichkeit, wie es ihm Goethe war, be-
trachtete. Da ist nichts von kleinlicher Biographensucht, da
ist nichts von Aufstobern von allerlei mehr oder weniger
gleichgiiltigen Lebensziigen. Da ist aber doch wieder eine
Vertiefung in alles das in Goethes Leben, was fur Goethes
Seelenentwickelung von Bedeutung und Wichtigkeit war.
Da ist das Bestreben, zu verfolgen: wie wirkt das, was bei
Goethe Erlebnis war, was in seiner Seele wirkte und lebte,
wie gestaltet sich das um, so dafi es Formen annimmt, dafi
es Bild wird, da£ es ein Geschopf der Goetheschen Phan-
tasie wird, und Goethe selber dann, alles vergessend, was
die Sadie blofi im Leben war, ganz auf geht in jenem Neuen,
das in der Phantasie-Schopfung aus dem Erlebnis geworden
ist, in der Phantasie-Schopfung, die selber nun Erlebnis ist?
So hebt sich bei jeder Betrachtung eines Goethe- Werkes
durch Herman Grimms Darstellung Goethe in seinen Er-
lebnissen um eine Stufe hoher, hebt sich unmittelbar hinein
in eine Sphare des reinen geistigen Anschauens. Wie Goethe
von seinem Leben hinaufstieg in geistiges Erfahren und gei-
stiges Dasein, das zeigt Herman Grimm an jedem einzelnen
der Goethe- Werke. Und wir machen mit ihm diesen Gang,
den er durchmacht, immer deshalb so gern mit, weil nir-
gends bei Herman Grimm etwas eintritt, was so leicht bei
einer solchen Darstellung kommen kann: dafi gleichsam eine
einzelne Seelenkraft, der Verstand oder die Phantasie, mit
dem Betrachter durchgeht, und man sich dann nicht mehr
im Zusammenhange fuhlt mit dem unmittelbaren Leben.
Nein, Herman Grimm geht nie weiter, aber immer so weit,
als er als unmittelbar personliche Individuality selber gehen
kann, und dabei das ganze Werk verfolgen kann. Zum
Schlusse fuhlt man sich iiberall, wenn Herman Grimm
einen bis zu dem Punkte gefuhrt hat, wo aus dem Goethe-
schen Erlebnis das Werk geworden ist, in rein geistiges
Leben entruckt. Goethe wird einem ein Wesen, dessen In-
halt rein geistig ist, eine Summe von rein geistigen Impulsen.
Dieser Hauch des Geistigen breitet sich iiber alle Darstel-
lung in dem Goethe-Buche Herman^rimms aus.
Was Herman Grimm so auf Goethe anwandte, das wur-
zelte nun tief in der ganzen Geistesart Herman Grimms.
Wohl langst, als er in jene Betrachtungen eintrat, die sich
ihm zu seinen «Goethe-Vorlesungen» rundeten, stand schon
vor ihm eine grofie, kolossale Idee, die Idee, das abend-
landische Geistesleben im ganzen so zu betrachten, wie er es
individuell in bezug auf Goethe betrachtet hat. Die Idee
stand vor ihm, drei Jahrtausende des abendlandischen Gei-
steslebens so zu verfolgen, dafl sich iiberall zeigt, wie die
alltaglichen, in der physischen Welt bestehenden Ereignisse
und Tatsachen ihren eigentlichen Wert dadurch erhalten,
daft sie durch Menschensinn und Menschengeist in dasjenige
umgewandelt werden, was die menschlidie Seele erlebt,
wenn sie bis ins Reich dessen hinaufsteigt, was nun Herman
Grimm «die schopferische Phantasie» nannte. So wurde
denn Herman Grimm ein Geschichtsbetrachter ganz eigener
Art. Fiir ihn war Geschichte gewissermafkn etwas ganz
anderes als fiir alle anderen modernen Geschichtsbetrachter.
Geschichte wird ja gewohnlich so studiert, dafi man die
Dokumente, die Materialien sammelt und dann aus diesen
Materialien heraus ein Bild der Menschheitsentwickelung
zu geben versucht. Fiir Herman Grimm waren Materialien,
waren auftere Tatsachen zwar ungeheuer wichtig, aber
durchaus nicht die Hauptsache. Er hat sich oftmals den Ge-
danken durch die Seele gehen lassen: Konnte es denn nicht
sein, dafi fiir irgendeine Zeitepoche gerade die allerwich-
tigsten Dokumente, welche die entscheidenden sind, wenn
man die Impulse der Zeit studieren will, spurlos verschwun-
den sind, verlorengegangen sind, so dafi man gerade, wenn
man die Dokumente am genauesten, am treuesten ins Auge
fafit, am allermeisten an der Wahrheit vorbeigeht? - Des-
halb war er davon iiberzeugt, dafi derjenige, welcher sich
am treuesten an aufiere Dokumente halt, im geringsten
Sinne ein treues Bild der Menschheitsentwickelung geben
kann. Nur ein gefalschtes Bild der Menschheitsentwicke-
lung, so meinte Herman Grimm, konnte herauskommen,
wenn man sich an auftere Dokumente halt.
Aber etwas anderes ist im Geistesleben der Menschheit
aufgetreten: dasjenige, was aufierlich geschehen ist, was als
aufiere Tatsadien sich abgespielt hat, das ist in den geeig-
neten Individualitaten zu einer geistigen Wiedergeburt ge-
kommen, das hat sich ausgelebt in denjenigen Personlich-
keken, die es kiinstlerisch umgestaltet haben, die es geistig
verwertet haben. So blickte etwa Herman Grimm hin zum
Beispiel auf die griechische Zeit. Er sagte sich: Gar man-
cherlei Dokumente sind iiber diese griechische Zeit vor-
handen. Aus diesen Dokumenten ist nur im uneigentlichen
Sinne etwas zu gewinnen fiir das Verstandnis des Wesens
des Griechentums. Aber was die Griechen erlebt haben, das
hat seine Wiedergeburt gefunden in den Werken der grie-
chischen Kunst, das hat seine Wiederbelebung erfahren in
einzelnen griechischen Personlichkeiten. Vertieft man sich
in sie, lafit man das Griechentum durch das Medium der
Personlichkeit auf sich wirken, dann hat man ein treueres
Bild dieses Griechentums als wenn man nur die Tatsachen
aulSerlichzusammenstellt.-Und so verschwanden fiir Her-
man Grimm gleichsam diese Tatsachen selber. Man mochte
sagen, sie schmolzen ab von seinem Weltbilde, und was in
seinem Weltbilde zuriickblieb, das war ein fortlaufender
Strom dessen, was er die Schopfungen der Volksphantasie
nannte.
Wollte er zum Beispiel Julius Caesar betrachten, so lie£
er nicht nur die historischen Dokumente auf sich wirken,
sondern er meinte in dem, was Shakespeare aus Caesar ge-
macht hat, etwas ebenso Bedeutsames fiir Caesar zu haben,
als in den historischen Dokumenten vorhanden ist. Durch
Menschen blickte er auf die Zeiten hin. Nicht nur, dafi ihm
der Verlauf der Menschheitsentwickelung etwas wukrde, was
eine Personlichkeit immer der anderen reichte, sondern es
wurde ihm eben der ganze Verlauf der Menschheitsentwicke-
lung selbst ein geistiger Vorgang, den er allerdings in dem-
jenigen erschopfl zu haben glaubte, was er die schopf erische
Phantasie nannte. Von diesem Gesichtspunkte aus wollte
er vor seiner Seele immer mehr und mehr ein Bild der in
den abendlandischen Kulturen schopferischen Volksphan-
tasie gewinnen, wollte den Hergang der abendlandischen
Menschheitsentwickelung so in seine Seele hereinbekommen,
da!5 er sich sagen konnte: Wie die einzelnen Stromungen
der abendlandischen Kulturen ineinander iibergehen, wie
sie einander ablosen von den altesten Zeiten her, bis zu
denen er zuriickgehen wollte, bis hinauf zu seiner eigenen,
der Goethe-Zeit hin, so sind sie ein fortwaltender Strom
des Webens der Volksphantasie in den abendlandischen
Volkern.
Von diesem Drange aus ging dann friih sein Blick zu
jener grandiosen Erscheinung des abendlandischen Geistes-
lebens hin, die ihn eine Zeitlang beschaftigte, und iiber die
er in den neunziger Jahren ein so beispiellos schones Buch
geschriebenhatwie seinen «Homer», seine Beschreibung der
Ilias. Dieses Buch, das man immer wieder gern zur Hand
nimmt, wenn man sich vom modernen geistigen Stand-
punkte aus in den Beginn des Griechentums vertief en will,
es zeigt uns wieder Herman Grimm, wenn wir seinen all-
gemeinen Geistesstandpunkt voraussetzen, von einer ganz
besonderen Seite her. Sein Blick schweift hin auf die Cotter
und Gotterwelten, die in der Ilias des Homer dargestellt
werden, sein Blick schweift hin auf die kampfenden grie-
chischen und trojanischen Helden, und die Frage entsteht
vor seiner Seele: Wie ist es denn eigentlich mit diesem Her-
einspielen einer Gotterwelt in die gewohnliche menschliche
Welt der kampfenden Griechen und Trojaner? - Das wird
fur ihn eine Frage. Ihm fallt auf, welch gewaltiger Unter-
schied in der homerischen Darstellung vorhanden ist zwi-
schen der auf der Erde herumwandelnden Menschheit und
denjenigen Wesenheiten, die als unsterbliche Gotter ge-
schildert werden. Und Herman Grimm versucht nun dar-
zustellen, wie gewissermafien die Gotter im Sinne Homers
eine «altere» Schichte von auf der Erde herumwandelnden
Wesen darstellen. Wenn audi Herman Grimm in seiner
mehr realistischen Art in diesen Wesen «Menschen» sieht,
so schaut er doch zuriick in eine Kultur, die zur Zeit Homers
langst ihre Bedeutung verloren hatte, in eine Kultur, die
von einer anderen abgelost worden ist, welcher dann die
trojanischen und griechischen Helden angehoren. Eine altere
und eine jiingere Menschheitsschichte lafk Herman Grimm
fiir die Ilias Homers zusammenspielen, und was iibrigge-
blieben ist an lebendigen Wirkungen von einer vorher
lebenden Schichte von Wesenheiten, das spielt fiir Herman
Grimm bei Homer in das hinein, was sich abspielt zwischen
Griechenland und Troja.
In dieser Weise sieht Herman Grimm iiberhaupt in dem
Fortgang der Menschheitsentwickelung ein fortwahrendes
Abgelostwerden alterer, wir kbnnen sagen Kulturkreise
oder Zyklen von neueren, und ein Hereinspielen von alten
in neuere. Jeder neue Kulturzyklus hat eine gewisse Auf-
gabe, die Aufgabe, etwas Neues in die allgemeine Mensch-
heitsentwickelung hereinzubringen. Das Alte bleibt dann
eine Weile noch vorhanden, spielt in das Neue hinein.
Man mochte sagen, soweit ein Mensch im letzten Drittel
des neunzehnten Jahrhunderts in dasjenige hineinschauen
konnte, was heute auch wieder von dem Gesichtspunkte der
modernen Geisteswissenschafl aus vertreten werden mufi,
so weit hat Herman Grimm da hineingeschaut. Er ist nicht
hinter die griechische Zeit zuriickgegangen. Daher konnte
er nicht geben, was die neuere Geistesforschung schildert
im Zuriickkommen zu iiber den Menschen erhabenen, rein
geistigen Wesen der Vormenschheit. Aber er streifte iiberall
an diese Ergebnisse der neueren Geistesforschung, streifte so
nahe heran, als ein Mensch, der noch nicht selber innerhalb
der Geistesforschung gestanden hat, heranstreifen kann.
In der Geistesforscbung versuchen wir darzustellen, wie
wir, wenn wir in der Menschheitsentwickelungzuruckgehen,
nicht zu der Tierreihe kommen im Sinn der Darwinistischen
Theorie, die heute materialistisch ausgedeutet wird, sondern
wie wir zu geistigen, rein geistigen Vorf ahren der Menschen
zuruckkommen, und wie wir binter jenem Menschheits-
zyklus, da die Menschenseelen im physischen Leibe verkor-
pert leben, einen anderen Menschheitszyklus haben, in wel-
chem die Menschen noch nicht im physischen Leibe verkor-
pert sind. Herman Grimm laik gleichsam die Frage in der
Schwebe: Was war es eigentlich mit den «Gottern», bevor
die Menschen die Erde betreten haben? — Aber er erkennt
die gesetzmaftige Aufeinanderfolge soldier Menschheits-
zyklen an. Das gibt einen bedeutsamen Beriihrungspunkt
mit den Darstellungen der Geistesforscbung. Dafi er aber
uberhaupt solchen regelmafiigen, in Perioden sich abspie-
lenden Fortschritt anerkennt, das bringt ihn uns sozusagen
ganz besonders nahe.
Ober drei Jahrtausende sucht er seine geistigen Betrach-
tungen auszudehnen. Das erste Jahrtausend ist ihm das
Griechen-Jahrtausend. Man mochte sagen, es klingt etwas
wie ein Unterton bei Herman Grimm durch, wenn man
von ihm vernimmt, wie er diese Griechen so charakterisiert,
als ob er sagte: Ja, wenn man zu den Griechen hinaufblickt,
da kommen sie einem, besonders in der altesten Zeit, noch
gar nicht so gestaltet vor wie heutige Menschen. Selbst ein
Mensch wie Alkibiades kommt einem noch wie eine Art
Marchenprinz vor. In etwas, was ubermenschlich ist, schaut
man da hinein. Dennoch ragt aus dieser geistigen Welt der
Griechen - die Herman Grimm, wie gesagt, unahnlich der
spateren menschlichen Welt darstellt - audi in seinem Sinne
alles, was an Impulsen in der Griechenwelt aufgegangen
ist, in die spatere Welt hinein, so dafi es bis zu unseren heu-
tigen Tagen das wichtigste Element innerhalb unseres Gei-
steslebens bildet. Und am Ende des ersten Jahrtausends,
das Herman Grimm betrachtet, stellt sich vor seine Seele
der wichtigste Impuls hin, den er in der Menschheitsent-
wicklung anerkennt: der Christus-Impuls.
Herman Grimm ist gerade dort, wo er iiber die Gestalt
des Christus spricht, in einem gewissen Sinne zuriickhaltend,
wie er iiberhaupt in mancherlei Dingen zuriickhaltend ist.
Aber die ofteren Bemerkungen, die er iiber den Christus
macht, zeigen uns, daft er ebensowenig mit denjenigen ge-
hen wiirde, die sozusagen den Christus wie bis zu einem
blofien Gedankenimpuls verfluchtigen mochten, noch mochte
er auch mit denjenigen gehen, die in der Personlichkeit des
Christus Jesus nur etwas allgemein Menschliches sehen wol-
len. Er hebt hervor, wie zweierlei Impulse von der Gestalt
des Christus ausgehen, ein Impuls von kolossaler Starke,
der dann, auch fur Herman Grimm, durch die ganze fol-
gende Menschheitsentwickelung fortwirkt, und der andere
Impuls von einer ungeheuren Sanftmut. Herman Grimm
findet, daft das ganze zweite Jahrtausend der abendlan-
dischen Kulturentwickelung sich so gestaltet, dafi das Grie-
chentum wie aufgesogen wird von dem Christus-Impuls
und mit dieser Mischung von Christentum und Griechen-
tum nun einzieht in die romische Welt, sie iiberwaitigt und
etwas ganz Besonderes hervorbringt. Das ist sein zweites
Jahrtausend, das erste christliche Jahrtausend. Nicht die
romischen Impulse sind ihm die Hauptsache, die christ-
lichen sind es. Alles Politische, alles aufierlich Tatsachliche
verschwindet in diesem Jahrtausend fiir den Blick Herman
Grimms, und iiberall verfolgt er, wie der Christus-Impuls
sich hineindrangt, und wie vielgestaltig dieser Christus-
Impuls ist. Dabei ist seine Chris tus-Auffassung nicht eng,
nicht klein, sondern weit. Als das Buch iiber das «Leben
Jesu» von Ernest Renan erschien, da kniipfte Herman
Grimm in seiner damals herausgegebenen Zeitsdirift iiber
«Kiinstler|und Kunstwerke» ememerkwurdigeBetrachtung
an. Er versuchte zu zeigen, wie die bildlidben Darstellungen
der Christus-Gestalt durch die Jahrhunderte hindurch sich
gewandelt haben sowohl in der bildenden Kunst wie in der
Literatur. Er versuchte also, die Variabilitat, die Verwan-
delbarkeit des Christus-Impulses zu zeigen, und er zeigte,
wie die Menschen immer diesen Christus-Impuls auf gefafit
haben je nach der Art, wie ihre eigene Geistesart war. Und
dann sieht er in Ernest Renan einen, der im neunzehnten
Jahrhundert den Christus in einer gewissen engen Art wie-
der aufzufassen bemiiht ist.
Ein Jahrtausend etwa - meint Herman Grimm - habe
das Christentum gebraucht, um seine Impulse hineinzu-
senden in dieRinnsaleundStromungendesabendlandischen
Geisteslebens. Dann kam sein drittes Jahrtausend, das
zweite christliche, in dem wir selbst noch drinnenstehen,
jenes Jahrtausend, in dessen Morgenrote dann Geister wie
Dante, Giotto gewirkt haben und Kiinstler wie Michel-
angelo, Leonardo da Vinci, Raffael und so weiter, das dann
hingefuhrt hat zu den Geisteswerken Shakespeares und
Goethes. Ganz gesetzmafiig trennten sich fur Herman
Grimm diese Zyklen in der Menschheitsentwickelung stets
ab. Geistige Gesetze schaute er waltend in der Menschheits-
entwickelung, deren dahinfliefSenden Strom er ansprach in
der schopferischen Phantasie-Wesenheit. Immer wieder
suchte Herman Grimm diese Gliederung des Stromes der
Menschheitsentwickelung in seinen Vorlesungen vor seine
Studenten hinzustellen, um zeigen zu konnen, wie sich das
einzelne geistige SchafFen hineinstellt in diesen Gesamtstrom.
So war ihm Michelangelo, so war en ihm Raffael, Savo-
narola, Shakespeare und andere, so war ihm Goethe gleich-
sam ein geistiger Inhalt, der erklarbar wird, wenn man
ihn auf dem Hintergrunde jenes fortfliefienden Gesamt-
stromes der schopferischen Phantasie sieht, die fiir Herman
Grimm ganz besonders anschaulich wurde an ihrer Quelle
bei dem bis ins neunte oder wohl zehnte Jahrhundert vor
unserer Zeitrechnung zuriickliegenden Homer. Und des-
halb ist Herman Grimm einem so unendlich zur Seele spre-
chend, weil er oft, wenn er einen ganz elementar und un-
mittelbar hinfuhrt zu einem Interesse am kiinstlerischen
Werke — zum Beispiel zu Raff aels « Vermahlung der Maria
mit dem Josef », zu irgendeinem der Madonnenbilder oder
anderen Werken, zu irgendeiner der Schopfungen Leonardo
da Vincis, oder wenn er zu irgend etwas hinfuhrt, was er
bei Goethe betrachtet - weil er einen dann so hinfuhrt, dafi
man das Gef iihl hat, man steht im unmittelbar Individuell-
sten dieses Kunstwerkes drinnen. Wenn man nun mit ihm
betrachtet, wie die einzelne Farbe oder Geste in das Kunst-
werk hineingestellt ist, und so isoliert vor dem Kunstwerke
zu stehen glaubt, da taucht dann plotzlich etwas auf wie ein
Tableau iiber den ganzen Menschheitsfortschritt, iiber ein
Stuck jenes fortfliefienden Stromes der schopferischen Phan-
tasie, der ihm hinubergeht iiber drei Jahrtausende und in
sich alles Einzelne einschliefit.
So wird man durch Herman Grimm in das intime Ein-
zelne der betreffenden Kunstwerke hineingefiihrt, und dann
hinaufgefiihrt auf den Gipfel, von welchem aus der Ge-
samtstrom betrachtet werden kann. Das war aber nicht
etwas, was Herman Grimm in theoretischer Weise betrach-
tete. Es erschien einem so naturlich, dafi Herman Grimm in
dieser Weise die Gesamtheit des fortfliefienden geistigen
Stromes der Menschheksentwickelung anschaute - wie er es
mir, wie erwahnt, damals beim Mittagsmahl auseinander-
gesetzt hat - well er wirklich mit seiner ganzen Seele ganz
naturgemafi selber in diesem geistigen Strome drinnen lebte,
und er konnte gar nicht eine einzelne Erscheinung anders
anschauen, als wie herausgesdinitten aus diesem gewaltigen
Strome der Menschheitsentwickelung.
Die ganze abendlandische Geistesentwickelung als Ent-
wicklung der Volksphantasie - so stand sie vor seiner
Seele, aber nicht als eine allgemeine abstrakte Idee, sondern
erfullt von konkretestem Inhalt. Er wufite sich mit seiner
Seele mit diesem durch Jahrtausende hinleuchtenden Inhalt
so verbunden, dafi alles, was er schrieb, einem eigentlich
erscheint wie die einzelnen kleinen Abschnitte und Aus-
schnitte eines Riesenwerkes. Selbst wenn man bei Herman
Grimm nur eine Rezension eines Buches liest, so hat man
den Eindruck, als ob das eigentlich herausgesdinitten ware
aus einem kolossalen Werke, das die ganze Menschheits-
entwickelung als Phantasieschopfung darstellt. Man fuhlt
sich formlich vor ein solches Kolossalwerk hingestellt, wie
wenn man dieses Werk aufgeschlagen hatte und ein paar
Seiten darin lesen wiirde, wenn man einen Aufsatz oder
Essay oder sonst etwas iiber irgendein Buch bei Herman
Grimm liest. Und man begreift nun, wie Herman Grimm
selber sagen konnte, als er die Vorrede zu seiner Fragmen-
ten-Sammlung an seinem Lebensabend schrieb, dafi ihm
vorgeschwebt habe eine Darstellung des f ortlauf enden Stro-
mes der Volksphantasie, und dafi ihm darin die Darstel-
lung der ganzen abendlandischen Kultur erschienen sei.
Man begreift, dafi das Einzelne, was er verfolgt hat, so
erschien, wie wenn er einzelne Stiicke aus einem fertigen
Werke herausgenommen hatte. Dabei legte er auf das, was
er gedruckt hatte, nie mehr Wert als auf das, was er nie-
dergeschrieben hatte, und auf das, was er niedergeschrieben
hatte, nie mehr Wert als auf alles, was in seinen Gedanken
lebte.
Wenn man so etwas andeutet, dann mochte man, ohne
die Sache in eine abstrakte Formel zu bringen, etwas ge-
sagt haben iiber jene Empfindung, die man dariiber hat,
wenn man Herman Grimm liebgehabt hat und noch hat,
und sein Geisteswerk und seine Art schatzt: dajS Herman
Grimm niemals hat dazu kommen konnen, wirklich auszu-
fiihren, was so schon, so kolossal, so grofiartig vor seinem
Geiste stand, dafi selbst sein Homer- Werk, sein Raffael-
Werk, sein Michelangelo- Werk, sein Goethe- Werk, wie
Fragmente aus diesem, nichtgeschriebenen, umfassenden
Werke uns erschienen. Mit einem gewissen wehmutigen
Gefiihl kann man jene Zeilen der schon genannten Einlei-
tung zu den «Fragmenten» lesen, wo er sagt, dafi er das,
was er seinen Studenten Jahr fiir Jahr zu sagen hatte iiber
die Entwickelung des europaischen Geisteslebens, jedes Jahr
wieder neu umarbeitete, und dafi es ja vielleicht angangig
sei, die letzte Gestalt, welche diese Vorlesungen erhalten
haben, zu einem Buche umzuarbeiten, welches dann in einem
gewissen Sinne den Fortgang der europaischen Kulturent-
wickelung darstellen wiirde - dafi es aber leider zu dieser
Umarbeitung wohl nicht mehr kommen werde. Man Hest
heute diese Zeilen um so wehmiitiger, als es ja audi wirk-
lich nicht zu dieser Umarbeitung gekommen ist, und wir
Herman Grimm haben hinsterben sehen, wissend, was da
in seiner Seele lebte, und sehen mufiten, wie das, was da in
seiner Seele fiir die Gegenwarts-Kultur lebte, mit ihm ins
Grab sinken mufite.
Es ist damit charakterisiert, aus welch geistig-umfassen-
dem Gesichtskreise heraus alles einzelnebei Herman Grimm
geschrieben ist. Wenn Geistesf orschung gerade das sein will,
was gewonnen werden kann durch die Erweiterung des
geistigen Gesiditskreises, dann mufi man sagen, dafi der,
welcher sich in Herman Gnmms Geist und Darstellungs-
weise vertieft, die allerschonste Anleitung aus dem mo-
dernen Geistesleben heraus hat, urn allmahlich hineinzu-
kommen in die ganze Art und Weise der Anschauung, die
der Geistesforschung eigen ist. Aber audi wenn von der
Weite des Gesiditskreises abgesehen wird und hineinge-
sehen wird in Herman Grimms Seele selber, wie er sich den
Erscheinungen zu nahern suchte, wie seine Empflndungen
und Gedanken ihn zu allem hmfuhrten, was er in seinen
umfassenden Werken iiber Homer, Raffael, Michelangelo,
Goethe geschrieben hat, und wenn man das, was er in seinen
anderen Schriften dargestellt hat, ins Auge fafit, dann fin-
det man, dafi Herman Grimm sich bedeutsam unterscheidet
von anderen Geistern, und dafi er etwas hat, was zu
jener Vertiefung der Seele gehort, von der hier gespro-
chen worden ist, als der Weg geschildert wurde, den die
Seele zu nehmen hat, um in die geistigen Welten selber
einzutreten.
Wir haben es hervorheben konnen, daft die Intensitat
der Seelenkrafle fiir den Geistesweg starker werden mufi,
dafi, wenn tief ere Seelenkrafle hervorgeholt werden sollen,
welche sonst schlummern, die Seele mehr innere Kraft, mehr
inneren Mut und Kuhnheit anwenden mufi, als sie sonst im
gewohnlichen Leben zeigt, daiS sie ihre Begrifife scharfer
fassen mufi, sich mehr mit ihrer eigenen Wesenheit iden-
tifizieren mufi, mit den Kraften des Denkens, Fiihlens und
Wollens. Dazu sind bei Herman Grimm liberall Ansatze
vorhanden, Ansatze, die allerdings bei ihm einen anderen
Weg genommen haben, Ansatze, durch welche er in die
Lage gekommen ist, in so intimer und personlicher Art
Kunstwerke zu schildern, wie er diejenigen RafFaels oder
Michelangelos geschildert hat, was aber auf dem Wege ist,
urn nodi tiefer in die geistige Welt hineinzuleuchten. Denn
nidit das, was man heute «objektiv» nennt, liegt der Ge-
schichtsforschung Herman Grimms zugrunde, sondern ein
Verbundensein mit den Erscheinungen des Geisteslebens,
die er darstellt, liegt seinen Darstellungen zugrunde. So
dafi seine eigene Seele, ihrer selbst vollstandig vergessend,
und doch wiederum in seltener Art ihrer selbst bewufit, un-
tertaucht in die entsprechenden geistigen Erscheinungen.
Insbesondere tritt dies schon hervor, wenn er die eigene
Seele erst hinfuhrt zu der einzelnen geistigen Erscheinung,
zum Beispiel zu Raffael, und dann diese einzelne geistige
Erscheinung wieder heraufhebt zu dem Gesamtstrom des
menschlichen Geisteslebens. Da warden seine Empfindungen
zu kiihnen, machtigen Ideen, und was manch anderer nicht
in solchen Empfindungs-Nuancen und nicht in solchen Ideen-
Nuancen zu sagen wagte, das wagt Herman Grimm und
wird so zu einem Geist-Darsteller, der in bezug auf Kuhn-
heit seiner Darstellung uns so gegeniibertritt, dafi wir manch-
mal wahrhaftig erinnert werden an die Darsteller, welche
die Evangelien geschrieben haben. Nur dafi jene mit mehr
Mystik geschrieben haben, Herman Grimm mit mehr mo-
derner Geistesbetrachtung. Und wie jene hinaufwachsen
zu dem Horizont der gesamten Menschheit, so wachst Her-
man Grimm mit seinem «Raphael» hinauf bis zu dem
Horizont der gesamten Menschheit.
Wunderbar ist es, wenn er in seiner kiihnen Art, wie
die Seele aus sich selbst herausreifiend und neben RafFaels
Seele einherschreitend als in einem Strome der Gesamtent-
wickelung, in Worte ausbricht, die uns wahrhaftig mehr
besagen konnen als irgend etwas einer blofien Darstellung
der Weltgeschichte: «Raphael ist ein Burger der Weltge-
schichte. Wie einer von den vier Fliissen ist er, die dem
Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.»
Wenn man einen solchen Satz auf sich wirken lafit, dann
weifi man in der Tat etwas ganz anderes iiber die Beziehung
Herman Grimms zu Raffael, als man sonst weifi iiber die
Beziehung manchen anderen Darstellers zu irgendeiner Er-
scheinung.
So fliefien fiir Herman Grimm zusammen die Person-
Kchkeiten mit dem Gesamtstrom des Geisteslebens. Man
konnte auch sagen, er bringt die hochste Geistessphare her-
unter zu dem personlichsten Element. Und wie tritt uns
eine Summe von geistigen Erscheinungen entgegen, wenn
Herman Grimm die folgenden Worte aus seiner tiefsten
Seele heraus spricht, indem er ausdriickt, wie er sich zu den
entsprechenden geistigen Tatsachen stellt:
« Wiirde Michelangelo durch ein Wunder von den Toten
fortgerufen, um unter uns wieder zu leben, und begegnete
ich ihm, so wiirde ich ehrfurchtsvoll zur Seite treten, damit
er voriiberginge; kame mir Raphael aber in den Weg, so
wiirde ich hinter ihm hergehen, ob ich nicht Gelegenheit
f ande, ein paar Worte aus seinen Lippen zu vernehmen. Bei
Lionardo und Michelangelo kann man sichdarauf beschran-
ken, zu erzahlen, was sie ihren Tagen einst gewesen sind;
bei Raphael mufi von dem ausgegangen werden, was er uns
heute ist. Uber jene anderen hat sich ein leiser Schleier ge-
legt, iiber Raphael nicht. Er gehort zu denen, deren Wachs-
tum noch lange nicht zu Ende ist. Es sind immer wieder
zukiinftig lebende Geschlechter von Menschen denkbar,
denen Raphael neue Ratsel aufgeben wird.»
Das ist eine Charakterstimmung, nicht objektiv in dem
Sinne, wie man es heute so oft fordert, aber die entspre-
chenden Erscheinungen so schildernd, dafi wir uns unmittel-
bar in ihre Nahe entriickt fiihlen, wenn wir einen Hauch
verspiiren konnen von dem, was in Herman Grimms Seele
gelebt hat, als er solche Satze hinschreiben konnte. Dann
versteht man es audi, wie dieser Geist mit einer weltge-
schichtlichen Erscheinung, mit Raff ael selber, ringen konnte.
Merkwiirdig - so erzahlt er selbst - ist es ihm mit Raffael
gegangen, ganz anders, als es ihm zum Beispiel ergangen
ist, als er Michelangelo beschreibend darstellen wollte. Die
Darstellung des Lebens Michelangelos von Herman Grimm
ist ein wunderbares Buch, trotzdem sie in vielem vielleicht
heute als iiberholt gelten kann. Wie tritt da auf dem Hin-
tergrunde des damaligen ganzen mittelalterlichen Lebens
die Gestalt Michelangelos bedeutsam heraus, wie hebt sie
sich wieder ab von den anderen Gestalten, die plastisch
heraustreten! Wie hebt sie sich ab von der ganz einzig-
artigen Schilderung von Florenz selber, oder wie hebt sie
sich ab von jenem Tableau, das Herman Grimm hinstellt,
indem er zwei geistige Gebilde vor unserem Geiste aufstei-
gen lafit, Athen und Florenz, und damit das Ineinander-
weben der von ihm charakterisierten drei Jahrtausende wie
einen gewaltigen Hintergrund erscheinen lafit, auf dem
sich abheben Gestalten wie Dante, Giotto und die anderen
Maler der damaligen Zeit, sodann Gestalten wie Savonarola
und endlich Michelangelo selbst.
Das alles erscheint auch so, wie wenn Herman Grimm
anders allerdings sich zu Raffael und seiner Umgebung
verhalten hatte als zu Goethe, dafi er aber darum uns das
alles nicht weniger intim gegeben hat. Bei Herman Grimms
Goethe-Darstellung fiihlen wir uberall, wie er als ein gei-
stiger Enkel Goethes herangewachsen ist. Auch bei seiner
Darstellung Michelangelos fiihlen wir, wie er personlich
in alles hineinwachst, wie er personlich, man mochte sagen,
in jeden Palast von Florenz hineingeht, wie er in den Stra-
fien von Florenz wandelt, wie er andere Beziehungen per-
sonlich kennenlernt und dazu gelangt, sich vor Michelangelo
hinstellend, sein Wirken dann darzustellen. Das alles aber,
was er so gemalt hat, wir fiihlen: es ist wie aus einem Gufi
heraus.
Anders ist das, was er iiber Raffael gegeben hat. Da fiih-
len wir ein Ringen mit dem Stoff, mit dem Geistesbild; da
fiihlen wir, wie Herman Grimm sich selber nie genugtun
kann. Er erzahlt selbst, wie er immer wieder und wieder
den Stoff aufgenommen hatte, wie ihm nichts geniigte, was
er schon veroffentlicht hatte. Ja, zu seinen letzten Werken
sollte es zahlen, was er noch zuletzt einmal versucht hat als
eine Darstellung der Personlichkeit Raffaels zu geben, was
aber doch Fragment geblieben ist und dann in der Essay-
Sammlung erschienen ist: «Raphael als Weltmacht», woraus
auch die eben vorgelesenen Satze stammen.
Warum rang Herman Grimm gerade bei Raffael so mit
seinem Stoff? Weil er nur etwas darstellen konnte, sich
selber zur Befriedigung, wenn er ganz eins werden konnte
mit dem Stoff. In Raffael aber sah er einen Geist, den er
so charakterisierte, wie es der eben vorgelesene Satz gibt:
«Raphael ist ein Burger der Weltgeschichte. Wie einer von
den vier Fliissen ist er, die dem Glauben der alten Welt
nach aus demParadiese kamen.» Und sowuchs ihm Raffael
selber ins Riesengrofte mit jedem Satze, den er auf ihn
wendete. So konnte er sich selber nie genugtun, weil er selbst
diese «Weltenkraft» nicht in ein Buch hineinfangen konnte.
Zeigt sich an den Darstellungen Homers, Michelangelos
oder Goethes das Umfassende und doch Anmutige seines
Geistes, so tritt bei Raffael die tief e Aufrichtigkeit, die tief e
Ehrlichkeit dieser geistigen Personlichkeit hervor.
Wer sein Buch iiber Homer in die Hand nimmt, wird es
vielleicht zu wenig gelehrt finden. Aber Herman Grimm
sagt gleich auf der ersten Seite, dafi dieses Buch nicht ein
Beitrag zur Homer-Forschung sein wolle. Ja, Herman
Grimm konnte sich in diesenund ahnlichen Angelegenheiten
durchaus wie ein Geistesfurst verhalten, wie idi es vorhin
erzahlte. So erscheint es einem audi naturlich, dafi er, als er
daranging, seine Ideen uber Goethe zur Darstellung zu
sammeln, ganz kiihnlich von dem Gesichtspunkte ausging,
dafi alles andere, was an ihn uber Goethe herantretenkonnte,
unzulanglich sei. Es mag das manchem als Dreistigkeit vor-
kommen, was doch wieder bei seinem literarischen und
kunstlerischen Gestus als selbstverstandlich erschien.
So verhielt er sich zu allem Geistesleben. Daher mag
manchem, der vom Gelehrtenstandpunkte ausgeht, Her-
man Grimms Homer-Buch unertraglich sein. Was alles uber
Homer vorgebracht worden ist, ob Homer gelebt hat oder
nicht, ob die Ilias aus so und so vielen Einzelheiten zusam-
mengetragen ist usw., das alles ging ihn nichts an. Er nahm
sie, wie sie war. Dadurch stellte sich ihm allerdings dar, wie
wunderbar sie innerlich komponiert ist, wie immer das
Spatere sich auf das Vorhergehende bezieht, so dafi alles,
was diese innere Komposition zeigt, uns innerlich zusam-
menhangend erscheint. Aber abgesehen davon, scheint mir
das Grofite das zu sein, was einem gerade als Geistesf orscher
so ungeheuer wohl tut: die Vertiefung in das Seelenleben
der homerischen Helden. Uberall sehen wir die seelenvolle
Art Herman Grimms auch auf das Seelenleben der Helden
Homers ausgegossen. Uberall sehen wir erfafit, aber mit
welthistorisehem Hintergrunde, die Achill-Seele, die Aga-
memnon-Seele, die Odysseus-Seele und so weiter. Ein Buch,
das als Seelenschilderung iiberwaltigend wirkt trotz der
Intimitat der stilistischen Darstellung! Oberall werden wir
nicht nur auf die Hohen der Geschichtsbetrachtung hinauf-
gefiihrt, sondern wir werden auch tief, tief in die Seelen
der einzelnen homerischen Gestalten hineingefuhrt. Ja, so
konnte nun mancher Gelehrte sagen, da hat Herman Grimm
die Ilias hergenommen mit Aufierachtlassung der ganzen
Homer-Forschung und aller eigentlichen Vor-Forschung,
und hat dann Vers fiir Vers hingenommen! Das tut er ja
auch, redit «laienhaft», und man konnte dann das Ganze
in die trockene Formel kleiden: Da hat ein Mensch ein Budb
gesdirieben ohne alle Vorstudien.
Hat Herman Grimm dieses Buch gesdirieben ohne alle
Vorstudien? Wer sich auf das Geistesleben Herman Grimms
einlafk, wird die Vorstudien finden, nur sehen sie anders
aus, als die Vorstudien der gewohnlichen Gelehrten. Die
Vorstudien Herman Grimms lagen m Seelenstudien, in Ver-
tiefung in die Menschenseele und ihre Geheimnisse. Und
uberzeugt kann man sich halten, dafi so wunderbar kein
anderer in die Seelen der homerischen Helden hatte hinein-
leuchten konnen als der, der solche Vorstudien gemacht
hatte. Scheinbar sucht Herman Grimm das auf, was in der
Phantasie Homers gewaltet hat. Aber was er sagt, zeigt
uns liber all den feinsten Seelenkenner, von dem wir gar
Sonderbares vermuten konnen, wenn wir ihn nur sehen,
wie er so von Achill iiber Agamemnon bis zu Odysseus die
homerischen Heldenseelen betrachtet. Wie kam er dazu,
manches Wort, das den Geistesforscher so ungemein ver-
geistigt anmutet, in seinem Homer-Buche oder auch in
seinen anderen Werken zu schreiben? Er kam dazu, weil
ganz besondere Vorstudien vorlagen. Und diese Vorstudien
wird der Geistesforscher suchen in den Werken aus der
ersten Periode Herman Grimms.
Da haben wir vor allem jene wunderbare Novellen-
sammlung, die vielieicht heute weniger gelesen wird als
manches moderne Produkt dieser Art, die aber gerade die-
jenigen lesen sollten, die sich fiir geistiges Leben interes-
sieren, eine Novellensammlung, die genannt werden kann:
iiberall ein intensiver Versuch, Menschenseelen kennenzu-
lernen, Menschengeheimnisse zu ergriinden, das Wirken
der Mensdienseele zu ergriinden iiber die physische Welt
hinaus. Da steht vor uns gleich die erste dieser Novellen,
die schon in der ersten Periode seines schriftstellerischen
Schaffens ersduen: «Die Sangerin». Es wird darin gezeigt,
wie ein Mann eine tiefe, leidenschaftliche Neigung zu einer
Frau f aftt, zu einer Frau von umf assendem geistigen Wesen.
Gezeigt wird uns, wie aber diese beiden Personlichkeiten
niemals zusammenkommen konnen, wie die Frau den glii-
hend liebenden Mann aus dem Umkreis ihrer Gesellschaft
entfernt, wie nun in der Seele dieses Mannes alles an Im-
pulsen weiter lebt, die ihn auf der einen Seite zu der Frau
hinziehen, die auf der anderen Seite, von der Seele aus, an
dem ganzen leiblichen Wesen dieses Mannes zehren. Wie
er dann seelisch hinsiecht, das sehen wir, mochte man sagen,
in geistesforscherischer Art dargestellt. Und noch einmal
sehen wir ihn dann, als er in der Besitzung eines Freundes
aufgenommen ist, in die Netze der Frau verstrickt. Der
Freund merkt, da£ es die hochste Zeit ist, dafi jene Person-
lichkeit herbeigeholt wird, an welcher der Freund mit aller
Seele hangt. Sie kommt audi - aber zu spat. Wahrend sie
vor dem Hause ist, erschiefk sich der Betreffende.
Und jetzt kommt etwas, was Herman Grimm so oft in
kiinstlerischen Darstellungen gestreift hat, was er aber da,
wo es immer gern von der Geistesforschung aufgenommen
wird, stets ins Unbestimmte hat fallen lassen. Jetzt wird
kurz und pragnant geschildert, wie in der Imagination der
Sangerin der Verstorbene lebt. Unvergefilich wird die Szene
sein, wo sie, die ihre ganze Schuld an dem Tode dieses Man-
nes f uhlt, Nacht f iir Nacht diesen Menschen, aus dem Toten-
reiche heraus wirkend, herankommen sieht, wie dieses Her-
ankommen des Verstorbenen nun in der Frau zu ihrem
Seeleninhalte wird. Nicht wie ein blofies Phantasiegebilde
wird das geschildert, sondern wie von einem Manne, der da
weifi, dafi es Geheimnisse gibt, die iiber den Tod eines Men-
schen hinausreichen. Wunderbar ist die Schilderung, wo der
Freund sich selber hinstellt vor die Frau, und wo sie sagt,
der Tote komme zu ihr - bis zu dem letzten Brief e der
Frau an den Freund, worin sie ausdriickt, dafi sie sich nun
selber vor dem Tode fiihlt, dafi der Verstorbene, mit dem
sie so verbunden war, sie aus seinem Totenreiche hingezogen
hat in sein Reich. — Vielleicht hat kein moderner Darsteller
mit soldier Innigkeit die Tone gefunden, um an die geistige
"Welt zu riihren.
Wir stellen es in der Geistesforschung dar, wie, wenn der
Mensch durch die Pforte des Todes durchgeht, dasjenige,
was sonst auch im Schlafesleben immer mit dem Menschen
vereint bleibt, der sogenannte atherische Leib, mit den
hoheren Seelengliedern des Menschen sich aus dem phy-
sischen Leibe heraushebt und in die geistige Welt ubergeht.
Wir entwerfen auf dem Gebiete der Geistesforschung ein
Bild davon, wie der Leichnam zuriickbleibt, wie der Mensch
dann mit seinem Atherleibe Stuck fur Stuck, Glied fiir
Glied sich herauslost aus dem physischen Leibe, und wie
der atherische Leib dann noch eine Zeitlang der Einhiiller
der hoheren Seelenglieder des Menschen ist. Das ist eine
Vorstellung, wie sie denen, die der Geistesforschung nahe
treten, immer gelaufiger werden kann. Im folgenden wer-
den wir nun betrachten konnen, in wie wunderbarer Weise
die Kiinstlerseele Herman Grimms an diese Tatsachen der
geistigen Welt riihrt, und wiederum wird uns diese Betrach-
tung zu der Frage fiihren, warum aus tieferen Griinden
heraus Herman Grimm seine Kulturdarstellungen nicht in
einem umf assenden Werk vollendet hat.
Herman Grimm hat aufier seinen Novellen noch ein an-
deres kiinstlerisches Werk geschrieben, den Roman «Un-
iiberwindliche Machte», an dem uns, wie iiberhaupt an
seinem ganzen Lebenswerke, der vornehme Stil entgegen-
tritt, der sich iiberall hinauf lenkt zu einer Welt- und Le-
bensbetrachtung. Audi alles andere ist grofiartig. Besonders
das, was man nennen mochte: das Zusammenstofien zweier
Menschheitszeitalter im kleinen. Die eine Welt ist die, die
nur auf Titel, Rang und Wtirden halt und sich ganz dar-
innen fiihlt. Aus ihr heraus stammt ein Graf aus altem
Geschlecht, der verarmt ist, der aber nodi ganz im Nach-
klange und Nachf iihlen seines graf lidien Standes lebt. Wun-
derbar wird nun in diesem Roman kontrastiert, wie der
Welt der alten Vorurteile und Rangordnungen entgegen-
tritt die «neue Welt». Es spielen die Anschauungen Ame-
rikas herein. Amerikaner sind es, die dem Manne entgegen-
treten, der ganz in seinen Standesvorurteilen und Standes-
empfindungen lebt, und den Herman Grimm Arthur nennt.
Es tritt diesem Grafen entgegen Emmy, die Tochter der
Frau Forster, die aus amerikanischem Wesen herausgewach-
sen ist, und wir sehen diesen Grafen in leidenschaftlicher
Liebe zu Emmy entflammt.
Es ist unmoglich, den reichen Inhalt dieses Romanes auch
nur anzudeuten. Tritt uns doch der ganze Gegensatz von
Europa und Amerika entgegen, der ganze Gegensatz des
alten preufiischen Wesens und des durch die Kriege neu-
geschaffenen preufiischen Wesens - ein ungeheuer bedeut-
sames Kulturgemalde, in das die Personen hineingepragt
sind, und aus dem sie wieder hervorwachsen. Nur das kann
angedeutet werden, dafi durch die Impulse, welche aus die-
sen verschiedenen Stromungen zusammenwachsen, der Graf
Arthur, gerade als er davorsteht, sich mit Emmy zu ver-
mahlen, eines tragischen Todes dahinstirbt. EinMensch,der
zwar zu seiner Verwandtschafl gehort, der sich aber in
seinen Wahnideen fur den berechtigten Erben des graf-
lichen Geschlechtes halt und den wirklichen Erben, den
Grafen Arthur, als einen Bastard ansieht, dieser Mensch
tritt dem Grafen Arthur entgegen, von Neid und Eifer-
sucht aufgestachelt, und es fugen sich die Verhaltnisse so,
dafi am Vorabend seiner Hochzeit Graf Arthur von diesem
Menschen niedergeschossen wird.
Man kann vielleicht niemals Gelegenheit fmden, das Wort
«Uniiberwindliche Machte» - das vielleicht mancher, der
blofi rationalistisch diesen Roman betrachten will, nur als
das Unuberbriickbare der Standesvorurteile halt - fur be-
rechtigter zu halten als gerade dann, wenn man sieht, wie
Herman Grimm, ohne es zu wollen, die Karma-Idee, die
Idee der ursachlichen Verkntipfung der Schicksale, die im
Menschenleben zum Ausdruck kommen, Knoten uber Kno-
ten schiirzen laftt und zu einer Entwickelung bringt, und
wie er in der Tat in diesem Wirken Krafte darstellt, die nur
wirken konnen, wenn sie aus friiheren Verkorperungen, aus
friiheren Erdenleben heriiberwirken. Nicht indem er theo-
retisch von «Kraften» oder von «Karma» spricht, schildert
er das, sondern indem er einfach die Tatsachen sprechen
lafit und diesen Machten einen Ausdruck gibt, so dafi sie
uns iiberall wie die Ideen der Geistesforschung anmuten.
Wir sehen ein karmisches Schicksal sich vollziehen, sehen
uniiberwindliche karmische Machte sich zum Ausdruck brin-
gen, und sehen noch etwas anderes.
Emmy bleibtzuriick. Der letzteBlick, der in die verloschen-
den Augen Arthurs gef alien ist, als er mit durchschossenem
Herzen dalag, war, als sie sich iiber den Sterbenden beugte,
und die Augen in einem bestimmten Ausdruck erschienen.
Unvergefilich bleibt ein Wort von Herman Grimm selbst,
indem er hier davon spricht, wie der Geist aus den Augen
wich in dem Momente, wo die Augen jene Eigentiimlich-
keit annehmen, durch die sie nur mehr als physische Werk-
zeuge erscheinen. Aber nun tritt uns wieder entgegen jenes
Herandringen Herman Grimms bis an die Welten, die jen-
seits des Todes liegen, jenes man mochte sagen keusche Her-
andringen bis an die Welten, aus denen herein die real ge-
bliebenen Seelen wirken, wenn sie durch die Pforte des
Todes gegangen sind.
Es zeigt uns Herman Grimm in einem kurzen Schlufi-
kapitel Emmy, wie sie nach und nach dahinsiecht, wie sie
stirbt. Es ist so recht charakteristisch fur das Verbundensein
der Seele Herman Grimms mit seelisch-geistigen Problemen,
wie er diesen herannahenden Tod Emmys schildert. Nadi
Montreux wird sie gebradit. In einzigartiger Weise wird
Montreux selbst geschildert, wird die ganze Umgebung ge-
schildert, in welcher Emmy stirbt. Aber nidit wie ein
anderer Darsteller, der dem geistigen Leben fernersteht,
schildert er den Tod Emmys, sondern er schildert ihn wie
einer, der herangeht bis dahin, wo die Geheimnisse des
Todes und die Geheimnisse des Landes jenseits des Todes
zu den Seelen sprechen, und ich wiirde etwas Unvollstan-
diges geben, wenn ich nicht zum Schlusse die Worte hinzu-
fugte, die Herman Grimm selbst iiber den Tod Emmys gibt:
«Dies Emmys Traum aber.
Zwischen Mitternacht und Morgen glaubte sie zu er-
wachen.
Ihr erster Blick auf das Fenster, durch das matte Hellig-
keit einstromte, war frei und klar und sie wufite, wo sie
war. Auch ihre Mutter, die neben ihr schlief, horte sie
atmen. Noch einen Moment weiter aber, und mit einem
Druck, den sie nie zuvor empfunden, befiel sie uberwal-
tigende Angst. Es waren nicht mehr jene einzelnen Gedan-
ken, die sie in den letzten Tagen qualten, sondern als hielte
eine Riesenhand alle Gebirge der Erde an einem diinnen
Faden iiber ihr und jeden Moment konnten sich die Finger
ofFnen, die ihn hielten und die Masse herabstiirzen, urn
ewige Zeiten auf ihr liegenzubleiben. Sie irrte mit den
Blicken umher in sich und aufier sich, nach einem Schimmer
von Licht suchend, nichts aber bot sidi dar, der Schein des
Fensters erloschen, der Atem ihrer Mutter nicht mehr hor-
bar, und erstickende Einsamkeit sie umgebend, als wiirde
sie niemals wieder Lebendiges erreichen. Sie wollte rufen,
aber sie konnte nicht, sie wollte sich riihren, aber kein Glied
mehr gehorchte ihr. Ganz still war es, ganz finster, keine
Gedanken selbst mehr moglich zu fassen in dieser furchtbar
eintonigen Angst: die Erinnerung sogar ihr fortgenommen
— da ein Gedanke endlich zuriickkehrend: Arthur!
Und wunderbar jetzt: es war, als hatte sich dieser eine
Gedanke in einen Lichtpunkt verwandelt, der den Augen
sichtbar wurde. Und in dem Mafie, wie der Gedanke an-
wuchs zu grenzenloser Sehnsucht, wuchs dieses Licht, kam
und dehnte sich aus, und plotzlich als sprange es auseinan-
der und entfaltete sich und nahme Gestalt an - Arthur
stand vor ihr! Sie sah ihn, sie erkannte ihn endlich. Er war
es sicherlich selbst. Er lachelte und war dicht neben ihr. Sie
sah nicht, ob er nackt sei, nicht ob er bekleidet sei: er aber
war es, sie kannte ihn zu wohl, er selbst, kein Phantom nur,
das seine Gestalt angenommen.»
So sehr riickt Herman Grimm den, der langst durch die
Pforte desTodes gegangen ist, an die heran,die zurSeherin
wird, riickt sie im Momente ihres Hinsterbens so an den
Toten heran, daft sie seine Seele so anspricht: «Sie sah nicht,
ob er nackt sei, nicht ob er bekleidet sei: er aber war es, sie
kannte ihn zu wohl, er selbst, kein Phantom nur, das seine
Gestalt angenommen.»
«Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte: <Komm!>
Niemals hatte seine Sprache so sufi und lockend geklungen
wie heute. Mit aller Kraft, deren sie fahig war, suchte sie
ihre Arme zu erheben ihm entgegen; aber sie vermochte es
nicht. Er kam noch naher und streckte die Hand naher auf
sie zu: <Komm!> sagte er noch einmal.
Emmy war, als miisse die Gewalt, mit der sie ein Wort
wenigstens iiber die Lippen zu bringen versuchte, Berge zu
verriicken imstande sein, nicht aber dies eine Wort zu sagen
vermochte sie.
Arthur sah sie an und sie ihn. Nur die Moglichkeit jetzt,
einen Finger zu bewegen, und sie hatte ihn beruhrt. Und
nun das Furchtbarste: er schien zuruckzuweichen wieder!
<Komm!> sagte er zum dritten Male. Und sie im Gefuhle,
dafi er zum letzten Male gesprochen, dafi die furchtbare
Finsternis wieder hereinbrechen werde auf seinen himm-
lischen Anblick, von einer Angst jetzt erfullt, die sie zerrifi,
wie der Frost Baume spaltet, machte den letzten Versuch,
die Arme zu ihm zu erheben. Unmoglich aber, die Schwere
und Kalte zu iiber winden, die sie gefesselt hielten - da
aber, wie eine Knospe piatzt, aus der eine Bliite wachst vor
unseren Augen, herauswachsend aus ihren Armen leuchtend
andere Arme, glanzende andere Schultern aus ihren Schul-
tern, und diese Arme sich hebend Arthurs Armen entgegen,
und er mit seinen Handen ihre Hande fassend, und lang-
sam zuriickschwebend sie nach sich ziehend, und die ganze
herrliche Gestalt mit ihnen, die sich erhob aus der Emmys.»
Man kann nicht wunderbarer den Hervorgang des athe-
rischen Leibes aus dem physischen Leibe schildern, wenn
man mitkeuscherKunstlerseele eine solche Schilderung vor-
nimmt. Das war ein Geist, das war eine Seele, die in Her-
man Grimm lebte, von der wir sagen durfen, dafi sie nahe
herangekommen ist an das, was wir so sehnsiichtig in der
Geistesforschung suchen. Das war eine Seele, das war ein
Geist, von dem wir sagen durfen, dafi er uns beweisend da-
f iir ist, wie die moderne Seele bei ihrem Herannahen an das
zwanzigste Jahrhundert die Wege zum geistigen Leben
gesucht hat.
So wenden wir uns gern zu Herman Grimm hin, den wir
belauschen, wie er auf dem Wege ist, den wir nur weiter
wandeln wollen. Und so schauen wir, wie er die Schopf ungen
Raff aels, wie er die Schopfungen Michelangelos, wie er die
Erlebnisse Goethes, wie er die Griechenseele Homers hinauf-
hebt bis zu dem Strom, der als « schopf erische Phantasie»
fiir seinen Geist durch die Jahrtausende fliefit. Wir wissen
dann, wie nahe Herman Grimm mit seinem ganzen Fiihlen
und Empfinden dem lebendigen Weben und Wirken des
Geistig-Seelischen war, das hinter allem physisch Tatsach-
lichen ist. Denn nicht mit Abstraktheiten haben wir es zu
tun, wenn Herman Grimm von seiner «sch6pferischen
Phantasie» spricht. Soweit wir es bei ihm vielleicht noch im
Anfluge mit Abstraktheiten zu tun haben, soweit kann uns
audi die Notwendigkeit erscheinen, daft wir die diinne
Wand durchbrechen miissen, durch die Herman Grimm noch
von dem lebendigen Geist getrennt ist, der nicht nur als
schopf erische Phantasie wirkt, sondern der im unmittelbaren
geistigen Wirken hinter aller Sinneswelt lebt. Es kommt
einem vor wie eine Keuschheit, die noch nicht mehr in ihrer
Seele zu sagen wagt, als sie sagt, wenn wir Herman Grimm
von der durch die Jahrtausende fortwirkenden Phantasie
der Menschheit sprechen sehen, da er doch als Kunstler so
nahe an die lebendig gebliebene Seele gervihrt hat, die durch
die Pforte des Todes geschritten ist. So wird es uns nicht
schwer werden, dort, wo Herman Grimm von der schop-
ferischen Phantasie spricht, die lebendigen Geistwesen zu
sehen, die wir als Geistesforscher hinter der Sinneswelt
suchen.
Vielleicht wird es dann nicht ungerechtf ertigt erscheinen,
wenn sogar behauptet wird, dafi einem soldien Geiste, der
so ehrlich und auf richtig nach der Wahrheit gerungen hat,
diese sdiopferische Phantasie, wenn er sich wieder und im-
mer wieder ihr nahern wollte, ihm doch zu sehr ein Ab-
straktum war; dafi es seine Seele drangte, das lebendige
Geistige zu erfassen, und dafi deshalb das beabsichtigte
grofie Werk nicht werden konnte, weil es, wenn es geschrie-
ben worden ware, ein Werk hatte werden miissen, welches
die geistige Welt nicht blofi als schopferische Phantasie, son-
dern als eine Welt schopf erischer Wesenheiten und Indivi-
dualitaten hatte darstellen miissen.
Nicht willkiirlich hingestellt durch diesen oder jenen ist
die Geistesforschung in der neueren Zeit, sondern gefordert
von den suchenden Seelen der neueren Zeit, jenen suchen-
den Seelen, denen Herman Grimm so deutlich und charak-
teristisch angehorte, wie wir gesehen haben. Daher konnen
wir gerade bei dieser merkwiirdigen Personlichkeit gewahr
werden, wie wir mit der Geistesforschung nicht fremd und
isoliert im modernen Geistesleben stehen. Wir haben gerade
zu einer solchen Gestalt wie Herman Grimm wie zu einer
verwandten hinsehen durfen. Steht er auch noch nicht vollig
auf unserem Standpunkte, so stehen wir ihm doch - oder
konnen ihm wenigstens stehen - unendlich nahe. Und bes-
ser ist es auch, bei der Betrachtung einer solchen Gestalt,
weniger jede Einzelheit ins Auge zu fassen, als ihre Ganz-
heit, sie anschauend mit all jener Harmonie des Seelischen,
mit der sie auf uns wirken kann, mit all jener Milde und
doch wieder kvihnen Scharfe und Starke des Seelenlebens
auch, mit welcher sie auf uns wirken kann. Mogen wir nun
diese oder jene Lebensfrage mehr oder weniger abweichend
von Herman Grimm behandeln — ich wei£, dafi es nicht
ganz aus seinem Stile herausfallt, wenn ich zusammen-
fassend sage, was ich eigentlich habe ausdriicken wollen.
Man konnte zu dem Gedanken, nennen wir es meinetwegen
zu dem Wahn-Gedanken, kommen, der als ein schoner
Wahn dann in der Seele leben kann: Wenn hohere Geister,
erd-entriickte Geister durch Lesen, durch Lektiire sich mit
dem bekannt machen wollten, was auf der Erde vorgeht,
so wiirden sie am liebsten solche Schriften lesen wie die, in
welchen Herman Grimm die irdischen Schicksale von Men-
schen zur Darstellung gebracht hat.
Dieses Gefiihl kann einem fast aus jeder Zeile von Her-
man Grimms Schriften entgegenklingen, und dieses Gefiihl
hebt einem die ganze Personlichkeit, man mochte sagen zu
einer erd-entruckten Sphare empor. Man fiihlt sich dann
doch wieder dieser Personlichkeit so nahe, dafi einem, wenn
man charakterisieren will, was heute iiber Herman Grimm
gesagt worden ist, ein schones Wort in den Sinn kommen
kann, das er selber einem Freunde ins Grab nachgerufen
hat, seinem Freunde Treitschke, den er so sehr schatzte:
«Wie daseinsfroh stand dieser Mensch im Leben drin.
Wie kampfmutig. Wie bot die Sprache sich ihm zu Dienst
an. Wie neu war immer sein neuestes Buch. Wie wenig
konnten selbst die ihm hose sein, die im Gedrange des gei-
stigen Verkehrs seine Ellenbogen zu kosten bekamen. Auch
diese werden mitrufen: <Ja, er war unser!>»
Diese Worte sind zugleich die letzten, die Herman Grimm
geschrieben hat und drucken liefi, wie wir von dem Heraus-
geber seiner Werke, Reinhold Steig, wissen. Und ich mochte
die Betrachtung des heutigen Abends auch wohl zum Schlusse
in die Worte zusammenfassen: Wie daseinsfroh stand die-
ser Mensch, Herman Grimm, im Leben drinnen, wie mild
- und doch auch wie individuell! Und wie harmonisch be-
riihrt sein ganzes Lebenswerk! Wie bot sich ihm die Sprache
zu Dienst an! Wie neu war immer sein neuestes Buch! Wie
wenig konnen selbst jene ihm fernestehen, wenn sie nur
sich selbst ordentlich verstehen, die in manchen Ideen und
in mancher Art von ihm abweichen! Und wie nahe miissen
sich aber diejenigen ihm fiihlen, die von irgendeinem Ge-
biete der Geistesforschung ausgehend, die Wege zum Geiste
suchen! Wie nahe miissen sich diese ihm fiihlen, und wie
sehr mochten sie, wenn seine Gestalt, geistig so milde leuch-
tend, vor ihnen auftritt, in die Worte ausbrechen: Ja, er
war audi unser!
RAFFAELS MISSION IM LICHTE DER
WISSENSCHAFT VOM GEISTE
Berlin, 30. Januar 1913
Raffael gehort zu denjenigen Ges taken der menschliclien
Geistesgeschichte, weldie wie ein Stern auftauchen, die ein-
fach da sind, so da£ man das Gefiihl hat, sie kommen aus
unbestimmten Untergriinden der geistigen Entwicklung der
Menschheit plotzlich herauf und verschwinden dann wie-
der, nachdem sie durch gewaltige Schopfungen ihre Wesen-
heit in diese Geistesgeschichte der Menschheit eingegraben
haben. Bei genauerem Zusehen stellt sich allerdings dem
forschenden Blicke heraus: eine solche menschliche Wesen-
heit, von der man erst angenommen hat, daft sie wie ein
Stern aufglanzt und wieder verschwindet, fiigt sich in das
ganze menschliche Geistesleben wie ein Glied in einen gro-
ISen Organismus ein. Dieses Gefiihl hat man insbesondere
bei RarFael.
Herman Grimm, der bedeutsame Kunstbetrachter, von
dem ich das letztemal hier sprechen durfle, hat versucht,
Raffaels Wirkung, Raffaels Ruhm durch die Zeiten zu ver-
folgen, die auf Raffaels eigenes Zeitalter gefolgt sind, bis
in unsere Tage herein. Er konnte zeigen, daft dasjenige, was
Raffael geschaffen hat, nach seinem Tode fortwirkte wie
ein Lebendiges, dafi ein einheitlicher Strom geistigen Wer-
dens vom Leben Raffaels bis iiber seinen Tod hin fortgeht
und sich eben bis in unsere Tage hereinzieht. Hat Herman
Grimm so gezeigt, wie die nachfolgende Menschheitsent-
wickelung hiniiberlebt iiber Raffaels Schaffen, so mochte
man auf der andern Seite, der geistigen Geschichtsbetrach-
tung gegeniiber, sagen: audi die vorhergehenden Zeiten
konnen einem aus dem oder jenem den Eindruck geben, als
ob sie dodi in einer gewissen Beziehung schon so hinwiesen
auf den erst spater in die Weltentwickelunghineintretenden
Raffael, wie eben ein Glied sich einreiht in einen ganzen
Organismus.
Man mochte sich an einen Ausspruch erinnern, den Goethe
einmal getan hat, und ihn sozusagen von der Raumeswelt
auf die Zeitenwelt anwenden. Goethe tat einmal den be-
deutsamen Ausspruch: «Wie kann sich der Mensch gegen
das Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Krafte,
die nach vielen Seiten hingezogen werden, in seinem Inner-
sten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt: darfst du
dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur
denken, sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich
Bewegtes um einen reinenMittelpunktkreisendhervortut?»
Mit Anwendung dieses Ausspruches auf die Zeiten twicke-
lung mochte man sagen, dafi in einer gewissen Beziehung
die Gotter Homers, die von Homer fast ein Jahrtausend
vor der Begriindung des Christentums so grandios geschil-
dert worden sind, in unseren nach der Vorzeit blickenden
Augen etwas verlieren wiirden, wenn wir nicht schauen
konnten, wie sie wiedererstanden sind in der Seele Raffaels
und da erst in einer gewissen Beziehung durch den mach-
tigen bildhaften Ausdruck, den sie in Raffaels Schopfungen
gefunden haben, eine besondere Vollendung erfahren ha-
ben. So gliedert sich uns das, was Homer lange Zeit vor der
Entstehung des Christentums geschaffen hat, mitdemjenigen,
was im sechzehnten Jahrhundert aus der Seele Raffaels ent-
sprungen ist, zusammen zu einem organischen Ganzen.
Und wiederum: lenken wir den Blick hin auf die bibli-
schen Gestalten, von denen uns das Neue Testament spricht
und betraditen dann die Bildwerke Raff aels, so haben wir
das Gefiihl, die Empfindung, als wiirde uns sogleich etwas
fehlen, wenn zu der Schilderung der Bibel nicht hinzu-
gekommen ware die gestaltenschaffende Kraft in Raffaels
Madonnen und ahnlichen Bildern, die aus der biblischen
Tradition und Legende entsprungen sind. Daher mocbte
man sagen: Raffael lebt nicht nur fort in den auf ihn fol-
genden Jahrhunderten, sondern was ihm vorangegangen
ist, das gliedert sich mit seinem eigenen Schaffen zu einem
organischen Ganzen zusammen und weist, gleichsam um
seine Vollendung durch ihn zu erhalten, auf ihn schon hin,
wenn das audi erst in der spateren geschichtlichen Betrach-
tung zum Ausdruck kommt.
So erscheint ein Wort, das Lessing an bedeutsamer Stelle
gebr audit hat, das Wort «die Erziehung des Menschen-
geschlechts», gerade dann in einem besonderen Lichte, wenn
wir sehen, wie in soldier Art ein einheitliches geistiges Wesen
hinflutet durch die Entwickelung der Menschheit, und wie
dieses einheitliche Wesen besonders aufstrahlt in solchen
hervorragenden Gestalten, wie Raffael eine ist. Und das,
was wir oftmals vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte
aus in Beziehung auf die Geistesentwickelung der Mensch-
heit betonen konnten, die wiederholten Erdenleben des
Menschenwesens, sie lassen sich in einer ganz besonderen
Weise empfinden, wenn man das eben Gesagte ins geistige
Auge falk. Da gewahrt man erst, wie es einen Sinn hat,
dafi dieses Menschenwesen in wiederholten Erdenleben
durch die Epochen der Menschheit hindurch immer wieder
und wieder erscheint und selber von einem Zeitalter zum
andern dasjenige tragt, was der Geistesentwickelung der
Menschheit eingepflanzt werden soli. Sinn und Bedeutung
suchtdieGeisteswissenschaftin der Entwickelung der Mensch-
heit. Nicht will sie blofi wie in einer gerade fortlaufenden
Entwicklungslinie darstellen, was aufeinanderfolgend ge-
schehen ist, sondern den einzelnen Zeitaltern will sie einen
Gesamtsinn zuerteilen, so daiS die Menschenseele, wenn sie
immer wieder und wieder in den aufeinanderfolgenden
Erdenleben erscheint, diese Erde so betritt, dafi sie immer
wieder und wieder Neues erleben kann. So dafi wir wirk-
Hch spredben konnen von einer Erziehung, welche die Men-
schenseele durch ihre versdiiedenen Erdenleben durchmacht,
eine Erziehung durch alles das, was von dem gemeinsamen
Geiste der Menschheit geschaffen und ausgebildet wird.
Was hier vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus
iiber das Verhaltnis Raffaels zu der gesamten Menschheits-
entwicklung der letzten Jahrhunderte vorgebracht werden
soil, das soil nicht eine philosophische Geschichtskonstruk-
tion sein, sondern etwas, das sich auf naturgemafie Weise
durch mancherlei Betrachten von Raffaels SchafFen ergeben
hat. Und nicht weil es sozusagen eine Art von Trieb sein
konnte, das Geistesleben der Menschheit philosophisch zu
konstruieren, soil das gesagt werden, was die Betrachtung
des heutigen Abends ausmacht, sondern weil alles, was sich
mir selbst ergeben hat nach mancherlei Anschauen und Be-
trachten der verschiedenen Schopfungen Raffaels, sich ganz
naturgema£ zu dem zusammenkristallisiert hat, was ich
darstellen mochte. Allerdings wird es unmoglich sein, auf
einzelne Schopfungen Raffaels einzugehen. Das kann man
nur, wenn man in der Lage ist, durch irgendwelche Mittel
zugleich die Bildwerke Raffaels den Zuhorern vorzuf iihren.
Aber das Gesamtschaffen Raffaels drangt sich ja auch zu
einem Gesamteindruck in der Empfindung zusammen. Man
tragt, wenn man Raff ael studiert hat, sozusagen etwas von
einem Gesamteindruck in der Seele. Und dann mag man
wohl fragen: Wie nimmt sich dieser Gesamteindruck gegen-
iiber der Entwickelung der Menschheit aus?
Da f allt der Blidk auf ein bedeutsames Zeitalter, mit dem
Raffael innig zusammenhangt, wenn man ihn auf sich wir-
ken lafit, jenes Zeitalter, das ja die Menschheit dadurch
besonders charakterisiert, dafl sie es zusammenfallen lafit
mit der Entwicklung des griechischen Volkes. Und in der Tat :
wenn wir die Menschheitsentwicklung der letzten Jahrtau-
sende betraditen, so stellt sich wie eine Art von mittlerer
Epoche in diese Menschheitsentwicklung der letzten Jahr-
tausende das hinein, was die Griechen nicht nur geschaffen,
sondern was sie durch ihre ganze Wesenheit erlebt haben.
Was der griechischen Kultur, die in einer gewissen Bezie-
hung zusammenfallt mitderBegriindungdesChristentums,
vorangegangen ist, das stellt sich uns mit einem ganz an-
deren Charakter dar als das, was dieser griechischen Kul-
tur nachgefolgt ist. Wenn wir die Menschen in der Zeit be-
traditen, die der griechischen Kultur vorangegangen ist, so
finden wir, dafi damals Seele und Geist der Menschen viel
inniger zusammenhingen mit allem Leiblichen, mit dem
aufierlich Korperlichen, als das in der spateren Zeit der Fall
ist. Was wir heute Verinnerlichung der Menschenseele, Sich-
zuruckziehen der Menschenseele nennen, wenn sich diese
dem Geist zuwenden, zum Besinnen iiber das kommen will,
was als Geistiges der Welt zugrunde liegt, das gab es fur
die der griechischen Zeit vorangegangenen Zeiten nicht in
solchem Mafie wie heute. Damals war es so, dafi, wenn sich
der Mensch seiner leiblichen Organe bediente, ihm gleich-
zeitig die geistlgen Geheimnisse des Daseins in seme Seele
hereinleuchteten. Eine soldi abgeschlossene Betrachtung der
Sinnenwelt, wie sie in der heute gebrauchlichen Wissen-
schaft vorhanden ist, war in alteren Zeiten nicht vorhan-
den. Der Mensch schaute mit seinen Sinnen die Dinge an
und empfand, indem er den Sinneseindruck vor sich hatte,
zugleich dasjenige, was geistig-seelisch in den Dingen lebte
und webte. Mit den Dingen und ihrer Betrachtung durch
die Sinne ergab sich zugleich dem Mensdien das Geistige.
Ein besonderes Zuriickziehen von den sinnlichen Eindriik-
ken, ein besonderes Sichhingeben der Innerlichkeit der Seele,
um zum Geistigen der Welt vorzuschreiten, war in der
alteren Zeit nicht notwendig.
Wenn wir in der Menschheitsentwickelung sehr weit zu-
riickgehen, so finden wir, dafi selbst das, was wir irn besten
Sinne des Wortes «hellsichtige Betrachtung der Dinge» nen-
nen, ein allgemeines Gut der Menschheit der Urzeiten war,
und dafi dieses hellsichtige Betrachten nicht durch abgeson-
derte Zustande erreicht wurde, sondern da war und etwas
so Naturgemafies war, wie die sinnliche Betrachtung. Dann
kam das Griechentum mit seiner ihm eigentiimlichen Welt,
von der man sagen kann, dafi zwar damit die Verinner-
lichung des Geisteslebens beginnt, dafi aber das, was der
Geist innerlich erlebt, iiberall noch im Zusammenhange ge-
sehen wird mit dem Au£eren, das in der Sinneswelt vor-
geht. Im Griechentum halten sich das Sinnliche und das
Seelisch-GeistigedieWaage. Nicht mehr so unmittelbar wie
in der vorgriechischen Zeit war mit der Sinnesbetrachtung
zugleich das Geistige gegeben. Es stieg gleichsam in der
griechischen Seele das Geistige auf als ein innerlich Abge-
sondertes zwar, aber als etwas, was man empfand, wenn
man die Sinne nach aufien lenkte. Nicht in den Dingen,
sondern an den Dingen wurde der Mensch das Geistige
gewahr. So war in der vorgriechischen Zeit die Seele des
Menschen gleichsam ausgegossen in die Leiblichkek. Von
der Leiblichkeit befreit hatte sie sich im Griechentume in
einer gewissen Weise, aber das Seelisch-Geistige hielt dem
Leiblichen im ganzen Griechentum noch die Waage. Daher
kam es, dafi das, was die Griechen schufen, ebenso durch-
geistigt erscheint wie das, was ihnen, durch die Sinne er-
moglicht, vor die Augen trat. - Dann kommen die nach-
griediischen Zeiten, jene Zeiten, in denen sich der Menschen-
geist verinnerlicht, in denen es ihm nicht mehr gegeben war,
dafi er mit dem Sinneseindruck zugleich das empfangen
konnte, was in den Dingen lebt und webt als Geistiges. Das
sind die Zeiten, in denen sich die Menschenseele in sich zu-
riickziehen mufke und abgesondert in einem besonderen
Innenleben ihre Krafte, ihre Oberwindungen erleben mufke,
wenn sie zum Geistigen vordringen wollte. Geistige Be-
trachtung der Dinge und sinnliche Anschauung der Dinge
wurden sozusagen zwei Welten, welche die menschliche
Seele zu durchleben hatte.
Wie erscheint uns das eben Gesagte anschaulich, wenn
wir einen Geist wie zum Beispiel Augustinus betrachten,
der ja in der nachchristlichen Zeit von der Begriindung des
Christentums kaum so wek getrennt ist als wir etwa von
der Reformation. Wie charakteristisch erscheint uns der an-
gedeutete Fortschritt der Menschheit, wenn wir das, was
Augustinus eriebt und in seinen Schriften dargestellt hat,
mit dem vergleichen, was aus der griechischen Welt iiber-
liefert ist! Was Augustinus in seinen «Confessiones» dar-
legt, was er uns zeigt als die Kampfe der verinnerlichten
Seele, was er uns zeigt als einen Schauplatz, der sich rein
abgezogen von der Aufienwelt in der inneren Seele dar-
stellt, wie unmoglich erscheint uns das bei den Geistern
Griechenlands, bei denen wir iiberall sehen, wie sich das,
was in der Seele vorhanden ist, ankniipft. an das, was sich
in der Aufknwelt abspielt.
Man darf sagen, wie durch einen machtigen Einschnitt
getrennt erweist sich die Entwickelungsgeschichte der
Menschheit. Und in diese Entwickelungsgeschichte stellt
sich hinein auf der einen Seite das Griechentum, das uns
zeigt, wie das Menschentum die Waage halt in bezug auf
das Geistig-Seelische und auf das aufierlich Leibliche. Auf
der anderen Seite stellt sich in diesen Einsdinitt hinein
die Begriindung des Christentums, die zunachst darauf
ausging, alles, was die menschliche Seele erleben konnte,
gleichsam innerlich, in inneren Kampfen und Oberwindun-
gen zu erleben, den Blick hmzuwenden nicht auf die Sinnes-
welt, um die Ratsel des Daseins zu fuhlen, sondern auf das,
was der Geist erahnend erschauen konnte, wenn er sich
rein den geistig-seelischen Kraften hingab. Wie unendlich
verschieden und wie durdi eine tiefe Kluft getrennt sind
die schonen Griechen, die majestatischen und so vollendet
schonen griechischen Gotter Zeus oder Apollon von dem
am Kreuze sterbenden, von innerer Tiefe und innerer Grofie,
aber nicht von aufterer Schonheit getragenen Christus am
Kreuz. Das ist schon das aufiere Symbol fur jenen tiefen
Einsdinitt, den das Christentum und das Griechentum in
die Entwickelung der Menschbeit machen. Diesen Einschnitt
sehen wir bei den Geistern, die auf die griechische Zeit fol-
gen, wie eine immer starker werdende Verinnerlichung der
Seele sich auswirken.
Diese Verinnerlichung, die so stattgefunden hat, cha-
rakterisiert nun den weiteren Fortgang der menschheit-
Hchen Entwickelung. Will man geisteswissenschafllich diese
Menschheitsentwickelung begreifen, so muE man sich schon
klarmachen, dafi wir in einem Zeitalter leben, das, je mehr
wir es seinen unmittelbaren Vergangenheiten und den Aus-
blicken nach betrachten, die wir in eine eventuelle Zukunfl
tun konnen, immer mehr nach dem eben Gesagten sich uns
darstellt als eine fortschreitende Verinnerlichung. So dafi
wir hinschauen auf eine Zukunfl, in welcher in der Tat eine
noch tief ere Kluft, als sie jetzt schon aus den Betrachtungen
der Vergangenheit vorgestellt werden kann, sich auf turmen
wird zwischen allem, was draufien in der Welt vorgeht,
was sich abspielt in dem mehr oder weniger mechanischen,
maschinellen Leben der aufteren Welt, und dem, was die
menschliche Seele zu erreidien versucht, wenn sie die Hohen
eines Geistigen erfassen will, die sie ersteigen will, die sich
nur auftun, wenn wir im Inneren die Schritte hinauf zu tun
versuchen, die zum Geistigen fuhren. Immer mehr und
mehr schreiten wir einem Zeitalter der Verinnerlichung
entgegen. Ein bedeutender Einschnitt aber in bezug auf
dieses Vorschreiten der Menschheit zur Verinnerlichung in
der nachgriechischen Zeit ist das, was uns hinterblieben 1st
in den Schopfungen Raffaels.
Als ein ganz besonderer Geist stellt sich Raffael hin wie
an eine Wasserscheide der Menschheitsentwicklung. Was vor
ihm liegt, ist wieder, man mochte sagen in einer ganz be-
sonderen Weise der Beginn menschlicher Verinnerlichung.
Und was nach ihm liegt, das stellt ein neues Kapitel dar in
dieser menschlichen Verinnerlichung. Wenn auch manches,
was ich in der heutigen Betrachtung zu sagen habe, wie eine
Art symbolischer Betrachtung klingen mag, so soil es doch
nicht blo£ in symbolischer Ausdrucksweise genommen wer-
den, sondern so, daft versucht wird, zu fassen das, was
wegen RafTaels so uberragender Grofte doch nur in mensch-
liche triviale BegrifTe zu kleiden ist, indem es in moglichst
weite Begriffe und Ideen gedrangt wird.
Wenn wir in RafTaels Seele einen Blick zu tun versuchen,
so fallt uns vor allem auf, wie diese Seele im Jahre 1483
wie eine Friihlingsgeburt fiir die Seele erscheint, dann eine
innere Entwickelung durchmacht, glanzvoll in glanzvollen
Schopfungen sich entwickelt und als Raffael siebenund-
dreifiigjahrig, also noch jung stirbt. Man mochte, um sich
in diese Seele Raffaels so recht zu vertiefen, so dafi man
ihrem Schritte folgen kann, eine Weile den Blick ganz von
dem ablenken,was in der Weltgeschichte sonst vorgegangen
ist, und rein den Blick hinlenken auf das Innerlidie der
Raffael-Seele.
Herman Grimm hat zuerst auf gewisse Regelma&gkeiten
der inneren Entwicklung der Raffael-Seele hingewiesen,
und man mochte sagen: es braucht sich schon einmal die
Geisteswissenschaft. nicht zu schamen, wenn sie heute gegen-
iiber der unglaubigen Menschheit auf gewisse zyklische Ge-
setze, Gesetze eines regelmafiigen Geistesweges in jeder Ent-
wicklung, audi in der menschlichen Einzelentwicklung, hin-
weist, da ein so bedeutsamer Kopf wie Herman Grimm
selber schon, ohne diese Geisteswissenschaft anzuerkennen,
zu einer solchen regelmafiigen inneren zyklischen Entwick-
lung fur die Raffael-Seele hingeleitet worden ist. Herman
Grimm macht namlich darauf aufmerksam, dafi das Werk,
das uns heute ja in Mailand so ergotzt, die «Vermahlung
der Maria», wie eine vollige Neuerscheinung in der ganzen
Kunstentwickelung dastehe und mit nichts Vorhergehendem
sich unmittelbar zusammenstellen lasse, so dafi man sagen
konne, Raffaels Seele habe wie aus unbestimmten Unter-
griinden einer menschlichen Seele heraus etwas geboren, das
aus diesen Untergriinden sich in die Gesamtentwickelung
des Geistes hineinstellt wie ein vollig Neues.
Bekommen wir so eine Empfindung von dem, was in
dieser Seele Raff aels von der Geburt an veranlagt war, so
konnen wir auch fiihlen mit Herman Grimm, wenn wir
nun die Raffael-Seele weiter verfolgen, wenn wir die Ent-
wicklung Raffaels fortschreiten sehen, wie er in regel-
mafiigem Entwicklungslauf gewisse Etappen betritt, Etap-
pen von vier zu vier Jahren. Merkwurdig schreitet Raffaels
Seele vorwarts in Zyklen von vier zu vier Jahren. Und
wenn wir ein solches Jahrviert betrachten, so sehen wir
Raffael jeweils auf einer fiir seine Seele hoheren Stuf e. Vier
Jahre etwa nach der «Vermahlung der Maria» make er die
«Grablegung», weitere vier Jahre spater die Bilder der
«Camera della Segnatura», und so in Etappen von vier zu
vier Jahren bis zu jenem Werke, das unvollendet neben
seinem Sterbebett stand, der «Verklarung Christi».
Weil in dieser Seele alles so harmonisdi fortschreitet, des-
halb mochte man sie ganz fur sich betrachten. Dann be-
kommt man aber einen Eindruck davon, da£ in dem Zeit-
alter Raffaels audi in bezug auf die Kunst der Malerei eine
solche Innerlichkeit sich entwidkeln mufke, und wie das-
jenige, was zur Gestaltung drangte in Gestalten, wie sie
nur Raffael schaffen konnte, herausgeboren ist aus den Tie-
fen der seelischen Erlebnisse, obwohl es in Bildern der Sinn-
lichkeit auftritt. Und hebt es sich denn nicht ebenso wie die
Geschichte selbst her aus?
Lassen wir, nachdem wir so eine Weile das Innerliche der
Seele Raffaels betrachtet haben, die Zeit auf uns wirken,
in die er hineingestellt war, und das, was um ihn herum
war. Da finden wir allerdings, dalS Raffael, solange er noch
mehr oder weniger Kind war und in Urbino heranwuchs,
sich in einer Umgebung befand, die auf bedeutsame An-
lagen, die sich geltend machten, weekend wirkte. War doch
in Urbino ein Palastbau zustande gekommen, der damals
ganz Italien in Aufregung versetzte. Das war etwas, was
fur die ersten Anlagen Raffaels etwas gab wie ein harmo-
nisch mit diesen Anlagen Zusammenfliefiendes. Dann aber
sehen wir ihn verpflanzt nach Perugia, dann nach Florenz,
dann nach Rom. In einem engen Kreise hat sich im Grunde
genommen das Leben Raffaels abgespielt. Wie nahe zusam-
men liegen heute fur uns die Orte, wenn wir sein ganzes
Leben betrachten! Raffaels ganze Welt war in diesem Kreise
eingeschlossen, soweit die Sinneswelt in Betracht kam. Nur
im Geiste erhob er sich in andere Spharen.
Aber nun sehen wir, wie in Perugia, wo Raffael jene
jugendliche Entwicklung in der Seele durchmacht, blutige
Kampfe an der Tagesordnung waren. Von einem leiden-
schaftlich aufgeregten Volke war die Stadt bevolkert. Adels-
familien, die miteinander in Zank und Hader lebten, be-
kriegten sich. Die einen vertrieben die anderen aus der
Stadt. Nach kurzer Vertreibung versuchten dann die an-
deren, sich wieder der Stadt zu bemachtigen, und niclit
wenige Male waren die Strafien Perugias mit Blut bedeckt,
mit Leichen ubersat. Ein Geschichtsschreiber schildert uns
eine merkwiirdige Szene, wie iiberhaupt die Darstellungen,
welche die Geschichtsschreiber aus jener Zeit geben, ganz
eigentiimlich sind. Da sehen wir durch einen Geschichts-
schreiber lebendig auftauchen einen Adligen der Stadt, der,
um seine Verwandten zu rachen, die Stadt als Krieger be-
tritt. Der Geschichtsschreiber schildert ihn uns, wie er zu
Pferde gleich dem verkorperten Kriegsgeist selber durch
die Strafien reitet und alles, was sich ihm in den Weg stellt,
niedermacht, so aber, dafi der Geschichtsschreiber oflFenbar
den Eindruck gehabt hat: eine gerechte Rache ist es, die
dieser Adlige da nimmt. Und es taucht auf vor dem Geiste
des Geschichtsschreibers das Bild jenes Kriegers, der den
Feind unter seine Fiifie zwingt. In einem Bilde Raffaels,
dem «St. Georg», fiihlen wir formlich aus der Darstellung
auftauchen dieses Bild, das der Chronist entwirft, und wir
haben unmittelbar den Eindruck: es konnte nicht anders
sein, als dafi RafFael diese Szene habe auf sich wirken las-
sen, und dafi dann, was aufierlich so furchtbar uns erschei-
nen mufi, aus Raffaels Seele verinnerlicht aufersteht und
zum Ausgangspunkt fur seine Darstellung eines der grofi-
ten und bedeutsamsten Bilder der Menschheitsentwickelung
geworden ist.
So sah Raffael kampfende Menschheit um sich. So hatte
er Verwirrung iiber Verwirrung, Krieg iiber Krieg um sich
in der Stadt, in der er seine Lehrzeit durchmachte bei sei-
nem ersten Lehrmeister Pietro Perugino, und wir haben
den Eindruck, als ob es damals in der Stadt zwei Welten
gegeben hat: die eine, in der sich Grausames und Furcht-
bares abspielte, und eine andere Welt, die verinnerlicht in
RafFaels Seele lebte und die im Grunde genommen nicht
viel zu tun hatte mit dem, was ringsherum sinnlich vorging.
Dann wieder sehen wir Raffael im Jahre 1504 nach
Florenz verpflanzt. Wie war Florenz, als Raffael die Stadt
betrat? Zunachst so, dafi die Einwohner das Gebaren und
den Eindruck von ermudeten Leuten machten, die durch
Aufregungen des Inneren und Au£eren durchgegangen wa-
ren und mit einem gewissen Oberdrufi und einer gewissen
Mudigkeit lebten. Was war doch alles iiber Florenz ergan-
gen! Kampfe ebenso wie in Perugia, blutige Verfolgungen
verschiedener Geschlechter, allerdings auch Kampfe mit der
AulSenwelt; dann aber das einschneidende, alle Seelen der
Stadt aufregende Erleben Savonarolas, der, kurze Zeit be-
vor RafFael die Stadt betrat, den Marty rertod gestorben
war. Da stent sie vor uns, diese eigentumliche Gestalt
Savonarolas, mit dem feurigen Wort gegen die damaligen
Mifistande wetternd, ja, gegen die Grausamkeiten der Kir-
che, gegen die Verweltlichung, gegen das Heidentum der
Kirche. Da klingen in uns nach, wenn wir uns der Betrach-
tung hingeben, die sturmischen Worte Savonarolas, durch
die er ganz Florenz hinrifi, so dafi die Leute nicht nur an
seinen Lippen hingen, sondern ihn so verehrten, wie wenn
ein hoherer Geist in diesem asketischen Leibe vor ihnen ge-
standen hatte.
Umgestaltet hatte das Wort Savonarolas die Stadt
Florenz, als ob unmittelbar eine Art von religiosem Re-
formator die religiosen Ideen und die ganze Stadt auch
staatlich durchzogen hatte. Wie wenn eine Art Gottesstaat
gegriindet worden ware, so stand Florenz unter dem Ein-
flufi Savonarolas. Und dann sehen wir, wie Savonarola
denjenigen Machten verfallt, gegen die er moralisdi und
religios aufgetreten war. Vor unserer Seele taucht das er-
greifende Bild auf, wie Savonarola mit seinen Gefahrten
zum Martyrerfeuer gefiihrt wird, und wie er von jenem
Galgen, von dem er auf den Scheiterhaufen herunterf alien
sollte, die Augen hinunterwendete - es war im Mai 1498 —
zu dem Volke, das einst an seinen Lippen hing, das ihn nun
audi verlassen hatte und wie abtrunnig hinschaute auf den,
der es so lange begeistert hatte. Wenige waren es, darunter
audi Kunstler, in denen noch die Worte Savonarolas nach-
klangen. Es gibt einen Maler jener Zeit, der, nachdem
Savonarola den Martyrertod erlitten hatte, selber das
Monchskleid anzog, um in seinem Orden in seinem Geiste
weiterzuwirken.
Man kann sich jene mude Atmosphare vorstellen, die
uber Florenz lag. In diese Atmosphare hinein sehen wir im
Jahre 1504 Raffael versetzt, der den Friihlingshaudi des
Geistes durdi die Mittel seines SchafTens mitbrachte, der
gleichsam ein geistiges Feuer, allerdings in ganz anderer
Art, als es Savonarola geben konnte, in diese Stadt herein-
brachte. Wenn wir so, recht unahnlich der Stimmung dieser
Stadt, die Seele Raffaels sehen, die uns so recht in ihrer
Isolierung erscheint, wenn wir sie, vereint mit Kunstlern
und Malern, an einsamer Werkstatte in Florenz oder sonst-
wo schaffen sehen, so taucht ja sogleich vor uns ein anderes
Bild auf, das uns, man mochte sagen, noch historisch an-
schaulich zeigt, wie Raffaels Seele etwas innerlich Abgeson-
dertes war audi von dem Aufierlichen, mit dem sie un-
mittelbar in Beriihrung stsind. Da tauchen auf die Gestalten
der romischen Papste, Alexander VI., Julius II., Leo X.,
das ganze papstliche System, gegen das Savonarola seine
Zornesworte gerichtet hatte, gegen das sich die Reforma-
toren gewandt haben. Da taucht es aber so auf , dafi wir in
diesem papstlichen System zugleidi den Protektor Raffaels
sdiauen, dafi wir Raffaels Seele im Dienste des Papsttumes
sehen, so sehen, dafi seine Seele innerlich wahrhaftig wenig
mit demjenigen gemeinsam hatte, was uns zum Beispiel an
seinem Protektor, dem Papst Julius II., entgegentritt, der
ja sagte, er komme den Menschen so vor wie jemand, der
einen Teufel im Leibe habe und seinen Feinden am liebsten
immer die Zahne zeigen mochte.
Grofie Gestalten sind sie, diese Papste, aber das waren
sie gewift nicht, was etwa Savonarola oder seine Gesin-
nungsgenossen «Christen» genannt hatten. In ein neues,
aber jetzt nicht im alten Sinne gehaltenes Heidentum war
das Papsttum tibergegangen. Von christlicher Frommigkeit
war in diesen Kreisen nicht viel zu spiiren, wohl aber von
Glanz, Herrschsucht, Machtgelusten, bei den Paps ten so-
wohl wie bei ihrer Umgebung. Gleichsam den Diener die-
ser heidnisch gewordenen Christenheit sehen wir inRaffael.
Aber wie? Wir sehen ihn so, dafi etwas geschaffen wird aus
seiner Seele heraus, durch welches die christlichen Ideen viel-
fach in einer neuen Gestalt erscheinen. Wir sehen das In-
nigste, das Lieblichste der christlichen Legendenwelt auf
den Madonnen-Bildern und in anderen Werken Raffaels
erstehen. Welcher Kontrast zwischen dem seelisch Inner-
lichen in Raffaels Schaffen und dem, was um ihn herum
vorging, als er in Rom dann der auftere Diener der Papste
geworden ist! Aber wie war das alles moglich? Sehen wir
schon an der ersten Lehrstatte in Perugia, sehen wir dann
in Florenz, wie unahnlich das Aufiere seinem InnerHchen
ist, so sehen wir dies in Rom ganz besonders, wo er inmit-
ten einer - fur Savonarola etwa, der ihm allerdings auch
nicht gleicht-unerhortenKardinale- und Priesterwirtschaft
seine weltbeherrschenden Bilder schuf. Und dennoch: man
mufi Raffael und seine Umgebung dodi so betrachten, wenn
man sich ein richtiges Bild fur das schaffen will, was in
seiner Seele lebte.
Lassen wir einmal die Bilder RafFaels auf uns wirken!
Das kann allerdings heute abend nicht im einzelnen ge-
sdiehen, aber wenigstens eines der bekannteren Bilder darf
herausgehoben werden, damit wir uns besonders uber das
ganz eigentiimliche Seelenhafle der Raffael-Seele verstan-
digen konnen. Es ist die uns ja so nahe «Sixtinische Ma-
donna*, die sich in Dresden befindet, und die wohl fast
jeder aus den iiberaus zahlreichen Nachbildungen kennt,
die in der ganzen Welt verbreitet sind. Wie sie uns da ent-
gegentritt als eines der herrlichsten, edelsten Kunstwerke
der Menschheitsentwickelung, wie uns da die Mutter mit
dem Kind erscheint, heranschwebend auf Wolkenhohen,
welche die Erdkugel iiberdecken, aus dem Unbestimmten,
mochte man sagen, der geistig-iibersinnlidien Welt heran-
schwebend, von Wolken umkleidet und umringt, die sich
wie von selbst zu menschenahnlichen Gestalten formen, von
denen eine, wie verdichtet, dem Kinde der Madonna ahn-
lich ist, wie sie da erscheint ruft sie in uns ganz besondere
Empfindungen hervor, von denen wir wohl sagen konnen,
dafi wir, wenn sie unsere Seele durchziehen, alle die legen-
denhaften Vorstellungen vergessen konnten, aus denen das
Bild der Madonna herausgewachsen ist, und von alien
christlichen Traditionen vergessen konnten, was sie uns
iiber die Madonna sagen.
Nicht um in trockener Weise zu charakterisieren, mochte
ich das vorbringen, sondern um moglichst weitherzig zu
charakterisieren, was wir gegeniiber der Madonna emp-
finden konnen. Wer im geisteswissenschaftlichen Sinne die
Menschheitsentwickelung betrachtet, kommt ja iiber alle
materialistische Anschauung hinaus. Im Sinne der natur-
wissenschaftlichen Anschauung haben sich zuerst die nie-
deren Lebewesen entwickelt und dann ist die Entwickelung
bis zum Menschen herauf geschritten. Geisteswissenschaft-
lich miissen wir im Menschen aber ein Wesenhaftes sehen,
das hinauslebt iiber alles, was unter ihm in den Natur-
reichen steht. Tritt uns der Mensch entgegen, so erscheint
uns, geisteswissenschaftlich betrachtet, in ihm etwas, was
viel alter ist als alle die Wesen, die ihm in den verschie-
denen Naturreichen mehr oder weniger nahestehen.
Der Mensch ist fur die Geisteswissenschaft vorhanden,
bevor die Wesen des tierischen, des pflanzlichen und selbst
des mineralischen Reiches vorhanden waren. In weiter Per-
spektive sehen wir zuriick in die Zeiten-Entwickelung, in
welcher das, was jetzt unser Innerstes ist, schon da war,
was sich spater erst den Reichen eingegliedert hat, die jetzt
unter dem Menschen stehen. So sehen wir aus einer iiber-
irdischen Welt des Menschen Wesenheit heranschweben,
sehen, dafi wir in Wahrheit diese menschliche Wesenheit
erst begreif en konnen, wenn wir von alledem, was die Erde
aus sich selber erschafFen und hervorbringen kann, uns zu
etwas Aufierirdischem erheben, zu etwas audi Vorirdischem.
Wissen konnen wir durch die Geisteswissenschaft: wenn wir
alle Krafte, alles Wesenhafte, was mit der Erde selber zu-
sammenhangt, auf uns wirken lassen, so ist doch aus all
diesem kein Bild des ganzen wesenhaften Menschen zu ge-
winnen, sondern wir miissen von allem Irdischen den Blick
erheben in uberirdische Regionen und aus ihnen dieses Men-
schen Wesenheit heranschweben sehen. Wir miissen, wenn
wir im Gleichnis sprechen wollen, einmal fuhlen, wie zu
dem Irdischen etwas heranschwebt, wenn wir zum Beispiel
des Morgens, insbesondere in einer solchen Gegend wie die
ist, in welcher Raffael gelebt hat, unsere Blicke zu einem
Sonnenaufgang hinwenden, zu dem goldglanzenden Son-
nenaufgang, und da ein Gefuhl erhalten konnen, wie selbst
im naturlichen Dasein zu dem, was irdisch ist, etwas hin-
zukommen mufi an Kraften, die in das Irdische herein-
wirken, an Kraften, die wir immer mit dem Sonnensein
verbinden mussen. Dann steigt vor unserer Seele aus dem
goldigen Glanze das Sinnbild dessen auf , was heranschwebt,
urn sich mit dem Irdischen zu umkieiden.
Man kann insbesondere in Perugia das Gefuhl haben,
dafi das Auge denselben Sonnenaufgang sehen darf, den
einst RafTael erlebt hat, und dafi man in den Naturerschei-
nungen der aufgehenden Sonne ein Gefuhl von dem be-
kommen kann, was im Menschen uberirdisch ist. Aus den
von dem Sonnengolde durchglanzten Wolken kann einem
aufgehen - oder man kann wenigstens empfinden, als ob es
einem so erscheint - das Bild der Madonna mit dem Kinde
als ein Sinnbild des ewig Uberirdischen im Menschen, das
an die Erde eben aus dem Aufierirdischen herankommt und
unter sich noch, durch Wolken getrennt, alles das hat, was
nur aus dem Irdischen hervorgehen kann. Zu hochsten gei-
stigen Hohen kann sich unser Empfinden erhoben fiihlen,
wenn man sich, nicht theoretisch, nicht im Abstrakten, aber
mit ganzer Seele, dem hingeben und sich damit durchdringen
kann, was in Raffaels Madonna auf uns wirkt. Es ist eine
naturgemaiKe Empfindung, die wir so vor dem weltberxihm-
ten Dresdner Bilde haben konnen. Und dafi es auf manche
Menschen so gewirkt hat, dafiir mochte ich einen Beleg
anfiihren, indem ich die Worte mitteile, welche der Freund
Goethes, Karl August, damals noch Herzog von Weimar,
uber die Sixtinische Madonna nach einem Besuche in Dres-
den geschrieben hat:
«Bei dem Raffael, der die Sammlung dort schmuckt, ist
mir nicht anders gewesen, als wenn man den ganzen Tag
durch die Hohe des Gotthard gestiegen ist, durchs Urseler
Loch kam und nun auf einmal das bliihende und griinende
Tal sah, Mir war's, so oft ich ihn sah und wieder weg sah,
immer nur wie eine Erscheinung vor der Seele; selbst die
schonsten Correggios waren mir nur Menschenbilder; ihre
Erinnerung, wie die schonen Formen, sinnlich palpabel.
Raffael blieb mir aber immer blofi wie ein Hauch, wie eine
von den Erscheinungen, die uns die Gotter in weiblicher
Gestalt senden, um uns gliicklich oder ungliicklich zu ma-
chen; wie die Bilder, die sich uns im Schlaf wachend oder
traumend wieder darstellen und der en uns einmal getrof-
fener Blick uns ewig Tag und Nacht anschaut und das In-
nerste bewegt.»
Und merkwiirdig: wenn man die Literatur verfolgt bei
denjenigen, welche aus ihrer Empfmdung heraus ein Tiefes
gerade beim Anblick der Sixtinischen Madonna, aber auch
bei anderen Raffael-Bildern aussprechen konnen, dann tre-
ten einem immer wieder, wenn die Menschen charakte-
risieren wollen, was sie empfinden, Vergleiche mit dem
Licbt, mit der Sonne, mit dem Erhellenden und mit dem
Fruhlingsmafiigen entgegen.
Da konnen wir einen Blick tun in die Raffael-Seele, wie
sie aus den geschilderten Zustanden ihrer Umgebung heraus
ihr Gesprach halt mit den ewigen Geheimnissen des Men-
schenwerdens. Da fuhlen wir, wie ein Einzigartiges, nicht
aus der Umgebung Herauswachsendes, sondern auf eine
ungeheure menschliche Vergangenheit Hinweisendes diese
Seele Raffaels ist. Man braucht dann nicht zu spekulieren.
Eine solche Seele, die in den Umkreis der Welt hinaus-
schaut und aus sich heraus das Geheimnis des Daseins nicht
in Ideen ausdriickt, sondern empfindet und in einem sol-
chen Bilde formt, eine solche Seele stellt sich dann wie etwas
ganz Selbstverstandliches durch eine solche innere Voll-
kommenheit als eine reif ste Seele dar, die wahrhaftig in ihren
Anlagen etwas tragt an Kraften der Menschheit, eine Seele,
die hindurchgegangen sein mufi durch andere Epochen der
Menschheitsentwickelung und besonders durch manche die-
ser Epochen, welche GrofSes, Gewaltiges in diese Seele hin-
eingegossen haben, so dafi es wieder zutage treten kann in
dem, was wir das Lebea Raffaels nennen. Aber wie tritt es
heraus?
Wir sehen das, was in den christlichen Legenden, in den
christlichen Traditionen lebt, in den Bildern Raffaels auf-
tauchen mitten in einer Zeit, in welcher das Christentum
wie heidnisch geworden war und ganz aufierer Gestalt und
aufierer Pracht hingegeben lebte, so etwa, wie das griechische
Heidentum in seinen Gottern dargestellt war und vor allem
verehrt wurde von den schonheitstrunkenen Griechen. "Wir
sehen Raffael diese Gestalten christlicher Oberlieferungen
auspragen in einem Zeitalter, in welchem das, was lange
Jahrhunderte unter Schutt und Triimmern auf romischem
Boden vergraben war, wieder ausgegraben wurde. Wir
sehen, dafi RafTael selber mit unter den Ausgrabenden war.
Merkwiirdig erscheint uns dieses Rom, in das RafFael in
dieser Zeit hineinversetzt war.
Was ging dieser Zeit voraus? Wir sehen zuerst die Jahr-
hunderte, da Rom auftaucht, sehen es auftauchen ganz auf-
gebaut auf dem Egoismus einzelner Menschen, die vor alien
Dingen im Auge haben, auf Grundlage dessen, was der
Mensch als Burger eines Staates bedeuten sollte, eine mensch-
liche Gemeinschaft zu begriinden, eine Gemeinschaft in der
aufieren physischen Welt. Dann, als Rom zu einer gewissen
Hohe gelangt war, als die Kaiserzeit herauf gekommen war,
sehen wir, wie es aufsaugt das Griechentum, indem in das
romische Geistesleben das Griechentum hineinstromt, und
wir erleben, wie Rom zwar politisch Griechenland iiber-
waltigt, wie aber Griechenland geistig Rom iiberwaltigt. Es
lebt das Griechentum dann im Romertum fort. Wir sehen,
wie griechische Kunst, so weit sie von Rom aufgesogen
wurde, im romischen Wesen fortlebt, sehen Rom ganz und
gar von griechischem Wesen durchgossen.
Aber warum bleibt dieses griechische Wesen in den fol-
genden Jahrhunderten nicht eine charakteristische Eigen-
schaft der Entwicklung Italiens? Warum kam doch etwas
ganz anderes heraus? Weil bald, nachdem dieses Griechen-
tum sich in die romische Welt hmeinergossen hatte, das an-
dere kam, das eine starkere Signatur dem aufdriickte, was
sich auf dem Boden Italiens als Geistesleben entwickelte:
das Christentum, die Verinnerlichung des Christentums,
dasjenige, was nun nicht zur Menschheit so sprechen sollte
wie das aufiere Sinnliche der griechischen Stadte, der grie-
chischen Bildwerke oder der griechischen Philosophic, son-
dern das zur inneren Menschenseele das sprechen sollte, was
gestaltenlos in diese Seele einziehen, was diese Menschen-
seele nur in inneren Kampfen ergreifen sollte. Deshalb
sehen wir solche Gestalten auf tauchen wie Augustinus, ganz
innerliche Gestalten.
Dann aber sehen wir, weil alles in der Entwicklung
zyklisch ablauft, Kreislaufe durchlauft, nach der Verinner-
lichung bei diesen Menschen, welche diese Verinnerlichung
durchgemacht haben und in ihrer Seele lange gewisser-
ma£en ohne Zusammenhang mit schoner Aufierlichkeit
gelebt haben, jene Sehnsucht nach Schonheit auftreten.
Sie schauen wieder im Aufieren das Innerliche. Da ist es ein
Bedeutsames, wenn wir in Assisi das verinnerlichte Leben
des Franz von Assisi durch Giotto vor unseren Augen auf-
treten sehen, wenn wir in den Bildern Giottos die inneren
Erlebnisse sprechen sehen, die sozusagen das Christentum
in der menschlichen Seele auswirken kann. Und wenn wir
audi noch - der Ausdruck sei gestattet - etwas ungelenk
und unvollkommen in Giottos Bildern das Innere der Men-
schenseele sprechen fiihlen, so sehen wir dann doch einen
geraden Aufstieg bis zu jenem Punkte, wo das Innerlichste,
das Hehrste und Edelste in aufterer Gestalt uns bei Raff ael
und seinen Zeitgenossen entgegentritt. Da werden wir wie-
der auf eine Eigentiimlichkeit dieser Raffael-Seele hinge-
lenkt.
Versudien wir, uns in die Art hineinzufiihlen, wie Raffael
selber empfinden mufite, so miissen wir uns sagen: Ja, wenn
wir solche Bildwerke auftreten sehen wie zum Beispiel die
«Madonna della Sedia», so fallt uns auf, wie die Madonna
mit dem Kinde, und davor das Kind Johannes, so vor uns
stehen, dafi wir, wenn wir sie betrachten, alle iibrige Welt
vergessen konnten, vor allem audi vergessen konnten, dafi
dieses Kind, welches von der Madonna gehalten wird, ein-
mal mit jenen Erlebnissen verkniipft sein kann, welche wir
als die Erlebnisse auf Golgatha kennen. Vor dem Bilde
Raffaels vergessen wir alles, was dann als das «Christus-
Jesus-Leben» folgte. Wir gehen ganz auf in dem Augen-
blick, der hier festgehalten ist. Wir schauen einfach eine
Mutter mit einem Kinde, von dem Herman Grimm gesagt
hat, dafi es das vornehmste Geheimnis ist, welches uns in
der aufteren Welt entgegentreten kann. Wir schauen diesen
Augenblick in einer Ruhe, wie wenn vorher und nachher
sich nichts an ihn anschliefien konnte. Wir gehen ganz auf
in dem Verhaltnis der Madonna zu ihrem Kinde, reiEen es
fur uns selbst aus allem heraus, womit es sonst verknupft
ist. Und so in sich vollendet, immer das Ewige in einem
Augenblicke sich uns zeigend, erscheinen im Grunde genom-
men Raffaels Schopfungen.
Ja, wie mufi eine Seele fiihlen, die so schafft? Sie kann
nicht fiihlen etwa wie die Seele Savonarolas, die, von in-
nerer Feuersglut erfafit, die ganze Tragodie Christi in sich
fiihlt, wenn sie ihre Zornesworte spricht, oder audi, wenn
sie zu den Horern christlicher Andadit ihre religios erhe-
benden, f rommen Worte spricht. Wir konnen uns nicht vor-
stellen, dafi Raffaels Seele Schwung habe in Savonarolas
oder ahnlicher Geistesart, konnen uns nicht vorstellen, dafi
jenes sogenannte christliche Feuer in Raffaels Seele gewaltet
hatte. Dennoch aber diirfen wir uns nicht vorstellen, wenn
wir einigermafiendasWeseneinerMenschenseeleauf uns wir-
ken lassen konnen, dafi in soldier Innerlichkeit, in solcher
inneren Vollendung das, was die christlichen Vorstellungen
sind, bildhafl durch Raff ael vor uns hintreten konnten, wenn
diese Seele dem christlichen Feuer so ganz fremd gewesen
ware, wie sie uns diesem christlichen Feuer fremd entgegen-
tritt, wenn sie ganz objektiv an solchen Bildern schafft.
Man kann nicht objektiv und gerundet die Gestalten
schaffen, wenn man etwa von dem Feuer Savonarolas durch-
drungen ist, wenn man von der ganzen tragischen Stim-
mung des Christus in seiner Seele getragen ist und sich da-
von befliigelt fiihlt. Es mufi ganz andere Ruhe und ein ganz
anderes Empfinden in der christlichen Empfindung in die
Seele ausgeflossen sein. Dennoch konnte nicht aus der Seele
herauskommen, was in Raffaels Bildern zum Ausdruck ge-
kommen ist, wenn nicht das, was der tiefste Nerv christ-
licher Innerlichkeit ist, in dieser Seele gelebt hatte. Ist es
dann nicht fast naturlich, wenn wir uns sagen: Ja, da haben
wir eben eine Seele vor uns, welche jenes Feuer, das wir in
Savonarola auf uns wirkend vernehmen, schon mit in das
physische Dasein brachte, das sie als der Maler Raff ael be-
trat. "Wenn wir sie sehen, aus fruheren Erdenleben durch die
Geburt dieses Feuer ins Dasein bringend, dann begreifen
wir, wie es so abgeklart, so innerlich vollendet sein konnte,
dafi uns dieses Feuer nicht als das sozusagen Verzehrende
und den Enthusiasmus Storende entgegentritt, sondern als
das Abgeklarte des bildhaft SchafFenden ersdieinen kann.
Da mochte man sagen: man fuhlt schon in den Anlagen
RafFaels etwas durch, was einem vorkommt, wie wenn es
in diesen Anlagen so lebte, als ob er in einem friiheren
Leben mit demselben Feuer hatte sprechen konnen, wie dann
spater Savonarola sprach. Und man brauchte sich nicht
zu verwtmdern, wenn man in RafFaels Seele eine wieder-
erstandene Seele hatte aus einer Zeit, in welcher das Chri-
stentum nicht bildhaft, nicht in der Kunst stehend empfun-
den wurde, sondern als unmittelbar an seiner Begriindung
stehend, als es den grofien Impuls, durch den es dann im
Laufe der Jahrhunderte gewirkt hat, an seinem Ausgangs-
punkt hatte.
Vielleicht ist es nicht zu gewagt, zum Verstandnis einer
solchen Seele, wie es die RafFaels ist, sich so etwas herbei-
zutragen, wie es eben ausgesprochen worden ist. Denn wer
gelernt hat, in immer wieder erneuerter Vertiefung in die
Werke RafFaels diese Seele in ihren Tiefen zu verehren, in
ihren Tiefen so anzuschauen, wie sie unergrundlich tief
wirkt, der vermag nicht anders, als durch solche weitgehende
Empfindung sich begreiflich, sich verstandlich zu machen,
was da zu uns spricht, wo RafFael seine Seele in seine Wun-
derwerke hineingegossen hat.
So erscheint uns die Mission RafFaels eigentlich erst im
rechten Lichte, wenn wir nach einem Ausdruck Goethes in
einem «abgelebten Leben» das christliche Feuer suchen, das
uns dann in einem spateren Leben als die Abgeklartheit in
seinem RafFael-Dasein erscheint. Dann verstehen wir auch,
wie diese Seele so isoliert sich in die Welt hineinstellen
mufite, und wir begreifen auch, wie jene Seele, die wir eben
zu charakterisieren versuchten, die vielleicht, nur in gestei-
gertem Mafie, etwas «Savonarolahaftes» in einem friiheren
Dasein hatte, als ein Neues empfinden konnte, was nun
wieder zur Zeit Raffaels in der geistigen Entwicklung Ita-
liens aufgetreten war.
Hatte in die Zeit, als das Kaisertum heranruckte und
dann da war, in die romische Entwicklung das Griechen-
tum hereingespielt, wie es geschildert worden ist, und war
dann eine Verinnerlichung eingetreten, so sehen wir jetzt
im Zeitalter Raffaels, der Renaissance, auf der einen Seite
dieses alte Griechentum, das unter Schutt und Triimmern
begraben war, wieder herauskommen, sehen Rom sich mit
dem uberbliebenen Griechentume bevolkern, sehen auf-
tauchen, was einst als griechischer Geist die Stadt geziert
und verschont hatte, sehen die Augen der romischen Bevol-
kerung sich wieder hinlenken auf die Formen, die einst der
griechische Geist geschaffen hatte. Auf der anderen Seite
sehen wir in diesem Zeitalter aber audi, wie der Geist
Platos, der Geist des Aristoteles, der Geist der griechischen
Tragiker in das romische Leben eindringt. Noch einmal
sehen wir die Eroberung der romischen Welt durch das
Griechentum. Vielleicht gerade fur einen solchen Geist, der
einstmals in einseitiger Weise der moralisch-religiosen An-
schauung des Christentums hingegeben war und in einem
vorhergehenden Leben seine Seele ganz diesen moralisch-
religiosen Eindriicken hingegeben hat, mufke das Griechen-
tum, wie ihn selbst befruchtend, erneuernd wirken, so wie
es, aus Schutt und Triimmern hervorgezogen, auf der ita-
lienischen Halbinsel auftrat.
Sieht man also den moralisch-religiosen Impuls des Chri-
stentums wie in den Anlagen Raffaels Hegend, so sieht man
das, was in diesen Anlagen noch nicht da war, vor seinen
schauenden Augen auftreten in dem wiedererstandenen
Griechentum. Wie in keiner anderen Seele wirkten die aus
Schutt und Triimmern wiedererstandenen Statuen und die
griechischen Geistesprodukte, die aus den wiederaufgefun-
denen Manuskripten herausgeholt wurden, auf die Seele
Raffaels. Was sich aus seinen Anlagen heraus, aus dem
christlichen Empfinden heraus verband mit einem uber-
geistigen Hingegebensein an das Kosmische, das wirkte zu-
sammen mit dem, was als griechischer Geist aus seinem
Zeitalter heraus wiedererstand. Das waren die zwei Dinge,
die sich in seiner Seele verbanden und die bewirkten, dafi
uns in den Werken Raffaels das entgegentritt, was an In-
nerlichkeit die nachgriechische Zeit geschaffen hat, was an
Innerlichkeit das Christentum hineinergossen hat in die
Menschheitsentwkkelung und was sich zum Ausdruck
brachte in, man mochte sagen, vollstandig aufterer Offen-
barung in einer malerischen Gestaltenwelt, aus welcher
iiberall der reinste griechische Geist spricht.
So sehen wir die merkwiirdige Erscheinung, da£ uns
durch Raffael das Griechentum im Christentum wieder-
ersteht. So sehen wir in Raffael ein Christentum auftreten
in einer Zeit, die eigentlich in einer gewissen Weise um ihn
herum das Antichristliche darstellt. Wir sehen, dafi sich in
ihm ein Christentum darstellt, das weit hinausging iiber
alleEngedesvorhergehenden Christen tumes und sich erhob
zu einer weiten Betrachtung gegeniiber der damaligen Welt.
Und doch sehen wir ein Christentum, das nicht in unend-
liche Spharen des blofi Spirituellen ahnend hinausweist,
sondern sich zusammenschlie£t so, wie einst die Griechen
in der kiinstlerischen Form ihre Gotter-Ideen zusammen-
geschlossen haben mit dem, was gestaltenlos die Welt durch-
lebt und durchwebt, und es hineingedrangt haben in die
Gestalten, aus denen heraus es zugleich unsere Sinne ergotzt.
Das ist es, was vor unsere Seele tritt, wenn wir uns ein
Gesamtbild zu formen versuchen, wenn in unsere Seele ein-
stromt die eine oder die andere der Schopfungen Raffaels,
wenn wir auf uns wirken lassen, was alles in hochster Voll-
endung-und dodi in wunderbarstem Jugenduberflufi, denn
Raffael starb mit 37 Jahren - auf uns wirken kann. Nicht
einer grauen Theorie und audi wahrlich nicht einer philo-
sophischen Geschichtskonstruktion zuliebe, sondern der un-
mittelbaren Empfindung entsprungen, welche die Werke
Raffaels geben, mul5 gesagt werden: An einem so iiber-
ragenden Geiste wie Raffael erscheint so recht das Gesetz-
mafiige im Fortlaufe des menschlichen Geisteslebens.
Wer sich als eine gerade Linie, wo sich immer Wirkung
an Ursache anschliefk, diesen Fortgang des Geisteslebens
vorstellt, der ist wahrhaftig nidit mit den Tatsachen im
Einklang. Man hat so leicht einen Aussprudi bei der Hand,
der gewifi zu den goldenen Ausspruchen der Mensdihek
gehort: dafi das Leben und die Natur keine Spriinge mache.
Gewifi, aber in vieler Beziehung machen das Leben und
die Natur fortwahrend Spriinge. Das konnen wir sehen an
der Entwickelung der Pflanze vom griinen Blatt zur Bliite,
von der Bliite zur Frucht. Da sehen wir, wie zwar alles sich
«entwickelt», wie aber tatsachlich Spriinge das Selbstver-
standliche sind.
So ist es audi im Geistesleben der Menschheit, und das ist
noch mit mancherlei Geheimnissen verkniipft. Eines dieser
Geheimnisse ist, daft immer eine spatere Epoche zuriick-
greifen mufi auf eine friihere Epoche. So mochte man sagen:
wie das Mannliche und das Weibliche zusammenwirken
miissen, so miissen die verschiedenen Zeitengeister, sich
gegenseitig befruchtend, zusammenwirken, damit die Fort-
entwicklung geschieht. So mufite das Romertum schon um
die Kaiserzeit herum vom Griechentum befruchtet werden,
damit ein neuer Zeitgeist entstiinde. Und so mufrte wieder
dieser Zeitgeist, der da entstand, befruchtet werden von
dem christlichen Impuls, damit jene Verinnerlichung mog-
lich werde, die wir dann in Augustinus und in anderen
erblicken. So mufite spater neuerdings diese innerlich so
fortgeschrittene Menschenseele RafiFael befruchtet werden
von dem Griechentume, das doppelt begraben war und
doch wieder hervorkam, das doppelt entzogen war: den
Blicken in den Bildwerken, die unten im Boden Italiens
vom Erdreidi bedeckt ruhten, und den Seelen in den begra-
benen Literaturwerken, die den griechischen Geist ausprag-
ten. Wenig, aufierordentlich wenig beriihrt waren diese
Jahrhunderte des ersten christlichen Jahrtausends in Italien
von dem, was in der griechischen Philosophic, in der grie-
chischen Dichtung lebte.
Doppelt begraben war das Griechentum und wartete
gleichsam wie in einem jenseitigen Reich auf einen Zeit-
punkt, wo es neuerdings die inzwischen durch eine neue
Religion hindurchgeschrittene Menschenseele befruchten
konnte. Begraben, sich den aufteren Augen der Menschen
entziehend, und begraben wieder audi fiir die Seelen, die
nicht ahnten, dafi es sich fortentwickeln wiirde, daft man es
hatte, wahrend es nur fortflofi wie ein Flu£, der manch-
mal eine Strecke weit unter einem Berge fortfliefk, sich den
Blicken entzieht und nachher wieder an die Oberflache
kommt. Begraben, aufierlich fiir die Sinne, innerlich fiir die
Tiefen der Seelen, war dieses Griechentum. Jetzt kam es
wieder hervor. Fiir die sinnliche Anschauung grub man es
heraus aus dem Boden Italiens in den kunstlerischen Wer-
ken; fiir die geistige Anschauung grub man es aus, indem
man es nicht nur aus den alten Manuskripten hervorholte,
sondern indem man wieder anfing, im griechischen Sinne
zu empfinden, wie der Geist in allem Sinnlichen lebt, wie
ailes Sinnliche die OfFenbarung des Geistigen ist. Man fing
wieder an zu empfinden, was einst Plato und Aristoteles
gedacht hatten.
Der aber, auf den das am meisten befruchtend wirken
konnte, weil seine Seele in ihren Anlagen die christlichen
Impulse am meisten verarbeitet hatte, das war Raffael. Bei
ihm wirkte sich dieses doppelt vorher begrabene und dop-
pelt wiedererstehende Griechentum jetzt so aus, daiS er im-
stande war, die ganze Entwicklung der Menschheit in Ge-
stalten zu pragen. Wie wunderbar vermochte er es in den
Bildern der « Camera della Segnatura», wo wir das alte
Geistesringen auf den Biidern wiedererstehen sehen, das
Ringen jener Geister, die sich herausgebildet haben in der
Zeit der Verinnerlichung, die nicht da waren in der Zeit
des Griechentums. Da£ sie so angescliaut werden konnten
zur Zeit Raffaels, dazu war die ganze Periode der Verin-
nerlichung notwendig. Jetzt sehen wir diese Verinnerlichung
an die Wande der papstlichen Zimmer gemalt.
Was sich die Griechen nur in Gestalten geformt gedacht
hatten, das sehen wir jetzt verinnerlicht. Die inneren Stre-
bungen undKampfstimmungen, welche die Menschheit selbst
durchgemacht hat, sehen wir nut griechischem Gestalten-
geist, mit griechischer Kunststimmung und Schonheit an die
Wande des papstlichen Palastes gezaubert. Wie sich die
Griechen vorstellten, dafi die Gotter auf die Welt wirkten,
das gossen sie aus iiber ihre Statuen. Wie die Menschen es
erlebt hatten, dafi sie fortschreiten zu den Griinden der
Dinge, das tritt uns in dem Bilde entgegen, das so oft die
«Schule von Athen» genannt wird. Wie die Menschenseele
gelernt hat die griechischen Gotter anzuschauen, das tritt
uns in einer eigentiimiichen Neugestaltung der Gotter Ho-
mers in dem «Parnafi» vor die Seele. Das sind nicht die
Gotter der Ilias und Odyssee, sondern das sind die Gotter,
wie sie eine Seele anschaute, die bereits durch die Epoche
der Verinnerlichung durchgegangen war!
An der anderen Wand sehen wir das Bild, das jedem,
gleichgiiltig, welchem religiosen Bekenntnisse er angehoren
mag, unvergefilich bleiben mufi - so wenig man jetzt nodi
eine Vorstellung davon bekommen kann — , das Bild, auf
dem ein Inner stes dargestellt wird, die «Disputa». Wah-
rend die anderen Bilder darstellen, wozu man sich durch
ein gewisses philosophisdies Streben hindurchringt, aber in
griechischer Formenschonheit, tritt uns in dem gegeniiber-
liegenden Bilde das Tiefste entgegen, was die Menschen-
seele erleben kann. Und wie wir nicht an ein enges christ-
liches Bewufttsein zu denken brauchen, das zeigt sich uns
hier, wenn wir das Brahma-, Vishnu-, Shiva-Motiv in
einer ganz anderen Art ausgedriickt finden. Wir sehen als
die Dreieinigkeit uns entgegentreten, was die menschliche
Seele innerlich erleben kann, jede Seele, welchem Bekennt-
nisse sie audi angehort. Es tritt uns entgegen, aber nicht
blofi symbolisch dargestellt, in der Symbolik der Dreieinig-
keit in dem oberen Teile des Bildes. Es tritt uns weiter ent-
gegen in jedem Antlitz der Kirchenvater und der Philo-
sophen, in jeder Handbewegung, in der ganzen Verteilung
der Gestalten, in der wunderbaren Farbengebung. Es tritt
uns entgegen in der Totalitat des Bildes, welches uns ein
Inner liches der Menschenseelegibt in der schonen, vom grie-
chischen Geiste durchzogenen Form. So sehen wir die In-
nerlichkeit, welche die Menschenseele im Verlaufe von an-
derthalb Jahrtausenden erlebt hat, als aufiere Offenbarung
wieder auferstehen. Wir sehen das Christen turn nicht als
das Heidentum der romischen Papste und Kardinale, son-
dern als das schone, herrliche Gestalten schafTende grie-
chische Heidentum - und doch Christentum - in den Bil-
dern RafTaels wiedererstehen.
So stent diese Raffael-Seele an der Wende, gleichsam an
der Wasserscheide der Zeiten, hinweisend auf ihre Vorzeit,
heraufholend, was sich bis zum Christentum in der Schon-
heit der aufieren Offenbarungen entwickelt hat, und zu-
gleich hingewendet zu dem, was sidi in der Menschheitsent-
wickelung herausgebildet hat als das, was man die «Erzie-
hung des Menschengeschlechts» nennt und was die wieder-
erstehende Seele zeigt, als die Verinnerlichung dieser Men-
sdienseele. Daher stehen wir vor diesen Bildern Raffaeis,
vor diesen Wunderwerken einer einzigartigen Kunst so,
dafi sie uns wie ein ZusammennuJS zweier Zeitalter er-
scheinen, die klar und deutlich voneinander geschiedensind:
das vorhergehende nachgriechische Zeitalter, das Zeitalter
des AuEenerlebens und das des Innenerlebens.
Aber wir stehen vor diesen Bildern so, dafi sie uns zu-
gleich eine PerspektiveindieZukunfthineineroffnen. Denn
wer von denen, die das erf iihlen, was im Zusammenflufi von
aufierer Schonheit und innerem weisheitsvollen Drange der
Menschenseele werden konnte, sollte nicht die Hoffnung
und die Gewahr dafiir empfinden, trotz aller Aufierlich-
keit, die sich auch im Fortgange der Menschheit immer wei-
ter und weiter entwickeln mufi, dafi diese Verinnerlichung
im Laufe der Entwickelung fortschreiten mufi, da6 die
Menschenseele immer innerlichere Perioden in den folgen-
den Leben finden mui5?
Man kann verstehen, was einem in der Literatur ent-
gegentritt, freilich nur entgegentritt, wenn man nicht als
Kunstgelehrter oder als blofier Leser an die Werke eines
Geistes wie Herman Grimm herangeht, der mit ganzer
Seele das Wirken der menschlichen Phantasie darzustellen
versuchte, man kann es verstehen, wenn man gerade an
einer gewissen Stelle von Herman Grimms RafFael-Werk
Worte findet, die einem dann zu etwas ganz Besonderem
werden, wenn man mit innigem Anteil einen solchen Geist
wie Herman Grimm betrachtet und sieht, wie dieser selber
wieder mit so innigem Anteile vor Raffaeis Schopfungen
stand. Aber man mufi es empfinden an jener S telle des
Raffael- Werkes, was Herman Grimm durch die Seele ge-
zogen ist, als er ein Wort gebrauchte, das er nur keusdi an-
deutet, schon auf den allerersten Seiten seines Buches, an
der S telle, bei der seinBlick auf das Her auswachsen Raff aels
aus alten Zeitaltern fallt. Man sieht eigentlich aus dem
Aufieren der Darstellung des Raffael-Werkes bei Herman
Grimm nicht recht ein, woher dieser Gedanke stammt.
Mitten unter weiten historischen Betraditungen, in die
Raffael hineingefiigt wird, geht Herman Grimm der Ge-
danke auf und wird hingeschrieben, keusch hingeschrieben:
«Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den
Augen, die mitzumachen mir versagt sein wird, die mir
aber als so glanzend schon erscheinen, daft es um ihret-
willen wohl der Miihe wert ware, das menschliche Leben
noch einmal zu beginnen.»
Merkwiirdig, diese Sehnsucht nacb «Wiederverkorpe-
rung» in der Einleitung zu seinem Raffael-Buche bei Her-
man Grimm, tief bezeichnend fur ein seelisches Fiihlen bei
einem Menschen, der sich ganz hinemzufiihlen versuchte in
die Seele Raffaels und in den Zusammenhang Raffaels mit
den anderen Zeitaltern. Fiihlt man da nicht etwas, was man
etwa so ausdriicken kann: Solche Werke wie die von Raffael
sind nicht nur ein Ergebnis. Sie fiihren nicht nur zu einer
Betrachtung, die uns sagen lafk, wie dankbar wir sein miis-
sen gegeniiber dem, was uns die Vergangenheiten bis zu
unserem Zeitalter gegeben haben, sondern solche Werke
konnen noch eine ganz andere Empfindung in uns erstehen
lassen, die Empfindung der Hoffnung, weil sie uns bef estigen
in dem Glauben an die f ortschreitende Menschheit, und weil
wir uns sagen miissen, dafi diese Werke nicht so sein konn-
ten, wenn die Menschheit nicht eine Wesenhaftigkeit ware,
der das Fortschreiten Natur ist. So wird uns Sicherheit, so
wird uns Hoffnung, wenn wir Raffael im richtigen Sinne
auf uns wirken lassen, und dann durfen wir sagen: Raffael
hat durch das, was er kiinstlerisch geschaffen hat, zur
Menschheit gesprochen!
Wenn wir die Fresken in der « Camera della Segnatura*
betrachten, dann fiihlen wir wohl die Verganglichkeit des
aufieren Werkes, und dafi wir aus den oft iibermalten Wer-
ken keine Vorstellung mehr von dem bekommen konnen,
was RafTael einst dort auf die Wand gezaubert hat. Wir
fiihlen, dafi einst eine Menschheit auf der Erde leben wird,
die nicht in der Lage sein wird, die Originalwerke auf sich
wirken zu lassen. Aber wir wissen, dafi die Menschheit im-
mer weiterschreiten wird.
Im Grunde genommen haben die Werke Raffaels erst
ihren Siegeszug genommen, als mit Hingabe und Liebe von
diesen Werken unzahKge Bilder und Stiche und Nachbil-
dungen hergestellt worden sind. Sie wirken fort, diese
Werke Raffaels, bis in dieNachbildungen hinein. Mankann
es verstehen, wenn wiederum Herman Grimm erzahlt, er
habe sich einmal eine grofie Phototypie der «Sixtinischen
Madonna» in sein Zimmer gehangt, und es sei ihm, wenn
er dieses Zimmer betrat, dann immer so gewesen, als ob er
nicht recht hineingehen diirfe, als ob es wie ein Heiligtum
der Madonna, dem Bilde gehore. Wohl mancher wird es
schon erlebt haben, wie die Seele eigentlich ein anderes
Wesen wird als sie sonst im gewohnlichen Leben ist, wenn
sie einem Raffaelschen Bilde wirklich hingegeben sein kann,
auch einer blolSen Nachbildung. Gewifi, die Originale wer^
den einstmals nicht mehr sein. Aber sind denn die Originale
auf anderen Gebieten vorhanden?
Wahr ist es, was Herman Grimm in seinem Homer-
Buche gesteht: Wir konnen auch die Originale des Homer
nicht mehr rich tig genie£en, weil wir im gewohnlichen Leben,
ohne hohere geistige Krafte, nidit mehr in der Lage sind,
in alle Fiigungen und Wendungen der griechisclien Sprache,
in ihre Schonheit und Gewalt uns hineinzuvertiefen, wenn
wir jetzt Homer in seiner «Ilias» und «Odyssee» auf uns
wirken Iassen. Die Originale haben wir auch da nicht mehr;
dennoch sprechen die Diditungen Homers zu uns. Aber was
Raffael aufierlich gegeben hat, das wird audi dann nodi als
ein lebendiges Zeugnis dafur leben, dafi es einmal in der
Entwicklung der Mensdiheit eine 2eit gegeben hat, in der
man sich im weitesten Umkreise nicht in Gedrucktes und
Geschriebenes vertiefen konnte - denn das war damals bei
weitem nicht gang und gabe -, in der aber in den Schop-
fungen Raff aels die Geheimnisse des Daseins zu den Augen
der Menschen gesprochen haben. Das Zeitalter Raff aels war
ein solches, welches weniger las, daf iir aber mehr sah. Zeugnis
von diesem Zeitalter, das anders geartet war, das aber fort-
wirken wird in alle kommenden Zeiten, weil die Mensch-
heit ein ganzer Organismus ist, Zeugnis daf iir wird das sein,
was Raff ael immerdar derMenschheit zu sagen haben wird.
So wird Raff aels Schopfung f ortleben im Gange der Mensch-
heitsentwickelung, fortleben auch innerlich in den auf einan-
derfolgenden Leben, die der Geist Raffaels zu durchleben
und in denen er der Menschheit immer Grofteres und immer
Verinnerlichteres zu geben hat.
So weist die Geisteswissenschaft sozusagen auf ein dop-
peltes Fortleben hin: auf jenes Fortleben, das in den bereits
gehaltenen Vortragen geschildert ist und noch weiter be-
sprochen werden wird, und auf ein anderes Geistesleben,
das wir ja immer anstreben, das zu unserm Erzieher wird,
wenn wir in immer neuen Epochen dieses Erdendasein
durchlaufen. Und richtig ist es, was Herman Grimm mit
Worten gesagt hat, in die er zusammenfafite, was sich in
seinem Gefiihl, in seiner Empfindung ergeben hat aus seiner
Gesamtbeschreibung RafFaels: Wenn audi einmal Raffaels
Werk Iangst verblichen, vernichtet sein wird, dann wird
Raffael der Menscliheit doch leben; denn in ihm ist der
Mensdiheit etwas geworden, was demGeistedieserMensch-
heit in jeglicher Beziehung eingepflanzt ist, was immerdar
keimen und Friichte tragen wird.
Das wird die Menschenseele empfinden, welche sich ge-
niigend in RafFael vertiefen kann. Im Grunde genommen
haben wir Raffael erst ganz verstanden, wenn wir eine
Empfindung, von der sidi Herman Grimm durchdrungen
fiihlte - wir haben das letztemal dargestellt, wie nahe er
der Geisteswissenschaft stand - als er Raffael immer wie-
der betrachtete, wenn wir diese Empfindung auch geistes-
wissenschaftlich erhohen und vertiefen konnen. Wir ver-
stehen uns selber in unserem Verhaltnis zu RafFael, wir
verstehen, wie solcbe Betrachtungen, wie sie heute an der
Anschauung RafFaels darzustellenversuchtworden sind, als
Keime aufgehen konnen, wenn wir zum Schluft zusammen-
fassen, was eigentlich heute hat gesagt sein wollen, in Satze
Herman Grimms: «Von RafFael werden die Mensdien im-
mer wissen wollen. Von dem jungen schonen Maler, der
alle anderen iibertraf. Der friih sterben mufke. Dessen Tod
ganz Rom betrauerte. Wenn die Werke Raffaels einmal
verloren sind, sein Name wird eingenistet bleiben in das
Gedachtnis der Menschen.»
So Herman Grimm, als er begann, in seiner Art RafFael zu
beschreiben. Wir verstehen es. Und wieder verstehen wir ihn,
wenn er am Schlusse seines Raffael-Werkes seine Betrach-
tung in die Worte ausklingen lafit: «Von der Lebensarbeit
eines solchen Menschen wird jeder wissen wollen. RafFael ist
zu einem der Elemente geworden, auf dem die hohere Bil-
dung des menschlichen Geistes beruht. Wir mochten ihm
naher treten, weil wir seiner zu unserem Wohlseinbedur fen. »
MARCHENDICHTUNGEN
IM LICHTE DER GEISTESFORSCHUNG
Berlin, 6.Februar 1913
Es gibt mancherlei, was es gewagt erscheinen lalk, gerade
iiber Marchendichtung im Lichte der Geistesforsdhiung zu
sprechen. Das eine ist die Schwierigkeit des Gegenstandes,
denn in der Tat miissen die Quellen in der menschlichen
Seele, aus denen die Marchenstimmung, die echte wahre
Marchenstimmung fliefit, so tief in dieser mensdilidien Seele
gesudit werden, dafi jene Methoden der Geistesforschung,
die von mir ja immer wieder geschildert worden sind, kom-
plizierte und lange Wege durdizumachen haben, bis gerade
diese Quellen gefunden werden konnen. Viel tiefer als man
eben meint, liegen in der menschlichen Seele die Quellen,
aus denen echte, wahre Marchendichtungen fliefien, wie sie
als etwas Zauberhaftes aus alien Jahrhunderten der Mensch-
heitsentwickelung zu uns sprechen.
Das zweite ist, daft man gerade dem Zauberhaften der
Marchendichtungen gegenuber in einem erhohten Mafie das
Gefuhl hat, dafi durch Betrachtungen, durch ideelles Durch-
dringen des Wesens des Marchens fiir die Seele das Elemen-
tare, der urspriingliche Eindruck vernichtet werde, ja, das
ganze Wesen der Marchenwirkung selbst. Hat man schon,
und das mit vollem Recht, Erklarungen, Kommentierungen
von Dichtungen gegenuber das Urteil, dafi sie den un-
mittelbaren asthetischen Eindruck, den unmittelbaren Le-
benseindruck zerstoren, den die Dichtung machen soil,
wenn man sie einfach elementar auf sich wirken lalk,
so sollte man noch viel mehr Erklarungen nicht gelten las-
sen gegeniiber dem unendlich Feinen und unendlich Zauber-
haften jener Dichtung, die als Marchen aus scheinbar so
tiefen und scheinbar so unergriindlichen Quellen des Volks-
gemUtes oder des einzelnen Menschengemiites hervorquillt.
Es ist wirklich so, als ob man die Bliite einer Pflanze zer-
storen wiirde, wenn man mit der Urteilskraft in das ein-
greifen wollte, was so urspriinglich aus der Mensdienseele
hervorquillt wie diese Marchendichtung.
Dennoch scheint es, daft es auf der einen Seite den Me-
thoden der Geistesforschungmoglich ist, wenigstens einiger-
mafien in jene Regionen des Seelenlebens hineinzuleuchten,
aus denen Marchendichtung und Marchenstimmung hervor-
quillt. Auf der anderen Seite scheint eine Erfahrung auch
gegen das zweite Bedenken zu sprechen. Gerade weil man
die Quellen der Marchendichtung und Marchenstimmung
so tief in der Seele suchen mufi, kommt man, ganz erfah-
rungsgemaft, zu der Oberzeugung, daft das, was man dann
wie eine geisteswissenschaftliche Erklarung zu geben hat,
doch nur etwas bleibt, was so leise die charakterisierte
Quelle beriihrt, daft sie durch eine solche Forschung nicht
nur nicht ruiniert wird, sondern im Gegenteil: das Bedeu-
tungsvolle, Wesenstiefe in der menschlichen Seele, aus dem
die Marchenstimmung quillt, liegt so, daft man das Gefuhl
hat, die Dinge, die da liegen, sind jederzeit fur diese Men-
sdienseele doch wiederum so neu, so individuell, so ur-
sprunglich, daft man sie selbst am liebsten in einer Art von
Marchen zum Ausdruck bringen mochte, weil man fuhlt,
wie unmoglich alles andere ist, um aus diesen tiefen Quel-
len heraus zu sprechen.
Es konnte durchaus sein, daft es eine ganz natiirliche
Stimmung ist, daft gerade jemand, der etwa so wie Goethe
neben seiner kunstlerischen Betatigung tief hineinzudringen
versuchte in die Quellen und Griinde des Daseins, dann,
wenn er ein tiefstesErlebenderMenschenseele zugebenhat,
doch nicht zu theoretischen Auseinandersetzungen greifl,
doch niditdurchForsdiungdieMarchenquelle zerstort, son-
dern dafi er gerade dann, wenn er in diese Quelle einen
Einblick gewonnen hat, fur die hochsten Ausspriiche und
Auslebungen der menschlichen Seele naturgemafi wieder
zum Marchen greift. So hat es Goethe ja getan in semem
«Marchen» von der griinen Schlange und der schonen Lilie,
als er in seiner Art jene tiefen Erlebnisse der Menschenseele
zum Ausdruck bringen wollte, die Schiller mehr philo-
sophisch abstrakt in seinen Brief en «t)ber die asthetische Er-
ziehung des Menschen» zum Ausdruck gebracht hat. Gerade
die Natur des Marchenhaften bringt es mit sich, dafi Mar-
chenerklarung und Marchen- Verstehen wohl niemals die
produktive Stimmung gegeniiber dem Marchen zerstoren
konnen, denn wer. vom Standpunkte der Geistesforschung
zu den besagten Quellen vorzudringen versucht, der findet
etwas ganz Eigentiimliches. Sollte ich alles sagen, was ich
gern iiber das Wesen des Marchens sagen mochte, dann
miifite ich viele Vortrage halten. Daher wird es heute nur
moglich sein, einige Andeutungen und Forschungsergebnisse
zu bringen.
Wer vom Standpunkte der Geistesforschung aus zu den
besagten Quellen vorzudringen versucht, findet namlich,
daiS diese Quellen zur Marchendichtung eigentlich viel de-
fer in der Menschenseele liegen als die Quellen der schaffen-
den und Geistiges geniefienden Menschenseele, welche sich
auslebt auch in den hinreifiendsten sonstigen Kunstwerken,
zum Beispiel in den erschiitterndsten Tragodien. Die Tra-
godie bringt zur Darstellung, was die Menschenseele erleben
kann an den Machten, von denen der Dichter sagt, dafi sie
herriihren von dem grofien, gigantischen Schicksal, das den
Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt. Tra-
godienerschutterungen riihren her von diesem Schicksal und
seiner Schilderung, aber so, dafi wir sagen konnen: Esliegen
verhaltnismafiig die Verwicklungen, die Faden, welche
durch die Tragodie gesponnen und wieder entsponnen wer-
den sollen, in gewissen individuellen Erlebnissen der Men-
schenseele an der Aufienwelt, die gewifi in vieler Beziehung
schwer zu ahnen sind, weil man nur. schwer in das Indi-
viduelle der Mensdienseele eindringt, die aber doch geahnt,
ergrundet werden konnen, wenn man Sinn fur das hat, was
in der Mensdienseele durch deren Verhaltnis zu dem Leben
geschieht. Man hat das Gefuhl, so oder so ist eine Seele in
dieses oder jenes Schicksal des Lebens verstrickt, wenn sie
Tragisches erlebt, wie es uns etwa dargestellt wird.
Tiefer als diese Verstrickungen des Tragischen liegen die
Quellen der Marchenstimmung und der Marchendichtung.
Wir fiihlen, dafi das Tragische und auch manches andere
Kiinstlerische sich ergibt, wenn wir den Menschen zum
Beispiel in einembestimmtenLebensalter, in einer bestimm-
ten Lebensperiode den oder jenen Schicksalsschlagen ausge-
setzt sehen. Wir miissen voraussetzen, wenn eine Tragodie
auf uns wirkt, dafi der Mensch zu den entsprechenden Ver-
wicklungen hingefiihrt ist durch ein individuelles Erleben,
und wir haben dann das Gefuhl: dieser eine Mensch, der
uns da in der Tragodie vorgefuhrt wird mit seinen beson-
deren Erlebnissen, der ist es, den wir verstehen miissen. Ein
gewisser umgrenzter Kreis des Menschlichen tritt uns in der
Tragodie und in anderen Kunstwerken entgegen.
Wenn wir verstandnisvoll an Marchendichtung und
Marchenstimmung herantreten, so haben wir ein anderes
Gefuhl, nicht dieses eben geschilderte, weil eben die Wir-
kung des Marchens auf die menschliche Seele eine urspriing-
liche und elementare ist, so dafi sie zuden unbewufiten Wir-
kungen gehort. Aber wenn wir versuchen, ein Gefiihl von
dem zu bekommen, was da vorliegt, so ist dieses Gefiihl
dahingehend, daft wir uns sagen konnen, was sich in den
verschiedenen Marchen zum Ausdruck bringt, i$t nicht das-
jenige, in was der Mensch durch eine bestimmte Lebens-
situation hineingebracht werden kann, ist nicht ein engbe-
grenzter Kreis menschlichen Erlebens, sondern etwas so
Tiefes in den Erlebnissen der Menschenseele, daft es allge-
mein menschlich ist. Wir konnen nicht sagen, dafi irgend-
eine Menschenseele in einem bestimmten Lebensalter, die
sich in eine bestimmte Situation hineinlebt, so etwas finden
kann, sondern was im Marchen zum Ausdruck kommt,
wurzelt so tief in der Seele, dafi der Mensch das erlebt,
gleichgultig, ob er Kind im ersten Kindheitsalter ist, ob er
Mensch in mittleren Jahren ist, oder ob er Greis gewor den ist.
Durch unser ganzes Leben zieht sich in den tiefsten
Seelenerlebnissen dasjenige, was im Marchen zum Ausdruck
kommt. Nur ist das Marchen von dem, was Erlebnis ist und
als Erlebnis zugrunde liegt, ein freier, offcmals sogar spie-
lerischer, bildhafter Ausdruck. Der asthetische, kunstlerische
Genufi des Marchens ist von dem, dem das Marchen in den
inneren Seelenerlebnissen entspricht, fur die Seele vielleicht
so weit entf ernt - der Vergleich kann gewagt werden -, wie
etwa das Geschmackserlebnis auf der Zunge, wenn wir eine
Speise genieften, entfernt ist von den verborgenen, kompli-
zierten Vorgangen, welche diese Speise im Gesamtorganis-
mus durchmacht, um ihrerseits zum Aufbau des Organis-
mus beizutragen. Was da die Speise durchmacht, entzieht
sich zunachst der menschlichen Beobachtung und Erkenntnis,
und alles, was der Mensch hat, ist der Genufi im Geschmack.
Beide haben zunachst scheinbar recht wenig miteinander
gemein, und niemand ist imstande, aus dem, wie er eine
Speise schmeckt, irgend etwas zu ergrunden iiber die Auf-
gabe dieser Speise in dem ganzen Lebensprozesse des mensch-
lichen Organismus. So ist das, was der Mensch im asthe-
tischen Genusse des Marchens erlebt, wohl weit, weit ent-
fernt von dem, was in der menschlichen Seele, tief unten im
Unbewufiten, geschieht, wenn das, was das Marchen von
sidi ausstromt und ausgiefit, mit der menschlichen Seele
sich verbindet, weil diese Seele ein untilgbares Bediirfms
hat, durch ihre geistigen Adern den Stoff des Marchens
rinnen zu lassen, wie der Organismus ein Bediirfnis hat, die
Nahrungsstoffe, die Nahrungssubstanzen durch sich zirku-
lieren zu lassen.
Wenn man diejenigen Methoden anwendet, welche hier
als die Methoden der Geistesforschung, als die Methoden
des Eindringens in die spirituellen Welten geschildert wor-
den sind, dann bekommt man auf einer bestimmten Stufe
der geistigen Erkenntnis ein Wissen davon, wie fortwah-
rend, der menschlichen Seele ganz unbewufit, geistige Pro-
zesse sich in den Tiefen dieser Menschenseele abspielen. Im
gewohnlichen normalen Leben ist es mit diesen geistigen
Prozessen, welche sich in den Tiefen der Seele abspielen, so,
dafi sie manchmal nur herauftauchen in leisen, auch fur das
Bewufitsein zu erhaschenden Traumerlebnissen. Wenn etwa
der Mensch unter besonders gunstigen Umstanden aus dem
Schlafe erwacht, kann er das Gefiihl haben: Du tauchst auf
aus einer geistigen Welt, in der gedacht worden ist, in der
gesonnen worden ist, in der sich etwas abspielte in den tief
unergriindlichen Untergriinden des Daseins, was zwar den
Erlebnissen des Tages ahnlich ist und was innig zusammen-
hangt mit deinem ganzen Wesen, was aber diesem bewuft-
ten Tagesleben tief verborgen ist.
Wenn der Geistesforscher einige Fortschritte gemachthat,
ja, wenn er schon einige Erfahrungen machen kann in der
Welt, in welcher geistige Wesenheiten und geistige Tat-
sachen sind, so geht es ihm doch oftmals ebenso. Er mag
nodi so weit vordringen, er kommt doch gleichsam immer
wieder nur an das Ufer einer Welt, in welcher ihm geistige
Vorgange aus dem tief Unbewufken entgegenkommen, von
denen er sich sagt: Sie hangen zusammen mit deinem Wesen,
du kannst sie einfangen fast wie eine Fata Morgana, die
vor deinem geistigen Blicke auftritt, aber sie ergebeh sich
dir doch nicht vollstandig.
Das ist das eigentiimlichste Erlebnis, das man haben
kann, dieses Hineinschauen in das Unergriindliche der gei-
stigen Zusammenhange, in denen die Menschenseele drin-
nensteht. Beim aufmerksamen Verfolgen gewisser intimer
Seelenvorgange ergibt sich zum Beispiel, daft diejenigen
Seelenkonflikte, die der Mensch auch in den Tiefen der
Seele erlebt und die er in Kunstwerken, in den Tragodien
darstellt, verhaltnismaftig leicht zu uberschauen sind gegen-
iiber gewissen allgemein menschlichen Seelenkonflikten, von
denen das tagliche Leben eigentlich nichts ahnt, und die
doch jeder Mensch in jedem Lebensalter durchmacht.
Ein soldier Seelenkonflikt, den man durch die Geistes-
forschung entdeckt, spielt sich zum Beispiel, ohne dafi das
alltagliche Bewufttsein etwas da von weifi, jeden Tag beim
Aufwachen ab, wenn die Seele aus der Welt heraustritt, in
welcher sie unbewuftt wahrend des Schlafes ist, wenn sie
wieder untertaucht in ihren physischen Leib. Wie gesagt,
das alltagliche Bewufksein ahnt nichts davon, und doch
spielt sich da als Erlebnis der Seele alltaglich auf dem
Grunde dieser Seele ein Kampf ab, den man auch in der
Geistesforschung nur leise erhaschen kann, ein Kampf, der
alles das in sich schlieftt, was man nennen kann den Kampf
der in sich geschlossenen, sich in sich erlebenden, einsamen
und ihre Geisteswege suchenden Seele mit den gigantischen
Kraften des Naturdaseins, denen wir ja im aufieren Leben
gegeniiberstehen, wenn wir gewissermaften menschlich-hilf-
los dastehen und erleben, wie Donner und Blitz, wie die
Elemente sich iiber den hilflosen Menschen entladen.
Aber das alles, und selbst, wenn es so gigantisch auf tritt,
wie manche nur seltenen elementarischen Naturerlebnisse
in ihrem Verhaltnis zum Menschen, ist eine Kleinigkeit
gegeniiber dem Kampfe, der im Unbewuftten bleibt, der
sich abspielt beim Aufwachen, wenn die Seele, die in sich
ihr seeKsches Dasein erlebt, sich nun verbinden mufi mit
den Kraften und Substanzen des rein natiirlichen Leibes, in
welchen sie untertaucht, um sich ihrer Sinne wieder zu be-
dienen, die von Naturkraften beherrscht werden, und um
sich der GliedmaEen zu bedienen, in denen Naturkrafte
spielen. Es ist wie eine Sehnsucht der Menschenseele, in das
rein Natiirliche unterzutauchen, eine Sehnsucht, die sich ja
bei jedem Aufwachen erfullt, und zu gleicher Zeit ist es wie
ein Zuruckbeben, ein Sichhilf losfuhlen gegeniiber dem, was
wieder als ewiger Gegensatz zur Menschenseele existiert,
gegeniiber dem rein Natiirlichen, das in der aufieren Leib-
lichkeit waltet, in die hinein man erwacht. So sonderbar es
klingt, dafi ein soldier Kampf sich taglich abspielt auf dem
Grunde der Menschenseele, so ist es doch ein Erlebnis, das
an der Menschenseele eben unbewulk vorbeizieht. Wissen
kann die Menschenseele nicht, was sich da vollzieht, aber
sie erlebt diesen Kampf jeden neuen Morgen, und es stent
jede Seele, trotzdem sie nichts davon weifi, durch alles, was
sie ist, durch ihre ganzen Eigenschaften, durch ihr ganzes
Wesen, durch die individuelle Nuance ihres Seins doch
unter dem Eindrucke dieses Kampfes.
Ein anderes, was sich in den Tiefen der Menschenseele
abspielt und durch die Geistesforschung wie erhascht wer-
den kann, ist das, was der Moment des Einschlafens dar-
stellt. Wenn die Menschenseele sich aus den Sinnen und aus
den Gliedmafien herausgezogen hat, wenn sie gewisser-
maften den aufieren Leib in der physisch-sinnlichen Welt
zuriickgelassen hat, dann tritt an sie heran das, was man
nennen kann ein Fuhlen ihrer InnerKchkeit. Dann erst
erlebt sie unbewufit die inneren Kampfe, die sich dadurch
abspielen, daft diese menschliche Seele im Leben an die
auftere Materie gebunden ist und Dinge tun mufi, die da-
von herkommen, daft sie mit der aufteren Materie verstrickt
ist. Sie fiihlt die Anhangsel mit der Sinneswelt, mit denen
sie belastet ist, und sie fiihlt diese Anhangsel als die Hin-
dernisse, welche sie moralisch zuruckhalten. Eine moralische
Stimmung, von der alle aufteren moralischen Stimmungen
keinen BegrifT geben konnen, spielt sich unbewufit und nach
dem Einschlafen in den Schlaf hinein in der Menschenseele
ab, wenn sie mit sich allein ist. Und mancherlei andere
Stimmungen gehen in der Seele gerade dann vor, wenn
diese Seele leibfrei ist, wenn sie ein rein geistiges Dasein
fuhrt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
Aber man darf sich nicht vorstellen, daft diese in der
Tiefe der Seele sich abspielenden Ereignisse im wachen Zu-
stande nicht da waren. Geistesforschung zeigt zum Beispiel
eines als ein sehr interessantes Ergebnis. Sie zeigt, daft der
Mensch nicht etwa nur dann traumt, wenn er zu traumen
glaubt, sondern daft er den ganzen Tag hindurch traumt.
In Wahrheit ist die Seele immer voll von Traumen, nur
merkt sie der Mensch noch nicht, weil das Tagesbewufttsein
gegemiber dem Traumbewufttsein das Starkere ist. Wie ein
schwacheresLichtdurchdieWirkung eines starkerenLichtes
ausgeloscht wird, so wird durch das Tagesbewufttsein das
ausgeloscht, was sich gerade wahrend des Tageslebens als
ein ganz kontinuierliches Traumerlebnis immer abspielt,
was immer auf dem Grunde der Seele vorhanden ist. Der
Mensch traumt immer, nur ist er sich dessen nicht immer
bewufit, und aus der Fiille von Traumerlebnissen, von un-
bewufk bleibenden Traumen, die ein Unendliches gegen-
iiber den Erlebnissen des Tagesbewufttseins darstellen, he-
ben sich heraus - wie sidi aus einem weiten See ein einzelner
Wassertropf en herausheben wiirde, der in der iibrigen Was-
sermenge enthalten ist - die dem Menschen zum Bewuik-
sein kommenden Traume. Aber dieses unbewufk bleibende
Traumen ist ein geistiges Erleben der Seele. Da gehen also
Dinge, Erlebnisse auf dem Grunde der Seele vor. Geistige,
tief in unbewulken Regionen gelegene Erlebnisse der Seele
gehen so vor sich, wie sich im Leibe chemische Vorgange
abspielen, die im Unbewufiten liegen.
Wenn wir nun mit den eben entwickelten Tatsachen eine
andere zusammenbringen, die sich uns hier aus diesen Vor-
tragen schon ergeben hat, so wird noch ein anderes Licht
geworfen auf die verborgenen Seiten des Seelenlebens, von
denen eben die Rede war. Wir habenes ofter hervorgehoben,
und besonders wurde es wieder gelegentlich des letzten
Vortrages betont, daft sich im Laufe der Entwickelung der
Menschheit auf der Erde das ganze menschliche Seelenleben
geandert hat. Wenn wir weit, weit in den Verlauf der
Menschheitsentwickelung zuruckblicken, dann finden wir
die Seele des Urmenschen mit ganz anderen Erlebnissen als
die heutige Menschenseele. Wir haben schon davon gespro-
chen und werden in kunftigen Vortragen noch weiter davon
sprechen, daE der Urmensch in friihenZeiten der Entwicke-
lung ein gewisses urspriingliches Hellsehen hatte. Dasjenige
Anschauen der Welt, welches heute im wachen Zustande
der Seele das normale ist, wo wir die Sinneseindrucke hin-
nehmen durch die aufiere Anregung, und wo wir durch
Verstand, Vernunft, Gef iihl und Wille im heutigen Bewufit-
sein diese Sinneseindrucke verbinden, dieses Bewufksein ist
nur dasjenige der Gegenwart. Es hat sich herausentwickelt
aus alteren Bewufttseinsformen der Menschheit, die, wenn
wir das "Wort im guten Sinne anwenden, mehr hellseherische
Zustande waren, in denen die Menschen in der Lage waren,
in gewissen Zwischenzustanden zwischen Wachen und Schla-
fen in ganz normaler Weise von geistigen Welten etwas zu
erleben, so dafi der Mensch, wenn er damals audi noch nicht
seiner selbst sidi bewulk werden konnte, doch fiir sein nor-
males Bewufitsein weniger fremd war jenen Erlebnissen,
die sich in den Tiefen der Seele so abspielen, wie sie heute
erwahnt worden sind.
Der Mensdi sah in der Urzeit mehr seinen Zusammen-
hang mit der geistigen Welt aufier ihm. Er sah, wie die
Dinge, die sich in seiner Seele abspielen, diese tief in der
Seele liegenden Ereignisse, zusammenhangen mit gewissen
geistigen Tatsachen, die im Universum leben. Er sah diese
geistigen Tatsachen durch seine Seele gehen, fuhlte sich noch
viel mehr verwandt mit den geistig-seelischen Wesenheiten
und Tatsachen des Universums. Das war eine Eigenschaft
des urspriinglich hellseherischen Zustandes der Menschheit.
Und wie man heute nur in ganz besonderen Stimmungen
das folgende Gefuhl haben kann, so hatte man es in alteren
Zeiten oft und oft, hatte es vielleicht nicht nur als kunst-
lerischer Mensch, sondern als ganz primitiver Mensch.
Es kann sich ergeben, da£ in den Tiefen der Seele ganz
unbestimmt, so unbestimmt wie moglich, ein Erlebnis ruht,
das nicht in das Bewufitsein herauf kommt, ein Erlebnis wie
die eben geschilderten, das sich in den Tiefen der Seele
abspielt. Es kommt gar nichts von diesem Erlebnis in das
bewufite Tagesleben herein. Aber es ist etwas da in der
Seele, wie im Organismus der Hunger da ist, richtig wie im
Organismus Hunger vorhanden ist. Und wie man fiir den
Hunger etwas braucht, so braucht man etwas fiir diese un-
bestimmte Stimmung, die aus dem tief in der Seele ge-
legenen Erlebnis stammt. Dann fiihlt man sich gedrungen,
zu einem entweder vorliegenden Marchen, zu einer Sage zu
greifen, oder vielleicht, wenn man eine kunstlerische Natur
ist, selber so etwas auszugestalten, was man so empfindet,
dafi alle Worte, die man theoretisch brauchen kann, einem
diesen Erlebnissen gegeniiber wie ein Stammeln vorkorn-
men, und so entstehen eben Marchenbilder. Dieses bewulke
Erfiillen der Seele mit den Marchenbildern ist dann das,
was Nahrung der Seele ist gegeniiber dem Hunger, der eben
charakterisiert worden ist.
Weil in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung jede
Mensdbenseele noch einem hellseherischen Wahrnehmen der
geistigen Innenerlebnisse der Seele naher stand, deshalb
konnte unter Umstanden das einfache Volksgemut, indem
es viel deutKcher, als es heute der Fall sein kann, den eben
charakterisierten Hunger empfand, die Nahrung in solchen
Bildern suchen, die dann durch die schaffende Menschen-
seele entstanden sind und die wir heute in den Marchen-
uberlief erungen der verschiedenen Volker haben. Verwandt
fuhlte sich die Menschenseele mit dem, was geistiges Dasein
ist. Sie fuhlte mehr oder weniger bewufit die inneren Kampf e,
die sie zu durchleben hatte, ohne sie zu verstehen, und
pragte sie aus in Bildern, die daher nur eine entfernte Ahn-
lichkeit mit dem haben, was sich in den Untergriinden der
Seele abspielte. Und doch - man kann fuhlen, wie ein Zu-
sammenhang besteht zwischen dem, was sich im Marchen
ausdruckt, und diesen unergriindlich tiefen Erlebnissen der
Menschenseele.
Ein kindliches Gemiit - die Erfahrung, das Erlebnis kann
das durchaus zeigen - kommt oftmals dazu, in seinem In-
nern sich etwas zu erschaffen wie einen einfachen Genossen,
einen Genossen, der eigentlich nur fiir dieses kindliche Ge-
miit da ist, der es aber doch begleitet, der mittut bei den
verschiedensten Lebensereignissen. Wer sollte zum Beispiel
nidit Kinder kennen, welche gewisse unsichtbare Freunde
mit sich durchs Leben fiihren, Freunde, von denen Sie sich
vorstellen miissen, dafi sie da sind, wenn etwas geschieht,
was die Kinder freut, welche teilnehmen miissen als un-
sichtbare Geistesgenossen, Seelengenossen, wenn das Kind
dieses oder jenes erlebt? Man kann im Bereiche des mensch-
lichen Erfahrens recht oft zu dem Erlebnis kommen, wie
schlimm es auf das kindliche Gemiit wirkt, wenn dann der
« verstandige» Mensch kommt und hort, wie das Kind einen
solchen Seelengenossen hat, und ihm nun diesen Seelen-
genossen ausreden mochte, es vielleicht sogar fiir das Kind
heilsam halt, diesen Genossen ihm auszureden. Das Kind
trauert um seinen Seelengenossen. Und wenn es empfang-
lich ist fiir geistig-seelische Stimmungen, so bedeutet diese
Trauer noch viel mehr, kann ein Krankeln, ein Siechwerden
des Kindes bedeuten. Das ist ein durchaus reales Erlebnis,
das mit tief innern Ereignissen der Menschenseele zusam-
menhangt.
Ohne dafi wir das «Aroma» des Marchens zerstauben,
konnen wir dieses einfache Erlebnis fiihlen im Marchen
vom Kinde und der Unke, das die Briider Grimm mit-
geteilt haben. Sie erzahlen uns von dem Kinde, welches im-
mer eine Unke mitessen laftt. Die Unke geniefit aber nur
die Milch. Das Kind spricht mit dem Tiere wie mit einem
Menschen. Da will es ernes Tages, dafi die Unke auch von
seinem Brot mitessen soil. Da hort das die Mutter, sie
kommt herzu und schlagt das Tier tot. Das Kind siecht
dahin, es krankelt und stirbt.
Wir fiihlen in dem Marchen Seelenstimmungen nach-
schwingen, die absolut, tatsachlich in den Tiefen der Seele
sich abspielen und wirklich so sich abspielen, dafi die Men-
schenseele mit den Stimmungen nicht nur in gewissen Le-
bensperioden bekannt ist, sondern einfach dadurch, daE der
Mensch Mensch ist, gleichgiiltig, ob Kind oder Erwachsener.
Daher kann jede Menschenseele nachschwingen fiihlen, wie
das, was sie erlebt und nicht versteht, was sie gar nicht ein-
mal ins Bewulksein herauf bringt, zusammenhangt mit dem,
was dann in den Marchen fur die Seele ebenso wirkt, wie
die Speise auf den Geschmack der Zunge. Und dann wird
das Marchen etwas Xhnliches fiir die Seele, wie der Nah-
rungsstoff, wenn er fiir den Organismus verwendet wird.
Reizvoll ist es, in den tiefen Seelenerlebnissen das zu suchen,
was dann in den verschiedenen Marchen nachklingt. Es
ware natiirHch eine ganz erhebliche Aufgabe, die einzelnen
Marchen, die so zahlreich gesammelt sind, wirklich gerade
daraufhin zu priifen. Das wiirde sehr viel Zeit in Anspruch
nehmen. Aber was vielleicht an einzelnen Marchen veran-
schaulicht werden kann, das kann auf alle Marchen ange-
wendet werden, die man als echte Marchen finden kann.
Nehmen wir ein anderes Marchen, das auch die Gebriider
Grimm gesammelt haben, das Marchen vom Rumpelstilz-
chen. Der Miiller, der von seiner Tochter dem Konige ge-
geniiber behauptet, daft sie Stroh zu Gold spinnen kann,
wird vom Konig aufgefordert, die Tochter ins Schlofi kom-
men zu lassen, damit man dort ihre Kunst gewahr werden
kann. Die Tochter kommt ins SchlolL Sie wird in eine
Kammer eingesperrt und es wird ihr, damit sie ihre Kunst
zeigen kann, ein Biindel Stroh gegeben. Als sie in der Kam-
mer ist, ist sie ganz hilf los. Und wie sie nun so hilflos ist, da
erscheint vor ihr ein kleines Mannchen. Das sagte zu ihr: "Was
gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Die
Mullerstochter gibt ihm ihr Halsband, und das kleine
Mannchen verspinnt ihr darauf das Stroh zu Gold. Der
Konig ist dariiber sehr verwundert, aber er will noch mehr
haben, und sie soil noch einmal Stroh zu Gold verspinnen.
Wieder wird die Miillerstochter in eine Kammer einge-
sperrt, und wie sie vor dem vielen Stroh sitzt, da erscheint
wiederum das kleine Mannchen und sagt: Was gibst du mir,
wenn ich dir das Stroh zu Gold verspinne? Sie gibt ihm ein
Ringlein, und es wird wiederum von dem Mannlein das
Stroh zu Gold versponnen. Der Konig aber will nodi mehr
haben. Und als sie nun zum drittenmal in der Kammer
sitzt und das Mannlein wieder erscheint, da hat sie nichts
mehr, was sie ihm geben kann. Da sagt das Mannlein, dafi
sie, wenn sie einmal Konigin sein werde, ihm das erste Kind
geben solle, das sie gebiert. Sie verspricht es. Und als das
Kind da ist und das kleine Mannchen dann kommt und sie
an ihr Versprechen erinnert, da mochte die Miillerstochter
Aufschub haben. Darauf sagt das Mannchen zu ihr: «Wenn
du meinen Namen mir nennst, dann kannst du dich von
deinem Versprechen befreien.» Die Miillerstochter schickt
nun iiberall herum. Sie will alle Namen wissen und audi
jenen Namen, den das Mannchen hat. Schliefilich gelingt es
ihr wirklich, nachdem vorher einige vergebliche Versuche
gemacht worden sind, den Namen des Mannchens - Rum-
pelstilzchen -, zu nennen.
Wirklich keinem anderen Kunstwerke als dem Marchen
gegeniiber hat man so sehr das Gefiihl, dafi man an dem
unmittelbaren Bilde die innerste Freude haben und dennoch
wissen kann von dem tiefinneren Seelenerlebnis, aus dem
ein solches Marchen herausgeboren worden ist, Wenn auch
der Vergleich trivial ist, so konnte er vielleicht doch tref-
fend sein: Geradeso, wie ein Mensch ganz gut die Chemie
der Nahrungsmittel kennen, und doch Geschmack haben
kann an einem guten Bissen, so ist es auch moglich, dafi
man etwas wissen kann liber die tief en inneren Seelenerleb-
nisse, die nur erlebt, nicht «gewujSt» werden, und die sich
auf die angedeutete Weise in den Marchenbildern ausleben.
Ja, diese einsame Menschenseele — denn im Schlafe, aber
audi wahrend des ubrigen Lebens ist sie ja doch fur sich
einsam, wenn sie audi mit dem Korper verbunden ist- sie
fiihlt, aber unbewufit, sie erlebt und versteht es nicht, den
ganzen Gegensatz, in welchem sie zu ihren eigenen unend-
lichen Aufgaben ist, zu ihrem eigenen Hineingestelltsein in
die Welt des Gottlichen.
Wie wenig die Menschenseele vermag, das fiihlt sie schon,
wenn sie ihr Konnen vergleicht mit dem, was die Natur
draufien kann, die alle Dinge ineinarider verwandelt, die
wirklich die groiKe Zauberin ist, welche die Menschenseele
so gern sein mochte. Im Bewuiksein mag es hingehen, leich-
ten Herzens hinwegzukommen tiber diesen Abstand des
menschlichen Innern gegeniiber der Allweisheit und All-
macht des Geistes der Natur. Aber in den tiefen Seelen-
erlebnissen geht die Sache nicht so einfach ab. Da miilke
die menschliche Seele zugrunde gehen, wenn sie in sich nicht
doch eine noch tiefere Wesenheit in der zunachst wahrnehm-
baren Wesenheit fiihlen wiirde, eine Wesenheit, auf die sie
bauen darf, von der sie sich sagen darf : Wie unvollkommen
du jetzt audi noch dastehen mufit - diese Wesenheit ist klii-
ger in dir, sie waltet in dir, sie kann dich emportragen zu
hochstem Konnen, sie kann dir Fliigel verleihen, indem du
vor dir eine unendliche Perspektive ausgebreitet siehst in
eine unendliche Zukunft hinein. Du wirst konnen, was du
jetzt noch nicht kannst, denn es gibt etwas in dir, was
unendlich mehr ist, als dein «Wissendes». Das ist dir ein
treuer Heifer. Du mulk nur ein Verhaltnis dazu gewinnen,
du mufit nur wirklich einen BegrifF verbinden konnen mit
dieser in dir selber wohnenden kliigeren, weiseren, geschick-
teren Wesenheit, als du selbst bist.
Und nun versuche man wieder, diesen Umgang der Men-
schenseele mit sich selbst, diesen unbewufiten Umgang mit
dem geschickteren Teile in der Seele sich zu vergegenwar-
tigen, und man versuche, nachschwingen zu fiihlen in die-
sem Marchen vom Rumpelstilzchen, was da die Seele erlebt
in der Miillerstochter, die nicht das Stroh zu Gold verspin-
nen kann, die aber in dem Mannchen einen geschickten,
treuen Heifer findet. Man hat da tief in den Untergriinden
der Seele liegend, in Bildern, deren Aroma nicht vernichtet
wird, wenn man den Ursprung kennt, tiefinneres Seelen-
leben gegeben.
Oder nehmen wir ein anderes, und seien Sie mir nicht
bose, wenn ich dieses andere mit gewissen Dingen ver-
kniipfe, die vielleicht einen scheinbar personlichen Anstrich
haben, die aber durchaus nicht personlich gemeint sind. Aber
es wird sich das, um was es sich dabei handelt, erklaren,
wenn ich diese kleine personliche Nuance dabei zur Gel-
tung bringe.
In meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» finden Sie
eine Schilderung der Weltenevolution. Ober diese selbst
will ich jetzt nicht sprechen, das kann bei anderer Gelegen-
heit geschehen. In dieser Weltenevolution wird davon ge-
sprochen, daiS unsere Erde selber als Planet im Weltenall
gewisse Stadien durchgemacht hat, welche wir mit den auf-
einanderfolgenden Leben des einzelnen Menschen verglei-
chen konnen, Wie der einzelne Mensch durch aufeinander-
f olgende Leben geht, so hat unsere Erde verschiedene plane-
tarische Lebensstufen, Verkorperungen durchgemacht. Aus
gewissen Grunden heraus sprechen wir in der Geisteswissen-
schaft davon, dafi die Erde, bevor sie ihr «Erden»-Dasein
begonnen hat, eine Art von «Monden»-Dasein durchge-
macht hat, und vor diesem eine Art von «Sonnen»-Dasein;
so dafi wir davon sprechen konnen, da£ ein Sonnen-Dasein
als planetarisches Vorganger-Dasein unseres Erden-Daseins
in urferner Vergangenheit vorhanden war, eine uralte
Sonne, die noch mit der Erde verbunden war. Dann trat im
Laufe der Entwickelung eine Spaltung zwischen Sonne und
Erde ein. Aus dem, was urspriinglich Sonne war, spaltete
sidi audi der Mond ab und die heutige Sonne, die nicht jene
urspriingliche Sonne ist, sondern gleichsam nur ein Stuck
davon, so daft wir von der urspriinglichen Sonne und sozu-
sagen von ihrer Nachfolgerin, der heutigen Sonne, sprechen
konnen. Und auch von dem heutigen Monde konnen wir
sprechen wie von einem Erzeugnis der alten Sonne. Wenn
nun die geisteswissenschaftliche Forschung im riicklaufigen
Anschauen die Erdenentwkkelung bis zu dem Zeitpunkte
verfolgt, wo sich die zweite Sonne, die jetzige Sonne, als
selbstandigerWeltenkorper entwickelte, somufi man sagen,
daft damals unter den Wesen, die schon aufterlich sinnlich
hatten wahrnehmbar sein konnen, in der Tierreihe nur
die Wesen waren, die hinauf bis zur Anlage der Fische sich
entwickelt hatten.
Diese Dinge kann man alle genauer in der «Geheimwis-
senschafl» nachlesen - und auch einsehen. Gefunden werden
konnen sie allerdings bloft aus den geisteswissenschaftlichen
Forschungsmethoden heraus. Damals, als sie gefunden und
von mir niedergeschrieben worden sind, das heiftt, gefun-
den wurden sie nicht, als sie gerade in der «Geheimwissen-
schafU von mir niedergeschrieben wurden, aber als sie so-
zusagen fur mich gefunden wurden und dann niederge-
schrieben worden sind, da war mir - und das ist das Per-
sonliche, was ich einfugen mochte - jenes Marchen ganz
unbekannt, und ich kann es sehr genau konstatieren, daft es
mir ganz unbekannt war, da ich es erst spater in der «V6l-
kerpsychologie» von Wundt fand, dessen Quellen ich dann
erst weiterverfolgt habe.
Ich will nun, bevor ich das Marchen kurz skizziere, nur
das eine noch vorausschicken: Alles, was so der Geistes-
forscher in der geistigen Welt erforschen kann - und diese
Dinge, die eben angefiihrt worden sind, miissen ja in der
geistigen Welt erforscht werden, denn sie sind ja sonst audi
nicht mehr da -, alles was so erforscht wird, stellt doch die
Welt dar, mit der die Menschenseele verbunden ist. Wir
sind in den tiefsten Untergriinden unserer Seele mit dieser
Welt verbunden. Sie ist immer da, ja, wir treten sogar un-
bewufit in diese geistige Welt ein, wenn wir im normalen
Leben in Schlaf versinken. Unsere Seele ist damit verbun-
den, und sie hat in sich nicht nur jene Erlebnisse, die sie
wahrend des Schlafes bekommt, sondern auch diejenigen,
welche mit der ganzen Entwickelung zusammenhangen, die
eben angedeutet worden ist. Wenn es nicht paradox ware,
mochte man sagen: im unbewufiten Zustande wei£ die Seele
davon, erlebt die Seele sich selber in dem fortgehenden
Strome, der da ausging von der ursprunglichen Sonne und
dann von der Tochter-Sonne, die wir jetzt am Himmel er-
glanzen sehen, und von dem Monde, der auch die Nach-
kommenschaft der ursprunglichen Sonne ist. Und auch das
erlebt die Menschenseele, daJS sie, geistig-seelisch, ein Dasein
durchgemacht hat, in welchem sie noch nicht mit der irdischen
Materie verkniipft war, in dem sie aber auf die irdischen
Vorgange hinunterschauen konnte, zum Beispiel auf die
Zeit, wahrend welcher die hochsten tierischen Organismen
die Fisch-Anlagen waren, wo die jetzige Sonne, der jetzige
Mond entstanden und sich von der Erde abspalteten. Im
Unbewufiten ist die Seele mit diesen Vorgangen verkniipft.
Jetzt verfolgen wir ganz kurz und skizzenhaft ein bei
primitiven Volkern sich findendes Marchen. Jene Volker
erzahlen: Es war einmal ein Mann. Der war aber eigentlich
als Mensch von der Wesenheit des Baumharzes und konnte
seine Arbeit immer nur wahrend der Nacht verrichten, denn
er wiirde, wenn er bei Tag seine Arbeit verrichtet hatte, von
der Sonne zerschmolzen worden sein. Eines Tages passierte
es ihm aber, dafi er doch bei Tage ausging, urn Fische zu
fangen. Und siehe da, der Mann, der das Baumharz eigent-
lich darstellt, schmolz dahin. Seine Sonne beschlossen, ihn
zu rachen. Und sie schossen Pfeile. So schossen sie Pfeile,
dafi diese Pfeile gewisse Figuren bildeten, sich iibereinander
auftiirmten, und dafi eine Leiter entstand bis in den Him-
mel hinauf. Auf dieser Leiter kletterten sie hinauf , der eine
wahrend des Tages, der andere wahrend der Nacht. Und
es wurde der eine die Sonne, und der andere wurde der
Mond.
Es ist nicht meine Gewohnheit, in abstrakter Weise solche
Dinge zu deuten und verstandesmafiige Begriffe hineinzu-
bringen. Aber etwas anderes ist es, das Forschungsergebnis
zu f uhlen, dafi die Menschenseele in ihren Tief en verbunden
ist mit dem, was in der Welt geschieht und nur geistig zu
erfassen ist, dafi diese Menschenseele mit alledem verbun-
den ist und einen Hunger hat, das, was ihre tiefsten unbe-
wufiten Erlebnisse sind, in Bildern zu geniefien. Wenn man
das fuhlt, dann fuhlt man nachvibrieren, was die Menschen-
seele erlebte als die ursprungliche Sonne und als das Ent-
stehen von Sonne und Mond zur Fischzeit der Erde, wenn
man das eben skizzierte Marchen anfiihrt. Und es war mir
in gewisser Beziehung - das ist wieder die personliche
Nuance - ein ganz gewichtiges Erlebnis, als ich, lange nach-
dem diese erwahnten Dinge in meiner «Geheimwissenschaft»
standen, dieses Marchen entdeckte. Wenn es mir nun auch
durchaus nicht einfallt, in abstrakter Weise dieses Ganze zu
deuten, so verschwistert sich mir doch ein ganz bestimmtes
Gefuhl, das ich habe, wenn ich die Weltenevolution be-
trachte, mit einem anderen, wenn ich mich dann den wun-
derbaren Bildern dieses Marchens hingebe.
Oder nehmen wir ein anderes, ein merkwiirdiges me-
lanesisches Marchen. Erinnern wir uns, bevor wir von die-
sem Marchen sprechen, daran, dafi die Menschenseele, wie
es die Geistesforschung ergibt, eben durchaus zusammen-
hangt audi mit den gegenwartigen Ereignissen und Tat-
sachen des Universums. Wenn das auch zu bildhajft gespro-
chen ist, so ist es doch geisteswissenscliaftlich in einer ge-
wissen Beziehung richtig, wenn wir sagen: Wenn die Men-
schenseele im Schlafe den physischen Leib verlafit, so fiihrt
sie einDasein unmittelbar zusammenhangend mit dem gan-
zen Kosmos, f iihlt sich verwandt mit dem ganzen Kosmos.
Es gibt eine Moglichkeit, urn sich leicht an die Verwandt-
schafb der Menschenseele, zum Beispiel des menschlichen Ichs
mit dem Kosmos zu erinnern, oder wenigstens mit etwas
Bedeutungsvollem im Kosmos. Wir richten den Blick hin
auf die Pflanzenwelt und sagen uns: Diese Pflanze wachst,
aber sie kann nur wachsen unter dem Einflufi von Sonnen-
licht und Sonnenwarme. Da haben wir vor uns in der Erde
wurzelnd die Pflanze. "Wir sagen in der Geisteswissenschaft:
Diese Pflanze besteht aus ihrem physischen Leibe und aus
dem Lebensleibe, der sie durchzieht. Aber das geniigt nicht,
damit die Pflanze wachst und sich entfaltet. Dazu sind die
Krafte notwendig, die von der Sonne auf die Pflanze
wirken.
Wenn wir nun den Menschenleib betrachten, wahrend
der Mensch schlaft, dann hat dieser schlaf ende Menschenleib
gewissermafien den Wert einer Pflanze. Er ist als schlafen-
der Leib etwas Ahnliches wie die Pflanze, denn er hat die
Kraft zu wachsen, welche die Pflanze in sich hat. Aber der
Mensch ist emanzipiert von jener kosmischen Ordnung, in
welche die Pflanze eingesponnen ist. Die Pflanze mu£ ab-
warten, damit das Sonnenlicht auf sie wirken kann, Auf-
gang und Untergang der Sonne. Sie ist an die aufiere kos-
mische Ordnung gebunden. Der Mensch ist nicht an diese
Ordnung gebunden. Warum nicht? Weil in derTat wahrist,
was die Geistesforschung zeigt: da£ der Mensch von seinem
Ich aus - das im Schlaf e aufierhalb seines physischen Leibes
ist, der dann wie eine Pflanze uns erscheint - dasjenige fiir
den physischen Leib entfaltet, was die Sonne fiir die Pflan-
zen entfaltet. Wie die Sonne ihr Licht ausgieik iiber die
Pflanzen, so das menschliche Ich, wenn der Mensch schlaft,
iiber den pflanzenahnlichen physisdien Leib. Wie die Sonne
iiber den Pflanzen, so ruht das menschliche Ich, geistig, iiber
dem pflanzenhaften schlaf enden physischen Leib. Verwandt
mit dem Sonnen-Dasein ist das Ich des Menschen. Ja, das Ich
des Menschen ist selber eine Art Sonne fiir den schlafenden
Menschenleib, bewirkt sein Gedeihen wahrend des Schlafes,
bewirkt, dafi diejenigen Krafte ausgebessert werden kon-
nen, die wahrend des Wachens abgeniitzt worden sind.
Wenn wir das empfinden, dann merken wir, wie das
menschliche Ich verwandt ist mit der Sonne. Wie die Sonne,
das zeigt uns dann die Geisteswissenschaft immer mehr und
mehr, iiber das Himmelsgewolbe hinzieht - ich spreche
natiirlich von der scheinbaren Bewegung der Sonne -, und
wie in einer gewissen Beziehung die Wirksamkeit ihrer
Strahlen sich andert, je nachdem die Sonne vor diesem
oder jenem Sternbild des Tierkreises steht, so durchlauft
auch das menschliche Ich verschiedene Phasen seiner Er-
lebnisse, so dafi es von der einen Phase so, von der anderen
Phase anders auf den physischen Leib wirkt. Man fiihlt in
der Geisteswissenschaft die Sonne anders auf die Erde wir-
ken, je nachdem sie zum Beispiel das Sternbild des Widders,
das Sternbild des Stiers und so weiter bedeckt. Man spricht
daher nicht von der Sonne im allgemeinen, sondern von
der Wirkung der Sonne von den zwolf Sternbildern aus,
meint aber immer den Durchgang der Sonne durch die
zwolf Tierkreisbilder - und weist dann hin auf die Ver-
wandtschaft des sich verandernden Ichs mit der sich wan-
delnden Sonnenwirkung.
Nehmen wir nun alles, was hier nur skizziert werden
konnte, was aber in der «Geheimwissenschaft» weiter aus-
gefiihrt ist, als etwas, was als geistig-seelische Erkenntnis
gewonnen werden kann; betrachten wir es als das, was
sich also auf dem Grunde der Menschenseele abspielt und
unbewufk bleibt, aber sich so abspielt, dafi es ein innerliches
Sich-Miterleben mit den geistigen Kraften des Kosmos be-
deutet, die sich in den Fixsternen und Planeten ausleben,
und vergleichen wir alles dieses, was uns die Geisteswissen-
schaft als die Geheimnisse des Universums kiindet, mit
einem melanesischen Marchen, das ich wieder nur kurz
skizzieren will:
Auf der Landstrafte liegt ein Stein. Dieser Stein ist die
Mutter von Quatl. Und Quad hat noch elf andere Bruder.
Nachdem die elf anderen Bruder und Quatl geschaff en sind,
beginnt Quatl die gegenwartige Welt zu schaffen. In dieser
Welt, die er damals geschaffen hat, kennt man noch nicht
den Unterschied von Tag und Nacht. Nun erfahrt Quatl,
da£ irgendwo eine Insel ist, auf der ein Unterschied ist
zwischen Tag und Nacht. Er reist nach dieser Insel und
bringt einige Wesen von dieser Insel in sein Land zuriick.
Und durch den Einflufi dieser Wesen auf die Wesen in
seinem Lande kommen seine Wesen in den Wechselzustand
von Schlaf und Wachen, und Aufgang und Untergang der
Sonne spielt sich fur sie seelisch ab.
Es ist merkwiirdig, was wieder in diesem Marchen nach-
vibriert. Wenn man das ganze Marchen vor sich hat, so
vibriert gleichsam in jedem Satze etwas nach von dem, was
mit den Weltgeheimnissen zusammenhangt, wie etwas vi-
briert von dem, was die Seele im Sinne der Geisteswissen-
schafl in ihren Tiefen erlebt. 1st es dann nicht so, daft man
sagen mufi: Die Quellen der Marchenstimmung, der Mar-
chendichtung liegen in den Tiefen der Menschenseele! Diese
Marchen sind als Bilder dargestellt, weil auftere Vorgange
zu Hilfe genommen werden miissen, um das zu geben, was
wie eine geistige Nahrung fur den Hunger sein soil, der aus
den charakterisierten Erlebnissen quillt. Wir miissen auch
sagen : Ja, wir sind weit entf ernt von den Erlebnissen, aber
wir konnen die Erlebnisse in den Marchenbildern nach-
schwingen fuhlen.
Wenn wir uns das vor Augen halten, brauchen wir uns
nicht mehr dariiber zu verwundern, da£ uns die schonsten,
die charakteristischsten Marchen gerade aus jenen alteren
Zeiten bekannt und von diesen her liber lief ert sind, als die
Menschen noch ein gewisses hellseherisches Bewufitsein
hatten und daher leichter zu dem kommen konnten, was
die Quellen dieser Marchenstimmung und Marchendichtun-
gen sind, und wir wundern uns weiter nicht, daft in den
Gegenden der Erde, wo die Menschen in ihren Seelen noch
den geistigen Quellen naherstehen als etwa die Seelen des
Abendlandes, zum Beispiel in Indien, im Morgenlande uber-
haupt, die Marchen einen noch viel ausgepragteren Charak-
ter haben konnen.
Dann wundern wir uns aber auch nicht, dafi wir in den
deutschen Marchen, die Jakob und Wilhelm Grimm in der
Gestaltung sammelten, wie sie sie horen konnten von Ver-
wandten oder anderen, oft einfachen Menschen, Darstellun-
gen wiederfinden, die an jene Zeiten des europaischen
Lebens erinnern, in denen auch die groften Heldensagen
entstanden sind, und dafi die Marchen Ziige enthalten, die
wir auch bei den grofien Gotter- und Heldensagen finden.
Wir wundern uns auch weiter nicht, wenn wir horen, dafi
skh nachtraglich herausgestellt hat, dafi die bedeutsamsten
Marchen noch alter sind als die Heldensagen, weil die Hel-
densagen dodi nur den Menschen in einem gewissenLebens-
alter und in einer bestimmten Situation zeigen, wahrend
das, was im Marchen lebt, allgemein menschlidi ist, mit der
Menschenseele vom ersten bis zum letzten Atemzuge geht,
den wir tun, durch alle Lebensalter. Und wir wundern uns
nicht, wenn das Marchen audi zum Beispiel dasjenige ins
Bild drangt, was als ein tiefes Erlebnis der Seele genannt
worden ist, jenes Sich-unangemessen-Fuhlen der Seele im
Aufwachen den Naturkraflen gegeniiber, denen man hilflos
gegeniibersteht, und denen man nur dann gewachsen ist,
wenn man in der Seele zugleich den Trost hat: in dir gibt
es etwas, was iiber dich hinausgeht und dich in einer ge-
wissen Beziehung wieder zum Sieger iiber die Naturkrafte
macht.
Wenn man diese Stimmung fiihlt, dann fiihlt man audi,
warum im Marchen so oft Riesen auftreten, mit denen der
Mensch zu tun hat. Warum treten diese Riesen auf? Ja,
diese Riesen entstehen ganz selbstverstandlich als Bild aus
der Stimmung heraus, welche die Seele hat, wenn sie sich
wieder am Morgen in ihren physischen Leib hineinbegeben
will und sich nun den fiir die Menschenseele «riesenhaften»
Naturkraflen gegeniiber sieht, die den Leib einnehmen. Was
die Seele da als Kampf fiihlt, was sie da empfinden kann,
das ist ganz richtig - aber nicht verstandesgemafi begrifT-
lich -, wie es der Menschenseele entspricht, in den mannig-
f altigen Kampfen des Menschen mit Riesen dargestellt. Die
Seele fiihlt, wenn das alles vor sie hintritt, wie sie in diesem
ganzen Kampf e und der ganzen Stellung den Riesen gegen-
iiber nur eines hat, ihre Schlauheit. Denn das gehort dazu,
so zu fiihlen: Du kdnntest jetzt in deinen Leib hinein, aber
was bist du gegeniiber den ganzen riesigen Kraften des Uni-
versums! Etwas hast du jedoch, was da, in diesen Riesen,
nicht drinnen ist: das ist die Schlauheit, der Verstand! Das
stent unbewufit doch vor der Seele, wenn sie sich audi sagen
mu£, daft sie nichts gegen die riesenhaften Krafte des Uni-
versums vermag, und wir sehen formlich, wie sich die Seele
dahinein versetzt, wenn sie im Bilde die eben charakteri-
sierte Stimmung ausdriickt:
Da ist ein Mensch, der zieht die Landstrafte entlang und
kommt an ein Wirtshaus. In dem Wirtshause laftt er sich
eine Milchsuppe geben. Die Fliegen fliegen in die Suppe
hinein. Er iftt die Milchsuppe aus und laftt die Fliegen
iibrig. Dann schlagt er auf den Teller und zahlt die Fliegen,
die er getotet hat, und renommiert: Hundert auf einmal!
Der Wirt hangt ihm eine Tafel um: Der hat Hundert
auf einmal erschlagen. Nun geht dieser Mensch weiter die
Landstrafte entlang, kommt in eine andere Gegend, und
dort schaut ein Kb'nig zum Fenster seines Schlosses hinaus.
Er sieht diesen Menschen mit der Tafel umgehangt und sagt
sich: Den kann ich gut brauchen. Er nimmt ihn in seine
Dienste und iibertragt ihm eine ganz bestimmte Aufgabe.
Er sagt ihm: Sieh einmal, da kommen immer ganze Rotten
von Baren in mein Land herein. Wenn du Hundert auf
einmal erschlagen hast, dann kannst du mir sicher auch die
Baren erschlagen. Der Betreffende sagt: Jch will es schon
tun! Aber er will noch, solange die Baren noch nicht da
sind, einen guten Lohn und ordentliches Essen haben, denn
er bedenkt sich und meint: Wenn ich es nicht kann, so habe
ich doch bis dahin gut gelebt. - Als nun die Zeit kommt, wo
die Baren heranrucken, sammelt er alle moglichen Nah-
rungsmittel und sonstige guteDinge, welche die Baren gerne
essen. Nun zieht er den Baren entgegen und legt die Sachen
aus. Die Baren kommen heran und fressen so lange, bis sie
ganz vollgefr essen sind, daft sie wie gelahmt daliegen, und
nun erschlagt er einen nach dem anderen. Der Konig kommt
dann und sieht, was er geleistet hat. Der Mensch aber
sagt: Ja, ich habe die Baren einfach iiber den Stock sprin-
gen lassen und habe ihnen dann dabei die Kopfe abgeschla-
gen! Der Konig ist davon sehr erbaut und Ubertragt ihm
eine andere Aufgabe. Er sagt ihm: Sieh, jetzt werden audi
die Riesen bald wieder in mein Land kommen, und du
muftt mir auch gegen sie helfen. Der Mensch versprach es.
Und als die Zeit herankam, nahm er wieder eine Menge
guter Nahrungsmittel mit, aber auch eine Lerche und ein
Stuck Kase. Er traf dann auch wirklich die Riesen und
lieft sich zunachst mit ihnen auf ein Gesprach iiber seine
Starke ein. Der eine Riese sagte: Wir wollen es dir schon
zeigen, daft wir starker sind. Und er nahm einen Stein und
zerrieb den Stein in seiner Hand. Dann sagte er zu dem
Menschen: So stark sind wir! Was willst du gegen uns?
Der andere Riese nahm einen Pfeil, schoft ihn ab und schoft
so hoch, daft der Pfeil erst nach langer Zeit wieder her-
unterkam, und sagte: So stark sind wir! Was willst du
gegen uns? Da sagte der Mann, der die Hundert auf einmal
erschlagen hatte: Das alles kann ich noch viel besser! Er
nahm ein kleines Stuckchen Kase und einen Stein und ver-
suchte, den Stein mit dem Kase zu umschmieren und sagte
zu den Riesen: Ich kann aus dem Stein Wasser heraus-
pressen! Und zerdriickte den Kase, so daft Wasser heraus-
spritzte. Die Riesen waren erstaunt iiber die Kraft, daft er
Wasser aus dem Stein herauspressen konnte. Dann nahm
der Mensch die Lerche und lieft sie fliegen und sagte dann
zu dem Riesen: Dein Pfeil ist zuriickgekommen, mein Pfeil
aber, den ich abgeschossen habe, geht so hoch, daft er iiber-
haupt nicht wieder zuruckkommt! Denn die Lerche kam
nicht zuriick. Da waren die Riesen so erstaunt, dafi sie sich
einig waren, daft sie ihn nur mit List iiberwinden konnten;
denn daft sie ihn mit der Riesenstarke iiberwinden konnten,
daran dachten sie schon nicht mehr. Dagegen gelang es ihnen
nicht, den Menschen zu iiberlisten, sondern er uberlistete
sie. Als sie alle miteinander schliefen, stiilpte er sich eine
aufgeblasene Schweinsblase iiberdenKopf, inderem Innern
etwas Blut war. Die Riesen sagten sich: Wachend werden
wir ihn doch nicht iiberwinden konnen, daher wollen wir
ihn schlafend iiberwinden. Als er nun schlief, schlugen sie
auf ihn los und schlugen die Schweinsblase ein, und als sie
das Blut herausspritzen sahen, dachten sie, sie hatten ihn
schon iiberwunden. Und sie schliefen bald ein. Und in der
Ruhe, die dann iiber sie kam, schliefen sie so stark, dafi er
sie im Schlaf iiberwinden konnte.
Trotzdem hier das Marchen, wie manche Traume, unklar
und wenig befriedigend ausklingt, so haben wir darin doch
das vor uns, was den Kampf der Menschenseele gegen die
Naturkrafte darstellt, erst gegen die «Baren», dann aber
geht es iiber in den Kampf gegen die «Riesen». Aber noch
etwas anderes sehen wir in diesem Marchen. Wir haben den
Menschen, der die Hundert auf einmal erschlagen hat, so
vor uns, dal$ wir nachvibrieren fiihlen, was im tiefsten
Unbewufiten der Seele lebt: daft er durch seine Schlauheit
immer getrostet werden kann iiber die starkeren Krafte,
die er als riesenmaftige empfinden mufi. Es ist nicht gut,
wenn man das, was kunstlerisch in Bildern verarbeitet ist,
ganz abstrakt und in einzelnen Ziigen deutet. Darauf kommt
es gar nicht an. Denn nichts wird zerstort an der Marchen-
gestaltung, wenn man fuh.lt, daft das Marchen so das Nach-
klingen ist von tiefen in der Seele sich abspielenden Vor-
gangen. Diese Vorgange sind wiederum so, dafi wir viel,
viel wissen konnen, so viel man durch Geistesforschung
nur von ihnen wissen kann, und dennoch: wenn man in
sie wieder und wieder verstrickt wird, wenn man sie so
erlebt, dann sind sie doch ursprunglich und elementar.
Und kein Wissen, wenn es sonst vorhanden ist, zerstort
das Vermogen, dasjenige, was man so in den Tiefen der
Seele erlebt, in Marchenstimmung hineinzubringen.
Daher ist es ganz gewifi fur die Forschung reizvoll, zu
wissen, wie man im Marchen das vor sich hat, was die
Seele braucht wegen ihrer tiefsten Ertebnisse in der an-
gedeuteten Weise. Zu gleicher Zeit wird keine Marchenstim-
mung zerstort, denn gerade der, welcher vielleicht in An-
lehnung an das Wesen des Marchens zu einem tief eren Hin-
einschauen in die Quellen des unterbewufken Lebens kommt,
findet in diesen Quellen etwas, das fiir das Bewufksein ver-
armt, wenn es nur abstrakt dargestellt wird, und er findet
eigentlich, dafi die Darstellung im Marchen wirklich die
umfassendere ist fiir das Tiefste der seelischen Erlebnisse.
Man begreifl dann, da£ Goethe das, was er reich erleben
konnte und was Schiller in abstrakt-philosophischen Be-
griffen ausdriickte, in den vielsagenden und vieldeutigen
Bildern des «Marchens» von der griinen Schlange und der
schonen Lilie ausdriickte. Also in Bildern wollte Goethe,
trotzdem er viel gedacht hat, das aussprechen, was er liber
das Tiefste in den Untergriinden und in dem Unterbewuftt-
sein des menschlichen Seelenlebens empfand. Und weil das
Marchen so mlt dem Innersten der Seele zusammenhangt,
mit dem, was so tief mit dem Innersten der Menschenseele
zusammenhangend ist, deshalb ist das Marchen gerade die-
jenige Form der Darstellung, die fiir das kindliche Gemut
am angemessensten ist. Denn man darf vom Marchen sagen,
es habe es dahin gebracht, das Allertiefste im geistigen
Leben in der allereinfachsten Weise zum Ausdruck zu brin-
gen. Man empfindet eigentlich nach und nach, dafi es in
allem bewufiten kunstlerischen Leben keine so grofie Kunst
gibt als die Kunst, die den Weg vollendet von den unver-
standenen Tiefen des Seelenlebens zu den reizvollen, oft-
mals spielerischen Bildern des Marchens.
Wenn man das Schwerstverstandliche in den selbst-
verstandlichsten Formen auszudriicken vermag, dann ist
das grofite Kunst, natiirlichste Kunst, wesenhaft mit dem
Menschen zusammenhangende Kunst. Und weil im Kinde
die menschliche Wesenheit in einer noch urspriinglicheren
Art mit dem Gesamtdasein, mit dem Gesamtleben zusam-
menhangt, deshalb braucht auch das Kind als Nahrung
fiir seine Seele das Marchen. Freier noch kann sich im Kinde
das bewegen, was geistige Kraft darstellt. Das kann noch
nicht, wenn die kindliche Seele nicht veroden soli, in die
abstrakten theoretischen Begriffe eingesponnen werden. Das
mufi noch zusammenhangen mit dem, was in den Tiefen
des Daseins wurzelt.
Daher tun wir dem Kinde fiir die Seele keine grofiere
Wohltat, als wenn wir auf seine Seele wirken lassen, was so
Menschen- Wurzeln mit Daseins- Wurzeln zusammenbringt.
Weil das Kind noch an der eigenen Gestaltung schopferisch
tatig sein mufi, weil es noch die gestaltenden Krafte selbst
fiir sein Wachstum, fiir die Entfaltung aller seiner Anlagen
hervorbringen mufi, deshalb empfindet es so wunderbare
Nahrung fiir seine Seele in den Bildern des Marchens, in
denen es wurzelhaft mit dem Dasein zusammenhangt. Und
weil der Mensch, selbst wenn er sich dem Rationalistisch-
Verstandesmafiigen hingibt, doch nie von des Daseins Wur-
zeln losgerissen werden kann, und weil er, wenn er gerade
am meisten dem Leben hingegeben sein mufi, am intimsten
mit des Daseins Wurzeln zusammenhangt, deshalb kehrt
er, wenn er nur gesunden, geradsinnigen Gemiites ist, in
jedem Lebensalter freudig zum Marchen zuriick. Denn es
gibt kein Lebensalter, es gibt keine menschliche Lage, die
uns demjenigen entfremden konnte, was aus dem Marchen
stromt, weil wir aufhoren mufiten mit dem Tiefsten, was
mit der Menschennatur zusammenhangt, wenn wir keinen
Sinn mehr fur das hatten, was sich von diesem Sinn der
Menschennatur, der so unverstandlich ist fur den Verstand,
ausdriickt in den selbstverstandlichen Marchen und in der
selbstverstandlichen, einfachen, primitiven Marchenstim-
mung.
Daher kann man es begreifen, dafi Menschen, die sich
lange Zeit damit befaftt haben, der Menschheit die etwas
durch die Kultur iibertiinchten Marchen wiederzugeben,
Menschen wie zum Beispiel die Briider Grimm, wenn sie
sich audi nicht geisteswissenschaftlich zu der Sache stellen,
doch aber aus der ganzen Art, wie sie mit den Marchen
lebten, die sie aus der Volkskultur heraufholten, die Emp-
findung hatten, dafi sie der Menschheit etwas gaben, was
innig zu dieser Menschennatur gehort. Dann begreift man
es auch, dafi, nachdem eine Verstandeskultur durch Jahr-
hunderte so manches getan hat, um die Menschenseele und
auch die Kindesseele dem Marchen zu entfremden, solche
Marchensammlungen wie die der Briider Grimm wieder
bei alien Menschen Eingang gefunden haben, die fur so
etwas empfanglich sind, und dafi sie wieder Gemeingut
gerade der Kinderseele geworden sind, aber wohl auch Ge-
meingut aller Seelen, und dies namentlich immer mehr und
mehr werden, je mehr die Geisteswissenschafl; nicht nur
Theorie sein wird, sondern Stimmung der Seele, jene Stim-
mung, welche die Seele immer mehr und mehr zusammen-
f iihren, gef iihlsmafiig zusammenfiihren wird mit ihren gei-
stigen Wurzeln des Daseins.
So wird gerade durch die Verbreitung der Geisteswissen-
schaft das bewahrheitet, was echte Marchensammler, echte
Marchenerfiihler und Marchendarsteller wollten, und was
ein Mann, der selber ein tiefer Freund der Marchendar-
stellung war, oftmals in Vortragen sagte, die ich horen
durfle, wiederholend ein schones dichterisches Wort, in das
wir zusammenfassen konnen, was sich audi aus der geistes-
wissenschaftlichen Betrachtung des Marchens ergibt, wenn
wir sie im heutigen Sinne anstellen. Wir konnen es zu-
sammenfassen in die Worte, die eben in seinen Vortragen
jener Mann sprach, der Marchen zu lieben verstand, der
Marchen zu sammeln verstand, der Marchen zu wiirdigen
verstand und deshalb immer gern an das Wort anknupfte:
Marchen und Sagen sind wie ein guter Engel, der von Ge-
burt an, von Heimat wegen dem Menschen mitgegeben
wird auf seiner Lebenswanderung, damit er ihm ein ver-
traulicher Genosse durch diese ganze Lebenswanderung hin-
durch sei und ihm dadurch, dafi er ihm diese Genossenschaft
bietet, erst das Leben zu einem wahrhaft innerlich beseelten
Marchen macht!
LIONARDOS GEISTIGE GROSSE
AM WENDEPUNKT ZUR NEUEREN ZEIT
Berlin, 13.Februar 1913
Lionardos Name wird f ortwahrend an unzahlige Menschen-
seelen herangebracht durch die weite Verbreitung des viel-
leicht allerbekanntesten Bildes, des beriihmten «Abend-
mahles». Wer kennt es nicht, dieses Abendmahl des Lionardo
da Vinci, und wer hat nicht, wenn er es kennt, die gewal-
tige Idee bewundert, welche gerade in diesem Bilde zum
Ausdruck kommt! Da sehen wir bildhaft verkorpert einen
bedeutungsvollen Augenblick, einen Augenblick, der ja von
unzahligen Seelen als einer der bedeutendsten des Erd-
geschehens empfunden wird: die Christus-Gestalt in der
Mitte, zu beiden Seiten angeordnet die zwolf Gefahrten
des Christus Jesus. Wir sehen diese zwolf Gefahrten in
tief ausdrucksvollenBewegungen und Haltungen. Wir sehen
diese Gesten, diese Haltungen bei jeder einzelnen dieser
zwolf Gestalten so individualisiert, dafi wir wohl den Ein-
druck bekommen konnen: jede Art von menschlichem
Seelencharakter kommt in diesen zwolf Gestalten zum
Ausdruck, jede Art, wie sich irgendeine Seele nach Tem-
perament und Charakter verhalten kann zu dem, was das
Bild zum Ausdruck bringt.
Am eindrucksvollsten hat wohl Goethe in seiner Abhand-
lung iiber «Leonard da Vincis Abendmahl» den Moment
hingestellt, jenen Augenblick, wo der Christus Jesus eben
die Worte ausgesprochen hat: Einer ist unter euch, der mich
verrat!
Was in jeder der zwolf Seelen, die so innig mit dem
Sprechenden verbunden sind und so andachtig zu ihm auf-
schauen, vorgeht, nachdem diese Worte ausgesprochen sind,
wir sehen das alles in den zahlreichen Nachbildungen dieses
Werkes, die durdi die Welt gehen, aus jeder dieser Seelen
heraus ausdrucksvoll an uns herandringen.
Es gibt Darstellungen des «Abendmahl»-Ereignisses, die
aus einer friiheren Zeit herruhren. Wir konnen Darstellun-
gen des «Abendmahles» verfolgen zum Beispiel, wenn wir
nicht weiter zuriickgehen, von Giotto bis Lionardo da Vinci
und werden finden, daft Lionardo in die Darstellung des
«Abendmahles» das hereingebracht hat, was man nennen
kann das dramatische Element; denn es ist ein wunderbar
dramatischer Augenblick, der uns in seiner Darstellung ent-
gegentritt. Ruhig, gleichsam nur um das Beisammensein aus-
zudriicken, so erscheinen uns die friiheren Darstellungen;
einen Ausdruck bedeutsamsten Seelenseins mit voller dra-
matischer Kraft vor uns hinzaubernd, so erscheint uns das
«Abendmahl» bildhaft zuerst bei Lionardo. Aber hat man
aus den weltberuhmten Nachbildungen diesen Eindruck
von der Idee dieses Bildes in seiner Seele, in seinem Herzen
aufgenommen und kommt nun nach Mailand in jene alte
Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie und sieht
dort auf der Wand alle die - man kann es ja nicht anders
nennen — ineinander verschwimmenden undeutlichen f euch-
ten Farbenkleckse, das letzte, was von dem Original vorhan-
den ist, das in seinen Nachbildungen weltberiihmt geworden
ist, dann forscht man vielleicht zuriick und bekommt durch
die Forschung den Eindruck, dafi man eigentlich ziemlich
lange schon an jener Wand der alten Dominikanerkirche
nicht mehr viel von dem hat sehen konnen, wovon einst-
mals die Menschen, die es gesehen haben, nachdem es von
Lionardo gemalt worden ist, in so enthusiastischen, in so
iiberschaumend hinreifienden Worten gesprochen haben.
Was einstmals von dieser Wand herunter wie ein kiinstle-
risches Wunder nicht nur durdi die Idee, die jetzt eben
stammelnd zum Ausdruck gebracht worden ist, zu den See-
len gesprodien haben mufi, sondern was durch die aus-
drucksvollen Farbenwunder des Lionardo so gesprochen
haben mu£, dafi in diesen Farben zum Ausdruck kam das
Intimste der Seelen, ja, der Herzschlag der zwolf Gestalten,
das mulS lange, lange schon nicht mehr auf dieser Wand zu
sehen gewesen sein. Was hat dieses Bild alles im Laufe der
Zeiten erdulden miissen!
Lionardo fuhlte sich gedrangt, in der Technik von der
Art, wie man vor ihm an solchen Wanden gemalt hat, ab-
zugehen. Er fand die Art von Farben, die man vorher ver-
wendet hatte, nicht ausdrucksvoll genug. Er wollte eben
die feinsten Seelenregungen dort an die Wand hinzaubern
und daher versuchte er, was man fruher fur Wandgemalde
nicht getan hatte, olartige Farben zu verwenden. Da kam
dann eine ganze Summe von Hindernissen zutage. Die
Lage der Wand, die Lage des ganzen Ortes war so, dafi
verhaltnismafiig bald diese Farben von der Feuchtigkeit
angegriffen werden mufiten; aus der Wand selbst kam die
Feuchtigkeit heraus. Der ganze Raum, der ein Refektorium
der Dominikaner darstellte, wurde einmal durch eineUber-
schwemmung vollig unter Wasser gesetzt. Viele andere
Dinge kamen hinzu, Einquartierung von Soldaten in Kriegs-
zeiten und anderes. Durch alle diese Dinge ist das Bild mit-
genommen worden.
Es gab eine Zeit, in welcher die Monche des Klosters sich
auch nicht gerade mit besonderer Pietat gegeniiber diesem
Bilde benommen haben. So fanden sie, dafi die Tur zu
niedrig war, die unterhalb des Bildes in diesen Speisesaal
des Klosters f iihrte, und haben sie eines Tages hoher machen
lassen. Dadurdi wurde ein Teil des Bildes verwustet. Dann
wurde einmal ein Wappenschild gerade iiber dem Kopfe
des Christus angebracht; kurz,man ist in der barbarischsten
Weise gegeniiber dem Bilde vorgegangen. Und dann fanden
sich - man mufi sie so nennen - malerische Scharlatane, die
es iibermalten, so dafi kaum noch viel von der Farben-
gebung zu sehen ist, die es einst hatte. Dennodi geht, wenn
man vor dem Bilde stent, ein unbeschreiblicher Zauber da-
von aus. Alle Barbarei, alle Obermalung, alle Aufweichung
konnte im Grunde genommen nicht ganz den Zauber ver-
nichten, der von dem Bilde ausgeht. Es ist ja heute nur
noch ein Schatten, der sich so iiber die Wand hinzieht, aber
es geht ein Zauber von diesem Bilde aus. Es ist zum grofiten
Teil nur noch halb das Malerische, es ist die Idee, die auf
die Seele wirkt, aber sie wirkt gewaltig.
Wer sich nun ein wenig mit anderen Arbeiten Lionardos
bekannt gemacht hat, wer gesucht hat, durch die Nach-
bildungen seiner Werke oder auch durch das, was in den
verschiedenen Galerien Europas verbreitet ist an Werken,
die dem Lionardo zugeschrieben werden und die noch mehr
oder weniger so erhalten sind, wie er sie selber gemalt hat,
wer also gesucht hat, sich mit Lionardos SchafFen bekannt
zu machen und sich auch in das zu vertiefen, was er im
Laufe der Zeit geschrieben hat, wer sich bekannt gemacht
hat mit seinem Leben, wie es verflossen ist vom Jahre 1452
bis 1519, der stent noch mit ganz besonderen Gefiihlen vor
diesem Bilde im Speisesaal der Dominikaner in Mailand,
im Kloster Santa Maria delle Grazie. Denn im Grunde
genommen, so viel uns noch von der Zauberschopfung er-
halten ist, die Lionardo einst an diese Wand hingemalt
hat, so viel, fuhlt man, ist eigentlich fur das allgemeine
Menschheitsbewufitsein auch nur noch vorhanden von der
gewaltigen Grofie, von der Gewalt und dem Inhalt dieser
umfassenden Personlidikeit dieses Lionardo selbst. Was
man heute von Lionardo auf seine Seele wirken lassen kann,
das verhalt sich wohl kaum anders zu dem, was sich einst-
mals als diese umfassende Personlidikeit in die Weltent-
wickelung hineingestellt hat, als diese ineinander verlau-
fenden Farbenkleckse sich zu dem verhalten, was Lionardo
einst an die Wand gezaubert hat. Und wie man mit Weh-
mut vor diesem Bilde in Mailand steht, so steht man mit
Wehmut vor der ganzen Gestalt des Lionardo.
Goethe macht noch darauf aufmerksam, wie man, wenn
man die Lebensbeschreibungen friiherer Biographen auf
sich wirken lafit, den Eindruck bekommt, dafi in Lionardo
der Menschheit eine Personlidikeit erschienen ist, mit f rischer
Lebenskrafl iiberall wirkend, freudig das Leben betrach-
tend und freudig auf das Leben wirkend, alles ergreifend
in Liebe, mit einem ungeheueren Erkenntnisdrange alles
erfassen wollend, frisch an Seele und frisch an Leib. Dann
wendet man vielleicht audi den Blick hin auf jenes Bild,
das als ein Selbstbildnis gilt und in Turin erhalten ist, und
sieht dann dieses Selbstbildnis des alien Lionardo, dieses
Gesicht mit den ausdrucksvollen, aber durch den Schmerz
ausdrucksvoll gewordenen Furchen, mit dem verbitterten
Munde und mit den Ziigen, die so vieles von dem verraten,
was Lionardo fiihlen mufite als seinen Gegensatz gegen die
Welt und gegen alles, was er erleben mufke. So steht tat-
sachlich diese Personlidikeit merkwixrdig an der Wende der
neueren Zeit vor uns.
Wenn wir uns noch einmal zu dem Bilde in Santa Maria
delle Grazie zuriickwenden und mit diesem Schatten an der
Wand des Refektoriums zusammen zu schauen versuchen
die altesten Stiche, die altesten Nachbildungen, die von
diesem Bilde erhalten sind, und wenn wir ein wenig sozu-
sagen mit den «Augen des Geistes», um dieses Goethesche
Wort zu gebraudien, versuchen, in uns dieses Bild wieder-
erstehen zu lassen, dann kann vielleicht ein Gefiihl, eine
Empfindung in uns auftauchen: der, der dieses Bild einst
gemalt hat, ging er, als er den letzten Pinselstrich getan,
befriedigt von diesem Bilde fort? Sagte er sich: du hast
hier geleistet, was in deiner Seele lebte?
Es scheint mir, daft man auf ganz naturgemafte Weise
zu diesem Geftihle, zu dieser Frage kommen kann. Warum?
Wenn man das ganze Leben Lionardos betrachtet, so muft
man sagen: es floftt einem dieses Leben die eben charakteri-
sierte Empfindung ein. Wenn man beginnt, Lionardo auf
sich wirken zu lassen, wie er als ein naturliches Kind ge-
boren wird, als der Sohn eines mittelmaftigen Kopfes, des
Ser Pietro in Vinci, und einer Bauerin, welche einem dann
ganz aus dem Blick entschwindet, wahrend der Vater stan-
desgemaft heiratet und den Sohn in Pflege gibt; wenn man
das Kind dann einsam aufwachsen sieht, nur Umgang pfle-
gend mit der Natur und der eigenen Seele, so sagt man
sich: eine ungeheuere Summe von Lebenskrafl: muftte in
diesem Menschen sein, daft er frisch blieb! Und er blieb es
zunachst. Dann kam er, da er friih Zeichentalent zeigte, in
die Schule des Verrocchio. Der Vater hatte ihn dorthin ge-
geben, weil er glaubte, daft sich sein Zeichentalent ausnutzen
lie£e. Der junge Lionardo wird nun dazu verwendet, um
an den Bildern des Meisters mitzumalen. Es wird als eine
Anekdote aus dieser Zeit erzahlt, daft Lionardo einmal eine
Figur zu malen hatte, und daft der Meister, als er sie sah,
sich entschloft, iiberhaupt nicht mehr zu malen, weil er sich
von seinem Schiller iiberflugelt sah, eine Anekdote, die
mehr ist als eine solche, wenn man den ganzen Lionardo
betrachtet.
Wir finden ihn dann in Florenz heranwachsend, sein
malerisches Talent sich immer mehr und mehr erhohend.
Aber wir finden noch etwas anderes. Wenn man das male-
rische Talent verfolgt, so bekommt man den Eindruck: er
ging Jahr auf Jahr mit den grolken kiinstlerischen Planen
urn, mit fortwahrend neuen Planen. Er hatte audi Auf-
trage von Leuten, die seine grofie Begabung erkannten und
etwas von ihm haben wollten. Lionardo liefi zunachst die
Idee zu dem auftreten, was er schaffen wollte, und fing
dann mit dem Studium an. Aber wie war dieses Studium?
Dieses Studium ging in einer ungeheuer charakteristischen
Weise ein auf alle Einzelheiten, die in Betracht kamen.
Hatte er zum Beispiel ein Bild zu malen, bei dem drei bis
vier Gestalten vorkamen, so ging er so zu Werke, daft er
nicht nur an einem einzelnen Modell studierte, sondern er
ging herum in der Stadt und betrachtete Hunderte und
Hunderte von Menschen. Er konnte oft einen ganzen Tag
einer Person nachgehen, wenn ihn ein Zug an ihr inter-
essierte. Er konnte zuweilen alle moglichen Menschen der
allerverschiedensten Stande zu sich einladen und konnte
ihnen alle moglichen Dinge erzahlen, die sie belustigten oder
die sie erschreckten, denn daran wollte er die Gesichtszuge
fiir die mannigfaltigsten Seelenerlebnisse studieren. Als
einmal ein Aufriihrer eingefangen worden war und ge-
henkt wurde, da begab sich Lionardo zur Richtstatte, und
es ist die Zeichnung erhalten, wie er den Gehenkten im Ge-
sichtsausdruck und mit der ganzen Geste festzuhalten suchte;
unten in der Ecke des Blattes ist noch besonders ein Kopf
gezeichnet, um den genauen Eindruck festzuhalten.
Wir besitzen von Lionardo erhalten gebliebene Karika-
turen, unglaubliche Gestalten, und konnen daran sehen,
was er eigentlich damit wollte. Er hatte zum Beispiel ein
Antlitz gezeichnet und probierte nun, was sich ergibt, wenn
man das Kinn grofier und grofier macht. Um zu sehen,
welche Bedeutung die einzelnen Teile der menschlichen
Gestalt haben, vergrofierte er ein einzelnes Glied, um dar-
auf zu kommen, wie sich in seiner natiirlichen Grofie dieses
Glied dem ganzen menschlichen Organismus einfiigt. Frat-
zenhafte Gestalten in den verschiedensten Verzerrungen,
das alles finden wir bei Lionardo. Zeichnungen sind von
ihm erhalten, in denen er immer wieder und wieder das
einzelne skizziert hat, Zeichnungen, die er dann verwenden
wollte fur entsprechende Werke. Wenn audi manches von
seinen Schiilern herstammt, so ist doch audi viel von ihm
selbst vorhanden.
Wenn man das alles auf sidi wirken lafk, so bekommt
man den Eindruck, dafi es ihm oft in folgender Weise geht.
Er hat irgendeinen Bildauftrag; er soil dieses oder jenes
darstellen. Da studiert er in der eben geschilderten Weise
die Einzelheiten. Dann beginnt ihn irgend etwas Besonderes
zu interessieren, und nun studiert er nicht mehr zum Zwecke
des Bildes, sondern um die Einzelheiten eines Tieres oder
desMenschenkennenzulernen. Hat er eineSchlacht zu malen,
so geht er, um die Einzelheiten zu studieren, in die Reit-
schule, oder er geht irgend wohin, wo die Pferde sich selbst
uberlassen sind, und dadurch kommt er dann ab von der
eigentlichen Idee, zu der er das Studium hat verwenden
wollen. So haufen sich Studien auf Studien, und es ist ihm
zuletzt gar nicht mehr darum zu tun, zu dem Bilde wieder
zuruckzukommen.
So sehen wir denn von bedeutungsvolleren Bildern in
seiner ersten Florentiner Zeit, obwohl alle diese Bilder
heute ubermalt sind und die ursprungliche Gestalt nicht
mehr ganz zu erkennen ist, den «Heiligen Hieronymus»
und die «Anbetung der K6nige» entstehen, zu denen ja
audi Studien vorhanden sind, wie sie eben charakterisiert
worden sind, und man hat im iibrigen das Gefiihl, dieser
Mensch iebte in der Fiille der Weltengeheimnisse. Er
sudite die Weltengeheimnisse zu durchdringen, suchte
in origineller. Art gleichsam nachzuzeichnen diese Natur-
geheimnisse, und kam dodi eigentlich nie zu einem solchen
Schaffen, von dem er sich hatte sagen konnen, es sei in
irgendeiner Weise zu Ende gebracht. Man mufi sich in
eine solche Seele hineinversetzen, die zu reich ist, um
in irgendeiner Weise abschliefien zu konnen, was sie in
Angriff nahm, in eine solche Seele, auf welche die Welten-
geheimnisse so wirken, dafi sie, wenn sie irgendwo an-
fangt, von Geheimnis zu Geheimnis schreiten mufi und
nirgends fertig wird. Man mufi diese Lionardo-Seele ver-
stehen, die zu grofi in sich war, um ihre eigene Grofie je
offenbaren zu konnen.
Dann verfolgen wir Lionardo weiter, wie ihm von dem
Herzoge Lodovico il Moro in Mailand, der ihn dort an
seinem Hofe aufgenommen hat, zwei Aufgaben iibertragen
werden, wovon die eine das «Abendmahl» ist, und die an-
dere die war, ein Reiterstandbild fur den Vater des Her-
zogs zu schaffen. Wir sehen nun, wie Lionardo funfzehn
bis sechzehn Jahre an diesen beiden Werken arbeitete. Aller-
dings ging vieles andere nebenher. Denn wenn wir Lionardo
charakterisieren wollen, wie wir es eben getan haben, so
mussen wir, um ihn vollig zu verstehen, hinzufugen, dafi
ihn der Herzog nicht nur als Maler beruf en hatte. Lionardo
war audi ein ausgezeichneter Musiker, vielleicht einer der
ausgezeichnetsten Musiker seiner Zeit, und an seiner musi-
kalischen Begabung hatte der Herzog besonderen Gef alien
gefunden. Aber der Herzog behielt ihn auch deshalb, weil
Lionardo einer der bedeutendsten Kriegsingenieure, einer
der bedeutendsten Wasserbauingenieure und einer der be-
deutendsten Mechaniker seiner Zeit war, und weil er dem
Herzog versprechen konnte, ihm Kriegsmaschinen zu lie-
fern, die etwas ganz Neues waren, ferner Maschinen, die
die Wasserkraft verwerten sollten, ferner fliegende Briicken,
die leidit aufgebaut und sdinell wieder weggenommen wer-
den konnten. Und gleichzeitig arbeitete er daran, eine Flug-
maschine zu konstruieren. Um diese herzustellen, beschaf-
tigte er sich damit, zu beobachten, wie der Vogelflug zu-
stande kommt. Was an Studien Lionardos erhalten ist iiber
den Vogelflug, gehort wohl zu dem Originellsten, was dar-
iiber erforscht worden ist. Dabei mufi man immer gewartig
sein, wenn man heute Schriften von Lionardo in die Hand
bekommt, dafi es zum Teil Kopien sind, die vieles ungenau
enthalten und so audi in ihrer Gestalt dem entsprechen, was
man heute nodi von dem «Abendmahl» sieht. Aber iiberall
leuchtet durch, was fiir einen umfassenden Geist man in
Lionardo vor sich hat.
Nun aber sehen wir, wie Lionardo den Hof in Mailand
nicht nur bei alien moglichen Gelegenheiten unterstutzt, wie
er dieses oder jenes Malerische oder Theatralische zustande
bringt, sondern wir sehen ihn audi alle moglichen Kriegs-
und andere Plane ausarbeiten und audi beim Dombau den
Ausfuhrungen mit Rat und Tat beistehen. Dazu wissen
wir audi, wie er unzahlige Schiiler ausgebildet hat, die
dann an den verschiedensten Werken in Mailand arbeite-
ten, so dafi man heute kaum mehr ahnt, wieviel Arbeit
Lionardos in den ganzen Bestand der Stadt Mailand und
ihrer Umgebung eingeflossen ist.
Neben alledem her laufen nun unendliche Studien Lio-
nardos zu dem Reiterstandbilde des Vaters des Herzogs,
Francesco Sforza. Es gab fiir ihn kein Glied des Pferdes,
das er nicht hundertfach, in hundertfaltigen Stellungen
studierte, und im Laufe von vielen Jahren brachte er das
Modell des Pferdes zustande, Es ging dann zugrunde, als
die Franzosen im Jahre 1499 in Mailand einfielen, und die
Soldaten wie auf eine Zielscheibe nach diesem Modell
schossen und es eben zerschossen. Es ist nichts davon er-
halten, nichts erhalten von der Riesenarbeit einer Person-
lidikeit, welche, man darf so sagen, Weltengeheimnis nach
Weltengeheimnis zu erforsdien suchte, urn ein Werk zu-
standezubringen, in dessen totem Materiale Leben sich so
offenbarte, wie sich Leben gemafS seinen Geheimnissen in
der Natur selber offenbart.
Von dem «Abendmahl» konnen wir wissen, wie Lionardo
daran gearbeitet hat. Oftmals ging er hin, setzte sich auf
das Gerust und briitete stundenlang vor der Wand. Dann
nahm er den Pinsel, machte einige Pinselstriche und ging
wieder fort. Zuweilen ging er hin, starrte auf das Bild,
ging wieder fort. Wenn er an der Christus-Gestalt malen
will, zittert seine Hand. Und wenn man alles zusammen-
nimmt, was man davon wissen kann, dann mull man sagen:
aufierlich und innerlich wurde Lionardo nicht froh, als er
dieses heute weltberuhmte Bild make. Zunachst gab es da-
mals in Mailand Leute, denen das langsame Fortschreiten
des Bildes nicht recht gefiel. Da war zum Beispiel der Prior
des Klosters, der nicht einsehen konnte, weshalb ein Maler
ein solches Bild nicht schnell sollte heruntermalen konnen,
und er beschwerte sich deshalb beim Herzog. Dem Herzog
dauerte die Sache eigentlich auch schon zu lange, und er
stellte den Kiinstler zur Rede. Da antwortete Lionardo,
dafi auf dem Bilde dargestellt werden sollten der Christus
Jesus und der Judas, also die zwei allergroftten Gegen-
satze; die konne man nicht in einem Jahre malen, und es
gabe keine Modelle fur diese beiden in der Welt, weder fur
den Judas noch fur den Christus Jesus. Er wisse auch noch
nicht - das sagte er, nachdem er jahrelang an dem Bilde
gemalt hatte -, ob er es iiberhaupt fertigbringen werde.
Und dann fiigte er hinzu: wenn sich schlie£lich gar kein Mo-
dell fande fiir den Judas, so konne er ja noch immer den
Prior dafiir nehmen! So war also das Bild auflerordentlich
schwer zu Ende zu fiihren. Aber Lionardo wurde audi in-
nerlich nicht froh. Denn gerade an diesem Bilde zeigte es
sich, was in seiner Seele lebte gegeniiber dem, was er auf die
Wand hinbringen konnte.
Und hier bin idi genotigt, eine geisteswissenschaftliche
Hypothese vorzubringen, zu weldier derjenige kommen
kann, der sich in alles vertiefl, was man nach und nach iiber
das Bild wissen kann. Diese Hypothese ergab sich mir, als
ich Antwort zu gewinnen versuchte auf die vorhin auf-
gestellte Frage. Wenn man namlich so das Leben des
Lionardo verfolgt, dann sagt man sich: in diesem Manne
lebte so ungeheuer vieles, was er nicht aufierlich der Mensch-
heit offenbaren konnte, wofiir die aufieren Mittel viel zu
ohnmachtig war en, um es darzustellen; sollte er ein Gro£-
tes, wie er es im Abendmahl zweifellos wollte, wirklich so
ohne weiteres zu seiner Befriedigung in diesem Werke haben
hinmalen konnen? Diese Frage ergibt sich ganz selbstver-
standlich. Wenn man sieht, wie er immer wieder und wie-
der Geheimnis nach Geheimnis durch seine Studien zu er-
forschen gesucht hat, um irgend etwas zustandezubringen
und es schliefilich doch nicht zustandebrachte, dann kommt
man zu einer solchen Frage. Dann ergibt sich fast von selbst
die Antwort: wenn Lionardo auf der einen Seite das Reiter-
standbild, das er zu einem Wunderwerke der plastischen
Kunst hat machen wollen, nur bis zum Modell gebracht hat,
das verlorengegangen ist, und er den Guft des Reiterstand-
bildes selbst uberhaupt niemals in Angriff nahm, wenn er
also nach sechzehnjahriger Arbeit unverrichteter Dinge von
diesem Reiterstandbilde vollstandig Abschied genommen
hat, wie ging er dann wohl von diesem «Abendmahl» weg?
Man hat das Gefiihl, er ging unbefriedigt von diesem
Abendmahl weg! Wenn man audi heute von diesem Bilde
nur nodi eine Ruine, nur noch ineinanderfliefiende feuchte
Farbeniflecke vor sich hat, und wenn man audi schon seit
langem nidits mehr sah von dem, was Lionardo einst dort
auf die Wand gemalt hat, so darf man vielleicht doch be-
haupten, was er auf die Wand gemalt hat, konnte nicht im
entferntesten das darstellen, was davon in seiner Seele ge-
lebt hat.
Um einen solchen Eindruck zu bekommen, mufi man
allerdings das Verschiedenste zusammenhalten, was man
an Eindriicken gegeniiber dem Bilde bekommen kann. Aber
es gibt audi einige aufiere Griinde. Unter all den Schriften,
die von Lionardo erhalten sind, gibt es audi einen wunder-
baren «Traktat iiber die Malerei». Die Malerei wird ihrem
Wesen nach als Kunst dargestellt, wie sie zu arbeiten hat
entsprechend der Perspektive und aus der Farbengebung
heraus; es wird dargestellt, wie sie der Auffassung nach zu
arbeiten hat. Dieses Buch von Lionardo iiber die Malerei
ist, trotzdem wir es auch nur wie einen Torso vor uns haben,
ein wunderbares Werk, wie ein gleiches wohl nie in der
Welt verfafit worden ist. Die Prinzipien der malerischen
Kunst sind darin so dargestellt, wie sie nur der hochste
Genius darstellen konnte. Wunderbar ist zum Beispiel zu
lesen, wie Lionardo zeigt, in welcher Weise man bei einer
Schlacht die Pferde darzustellen hat, iiberhaupt den bestia-
lischen Eindruck und doch das Grandiose, das durch die
Schilderung einer Schlacht zur Anschauung kommen soli.
Kurz, dieses Werk zeigt uns alle Grofie Lionardos und, wir
diirfen sagen, auch alle Ohnmacht Lionardos. Davon wird
noch zu sprechen sein. Aber vor alien Dingen verrat es, wie
er iiberall darauf bedacht war, fur seine malerische Dar-
stellung die Art zu studieren, wie sich die Wirklichkeit dem
menschlichen Auge darbietet. Das Hell-Dunkel, die Farben-
gebung, das alles ist in diesem Werke Lionardos iiber die
Malerei genial dargestellt, wie es in der Malerei zu verwer-
ten ist. Und wenn wir in Lionardos Seele die Gewissens-
sehnsucht zu bestatigen hatten, niemals, audi nicht in der
geringsten Kleinigkeit gegen das zu verstofien, was er — wie
wir an anderer Stelle noch sehen werden - so hoch schatzt
wie die Wahrheit, wenn wir zeigen wollten, wie das in
seiner Seele gelebt hat, dann konnten wir sagen, es tritt
das in dem Traktat von der Malerei iiberall hervor, nie-
mals gegen die Wahrheit des Eindruckes zu verstoften, aber
so niemals zu verstofien, da£ dieser Eindruck iiberall ge-
rechtfertigt ist gegeniiber den inneren Geheimnissen der
Natur.
Wenn wir sein «Abendmahl» auf uns wirken lassen, so
gibt es zwei Dinge, gegeniiber denen man sich sagt, man
kommt mit ihnen nicht zurecht im Hinblick auf die Forde-
rungen Lionardos gegeniiber der Malerei. Das eine ist die
Judasfigur. An den Nachbildungen und audi gewissermaften
noch an dem schattenhaften Bild der Malerei in Mailand
hat man den Eindruck: der Judas ist ja ganz mit Schatten
bedeckt, ist ganz dunkel. Nun studiere man, wie das Licht
von den verschiedenen Seiten einfallt, und wie iiberall bei
den elf anderen Jungern die Beleuchtungsverhaltnisse in
der wunderbarsten Weise der Wahrheit gemafi dargestellt
sind. Nichts erklart uns recht das Dunkel auf dem Gesichte
des Judas! Wir bekommen nach den au£eren Lichtverhalt-
nissen keine befriedigende Antwort auf das Warum die-
ser Dunkelheit. Und wenn man an die Christus-Jesus-Ge-
stalt herankommt, so kann sich fur das aufiere Anschauen,
wenn man nicht geisteswissenschaftlich vorgeht, eigentlich
nur etwas wie eine Ahnung ergeben. Denn ebensowenig wie
die Schwarze, das Dunkel bei der Judasfigur berechtigt ist,
ebensowenig scheint das Sonnenhafte der Christus-Gestalt,
das Heraustreten aus den anderen Figuren im angedeuteten
Sinne berechtigt zu sein. Alle anderen Antlitze verstehen
wir aus den Beleuchtungen, nicht das des Judas und nicht
das Christus- Jesus- Antlitz.
Geht man aber geisteswissenschaftlich vor, dann baut sich
wie von selbst in unserer Seele der Gedanke auf : der Maler
hat wohl dahin gestrebt, wahrmachen zu konnen, dafi in
diesen beiden Gegensatzen « Jesus » und « Judas » Licht und
Finsternis nidit von auiSen, sondern kmerlich motiviert uns
entgegentreten. Er hat vielleicht wahrmachen wollen, dafi
dieses Christus-Antlitz so vor uns steht, dafi wir es durch die
aufieren Lichtverhaltnisse wohl unmotiviert finden in aufie-
rer Art, dafi wir aber dennoch glauben konnen: diese Seele,
die hinter diesem Antlitze ist, verleiht durch sich diesem
Antlitze eine Leuchtkrafl, und dieses Antlitz darf leuchten
im Widerspruche mit den Lichtverhaltnissen. Und ebenso
kann man dem Judas gegeniiber den Eindruck bekommen:
diese Gestalt darf gewissermaften auf sich selber einen
Schatten hinzaubern, der durch nichts gerechtfertigt ist,
was von ringsherum an Schatten geworfen wird.
Es ist, wie gesagt, eine geisteswissenschaftliche Hypothese,
aber eine solche, die sichmir in vielen Jahren herausgearbeitet
hat, eine Hypothese, von der man glauben kann, dafi sie
sich um so mehr bestatigen wird, je weiter man sich in das
ganze Problem hineinleben wird. Man kann es nach dieser
Hypothese verstehen, wie Lionardo, der iiberall in seinen
Werken und Studien die Naturwahrheit anstrebte, mit zit-
terndem Pinsel arbeitete, um ein Problem darzustellen, das
jeweils nur an dieser einzelnen Gestalt gerechtfertigt sein
konnte. Und dann kann man verstehen, da£ Lionardo wohl
bitter enttauscht sein mochte, ganz unzweifelhaft, weil es
durch die Mittel der damaligen Darstellungskunst unmog-
lich war, mit voller Wahrhaftigkeit und Wahrscheinlichkeit
dieses Problem zum Ausdruck zubringen, weil er noch nicht
konnte, was er wollte und schliefiiich an der Moglichkeit
der Ausfuhrung verzweifelte und so ein Bild hinterlassen
mu£te, welches ihn doch nicht befriedigte.
Dann beantwortet man sich so ganz im Einklange mit
der ganzen Gestalt und mit der ganzen geistigen Grofie des
Lionardo die aufgeworf ene Empfindungsfrage: Ja, mit dem
bitteren Gefuhl, daft er sich an seinem bedeutendsten Werke
eine Aufgabe gesetzt hatte, deren Ausfuhrung ihn nach
den den Menschen zuganglichen Mitteln nicht befriedigen
konnte, ging wohl Lionardo von diesem Bilde hinweg; und
wenn audi kein Auge in spateren Jahrhunderten das sehen
wird, was Lionardo in Mailand an die Wand gezaubert
hatte, so war es doch auch seinerzeit ganz gewifi nicht das,
was in seiner Seele gelebt hat. Ja, wenn man ihn so gegen-
iiber seiner bedeutendsten Schopfung ansieht, dann ist man
erst recht versucht, sich zu fragen: Welches Geheimnis ver-
birgt sich eigentlich hinter dieser Gestalt?
Als hier vor vierzehn Tagen die Personlichkeit Raffaels
betrachtet worden ist, da wurde zu zeigen versucht, wie
man eine solche Personlichkeit ganz anders verstehen kann,
wenn man sich auf geisteswissenschaftliche Untergriinde
stutzt, wenn man sich dariiber klar ist, da£ die Menschen-
seele etwas ist, was in vielen Erdenleben immer wieder-
kehrt, so dafi eine Seele, die in ein gewisses Zeitalter hin-
eingeboren ist, eben nicht dieses eine Leben nur lebt, son-
dern in der ganzen Anlage und in der ganzen Art der
Entwicklung sich die Anlagen aus friiheren Erdenleben mit-
bringt und nun mit dem, was sie als Anlage aus friiheren
Erdenleben in das jetzige hereintragt, sich demjenigen ge-
geniibergestellt findet, was die geistige Umgebung hergibt.
Wenn man so die Seele betrachtet, erkennend, da£ sie mit
einem inneren geistigen Gut ins Dasein tritt, das aus wie-
derholten Erdenleben stammt, und wenn man dazunimmt,
dafi die ganze Entwicklung sinnvoll und weisheitsvoll er-
scheint, wenn man voraussetzt, dafi nicht zufallig etwas in
gewissen Epochen auftritt, sondern regelmafiig und gesetz-
maflig, wie die Bliite der Pflanze nach den griinen Blattern
erscheint, wenn man also weisheitsvolle Gestaltung im
gesdiichtlichen Werden der Mensdiheit annimmt und dann
die Menschenseele immer wieder und wieder zuriickkehren
sieht aus geistigen Regionen, dann erst werden die einzel-
nen Gestalten erklarbar. Aber was an dem einzelnen Men-
sdienleben zu studieren ist, das enthiillt sich ganz besonders,
wenn man solche aus der Mittelmafligkeit herausfallende
Mensdienseelen ins Auge fafit. Wenn man Lionardo so be-
trachtet, wie wir die einzelnen Momente seines Lebens
nur skizzenma fiig zusammenzuf assen versucliten, dann kann
man immer wieder und wieder hingefuhrt werden zu dem
Hintergrunde, von dem diese Seele sich abhebt. Und dieser
Hintergrund ist die Zeit, in welche diese Seele hineinge-
stellt ist vom Jahre 1452 bis zum Jahre 1519.
Was ist das fur eine Zeit? Das ist die Zeit vor dem Auf-
bliihen der neueren naturwissensdiaftlichen Weltbetrach-
tung. Es ist die Zeit, bevor die Weltanschauung des Koper-
nikus gekommen ist, bevor Giordano Bruno 3 Kepler, Galilei
gewirkt haben. Wie betrachten wir geisteswissenschafllich
diese Zeit?
Wir haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dafi
je weiter wir im Laufe der Menschheitsentwickelung zu-
riickkommen, desto anders das ganze menschliche Anschauen
und das menschliche Zusammenleben mit der Umgebung
wird. In uralten Zeiten der Menschheitsentwickelung finden
wir in jeder Seele eine Art von Hellsehen, wodurch die
Seelen in gewissen Zwischenzustanden zwischen Schlafen
und Wachen in die geistige Welt hineinschauten. Dieses ur-
spriingliche Hellsehen verliert sich im Laufe der Zeit, aber
bis in die Zeiten des funfzehnten Jahrhunderts hinein blieb
dennodi aus den alteren Zeiten ein Rest dieses Hellsehens.
Nicht das Hellsehen selber, das war schon lange abhanden
gekommen; was aber geblieben war, das war ein Gefuhl
von dem Verbundensein der Menschenseele mit dem gei-
stigenHintergrunde der Welt. Was einst die Seelen geschaut
hatten, das fiihlten sie weiter, und obzwar dieses Fiihlen
schon schwach geworden war, so empfanden die Seelen den-
noch, dafi sie in ihrem Mittelpunkte zusammenhingen mit
dem Geistigen, das die Welt durchlebt und durchwebt, so
wie dasjenige was die physischen Vorgange im Menschen-
leibe sind, physisch zusammenhangt mit dem physischen
Geschehen der Welt.
Es gehort nun zu den Gesetzmafiigkeiten der Entwick-
lung, dafi das alte Zusammengehen der Menschenseele mit
der geistigen Welt f iir eine Weile abhanden kommen muftte.
Niemals hatte die neuere Naturwissenschaft erbliihen kon-
nen, wenn das alte Hellsehen geblieben ware. Es mufite
diese ganze alte Art des Anschauens verlorengehen, damit
sich die Seelen hinwendeten zu dem, was sich den Sinnen
darbietet und was durch den Verstand, der an das Gehirn
gebunden ist, wissenschafllich ergrundet werden kann. Nur
dadurch war jene naturwissenschaftliche Weltanschauung
moglich, die sich seit den Zeiten des Lionardo bis heute
herausgebildet hat, dafi das alte geistige Anschauen der
Menschheit abhanden gekommen war, und dafi sich der
Mensch «objektiv», wie man sagt, «gegenstandlich» zu der
aufieren sinnlichen Anschauung hinneigte und zu dem, was
der Verstand in der Sinnesanschauung erfassen kann.
Heute stehen wir wieder an einem neuen Wendepunkte,
an dem Wendepunkte zu jener Zeit, in welcher es dem
Menschen durch die moderne Geisteswissenschafi: wieder
moglich ist, zu einem geistigen Anschauen der Dinge zu
kommen. Denn die naturwissenschaftliche Entwicklung hat
eine doppelte Bedeutung. Einmal sollte sie der Menschheit
ein gewisses naturwissenschaftliches Gut uberliefern. Dieses
hat sich im Lauf e der Jahrhunderte seit dem Auftreten von
Kopernikus, Kepler und so weiter, seit die Naturwissen-
schaft von Triumph zu Triumph geschritten ist, in wunder-
barer Weise in das praktische und theoretische Leben ein-
gelebt. Das ist das eine, was durch die Naturwissenschaft in
den letzten Jahrhunderten seit der Zeit Lionardos erobert
worden ist. Das andere ist das, was nicht auf einmal kom-
men konnte, sondern was erst in unserer Zeit moglich ge-
worden ist. Denn nicht nur, dafi man der Naturwissen-
schaft das verdankt, was man durch die kopernikanische
Weltanschauung, durch die Beobachtungen und Untersu-
chungen Keplers und Galileis, was man durch die moderne
Spektralanalyse und so weiter erfahren hat, sondern man
verdankt ihr auch eine gewisse Erziehung der Menschen-
seele.
Zunachst richtete die Menschenseele den Blick hinaus auf
die Sinneswelt; dadurch bildete sich die Naturwissenschaft
aus. Aber durch die Naturwissenschaft bildeten sich neue
Ideen, neue Begriffe aus. Und wo die Naturwissenschaft
Allergrofites geleistet hat, da ist sie nicht durch die sinn-
liche Anschauung grofi geworden, sondern durch etwas ganz
anderes. Es ist bereits darauf hingewiesen worden. Gerade
auf einem bestimmten Gebiete hat man sich in der Zeit vor
Kopernikus auf das sinnliche Anschauen verlassen. Was hat
es ergeben? Man hatte geglaubt, dafi die Erde im Welten-
raume stille stehe, und dafi sich die Sonne und die iibrigen
Planeten um sie herumbewegten. Dann kam Kopernikus,
der den Mut hatte, sich nicht auf das sinnliche Anschauen zu
verlassen. Er hat den Mut gehabt, zu sagen, dafi, wenn man
sich auf die Sinnesanschauung verlafit, man keine einzige
empirische Entdeckung macht, dafiman aber zu empirischen
Entdeckungen kommt, wenn man In einer strengen Weise
alles zusammen denkt, was man vorher beobachtet hat. In
seinen Fufkapfen sind dann die Menschen weitergeschrit-
ten, und es ist durchaus ein Verkennen der Sachlage, wenn
man glauben wollte, die Naturwissenschaft sei dadurch zu
ihrer heutigen Hohe gelangt, dafi die Menschheit sidi nur
auf die Sinne verlassen hat.
Aber was durch die Naturwissenschaft in die Menschheit
gekommen ist, das hat sich auch den Seelen eingepragt; die
Ideen der Naturwissenschaft leben in unseren Seelen, haben
unsere Seelen erzogen. Die Naturwissenschaften sind neben
dem, was sie als Inhalt gegeben haben, auch ein Erziehungs-
mittel fur die Seelen gewesen, und heute sind, indem die
naturwissenschaftlichen Ideen wirklich in der Seele nicht nur
gedacht, sondern gelebt werden, die Seelen dazu reif ge-
worden, ganz von selbst in die Geisteswissenschaft hinein-
getrieben zu werden. Dazu mufite aber die Menschheit erst
reif werden. Dazu mufiten die Jahrhunderte seit der Zeit
Lionardos verfliefien.
Jetzt betrachten wir Lionardo. Er kommt in seine Zeit
hinein mit einer Seele, die in einem friiheren Dasein zu
jenen Eingeweihten gehort hat, die in der alten Art sich
zu den Geheimnissen des Weltanschauens erhoben hatten.
Das konnte er in der Zeit, als er im fiinfzehnten Jahrhun-
dert geboren wurde, nicht ausleben. Denn man kann in
friiheren Verkorperungen nach der Art, wie es diese frii-
heren Erdenleben moglich machten, sich in grolter, gewal-
tiger Weise in die Weltengeheimnisse eingelebt haben; wie
man sie in einem neuen Dasein ins Bewulksein hereinbringt,
das hangt von der aufieren Leiblichkeit ab. Ein Leib des
fiinfzehnten Jahrhunderts konnte nicht das an inneren Ge-
danken, an inneren Empfindungen und an innerer Gestal-
tungskraft zum Ausdruck bringen, was Lionardo in f riiheren
Daseinsstufen in sich aufgenommen hatte. Was er von fru-
her hatte, das wirkte nur als Kraft, aber er war unmittelbar
in dem Zeitalter vor dem Aufbliihen der Naturwissen-
schaflen in einen Leib hineingebannt, fiihlte sich iiberall
beengt. Es kam die Zeit heran, ihre Morgenrote war schon
da, in der man blofi hinausschauen wollte mit den Sinnen
in die Welt des sinnlichen Daseins und nur mit dem Ver-
stande denken wollte, der an das Instrument des Gehirnes
gebunden ist. Lionardo drangte es iiberall nach dem Geiste,
denn das hatte er sich aus f riiheren Leben mitgebracht. Und
in grandioser Weise drangte es ihn nach dem Geiste.
Sehen wir ihn jetzt zunachst alsKiinstler an. Ganz anders
ist die Kunst geworden in der Zeit, da Lionardo gelebt
hat, als etwa in der Griechenzeit. Versuchen wir einmal,
uns in das Schaffen zum Beispiel einer plastischen Gestalt
bei einem griechischen Kunstler zu versetzen. Was fur eine
Empfindung bekommen wir, selbst noch dann, wenn wir
zum Beispiel die Mark-Aurel-Statue in Rom ansehen? Nie-
mals wiirden die, welche so etwas geschaffen haben, in
der Weise wie etwa Michelangelo oder Lionardo in den
Einzelheiten Studien gemacht haben, derartiges in den ein-
zelnen Formen nach einem aufieren Modell nachgebildet
haben. Das wunderbare Pferd der Mark-Aurel-Statue ist
ganz gewifi nicht so studiert worden, wie Lionardo sein
Pferd zu der Reiterstatue des Francesco Sforza hat studie-
ren konnen. Und dennoch, wie lebendig stehen die alten
Statuen vor uns! Woher kommt das? Das kommt daher,
weil sich die Menschenseelen in den griechischen Zeiten un-
mittelbar als Schopfer ihres Leibes fiihlten, weil sie sich
mit den Seelenkraflen aller Welt eins fiihlten. In jenen
Zeiten der griechischen Kunst fiihlte man zum Beispiel an
einem Arme alle die Krafte, welche den Arm formten. Man
fiihlte sidi hinein in das selbstandige Innensein der eigenen
Gestalt. Man schaute die Gestalten nicht von aufien an,
sondern sdiuf von innen wissend, indem man sich der
gestaltbildenden Kraft nodi bewufit war. Das kann man
selbst nodi im Aufieren nadiweisen. Man sehe sich die grie-
diisdien Frauengestalten an: sie sind alle unmittelbar emp-
funden. Daher sind sie alle in dem Lebensalter dargestellt,
in welchem ein aufwarts gehendes Wachstum vorhanden
ist. Da fuhlen wir uberall, daiS der Kunstler der Natur
nachgeschaffen hat, weil er innerhalb des Geistes der Natur
stand, sich in seiner Seele mit dem Geiste der Natur ver-
bunden fiihlte.
Dieses Sich-verbunden-Fuhlen mit dem Geist, der durch
die Dinge webt und lebt, sollte in dem Zeitalter Lionardos
verlorengehen, und es mufite verlorengehen, weil sonst die
ganze neue Zeit nicht hatte kommen konnen. Das ist nicht
eine Kritik der Zeit, sondern eine Darstellung des Sinnes
der Tatsachen.
Sehen wir nun, wie Lionardo zu Werke geht, wenn er
die Bewegungen der Hand, der einzelnen Teile eines Tieres
oder die menschliche Physiognomie studiert! So geht er vor,
dafi er in der Seele ein inneres Wissen, ein inneres Erleben
hat, das aber nicht zum Bewufitsein kommt. Es ist etwas,
was da lebendig an diesen Gestalten schafFt, aber Lionardo
kann es nicht von innen f assen. Er fuhlt sich wie abgetrennt
davon, von diesem Von-innen-Erf assen. Und nun ist ihm
nichts genug. Nun steht er da — denn die neuere natur-
wissenschaftliche Weltanschauung istnoch nicht vorhanden -
in Erwartung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschau-
ung; aber er kann sie noch nicht selber haben. Nehmen wir
seine Schriften: Auf jeder Seite springen Dinge her vor,
welche die Menschen im Laufe der nachsten drei Jahrhun-
derte erstwieder finden und manchmal selbst bis heute noch
nicht gefunden haben. Lionardo hatte die wunderbarsten
Ideen, die zu seiner Zeit oft gar keine Wirkung gehabt
haben. Wir finden sie in seinen Werken, audi in seinem
kunstlerischen Schaff en.
So empfinden wir bei ihm die Ohnmacht, mit der eine
Seele auftreten mufite in einem Zekalter, das zu Ende ging
fur die alte Art der Weltauffassung, und dem die neue
Weltauffassung nodi nicht heraufgekommen war. Diese
neue Weltauffassung brachte es aller dings mit sich, dafi sie
das gesamte menschliche Anschauen in ein Anschauen der
Einzelheiten zerspHtterte. Wir sehen heraufkommen eine
Spezialisierung der einzelnen Wirkenszweige. Bei Lionardo
ersdieint nodi alles vereinigt. Er ist zugleich umfassender
Maler, umfassender Musiker, umfassender Philosoph, um-
fassender Techniker. Er hat dies in sich vereinigt, weil seine
Seele aus der alten Zeit mit grofien Fahigkeiten heriiber-
kommt und nun in der neuen Zeit iiberall «tippen» kann
an die Dinge, aber nicht hinein kann. Und so ersdieint
dann, menschlich gesehen, Lionardo wie eine tragische Ge-
stalt, ersdieint aber, von einem hoheren Gesichtspunkte aus
gesehen, ungeheuer bedeutungsvoll am Wendepunkte zu
einer neueren Zeit.
Das kann man selbst sehen, wenn man durchgeht, was
Lionardo weiter geschaflen hat. Er hat da die bedeutend-
sten Dinge nur bis zu einem gewissen Punkte gebracht;
dann haben seine Schiller daran gearbeitet. Und selbst an
solchen Dingen wie dem « Johannes » oder der «Mona Lisa»
im Louvre in Paris sehen wir, wie sie durch die technische
Behandlungsart so hergestellt waren, dafi sie bald ihren
Glanz verlieren mufiten. Dann sehen wir aber iiberall audi,
wie eigentlich Lionardo sich selber nirgends genugtun
konnte. Es ist nicht moglich, ohne die Bilder zur Hand zu
haben, uber die Einzelheiten von Lionardos Malereien zu
sprechen. Vertieft man sich in sie, so zeigt sidi iiberall, wie
Lionardo als Kiinstler an Grenzen kam, iiber die er nicht
hmauskonnte, und wie iiberall das, was in seiner Seele
lebte, tiberhaupt nicht einmal bis zu dem Punkt kommen
konnte, wo es vom seelischen Erleben ins Bewufitsein her-
aufleuchtet, wie es aus jenem Stadium des seelischen Er-
lebens in einem Momente so aufleuchtet, dafi man auf-
jauchzt, und wieder in Schmerz versinken mochte, weil es
nicht zum deutlichen Bewufitsein kam. Nicht einmal das
trat fur Lionardo ein.
Wir folgen eigentlich Lionardo mit recht bitteren Ge-
fiihlen, wenn wir sehen, wie er zuletzt von Franz I. von
Frankreich fiir die drei letzten Lebensjahre geholt wird
und in dem Wohnskz, den ihm Franz I. angewiesen hat,
in geistiger Betrachtung, in die Geheimnisse des Daseins
vertieft, diese Jahre verbringt. Denn er tritt uns da entgegen
als der einsame Mann, der eigentlich mit der Welt, die ihn
umgibt, nichts Rechtes mehr gemeinsam haben kann, und
der einen ungeheuern Kontrast empflnden mufite zwischen
dem, was er als die Urgriinde des Daseins empfand, die
durch die Kunst Gestalt annehmen konnen, und dem, was
er doch nur fragmentarisch der Welt hat geben konnen.
Wenn man die Dinge so nimmt, dann sieht man auf
Lionardo hin und sagt sich: Eine Seele ist da, in der geht
vieles vor. Vieles, unendlich vieles geht in ihr vor. Er-
schutternd ist der Eindruck, den sie auf den Betrachter
macht, wenn man sich vorstellt, was dem Menschheitspro-
zesse von dieser Seele iibergeben wird. Was sich dem Mensch-
heitsprozesse von dieser Seele auch aufierlich offenbart, so-
gar schon beim Tode Lionardos, wie ist das geringftigig
gegeniiber dem, was in dieser Seele lebte! Wie stehen wir
da vor der Ukonomie des Daseins, wenn wir der Anschau-
ung huldigen sollten, dafi sich das Menschendasein in dem-
jenigen erschopft, was nur aufierlich zum Dasein kommt?
Wie sinn- und zwecklos ersdieint das Leben einer solchen
Seele wie der Lionardos, wenn wir sehen, was in ihr vor
sich gegangen ist, und was sie wegen dieses Vorsichgehens
leiden und dulden konnte, und wenn wir es vergleichen mit
dem, was sie dann der Welt hat geben konnen? Welcher
Kontrast ergabe sich, wenn wir sagen wollten, diese Seele
diirfe nur nach dem betrachtet werden, wie sie sich im
aufieren Leben offenbart hat! Nein, so konnen wir sie nicht
betrachten! Wir miissen uns auf einen anderen Standpunkt
stellen und miissen sagen: Was sie audi immer der Welt
gegeben hat, was sie erlebt hat, was sie im Innern durch-
gemacht hat, das gehort einer anderen Welt an, die gegen-
uber unserer Welt eine ubersinnliche ist. Und solche Men-
schen sind vor allem ein Beweis dafiir, dafi der Mensch mit
seiner Seele im iibersinnlichen Dasein steht, und dafi solche
Seelen mit dem iibersinnlichen Dasein etwas auszumachen
haben und dafi nur ein «Abfallprodukt» das ist, was sie
der aufieren Welt iibergeben von dem, was sie im ganzen
durchzumachen haben.
Erst dann kommen wir zu einem richtigen Eindruck,
wenn wir zu dem Strom, der sich im aufieren Menschen-
geschehen abspielt, einen anderen, iibersinnlichen Strom
hinzufiigen und sagen: Es geschieht etwas parallel mit dem
sinnlichen Strome, und in dem Obersinnlichen sind solche
Seelen eingebettet. Darin miissen sie leben, damit sie die
Verbindungsglieder sind zwischen dem Sinnlichen und dem
Obersinnlichen. Sinnvoll erscheint das Dasein soldier Seelen
erst, wenn wir ein iibersinnliches Dasein annehmen konnen,
in welches sie eingebettet sind. So schauen wir wenig von
Lionardo, wenn wir auf sein aufieres Schaffen hinblicken;
so bekommen wir eine Anschauung davon, dafi diese Seele
noch etwas abzumachen hat im iibersinnlichen Dasein, und
sagen uns claim: wir verstehen! - Damit diese Seele in
ihrem Gesamtleben, das durch viele Erdenleben verlauft,
immer der Menschheit dieses oder jenes offenbaren kann,
muflte sie in jenem «Lionardo-Dasein» das durchmachen,
dafi nur das wenigste, was in dieser Seele war, zum aufieren
Ausdruck hat kommen konnen. So sind solche Seelen wie
die Lionardo-Seele selber rechte Weltratsel und Lebens-
ratsel, verkorperte Weltenratsel.
Was Ich heute ausfiihren wollte, sollte nicht in scharf ab-
gezirkelten Begriffen hingestellt werden, sondern es sollte
einen Hinweis darauf geben, wie man sich solchen Seelen
nahern kann. Denn Geisteswissenschaft soil wahrhaftig nicht
Theorien geben! Geisteswissenschaft soil durch alles, was
sie vermag, das ganze Gefuhls- und Empfindungsleben des
Menschen ergreifen und soil selber Lebenselixier werden,
soli so Lebenselixier werden, dafi wir durch sie ein neues
Verhaltnis zu Welt und Leben gewinnen. Geister wie Lio-
nardo sind ganz besonders geeignet, dazu anzuleiten, dafi
dieses neue Verhaltnis zu Welt und Leben, das wir durch
die Geisteswissenschaft gewinnen konnen, zur Welt komme.
Wenn wir hinschauen auf Geister wie Lionardo, so konnen
wir sagen: Ratselvoll treten sie ins Dasein, weil sie ein
Grofieres auszuleben haben, als ihnen ihr Zeitalter geben
kann. Weil sie Friiheres heruberbringen, treten Seelen wie
Lionardo nicht nur in unscheinbarem Stande ins Dasein,
sondern sogar so, wie Lionardo ins Leben tritt. Von einem
mittelmafiigen Vater, und geboren von einer Mutter, die
bald iiberhaupt ganz aus dem Gesichtskreis verschwindet,
nachdem sie das natiirliche Kind geboren hat, ward Lio-
nardo erzogen unter mittelmafiigen Leuten. So sehen wir
ihn ganz auf sich selbst gestellt und das zum Ausdruck
bringend, was er aus friiheren Leben heriibergetragen hat.
Gerade wenn wir auf die ungiinstigen Verhaltnisse seiner
Geburt hinsehen, erkennen wir, dafi sie nicht verhinderten,
den grofiten Seeleninhalt zur Offenbarung kommen zu
lassen.
So sehen wir Lionardos Seele so gesund, so umfassend,
dafi wir es nachfiihlen konnen, wenn Goethe aus seiner
groflen Seele heraus sagt: «Regelmafiig, schon gebildet stand
er als ein Mustermensch der Menschheit gegeniiber, und
wie des Auges Fassungskraft und Klarheit dem Verstande
eigentlich angehort, so war Klarheit und Verstandigkeit
unserm Kiinstler vollkommen zu eigen.» Wenn wir diese
Worte auf Lionardo anwenden wollen - und sie sind an-
wendbar -, dann konnen wir sie anwenden auf den jugend-
lichen Lionardo, der uns korperlich und geistig frisch, voll-
kommen, schaffensfreudig, weltenfreudig, weltensehnsuch-
tig zugleich entgegentritt - ein vollkommener Mensch, ein
Mustermensch, zum Eroberer geboren, ein Mensch, der
audi zum Humor geboren ist, denn das hat er bei den ver-
schiedensten Gelegenheiten seines Lebens gezeigt. Und dann
wenden wir den Blick zu jener Zeichnung hin, die als ein
Selbstbildnis gilt und gelten darf, zu dem alten Manne, in
dessen Gesicht vieles Erleben, vieles schwere, schmerzliche
Erleben tiefe Furchen eingegraben hat, dessen Ziige um den
Mund herum uns die ganze Disharmonie andeuten, in der
wir endlich den einsamen Mann sehen, fern von seinem
Vaterlande, im Asyl bei dem Konig von Frankreich, noch
ringend mit dem Weltendasein, aber einsam, verlassen, un-
verstanden, wenn auch geliebt von Freunden, die es nicht
unterlassen haben, ihn zu begleiten.
So tritt uns die Grofie dieses Geistes, die durchviel Leiden
hindurchgeht, an Lionardo ganz besonders entgegen, wie
sie sich hineinbegibt ih diesen Leib, ihn erst vollkommen
gestaltend und ihn dann, verbittert, verlassend. Wir schauen
hinein in dieses Antlitz und fiihlen den Genius der Mensch-
heit selber uns aus diesem Menschenantlitz en tgegenschauend.
Ja, wir beginnen die Zeit zu begreif en, die Zeit der Abend-
rote, in der Lionardo gelebt hat, und die Zeit, in der
Kopernikus, Kepler, Giordano Bruno, Galilei gelebt haben,
mit denen eine neue Morgenrote anbridit, und wir schauen
alle die Beschranktheiten und Beengungen, die Lionardos
grofie Seele erleben mufite. Wir verstehen das Zeitalter und
verstehen den grofkn Kiinstler, der hinter alien mensch-
lichen Mitteln steht, und der schliefilich auch nur mit
menschlichen Mitteln arbeiten kann. Wir miissen unser
ganzes menschliches Verstandnis hinzubringen und blicken
in Lionardos Antlitz hinein, nachdem wir uns geisteswissen-
schaftlich dazu vertieft haben - und die ganze Natur des
Zeitalters blickt uns aus diesem Antlitz entgegen. Ja, aus
diesen verbitterten Gesichtsziigen blickt uns entgegen der
sich zunachst nach abwarts neigende Menschengeist. Wir
miissen ihn so kennenlernen, damit wir wieder die ganze
Grofie der Kraft kennenlernen, die vorhanden sein mulke,
damit ein Kopernikus, ein Kepler, ein Galilei, ein Giordano
Bruno haben erstehen konnen.
Wahrhaftig, dann erst bekommen wir die richtige Ehr-
furcht vor dem Gang und der Entwickelung des Menschen-
geistes, wenn wir jene Tragik, die wir gegeniiber Giordano
Brunos Scheiterhaufen empfinden, audi noch vertiefen ler-
nen durch den Anblick der an dem vorhergehenden, nieder-
gehenden Zeitalter ohnmachtig sich f iihlenden Seele Lionar-
dos. Lionardos Grofie wird uns erst klar, wenn wir eine
Ahnung von dem bekommen, was er nicht vermochte. Und
das hangt mit etwas zusammen, in das wir zum Schlufi die
heutigen Betrachtungen zusammenf assen wollen. Das hangt
damit zusammen, dafi die menschliche Seele dochbefriedigt,
ja, beseligt sein kann beim Anblick der Unvollkommenheit,
wenn auch am beseligtsten nicht beim Anblick der kleinen,
sondern der grofien Unvollkommenheit, beim Anblick jenes
Schaffens, das wegen seiner Gro&e an der Ausfiihrung er-
stirbt. Denn in den ersterbenden Kraften ahnen, ja schauen
wir zuletzt die sich fiir die Zukunft vorbereitenden Krafte,
und in der Abendrote geht uns auf die Ahnung und die
HofTnung der Morgenrote.
Immerdar mufi unsere Seele gegenuber der Menscliheits-
entwickelung so empfinden, dafi wir uns sagen, alles Wer-
den, es verlauft so, dafi wir sehen: Da, wo das Geschaffene
zur Ruine wird, da wissen wir, dafi stets aus den Ruinen
neues Leben bliihen werde.
IRRTOMER DER GE I STESFORS CHUNG
Berlin, 6. Marz 1913
Wenn es schon auf alien Gebieten des menschlichen Strebens
und Forschens von einer grofien Bedeutung ist, nicht nur
die Wege der Wahrheit, sondern audi die Quellen des Irr-
tums zu kennen, so ist dies in ganz besonderem Ma£e der
Fall auf dem Gebiete, von dem diese Vortrage hier handeln,
auf dem Gebiete der Geistesforschung, der Geisteswissen-
schafl. Auf diesem Gebiete hat man es ja nicht blofi mit
Irrtumsquellen zu tun, die man sich gewissermafien aus dem
Wege scharft durch Urteil und Oberlegung, sondern man
hat es zu tun mit Irrtumsquellen, welche sich auf Schritt
und Tritt bei der geistigen Wahrheitsforschung finden. Man
hat es zu tun mit Irrtiimern, die auf dem Wege zur Wahr-
heit nicht blofi zu widerlegen sind, sondern welche zu uber-
winden, zu besiegen sind. Und nur dadurch, dafi man sie
kennt, daf5 man die entsprechenden Erlebnisse in ihrem
Charakter als Irrtum ins geistige Auge f assen kann, ist man
imstande, sich vor ihnen zu behiiten und zu bewahren. Es
ist nicht moglich, auf diesem Gebiete von einzelnen Wahr-
heiten oder Irrtiimern zu sprechen, sondern es ist notwen-
dig, sich daruber klar zu werden, durch welche Verrich-
tungen der Seele, durch welche Verirrungen der Seele der
Mensch auf dem Wege der Geistesforschung in die Unwahr-
heit hineinverfallen kann.
Nun ist es leicht begreiflich, dafi derjenige, welcher im
Sinne des in den bisherigen Vortragen Ausgefuhrten sich
hindurchringen will zu den iibersinnlichen Welten, zunachst
sozusagen ein gesundes Wahmehmungsorgan braucht, ge-
radeso, wie wir auf dem Gebiete der aufieren sinnlidien
Beobachtung gesunde Sinne braudien. Und das zweite ist,
dafi man aufier dem Wahrnehmungsorgan eine entsprechende
Ausbildung, eine vollstandige Ausbildung und Klarheit des
Bewufitseins habe, welches die entsprechenden Beobachtun-
gen zu iiberschauen, zu beurteilen in der Lage ist. Auch in
der gewohnlichen sinnlichen Beobachtung des Lebens ist
dies ja notwendig, dafi wir nicht nur gesunde Sinne haben,
sondern dal5 auch unser Bewufitsein gesund ist, das heilk,
sich nicht umnebeln lafk, nicht benommen und nicht be-
taubt, nicht in einer gewissen Weise gelahmt ist. Beide
Eigenschaften des Seelenlebens auf einer hoheren Stufe
kommen noch mehr zur Bedeutung auf dem Gebiete der
geistigen Forschung.
Um uns zu verstandigen, wollen wir einen Vergleich
aus der gewohnlichen sinnlichen Beobachtung nehmen. An-
genommen, es habe jemand zum Beispiel ein unnormal ent-
wickeltes Auge. Dann wird er nicht in der Lage sein, mit
diesem unnormal entwickelten Auge in unbefangener, rich-
tiger Art die Dinge zu beobachten, welche gesehen werden
sollen. Unter Hunderten und aber Hunderten von Bei-
spielen, die angefuhrt werden konnen, soil nur das eine
angef iihrt werden. Ein sehr bedeutender Naturf orscher der
Gegenwart, der ganz und gar nicht geneigt ist, sich irgend-
welchen Tauschungen willkurlich hinzugeben, hatte einen
gewissen Einschlufi im Auge, und er hat in seinem Lebens-
abrifi angegeben, wie dieser Einschlufi im Auge ihn ver-
leitete, namentlich in Zeiten der Dammerung die Dinge
ungenau zu sehen, und durch das ungenaue Sehen zu einem
falschen Urteil zu kommen. Er schildert zum Beispiel, er
gehe oft durch die Dunkelheit, und durch den EinschlufS im
Auge sehe er irgend welche Gestalt, die er fur wirklich halte,
die aber durch nichts anderes hervorgerufen wird als durch
sein unnormales Auge. Er erzahlt dann, wie er einmal in
einer ihm fremden Stadt um die Ecke ging, und weil er die
Stadt fur unsicher hielt, verfuhrte ihn sein Auge, jemanden
zu sehen, der um die Ecke herum ihm entgegenkam und
ihn anfallen wollte, und er zog sogar seine Waffe, um sich
zu verteidigen. Er war also nicht einmal imstande, trotz
der vollstandigen Kenntnis seines Organes, die Situation
richtig zu beurteilen, um das, was das Auge hervorrief, als
ein Nichts zu erkennen. Und so konnen Fehler in alien
unseren Sinnesorganen vorkommen. Das sei nur zum Ver-
gleich angefuhrt.
Nun ist in den bisherigen Vortragen ausgefuhrt worden,
wie der Mensch durch gewisse intime Ausbildungen, Heran-
entwicklungen seiner Seele, sich zum wirklichen Geistes-
forscher ausbilden kann, wie er die wirklichen Geistes-
organe, durch die er in die iibersinnliche Welt hineinschauen
kann, in sich zur Entfaltung bringt. Auch diese geistigen
Organe miissen in der richtigen Weise ausgebildet sein,
wenn es moglich sein soli, ganz nach Analogie der sinn-
lichen Wahrnehmung, nicht Karikaturen und Unwahr-
haftigkeiten zu schauen, sondern das Wahre, Wirkliche der
hoheren, geistigen Welten zu sehen. Nun hangt die Aus-
bildung der hoheren Geistorgane, die, wie wir gesehen
haben, durch die richtig angewendeten Meditationen, Kon-
zentrationen, Kontemplationen herbeigef iihrt werden kann,
von dem Ausgangspunkte schon des gewohnlichen Lebens
ab. Ein jeder Mensch, der sich zur Anschauung der geistigen
Welten heraufentwickeln will, mufi ja - das ist ganz natiir-
lich und sachgemaft - seinen Ausgangspunkt von der ge-
wohnlichen Seelenentwickelung nehmen, von dem, was fur
das alltagliche Leben und auch fiir die gewohnliche Wissen-
schaft das Richtige, das Normale ist. Nur von diesem Aus-
gangspunkte aus, durch Hereinnehmen in die Seele derjeni-
gen Vorstellungsarten, die wir als die Meditationen und als
die anderen Obungen angefiihrt haben, kann die Seele zur
Beobadhitung der geistigen Welten heraufriicken.
Da handelt es sich nun darum, dafi im Ausgangspunkte,
das heiftt vor dem Beginn der geistigen Schulung, bei dem
werdenden Geistesforscher eine gesunde Urteilskraft vor-
handen sein mufi, ein auf diewirklichen Verhaltnisse gehen-
des Urteilsvermogen. Jeder Ausgangspunkt, der nicht von
einer gesunden, sidi an die Dinge hingebenden Urteilskraft
herkommt, ist vom Obel, denn er fiihrt solche ungesunde
geistige Beobaditungsorgane herbei, die sich vergleicben
lassen mit nicht normal ausgebildeten Sinnesorganen. Und
hier sind wir wieder auf dem Punkt, der an der einen oder
anderen Stelle der bisherigen Vortrage schon erwahnt wor-
den ist, und der zeigt, wie wichtig und bedeutungsvoll das
ist, was man als das Seelenleben des Geistesforschers be-
zeichnen kann, bevor er seine Ausbildung als Geistesfor-
scher, seine geistesf orscherische Schulung antritt. Ungesunde
Urteilskraft, mangelhafte Fahigkeit, die Dinge in ihrer
Wirklichkeit zu beobachten, fiihrt dazu, dafi der Mensch
die Tatsachen und Wesenheiten der geistigen Welt verzerrt
oder - wie wir heute noch sehen werden - in der mannig-
faltigsten Weise unrichtig sieht. Das ist sozusagen der erste
wichtige Satz fiir alle Entwicklung zur Geistesf orschung.
Gerade geisteswissenschaftliche Schulung macht notwendig,
dafi der Ausgangspunkt von einer gesunden Urteilskraft
genommen werden mu£, von einem solchen Interesse an
den Dingen, das immer losgehen will auf die wahrhaftigen
Zusammenhange des Daseins, schon bevor der Weg zu den
ubersinnlichen Welten beschritten wird. Alles, was sich in
der Seele gern Tauschungen hingibt, was gern willkurlich
urteilen will, was in der Seele eine gewisse ungesunde Logik
darstellt, das alles fiihrt audi zur Ausbildung ungesunder
Geistorgane.
Der andere Ausgangspunkt, der von einer wesentlichen
Bedeutung ist, ist die moralische Stimmung der Seele. Die
moralische Tiichtigkeit, die moralische Kraft, sie ist ebenso
wichtig wie die gesunde Logik, wie die gesunde Intellek-
tualitat. Denn fiihrt die ungesunde Logik, fiihrt die un-
gesunde Intellektualitat zu mangelhaft ausgebildeten Geist-
organen, so fiihrt die schwachmiitige oder unmoralische
Stimmung, welche der in die geistigen Welten Aufsteigende
vor dem Beginn der geistigen Schulung hat, zu einer ge-
wissen Benebelung, Betaubung konnten wir es nennen,
so dafi er, wenn er den hoheren Welten gegeniibersteht,
etwas hat, was man wie eine Art von Lahmung, sogar von
Ohnmacht bezeichnen mufi. Nur mufi bemerkt werden, dafi
auf der Stufe der Seelenentwickelung, die hier gemeint ist,
das, was Ohnmacht, was Betaubung genannt wurde, durch-
aus nicht verglichen werden kann mit der Ohnmacht, mit
der Lahmung des gewohnlichen, alltaglichen Bewufitseins.
Da bedeutet sie eine gewisse Bewufitlosigkeit gegemiber den
Gebieten des Lebens. Auf dem geistigen Gebiete bedeutet Be-
taubung, Umnebelung, das Durchsetztsein des Bewufitseins
mit alledem, was noch aus der gewohnlichen Sinneswelt oder
aus dem gewohnlichen Erleben des Tages stammen kann.
Nicht in einem solchen Grade kann der im Irrtumbefangene
Geistesforscher umnebelt oder ohnmachtig sein wie das ge-
wohnliche Bewufitsein. Aber er kann den geistigen Welten
gegeniiber dadurch ohnmachtig sein, dafi sich sein geistiges
Bewufitseinsfeld erfiillt mit dem, was nur Berechtigung hat
durch seine Eigenschaft, durch die Art seines Auftretens im
gewohnlichen sinnlichen und Verstandesbewufitsein. Da-
durch, dafi der. Geistesforscher solches in die geistigen Wel-
ten hinaufnimmt, triibt er sich sein hoheres Bewufitsein.
Man kann die Sadie audi in der folgenden Weise dar-
stellen. Bewufitseinstriibung, Beeintrachtigung der gewohn-
lichen Seelenart im alltaglichen Leben 1st wie ein Herein-
spielen des Schlafes oder des Traumens in das klare All-
tagsbewuiksein. Betaubung, Benebelung des hoheren, iiber-
sinnlichen Bewufitseins ist aber wie ein Hereinspielen des
gewohnlichen Alltagsbewufitseins, desjenigen Bewuftt-
seins, das wir mit uns in der gewohnlichen Welt herum-
tragen, in jenes Bewuiksein hinauf, in welchem es nicht
mehr sein sollte, in das Bewufitsein, das rein und klar die
Tatsachen der hoheren, der ubersinnlichen Welten beur-
teilen und iiberschauen sollte. Jede Art unmoralischer oder
schwachmoralischer Stimmung, jede Art von moralischer
Unwahrhaftigkeit fiihrt zu einer solchen Benebelung des
ubersinnlichen Bewufitseins. Daher gehort wiederum zu dem
Wesentlichen und Bedeutungsvollsten im Ausgangspunkte
der geisteswissenschaftlichen Schulung eine entsprechende
moralische Verfassung, und wenn Sie meine Scjirift «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» durch-
nehmen, so werden Sie darin besondere SeelenmaJ&nahmen
angegeben sehen, durch welche diese geeignete moralische
Verfassung hergestellt werden kann.
Von besonderem Schaden ist nach dieser Richtung hin
alles, was den Menschen im gewohnlichen Leben befallt
an Eitelkeit, an Ehrgeiz, an gewohnlichem Selbstsinn, an
einer gewissen Sympathie fur diese oder jene Erlebnisse.
Gelassenheit, Unbefangenheit, ein liebevolles Eingehen auf
Dinge und Welten, ein aufmerksames Interesse auf alles,
was sich im Leben darbieten kann, und ahnliche Dinge,
namentlich aber ein gewisser moralischer Mut, ein gewisses
Eintreten fur das als wahr Erkannte, das sind richtige Aus-
gangspunkte fur eine geisteswissenschaftliche Schulung.
Es ist aus den bisherigen Vortragen klar, dafi alle geistige
Schulung darauf beruht, dafi gewisse geistige Krafte, die in
der Seele vorhanden sind, aber im gewohnlichen Leben in
derselben schlummern, aus dieser herausgeholt werden
miissen. Denn die geistigen Organe und das iibersinnliche
Bewufitsein konnen sich nur dadurch entwickeln, dafi die
im gewohnlichen Leben gar nicht oder nur schwach aus-
gebildeten, in den Tiefen der Seele ruhenden Krafte her-
auskommen, wirklich ins Bewufitsein eindringen. Und
audi das Folgende ging schon aus den bisherigen Betrach-
tungen hervor. Zweierlei tritt auf, wenn der Mensch durch
gehorige Meditation, durch Konzentrieren seines ganzen
Seelenlebens auf einzelne, durch seine Willkiir in das Be-
wufitsein hereingerufene Vorstellungen diese in der Tiefe
der Seele ruhenden Krafte herauszuholen sucht. Erstens
wird eine Eigenschaft, die sonst in der Seele immer vor-
handen ist, die aber im gewohnlichen Leben durch verhalt-
nismafiig leichte Mafinahmen besiegt werden kann, mit den
anderen in den Tiefen der Seele sonst schlummernden Eigen-
schaften mitverstarkt, mitgekraftigt. Denn anders geht die
geistige Entwickelung nicht vor sich, als da£ man in einer
gewissen Beziehung das ganze Seelenleben innerlich reg-
samer, energischer macht. Diejenige Eigenschaft, welche so
mit dem, was man gerade zu verstarken sucht, mitverstarkt
wird, ist das, was man den Selbstsinn, die Selbstliebe des
Menschen nennen kann. Ja, man darf sagen, diesen Selbst-
sinn, diese Selbstliebe des Menschen lernt man eigentlich
erst recht kennen, wenn man eine geisteswissenschaftliche
Schulung durchmacht. Man weifi dann erst, wie tief diese
Selbstliebe in des Menschen Seele vorhanden ist, dort
schlummert. Wer durch die in den verflossenen Vortragen
geschilderten Ubungen seine Seelenkrafte verstarkt, merkt
zu einer bestimmten Zeit seiner Entwickelung, wie in sein
Seelenleben eine andere Welt eintritt. Er mufi aber zugleich,
das gehort zu seiner geistigen Entwickelung, die Bemer-
kung madien konnen, mufi die Erkenntnis dafiir haben
konnen, dafi die erste Gestalt der neuen, der iibersinnlichen
Welt, welche da auftritt, nidits anderes ist als ein Schatten-
bild, eine Projektion seines eigenen inneren Seelenlebens.
Was er in seinemSeelenlebenherangebildet hat, diese Krafle
treten ihm zuerst wie in einem Spiegelbilde entgegen. Das
ist es auch, weshalb der aufiere materialistisdie Denker sehr
leicht das, was beim Geistesf orscher im Seelenleben auftritt,
mit dem verwechseln kann, was beim krankhaften Seelen-
leben an Illusionen, Halluzinationen, Visionen und der-
gleidien auftreten kann. Dafi ein von dieser Seite kommen-
der Einwurf nur auf einer Unkenntnis der Tatsachen be-
ruht, ist oft ausgefiihrt worden. Allein auf diesen Unter-
schied mufi immer wieder hingewiesen werden, dafi das
krankhafle Seelenleben, das aus sich heraus seine eigene
Wesenheit wie in einem Spiegelbilde vor sich hat, dieses
Spiegelbild fiir eine wirkliche Welt halt und diese Anschau-
ung nicht durch innere Willkiir wegzuschaffen in der Lage
ist. Dagegen mufi gerade in der richtigen Geistesschulung
das enthalten sein, dafi der Geistesforscher die ersten Er-
scheinungen, die da auftreten, als Widerspiegelungen seines
eigenen Wesens erkennt, und dafi er sie nicht nur als solche
erkennt, sondern dafi er auch imstande ist, sie aus seinem
Bewufitseinsfeld hin wegzuschaffen, auszuloschen.
Wie der Geistesforscher auf der einen Seite durch seine
Ubungen dazu kommt, seine Seelenkrafte zu verstarken,
so da£ sie ihm eine neue Welt vorzaubern, so mu£ er auf
der anderen Seite wieder imstande sein, diese ganze Welt
in ihrer ersten Gestalt auszuloschen, muJS sie nicht nur als
ein Spiegelbild seines eigenen Wesens erkennen, sondern
auch wieder ausloschen konnen. Wenn er dazu nicht im-
stande ist, dann ist er in einer Lage, die sich vergleichen
lafk mit einer solchen, welche, wenn sie entsprechend in der
Sinnesbeobachtung auf treten wiirde, ganz unertraglich, ganz
unmoglich fiir eine wirkliche Entwickelung der Menschen-
seele ware. Nehmen wir an, in der gewohnlichen Sinnes-
beobaditung wiirde der Mensch, wenn er seine Augen auf
einen Gegenstand richtet, von diesem so angezogen werden,
dafi er nicht wieder den Blick frei wegwenden konnte. Der
Mensch wiirde also nicht mehr imstande sein, den Blick frei
herumschweifen zu lassen, sondern wiirde von dem Gegen-
stande festgehalten werden. Das ware eine unertragliche
Lage gegeniiber der aufieren Welt. Genau dasselbe wiirde
es bei einer geistigen Entwickelung in bezug auf die iiber-
sinnliche Welt bedeuten, wenn der Mensch nicht in der Lage
ware, sozusagen das geistige Beobachtungsorgan herumzu-
wenden und wieder auszuloschen, was sich seinem geistigen
Beobachtungsorgan als Bild darbietet. Denn nur, wenn er
die Probe machen kann: Du kannst dein Bild ausloschen
und es dann doch, nachdem er sich zuerst in diesem Aus-
loschen uberwunden hat, in der entsprechenden Weise
wiederkommt, so dafi er seine Wirklichkeit in der entspre-
chenden Weise kennenlernen kann, dann nur stent er der
Wirklichkeit und nicht seiner eigenen Einbildung gegen-
iiber. So mufi der Geistesforscher nicht nur seine geistigen
Erscheinungen herstellen konnen, an sie herandringen kon-
nen, sondern er mufi sie auch wieder ausloschen konnen.
Was bedeutet das aber?
Es bedeutet nichts Geringeres als die Notwendigkeit einer
ungeheuer starken Kraft, die notwendig ist zur Besiegung
des Selbstsinnes, der Eigenliebe. Denn warum sieht das un-
normale Seelenleben, das zu Halluzinationen, Visionen,
Wahnvorstellungen kommt, diese Gebilde als Wirklich-
keiten und nicht als Ausfliisse seines eigenen Wesens an?
Eben deshalb, weil der Mensch sich mit dem, was er selber
hervorbringt, womit er zusammenhangt, so verbunden
fiihlt, dafi er sidi selber wie verniditet glaubt, wenn er das,
was er selber hervorbringt, nicht als eine Wirklichkeit an-
sehen konnte. Und wenn der Mensdi aus der gewohnlichen
Welt heraustritt und sein Seelenleben nicht normal ist, dann
verstarkt sich die Selbstliebe so, dafi sie wie eine Natur-
kraft wirkt.
Innerhalb des gewohnlichen Seelenlebens konnen wir sehr
genau unterscheiden, was sozusagen Phantasie-Einbildung
oder was Wirklichkeit ist. Denn innerhalb des gewohn-
lichen Seelenlebens haben wir eine gewisse Kraft iiber unsere
Vorstelhmgen. Jeder kennt diese Kraft, welche die Seele
iiber die Vorstellungen hat, wodurch sie in der Lage ist,
gewisse Vorstellungen wegzuschaifen, wenn ihre Irrtiim-
lichkeit erkannt ist. In einer anderen Weise stehen wir der
Aufienwelt gegeniiber, wenn wir den Naturkraften gegen-
uberstehen. Wenn der Blitz zuckt, wenn der Donner rollt,
da miissen wir die Erscheinungen ablaufen lassen, da kon-
nen wir nicht dem Blitz verbieten, zu zucken oder dem
Donner verbieten, zu rollen. Aber mit derselben inneren
Kraft tritt bei uns der Selbstsinn auf, wenn wir aus dem
gewohnlichen Seelenleben herausgehen. Und ebensowenig,
wie man dem Blitz verbieten kann, zu leuchten, so wenig
kann man der zu einer Naturkraft erwachsenen Selbstliebe
verbieten, wenn sie nur eine Widerspiegelung des Eigen-
wesens ist, das, was sich der Seele so als Bild des eigenen
Wesens darstellt, als eine wirkliche auftere Welt aufzu-
fassen.
Daraus ist also ersichtlich, dafi des Geistesf orschers Selbst-
erziehung vor alien Dingendarauf gerichtet sein mull, Stuck
fur Stuck Selbstliebe, Eigensinn, Selbstsinn zu besiegen.
Und nur, wenn dies auf jeder Stufe der Geistesentwickelung
durch eine scharf e Selbstbeobachtung versucht wird, kommt
man zuletzt dazu, wenn eine geistige Welt, wie sie geschil-
dert worden ist, vor uns auftritt, diese auch ausloschen zu
konnen, das heilk, in der Lage zu sein, dasjenige, was man
zuerst mit alien moglichen Anstrengungen herbeigefiihrt
hat, wiederum wie in die Vergessenheit herunter fallen zu
lassen. Es mufi - was man genauer in «Wie erlangt man
Erkenntnisse derhoherenWelten?» dargestelltfindenkann-
zur geistigen Schulung hier etwas entwickelt werden, was
im gewohnlichen Leben gar nicht eigentlich in des Menschen
Willkiir gestellt ist.
Wenn der Mensch im gewohnlichen Leben etwas zu tun
unternimmt, so will er es; wenn er irgend etwas unterlaftt,
so will er es nicht. Man mufi sagen, der Mensch ist im ge-
wohnlichen Leben in der Lage, seine Willensimpulse anzu-
wenden. Damit aber die in der geschilderten Weise auf-
tretende geistige Welt ausgeloscht werden kann, mu!5 der
Wille nicht nur die eben geschilderte Fahigkeit haben, son-
dern er muft, nachdem die geistige Welt auftritt, sich lang-
sam, Stuck fur Stuck, abschwachen konnen bis zur volligen
Willenslosigkeit, bis eben die Ausloschung erfolgt ist. Eine
solche Ausbildung des Willens wird eben nur erlangt, wenn
die in dem genannten Buche geschilderten Ubungen syste-
matisch von der Seele durchgefiihrt werden.
Das ist auf der einen Seite das, was in unserer Seele ver-
starkt wird, wenn wir die in ihr schlummernden Krafle
energischer machen wollen: die Selbstliebe, der Selbstsinn,
und diese Verstarkung fiihrt uns immerzu dahin, dafi wir
unter Umstanden dasjenige, was wir eigentlich selber sind,
was nur in uns selber Uegt, fur eine aufiere Wirklichkeit
halten. Ein anderes, das auftritt, wenn die Seele die ent-
sprechenden Ubungen zur geistigen Schulung durchmacht,
ist, da£ der Mensch auf einer bestimmten Stufe dieser Ent-
wickelung im Grunde genommen mit seinem Bewufksein
alles verlassen mufi, was ihm imbisherigen Leben, im aufieren
Alltagsleben und in der gewohnlichen Wissenschaft Wahr-
heitshalt und Wahrheitssicherheit gibt, was ihm die Mog-
lichkeitgibt,etwas als Wirklichkek anzuerkennen. Das wird
audi schon aus den bereits gehaltenen Vortragen hervor-
gegangen sein, dafi alle Stutzen, die wir fur unser Urteilen
im gewohnlichen Leben haben, dafi alle Anhaltspunkte, die
uns die Sinneswelt gibt und die uns lehren, wie wir von
der Wahrheit zu denken haben, verlassen werden miissen.
Denn wir wollen ja eben durch die Geistesschulung in eine
hohere Welt eintreten. Wenn der Geistesforscher nunmehr
auf einer entsprechenden Stufe seiner Entwickelung sieht:
Du kannst nicht mehr in der Welt, in die du da eintreten
willst, irgendwie einen Halt haben an der aufieren Sinnes-
wahrnehmung, du kannst audi nicht an dem, was du dir
als dein Verstandesurteil heranerzogen hast, das dich sonst
durch das Leben richtig fuhrt, einen Halt haben - dann
kommt der Moment, der bedeutungsvoll und ernst im Leben
des Geistesforschers ist, wo er sich so fuhlt, wie wenn ihm
der Boden unter den Fiifien entzogen ist, wie wenn der Halt
fort ist, den er im gewohnlichen Leben gehabt hat, wie wenn
alle Sicherheit dahin ware, und wie wenn er einem Abgrunde
entgegen ginge und mit jedem weiteren Schritte in einen
Abgrund hineinf alien muftte. Dies mufi in einer gewissen
Beziehung ein Erlebnis der Geistesschulung werden. Dafi
es ein Erlebnis wird, welches nicht mit alien moglichen Ge-
fahren verkniipfl ist, dafiir sorgt eine wirkliche Geistes-
sdiulung, die auf der Hohe der Gegenwart steht.
Das ist ebenfalls weiter auszufiihren versucht worden
in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» Wenn man die dort angegebenen Obungen durch-
macht, kommt man Schritt fiir Schritt zu einem Punkte,
wo man das fuhlt, was jetzt geschildert worden ist, wo
man sich fiihlt wie iiber einem Abgrunde. Aber man ist
bereits in seiner Seele so ruhig geworden, daft man die
Situation mit einer. nun erlangten besonderen Urteilsf ahig-
keit uberschaut, so daft nicht das auftritt, was sonst in die
menschliche Seele gef ahrvoll hereinbrechen miiftte an Furcht,
an Schrecken und Grausen, dodi nicht als die gewohnliche
Furcht und so weiter des Alltages. Man lernt sie kennen,
die Griinde zu Furcht, Schrecken und Grausen, aber man
hat sich bereits, wenn man so weit ist, zu einer Verf assung
erhoben, daft man es aushalten kann ohne Furcht.
Da haben wir wieder einen Punkt, wo es notwendig ist,
daft die Seele die Wahrheit erkennen muft und nicht in den
Irrtum hineinf alien darf, weil der Halt, den man im ge-
wohnlichen Leben hat, dahinschwindet, und die Seele wie
iiber einen Abgrund gestellt sich fiihlt. Das muft eintreten,
damit aus dem Leeren heraus das voile Geistige der Welt
an die Seele herantreten kann. Was man im gewohnlichen
Leben Angstlichkeit, Furchtsamkeit nennt, das wird durch
eine solche Schulung ebenso verstarkt, vergroftert, wie
Selbstsinn und Eigenliebe verstarkt und vergroftert werden.
Sie erwachsen sozusagen wie zu einer Art Naturkraft. Und
hier muft etwas gesagt werden, was vielleicht paradox klin-
gen konnte. Wir konnen im gewohnlichen Leben, wenn wir
uns nicht zu einem gewissen Mut durchgerungen haben,
wenn wir sozusagen Hasenf iifte sind, vor diesem oder jenem
Ereignis erschrecken. Wenn wir das aber nicht sind, halten
wir es aus. Auf dem geschilderten Gebiete des Seelenlebens
treten Furcht und Schrecken und Grausen an uns heran,
aber wir miissen sozusagen in der Lage sein, uns vor der
Furcht nicht zu furchten, uns vor dem Schrecken nicht zu
erschrecken, uns vor der Angstlichkeit nicht zu angstigen.
Das ist das Paradoxe, aber es entspricht durchaus einem
wirklichen Seelenerlebnis, das auf diesem Gebiete auftritt.
Alles, was der Mensch so beim Eintritt in die geistige
Welt erlebt, wird gewohnlich als ein Erlebnis bezeichnet,
was man nennt das Erlebnis mit dem Hiker der Schwelle.
Einiges Konkrete iiber dieses Erlebnis habe ich in meinem
Mysteriendrama «Der Hiiter der Schwelle» auszufiihren
versucht. Hier soil nur erwahnt werden, dafi der Mensch
auf einer bestimmten Stufe der geistigen Entwicklung sein
eigenes Inneres kennenlernt, wie es sich selbst lieben kann
mit der Kraft eines Naturereignisses, wie es in Furcht und
Angst versetzt werden kann gegenuber dem Eintreten in
die geistige Welt. Dieses Erlebnis des eigenen Selbstes, des
verstarkten eigenen Selbstes desjenigen Innern, das uns
sonst gar nicht vor die Seele tritt, das ist das erschiitternde
Ereignis, das man die Begegnung mit dem Hiiter der
Schwelle nennt. Und dadurch, daft man diese Begegnung
hat, erlangt man erst die Fahigkeit, Wahrheit in der gei-
stigen Welt von Irrtum zu unterscheiden.
Es wird leicht begreiflich sein, warum man dieses Erleb-
nis die Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle nennt. Es
ist ja klar, daft die geistige Welt, in welche da der Mensch
eintritt, immer um uns herum ist, und dafi der Mensch ihr
im gewohnlichen Leben nur deshalb nicht gegeniibersteht,
weil er nicht die entsprechenden Wahrnehmungsorgane fur
sie hat. Die geistige Welt umgibt uns immer, und sie ist
auch immer hinter dem, was die Sinne wahrnehmen. Aber
be vor der Mensch in sie eintreten kann, mufi er sein Ich
verstarken. Mit der Verstarkung des Ichs treten aber die
genannten Eigenschaften auf. Daher mufi er vor alien Din-
gen sich kennenlernen, damit er, wenn er einer geistigen
Aufienwelt so gegeniibertreten kann, wie er sich einer ob-
jektiven Wesenheit gegeniiberstellt, sich abgrenzen kann
von dem, was die Wahrheit ist. Lernt er sich nicht so ab-
grenzen, dann vermischt er immerzu das, was nur in ihm
ist, was nur seine eigenen subjektiven Erlebnisse sind, mit
dem geistigen Weltbilde, und er kann nie zu einem wirk-
lidien Erfassen der geistigen Wirklichkeit kommen.
Inwiefern die Furcht eine gewisse Rolle beim Eintritt
in die geistigen Welten spielt, das konnen wir besonders
an den Menschen sehen, welche diese geistige Welt ableug-
nen. Unter diesen Menschen gibt es ja viele, die audi andere
Griinde zur Ableugnung dieser geistigen Welt haben. Aber
ein gro£er Teil derjenigen Menschen, die theoretische Ma-
terialisten oder materialistisch gefarbte Monisten sind,
leugnet aus einem bestimmten Grunde, der fur den Seelen-
kenner ganz ersichtlich ist, diese geistige Welt ab. Dazu
miissen wir jetzt hervorheben, dafi das Seelenleben des
Menschen gewissermaften ein doppeltes ist. In der Seele
ist nicht nur das vorhanden, wovon der Mensch gewohnlich
weift, sondern in den tiefen Untergriinden des Seelenlebens
gehen Dinge vor, die ihre Schatten, oder ihre Lichter, her-
aufwerfen in das gewohnliche Bewulksein. Aber das ge-
wohnliche Bewufksein reicht nicht bis zu ihnen hinunter.
Wir konnen in den verborgenen Seelentiefen Hafi und
Liebe, Freude und Furcht und Aufgeregtheit haben, ohne
dafi wir diese Affekte im bewufken Seelenleben tragen.
Daher ist es durchaus richtig, dafi fiir eine besondere Er-
scheinung des Hasses von einer Person zur anderen, der im
Bewulksein spielt, schuld sein kann eine in den Tiefen der
Seele eigentlich wurzelnde Liebe. Es kann eine Sympathie,
eine tiefe Sympathie in den tiefen Untergriinden der Seele
bei einer Person fiir eine andere vorhanden sein. Aber weil
diese Person zugleich Grunde hat, iiber die sie vielleicht
auch nichts wei£, deshalb betaubt sie sich iiber diese Liebe,
iiber diese Sympathie, und tauscht sich Hafi und Antipathie
vor.
Das ist etwas, was in den Untergriinden unserer Seele
waltet, so dafi es in den Tiefen der Seele ganz anders aus-
schauen kann als in dem, was wir das Oberbewufitsein
nennen. So konnen Furchtzustande, Angstzustande in den
Tiefen der Seele sein, ohne dafi der Mensch in seinem ge-
wohnlichen Oberbewufitsein etwas davon weifi. Es kann
der Mensch jene Furcht, jene Angst vor der geistigen Welt-
weil er den Abgrund, der geschildert worden ist, iiber-
schreiten mufi, bevor er in sie eintritt - in den Tiefen seiner
Seele haben, aber in seinem Oberbewufitsein nichts davon
merken. Ja, im Grunde genommen haben alle Menschen,
die noch nicht in die geistige Welt eingetreten sind, aber
sich ein Verstandnis dafiir angeeignet haben, in einem ge-
wissen Grade diesen Schrecken, diese Furcht vor der geisti-
gen Welt. Was man auch iiber diese Furcht und Angst
denken mag, die auf dem Grunde der Seele sind - sie
treten nur bei dem einen starker, bei dem anderen schwa-
cher auf. Und weil die Seele dadurch Schaden nehmen
konnte, deshalb ist der Mensch durch die weise Einrichtung
seines Wesens davor geschiitzt, dafi er so ohne weiteres in
die geistige Welt hineinschauen kann, so dafi er das Erleb-
nis mit dem Hiiter der Schwelle erst haben kann, wenn er
dazu reif ist. Sonst ist er davor geschiitzt. Daher spricht
man von dem Erlebnis mit dem Hiiter der Schwelle.
Nun konnen wir bei den materialistisch oder monistisch
gesinnten Menschen merken, dafi sie zwar nichts von die-
sem Erlebnis wissen, dafi aber doch in den Tiefen ihrer
Seelen diese Furcht vor der geistigen Welt vorhanden ist.
Es lebt in ihnen eine gewisse Antipathie vor dem Abgrund,
den man zu uberschreiten hat. Uber diese Furcht, iiber diese
in der Seele sitzende Angst vor der geistigen Welt helfen
sich die Materialisten oder Monisten hinweg, indem sie ihre
Theorien ersinnen und die geistige Welt ableugnen, und
die Ableugnung ist nichts anderes als die Betaubung vor
ihrer Furcht. Das ist der wirkliche Erklarungsgrund fiir
den Materialismus. So unsympathisch es klingen mag, fiir
den Seelenkenner ist es ersichtlich, dafi in einer Versamm-
lung von materialistischen Monisten, von Seelen- oder Gei-
stesleugnern, auf dem Grunde ihrer Seelen nur die Furcht
vor der geistigen Welt ruht. Man konnte spotten und sagen,
die besondere Angstmeierei sei der Grund des Materialis-
mus. Aber wenn man auch spottet, wahr ist es doch. In den
materialistischen Schriften, in den materialistischen Welt-
anschauungen erkennt der Geistesforscher zwischen den
Zeilen iiberall hervorschauend die Furcht und die Angst
vor der geistigen Welt.
Was aber fiir das gewohnliche Leben als Materialismus
auftritt, als die Seelenverfassung, die vorhanden ist, wenn
der Mensch Materialist oder materialistisch gef arbter Monist
ist, das kann auch vorhanden sein, wenn der Mensch durch
bestimmte Mafinahmen zu einem gewissen geistigen Schauen
kommt. Denn man kann gewisse Ubungen in seiner Seele
durchmachen. Man kann auch durch das Ausgehen von
einem mehr oder weniger krankhaften Seelenleben zu einem
mehr oder weniger geistigen Erfassen kommen, braucht
aber darum noch nicht zu einem wirklichen Verstandnis des
Wesens der geistigen Welt zu kommen. Man kann in einer
gewissen Weise das, was eben charakterisiert worden ist,
was den materialistisch gesinnten Menschen in der gewohn-
lichen Welt ausmacht, auch hinauftragen in die geistige
Welt, etwas, das wie die Furcht ist, wovon man nichts weilS.
Man kann etwas hinauftragen, wenn man auch den Zusam-
menhang nicht durchschaut, was im gewohnlichen Leben
ungeheuer verbreitet ist: die Bequemlichkeit des Denkens,
die Bequemlichkeit des Fiihlens.
Die Furcht ist verwandt mit der Bequemlichkeit, mit
dem Hangen an Gewohnheiten. Denn warum furchtet sich
der Mensch vor einer Veranderung seiner Lage? Weil er
bequem ist! Diese Bequemlichkeit ist mit der Furcht ver-
wandt. Wenn wir vorhin auf der einen Seite schilderten,
was manchmal der Grand fur den Haft ist, so kann man
von der Furcht audi sagen, die Lassigkeit, die Bequemlich-
keit ist damit verwandt. Aber man kann die Bequemlich-
keit hinauftragen in die geistige Welt. Niemand darf nun
einwenden, daft die Menschen, auf die gleich hingewiesen
werden soil, nichts von der Furcht oder der Bequemlichkeit
verraten, denn das ist wieder das Charakteristische, daft
die gewohnliche Seelenstimmung nichts davon weift, daft
diese Dinge im Unterbewuftten wurzeln. Wenn der Mensch
die Furcht mit in die geistigen Welten hinauftragt, nach-
dem er sich also schon dazu entwickelt hat, die geistigen
Welten anzuerkennen, dann entsteht da eine Verirrung auf
einem geistigen Gebiete, die aufterordentlich wichtig ist zu
beach ten: der Hang zum Phanomenalismus.
Die Menschen, welche diesem Hange unterliegen, werden
statt Geistesforscher, wenn man sich kraft ausdriicken will,
Gespensterschauer; sie werden besessen von einem Hang
zum Phanomenalismus. Das heiftt, sie wollen die geistigen
Welten so schauen, wie auch die Sinneswelten sich schauen
lassen. Sie wollen nicht geistige Tatsachen, nicht geistige
Wesenheiten wahrnehmen, sondern etwas Xhnliches wie ein
Wesen, welches das Sinnesauge schauen kann, kurz, sie
wollen statt Geister Gespenster schauen. Die Verirrungen
des Spiritismus — wobei nicht etwa gesagt werden soil, daft
aller Spiritismus unberechtigt ist - beruhen durchaus auf
diesem Hang zum Phanomenalismus. Wenn der gewohn-
liche Materialist des Alltags uberall nur Materie sehen will
und nicht den Geist hinter der Materie, so will der, welcher
dieselbe Seelenverfassung, die im Grunde genommen auch
im Materialismus vorhanden ist, den geistigen Welten ent-
gegenbringt, nur iiberall wie bis zum Gespensterhaften ver-
dichtete Geister schauen.
Das ist das eine gefahrliche Irrtums-Extrem, wozu es
kommen kann. Man mufi sagen, dieser Hang, das gewohn-
liche Bewufitseinsfeld hinaufzutragen in das ubersinnliche
Bewulkseinsfeld, ist im weitesten Umfange audi bei denen
vorhanden, die voller Anerkennung fiir eine geistige Welt
sind, die sogar mochten, daft Beweise geliefert werden fiir
eine geistige Welt. Aber der Irrtum liegt schon in dem, daft
sie nur solche Beweise zulassen wollen, die im Gebiete des
Phanomenalismus verlauf en, daft alles wie bis zum Gespen-
stigen verdichtet sein soil. Hier tritt das ein, was im Be-
ginne unserer heutigen Betraditung die Betaubung, die
Ohnmacht gegeniiber der geistigen Welt genannt worden
ist. Wahrend Ohnmacht im gewohnlichen Leben ein Her-
einspielen eines Schlaf- oder Traumzustandes ist, bedeutet
gegeniiber der geistigen Welt das nur Geltenlassenwollen
dessen, was so aussieht, wie die Dinge der gewohnlichen
Welt, dafi man ohnmachtig ist gegenuber den geistigen Wel-
ten. Denn man verlangt, dafi Beweise geliefert werden sol-
len, welche ganz nach Art und Eigenschaft der gewohn-
lichen Welt zu nehmen seien. Wie man den Schlaf in die
gewohnliche Welt hineinnimmt, wenn man ohnmachtig
wkd, so wird man gegenuber den Wesenheiten und Vor-
gangen der geistigen Welt ohnmachtig, wenn man das, was
nur ein Extrakt des Sinnlichen ist, in die ubersinnliche Welt
hereinnimmt.
Wer ein wirklicher Geistesforscher ist, der kennt audi
diese Gebiete der geistigen Welt, die sich bis zum Gespen-
sterhaften verdichten, aber er weifi, dafi alles das, was bis
zu einer solchen Verdichtung kommt, lediglich das Abster-
bende, das Vertrocknende in der geistigen Welt ist. Wenn
also zum Beispiel mit Zuhilfenahme eines Mediums etwas
zutage gefordert wird als Gedanken eines verstorbenen
Menschen, dann haben wir es nur mit dem zu tun, was von
dem Verstorbenen sozusagen zuruckgeblieben ist. Dann
haben wir nicht das vor uns, was durch die Pf orte des Todes
geht, die geistige Welt durchschreitet und in einem neuen
Erdenleben wieder auftritt; dann haben wir es nicht mit
dem zu tun, was in der Individualist des verstorbenen
Menschen vorhanden ist, sondern mit dem, was in der
Schale ist, was abgeworfen wird, wie die verholzenden
Teile eines Baumes oder wie die Schale eines Schalentieres,
oder wie die Haut einer Schlange abgeworfen wird.
So werden fortwahrend von den Wesen der geistigen
Welt solche Hulsen, solche unbrauchbaren Dinge abgewor-
fen, und die konnen dann durch Medialitat, aber eben als
Unrealitat, sichtbar, wahrnehmbar gemacht werden. Der
Geistesforscher weifi aller dings, da£ er es nicht mit Un-
realitaten zu tun hat. Aber er gibt sich nicht dem Irrtume
hin, daft er es bei den angedeuteten Erscheinungen mit
etwas Fruchtbarem, mit etwas Spriefiendem und Sprossen-
dem zu tun hat, sondern mit etwas Absterbendem, Ver-
trocknendem. Und es mufi gleich hervorgehoben werden:
Wahrend man es im Gebiete der Sinneswelt mit etwas zu
tun hat, was man f allenlassen mufi, wenn man einen Irrtum
vor sich hat, was man ausschalten mufi, sobald man es als
Irrtum erkannt hat, hat man es nicht in derselben Weise
mit dem Irrtum in der geistigen Welt zu tun. Sondern dort
entspricht der Irrtum eben dem Absterbenden, dem Ver-
trocknenden, und der Irrtum besteht darin, dafi man das
Absterbende, das Vertrocknende in der geistigen Welt fur
ein Fruchtbares oder Bedeutungsvolles halt. Also schon im
Leben der gewohnlichen Menschen ist der Irrtum das, was
man wegwirft. In der geistigen Welt entsteht der Irrtum
dadurch, dafi man das Tote, das Absterbende fur ein Sprie-
fiendes, Fruchtbares halt, indem man das, was von den
Verstorbenen abgeworfen wird, als fiir die Unsterblichkeit
bestimmt halt.
Wie tief audi die besten Geister unserer Zeit in diese Art
von Phanomenalismus verrannt sind und nur solche charak-
terisierten Beweise gelten lassen wollen, das konnen wir
besonders wieder bei einem Geiste sehen, der ja manches
Feine iiber die Welt geschrieben hat, und der jetzt ein Buch
iiber diese verschiedenen Erscheinungen der Geistesforschung
geschrieben hat. Ich meine Maurice Maeterlinck und sein
Buch «Vom Tode». Wir lesen da, wie er immer geneigt ist,
eine geistige Welt gelten zu lassen, aber als Beweise nur das
hinzunehmen geneigt ist, was im Phanomenalismus auftritt.
Und dann merkt er nicht, wie er versucbt, dasjenige, was
man niemals im Phanomenalismus auftreten lassen kann,
im Phanomenalismus auftreten zu lassen. Dann kritisiert
er die Phanomene, sehr scharfsinnig, sehr schon. Aber er
bemerkt, dafi das alles im Grunde genommen nichts Beson-
deres bedeute, und dafi die Menschenseele nach dem Tode
nicht eine besonders tiefe Lebendigkeit zeige, dafi sie sich
wie ungeschickt und im Finstern tappend benimmt. Weil er
aber nur diese entsprechende Art der Beweise anerkennen
will, deshalb kommt er uberhaupt nicht zu einer Anerken-
nung der Geistesforschung, sondern er bleibt stecken. Und
wir sehen, wie sich die Irrtumsmoglichkeit auftut bei je-
mandem, der gern die geistige Welt anerkennen mochte,
der sie aber deshalb nicht anerkennen kann, weil er nicht
Geistesforschung sondern Gespensterforschung verlangt
und sich nicht an das wenden will, was die Wirklichkeit
geben kann. Gerade sein neuestes Buch ist von diesem Ge-
sichtspunkte aus aufierordenthch interessant.
So haben wir in dem Hang zum Phanomenalismus das
eine Extrem der Irrtumsmoglichkeit der Geistesforschung.
Das andere Extrem der Irrtumsmoglichkeit ist die Ekstase,
und im Grunde genommen liegt zwisdien dem Phanome-
nalismus und der Ekstase, indem man beide kennt, die
Wahrheit, oder wenigstens ist sie zu erreichen, indem man
beide kennt. Aber der Weg zum Irrtum liegt sowohl nach
der Seite des Phanomenalismus wie nach der Seite der Ek-
stase. Wir haben gesehen, welche Seelenverfassung in das
blofie Anerkennenwollen des Phanomenalismus hineinf iihrt.
Es ist Furcht, Schrecken, die sich der Mensch nur nictit ge-
steht, die er gerade herunterdrangen will. Weil er scheut,
alles Sinnliche zu verlassen und den Sprung iiber den Ab-
grund zu tun, deshalb nimmt er das Sinnliche, fordert das
Gespenstige und kommt dadurch nur zu dem Absterben-
den, zu dem Sich-Ertotenden. Das ist die eine Irrtumsquelle.
Die andere Kraft der Seele, die sich durch die oft hier
geschilderten Ubungen verstarkt, ist die Selbstliebe, der
Selbstsinn. Die Selbstliebe hat zu ihrem anderen Pol das
«Au£ersichkommen». Das — verzeihen Sie den Ausdruck,
er ist zwar radikal gewahlt, aber bezeichnet doch das, um
was es sich handelt - das «In-sich-seinen-Gefallen-Finden»
ist nur die eine Seite. Die andere besteht in dem «Sich-an-
die-Welt-Verlieren», in dem Sichhingeben und Aufgehen
und Sichwohlfiihlen in dem andern, und die entsprechende
Verstarkung dieses selbstsiichtigen AuEersichkommens ist
die Ekstase in ihrem Extrem. Das ist die Herbeifuhrung
eines Zustandes, wobei der Mensch in einer gewissen Be-
ziehung sich sagen kann, er sei von sich losgekommen. Aber
er ist nur so von sich losgekommen, dafi er in dem Aufier-
sichsein eigentlich so recht das Wohlsein seines Selbstes
fiihlt.
Nun, wenn der Seelenkenner die mystische Entwickelung
der Welt durchgeht, so findet er, dafi ein grofier Teil der
Mystik auf der eben charakterisierten Erscheinung beruht.
So Grofies, so Gewaltiges im Seelenerleben, so Tiefes und
Bedeutsames die Mystik auf der einen Seite zutage fordern
kann - die Irrtumsmoglichkeiten der Ekstase wurzeln im
Grunde genommen in der falschen Ausbildung des mysti-
schen Sinnes des Menschen. Wenn der Menschdanachstrebt,
immer mehr und mehr in sich hineinzugehen, wenn er so-
zusagen durch das, was er oflmals die Vertiefung seines
Seelenlebens nennt, danach strebt, wie er sagt, «in sich den
Gott zu finden», so ist dieser Gott, den der Mensch in sei-
nem Inneren findet, oft nichts anderes als sein eigenes, zum
Gott gemachtes Ich. Bei vielen Mystikern finden wir, wenn
sie von dem «Gott im Innern» sprechen, nichts anderes als
das zum Gott hinaufgestempelte Ich. Und mystische In-
Gott-Versenkung ist manchmal nichts anderes als Versen-
kung in das eigene Hebe Ich, namentlich in Partien des
eigenen Ichs, in die man nicht mit dem vollen Bewufitsein
hineindringt, so dafi man sich an dasselbe hingibt, sich an
dasselbe verliert, aufier sich kommt, und doch nur in sich
bleibt. Vieles, was als Mystik uns entgegentritt, zeigt, wie
Gottesliebe oft nur verkappte Selbstliebe bei den falschen
Mystikern ist.
Der wirkliche Geistesforscher, der sich auf der einen Seite
hiiten mufi vor dem Hereintragen der au£eren Sinneswelt
in die hoheren Welten, er mufi sich auf der anderen Seite
audi vor dem anderen Extrem hiiten, vor der falschen My-
stik, dem Aufiersichkommen. Er darf nie verwechseln die
Liebe zum geistigen Wesen der Welt mit Selbstliebe. In dem
Augenblick, wo er dies verwechselt, tritt dann - wie der
wirkliche Geistesforscher, der sich richtig entwickelt, kon-
statieren kann - das Folgende ein. Wie der nach dem Pha-
nomenalismus Drangende nur gieichsam die Abfalle, das
Sich-Ertotende der geistigen Welt schaut, so sieht der, wel-
cher sich nur dem anderen Extrem hingibt, nicht geistige
Tatsadien und Wesenheiten, sondern nur ihre einzelnen
Teile. Er madit in der geistigen Welt das, was etwa nicht
der macht, welcher die Blumen einer Wiese betrachtet, son-
dern was derjenige macht, der das, was auf dem Felde
wachst, abtrennt, zerteilt, zerkocht und ifit. Der Vergleich
ist ja sonderbar, aber durchaus zutreffend. Durdi die Ek-
stase werden die geistigen Tatsadien nicht in ihrer Ganzheit,
nicht in ihrer Totalitat erfafit, sondern nur in dem, was der
eigenen Seele wohltut und f rommt, was sie geistig verzehren
kann. Im Grunde genommen ist es ein Verzehren geistiger
Substantialitat, was sich durch die Ekstase im Menschen
ausbildet. Und ebensowenig, wie man die Dinge dieser
Sinneswelt in ihrem innern Wesen dadurch erkennt, dafi
man sie ilk, ebensowenig erkennt man die Krafte und We-
senheiten der geistigen Welt dadurch, dafi man sich in Ek-
* stase begibt, um nur das eigene Selbst zu durchgluhen mit
dem, was einem wohltut. Man kommt da nur zu einer be-
stimmten Erkenntnis des eigenen Selbst im Verhaltnis zur
geistigen Welt. Man lebt nur in einem gesteigerten Selbst-
sinn, in einer gesteigerten Selbstliebe, und weil man aus der
geistigen Welt nur das hereinnimmt, was man geistig ver-
zehren kann, was man geistig essen kann, macht man sich
dessen verlustig, was man nicht so behandeln kann, was
aufier dem durch die Ekstase zu Geniefienden steht. Das ist
aber der grofite Teil der geistigen Welt. Dadurch verarmt
der in der Ekstase stehende Mystiker immer mehr und
mehr, und wir finden bei dem durch die Ekstase in die
geistige Welt aufsteigenden Mystiker so recht, wie er in
sich immer wiederholenden Gefuhlen und Empfindungen
schwelgt. Manche Darstellung nimmt sich so aus, daft man
herausfuhlt nicht eine objektive Darstellung der Verhalt-
nisse der geistigen Welt, sondern das Schwelgen desjenigen,
der die Darstellung gegeben hat, in dem, was er darin dar-
stellt. Viele Mystiker sind eigentlich nichts anderes als
geistige Feinschmecker, und die iibrige geistige Welt, die
ihnen nicht schmeckt, ist nicht fiir sie da.
Wir sehen wieder, wie sich dieBegriffe umwandeln, wenn
wir aus der gewohnlidien Welt in die hoheren Welten auf-
steigen. In der gewohnlidien Welt werden wir, wenn wir
uns nur mit unsern eigenen Begriffen beschaftigen, immer
armer und armer. Unsere Logik wird immer armer und
armer. Wir finden uns zuletzt nicht mehr zurecht, undjeder,
der die Tatsachen kennt, kann uns korrigieren. In der ge-
wohnlidien Welt korrigieren wir diese Verarmung eben
dadurch, dafi wir unsere BegrifTe erweitern. Auf dem gei-
stigen Felde fuhrt das Entsprechende der Ekstase zu etwas
anderem. Denn dadurch, dafi wir Realitaten in uns herein-
nehmen und nicht etwas Unwirkliches, aber nur einzelne
Teile hereinnehmen, nachdem wir uns das Passende heraus-
gesucht haben, bekommen wir eine Anschauung von der
geistigen Welt, die nur uns selber angepalk ist. Wir tragen
uns in die geistige Welt hinein, wie wir auf der anderen
Seite, im Phanomenalismus, die Sinneswelt in die geistige
Welt hereintragen. Es wird sich immer bei demjenigen, der
zur Ekstase und dadurch zu einem falschen Weltbilde
kommt, nachweisen lassen, dafi er von einer ungesunden
Urteilskraft ausgeht, von einer nicht umfassenden Tat-
sachenlogik.
So sehen wir, wie der Geistesforscher die beiden Extreme
vermeiden mufi, die ihm alle moglichen Quellen des Irr-
tums in den Weg bringen, Phanomenalismus auf der einen
Seite, die Ekstase auf der anderen Seite. Und zur Vermei-
dung der Irrtumsquellen wird nichts besser sein, als wenn
der Geistesforscher namentlich eine Seelenstimmung aus-
bildet, die, durch welche er in der Lage ist, wenn er sich in
die geistige Welt versetzen will, in dieser geistigen Welt
audi sein zu konnen, ruhig in derselben beobachten zu kon-
nen; dann aber, weil man ja nicht immer in der geistigen
Welt sein kann, so lange man im physischen Leibe ist, son-
dern audi mit der physischen Welt leben mu£, in der phy-
sischen Welt moglichst nach dem zu streben, daft man mit
gesundem Sinn, ohne Schwelgerei und Unwahrhaftigkeit,
die Tatsachen des Lebens auf f afit.
In einem noch viel hoheren Mafte als gewohnlich ist fur
den Geistesforscher notwendig ein gesunder Tatsachensinn,
ein echtes Gefiihl fur Wahrhaftigkeit. Alle Schwarmerei,
alle Ungenauigkeit, die so leicht iiber das hinweghuscht,
was wirklich ist, ist beim Geistesforscher vom Obel. Sieht
man es schon im gewohnlichen Leben, so wird es auf dem
Gebiete der Geistesschulung sofort klar, daft der, welcher
sich nur ein wenig gehenlaftt in bezug auf Ungenauigkeit,
merken lassen wird, daft von der Ungenauigkeit bis zur
Luge, zur Unwahrhaftigkeit, nur ein ganz kleiner Schritt
ist. Daher mufi beim Geistesforscher das Bestreben vor-
liegen, sich verpflichtet zu fiihlen, der schon im gewohn-
lichen Leben vorhandenen unbedingten Wahrheit in nichts
nachzugeben und nichts zu vermischen, denn jedes Ver-
mischen fiihrt in der geistigen Welt von Irrtum zu Irrtum.
Es sollte in denjenigen Kreisen, die irgend etwas mit
Geistesforschung zu tun haben wollen, vorallemdieberech-
tigte Meinung sich verbreiten, daft ein aufteres Kennzeichen
des wahren Geistesf orschers seine Wahrhaftigkeit sein mufi,
und daft der Geistesforscher in dem Augenblick, wo er zeigt,
daft er keine Verpflichtung fuhlt, das zu priifen, was er
sagt, sondern Dinge hinspricht, die er iiber die physische
Welt nicht wissen kann, audi bruchig wird als Geistesfor-
scher und nicht mehr ein voiles Vertrauen geniefien kann.
Das hangt mit den Bedingungen der Geistesforschung selber
zusammen.
Immer und immer muE aber, wenn so wie heute wieder
iiber die Gebiete der geistigen Forschung und der geistigen
Wissenschaft gesprochen wird, darauf aufmerksam gemacht
werden, daft jenes Urteil unberechtigt ist, welches etwa
lautet: Es kann aber dann doch nur der Geistesforscher in
die geistige Welt hineinschauen, und der jenige kann sie nicht
erkennen und verstehen und begreifen, der noch nicht ein
Geistesforscher geworden ist. - Nun ersehen Sie zwar aus
den Schilderungen des Buches «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten? » und auch aus den Darstellun-
gen in meiner «Geheimwissenschaft», daft in unserem heu-
tigen Zeitalter bis zu einem gewissen Grade jeder Mensch,
wenn er sich nur die entsprechende Miihe gibt, ein Geistes-
forscher werden kann, in welcher Lebenslage er auch steht.
Aber trotzdem ist es auch moglich, daft man, ohne Geistes-
forscher zu sein, die Schilderungen iiber die geistigen Welten
verstehen kann.
Nicht, um die Mitteilungen aus den geistigen Welten zu
verstehen, sondern um sie aufzufmden, um zu erforschen,
was in den geistigen Welten vorhanden ist, ist es notwendig,
daft man Geistesforscher sein mufi. Wie man ein Maler
sein muf$, um ein Bild zu malen, aber kein Maler sein
braucht, um das Bild zu verstehen, so geniigt fur das Ver-
stehen der Mitteilungen aus den geistigen Welten der ge-
sunde Menschenverstand. Zum Forschen in der geistigen
Welt gehort, daft der Mensch mit den hoheren Beobach-
tungsorganen ausgenistet ist. Wenn aber das, was so er-
forscht ist, in die Begriffe der gewohnlichen Welt gebracht
wird, wie es hier ofl versucht worden ist, dann kann der
gesunde Menschenverstand, wenn er nur vorurteilslos genug
ist und sich nicht irgendwelche Steine in den Weg werfen
laJ&t, das begreifen, was durch die Geistesforschung zutage
gef ordert wird. Man mochte sagen, mit der Geistesforschung
ist es so wie mit dem, was unter der Erde wachst, und was
nur gefunden wird, wenn man bergmannisch in die Erde
hineinbohrt. Was man da findet, das kann nur so, wie es
innerhalb der Erde vorhanden ist, entstehen, wenn es in
den Schichten der Erde gedeiht, die von den oberen bedeckt
sind. Auf der Oberflache der Erde, die taglich von der
Sonne beschienen ist, konnte das nicht entstehen und ge-
deihen, was unten in den Tiefen ist. Aber wenn wir dann
eine OfFnung machen und das Sonnenlicht hineinlassen,
dann kann die Sonne beleuchten, was unten ist, dann kann
im Sonnenlichte alles ersdieinen. So ist es mit dem, was
durch die geisteswissenschaftliche Forschung gewonnen wird:
es kann nur zutage gefordert werden, wenn sich die Seele
zum Wahrnehmungsorgan fiir die geistige Welt umgebildet
hat. Ist es aber in die Begriffe und Vorstellungen des ge-
wohnlichen Lebens gebracht, dann kann der Menschenver-
stand, wenn er nur gesund genug dazu ist, gleichsam wie
geistiges Sonnenlicht alles beleuchten und verstehen. So ist
die ganze geistige Wissenschaft fiir den gesunden Menschen-
verstand zu begreifen. Wie die ganze Malerei nicht blofi
fiir den da ist, der selbst Maler ist, so sind die Mitteilungen
iiber die geistigen Welten nicht nur fiir den geisteswissen-
schaftlichen Forscher selbst da, trotzdem Bilder nur ent-
stehen konnen durch die Maler, und die geistigen Welten
nur erforscht werden konnen durch die Geistesforscher.
Wer da glaubt, daiS mit den Mitteln des gewohnlichen
Verstandes nicht begriffen werden konne, was aus den Mit-
teilungen des Geistesforschers kommt, der sieht die Natur
und Wesenheit des menschlichen Denkvermogens gar nicht
richtig an. Im Denkvermdgen des Menschen sind Fahig-
keiten, die durchaus im Zusammenhange stehen mit der
Natur der hoheren Welten. Und nur weil der Mensch ge-
wohnt ist, mit seinen BegrifFen nur an die gewohnlichen
Sinnesdinge heranzutreten, deshalb glaubt er, dafi ihm die
gewohnliche Urteilsfahigkeit entschwindet, wenn ihm die
iibersinnlichen Tatsachen vorgehalten werden. Wer aber
seine Denkmoglichkeiten entwickelt, der kann sie so aus-
bilden, dafi sie erfassen konnen, was durch die Geistes-
forschung zutage gefordert wird. Man darf sich nur nicht
von vorneherein eine gewisse Vorstellung machen, wie man
etwas begreifen kann. Das ergibt sich aus der Betrachtung
selbst. Wenn man sich eine bestimmte Vorstellung macht,
wie man begreifen soli, dann gibt man sich wieder gegen-
iiber der Geistesforschung einem bedenklichen Irrtume hin.
Das ist der zweite Gesichtspunkt, der besonders krafi
wieder in dem neuen Buche von Maurice Maeterlinck her-
vortritt. Denn es ist besonders krafi, daiS ein Geist, dessen
Blick auf die geistige Welt hingerichtet sein will, der feine
Bemerkungen iiber verschiedene Dinge gemacht hat und
auch selbst versucht hat, die Geheimnisse der geistigen Welt
dramatisch darzustellen, dafi dieser Geist in dem Augen-
blicke, wo er an die wirkliche Geisteswissenschaft heran-
treten soil, sich so recht unzulanglich erweist. Denn er ver-
langt eine bestimmte Art des Begreifens: nicht die Art,
welche sich aus den Dingen selbst ergibt, sondern die,
welche er sich ertraumt, von der er glaubt, dafi sie als be-
weisend auftreten mull. So entsteht das hochst Sonderbare,
dafi Maeterlinck nur einen gewissen Glauben iiberhaupt
findet in dem, was Theosophie oder Geisteswissenschaft zu
sagen hat — und zwar mit einer gewissen aufieren Berech-
tigung zu sagen hat, nicht mit einer nur inneren Berech-
tigung, die verwandt ware mit einem gewissen Urglauben
der Menschheit — , wenn sie heute iiber die wiederholten
Erdenleben spricht. Er nennt es einen Glauben, weil er nicht
einsehen kann, dafi es sich hierbei nicht um einen Glauben,
sondern um ein Wissen handelt. So findet er, dafi das Sich-
fortentwickelnde im Menschen, das von Leben zu Leben
geht, sich nicht beweisen lasse, weil er eine bestimmte Vor-
stellung vom Beweisen hat.
Es gleicht Maeterlinck auf diesem Gebiete gewissen an-
deren Leuten. Bis vor kurzer Zeit hat es eine Art Glauben,
einen gewissen geometrisch-mathematischen Glauben ge-
geben, der sich zusammenfafite in den Worten «die Qua-
dratur des Zirkels «, das heifit, man suchte durch ein ge-
wisses mathematisch-rechnerisches und konstruktives Den-
ken dasjenige Quadrat, welches an Flacheninhalt oder Urn-
fang dem Kreise gleichkame. Diese Aufgabe war sozusagen
ein Ideal, nach dem man immer gestrebt hat, die Verwand-
lung des Kreises in ein Quadrat. Nun, kein Mensch wird
daran zweif ein, dafi es ein Quadrat geben kann, das genau
so grofi ist wie ein Kreis. In der Realitat kann das selbst-
verstandlich durchaus vorhanden sein. Aber unmoglich ist
es, mit mathematischen Konstruktionen oder mit rechneri-
schen Dingen zu zeigen, wie etwa der Durchmesser eines
Kreises sein miifite, der einem bestimmten Quadrat gleich-
kame. Das heilk, das mathematische Denken reicht nicht
aus, um das, was ja wirklich ist, was physisch ist, zu be-
weisen. Es hat unzahlige Menschen gegeben, welche an der
Quadratur des Zirkels arbeiteten, bis neuere Mathematiker
den Beweis geliefert haben, daft es uberhaupt nicht mog-
lich ist, dieses Problem auf diesem Wege zu losen. Heute
gilt jemand, der noch das Problem der Quadratur des Zir-
kels zu losen versuchte, als einer, der die Mathematik auf
diesem Gebiete nicht kennt.
Genauso, wie solche Leute sich zur Quadratur des Zirkels
verhalten haben, so verhalt sich Maeterlinck zu dem, was
er zu beweisen sucht. Man kann die geistige Welt verstehen,
kann erfassen, dafi das, was durch die Geistesforschung zu-
tage kommt, real ist. Aber man kann nicht, wenn man aus
Vorurteilen heraus eine bestimmte Art des Beweises ver-
langt, diese geistige Welt beweisen, ebensowenig wie man
in mathematischer Weise die Quadratur des Zirkels bewei-
sen kann. Es mufite daher Maeterlinck auf seine Ausfiih-
rungen hin erwidert werden, dafi er auf geistigem Gebiete
die Quadratur des Zirkels sucht. Oder es mufite ihm gezeigt
werden, wie die Begriffe, durch weldie er eine geistige Welt
beweisen mochte, verschwinden, wenn der Mensdi durch
die Pforte des Todes tritt. Wie sollte man mit solchen Be-
griffen, die aus der Sinneswelt entnommen sind, die geistige
Welt beweisen konnen! Aber Maeterlinck steht auf solchem
Boden, und es ist aufierordentlich interessant, dafS er, wenn
er sich seinem gesunden Gefuhl iiberlafit, gar nicht einmal
umhin kann, die wiederholten Erdenleben anzuerkennen.
Es ist aufterordentlich interessant, wie er sich iiber das aus-
spricht, was ein Wissen ist, was er einen Glauben nennt,
und ich mochte dariiber seine Worte selbst in der Ober-
setzung hier vorlesen:
«... Denn nie gab es einen Glauben, der schoner, gerech-
ter, reiner, moralischer, fruchtbarer, trostlicher und in einem
gewissen Sinne wahrschemlicher ist, als der ihre. Er allein
gibt mit seiner Lehre von der allmahlichen Siihne und Lau-
terung alien korperlichen und geistigen Ungleichheiten,
allem sozialen Unrecht, alien emporenden Ungerechtig-
keiten des Schicksals einen Sinn. Aber die Giite eines Glau-
bens ist kein Beweis fur seine Wahrheit. Obwohl sechshun-
dert Millionen Menschen dieser Religion huldigen, obwohl
sie den in Dunkel gehiillten Urspriingen am nachsten steht,
obwohl sie die einzige nicht gehassige und von alien am
wenigsten abgeschmackt ist, hatte sie das tun miissen, was
die andren nicht taten: uns unverwerfliche Zeugnisse zu
bringen. Denn was sie uns bisher gab, ist nur der erste
Schatten vom Anfang eines Beweises. »
Das heiftt mit anderen Worten: Maeterlinck sudit auf
diesem Gebiete die Quadratur des Zirkels. Wir sehen ge-
rade an diesem Beispiele so recht klar und deutlich, wie
jemand, der nur dies denken kann, daft das Heil der Gei-
stesforschung in dem einen Extrem, in dem Phanomenalis-
mus liegt - das zeigen alle seine Ausfiihrungen — , gar nicht
dieBedeutung und das wirkliche Wesen dieser geisteswissen-
schaftlichen Forschung ins Auge fassen kann. Aus einer
soldien Erscheinung wie gerade Maeterlinck ist viel zu ler-
nen. Es ist das zu lernen, daft die Wahrheiten, die sich der
Weltentwickelung des Menschen einzufiigen haben, da, wo
sie zunachst auftreten, wirklich in der Lage sind, die
Schopenhauer mit den hier schon einmal bezeichneten Wor-
ten charakterisiert hat: In alien Jahrhunderten hat die arme
Wahrheit dariiber erroten miissen, dafi sie paradox war —
Maeterlinck kommt sie sogar «unglaubhafl» vor und es
ist dock nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt
des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht
sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher
ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flugelschlage
so grofi und langsam sind, daft das Individuum dariiber
hinstirbt.
So geht es mit dem Gange der Geistesentwickelung der
Menschheit. Und interessant und lehrreich mufi es uns sein,
daft selbst die Besten in der Gegenwart, ja, gerade solche
Menschen, die mit vielen Fasern ihres Seelenlebens mit einer
geistigen Welt zusammenhangen wollen, den Nerv der
eigentlichen Geisteswissenschaft nicht zu erfassen in der
Lage sind. Sondern gerade, wo es sich um die Kennzeich-
nung des Weges zu den beiden Irrtumsmoglichkeiten han-
delt, da straucheln sie, weil sie nicht wagen den Sprung
iiber den Abgrund, weil sie benutzen wollen die Anlehnung
an die gewohnliche Welt im Phanomenalismus. Oder wenn
nicht das, so suchen sie, wenn sie es audi nicht bemerken,
eine Erhohung des Selbstsinnes in der Ekstase.
Nicht um den Charakter einzelner IrrtumsmogHchkeiten
nur kennenzulernen, kann es sich handeln, sondern um
das, was die Menschheit zu vermeiden hat, wenn man die
Quellen des geisteswissenschaftlichen Irrtums kennenlernen
und verstopfen lernen soli. Aus der Art und Weise, wie
die heutige Betrachtung angestellt worden ist, kann sich
aber das eine vielleicht ergeben: Die Geistesforschung mufi
die Quellen der Irrtiimer kennen. Denn die Versuchung ist
in der Seele immer vorhanden, entweder nach dem Phano-
menalismus abzuirren, also geistig ohnmachtig der geistigen
Welt gegeniiberzustehen, oder nach der Seite der Ekstase
abzuirren, das heiftt mit unzulanglichen Geistesorganen in
die geistige Welt hineingehen zu wollen und nur einzelne
Stiicke und keine zusammenhangenden Tatsachen aufzu-
nehmen. Zwischen beiden Extremen geht der Weg hindurch.
Man mu£ die Irrtumsmoglichkeiten kennen. Aber man
mufi, weil sie bei jedem Schritt in das geistige Leben auf-
treten konnen, sie nicht nur kennen, sondern man mufi sie
iiberwinden. Denn die Ergebnisse der Geistesforschung sind
nicht nur Forschungsresultate, sondern sie sind auch Siege,
Oberwindungen der Irrtiimer, Uberwindungen von An-
schauungen, die vorher gewonnen sind, Oberwindungen des
Selbstsinnes und anderes.
Wer tiefer in das eindringt, was heute nur skizzenhaft
zu schildern versucht worden ist, der wird bemerken, daft
wir, wenn auch alluberall, wo wir zur Erforschung des gei-
stigen Lebens hintreten konnen, die Irrtumsmoglichkeiten
so furchtbar lauern konnen, daft wir trotzdem den Irrtum
immer wieder iiberwinden miissen. Er wird bemerken, daft
die Geistesforschung nicht nur einer umiberwindlichen Sehn-
sucht entspricht nach dem, was der Mensch zur Sicherheit
seines Lebens braucht, sondern daft audi ihr Ziel fiir den,
der ihreBewegungverstandnisvoll betrachtet, durchaus dem
gesunden Mensdiensinne als ein erreidibares erscheinen
mu£. Empfindungsgemafi zusammenfassend, was der heu-
tige Vortrag nahebringen sollte, mochte ich sagen: Trotz
alien Widerstanden, trotz alien Dingen, die sich der Geistes-
forsdiung feindlich in den Weg stellen konnen, kann dodi
derjenige, welcher mit gesundem Sinn in die Ergebnisse
geisteswissenschafllicher Forschung eindringt, fiihlen und
empfinden, daft diese Ergebnisse der Geistesforschung
dringen
durch sdiwere Seelenhindernisse,
durch wirre Geistesfinsternisse,
zur ernsten Klarheit,
zur liditen Wahrheit!
DIE MORAL
IM LICHTE DER GEISTESFORSCHUNG
Berlin, 3.April 1913
Als Plato, der grofie griechische Philosoph, das Gottliche ge-
wissermaften definieren oder charakterisieren wollte, da be-
zeichnete er es als das «Gute». Und Schopenhauer y welcher
in vieler Beziehung Plato nachstrebte, sagte einmal in seinen
Schriften, dafi er seine philosophische Anschauung viel mehr
eine «Ethik» nennen konnte, als Spinoza das tun durfte,
aus dem Grunde, weil er, Schopenhauer, ja seine ganze
Weltanschauung auf die Urkrafl: des Willens begriindet
habe, und also etwas, das mit den innersten moralischen
Impulsen der menschlichen Seele zugleich zusammenhangt,
zu der Grundkraft des Weltalls gemacht habe; wahrend
Spinoza - so meint Schopenhauer - sein System so aufge-
baut habe, daft in den hochsten Weltenprinzipien noch
nicht das Moralische, das Ethische als solches enthalten sei.
Schopenhauer wollte wie Plato damit andeuten - und
dasselbe haben ja viele philosophische Weltanschauungen
getan, dafi alles, was wir in der Menschheitsentwickelung
das Moralische nennen, so innig und so tief in dieser
Menschheitsentwickelung begriindet sei, dafi man gar nicht
denken konne, das Reich des Moralischen umfasse letzten
Endes nicht auch alles blofi natiirliche Geschehen, das Reich
des Moralischen lage nicht allem zugrunde, was der Mensch
in der natiirlichen oder geistigen Welt ergriinden kann als
das Grundprinzip und die Grundwesenheiten der Dinge.
So ware ja im Sinne solcher Philosophen das Moralische
im Menschen ein Hereinnehmen und Hereinleuchten des die
ganze Welt durchleuchtenden Gottlich-Moralischen. Und
damit ware schon gegeben, dafi selbstverstandlich jede Er-
hebung im Sinne einer Weltanschauung zu den Urgriinden
des Daseins den Menschen audi immer naher und naher den
Quellen der moralischen Weltimpulse bringen miifite.
Wenn man nun auch mit solchen philosophischen Welt-
anschauungen keineswegs vollstandig einverstanden zu sein
braucht, so wird man doch wieder sagen konnen, dafi solche
Weltanschauungen gerade zu einer solchen Meinung, zu einer
solchen Anschauung, wie sie bei Plato und Schopenhauer
gezeichnet worden ist, dadurch kommen, dafi sie die ganze
Wurde und Bedeutung des Moralischen in der Menschheits-
entwickelung empfinden und daher die moralischen Impulse
in den Urgriinden des Weltendaseins nicht missen mochten.
Man wird, wenn man auch theoretisch nicht vollstandig
mit solchen Weltanschauungen einverstanden ist, dennoch
das an ihnen lernen und begriindet finden konnen, dafi eine
jegliche Weltanschauung, welche in das menschliche Leben
und in das menschliche Handeln eingreifen soil, gewisser-
maften gerechtfertigt erscheinen mujS vor dem Richterstuhle
der Moral, so erscheinen mufi, da£ die Moral zu ihr ein
unbedingtes Ja sagen kann. Daher ist die Auseinander-
setzung einer jeden Weltanschauung mit den moralischen
Impulsen des Daseins eine Notwendigkeit. Aus solchen
Untergrunden heraus ist das Thema der heutigen Betrach-
tung gewahlt worden, welches das Verhaltnis dessen, was
hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, zu den moralischen
Prinzipien und Impulsen der Menschenseele behandeln soil.
Nun wird, wenn anmoralischeDingeherangetretenwird,
fur eine einigermafien sinnige Betrachtungsweise der Dinge
eine gewisse, man mochte sagen heilige Scheu vor dem Ge-
biete, das man da betritt, von vornherein notwendig ge-
geben sein. Betritt man doch dasjenige Gebiet, welches zu
Urteilen hinblickt, die im intensivsten Sinne iiber Wert und
Unwert der Menschenseele entscheiden wollen, und ahnt
man doch sofort, wenn man dieses Gebiet betritt, dafi man
damit in unergrundliche Tiefen des menschlichen Seelen-
seins hineingreift, in soldi unergrundliche Tiefen, dajR man
gerade auf diesem Gebiete nicht leichten Herzens mit
irgendeinem abschliefienden Urteile bei der Hand sein
mochte. Auch in dieser Beziehung hat Schopenhauer einen
bedeutungsvollen, oft zitierten Ausspruch getan: «Moral
predigen ist leicht, Moral begr linden schwer.» Was meint
Schopenhauer mit diesem Ausspruch?
Dafl Moral predigen leicht ist, merkt man ja gleich, so-
bald man in das menschliche Leben nur ein wenig hinein-
schaut. Denn es wird wohl kaum etwas anderes so viel in
diesem menschlichen Leben gepredigt, als Moral. Es wird
iiber nichts so viel geurteilt als iiber den moralischen Wert
oder Unwert der Seele. Und wenn man dieses menschliche
Leben grundlich betrachtet, so mufi man wieder sagen: Wie
wenig sind doch die eigentlichen Moralpredigten geeignet,
wirklich in die Seelen hineinzugreifen, so dafi sie diese
Seelen so erfassen wiirden, dafi die Moralgrundsatze, die
der eine oder andere meint, selbst wenn sie klar eingesehen
werden, auch wirkliche moralische Impulse in den Seelen
seinkonnen! - Ja, wie leicht kann sich mancher selber Moral
predigen, dem es ganz und gar schwer wird, wirklich mora-
lischen Impulsen zu folgen. Schopenhauer meint, alles, was
man an Grundsatzen, an moralischen Formeln oder an
moralischen Vorschriften predigen kann, sei eigentlich nicht
bedeutungsvoll. Bedeutungsvoll ist in seinem Sinne nur,
wenn man in der menschlichen Seele eine Seelenkraft, einen
seelischen Impuls aufweisen kann, der eben als eine Wirk-
lichkeit in der Seele ist und aus dem heraus moralisches
Handeln entspringt. Dann wiirde man sagen konnen, man
habe auf etwas in der menschlichen Seele hingewiesen, was,
wenn man es nur sich selber iiberlaftt, zu einem moralischen
Handeln hindrangt; dann habe man den Grund des mora-
lischen Handelns in der Seele gefunden. Dann habe man
Moral begriindet, weil man den wirklichen Impuls in der
Seele klargelegt habe. Dann habe man nicht blo£ Moral
gepredigt.
Nun merkt man gerade bei einer solchen Forderung, die
so berechtigt wie moglich ist, wie schwierig es ist, in jene
Tiefen der Menschenseele hineinzudringen, wo die mora-
lischen Impulse wirklich schlummern, wo jene Impulse sit-
zen, aus denen Moralisches oder Unmoralisches entspringt.
Schwer wird es, mit unserem Urteil in diese Tiefen hinein-
zudringen. Setzen wir einen bestimmten Fall, einen Fall,
der uns lehren kann, wie schwierig es einer gewissenhaften
Seele ist, ein Urteil iiber den moralischen Wert oder Un-
wert einer menschlichen Handlung aufzubringen. Nehmen
wir an, irgendeine bedeutende Personlichkeit setze sich aufs
Pferd und reite aus. Auf dem Wege finde diese bedeutende
Personlichkeit eine arme Frau, welche am Wege kauert.
Diese Personlichkeit, die auf dem Pferde dahingaloppiert,
sieht da die Frau, greift in die Tasche, nimmt den vollen
Geldbeutel heraus, wirft ihn dieser Frau zu.
Nun haben wir eine Handlung vor uns. Es handelt sich
jetzt darum: Wie wollen wir im Lichte der Moral eine
solche Handlung beurteilen? Herman Grimm, von dem ich
auch schon gesprochen habe, sagt iiber diese Handlung, die
wirklich einmal bei einer weltberuhmten Personlichkeit vor-
gekommen ist, das Folgende. Nehmen wir an, die Frau
ware aberglaubisch, und der Fall lage so, daft die Frau eben
vorgehabt hatte, fur ihre Kinder, die in der bittersten Not
sind, in der nachsten Zeit einen Diebstahl zu begehen. Sie
sei dadurch, dafi ihr der Geldbeutel von diesem Manne
zugeflogen ist, behiitet worden, den Diebstahl zu begehen
und zu dem Elend ihrer Familie noch grofteres Elend her-
aufzubeschworen. Sie ist aber aberglaubisch, sagt Herman
Grimm. Warum sollte die Frau nun nicht sagen: Durch
diesen Mann ist mir ein Engel der hoheren Welten erschie-
nen, und dadurch bin ich vor dem Abgrund gerettet worden.
Da haben wir durch diese Dinge, die durchaus in der
Seele dieser Frau vorkommen konnen, eine Art moralischer
Behandlung. Nehmen wir aber an, sagt Herman Grimm
weiter, diese Personlichkeit, welche den vollen Geldbeutel
jener Frau zugeworfen hat, komme nachher in eine Gesell-
schafl verschiedener Menschen. Der erste der Menschen, der
von dieser Personlichkeit selber erzahlen hort, da£ sie dies
getan habe, meint: Nun ja, ich habe ja immer gehort, dafi
diese Personlichkeit aufierordentlich geizig sei; jetzt sehe
ich, wie unbedeutend solche Urteile iiberall sind! - Und es
konnte sich nun eine solche Personlichkeit des weiteren fur
diesen Mann ins Zeug legen - meint Herman Grimm - und
konnte gleichsam iiberall zu einer Rektifizierung des Geruch-
tes iiber den Geiz jener hochstehenden Personlichkeit durch
Verbreitung der «Gro$herzigkeit» dieser Personlichkeit
beitragen. Nehmen wir aber an — meint Herman Grimm — ,
eine zweite Personlichkeit horte dieselbe Sache erzahlen
und fiihlte sich dadurch ganz eigentiimlich beruhrt; denn
diese Personlichkeit, nehmen wir an, habe vor kurzer Zeit
sich erst eine viel geringere Summe von jenem Manne aus™
leihen wollen als in der Geldborse war, und der Mann habe
ihr die Summe nicht geliehen. Wird diese Personlichkeit
nicht ganz anders urteilenPOder eine dritte Personlichkeit—
meint Herman Grimm - konnte dabei sein, welche in dem
Augenblick, wo sie dies hort, selber veranlalk wird, zu
sagen: Ja, ich bin in Verlegenheit; kann ich nicht selber
etwas bekommen? - Eine solche Personlichkeit konnte nun
wieder zu einem Urteile kommen, das ganz verschieden
ware sowohl von dem der Frau, wie von dem der anderen
Personlichkeiten. Eine vierte Personlichkeit konnte viel-
leicht wissen, wenn dieses Vorkommnis erzahlt wird, dafi
der betreffende Mann gerade in jenem Zeitpunkte unge-
heuer viel Schulden hatte, und diese Personlichkeit wird
nun die Handlung wiederum in einem ganz anderen mora-
lischen Lichte sehen. Sie wird vielleicht sagen, es sei ein
grofies Unrecht, die Geldborse so ohne weiteres hinzuwer-
fen, wenn man verpflichtet ist, seine Schulden zu bezahlen,
auf welche die Glaubiger uberall warten. Eine weitere Per-
sonlichkeit konnte wissen - meint Herman Grimm - dafi
die Geldborse gar nicht jenem Mann selbst, sondern seiner
Frau gehort habe, und dafi der Mann leichtsinnig die Geld-
borse seiner Frau hinge worf en hat, und die Frau konnte
also klagen iiber den Leichtsinn dieses Mannes. Und noch
verschiedene andere Standpunkte waren moglich.
So sehen wir, wie Menschen, die von verschiedenen Stand-
punkten ausgehen, eine solche Handlung ganz verschieden
beurteilen konnten und gar nicht das zu tref¥en brauchten,
was in der Seele als der wahre Impuls lebte. Herman Grimm
ergeht sich iiber diesen Fall besonders aus dem Grunde,
weil er nachweisen will, wie sehr moralische Urteile mit
einer gewissen Reserve aufzunehmen sind, wenn sie uns
iiber eine soldi bedeutende Personlichkeit zum Beispiel in
Memoiren entgegentreten. Alle solche Urteile konnten uns ja
in Memoiren entgegentreten, denn es hat sich die ganzeSache,
die ich hier vorbrachte, wirklich in einer ahnlichen Lage
abgespielt, namlich mit dem grofien Dichter Lord Byron.
Und bei Besprechung eines seiner Memoirenschreiber, der
mit Byron bekannt war, kommt Herman Grimm auf den
Fall zu sprechen. Hier soli er aus dem Grunde angefiihrt wer-
den, weil dadurdi so recht anschaulich wird, was sicli alles
vorlagert an Lebensurteilen, die wir auf ganz verschiedene
Weisen gewonnen haben, wenn wir darangehen, irgendeine
moralische Tat eines Menschen zu beurteilen. So mufi man
tatsachlich sagen, ist es schon im allgemeinen im Sinne
Schopenhauers sdiwierig, Moral zu begrunden, so wird es
geradezu zu etwas Unmoglichem, im einzelnen Falle sich
mit einem absdilieftendenmoralischen Urteile so dem Seelen-
leben eines Menschen zu nahern, dafi dieses abschliefiende
moralische Urteil wirklich den Tatbestand treffen wiirde.
Man sollte nun aber aus diesen Voraussetzungen heraus
nicht etwa selber das Urteil gewinnen, als ob man der
Moral gegeniiber gleichgiiltig zu sein habe. Im Gegenteil!
Wer das Leben in seiner Ganzheit erfafit, wird trotzdem
die Moral als das Heiligste im Menschenleben ansehen und
dabei zu dem Urteile kommen, dafi das Heiligste im Men-
schenleben zugleich audi mit einer heiligen Scheu angefafk
werden mufi. Denn es ist in vieler Beziehung eine Ver-
messenheit, sich einem anderen Menschen mit einem mora-
lischen Urteile gegeniiberzustellen, in Anbetracht des Um-
standes, wie vieles die eine Seele von der anderen trennt.
Stellen wir, nachdem diese Voraussetzungen gemacht
worden sind, nun dasjenige hin, was iiber den Charakter
der Geisteswissenschaft in diesen verschiedenen Vortragen
hier vorgebracht ist. Geisteswissenschan: fiihrt uns auf der
einen Seite defer in die geistigen Grundlagen der Dinge
hinein. Aber wir haben zugleich gesehen, wodurch sie dazu
imstande ist: Es ist dadurch moglich, da£ wir tieferliegende
Krafte unseres Seelenlebens blofilegen, so dafi wir die gei-
stigen Untergriinde der Welt nur dadurch erfassen, da£ wir
die in den Tiefen der Menschenseele schlummernden Krafte
herauf holen. Wir nahern uns also gerade mit den Methoden
der Geistesforschung den tieferen Untergriinden des mensch-
lichen Seelenlebens, jenen Untergrunden, aus denen in oft-
mals so geheimnisvoller Weise die moralischen Impulse her-
vorquellen. Und die Frage mufi sein: Was geschieht, wenn
in den Seelenuntergninden jene Forschungen, welche diese
Seelenuntergriinde heraufholen wollen, zusammentreffen
mit den moralischen Impulsen? 1st es ja doch im gewohn-
lichen alltaglichen Leben der physischen Welt so, dafi zu
der allereinfachsten Menschenseele, zu der ungelehrtesten
Menschenseele die moralischen Impulse mit einer grofien
Sicherheit aus den Tiefen herauf sprechen konnen. Und gar
manchen hochgelehrten Menschen, gar manchen, der sich viel-
leicht zu den Philosophen zahlt oder ein Wissenschaftler ist,
kann auf moralischem Gebiete eine einfache Personlichkeit
beschamen, welche in bezug auf Erkenntnis nicht viel ihr
eigen nennt, und die dennoch aus den Tiefen ihrer Seele
heraus in den schwierigsten Fallen aufopferndste Taten
echter Menschenliebe zu vollfiihren vermag. Gewohnliches
Wissen, aufiere physische Erkenntnis, braucht gewifi nicht
in die Tiefen hinunterzufuhren, aus denen die moralischen
Impulse hervorquellen, die Impulse, aus denen Moral be-
griindet werden soil.
Nun zeigt sich aber sofort, wenn Geisteswissenschafl zu
den geistigen Urquellen des Daseins emporsteigen will, dafi
dann des Menschen Seele in gewisser Weise, wenn sie zum
Geistesforscher werden will, dreierlei entwickeln mujS. Die-
ses Dreierlei ist ja im Verlauf e dieser Wintervortrage als die
drei Stufen der ubersinnlichen Erkenntnis angefiihrt wor-
den. Da ist zunachst das angefiihrt worden, was wh* die
imaginative Erkenntnis nennen, das heilk diejenige Er-
kenntnis, welche vor der menschlichen Seele auf tritt, wenn
sich diese ganz freigemacht hat von aller Sinnesbeobachtung
und aller Verstandestatigkeit, die an das Instrument des
Gehirnes gebunden ist. Ist die Seele dazu gelangt, dafi sie
aus ihrenTiefen eine Welt von Bildern herauf dringen f iihlt,
dann werden diese Bilder bei weiterer Ausbildung des Gei-
stesforschers zu Bildern der wirklichen geistigen Realitaten
werden, die hinter der aufieren Sinneswelt vorhanden sind.
Imaginative Erkenntnis ist das erste. — Man findet diese
Stufen der iibersinnlichen Erkenntnis audi in dem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» aus-
einandergesetzt.
Das zweite, zu dem die Menschenseele kommen mufi -
man kann solche Dinge nur mehr oder weniger bildmafiig
ausdriicken und es ist iiber alles dieses audi bereits gespro-
chen worden, doch soil es zur Vermeidung von Miftver-
standnissen heute kurz angefiihrt werden besteht darin,
dafi dasjenige, was erst bildhaft aufgetreten ist, was aber
nicht mit den Bildern eines einzelnen Sinnes zu vergleichen
ist, gleichsam wie aus sich her aus durch eine « Weltensprache»
als inspirierte Erkenntnis auftritt. Das heifk, dafi zu dem
Geistesforscher, wenn sein Inspirationsvermogen erwacht
ist, die geistigen Wesenheiten und Tatsachen spreclien, die
jenseits der Sinneswelt liegen.
Die dritte Stufe, wodurch der Geistesforscher wirklich
in das Wesen der geistigen Tatsachen und Wesenheiten ein-
dringt, nennt man die Intuition. Nicht diejenige Intuition
ist gemeint, welche in derTrivialsprache manchmal mit die-
sem Worte bezeichnet wird, sondern etwas, das ein wirk-
liches Hiniibertreten des eigenen Seelenlebens in fremdes
Wesen ist, wodurch der Mensch fahig wird, indem er sein
Wesen mit fremdem Wesen verbindet, in das Innere au&er
ihm befindlicher geistiger Wesen einzudringen. Demjenigen,
was Sinneserkenntnis und Verstandeserkenntnis ist, treten
also auf anderen Erkenntnisstuf en Imagination, Inspiration
und Intuition gegeniiber.
Durch diese drei Erkenntnisstuf en dringt die Menschen-
seek in die geistige Welt ein. Die Krafte zur Imagination,
das heifit zum Schauen von Bildern aus der iibersinnlichen
Welt, ebenso wie die Krafte der Inspiration, das heifit zum
Vernehmen desjenigen, was die geistigen Tatsadien und gei-
stigen Wesen des Obersinnlichen uns zu offenbaren haben,
und die Krafte der Intuition, sie schlummern in jeder Men-
schenseele. Sie werden durdi die Methoden, die hier audi
geschildert worden sind, hervorgeholt. Die Menschenseele
mufi also als Geistesforscher in ihre Tiefen dringen, um zu
den Urgriinden des Daseins zu kommen.
Nun wurde schon darauf aufmerksam gemacht, insbe-
sondere audi, als die «Irrtiimer der Geistesforschung» be-
sprochen worden sind, wie wichtig der Ausgangspunkt ist,
von dem die Seele zu jenen Stufen ihres Daseins hingelangt,
auf denen sie in die geistige Welt hineinschauen kann. Da
ist besonders hervorgehoben worden, daft eine Art von
Ohnmacht in bezug auf die Erkenntnis der geistigen Welt
bei jener Seele eintritt, die nicht von moralischer Tuchtig-
keit, von moralischer Stimmung ihren Ausgangspunkt
nimmt. Eine solche Seele wird fur die hdheren Welten eine
gewisse Betaubung zeigen und nur dasjenige aus diesen
hoheren Welten offenbaren konnen, was eben wie durch
eine Art Betaubung gesehen, was also verf alscht ist. So ist
schon hingewiesen worden auf den Zusammenhang von
moralischer Seelenstimmung im Ausgangspunkte mit dem,
was die Seele erlangen kann, wenn sie durch Imagination,
Inspiration und Intuition wirklich in die geistigen Welten
eintritt. Aber wir konnen noch genauer die Bedeutung der
moralischen Seelenverfassung fur die hoheren Erkenntnis-
stufen charakterisieren.
Die Imagination tritt ja beim Geistesforscher so auf, dafi
gleichsam wie auf dem Horizonte seines Bewufitseins zu-
nachst aus seinem Seelenleben, dann aus dem Wesen des
allgemeinen Geisteslebens Bilder auftauchen. Diese Bilder,
welche so auftauchen, und deren Bedeutung wir bereits ge-
schildert haben, miissen verschieden sein, je nachdem der
Mensch von dieser oder jener Seelenverfassung ausgeht, die
er schon hier in der physischen Welt hat. Eine solche Seele,
welche hier in der physischen Welt den Sinn fiir den rechten,
wahren Zusammenhang von Tatsachen entwickelt, sie wird,
wenn sie durch die geschilderten Methoden zur Imagination
emporsteigt, die innere Verfassung fiir den wahrhaflen
Zusammenhang der Dinge mit sich in die hoheren Welten
hinauftragen. Daher konnen wir sagen, eine Seele, die
wahrhaft innerhalb der Tatsachen in der physisch sinnlichen
Welt zu leben versteht, tragt ihre WahrhafKgkeit mit hin-
auf in die geistigen Welten. Eine Seele aber, welche durch
Ungenauigkeit - und von der Ungenauigkeif, das ist schon
angedeutet worden, bis zum Irrtum, ja sogar bis zur Liigen-
hafligkeit, ist nur ein kleiner Schritt -, welche durch Un-
wahrhaftigkeit hier in bezug auf die Sinnestatsachen der
physischen Welt gekennzeichnet ist, eine solche Seele bringt
sich die innere Verfassung der Unwahrhaftigkeit mit hin-
auf in die Welt, wo die Imaginationen, die Bilder der gei-
stigen Welt auftauchen sollen. Und dieFolge davon ist, dafi
aus ihrer Unwahrhaftigkeit, die ja nicht mit der Welt iiber-
einstimmt, sondern die nur dem eigenen Innern entspringt,
sich eine solche Welt von Bildern aufbaut, die selber nur ein
Ausflufi der betreffenden Personlichkeit ist.
Unwahrhaftigkeit wird daher, wo die Seele zu den Ima-
ginationen aufsteigt, bewirken, dafi eine solche Seele aus
den geistigen Welten nichts anderes offenbaren kann als
das, was nur der Spiegel ihrer eigenen Unwahrhaftigkeit
ist. Daher hat es bei aller Schulung in die geistige Welt
hinauf Geltung, dafi die Seele vor ihrem Eintritt in die
imaginative Welt als Vorbereitung fiir die imaginative Er-
kenntnis sich schon hier in der physischen Welt zu festigen
hat durch das, was man nennen kann, Tatsachensinn, Sinn
fiir die Tatsachen. Und es ist zu betonen, sdiarf zu betonen,
dafi alles, was von dem Tatsachensinn abfiihrt, keine rechte
Vorbereitung fiir die Betrachtung der geistigen Welt liefern
kann. Es wird fiir den, der ein Geistesforscher werden will,
eine gute Vorbereitung sein, wenn er sich moglichst zuriick-
halt mit aller blofi personlichen und subjektiven Kritik,
mit allem nur Beurteilen der Dinge «von seinem Stand-
punkte aus», allem Geltendmachen: «das finde ich richtig»,
«das finde ich falsch». - Eine gute Vorbereitung fiir die gei-
stige Erkenntriis ist es vielmehr, wenn man versucht, so gut
es geht und so viel es geht, hier in der physischen Welt alles
Beurteilen nur vom personlichen Standpunkte aus, alles
Geltendmachen seines personlichen subjektiven Standpunk-
tes zuriicktreten zu lassen; wenn man sich bemuht, den Tat-
sachen des Lebens gegeniiber moglichst nur diese sprechen
zu lassen. Daher werden wir denjenigen, der auf dem
rechten Pfad ist zur geistigen Welt hin, bemuht finden,
in allem, was er erzahlt oder schildert, nicht das vorzu-
bringen, was er iiber die Dinge urteilt, sondern die Dinge
fiir sich sprechen zu lassen, indem er bestrebt sein wird,
mehr nur die Tatsachen zusammenzustellen.
Wenn wir daher einem Menschen gegeniibertreten, der
bei jeder Gelegenheit sagt: Da und dort hat sich dieses oder
jenes ereignet, das finde ich abgeschmackt; da oder dort
hat sich etwas ereignet, das finde ich nicht gut; da oder
dort hat sich etwas ereignet, das finde ich hafilich, das finde
ich schon - und wie die Abstufungen alle lauten mogen,
so ist ein solcher Mensch auf keinem guten Wege zum Hin-
aufdringen in die geistigen Welten. Er ist vielmehr auf
einem guten Wege, wenn er sich bemuht, ein solches Urteilen
zu unterdriicken und schlicht und einfach die Tatsachen er-
zahlt, wenn er hinsdiaut auf die Tatsachen und diese fiir
sich sprechen lafk und sich zum Grundsatz macht: Wenn
ich jemandem mein Urteil aufdrange, so ist es eben mein
Urteil - dann ist er nicht nur angewiesen, mir zu glauben,
dafi es Wahrheit ist, was ich sage, sondern audi, dafi ich
ein Urteil habe. Wenn ich mich aber anschicke, dem Men-
schen zu erzahlen, was ich da und dort getroffen habe, so
kann er sich selber sein Urteil bilden. Je mehr man sich
zu der letzteren Art zwingt, die Welt anzuschauen und die
Dinge zu erzahlen, desto mehr stattet man sich mit dem
Tatsachensinn aus und bereitet sich fiir die imaginative Er-
kenntnis vor. Wer sich fiir das imaginative Erkennen vor-
bereiten will, sollte sich, vor allem der Denkweise nach,
abgewohnen, bei jedem Erlebnis zugleich zu sagen: Ichfinde
die Dinge so oder so. - Er sollte es fiir unwesentlich halten,
was er uber die Dinge finden kann und sollte sich bemuhen,
nur das Werkzeug zu sein, durch welches die Dinge oder
Tatsachen sprechen.
Wenn man dies ins Auge faik, wird man sich klar sein,
dafi eine ganz wesentlicheTugend, die Wahrhaftigkeit, schon
von vornherein zu den richtigen Vorbereitungsmitteln ge-
hort fiir eine methodische Schulung zur Erkenntnis der
hoheren Welten. Man wird gar nicht in die Verlegenheit
kommen konnen, daran zu zweif eln, da£ eine richtige Schu-
lung fiir die Erkenntnis hoherer Welten moralfordernd ist
oder wenigstens sein mufi. Ja, man wird die Sache noch
von einer anderen Seite her darstellen. Man kann den Fall
setzen, jemand bereite sich nicht durch die eben geschilderte
Wahrhaftigkeit fiir die hoheren Welten vor. Dann wer den
ihm, wenn er nur die entsprechenden Seelentrainierungen,
die entsprechenden Obungen durchmacht, in der Tat die
schlummernden Krafte seiner Seele erweckt werden konnen,
und er wird zuletzt vor eine imaginative Welt gebracht
werden konnen. Aber was ist diese dann? Diese Welt ist
dann nichts anderes als das Spiegelbild seines eigenen We-
sens. Und weil man in dem Augenblick, wo man von der
Sinneswelt absieht, wo man audi von dem Verstande, der
an das Gehirn gebunden ist, absieht, diese imaginative Welt
als etwas Wirkliches vor sich hat, gleichgiiltig, ob sie etwas
Reales ausdriickt oder ob sie nur das Spiegelbild des eigenen
Wesens dessen ist, der sie hat, so wird, wer nicht richtig durch
Wahrhaftigkeit vorbereitet ist, eben auch eine imaginative
Welt» vor sich haben, weil sie ihm vor gaukelt, eine richtige zu
sein und doch nur das Spiegelbild der eigenen Seele, seines
eigenen Innern ist. Diese Welt ist dann eine fortwahrende
Verfuhrerin zur Unwahrhaftigkeit. Deshalb kann man sa-
gen, dafi jemand, der nicht durch Obung der Wahrhaftigkeit
in die geistige Welt eindringt, sich in eine Lage versetzt, wo
fortwahrend in seiner Umgebung, wenn er in der iibersinn-
lichen Welt wahrnimmt, die Verlockungen zu Unwahr-
haftigkeit und Luge vorhanden sind. Daraus mull sich von
selbst das Urteil ergeben, dafi ein jeder Aufstieg in die
ubersinnliche Welt verbunden sein mufi mit der Pflege der
Tugend der Wahrhaftigkeit, mit der Pflege vor alien Din-
gen des Tatsachensinnes. Denn nur wenn wir Tatsachen-
sinn haben, Sinn fur den aufier uns befindlichen Zusam-
menhang der Tatsachen in der physischen Welt, konnen wir
uns zur Wahrhaftigkeit erziehen.
In einer ahnlichen Weise stellt sich dieselbe Sache fur die
Inspiration dar, nur wird sie auf diesem Gebiete noch an-
schaulicher, noch bedeutungsvoller. Durch die Inspiration
beginnen die Dinge, die in unserer Umgebung geistig vor-
handen sind, gleichsam zu uns zu sprechen; sie enthullen,
sie offenbaren uns ihr Wesen. Wir horen sie nicht durch
Stimmen und Tone, die den aufieren ahnlich sind, sondern
wir horen sie geistig.
Nun ist eine andere Vorbereitung notwendig, damit der
Mensch nicht wieder blofi das vernimmt, was ihm sein
eigenes Wesen enthiilrt, sondern damit er eine objektive,
wirkliche "Welt kennenlernt. Dazu ist notwendig die Er-
hohung einer ganz besonderen Tugend der Seele. Solche
Dinge lassen sich ja nur durch Erfahrung feststellen. Wer
zur Inspiration gelangen will, mufi in einer hoheren Weise,
als es fiir die gewohnliche Welt notwendig ist, in sich die
Tugend des moralischen Mutes, der Standhaftigkeit, des
Starkmutes zur Ausbildung bringen. Denn nur wer mora-
lischen Mut hat, wer nicht vor irgend etwas zuriickschreckt,
was seine eigene Personlichkeit unter Umstanden gef ahrden
kann, wird demjenigen standhalten konnen, was aus den
geistigen Wirklichkeiten heraus durch Inspiration zu ihm
spricht. Und jeder, der zu wenig Starkmut und morali-
schen Mut entwickelt hat, bevor er in die geistigen Welten
eintritt, wird sehr bald bemerken - oder vielmehr wird er
es nicht so leicht bemerken, aber die andern, die etwas von
der Sache verstehen, werden es bemerken — , dafi zwar ge-
wisse Dinge aus der geistigen Welt zu ihm sprechen, aber
dafi alles dieses, was so zu ihm spricht, nur ein Echo seiner
eigenen Wesenheit ist. Weil seine Seele nicht stark genug
ist, weil sie nicht in sich selber vollen Halt hat, deshalb
kann sie nicht das in sich bewahren, was sie ist, sondern
strahlt es aus, und es kommt das zu ihr zuriick, was sie
selber ist. Eine Seele, die nicht durch moralischen Mut fiir
die Inspiration vorbereitet wird, wird sich sehr bald als eine
solche darstellen, die etwas wie «geistige Stimmen» hort,
aber diese geistigen Stimmen werden nichts anderes sein als
das, was sie selber in sich tragt, was nur ein Echo des eigenen
Wesens ist. Wenn dann eine solche Seele daraufkommt, dafi
es so ist, dann wird sie erst recht durch das, was da aus
der geistigen Welt zu ihr dringt, niedergeschlagen werden.
So sehen wir, dafi wiederum eine wesentliche Eigenschaft
der Seele, eine Eigenschaft, welcher der moralisdie Charak-
ter nicht abgesprochen werdenkann, verstarkt und befestigt
werden mufi, wenn diese Seele in die ubersinnliche Welt
hinaufdringen will: der moralische Mut, der Starkmut. Der
ist notwendig als Vorbereitung fiir die wirklidie Inspira-
tion. Daraus kann nun leicht abgeleitet werden, daft es vor
alien Dingen notig ist, semen moralischen Mut schon in
der physischen Welt zu starken, bevor man zum Geistes-
forscher werden will, damit die Seele wirklich die Offen-
barungen desjenigen, was durch Imaginationen gegeben
wird, audi durch Inspirationen wahrnehmen kann.
Gar mancher, der die Sache nicht griindlich genug ver-
standen hat, glaubte sich auf den moralischen Mut dieser
oder jener Seele verlassen zu konnen, gab dann der Seele
die Mittel, urn in die ubersinnliche Welt aufzusteigen,
konnte dann die Seele nach einiger Zeit treffen - und sie
verriet nichts anderes, als dafi sie nur ihr eigenes Wesen,
das sie als «T6ne», als «Worte» deutete, widerspiegelte.
So hangt geistige Schulung innig zusammen mit der Er-
hohung der moralischen Kraft, und deshalb wird jede rich tig
mitgeteilte geistige Schulung vor alien Dingen auf Starkung
und Erfestigung der moralischen Kraft hinwirken. Daher
konnen Sie iiberall, wo Sie die Darstellung der Methoden
finden, durch welche man in die hoheren Welten hinauf-
dringt, zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten? », zugleich die Hinweise
finden auf die Notwendigkeit der Starkung der moralischen
Kraft. Denn die moralische Kraft darf nicht bloft so bleiben,
wie sie im gewohnlichen Leben der physischen Welt ist,
sondern sie mufi erhoht und befestigt werden.
Ganz besonders tritt uns aber entgegen, was in dieser
Beziehung notwendig ist, wenn wir zur Intuition gehen,
durch welche sich die Seele, die ein Geistesf orscher geworden
ist, geradezu hineinzuversetzen vermag in das Innere eines
anderen geistigen Wesens oder einer anderen geistigen Tat-
sache. Da werden wir finden, da£ es geradezu zur Unmog-
lichkeit wird, sich nach der geistigen Schulung wirklich in
andere Wesenheiten hineinzuversetzen, wenn man nicht
schon hier in der physischen Welt dafur gesorgt hat, dafi
dasjenige erhoht werde, was man nennen kann offenes In-
teresse fur alles, was uns umgibt, freies, offenes Inter esse.
Alle engherzige Verschlossenheit der Seele, alles Verkrie-
chen der Seele in sich selber, alles, was nicht die Aufmerk-
samkeit der Seele hinlenken will zu Mitleiden und Mit-
freuden von Mitgeschopfen und von allem, was uns in der
Sinneswelt schon umgibt, das alles halt die Seele ab, wenn
sie in die geistige Welt hinaufgestiegen ist, zur wahren
Intuition, zu wahren Erkenntnissen hoherer Wesenheiten
zu kommen. Und hier stehen wir auf dem Gebiete, auf
welchem sich unsere Betrachtungen mit dem benihren, was
Schopenhauer seine «Begriindung der Moral» nennt.
Schopenhauer war ja keineswegs GeisteswissenschafUer
in dem Sinne, wie Geisteswissenschaft hier gemeint ist. Da-
her legt sich auch flir ihn die Seele, die in ihre Tiefen
heruntersteigt, nicht so auseinander, dafi sie eine Dreiheit
von Kraften entwickelt, die den drei Stufen der Erkennt-
nis - Imagination, Inspiration, Intuition - entspricht, son-
dern es verschmilzt fur ihn alles. Die «Seele» ist ein Nebu-
loses aller in ihren Tiefen lebenden Krafte. So kann auch
Schopenhauer nicht die moralischen Tugenden auseinander-
legen, deren Ausbildung die Vorbereitung sein mufi f iir eine
geistige Schulung: Tatsachensinn als Grundlage der Tugend
der WahrhafKgkeit fur die Imagination, Starkmut als
Grundlage fur das, was zur Inspiration fiihrt, und das
dritte - was Schopenhauer griindlich erortert -, das in den
Tiefen der Seele schlummert, und das man im allgemeinen
nennen kann Interesse fur Umwelt und Umwesen. Aber
Schopenhauer macht auf etwas anderes aufmerksam, und
hier ist er in einem gewissen Sinne tief genial. Er macht auf
das aufmerksam, was in der Tat zu den wenigen Seeleneigen-
schaften und Seelenimpulsen gehort, die schon in der physi-
schen Welt zeigen, wie eine gleichsam unterirdische Verbin-
dung zwischen Seele und Seele unmittelbar besteht. Schopen-
hauer macht aufmerksam auf das Mitleid, man konnte besser
sagen auf das Mitgefiihl. Man braucht ja nur das Wort Mit-
leid, Mitgefiihl erwahnen, von dem Schopenhauer sagt, daft
es in jeder Seele vorhanden sein mufi, die moralisch genannt
werden kann, so wird man erstens fiihlen, daft mit diesem
Mitgefiihl etwas bervihrt wird, was in der Tat mit dem in-
nersten moralischen Impuls zusammenhangt, mit dem, was
wirklich Moral begriinden kann. Auf der anderen Seite
wird man fiihlen, daft man mit dem Worte Mitgefiihl etwas
beruhrt hat, was eine in der physischen Welt schon vor-
handene Intuition ist, ein Sich-hiniiber- Versetzen der eigenen
Seele in die andere Seele. Ein Beweis, daft eine unter-
physische Verbindung zwischen Seele und Seele besteht, ein
Beweis, daft der Geist mit seinen Kraften zwischen Seele
und Seele vorhanden ist, ein Beweis dafur ist fur jeden,
der die Welt sinnig betrachten kann, das, was mit dem
Worte Mitleid bezeichnet werden kann.
Mit Recht nennt daher Schopenhauer - und nannten es
viele andere, die in diese Dinge hineinblickten - Mitleid,
Mitgefiihl das eigentliche Mysterium der Menschenseele,
das schon hier in der physischen Welt beobachtet werden
kann. Denn es hat etwas unendlich Tief es, wenn eine Seele,
die in einem Leibe eingeschlossen ist, etwas fuhlt, woriiber
sich die andere Seele freut, oder wodurch die andere Seele
leidet, so daft in dem Heriiber- und Hiniibergehen der
Krafte der einen Seele zur anderen Seele wirklich eine Art
geistigen Mysteriums schon hier in der physischen Welt ge-
geben ist. Daher sagt Schopenhauer: Man mag noch so viel
Moral predigen: begriindet ist Moral auf dieses Leben der
einen Seele in der anderen Seele, begriindet ist Moral doch
nur auf Mitgefiihl, oder auf Mitleid. - Daher kann man
eigentlich ganz gut sagen, im Sinne Schopenhauers ware
so viel Moral in der Welt, als Mitgefiihl vorhanden ist.
Mit einem gewissen Recht machte Schopenhauer darauf
aufmerksam, dafi es unertraglich ware, den Satz zu horen:
«Dieser Mensch ist tugendhaft, aber er kennt kein Mit-
leid.» Schopenhauer meint: Jeder wird die Unmoglich-
keit verspiiren, dafi ein solcher Satz ausgesprochen werden
konnte, dafi Tugendhaftigkeit und Mitleidlosigkeit in einer
Seele verbunden sein konnten. Also meint Schopenhauer, es
sei unertraglich, den Satz zu horen: «Er ist ein ungerechter
und boshafter Mensch, jedoch ist er sehr mitleidig», obwohl
man ja sagen kann, dafi die Innengriinde der menschlichen
Seele manchmal so verworren sind, dafi man auch das er-
fahren kann, wie jemand ohne Zweifel recht schlimme,
untugendhafte Taten verrichten und doch ein gewisses Ge-
fiihl entwickeln kann, zum Beispiel fiir Tauben und ahn-
liche Tiere. Im grofien und ganzen aber kann man doch
sagen, dafi Schopenhauer hier an die Tiefen der Moral-
begriindung riihrt, wo er von Mitleid spricht.
Wenn man im Sinne der Geisteswissenschaft spricht, so
mufi man das Prinzip des Mitleids noch etwas erweitern,
und es tritt dann vor unsere Seele hin, was man bezeichnen
kann als das teilnehmende Interesse, als die teilnehmende
Aufmerksamkeit fiir alles, was in der Umwelt um uns her-
um geschieht. Denn wahres, inneres Interesse an einer
Freude, die erlebt wird, hat der Mensch nicht, der nicht
diese Freude miterleben kann, und wahres, tiefes Interesse
an dem Leide eines anderen "Wesens hat der Mensch nicht,
der das Leid nicht in sich mitleiden kann. In vieler Bezie-
hung fallen Mitleid, Mitgefiihl und Interesse zusammen.
Wirkliches, wahres Interesse haben, heiftt Liebe haben.
Denn man kann nicht Interesse haben, ohne im wahren
Sinne des Wortes Liebe, ohne Mitgefiihl zu haben.
Nun ist wieder die richtige Vorbereitung fiir eine intui-
tive Erkenntnis hier in der physischen Welt diejenige, die
moglichst darauf ausgeht, die Seele dadurch zu starken, zu
kraftigen, daft die Seele sich gewohnt, Interesse zu haben
fiir alles, was lebt, atmet und ist, fiir alles Aufmerksamkeit
haben zu konnen, was die Seele umgibt. Je tiefer unser
Interesse sein kann, desto besser bereiten wir uns vor als
Geistesforscher fiir die Intuition der hoherenWelten. Daher
kann man sagen: Gerade fiir die Geisteswissenschaft er-
scheint das Hereinleuchten des Mitleides in der physischen
Welt wie ein Abglanz der Tatsache, daft jene tiefen Krafte
der Seele, die zur Intuition fiihren, iiberhaupt sich nur dann
wahr und richtig entwickeln konnen, wenn die Seele sich
dazu vorbereitet durch ein wirkliches Interessehaben an der
Umwelt, das heiftt durch Liebehaben, durch Mitgefuhl-
haben.
So sehen wir iiberall, wo von dem rechten Wege zur Gei-
stesschulung hin gesprochen wird, daft dieser rechte Weg
von demjenigen untrennbar ist, was zugleich die bedeu-
tendste moralische Tugend des Menschen ist. Denn in der
interessevollen Liebe, in dem aufmerksamen Hinschauen
auf alles Leid und alle Freude, auf alles Sein iiberhaupt,
in dem charaktervollen Standhalten der Seele und in der
"Wahrhaftigkeit liegen sozusagen erschopft die bedeutungs-
vollsten, ja, die prinzipiellsten moralischen Tugenden. Wer
irgendeine Tugend wird begreifen wollen, zum Beispiel
eine Tugend, wie die Treue es ohne Zweifel ist, der wird
sie leicht als eine besondere Gestaltung der Standhafligkeit
kenneniernen konnen. Der Menscb, der standhaft ist, wird
audi in der entspredienden Weise die Treue zu halten ver-
stehen. Alle Tugenden, man mochte sagen der Umfang der
Tugenden, werden in einer gewissen prinzipiellen Weise
auf diese drei Eigenschaften der Seele zuruckzufiihren sein.
Nun mufi man, wenn das Verhaltnis der Geisteswissen-
schaft zur Moral geschildert werden soil, audi noch darauf
aufmerksam machen, wie der Mensch, wenn er wirklicli zur
Betrachtung der geistigen Welt gelangt, sei es durch Geistes-
sdiulung, sei es, dafi er nur mit unbefangenem Sinn das
hinnimmt, was die Geistesforschung ihm darbietet, hintritt
vor eine Welt, die ganz besondere Anforderungen an ihn
stellt, Anforderungen, die ganz gewifi umfassen werden,
was die Seele braucht an Zuversidit, an Hoffnungen, was
sie braucht an Kraft und so weiter. Aber der Mensch kommt
audi an den Punkt, wo er sich selber gegeniibersteht, wo
er in voller Selbsterkenntnis aus seinem Personlichen ge-
wissermafien herausgetreten ist, wo er in eine Welt einge-
treten ist, die nicht mehr nur allein seine personlichen In-
teressen, seine personlichen Intentionen in sich tragt. 2u
jenem Punkte kommt unsere Seele auf dem Wege zur Gei-
stesforschung, wo sie sich, wo sie ihrer Personlichkeit gegen-
ubersteht, wo sie dem Wesen gegenubersteht, das sie bisher
war. Es ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, dafi
dieses Gegenuberstehen dem Wesen, das man bisher war,
in der Geistesforschung bezeichnet wird als die Begegnung
mit dem Hiker der Schwelle, jener Schwelle, welche die
iibersinnliche Welt von der gewohnlichen physischen Welt
trennt. Bei diesem Hiker der Schwelle merkt man erst,
was man ist, was man bisher seine Personlichkeit, seine
Interessen genannt hat, was man gewollt hat, was man
gefuhlt hat als etwas, was mit Sympathie oder And-
pathie verbunden war. Das alles tritt einem wie ein frem-
des Wesen gegeniiber, tritt aus einem heraus. Man schaut
es an wie ein fremdes Wesen und lernt sagen: Das hast du
alles bisher gesprochen. Jetzt hast du es vor dir, und es
zeigt sich dir wie ein anderes Wesen; du bist aufter dir. -
Ebenso ist es mit dem Fiihlen, mit dem Wollen des Men-
schen in dem Augenblicke des Begegnens mit dem Hiker
der Schwelle. Wenn man dies erfahrt, weifi man audi, wie
stark alle die magnetisdi wirkenden Krafte sind, die einen
zu der Personlichkeit hinziehen, die man war, und die man
eigentlich verlassen mufi.
Das ist das bedeutsame, hier friiher erschutternd ge-
nannte Erlebnis, dafi man merkt: Ja, man mufi von sich
loskommen, aber dieses Wesen, das man war, dem man da
gegenubersteht, das will einen nicht loslassen, das zieht einen
mit hundert und aber hundert Kraften an sich. — Und ver-
fallt man diesen Kraften, kann man nicht frei werden von
dem, was man bisher «sich» genannt hat, so kann man
nicht in die geistige Welt eintreten. Indem man sich kennen-
lernt, lernt man das Band kennen zwischen der hoheren
Welt, zwischen den im Menschen immer schlummernden
hoheren Erkenntniskraften, und zwischen dem, was man
in der physischenWelt ist.Theoretisch ausgesprochen, konnte
dieses Von-sich-Loskommen leicht erscheinen. Wird die-
ses Ereignis erlebt, nicht nur erlebt durch Geistesschulung,
sondern durch das erlebt, was der Mensch durch Geistes-
schulung erkennen kann, so zeigt es sich, dafi diese wie
magnetisch wirkenden Krafte nicht durch das Urteil so un-
bedingt zu iiberwinden sind, sondern dafi mit dem Von-
sich-Loskommen audi die Starke der fesselnden Krafte
wachst, so dafi man fiihlt: Alles, was einen zuriickziehen
will, wird starker, je mehr man von sich loskommt. Man
merkt immer mehr und mehr, was einen zu der gewohn-
lichen Personlichkeit hinzieht, und man merkt audi immer
mehr, wie es notwendig ist, dafi man vorher Kraft gewon-
nen hat, urn diesen magnetischen Kraften zu widerstehen.
Das heifit, man mufi dem eigentlichen Eintreten in die gei-
stige Welt tatsachlich vorangehen lassen ein solches Erstar-
ken der Seelenkrafte im Guten, im Moralischen, ein solches
Hinneigen zu dem, was der Geist von uns f ordert, dafi man
mit einer starkeren Kraft, als es in der physischen Welt not-
wendig ist, den Verlockungen der niederen Personlichkeit
widerstehen kann.
So wird man erst gewahr, wenn man vor dem charakte-
risierten erschiitternden Ereignisse stent, wie jedes Sich-
nahern dem Geiste zugleich ein Sichnahern den moralischen
Forderungen ist. So hat man wieder durch die Erfahrung
etwas, was Plato, den grofien griechischen Philosophen,
rechtfertigt, wenn er das Gottliche «das Gute» nennt. Wenn
man den Naturerscheinungen gegeniibersteht, so wird man
iiber sie ein urn so richtigeres Urteil gewinnen, je mehr man
sich ihnen gegeniiber des moralischen Urteils enthalt. Wer
wollte etwa einen Salzkristall oder eine Pflanze, die in ihrer
Entwicklung verkiimmert sind, deshalb moralisch beurtei-
len? In der gewohnlichen physischen Welt laufen die natiir-
Hche und die moralische Weltordnung ineinander, so
dafi man die Tiefe der moralischen Weltordnung erst ver-
spiirt, wenn man gewahr wird, dafi man nur mit morali-
scher Starke wirklich in die geistige Welt eingelassen wird.
Daher gilt es als ein Grundsatz der geistigen Welt, und das
ist wieder eine Erfahrung: Bis zum Hitter der Schwelle kann
jeder kommen; an ihm vorbeikommen kann nur der, wel-
cher durch seine moralische Kraft an ihm vorbeikommt. -
Wer aber nur bis zu ihm kommt und dann zuriickgehen
mufi, der hat dann eine geistige Welt vor sich, die nur das
Spiegelbild seiner eigenen Innenwelt ist. So kann jemand
glauben, dafi er eine ganze geistige Welt vor sich habe,
kann den anderen Menschen audi vormachen, was er als
geistige Welt vor sich zu haben meint. Und die anderen
Menschen konnen es glauben, da£ es eine geistige Welt sei,
die der Wahrheit entspreche. - Wenn er nicht vermocht
hat, durch seine moralische Kraft und durch seine moralische
Seelenverfassung an dem Hiiter der Schwelle vorbeizu-
kommen, dann ist seine geistige Welt nicht von Wahrheit,
nicht von Objektivitat durchdrungen. Daher wird es sich
von selbst ergeben, dajR jede wirkliche Erkenntnis der gei-
stigen Welt eine solche Darstellung der geistigen Verhalt-
nisse geben wird, welche durch die Art der Darstellung in
der Seele zugleich nicht blofi Moral predigt, sondern Moral
begriindet.
Das ergibt sich insbesondere noch, wenn man in Betracht
zieht, was als eine notwendige Erkenntnis der Geistes-
wissenschaft hier von den verschiedensten Gesichtspunkten
aus ofter dargestellt worden ist: das Leben der Menschen-
seele durch wiederholte Erdenleben hindurch. Alles, was
wir in einem Leben sind, bildet ja Ursachen fur die Eigen-
schaften, welche wir in einem nachsten Leben haben. Und
wie wir in einem Leben sind, so sind die Eigenschaften, die
wir in uns tragen, die Wirkungen vorheriger Erdenleben.
Eine Seele, welche keinen Tatsachensinn entwickelt, wird
durch diesen mangelnden Tatsachensinn solche Ursachen
vorbereiten, welche in dem nachsten Erdenleben die An-
lagen fur eine Seele bilden, welche von vornherein Un-
wahrhafligkeit in der Anlage zeigt. Unwahrhaftigkeit, so-
zusagen geiibt durch ein solches Seelenleben, erzeugt An-
lagen der Unwahrhaftigkeit fur ein nachstes Erdenleben.
Wahrhaftigkeit allein, geiibt in einem Seelenleben, erzeugt
fur das nachste Erdenleben schon in der Anlage, in dem
aufierlichen Talent, Wahrhaftigkeit, so dafi man, wenn man
Wahrhaftigkeit als eine notwendige Vorbereitung fur die
geistige Schulung zeigt, zugleich auf etwas hinweist, was
liber den Tod hinaus fiir das nachste Erdenleben die Seele
moralischer gestaltet, als sie vorher war.
Wenn in der Seele statt Starkmut, statt moralischem Mut,
eine gewisse innere Gleichgultigkeit entwickelt wird, eine
gewisse innere Leichtigkeit, ein gewisses Zuriickweichen vor
dem Sichtreusein in der Seele, vor dem Durchbringen des-
jenigen, was man als wahr und richtig erkannt hat, so wird,
weil dies auf die Inspiration wirkt, ein solches Leben der
Seele, in welcher diese Erziehung zum Starkmut aufter acht
gelassen wird, dadurch gleichsam solche Ursachen legen, die
wie inspirierend ins nachste Leben hiniiberwirken und dort
die Seele zum Selbstling, zum Egoisten machen. Egoismus
in einem Leben ist gleichsam inspiriert aus dem vorher-
gehenden Leben dadurch, daft in diesem letzteren nicht in
der Seele moralischer Mut gewaltet hat. Und Gleichgultig-
keit gegenuber aller Aufienwelt, Interesselosigkeit, Unauf-
merksamkeit, selbstsuchtiges verschlossenes Wesen iiben,
wirkt so, daft es, gleichsam wie eine Intuition, dieses gegen-
wartige Wesen hiniiberschickt in die nachste Verkorperung,
in das nachste Erdenleben, und dieses so intuitiert, daft
dieses nachste Leben auch die Friichte davon tragt, das
heifit, daft es dann in seinen Anlagen schon eine Entfrem-
dung mit der Umwelt, ein Nichtzusammenhangen mit der
Umwelt erzeugt.
Was heifit es denn aber, in der menschlichen Seele «der
Umwelt entfremdet sein?» Oh, es heiftt sehr viel. Wer der
Umwelt entfremdet ist, wer nicht angepaftt ist der Umwelt,
auf den wirkt sie so, daft sie ihn fortwahrend krank macht,
und das wirkt dann nicht nur auf die Seele, sondern das
wirkt auch bis in den Leib hinein. Krankhafte, ungesunde
Anlagen werden wie eine Intuition aus einem vorhergehen-
den Erdenleben in ein folgendes Leben dadurch hineinge-
schickt, dafi diese Seele interesselos, unaufmerksam durch
das Leben wandelt. Was in einer Verkorperung mehr see-
lisch ist - mangelndes Interesse, mangelndes Mitgefiihl mit
der Welt um uns herum - das geht in die nachste Inkar-
nation tiefer hinein, bis in das leibliche Wesen hinein und
erscheint als Ungesundheit.
So sehen wir, wenn wir imgeisteswissenschaftlichen Sinne
die moralischen Grundlagen der Mensdienseele betrachten,
dafi wir tatsachlich an das ru'hren, was in dieser Mensdien-
seele tatig ist, was in ihr als Impulse vorhanden ist, indem
die Seele sich von dem einen Leben in das andere hinuber-
lebt und das neue Leben nach dem aufbaut, was sie sich
als Ursachen aus dem vorherigen mitgebracht hat. So wird
Moral zur gestaltenden Kraft von dem einen Leben in das
andere hinuber, und wir predigen dann nicht nur Moral,
sondern wir zeigen, was Moral tut, wie sie als Kraft in
der Mensdienseele wirkt, und dann fallen in der Tat alle
diejenigen Einwande hinweg, die manchmal mit einem
scheinbaren Recht gegen die Geisteswissenschaft gemacht
werden. Es wird oftmals gesagt, wenn die Geisteswissen-
schaft von wiederholten Erdenleben in dem Sinne spreche,
dafi sich durch das Karma in einem folgenden Leben aus-
gleichen wiirde, was ein Mensch an Freud oder Leid er-
f ahren hat, so begriinde dies einen gewissen Egoismus. Aber
wenn man sich nicht um Worte streitet, sondern auf das-
jenige sieht, worauf es ankommt, wenn man nicht blofi von
Moral-Predigen, sondern von Moral-Begriinden sprechen
will, dann mufi gesagt werden: Um immer moralischer und
moralischer zu werden, mufi die Seele immer vollkommener
und vollkommener werden, das heifit, es miissen fiir ihr
Vollkommenerwerden die inneren Impulse aufgezeigt wer-
den. Es mufi also aufgezeigt werden, wie moralische Im-
pulse mit der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit
der Seele zusammenhangen. Wenn es sich also darum han-
delt, das Verhaltnis von Geisteswissenschaft zur Moral dar-
zustellen, dann konnen wir sagen: Diese Geisteswissen-
schaft ist vor den berechtigten Anforderungen der Moral
ganz gewifi gerechtf ertigt, denn in ihre bedeutsamsten For-
derungen mufi sie die moralischen Forderungen zugleich
aufnehmen. Ja, sie rechtf ertigt in einer gewissen Weise jene
Impulse, die bei einem solchen Denker wie zum Beispiel
Plato gewaltet haben, der das Gottlich-Geistige als das
«Gute» bezeichnet hat, indem sie zeigt, wie das Geistige
nur das Gute vertragt, das heifit mit dem Guten innig ver-
wandt sein mul
So darf die Geisteswissenschaft als etwas gel ten, was nicht
in einer aufterlichen Weise, sondern in einer innerlichen
Weise die Prinzipien, welche Moral begriinden, schon in
sich enthalt. Und neben vielem anderen, wovon wir im
nachsten Vortrage noch zu sprechen haben, was die Geistes-
wissenschaft dem Menschen geben soil fur den inneren Halt
seiner Seele, fur die Gesundheit seiner Seele, fur alles, was
er braucht an Kraft zur Arbeit, an Sicherheit, um sich im
aufieren Leben aufrechtzuhalten und durchzudringen zu
dem, was seine Aufgabe ist, zu alledem kann uns die Gei-
steswissenschaft noch etwas hinzugeben, was eine wichtige
Beigabe zur Auffassung des menschlichen Lebens ist, was
die Menschenseele befriedigen soil. Haben wir doch im Be-
ginne dieses Vortrages darauf aufmerksam gemacht, wie
Moral und moralische Beurteilung in jene Tiefen der Men-
schenseele hinweisen, wo die Seele mit heiliger Scheu stille
' steht vor der anderen Seele, weil sie sich der Schwierigkeit
bewufit ist, an das heranzudringen, wo die moralischen Im-
pulse in der Seele liegen. Haben wir also gesehen, dafi der,
welcher von den moralischen Prinzipien im Leben spricht,
an jene unbekannten Tiefen der Menschenseele riihrt, vor
denen wir mit hochster Achtung stehen miissen, so stehen,
dafi wir uns sagen miissen, ein jeder unberechtigte Eingriff
in diese Menschenseele 1st selber ein Unmoralisches -; stellt
uns Moral vor jeden unserer Mitmenschen so hin, dafi wir
unmittelbar ahnen: Wir stehen da mit der moralischen Be-
urteilung vor den Tiefen seiner Seele - so zeigt uns die
Geisteswissenschaft, da£ diese Tiefen der Menschenseele,
wenn sie gestarkt werden, wenn sie gekraftigt und erfestigt
werden, in der Tat in die objektive geistige Welt hinauf-
fiihren, nur allein dann die Seele zum Mitbiirger der geisti-
gen Welten machen.
Dasjenige also, vor dem wir im moralischen Urteile mit
heiliger Scheu stehen, das erweist sich uns zugleich als
das, was allein eigentlich den «Passierschein» hat, um die
Schwelle zu iibertreten, hinter welcher der Geist mit seinen
Geheimnissen waltet. Das aber macht uns aufmerksam auf
das Wesen der Menschenseele, auf die Verwandtschaft der
Menschenseele, wo diese sich in ihren Tiefen ergreift, mit
dem guten Geist. Und das ist etwas, was uns das Leben
in jenem tiefen Sinne verstandlich macht, dafi wir uns denn
doch sagen miissen - auch da, wo wir nicht mit dem morali-
schen Verhalten einer Menschenseele, die uns entgegentritt,
einverstanden sein konnen, ja selbst wo wir ihr Verhalten
hart verurteilen miissen - dafi wir uns sagen diirfen, indem
wir auf das Durchgehen der Menschenseele durch wieder-
holte Leben hinschauen: Ja, selbst in den Tiefen der Men-
schenseele, die wir sogar, berechtigterweise, moralisch ver-
urteilen miissen, lebt etwas, was sie verwandt macht mit
der geistigen Welt, wenn sie nur in ihre Tiefen dringen
will, und sich bewufk werden will der Quellen der Moral
in ihren Tiefen!
So versohnt uns die geisteswissenschaftliche Auffassung
der Moral mit dem, was wir den wahren Wert der Men-
schenseele nennen konnen. Sie legt uns die Worte in den
Mund, die uns gegeniiber vielem, was wir brauchen - an
Krafb der Freude und des Oberflusses, an Kraft des Geistes
und der Seele, an Trost fur viele Leiden des Lebens — , an-
nehmen lassen, daft es in jeder Lage der Menschenseele, audi
wenn sich diese Seele in diesem oder jenem nicht bewuftt
ist, vieles gibt, wo die Seele von sich sagen darf : Wenn es
noch so sehr verborgen ist, etwas ist in mir, was sich zum
Guten bekennt! Und das tragt am meisten bei, wenn die
Seele Kraft braucht, um sich aufrechtzuerhalten, tragt am
meisten bei zur Kraft des Lebens und zur Kraft der Arbeit,
wenn die Menschenseele, trotz vieler Verirrung auf mora-
lischem Gebiete, sich dennoch sagen darf - und sie darf es
sich sagen, wenn sie sich durch Geisteswissenschaft selbst
erkennt -, was Theone in dem Drama «Helena» des grie-
chischen Dichters Euripides sagt:
Ich will das Gute von Natur, und Hebe es,
weil ich mich selber achten mufi!
DAS ERBE DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS
Berlin, 10. April 1913
Der Vortragszyklus dieses Winters suchte von verschie-
denen Seiten her die Geistesstromung zu charakterisieren,
welche der Versuch sein soil, die Menschenseele durch Ver-
tiefung in ihre eigene Wesenheit zu jenen Erkenntnissen zu
f iihren, weldie sie ersehnen mufi in bezug auf die allerwich-
tigsten Daseins- und Lebensratsel. Es wurde versucht, zu
zeigen, wie sich in ganz naturgemafier Weise durch die Be-
trachtung gegenwartiger oder sich fiir die Zukunft anbah-
nender Geistesstromungen die hier gemeinte Geisteswissen-
schaft als das richtige Instrument zeigen wird, um gerade
im Sinne unserer Gegenwart und der nachsten Zukunft die
Menschenseele so in das Gebiet der Geisteserkenntnis hin-
einzufiihren, wie es gemafi den durch die Entwickelung des
menschlichen Geistes gegebenen Gesetzen fiir diese Gegen-
wart und nachste Zukunft angemessen ist. Dabei wurde
gleichsam als ein Unterton dieser Winterbetrachtungen im-
mer versucht, anklingen zu lassen, was an Errungenschaften
und Ergebnissen das Geistesleben und Geistesstreben im
neunzehnten Jahrhundert der Menschheit gebracht hat.
Denn man kann ja wahrhaftig sagen, bei der Art, wie ge-
rade das Geistesstreben und Geistesleben des neunzehnten
Jahrhunderts die Menschheit ergriffen hat, wie es diese
Menschheit zu dem grofien Triumph des materiellen Da-
seins gebracht hat, wiirde es ein aussichtsloses Unternehmen
scheinen mussen, wenn diese Geisteswissendiaft, wie sie hier
gemeint ist, mit Auflehnung oder Abweisung gegeniiber
den berechtigten Anf orderungen der Naturwissenschaft oder
iiberhaupt der geistigen Ergebnisse des neunzehnten Jahr-
hunderts auftreten mufite.
So wird es denn vielleicht als ein angemessener Abschlufi
erscheinen konnen, diesen Vortragszyklus damit zu beendi-
gen, dafi ein BHck auf das geworfen werde, was wir nennen
konnen das geistige Erbe des neunzehnten Jahrhunderts,
um vielleicht durch die Betrachtung dieses geistigen Erbes
des neunzehnten Jahrhunderts darauf hinweisen zu konnen,
wie naturgemafi die hier gemeinte Geisteswissenschafl; ftir
den gegenwartigen Entwicklungszyklus der Menschheit ist.
Was versucht diese Geisteswissenschafl der Seele zu sein?
Sie versucht, der Seele eine Erkenntnis ihres im Geistigen
liegenden Ursprunges zu sein, sie versucht eine Erkenntnis
jener Welten zu sein, jener iibersinnlichen Welten, welchen
die Seele als geistiges Wesen angehort, abgesehen davon, daft
diese Seele innerhalb der physisch-sinnlichen Welt durch die
Werkzeuge und Instruments ihres Korpers lebt. Sie ver-
sucht also, diese Seele als einen Burger der iibersinnlichen
Welten zu erweisen. Sie versucht zu zeigen, dafi die Seele,
wenn sie jene Methoden auf sich anwendet, von denen hier
im Laufe dieses Winters oft gesprochen worden ist, zu einer
solchen Entwickelung kommen kann, durch welche in der
Seele Erkenntniskrafte wachgerufen werden, die im son-
stigen Leben des Menschen kaum wie ein Unterton dieses
Lebens mitschwingen, die aber, wenn sie entfaltet und ent-
wickelt werden, diese Seele wirklich in die Welten hinein-
stellen, denen sie mit ihrem hoheren Sein eigentlich ange-
hort. Dadurch, dafi die Seele diese Krafte in sich entdeckt,
gelangt siedazu, sich als eineWesenheit zu erkennen, gegen-
uber welcher Geburt und Tod oder, sagen wir, Empf angnis
und Tod in demselben Sinne Grenzen darstellen, wie das
blaue Himmelsfirmament f ur die im naturwissenschaftlichen
Geiste erkennende Seele seit der Morgenrote der neueren
Naturwissensdiaft Grenzen darstellt, etwa seit dem Wirken
von Giordano Bruno und derjenigen, die ihm gleichgesinnt
waren. Dadurdi dafi sidi die Seele der in ihr schlummern-
den Krafte bewufit wird, geht in ihr fiir das Zeitlich-Gei-
stige etwas Ahnliclies vor, wie es in ihr vorgegangen ist fiir
die aufiere Erkenntnis des Raumlich-Materiellen in der Zeit
der Morgenrote der neueren Naturwissensdiaft, als zum
Beispiel Giordano Bruno darauf hingewiesen hat, dafi dieses
blaue Himmelsgewolbe, weldies Jahrhunderte und aber
Jahrhunderte fiir eine Wirklichkeit gehalten haben, nichts
weiter ist als eine Grenze, die sich die menschliche Erkennt-
nis durch eine Art Unvermogen selbst setzt und iiber die
sie hinauskommen kann, wenn sie sich selbst versteht.
Wie Giordano Bruno gezeigt hat, dafi sich hinter diesem
blauen Himmelsgewolbe das unendliche Meer des Raumes
auftut mit den unendlichen darin eingebetteten Welten, so
hat die Geisteswissenschaft zu zeigen, dafi jene Grenze, die
durch Geburt und Tod oder durch Empfangnis und Tod
gesetzt ist, nur dadurch besteht, dafi zunachst das mensch-
liche Seelenvermogen sich in der Zeit ebenso begrenzt, wie
es sich einst durch das blaue Himmelsgewolbe im Raume
begrenzt hat, dafi aber dann, wenn sich iiber Geburt und
Tod hinaus die Unendlichkeit auf die Auffassung der gei-
stigenTatsachen ausdehnen lafit, in welche die Seele hinein-
verwoben ist, die Seele sich erkennt als durchgehend durch
wiederholte Erdenleben. So dafi das Leben der Seele auf
der einen Seite in dem Dasein zwischen Geburt und Tod
verfliefit, auf der anderen Seite in der Zeit vom Tode bis
zu einer neuen Geburt.
Wenn wir mit unseremBlick in die zeitlich-geistigen Wei-
ten hinausgehen, wie die Naturwissensdiaft hinausgegangen
ist in raumliche Weiten, dann erkennt sich die Menschen-
seele, indem sie aus dem Leben, das sie zwischen dem Tode
und der letzten Geburt durchgemacht hat, in das Leben
zwischen Geburt und Tod hereintritt, sowohl als mit-
schaffend an der feineren Organisation des eigenen Leibes,
wie sie sich auch erkennt als schaffend an dem Zimmern
des eigenen Schicksals. Im weiteren ist gesagt worden - das
ist vielleicht gerade in diesem Winter weniger beriihrt wor-
den, in friiheren Jahren aber schon, doch es kann in der
geisteswissenschafllichen Literatur nachgelesen werden -,
dafi die Seele, wenn sie sich so selber in ihren tieferen Kraf-
ten erfafit, sich auch zuruckverfolgt bis in jene Zeiten, in
denen mit dem Leben in korperlichen Daseinsformen der
Anfang gemacht worden ist; dafi sie sich zuriickverfolgen
kann bis in jene Zeiten, in denen sie schon da war, bevor
unser Erdplanet seine materielle Form angenommen hat,
bevor die Erde als materielle Form selber hervorgegangen
ist aus einer rein geistigen Urwesenheit, in welcher die Men-
schenseele in ihrer ersten Anlage schon vorhanden war,
selbst vor der Entstehung der uns umgebenden Naturreiche,
des Tier-, Pflanzen- und Mineralreiches. Und wiederum
eroffnet sich der Ausblick auf eine Zukunft, in welche die
Menschenseele einzugehen hat, wenn sich die Erdenverkor-
perungen erfullt haben werden, in welcher sie dann iiber-
gehen wird in eine rein geistige Welt, welche die Erde ab-
losen wird; so dafi man hinblicken kann auf eine Zukunft,
in welche die Menschenseele rein geistig eintreten wird, so
eintreten wird, dafi sie die Friichte der irdischen Lebens-
formen hinzutragen hat zu dem, was sie als ein geistiges
Reich wie in einem Urzustande wieder erreichen wird. Aber
nicht in derselben Form wird sie es erreichen, wie sie davon
ausgegangen ist, sondern mit dem Ergebnis alles dessen,
was in den Erdenverkorperungen erworben werden kann.
Wenn sich die Seele so selbst ergreift, dafi sie sich mit
den in ihr schlummernden Kraften verdichtet, dann erkennt
sie sich audi im Zusammenhange mit Welten, die Ur-
sprungswelten selbst gegeniiber unserm Erdplaneten sind;
sie erkennt sich als ein Burger des gesamten Weltalls. Von
den aufeinanderfolgenden Erdenleben der einzelnen Seele
kann die Geisteswissenschaft den Aufschwung nehmen zu
den aufeinanderfolgenden Leben der Planeten, ja, audi der
Sonnen im Weltenall. Die Methodeist also diejenige, welche
in der Selbsterziehung der Seele zu ihren tiefsten Kraften
besteht. Das Ergebnis ist die Erkenntnis von Ursprung und
Richtung des seelischen Lebens, die Erkenntnis davon, dafi
das erste der Geist ist, dem die Seele angehort, dafi der
Geist es ist, welcher die Materie aus sich hervorgehen lafit
und in ihre Formen bringt, und die wichtigste Form, die
uns im Erdendasein zunachst interessiert, ist die Form des
menschlichen Leibes. Diese Erkenntnis wird sich also in der
nachsten Zukunft in das Bewufttsein der Menschheit einzu-
leben haben, dafi der Geist das erste und oberste ist, dafi
der Geist die Materie aus sich entlalk, wie das Wasser das
Eis aus sich hervorgehen lafit, dafi der Geist es ist, der sich
im Menschenleibe seine aufiere Form gibt, dafi der Geist
zusammenhangt mit den geistigen Wirksamkeiten, Tat-
sachen und Wesenheiten der Welt, und dafi die Menschen-
seele ein Burger dieser Welt der geistigen Tatsachen und
Wesenheiten ist, die alles aufiere materielle Dasein aus sich
entlassen, es in die entsprechenden Formen giefien, die dann
das sichtbare, das mit den Sinnen wahrnehmbare Weltall
um uns herum ausmachen. So mochte ich in kurzen Worten
das charakterisieren, was Methode und was Ergebnis des-
jenigen sein kann, was hier Geisteswissenschaft genannt
wird.
Diese Geisteswissenschaft steht in unserer gegenwartigen
Zeit erst am Anfange. Oft ist es betont worden, dafi es
durchaus begreiflich erscheinen mufi, wenn sich heute noch
Feinde und Gegner dieser Geisteswissenschaft von alien Sei-
ten erheben. Gerade f ur den mufi dies begreiflich erscheinen,
der selber auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht
und sozusagen ihre ganze Eigenart gegenuber dem son-
stigen Kulturleben der Gegenwart kennt. Verwunderlich
ist es nicht, dafi diese Geisteswissenschaft Feinde und Geg-
ner findet, dafi man sie als Phantasterei, als Traumerei,
vielleicht zuweilen als etwas noch Schlimmeres ansieht. Ver-
wunderlich wiirde es vielmehr sein konnen, wenn sich bei
der Eigenart dieser Geisteswissenschaft schon in der Gegen-
wart mehr Stimmen der Anerkennung und des Zuspruches
ergeben wiirden als es der Fall ist. Denn es scheint gar sehr,
als ob nicht nur die Ergebnisse dieser Geisteswissenschaft,
sondern auch die ganze Art des Denkens unddesVorstellens,
wie sie hier gepflogen werden mufiten, alien Denkgewohn-
heiten und alien Vorstellungsarten widersprachen, die sich
gerade durch das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts fur
die Menschheit ergeben haben. Es scheint aber nur so. Und
man darf sagen, am meisten erscheint das denjenigen, welche
glauben, auf dem festen Boden dieses Erbes des neunzehnten
Jahrhunderts so stehen zu miissen, dafi sie nur eine mate-
rialistische Art oder eine materialistisch gefarbte Art der
Weltbetrachtung mit diesem Erbe des neunzehnten Jahr-
hunderts vereinbar halten.
Durchaus nicht im Widerspruche mit dem Erbe des neun-
zehnten Jahrhunderts erscheint dem Geisteswissenschafller
selber das, was er als diese Geisteswissenschaft eben aner-
kennen mufi. Denn man darf auch vom Standpunkte dieser
Geisteswissenschaft aus sagen, hellglanzend wird in einer
gewissen Weise f ur alle kommenden Entwickelungsepochen
der Menschheit dasjenige dastehen, was dieses neunzehnte
Jahrhundert auf den verschiedensten Gebieten der Evolu-
tion so hofFnungsvoll und audi schon so ergebnisreich der
Mensdiheit verliehen hat. Es ist naturlich unmoglich, den
Umkreis der ganzen Welt in bezug auf diese Frage des
Erbes des neunzehnten Jahrhunderts zu erschopfen. Aber
selbst, wenn man zum Beispiel nur bei dem stehen bliebe,
was die Struktur des Geisteslebens Mitteleuropas oder des
Abendlandes zelgt, dann wiirde man sagen miissen: Viel,
viel Licht geht von einem wirklichen Erfassen der Bedeu-
tung desjenigen aus, was sich da darbietet. Aber es ist audi
au£erordentlich viel, mochte man oftmals sagen, schwindel-
erregende Abwechslung und Mannigfaltigkeit in der geisti-
gen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts gewesen,
so dafi der Betrachter von diesem oder jenem mandimal
fasziniert sein konnte, dafi er leicht veranlafit sein konnte,
einseitig zu werden und dieses oder jenes zu iiberschatzen.
Vielleicht wird er von einer solchen Oberschatzung nur da-
durdi geheilt, dafi sich die Erfolge des neunzehnten Jahr-
hunderts und die veranderten Bilder des Kulturablaufes so
ergeben, dajS Bild auf Bild ablauft und eine grofie Mannig-
faltigkeit sich darbietet. Wir konnen natiirlich nur einiges
herausnehmenund wollen da denBlick auf folgendes lenken.
Wie hoffnungsvoll fur das, was der Menschenseele im
Innern aufgehen kann, was sie werden kann, wenn sie sich
ihrer Krafte bewufk wird und bedient, steht gerade an der
Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts der
grofie Philosoph des Abendlandes Jobann Gottlieb Fichte,
der gerade damals seine beriihmte Schrifl «Die Bestimmung
des Menschen» schrieb. Wenn man verfolgt, wie er sich
wahrend der Arbeit an dieser Schrifl zu seinen vertraute-
sten Freunden und zu ihm nahestehenden Personlichkeiten
dariiber ausgesprochen hat, so ist es dies, dafi er in die tief-
sten Geheimnisse des menschlichen Erkenntnisempfindens
und religiosen Empfindens einen Blick habe tun diirfen.
Wenn man dann diese Schrift durchnimmt, so kann man
fasziniert sein von einer Art von Selbstzeugnis, welches in
dieser Schrift die menschliche Seele sucht um ihrer Sicherheit
willen, um ihrer HofTntmg willen. Wie darin Fichte in
einem ersten Kapitel davon ausgeht, dafi das durch die
aufiere Betrachtung der Natur und der physischen Welt
gewonnene Wissen im Grande genommen nur einen aufie-
ren Schein, kaum dasjenige darbietet, was man im ernsten
Sinne einen Traum nennen konnte, wie er dann in den
nachsten Kapiteln zeigen will, wie die Seele sich selbst er-
greift, in ihrem Willen sich selbst ergreifl, wie sie sicher
wird ihres eigenen Daseins, so bekommt man noch mehr
als durch die einzelnen Ausfuhrungen dieser Schrift durch
den ganzen Zusammenhang, in den sie sich hineinstellt, einen
Eindruck, der sich etwa so charakterisieren lafit. Diese
menschliche Seele hat versucht, sich die Frage vorzulegen:
Kann ich selber vor mir bestehen, wenn ich auch kein Ver-
trauen habe zu all dem Wissen, das sich mir durch meine
Sinne, ja auch durch die Betrachtung des aufteren Verstan-
des darbietet? - Im Stile seiner Zeit hat Fichte in grandioser
Weise diese Frage bejahend beantwortet. Das Eindrucks-
volle dieser Schrift ist gerade das, was sie der Seele werden
kann durch die Art der Sprache, durch den inner lich sicheren
Ton, der so sicher ist, trotz des Verzichtes auf aufieres
Schein wissen.
Nun steht allerdings diese Schrift mitten drinnen in einem
Streben gerade des abendlandischen Geisteslebens nach den
Quellen menschlicher Zuversicht und menschlichen Erken-
nens. Es folgte auf die Zeit, in der Fichte zu einer solchen
kraftvollen Art die Menschenseele zu erfassen sich auf-
schwang, sozusagen die Glanzperiode des philosophischen
Strebens. Was noch Fichte selber versucht hat, was Schel-
ling, was Hegel, was Schopenhauer versucht haben, was
auf philosophischem Gebiete im ersten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts versucht worden ist, um mit der Kraft
des menschlichen Denkens in die Geheimnisse der Welt
hineinzudringen, das alles wirkte - man mag sich heute zu
denErgebnissen dieses Geistesaufschwunges stellenwie man
will — durch die ganze Art, wie man in diesem Streben ge-
fiihlt hat, wie man gewollt hat, grandios auf jede fiihlende
und empfindende Menschenseele.
Wenn man auf sich wirken laEt, was Schelling, man
mochte sagen, aus einer durch den Intellekt sicher gewor-
denen, dann aber mehr phantasievollen Auffassung der
Welt zu gewinnen sucht an einem Weltbild, das ihn wirk-
lich iiber alle Materie in die geistige Weltentwickelung zu
tragen vermag, wenn man dann iibergeht zu dem Gedan-
kenstreben Hegels, welches dem Menschen die Kraft zu-
traut, allein durch die Gedankenkraft in das Innere der
Dinge hineinzudringen, so dafi Hegel der Menschenseele
klarmachen wollte, dafi sie in der Gedankenkraft die Quel-
len hat, worin alle Krafte der Welt hineinfliefien und
worin man alles hat, um sich sozusagen im Ewigen zu er-
fassen - dann sieht man hin auf ein kraftvolles Ringen
der Menschheit. Man braucht sich nur an die Hoffnung
und an die Zuversicht zu halten, die an dieses kraftvolle
Ringen geknupft waren.
Und wieder, wenn man den Blick zuruckwendet, dann
fallt einem vielleicht etwas auf, was den tieferen Betrach-
ter dieser ganzen Zeitepoche, von der jetzt fluchtig die Rede
ist, einigermafien iiber ihren Ursprung aufklaren kann. So
fallt fur das Jahr 1784 der betrachtende Blick auf eine
kleine charakteristische Abhandlung von Kant, die den
Titel tragt: «Was ist Aufklarung?» Der fast pedantische
Stil lafit nicht immer erahnen, wie tief die zuweilen recht
verstandesmafiigen Gedanken dieser Abhandlung in dem
ganzen Ringen der Menschenseele in der neueren Zeit wur-
zeln. «Was ist Aufklarung?» Diese Frage stellte sich Kant,
derselbe Kant, der durch das oftmals chaotische aber dodi
kraftvolle Streben des menschlichen Geistes, wie es zum
Beispiel bei Rousseau zutage getreten ist, so ergriffen wurde,
dafi er, als er Rousseau in seinen Schriften kennenlernte -
was mehr ist als eine Anekdote -, keine Ruhe hatte, son-
dern seine ganze Tagesordnung durchkreuzte und zu ganz
unregelma£iger Zeit - Kant, nach dessen Spaziergang man
sich sonst die Uhr stellen konnte - in Konigsberg spazieren
ging! Aber man weiJft, wie Kants Seele durcb die Freiheits-
bewegung des achtzehnten Jahrhunderts aufgeruttelt war.
Dies tritt uns denn, wenn wir diese kleine Scbrift in die
Hand nehmen, in den Satzen, die wir da lesen, man mochte
sagen recht monumental entgegen. Aufklarung, meint
Kant, ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer
selbstverschuldeten Unmiindigkeit. - Erkiihne dich, dich
deiner Vernunft zu bedienen! - Dieser Satz stent in Kants
Schrift vom Jahre 1784. Man wiirdigt eigentlich diesen
Satz; Erkiihne dich, dich deiner Vernunft zu bedienen!, wie
audi den anderen erst recht, wenn man sich klar ist, dafi sich
in ihnen wirklich etwas ausdruckt wie ein in gewisser Be-
ziehung erst Zusichkommen der Menschenseele. Versuchen
wir einmal an einem einfachen Gedanken diese zwei Kan-
tischen Satze aus seinem Aufsatze vom Jahre 1784 in ihrem
rechten Lichte zu sehen.
Cartesius, der ja als Philosoph nicht lange dem Kanti-
schen Wirken vorangegangen ist - wenn man das «nicht
lange» im Sinne der Weltentwickelung betrachtet — , ging
auf einen markanten, bedeutungsvollen Satz zuriick. Er
verwies die Menschenseele auf ihr eigenes Denken und tat
damit noch einmal dasselbe, was in den ersten christlichen
Jahrhunderten schon Augustinus getan hat. Es klang wie
ein Grundton des Seelenlebens von Cartesius der Satz aus:
«Ich denke, also bin ich», und er sagte damit etwas, was
schon Augustmus ahnlich gesagt hat: Man kann an der
ganzen Welt zweifeln, aber. indem man zweifelt, denkt
man, und indem man denkt, ist man, und indem man sich
so im Denken erf afk, hat man in sich selber das Sein erfa£t.
Es kann ein Mensch mit gesundem Sinn, meint Carte-
sius, unmoglich sich als denkende Seele erkennen und an
seinem Sein zweifeln. Ich denke, also bin ich - das war,
trotzdem schon Augustinus in dem Fassen eines solchen
Satzes vorangegangen ist, dennoch f iir das Jahrhundert des
Cartesius und fur das, was dann im achtzehnten Jahrhun-
dert nachwirkte, etwas aufierordentlich Bedeutsames. Aber
wenn man nun Cartesius verfolgt, wie er weiter darauf
ausgeht, eine Weltanschauung zu zimmern, von diesem
Satze als Grundlage eben weiterblickend, dann sieht man,
dafi er uberall aufnimmt, was von den Jahrhunderten her-
ein an Traditionen, an Oberlieferungen da ist. Man sieht,
wie er mit seinem Denken, mit dem, was aus der Menschen-
seele selber aufquellen will, Halt macht vor den aus den
Jahrhunderten zusammengebrachten Oberlief erungen, Halt
macht vor den geistigen Wahrheiten, vor den Fragen nach
dem Schicksal der Menschenseele nach dem Tode und so
weiter. Vor den eigentlichen geistigen Wahrheiten macht
Cartesius Halt.
Wenn man das bedenkt, dann geht einem auf, was es
heifit, dafi mitten aus dem Zeitalter der Aufklarung her-
aus im achtzehnten Jahrhundert die Kantischen Satze er-
klungen haben: Aufklarung ist das Heraustreten der Men-
schenseele aus ihrer selbstverschuldeten Unmiindigkeit, -
und: Erkiihne dich, dich deiner Vernunft zubedienen!-Das
heifit, man hat sich jetzt an die Absicht herangewagt - und
gerade der charakterxsierte Kantische Satz ist dafiir ein Be-
weis der menschlichen Seele die Kraft zuzutrauen, zu den
Quellen ihres Daseins, zu den Quellen Hirer Krafte durdi
ihre eigene Macht, durdi ihre eigene Grofie zu kommen.
Von da ging dann alles aus, was in den kuhnen Satzen
der angefiihrten Fichteschen Sdirifl liegt, von da ging aus
jene kiihne Gedankenarbeit, die so grandios dasteht in der
Philosophic des Abendlandes vom ersten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts. Wenn man dann diesen Auf schwung
des menschlichen Geistes betrachtet, den wir heute nicht in
bezug auf Wahrheit oder Unwahrheit seines Inhaltes be-
trachten wollen, sondern in bezug auf das, was die Men-
schenseele an innerer Zuversicht und HofTnungssicherheit
daraus zu gewinnen hoffte, und wenn man den Blick weiter
in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hereinwendet,
da wird man dann vielleicht recht wehmiitig beriihrt durch
ein Wort eines solchen Mannes wie des Philosophiegeschicht-
schreibers, auch des selbstandigen Philosophen, namentlich
aber des Biographen Hegels, Karl Rosenkranz. So schreibt
er in seiner Vorrede zu dem «Leben Hegels» (1844): «Nicht
ohne Wehmut trenne ich mich von dieser Arbeit, miifite
man doch nicht irgend einmal das Werden auch zum Dasein
kommen lassen! Denn scheint es nicht, als seien wir Heu-
tigen nur dieTotengraber und Denkmalsetzer fiir die Philo-
sophen, welche die zweite Halfte des vorigen (achtzehnten)
Jahrhunderts gebar, um in der ersten des jetzigen zu ster-
ben?» Man fiihlt aus einem solchen Ausspruche vielleicht
mehr als aus sonstigen Schilderungen, wie um die Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts der ganze Glanz des philosophi-
schen Strebens von der Wende des achtzehnten zum neun-
zehnten Jahrhundert und aus dem ersten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts schnell erloschen war.
Aber ein anderer Glanz erhebt sich sofort. Indem in den
dreifiiger, vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
der Glanz des philosophischen Geisteslebens sdinell hin-
sdiwand, stieg auf eine neue Zuversicht, man mochte sagen
eine neue Hoffnungsseligkeit. Vorbereitet war das sdion
durdi die grofien naturwissenschaftlichen Oberblicke" eines
Physiologen wie Johannes Miiller und durdi alles, was
Leute wie Alexander Humboldt und andere getan haben.
Aber dann kamen solche bedeutsamen Errungenschaften
wie die Entdeckung der Zelle und ihrer Wirkung im leben-
digen Organismus durdi Schleiden und Schwann. Damit
war eine neue Epoche des Glanzes naturwissenschaftlicher
Erkenntnis eingeleitet. Und jetzt sehen wir an das, was
da getan worden ist, alles sich anschlie£en, was tatsachlich
in der Evolution des neunzehnten Jahrhunderts unsterblich
glanzen wird. Wir sehen, wie sich anschliefien die grofien
Errungenschaften der Physik: noch in den vierziger Jahren
die Entdeckung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft
und von der Umwandlung der Warme durch Julius Robert
Mayer und durch Helmholtz. Wer die Physik der Gegen-
wart kennt, der weifi, da£ erst durch diese Entdeckung die
Physik in der neueren Auffassung moglich geworden ist.
Wir sehen, wie die Physik von Triumph zu Triumph ge-
fiihrt wird, wie durch die Entdeckung der Spektralanalyse
durch Kirch h off und Bunsen der Blick hinausgelenkt wird
von den materiellen Erdverhaltnissen in die Anschauung
der materiellen Himmelsverhaltnisse, indem erkannt wird,
wie sich die gleichen Stoffe in den ganzen Himmelsverhalt-
nissen ofFenbaren. Wir sehen, wie die Physik dazu gelangt,
ihre theoretischen Grundlagen zu verbinden mit der prak-
tischen Verwertung ihrer Grundsatze, wie es ihr gelingt,
in die Technik einzudringen, und wie sie die Kultur des
Erdplaneten verandert. Wir sehen Naturgebiete wie die
der Elektrizitat und des Magnetismus, indem sie mit der
Technik verbunden werden, als etwas Grofies dastehen. Zu-
kunftsverheifiungen im hochsten Mafie sehen wir sich an-
schliefien an die Betrachtung des Lebendigen, des Organi-
schen, die Darwin und in ihren weiteren Ausgestaltungen
Haeckel gaben.
Das alles sehen wir sich einverleiben dem Geistesleben
der Mensdiheit. Wir sehen, wie sich an Lyell's Forschungen
aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die heutige
Geologie anschliefit, die von dem AblaufedesErdgeschehens
im materiellen Sinne ein Bild zu geben versucht. Wir sehen,
wie auch da immerhin grandiose Versuche gemacht werden,
durch rein materielle Gesetze das Menschenwerden in das
Erdgeschehen einzugliedern, das Biologische mit dem Geo-
logischen zu verbinden. Das alles, was sich dann an die
S telle hinges tellt hat, welche im ersten Drittel des neun-
zehnten Jahrhunderts die Zuversicht zu der Kraft des Ge-
dankens eingenommen hat, das alles hat aber tief einge-
griffen nicht blofi in die theoretischen Weltanschauungen.
Denn wenn bloft das der Fall gewesen ware, so konnte man
sagen: das alles ging zunachst wie auf einer Art oberem
Horizont der Geistesentwickelung vor; aber darunter ist
der Horizont der ubrigen Bevolkerung, die sich damit nicht
befafk. - Nein, es gibt nichts in der Menschheitsentwicke-
lung, wohinein nicht seine Triebe getrieben hat, was jetzt
mit fluchtigen Strichen gezeichnet worden ist. Wir sehen es
sich iiberall hineinerstrecken in die geheimnisvollen Bildun-
gen dieses Geistesganges der Mensdiheit.
Die Menschenseele selber ist in ihrem innersten Wesen
und Sein durchaus nicht unberiihrt geblieben von dem, was
sich da vollzogen hat. Es konnte zusammengestellt werden,
was sich da vollzogen hat, gleichsam charakterisierend das
Erbe, das uns das neunzehnte Jahrhunderthinterlassenhat,
etwa in einer Seele, die noch hatte hinhorchen diirfen auf
das, was aus Fichtes Munde gekommen ist, was zum Bei-
spiel enthalten ist in seiner Schrift «Die Bestimmung des
Menschen». Eine solche Seele wiirde gewisse Empfindungen
und Gefiihle gehabt haben iiber ihr eigenes Wesen, iiber die
Art, wie sie sich selber erleben kann. Diese innere Struktur
in bezug auf das Sich-selber-Erleben im Beginne des neun-
zehnten Jahrhunderts wiirde sich. wesentlich anders dar-
stellen, wenn wir eine Seele betrachten, die, ich will nicht
sagen sidi zu einem materialistischen Bekenntnisse halt, son-
dern die sidi mit ofFenen Sinnen und mit Interesse alledem
hingibt, was als berechtigt aus dem Erbe des neunzehnten
Jahrhunderts fliefit. Diese Mensdienseele ist bis in ihrem
innersten Wesen nicht unberiihrt geblieben von dem, was
sich um sie herum entfaltet an Ausdehnung der GrolSstadt-
zentren, ist nicht unberiihrt geblieben von den Kultur-
errungenschaften, die wie eine Verkorperung des neuen
Geisteslebens dastehen, jenes Geisteslebens, das an der An-
schauung der neuen Gesetze der mechanischen Weltordnung
gewonnen worden ist. Von diesen Anschauungen, die sich
sozusagen geneigt erweisen, das Weltall in seinen Gesetzen
ahnlich anzusehen wie die Gesetze, die audi die Maschinen,
die Lokomotive beherrschen, war eine Seele noch frei, die
sich mit ganzem Herzen einer Schrift hat hingeben konnen
wie Fichtes «Bestimmung des Menschen». Man hat mit
Recht hervorgehoben, dafi diese Mensdienseele ihre Um-
gestaltung erfahren mufite unter dem Eindrucke alles dessen,
was sich ganz notwendig ergeben hat als ein materielles
Kulturergebnis des sich im charakterisierten Sinne umgestal-
tenden Denkens, Fiihlens und Empfindens des neunzehnten
Jahrhunderts.
Man versuche einmal,an einzelnen Symptomen sichklar-
zumachen, was alles eingetreten ist als Folge dessen, was
das naturwissenschaftliche Denken des neunzehnten Jahr-
hunderts geliefert hat. Man denke daran, wie der Maler
in friiheren Zeiten vor der Leinwand gestanden hat, wie
er seine Farben gemischt hat, wie er gewufit hat, dafi sie
halten werden; denn er wufke, was er da hineingemischt
hat. Das neunzehnte Jahrhundert mit seinen gro£en Er-
rungenschaften und den Fortschritten seiner Technik weist
den Maler an, sich seine Farben zu kaufen. Er wei£ nicht
mehr, was sidi seinen Sinnen darbietet, er weifi nicht, wie
lange der Glanz, den er damit auf der Leinwand hervor-
ruft, wie lange der Eindruck halten wird. Ja, es ist ja nur
unter dem EinfluiS der aus den naturwissenschafllichen Er-
rungenschaften hervorgegangenen Technik moglich, was wir
heute als offentliche Publizistik haben, als unser modernes
Zeitungswesen und alles, was dann doch auf die Menschen-
seele Eindruck macht, was vor allem das ganze Tempo der
Menschenseele geandert hat, damit die Gedankenformen,
den ganzen Einflufi auf die Gefuhle und damit auch die
Struktur der Gefuhle. Es braucht nicht nur daran erinnert
werden, mit welcher Schnelligkeit heute durch dieErrungen-
schaften der modernen Technik die Dinge an den Menschen
herantreten, sondern es muS auch darauf hingewiesen wer-
den, wie schnell das, was der menschliche Geist erringt,
durch die Publizistik an die menschlichen Geister heran-
dringt, und welche Fiille an den menschlichen Geist heran-
dringt.
Nun vergleiche man, was heute ein Mensch durch diese
Publizistik von dem erfahrt, was in der Welt vorgeht, auch
von dem, was der menschliche Geist erforscht, mit der Art,
wie er die ganzen Vorgange im Beginne des neunzehnten
Jahrhunderts erfahren konnte. Nehmen wir einen Geist
wie Goethe! Wir konnen ihn ja gerade betrachten, weil wir
aus der sorgfaltigen Art, wie sich sein Briefwechsel er-
halten hat, beinahe wissen, was er von Stunde zu Stunde
getrieben hat, wissen konnen, was er mit diesem oder jenem
Gelehrten gesprochen und getrieben hat. Dadurch fliefien
langsam in seiner, einsamen weimarischen Stube die Er-
rungenschaften des menschlichen Geisteslebens zusammen.
Aber es war doch der Zentralpunkt Goethe notwendig, da-
mit sich das hat vollziehen konnen, was heute jeder durch
die Publizistik haben kann. Aber das verandert die ganze
Menschenseele, die ganze Stellung der Menschenseele zur
Umwelt.
Gehen wir an etwas anderes heran. Wir schreiben heute
Biicher oder lesen Biicher. Wer heute ein Buch schreibt, der
weifi, dafi es nach etwa sechzig Jahren nicht mehr gelesen
werden kann, wenn es auf demjenigen Papier gedruckt ist,
das den grofien Errungenschaften der Technik zu verdanken
ist, denn es wird dann pulverisiert sein. So weifi man, wenn
man sich keiner Illusion hingibt, wie sehr das, was man
fruher getrieben hat, von dem absticht, was heute vorhan-
den ist.
In einem Vortrage dieses Zyklus habe ich einen Geist zu
charakterisieren gesucht, der, wenn er auch mit dem ganzen
Geist der ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts zu-
sammenhangt, doch ein Geist der zweiten Halfte dieses Jahr-
hunderts ist: Herman Grimm. Wir haben gesehen, daft er
sich darstellt wie ein Bewahrer des Erbes der ersten Halfte
des neunzehnten Jahrhunderts in die zweite Halfte hinein.
Aber wer mit innerem Verstandnis Herman Grimms Kunst-
aufsatze liest, wird unter anderem zweierlei bemerken. Bei
ihm klingt iiberall durch, gerade durch die wertvollsten
Auf satze, eine gewisse Schule, die er durchgemacht hat, eine
Schule, die man aus jedem Aufsatze herausklingen horen
kann. Das ist die Schule, die er nur durchmachen konnte,
weil er in verhaltnismafiig fruhen Zeiten, durch das, was
man so Zufall nennt, in die Hand eines grofien Geistes kam,
in die Hand Emersons, eines grofien Predigers und Schrift-
stellers, der nicht im Sinne alterer Zeiten, sondern im
modernsten Sinne ein Prediger und Weltanschauungsschrifl-
steller war. Man versuche, sich von Emerson eine Vor-
stellung zu machen, versuche, sich in ihn zu vertiefen, und
man wird finden: ein Geist des neunzehnten Jahrhunderts
stent in ihm vor uns. Man versuche, den Pulsschlag der Ge-
danken zu empfinden, die selbst dann mit der Farbung und
der Nuance des neunzehnten Jahrhunderts auf treten, wenn
sie sich auf Plato, den Philosophen, oder auf Swedenborg,
den Mystiker, beziehen. Audi wenn sie noch so vorurteils-
frei sind, sind es Gedanken des neunzehnten Jahrhunderts,
die man nur denken kann in einem Jahrhundert, das be-
stimmt war, den Telegraphen zum Mitteilungsapparat der
Welt zu machen. Gerade an Emerson hat man einen Geist,
der, ganz wurzelnd in der Kultur des Abendlandes, diese
Kultur des Abendlandes zu dem erhebt, was sie im eminen-
ten Sinne geworden ist, gerade an ihm hat man einen Geist,
der einem die Beschleunigung des Denkens darstellt. Man
versuche, eine Seite bei Emerson zu vergleichen mit einer
Seite bei Goethe, wo man Goethe auch aufschlagen mag.
Man versuche dann - was man allerdings bei Goethe als
naturlich wird finden miissen -, das Bild des gemachlich
noch mit dem Schritte des achtzehnten und dem Beginne
des neunzehnten Jahrhunderts hingehenden Goethe zu ver-
gleichen mit dem rasch eilenden Wesen des Menschen des
neunzehnten Jahrhunderts, das nachwirkt in dem Gedan-
kenschlage von Herman Grimm. Das ist das eine.
Dann aber haben wir gesehen, wie Herman Grimm in
seinem wunderbarenZeitroman «Unuberwindliche Machte»
sogar auf den Bestand des menschlichen Atherleibes oder
Lebensleibes hingewiesen hat, wie er hinwies auf vieles,
was erst in der Geisteswissenschaft seine Vollendung er-
fahren hat. Man kann aber auch sehen, wie Herman Grimm
in einer durchaus personlich interessanten, hervorragenden
Weise auf alles Kiinstlerisdie eingeht, wie er entferntere
Zeitraurne kiinstlerisch nebeneinander hinzustellen vermag,
wie er eine interessante, feinsinnige Kunstbetrachtung zu
geben vermag. Unmoglich ist es fur den, der auf solche
Dinge hinzuschauen vermag, zu denken, dafi die Gedanken,
welche die schonsten Aufsatze Herman Grimms bilden, in
einem anderen Zei taker batten verfalk werden konnen
als in dem, wo es Herman Grimm moglich war, nicht an-
ders als im Eilzuge von Berlin nach Florenz oder Sudtirol
zu fahren. Denn dieses ist die Voraussetzung, dafi sich man-
dies aus seinem SchafFen hat bilden konnen. Man stelle sich
vor, dafi jemand wie Herman Grimm in friiheren Jahr-
hunderten hatte sagen konnen: Die wichtigsten Partien
meines Homer-Buches habe ich immer in Gries bei Bozen
in den Wochen des Friihlings geschrieben, weil ich da die
Wirkung des Friihlings empfinde! - Dafi sich so etwas in
das Menschenleben eingliedert, ist nur in der ganzen Atmo-
sphare des neunzehnten Jahrhunderts moglich. Da fiihlen
wir zusammenstromen, was wie eine wunderbare Kunst-
betrachtung bei Herman Grimm hervorquillt, was sich er-
weist als hineingehend in die Seele des ganzen Kulturein-
schlages des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem, was aus-
geht von der Technik, und in diese wieder hineinstromend,
von den Triumphen des neunzehnten Jahrhunderts.
Es ist unmoglich, etwas von den tief sten Dingen des neun-
zehnten Jahrhunderts zu verstehen, wenn man sie nicht
zusammenzufassen vermag mit dem, was das wichtigste
Erbe des neunzehnten Jahrhunderts ist: mit den natur-
wissenschaftlichen Gedanken, mit denen das neunzehnte
Jahrhundert die Welt zu erfassen suchte. Wir konnen heute
gar nicht anders als zugeben, dafi in unserer Seele etwas
lebt als eines ihrer wichtigsten Instrumente, was gar nicht
da sein wiirde ohne die Struktur des naturwissenschafl-
lichen Denkens, wie wir es als Erbe des neunzehnten Jahr-
hunderts haben. Das ist die eine Seite, die Seite, die sich uns
in dem darstellt, was diese Menschenseele aus sidi gemacht
hat, nachdem sie das mit sich vorgenommen hat, was Kant
so monumental charakterisiert hat, indem er sagte: Auf-
klarung ist das Heraustreten der Menschenseele aus ihrer
selbstverschuldeten Unmundigkeit, und: Erkiihne dich, dich
deiner Vernunft zu bedienen! - Durch den philosophi-
schen Aufschwung hindurch, hinuber in das Zeitalter der
Naturwissenschaft ging diese Tendenz der Aufklarung, das
heifit, das Sichbedienen der Forschungsmittel der mensch-
lichen Seele, so, wie diese menschliche Seele nun einmal ist.
Wie ist das aber im ganzen gekommen?
Geisteswissenschafllich betrachtet, miissen wir einen gro-
fieren Zusammenhang vor uns hinstellen, wenn wir nun
verstehen wollen, was da eigentlich zum Ausdruck gekom-
men ist, wenn wir die Konfiguration, die Struktur unserer
Seele verstehen wollen, in die wir da auf der einen Seite
hereinspielen sehen den Willen zur Aufklarung, auf der
anderen Seite alles, was die naturwissenschaftliche Kultur
gegeben hat. Da miissen wir mindestens drei aufeinander-
folgende Kulturepochen der menschlichen Entwickelung
nebeneinanderstellen. Auf diese Kulturzyklen wurdein An-
kniipfung an diese Vortrage bereits hingewiesen im Sinne
derjenigen Betrachtung, welche sich einer Erkenntnis des
menschlichen Geisteslebens ergibt, die da zu ergriinden ver-
sucht, wie die menschliche Seele durch die Zeitalter hin-
durch in auf einanderf olgenden Erdenleben wiederkehrt und
aus fruheren Zeitalter n in spatere nicht nur ihre eigene
Schuld hiniibertragt, um sie im Sinne eines gro/Sen Schick-
salsgesetzes zu siihnen, sondern auch das hiniibertragt, was
sie an Kulturerrungenschaf ten innerlich erlebt hat. Im Sinne
dieser geistigen Erkenntnis unterscheiden wir zunachst drei
Zeitalter. Andere Zeitalter gehen diesen dreien voran. Es
ist aber heute nicht die Zeit vorhanden, urn auf sie einzu-
gehen.
Das Zeitalter, das fur uns zunachst Wichtigkeit hat, sei
genannt das agyptisch-chaldaische Zeitalter, das etwa seinen
Abschlufi gefunden hat im achten Jahrhundert der vor-
christlichen Zeitrechnung. Wenn man es charakterisieren
will, so kann man etwa sagen: Die Menschenseele hat
innerhalb dieses Zeitalters so gelebt, dafi sie noch etwas
ahnte von ihrem Zusammenhange mit dem ganzen Univer-
sum, mit dem ganzen Kosmos. Sie fuhlte sich noch in ihrem
Schicksale auf der Erde abhangig von dem Gang der Sterne
und von den Ereignissen des grofienWeltalls. Betrachtungen
iiber die Abhangigkeit des menschlichen Lebens von den
Sternenwelten, von dem groften Weltall, fiillen dieses Zeit-
alter friiherer Jahrtausende aus, eben bis etwa zum achten
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In einer wunder-
baren Weise fuhlte sich die Seele beriihrt, wenn sie sich in die
alt-agyptische oder alt-chaldaische Weisheit vertiefte, wenn
sie sah, wie alles darauf hinging, den Zusammenhang der
Seele mit dem Kosmos iiber das enge Menschendasein hinaus
zu fiihlen. Etwas, was wichtig war, um diesen Zusammen-
hang der Seele mit dem Kosmos zu erfuhlen, war in dieser
Kulturepoche die Erscheinung zum Beispiel des Sirius. Und
wichtig in bezug auf das, was der Mensch fur die Kultur
der Seele tat, was er fur die Seele verwertete oder selbst
vollbrachte, war die Beobachtung der Himmelsgesetze. Der
Mensch fuhlte sich aus dem ganzen Weltall heraus geboren,
fuhlte ebenso seinen Zusammenhang mit dem Aufierirdi-
schen wie mit dem Irdischen; er fuhlte sich gleichsam aus
geistigen Welten herunterversetzt in die Erdenwelt. Dieses
Empfinden war ein letzter Nachklang des uralten Hell-
sehens, von dem die Menschenseele ausgegangen ist, und das
hier ofter erwahnt worden ist. Dieses uralte Hellsehen war
in Urzeiten vorhanden, und der Mensch hat es im Laufe
der Entwickelung verloren, damit er die Welt in der jetzigen
Art betrachten kann. Damals, in der agyptisch-chaldaischen
Zeit, war noch ein Nachklang an das alte Hellsehen vor-
handen. Der Mensch konnte noch den geistigen Zusammen-
hang seelisch-geistiger Gesetze in allem naturlichen Dasein
erf assen und wollte ihn erf assen. Die Menschenseele war da
in einer gewissen Beziehung nicht allein mit sich. Sie war,
indem sie sich auf der Erde fiihlte, verbunden und ver-
wachsen mit den Kraften, die aus dem Weltall in die Erde
hereinspielten.
Dann kam die griechisch-lateinische Zeit, die wir etwa
mit dem, was sie in ihrer Wesenheit ausmacht und in ihren
Nachwirkungen dann rechnen konnen von dem achten vor-
christlichen Jahrhundert bis in das dreizehnte, vierzehnte,
fiinfzehnte nachchristliche Jahrhundert hinein, denn so lange
dauern noch die Nachwirkungen dieser Kulturepoche. Wenn
man dieses Zeitalter, namentlich in seinem ersten Aufgange,
betrachtet, dann findet man als das Eigentumliche, dafi die
Menschenseele sich in einem hoheren Sinne freigemacht hat
von dem Universum, freigemacht hat in ihrem Wissen, in
ihrem Glauben, in der Anerkennung der in ihr wirkenden
Krafte. Da kann man insbesondere sehen, wenn man den
Griechen betrachtet: der gesunde Mensch, wie er sich in der
Seele entfaltete, fiihlte sich aber audi, so wie er auf der
Erde dastand, im Zusammenhange mit seinem natiirlich-
leiblichen Wesen. Das ist es, was die Griechenseele fiihlte
und empfand in dem zweiten der jetzt fur uns in Betracht
kommenden Zeitraume. Es ist heute eigentlich schwer zu
charakterisieren, was damit gemeint ist. Wir versuchten, es
unserem Verstandnisse nahezubringen bei Gelegenheit der
Betrachtungen iiber Raffael und Lionardo da Vinci. Der
Grieche lebte ganz anders in bezug auf das Geistig-Seelische.
Besonders war das zum Beispiel beim griechischen Kunstler
der Fall. Man wird heute gar nicht einmal recht zugeben
wollen, was das Besondere im Fuhlen und Empfinden der
griechischen Seele war. Da£ der Bildhauer, der die mensch-
liche Gestalt im echten Sinne hinstellte, das vor sich haben
konnte, was wir heute das Modell nennen, dafi er die
menschliche Gestalt dem Modell nachformte, ist fur den
Griechen unmoglich zu denken. So war es nicht. Das Ver-
haltnis des heutigen Kiinstlers zu seinem Modell ware in
Griechenland undenkbar gewesen. Denn der Grieche hat
gewufit: In meinem ganzen Leibe lebt mein Geistig-Seeli-
sches. Er empfand, wie die Kraffce dieses Geistig-Seelischen
hineinflossen in die Formung des Armes, in die Bildung der
Muskeln, in die Bildung der ganzen Menschengestalt. - Und
er wuike dann, so wie sie in die Menschengestalt hinein-
flossen, so mufite er sie in seinen Skulpturwerken zum Aus-
druck bringen. Gemafi der inneren Erkenntnis der Leibes-
natur wufite er nachzuschaffen, was er selber im aufieren
Materiellen empfinden konnte. So konnte er sich etwa
sagen: Ich bin schwach, aber ich konnte, wenn ich meinen
Willen entwickelte, diesen Willen in die Bildung der Mus-
keln, in die Bildung des Armes hineinwirken lassen und
dadurch starker werden. - Was er so erlebte, das gofi er in
seine Gestalten hinein. Die Anschauung der aufieren For-
men war fur ihn nicht das Wesentliche, sondern das Fuhlen
des Hineingestelltseins des Menschen in die Erdenkultur in
dem eigenen Leiblich-Seelischen und Nachbildung dessen,
was in dem Aufieren erlebt wurde.
So aber war auch das Erleben der ganzen Personlichkeit
im Griechentum. Sich einen Perikles oder einen anderen
Staatsmann etwa so zu denken wie die modernen Staats-
manner, ist ganz unmoglich. Wir sehen heute einen moder-
nen Staatsmann aus allgemeinen Prinzipien heraus das ver-
treten, was er denkt und will. Wenn Perikles im alten Athen
vor die Leute hintritt und etwas ausfiihrt, so ist es nicht
deshalb, weil er sich sagt: Weil ich es einsehe, muiS es aus-
gefiihrt werden. - Das ist nicht der Fall. Sondern wenn
Perikles vor die Leute hintritt und geltendmacht was er
will, dann ist es sein personlicher Wille. Und wenn es ein-
gehalten wird, so geschieht es, weil der Grieche die Erkennt-
nis hat, welche weifi, daft Perikles das Richtige wollen kann,
weil der als Personlichkeit es empfindet. Da ist der Grieche
eine in sich geschlossene Natur, er lebt sich selber, sich ge-
schlossen denkend. Er kann es, weil er nicht mehr, wie der
Angehorige der agyptisch-chaldaischen Zeit, den Zusam-
menhang fiihlt mit den Gdttern und so weiter. Das ist nur
noch als Nachklang vorhanden. Was er aber unmittelbar
erlebt, das ist, dafi er mit dem Geistig-Seelischen verbunden
fiihlt sein Korperlich-Leibliches. So dafi er auf diese Weise
zwar mit seiner Seele schon mehr allein steht als der Mensch
der agyptisch-chaldaischen Zeit, dafi er aber noch mit der
ganzen iibrigen Natur verbunden ist, weil ihm sein Korper,
sein Leib, dieses Verbundensein gegeben hat. Man mufi das
fiihlen: Die Seele in der griechisch-lateinischen Zeit, schon
mehr frei von dem allgemeinen Universum als in dem vor-
hergehenden Zeitraume, mufi sie aber noch verbunden fiih-
len mit alledem, was in den Naturreichen ringsherum ist.
Denn die Seele fiihlte sich verbunden mit dem, was ein
Extrakt aus diesen Naturreichen ist, dem Korperlich-Leib-
lichen. Dieses Fiihlen ist das, was man als das Charakteri-
stische dieses griechisch-lateinischen Zeitraumes ansehen
mufi, in den dann hineinfiel das Mysterium von Golgatha.
Nun sehen wir heraufkommen - und wir sind mit unse-
rem Denken und Fiihlen mittendrinnen stehend - den drit-
ten Zeitraum, den wir zu betrachten haben. Wie unter-
sdieidet er sich von dem griechisch-lateinischen Zeitraume?
Wieder viel mehr allein ist die Menschenseele, denn der
Grieche fiihlte sidi mit dem, was er im Leibe war, mit der
Natur verbunden. Stellen wir vor den Griechen die Mog-
lidikeit hin, er hatte sich durch ein neuzeitliches Mikroskop
die kleinsten Lebewesen anschauen sollen, er hatte die
Zellentheorie denken sollen. Unmoglich fiir die griechische
Seele! Denn sie wiirde gegeniiber diesen mikroskopischen
Betrachtungen, wenn sie iiber die erste Neugier hinausge-
kommen ware, empfunden haben: Das ist ja ganz unnatur-
lich und unnaturgemafi, da Instrumente zu ersinnen, durch
die man die Dinge anders sieht, als sie sich dem naturlichen
Auge des Leibes darstellen! - So verbunden fiihlte sich der
Grieche mit seiner Natur, dafi es ihm unnatiirlich vorge-
kommen ware, die Dinge anders zu sehen als sie sich dem
Auge darbieten. Und durch das Teleskop die Weltendinge
sichtbar zu machen, ware ihm ebenso unnatiirlich vorge-
kommen. Es gleicht hier die alte griechische Denkweise in
vieler Beziehung dem Empfinden einer Personlichkeit, die
von dieser Denkweise belebt war, und die den schonen Aus-
spruch getan hat: Was sind alle Instrumente der Physik
gegeniiber dem menschlichen Auge, das doch der wunder-
barste Apparat ist! - Das heifit, das griechische Weltbild
war das naturgemafieste, das man gewinnt, wenn man
moglichst wenig die Sinne mit Instrumenten bewaffnet und
so die Dinge anders macht, als man sie erblickt, wenn der
Mensch unmittelbar die Natur wahrnimmt, wie er eben in
die Umwelt hineingestellt ist.
Ganz anders unsere Zeit! In unserer Zeit war es ganz
naturlich, und immer mehr und mehr kam es so durch die
Geistesentwickelung seit dem eben charakterisierten Zeit-
raume, dafi man das, was man als objektives naturwissen-
schaftliches Weltenbild erstrebte, ganz von dem abtrennte,
was in der menschlichen Seele lebt. So nur konnte die An-
schauung entstehen, die Wahrheit iiber die menschlicbe Or-
ganisation erfahre man erst, wenn man das bewaffnete
Auge auf die Dinge richtet, wenn man mit dem Mikroskop
die Lebewesen untersucht und das Fernrohr auf die Him-
melsverhaltnisse anwendet, wenn man ein Instrument an-
wendet, welches der Ungenauigkeit des Auges zu Hilfe
kommt. Wenn man aber diesen ganzen Geist ins Auge f afit,
der sich darin ausspricht, so mufi man sagen, nunmehr zieht
der Mensch das, was in seinem Innern lebt, was mit seinem
Ich zusammenhangt, ganz ab von seinem Weltbilde. Noch
mehr einsam und allein ist das menschliche Ich, das mensch-
liche Selbst, als in der griechischen Zeit. Versuchen wir, das
griechische Weltbild mit unserem Weltbilde zusammenzu-
stellen, wie es uns die Naturwissenschaft gegeben hat, so
miissen wir sagen: Auch in der Praxis hat man angestrebt,
dieses Weltbild unabhangig zu machen von dem, was in
der tiefstinneren Menschenseele vor sich geht, was im Ich
des Menschen lebt und webt und ist. - So waren in der alten
agyptisch-chaldaischen Zeit fiir das Empfinden des Men-
schen Seele und Welt eins. In der griechischen Zeit waren
Menschenseele und Menschenleib eins, aber durch den Men-
schenleib war der Mensch noch verbunden mit seinem Welt-
bilde. Nun hat sich das Geistig-Seelische immer mehr und
mehr gelost, ganz gelost von dem, was es fiir den berech-
tigten Inhalt des Weltenbildes halt. Einsam, in sich ge-
schlossen ist die Menschenseele.
Nun betrachten wir die merkwiirdige Polaritat, die uns
zutage tritt, indem wir von dem agyptisch-chaldaischen
Zeitraume durch den griechisch-lateinischen zu dem unsri-
gen herauf ziehen. Was der Mensch gegeniiber der friiheren
griechischen Epoche in unserer Epoche vor alien Dingen er-
strebt, das ist, ein von seinem Seelischen unabhangiges natur-
wissenschaftliches Weltbild zu gewinnen. Was sidi daneben
als notwendig ergab, das ist, die Mensdienseele loszulosen
von dem, womit sie in friiheren Zeiten verbunden war, die
Seele auf sich selber zu stellen, sie ganz in ihr Bewufitsein
zuriickzudrangen. In der agyptisch-chaldaischen Zeit rich-
tete die Mensdienseele den geistig-seelischen Blick audi nodi
hinaus in die Weltenweiten und liefi sich inspirieren von
den Weltenweiten, liefi in sich hineinfliefien, was es in den
Weltenweiten gab. Selbst in der griechischen Zeit nahm der
Mensch noch das, was sich seinem Weltenbilde ergab und
pragte es in die Kunst ein. In der neueren Zeit steht das
Weltbild fur sich da, abgetrennt von dem seelischen Er-
leben des Menschen. Und dennoch miissen wir sagen: In der
neueren Zeit, als die Mensdienseele sich aus dem objektiven
Weltbilde herausgeworfen hat, wo sie sich nicht mehr see-
lisch in dem findet, was draufien mechanisch-objektiv ver-
fliefit, als sie den Zusammenhang mit dem aufieren Welten-
dasein unterbrochen hat, da will sie in sich doch die Kraft
fur die Erkenntnis, als Weltbild, fur ihr ganzes Sein ge-
winnen. Dem Griechen noch ware es unglaublich gewesen,
wenn jemand ihm gesagt hatte: Erkiihne dich, dich deiner
Vernunft zu bedienen! oder: Aufklarung ist das Heraus-
treten der Mensdienseele aus ihrer selbstverschuldeten Un-
miindigkeit. - Man hat sokratische Worte in Griechenland
sprechen konnen, diese Worte nicht, denn der Grieche wiirde
sie nicht verstanden haben. Er wurde gefiihlt haben: Was
will ich denn durch meine Vernunft? Hochstens ein Bild der
Welt gewinnen. Aber dieses Bild der Welt lebt fortwahrend
in mir, indem die Welt einstromt in meine Krafte und mein
Geistig-Seelisches. Es ware unnatiirlich gegeniiber dem, was
in mich einstromt, mich meiner Vernunft zu bedienen. -
Und der Angehorige der agyptisch-chaldaischen Zeit wiirde
noch merkwiirdiger und noch unnaturlicher die Aufforde-
rung empfunden haben, sich seiner Vernunft zu bedienen.
Auf den Satz: Erkiihne dich, dich deiner Vernunft zu be-
dienen! wiirde er geantwortet haben: Da entgingen mir die
besten Intuitionen und Inspirationen, die mir aus dem
Weltall zufliefien. Warum sollte ich mich nur meiner Ver-
nunft bedienen, die mich in meinem Erleben verarmen
wtirde, wenn ich mich ihrer bediente, gegeniiber dem, was
aus dem Weltall in mich einstromt?
So sehen wir, wie die Menschenseelen, die aus friiheren
Epochen heriiberkommen, jedesmal ein anderes Zeitalter
antreffen. So werden sie - mit dem Ausdrucke Lessings —
erzogen: in der agyptisch-chaldaischen Zeit, in der die Seele
sich mit der Welt eins fuhlt; dann im griechisch-lateinischen
Zeitalter, in dem sich die Seele mit der eigenen Leiblichkeit
eins fuhlt, und jetzt machen die Seelen die Zeit durch, in
welcher sie sich selber in sich finden miissen, weil sie sich
aus ihrem objektiven Weltbilde herausgenommen haben.
Damit finden wir es schon im Einklange, wenn dieses
Zeitalter einen Fichte hervorbringen mufi mit seinem Buche
«Die Bestimmung des Menschen», und wenn er die Frage
aufwirft: Wie, wenn dieses Weltbild vielleicht nur Schein,
Tauschung, nur ein Traum ware? Wie kann dann das Ich,
das sich jetzt verarmt fuhlt - das ist eine Empfindung, die
aus der Zeit heraus kommt - zu innerer Zuversicht kom-
men? Wie kann es sich selber finden?
So sehen wir die Ich-Lehre Fichtes als ein notwendiges
Ergebnis der ganzen Evolution. Wir sehen, wie gerade im
neunzehnten Jahrhundert wegen des naturwissenschaft-
lichen Weltbildes - wie in Fichtes Zeitalter, als noch die
Kraft des Gedankens voll bliihte - das Ich sich durch sich
selber Klarheit verschaffen will. Und die auf Fichte folgen-
den Versuche von Schelling und Hegel konnen wir nur so
charakterisieren, dafi wir in ihnen das Bestreben sehen, von
dem vom Weltbilde emanzipierten Ich durch denGedanken
den Zusammenhang mit der Welt zu gewinnen. Aber wir
sehen, wie das naturwissenschaftliche Weltbild in dem drit-
ten dieser charakterisierten Zeitraume nach und nach so-
zusagen audi aus dem Ich hinwegnimmt, indem es dasselbe
verarmen lalk, aile Nachklange mit den alten Weltbildern.
Solche Dinge werden in unserer Zeit gewohnlich nicht ge-
niigend beobachtet.
Sehen wir zu einem derjenigen Menschen zuriick, die im
eminenten Sinne zu unserem naturwissenschaftlichen Welt-
bilde beigetragen haben, zu Kepler, der so unendliches ge-
leistet hat, was jetzt noch in unserer naturwissenschaftlichen
Anschauung fortwirkt, so finden wir in seiner «Welten-
harmonie» eine merkwurdige Idee. Er erhebt von der Wel-
tenharrnonie den Blick zu der ganzen Erde. Aber diese Erde
ist fiir Kepler ein Riesenorganismus, der lebt, etwa wal-
fischartig. Wenigstens findet er, wenn er unter den lebenden
Wesen einen Organismus sucht, der eine Ahnlichkeit hat
mit dem Erdenorganismus, den Walfisch, und er sagt: Die-
ses Riesentier, auf dem wir herumgehen, das atmet, atmet
nicht so wie der Mensch, sondern in den Zeiten, die durch
den Sonnengang bestimmt werden, und das Steigen und
Fallen des Ozeans ist das Zeichen fiir das Ein- und Aus-
atmen des Erdenorganismus. - Kepler findet die mensch-
liche Anschauung fiir zu begrenzt, als daft sie einsehen
konnte, wie dieser Prozefi vor sich geht.
Man sollte bei Kepler nicht vergessen, wenn man fiir
eine einseitige Weltbetrachtung die Verbindung mit Gior-
dano Bruno hervorhebt. dafi audi Giordano Bruno immer
wieder und wieder darauf hingewiesen hat, dafi die Erde
ein Riesenorganismus ist, der in Ebbe und Flut des Ozeans
sein Ein- und Ausatmen hat. Und gar nicht weit brauchen
wir zurtickzugehen, urn in der neueren Zeit denselben Ge-
danken anzutreffen. Es gibt einen schonen Ausspruch Goethes
gegenuber Eckermann, wo er etwa sagt: Ich stelle mir die
Erde vor als ein Riesentier, das in dem auf- und absteigen-
den Luftgange und in Ebbe und Flut des Meeres seinen
Ein- und Ausatmungsprozefi hat. - Das heiftt, jene An-
schauungsweise, welche sich die Erde so vorstellt, wie es die
heutige Geologie tut, kam erst ganz allmahlich herauf,
und eine andere verlor sich, die wir noch nachklingen fuh-
len bei Goethe, die uns noch ganz lebendig entgegentritt
bei Kepler und Giordano Bruno. Was so Kepler, Giordano
Bruno, was so Goethe dachte und fiihlte, das haben die
Menschen ganz lebendig empfunden in jenen alten Zeiten,
in denen sich die Seele eins fiihlte mit der Welt. Daft aber
dieses Sicheinsfuhlen mit der Welt im Lauf e der Zeiten ver-
glomm, war der naturgemafte Gang der Entwickelung.
Wenn wir das, was so dargestellt ist, im Sinne der Gei-
steswissenschaft charakterisieren wollen, so kommen wir zu
der folgenden Darstellung. Die weitere Begrtindung dafur
findet man in der «Geheimwissenschaft im Umrift».
Wenn wir die Menschenseele betrachten, nicht in der
chaotischen Weise, wie es oft die moderne Wissenschaft tut,
sondern mit dem Blick der Geisteswissenschaft, so gliedert
sie sich in drei Glieder. Da ist zunachst das unterste
Glied der menschlichen Seelennatur, welches, wie man sagen
mochte, noch in vieler Beziehung nur die ganze chaotische
Tiefe der Menschenseele auspragt, wohin die oberen Teile
der Menschennatur nicht voll hineinreichen: die Empfln-
dungsseele. Da quellen die Triebe, AfTekte, Leidenschaften
und was alles an unbestimmten Gefiihlen in der Seele
waltet. Dann haben wir ein hoheres Glied der Menschen-
seele: die Verstandes- oder Gemiitsseele. Das ist die Seele,
die schon mehr bewuftt in sich lebt, die sich in sich erfaftt,
die sich nicht nur erlebt in den Wogen, die sie aus den Tie-
fen heraufschlagend fuhlt in Trieb, Begier und Leidenschaft,
sondern die vor alien Dingen Mitleid und Mitfreude f uhlt,
und das in sich ausbildet, was wir Verstandesbegriffe und
so weiter nennen. Und dann haben wir jenes Seelenglied,
das wir die Bewufitseinsseele nennen konnen, wodurch die
menschliche Seele so recht ihr Selbst in sich erlebt.
Im Verlaufe der Menschheitsentwickelung haben diese
verschiedenen Teile auf einanderfolgend ihre Ausbildung er-
fahren.Gehenwirin die agyptisch-chaldalsche Zeit zuruck, so
war diese vorzugsweise die Erziehung fiir dieEmpfindungs-
seele, welche die Menschen damals durchgemacht haben.
Denn zur Empfindungsseele konnten die Zusammenhange
aus dem grofien Kosmos sprechen, die sich, ohne dafi es der
Mensch mit dem Bewufksein begleitete, in die Menschen-
seelen hereinlebten. Unbewulk errungen ist daher die agyp-
tisch-chaldaische Weisheit. Gehen wir zur griechisch-latei-
nischen Zeit, so haben wir in jener die besondere Entwicke-
lung der Verstandes- oder Gemiitsseele, wo durch Verstand
und Gemut - wir konnen daran sehen, dafi dieses Seelen-
glied zwei Teile hat - die Innerlichkeit sich ausdriickt, die
schon mehr mit Bewufksein durchdrungen ist. Und in un-
serer Zeit haben wir nun - und das ergibt sich unmittelbar
aus dem Geschilderten - jene Kultur der Menschenseele,
wodurch diese Menschenseele in sich selber voll zum Be-
wufitsein kommen soli, das heifit die Bewufitseinsseele aus-
bilden soli. Das ist dasjenige, was im neunzehnten Jahrhun-
dert zur hochsten Hohe, zum hochsten Gipfel gekommen
ist: das objektive Weltbild, welches die Seele mit sich allein
damit sie mit ihrer BewuEtseinsseele ihr Selbst, ihr Ich
erfassen kann. Gerade fiir die Erfassung der innersten We-
senheit des Menschen in ihrer inneren Durchleuchtung war
es notwendig, dafi nicht in der halb unbewufiten Weise
des agyptischen Weltbildes oder in der Art, wie wir es fur
das griechisch-lateinische Weltbild geschildert haben, die
Seele sich zur Welt stellte, sondern dafi sie sich von dem
Weltbilde losrifi, urn das, was am starksten in ihr werden
mulke, das Ich, die Bewulkseinsseele, in sich zu entwickeln.
So ist in den aufeinanderfolgenden Erdenleben fiir den
Menschen nach und nach die giinstige Gelegenheit dagewe-
sen, um in den aufeinanderfolgenden Erdenkulturen die
Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemiitsseele und
die Bewulkseinsseele zu entwickeln.
Aber nun schauen wir es an, dieses Erbe des neunzehnten
Jahrhunderts, diese Bewulkseinsseele: sie hat gerungen -
wir konnen das im Grunde genommen insbesondere im
neunzehnten Jahrhundert verfolgen -, gerungen in der Phi-
losophic eines Fichte, in den nachfolgenden philosophischen
Darstellungen, hat gerungen selbst noch bei den mehr ma-
terialistischen Philosophien, zum Beispiel eines Feuerbach3
der da den Satz ausgesprochen hat: Die Gottes-Vorstellung
ist nur die in den Raum hinausprojizierte Selbstdarstellung
des Menschen.
Der Mensch setzte den Gottes-Gedanken aus sich selber
heraus, weil er Halt brauchte in der einsam gewordenen
Bewulkseinsseele, Und wenn man die radikalsten Philo-
sophen, Feuerbach und andere bis zu Nietzsche hin, verf olgt,
so sieht man iiberall die Menschenseele zu Macht und inne-
rer Sicherheit kommen, nachdem sie sich logerissen hat von
dem objektiv gewordenen Weltbild. Ganz regelmaftig sehen
wir durch diesen Gang sich die Menschenseele entwickeln,
sehen das sich entwickeln, was im neunzehnten Jahrhundert
zu seinem Gipfel gekommen ist: die Emanzipation der Be-
wulkseinsseele und das In-sich-Erfassen der Bewulkseins-
seele durch die eigene Kraft.
Immer bereitet sich nun das, was in einem nachsten Zeit-
alter das Tonangebende werden soil, schon in einer friihe-
ren Zeit vor. Man kann ganz genau nachweisen, wie die
Ausbildung der Verstandes- oder Gemutsseele doch schon
hineinspielt in gewisse Kulturerscheinungen der agyptisch-
chaldaischen Zeit; und man kann in der griechisch-latei-
nischen Zeit sehen, besonders wo sie nachchristlich ist, zum
Beispiel bei Augustinus, wie die Menschheit ringt, um die
Bewufitseinsseele schon vorzubereiten. Daher miissen wir
sagen: unsere Menschenseele begreifl sich nur recht, wenn
sie mitten im Zeitalter der Bewufltseinsseele das vorbereitet,
was nach der Bewulkseinsseele zu entfalten ist. Was mufi
da ausgebildet werden?
Die innere Entwickelung der Menschenseele drangt hin
nach dem, was ausgebildet werden mufi, aber auch das so-
genannte objektive Weltbild selbst. Betrachten wir noch
zum Schlufi mehrere Symptome. Wozu hat es denn das
neunzehnte Jahrhundert mit seiner glanzvollen Kultur ge-
bracht? Da sehen wir einen der glanzvollsten Naturf orscher
des neunzehnten Jahrhunderts, Du Bois-Reymond, mit
seinem objektiven Weltbilde. Retten will er — man lese nur
seine Rede «Uber die Grenzen des Naturerkennens» - fur
die Menschenseele, was er fiir ihre innere Sicherheit braucht,
und er sucht sich zurechtzuflnden mit dem Gedanken der
«Weltenseele», weil ihm diese einsam gewordene und vom
objektiven Weltbild losgerissene Bewufitseinsseele uner-
klarlich ist. Aber das objektive Weltbild steht ihm im Wege.
Wo die Menschenseele mit ihrem Erleben auf tritt, zeigt sie
sich wirksam im Gehirn, in den Nervenstrangen und den
ubrigen Werkzeugen. Nun steht Du Bois-Reymond an der
Grenzscheide der Naturerkenntnis da. Was fordert er,
wenn er eine Weltseele anerkennen soil? Er fordert, dafi
man ihm auch im Weltenall ein derartiges Instrument auf-
zeige, wie es im Menschen vorhanden ist, wenn die Men-
schenseele denkt, ftihlt und will. Er sagt etwa: Man zeige
mir, in die Neuroglia gebettet und mit warmem arteriel-
lem Blute unter richtigem Druck gespeist, dem gesteigerten
Vermogen einer solchen Weltenseele entsprechend, ein Kon-
volut von Ganglienkugeln und Nervenfaden. - Das findet
er nicht. Derselbe Du Bois-Reymond fordert das, der in
derselben Rede im iibrigen ausgesprochen hat: Wenn man
den schlafenden Menschen betrachtet, vom Einschlafen bis
zum Aufwachen, so mag er naturwissenschaftlich erklarbar
sein; wenn man aber den Menschen vom Aufwachen bis
zum Einschlafen betrachtet, was alles an Trieben, Begier-
den und Leidenschaften, an Vorstellungen, Gefuhlen und
Willensimpulsen in ihm auf- und abflutet, so wird er sich
nimmermehr durch die naturwissenschaftliche Denkweise
erklaren lassen.
Recht hat er! Aber verfolgen wir, wozu hier das Erbe
des neunzehnten Jahrhunderts gefiihrt hat. Du Bois-Rey-
mond sagt: Wenn ich den schlafenden Menschenleib natur-
wissenschaftlich betrachte, so kann ich nichts finden, was
mir das Spiel derjenigen Krafte erklarlich macht, die in
den Vorstellungen, Gefiihlen, Willensimpulsen und so wei-
ter wirksam sind. - Denn es ist eben unlogisch, eine Er-
klarung fiir die innere Natur der Seelenerscheinungen in
den leiblichen Vorgangen suchen zu wollen, wie es unsinnig
ware, wenn man aus der inneren Natur der Luft eine Er-
klarung fiir das Organ der Lunge suchen wollte.
Das wird das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts sein,
dafi die Naturwissenschaft zeigen wird: sie kann, gerade
wenn sie ganz streng auf ihrem Boden steht, aus den Vor-
gangen, die ihr zur Verfiigung stehen, nicht das Spiel des
Geistig-Seelischen im Menschen erklaren. Sondern es ist
durchaus zu sagen: Wenn dieser Menschenleib aus dem
Schlafe aufwacht, so ist das Geistig-Seelische etwas, was
er einatmet, wie die Lungen den Sauerstoff oder die Luft
einatmen; und wenn er einschlaft, so istdas Geistig-Seelische
etwas, was er gleichsam ausatmet. Im Schlafzustande ist
das Geistig-Seelische als ein Selbstandiges mit sich allein
aufier dem Menschenleib.
Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts wird sein, dafi
die Naturwissenschaft sich vollig vereinigen wird mit der
Geisteswissenschaft, die da sagt: Der Mensch hat ein Ich
und einen astralischen Leib, mit denen verlafk er im Schlafe
seinen physischen Leib und seinen Atherleib, ist wahrend
des Schlafes mit Ich und astralischem Leib in einer rein
geistigen Welt und uberlaftt physischen Leib und Atherleib
den ihnen eigenen Gesetzen. - So wird die Naturwissenschaft
selber ihr Gebiet abtrennen, und durch das, was sie zu geben
hat, wird sie zeigen, wie die Geisteswissenschafl als Ergan-
zung zu ihr hinzukommen mufL Und wenn die Natur-
wissenschaft selber richtig erkennen wird, was zum Beispiel
zu ihren grofiten Errungenschaften gehort: die naturliche
Entwicklung der Organismen von den unvollkommensten
Zustanden bis zu den vollkommeneren herauf, so wird sie
einsehen, dajft gerade in dieser Entwicklung des Natiirlichen
im Sinne der Darwinschen Theorie etwas liegt, in welchem
die Evolution der Menschenseele nicht drinnen ist, sondern
das erst von dem Geistig-Seelischen ergriften werden mufi,
wenn das blo£ Irdische zum Menschlichen herauf organisiert
werden soil. Gerade die richtig verstandene Naturwissen-
schaft wird ein schones Erbe des neunzehnten Jahrhunderts
sein, indem sie zeigen wird, wie die Geisteswissenschaft not-
wendig wird fiir die Erganzung der Naturwissenschaft.
Dann wird sich als notwendige Folge die voile Harmonie
beider ergeben. Und die menschliche Seele wird sich er-
fassen, indem sie die in ihr schlummernden Krafte wachruft
und sich erkennt. Wie?
In der agyptisch-chaldaischen Zeit stand man noch in
Verbindung mit dem Kosmos. Dieser zeigte dem Menschen
seinen geistigen Hintergrund. In der griechisch-Iateinischen
Zeit war der Mensch noch durch den Leib mittelbar mit
dem Kosmos im Zusammenhange. Er fiihlte noch den Kos-
mos, weil er die Einheit fiihlte zwischen dem Geistig-Seeli-
schen und dem Leiblichen. Nun ist das objektive Weltbild
nur eine Summe von aufieren Vorgangen geworden. Durch
die Geisteswissenschaft aber wird sich die Seele, indem sie
sich in ihren eigenen geistig-tiefen Kraflen findet, in einer
neuen Art in Verbindung erkennen mit dem Universum.
Die Seele wird sagen konnen: Schaue ich hinunter, so fiihle
ich mich verbunden mit allem Lebendigen, mit alien Natur-
reichen, die um mich sind. Aber nun, nachdem ich durch-
gegangen bin durch die Kultur der Empflndungsseele der
agyptisch-chaldaischen Zeit, durch die Kultur der Verstan-
des- oder Gemiitsseele der griechisch-Iateinischen Zeit, und
nachdem ich jetzt aufgenommen habe die Kultur der Be-
wuEtseinsseele, in welcher der BHck des Ichs auf die mate-
rielle Kultur gerichtet war, fiihle ich mich angegliedert an
eine Reihe geistiger Reiche: nach unten an das Tier-, Pflan-
zen- und Mineralreich, wenn ich materiell hinausschaue,
nach oben an geistige Reiche, an die Reiche der geistigen
Hierarchien, zu denen die Seele ebenso nach oben gehort,
wie sie sonst nach unten gewohnt ist, zu den Naturreichen
hinzusehen. Eine Zukunftsperspektive stent ihr vor Augen,
die sich voll anschliefit an die Vergangenheitsperspektiven.
Hinausgearbeitet hat sich der Mensch aus den geistigen Zu-
sammenhangen der Vergangenheit; hineinarbeiten wird er
sich in der Zukunft in die geistigen Reiche. Die Seele wird
sich angelehnt fuhlen an den Zusammenhang mit den Na-
turreichen durch ihre geistig-seelischen Krafle, und sie wird
sich in Zusammenhang fuhlen mit den geistigen Reichen
nach oben durch das Geistselbst. Denn wie unsere Zeit
diarakterisiert ist als die Zeit der Entwicklung der Be-
wufkseinsseele, so bereitet sich in unserer Zeit vor fur die
Zukunft der menschlichen Geistkultur die Entwickelung des
Geistselbstes, das nach und nach heranreifen wird.
Ganz organisch notwendig sehen wir, wenn wir die Ent-
wickelung geisteswissenschaftlich betrachten, wie dieses Erbe
des neunzehnten Jahrhunderts am charakteristischsten eine
Aufgabe zum Ausdruck bringt, die da vorhanden war: die
Aufgabe, die Seele auf sich selbst zuriickzuweisen, hinaus-
zuwerf en aus dem Natiir lichen, um sie zu zwingen, ihre eige-
nen seelisch-geistigen Krafte zu entwickeln. Und das wird
das beste Erbe des neunzehnten Jahrhunderts sein, wenn die
Seele sich schauen wird losgerissen von allem, aber dafiir
sich um so mehr angefeuert fuhlt, ihre eigenen Krafte zu
entfalten. Hat die Zeit der Aufklarung sich der eigenen
Vernunft bedienen wollen, so mufi die kommende Zeit die
noch tieferen Krafte aus dem Schlummer in den seelischen
Untergriinden heraufholen, wodurch dann das Hinaus-
blicken in eine geistige Welt kommen wird, wie das die
Seele in der Zukunft mufi.
So wird einst die Zukunft dem neunzehnten Jahrhundert
dankbar sein, dafi es die Seele in die Moglichkeit versetzt
hat, um aus sich selbst heraus die hoheren Krafte der ob-
jektiven Wissenschaft zu entwickeln. Das ist auch ein Erbe
des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn man die innere Ent-
wickelung der Menschenseele betrachtet, so mufi sie von der
Entfaltung der Empfindungsseele durch diejenige der Ver-
standes- oder Gemutsseele und die der Bewufkseinsseele in
die Entwickelung des Geistselbstes hineingehen. Aber der
Mensch findet das Geistselbst nur, wenn er durch die natur-
wissenschaftliche Betrachtung, die das Erbe des neunzehnten
Jahrhunderts ist, erst losgerissen wird von aller Aufienwelt.
Wenn man so das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts
betrachtet und dann auf die Einzelheiten weiter eingeht,
dann wird man schon sehen: das Beste gerade an den posi-
tiven Resultaten des wissenschaftlichen Erbes des neunzehn-
ten Jahrhunderts ist das Erstarken der Seele, weil sie sich
dann selbst findet in dem, was ihr diese Wissenschaft nicht
geben kann. Die Seele wird einst dastehen und mit Du Bois-
Reymond fiihlen: Ja, mit den Gesetzen der Physiologie
ist der schlafende Menschenleib zu erklaren, nicht aber das,
was von diesem als Geistig-Seelisches eingeatmet wird. Die
Seele wird fiihlen, dafi sie das, was im Schlafe bewufitlos
ist, durch die geisteswissenschaftlichen Methoden zur Be-
wufitheit erheben mu6, um den Ausblick in die geistigen
Welten zu haben. - Und dann wird ein spaterer Du Bois-
Reymond bei der Betrachtung des Menschenleibes nicht
mehr so ratios davorstehen, wenn er ihn naturwissenschaft-
lich erklaren will, denn er wird sich sagen: Da ist ja die
Menschenseele gar nicht drinnen, in der Neuroglia und
in den Ganglienkugeln; also warum sollte ich dann Neu-
roglia und Ganglienkugeln in der Riesen-Weltseele nach-
weisen?
Bel einem ganz hervorragenden Geist des neunzehnten
Jahrhunderts, der nur verwenden wollte, was ihm das neun-
zehnte Jahrhundert fur eine Erkenntnis der Quellen des
Daseins geben konnte, bei Otto Liebmann, der in Jenalange
Philosophic vorgetragen hat, linden wir den Gedanken aus-
gesprochen: Warum sollte man denn durchaus nicht anneh-
men konnen, dafi unsere Planeten, Monde und Fixsterne die
AtomeoderauchdieMolekule eines Riesengehirns seien, das
im Weitenall sich in makrokosmischer Weise ausbreitet? -
Nur meint er, dalS es immer der menschlichen Intelligenz
versagt sein wird, zu diesem Riesengehirn vorzudringen,
und dafi es ihr deshalb auch versagt sein wird, zur Erkennt-
nis einer geistigen Weltenseele uberhaupt vorzudringen. Die
Geisteswissenschaft aber zeigt, dafi Otto Liebmann durch-
aus recht hatte. Denn jener IntelHgenz, von der er spricht,
ist es unmoglich, zu irgendwelcher Befriedigung mensch-
licher Sehnsuchten auf diesem Gebiete zu kommen. Weil
diese IntelHgenz zuerst dadurch grofi geworden ist, dafi sie
sich von dem objektiven Weltbilde emanzipiert bat, deshalb
ist es nicht zu verwundern, sondern selbstverstandlich, dafi
eine Philosophie, die auf dieses objektive Weltbild auf gebaut
ist, von einer Weltenseele nichts find en kann. Wenn der
Naturforscher im Sinne Du Bois-Reymonds in den Gang-
lienkugeln und der Neuroglia des schlafenden Menschen-
leibes nicht die Menschenseele finden kann, warum sollte
man dann in den Riesenganglienkugeln eines Riesengehirns
etwas iiber die Natur der Weltenseele finden konnen? Kein
Wunder, dafi der Physiologe daran verzweifeln mu£!
Aber diese Grundlagen sind das beste Erbe des neun-
zehnten Jahrhunderts. Sie zeigen, dafi die Menschenseele
nun auf sich selbst zuruckgewiesen ist und nicht durch Be-
trachtung, sondern durch Ausbildung ihrer inneren Krafte
den Zusammenhang mit den geistigen Welten suchen und
finden mulL Der Menschengeist wird finden, wenn er jenes
Weltenbild betrachtet, das er als darwinistische Evolutions-
lehre kennt, dafi es in seiner Grofie erst darauf beruht, dafi
er sich selbst herausgenommen hat. Der Mensch ware nicht
zu seiner Entwickelung gekommen, zu der er jetzt gekom-
men ist, wenn er nicht sich selbst aus dem Weltbild heraus-
genommen hatte. Wenn er aber dies versteht, dann wird
er begreifen, dafi er in dieser Evolutionslehre nicht das
finden kann, was er erst selbst herausnehmen mufite. Ver-
steht man die darwinistische Evolutionslehre richtig, wird
man finden, wie es nicht im Widerspruche zu ihr ist, dem
Geistesforscher zu glauben, dafi er, riickblickend hinter die
Sinneserscheinungen, einen Geist schaut, in welchem die
Menschenseele als Geist wurzelt.
So sollte dieser Schlufivortrag zeigen, dafi in Wahrheit
nicht der geringste Widerspruch besteht zwischen dem, was
hier als Geisteswissenschaft gemeint ist, und den wahren,
echten Errungenschaften der Naturwissenschaft, und daft,
wenn man sich richtig in das vertieft, was das naturwissen-
schaftliche Weltbild nach dem geisteswissenschaftlich rich-
tig begriffenen Gang der Menschheitsentwickehmg werden
mu£te, man gerade weifi, wie das gar nicht anders sein
kann, und wie das naturwissenschaftliche Weltbild, weil es
so geworden ist, das schonste Erziehungsmittel der Men-
sdienseele zu dem ist, was sie werden soli: zu einem aus
der Bewufitseinsseele heraus nach dem Geistselbst streben-
den Wesen.
Damit ist aber auch die Geisteswissenschaft als dasjenige
aufgewiesen, was in die Kultur unserer Zeit heute gehort.
Was sich vorbereitet hat in der agyptisch-chaldaischen Zeit
mit der Kultur der Empfindungsseele, was weiter ausge-
bildet worden ist in der griechisch-lateinischen Zeit bei der
Kultur der Verstandes- oder Gemiitsseele, das hat seine
weitere Entfaltung in unserer Zeit gefunden in der Kultur
der Bewulkseinsseele. Aber alles Spatere bereitet sich f riiher
schon vor. So wahr selbst schon bei Sokrates und Aristoteles
eine Kultur der Bewufitseinsseele vorhanden war, die noch
lange in unserer Zeit dauern wird, so wahr mufi schon hier,
innerhalb unseres Zeitalters, die Quelle sein fur eine wahre
Lehre fur das Geistselbst. So erfafit sich die Menschenseele
im Zusammenhange mit jenen Welten, in denen sie, Geist
im Geiste, wurzelt.
Ein Erziehungsmittel neben alledem, was sie sonst ist,
ist die Naturwissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts,
und das beste Erziehungsmittel gerade fur die Geistes-
wissenschaft. Vielleicht geht aus den Wintervortragen her-
vor, dafi aus den geisteswissenschaftlichen Anschauungen,
die hier iiber das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts ver-
treten werden, das sidiere Fundament sich finden wird fur
die Geisteswissensdiaft, die nicht ein Konglomerat und
Chaos von etwas Willkiirlichem werden soil, sondern etwas,
das auf einem ebenso sicheren Fundament stent wie die be-
wundernswiirdige Naturwissenschaft selbst. Wenn man
glaubt, es musse notwendigerweise ein Bruch bestehen zwi-
schen dem, was die Naturwissenschaft ist und geleistet hat,
und dem, was die Geisteswissensdiaft ist, so konnte man
an dieser Geisteswissensdiaft irre werden. Wenn man aber
sieht, wie die Naturwissenschaft ganz so werden mufke,
wie sie geworden ist, damit die Menschenseele in der
neuen Art den Weg zum Geiste findet, wie sie ihn finden
mu£, so wird man sie als das erkennen, was sich in die
Entwickelung notwendig hineinstellen mufi als das, was die
Keime enthalt fur denjenigen Zeitraum, der sich an den
unsrigen ebenso anschliefien wird, wie sich der unsrige an
die vorhergehenden anschliefk. Dann wird das ausgesohnt
sein, was sich scheinbar an Widerspriichen zwischen dem
naturwissenschaftlichen und dem geisteswissenschaftlichen
Weltbilde ergibt.
Selbstverstandlich glaube ich nicht im entferntesten, daf$
ich in der kurzen Zeit des Vortrages — der so lange gedauert
hat - audi nur ein Kleinstes habe erschopfen konnen von
dem, was aus der Geisteswissenschaft heraus zeigt die fort-
wirkende Bedeutung des naturwissenschaftlichen "Weges des
neunzehnten Jahrhunderts mit alien seinen Formen. Aber
vielleicht kann durch die Erweiterung des Ausgefiihrten in
den Seelen der verehrten Zuhdrer, durch Weiterverfolgung
dessen, was heute angeregt werden sollte, besonders durch
Vergleichen der geisteswissenschaftlichen Resultate mit den
richtig verstandenen Resultaten der Naturwissenschaft, ein-
gesehen werden, wie durdi eine geistgemafie Betrachtung
der Evolution der Menschheit die Notwendigkeit des Her-
eintretens der Geisteswissenschaft in den Fortgang der
Menschheitsentwickelung gegeben ist. Von diesem Bewufit-
sein einer innerenEntwicklungsnotwendigkeit wurden diese
Vortrage gestaltet und wurde stets der Grundton genom-
men. Dieser Vortrag besonders sollte das Gefiihl hervor-
rufen, wie es berechtigt ersdieinen mag, dafi die blofie Zu-
versicht, die Geister wie Fichte und ahnliche aus der Be-
wufitseinsseele gewinnen wollten, zwar nicht aus der auf
sich selber gestellten, in ihren Gedanken eingesdilossen
lebenden Bewufitseinsseele heraus gewonnen werden kann,
sondern dann, wenn die Seele einsieht und erkennt, da# sie
nodi etwas ganz anderes in sich findet als ihre blofie In-
telligenz und Vernunjfl: wenn sie die Krafte in sich findet,
die sie zur Imagination, Inspiration und Intuition, das heifk
zum Leben in der geistigen Welt selbst fiihren, und wenn
sie einsieht, dafi aus einer wirklich inneren Gewifiheit her-
aus dariiber audi im ersten Drittel des zwanzigsten Jahr-
hunderts - bei dem richtig verstandenen Erbe des neun-
zehnten Jahrhunderts - wieder gesprochen werden darf .
Wenn Hegel, kuhn bauend auf das, was er in der blofien
BewujStseinsseele glaubte ergrifTen zu haben, einmal bei
seinen Vortragen iiber die Geschichte der Philosophie be-
deutende Worte sprach, so diirfen wir, ubertragend seine
Worte, sie vielleicht hier am Schlusse gebrauchen, um zu
charakterisieren - nicht begrifFHch znsammenfassend, son-
dern wie eine Empfindung ausdriickend, die wie ein Lebens-
elixier sich aus den geisteswissenschaftlichen Betrachtungen
ergibt. Mit einiger Veranderung wollen wir in Worten
Hegels das zum Ausdruck bringen, was die Seele fur die
Sicherheit des Lebens empfinden kann an notwendigen
Quellen und Unterlagen fur das Dasein und fiir alle Le-
bensarbeit, was sie empfinden kann in bezug auf die grofien
Ratselfragen des Daseins, iiber Schicksal und Unsterblich-
keit. Das alles ist so, dafi der Seele mit dem richtigen
Weltenlichte begegnet wird, wenn sie - aber jetzt nicht aus
einem Unbestimmten und Abstraktender Bewufkseinsseele,
sondern aus einer Erkenntnis heraus, dafi in der Seele Er-
kenntniskrafle sdilummern, die sie zum Burger geistiger
Welten machen -, wenn sie sich ganz mit einer Empfindung
durdidringt, so dafi diese Empfindung der unmittelbare,
die Seele sicher und hoffnungsreich machende Ausdruck der
gedachten Geisteswissenschaft wird:
Der mensdiliche Geist darf und soli an seine Grofie und
an seine Madhit glauben; denn er ist Geist vom Geiste. Und
mit diesem Glauben kann sich ihm nichts im Weltenall, im
Universum, so hart und sprode erweisen, dafi es sich ihm
nicht, insofern er seiner bedarf, im Laufe der Zeit ofFen-
baren miiftte. Was anfangs verborgen ist im Universum,
es mufi der suchenden Seele in ihrer sich steigernden Er-
kenntnis immer mehr und mehr ofTenbar werden und sich
ihr ergeben, damit sie es entwickeln kann zur inneren Kraft,
zur inneren Sicherheit, zum inneren Werte des Daseins und
des Lebens!
HINWEISE
Textgrundlagen : Die Vortrage wurden von Walter Vegelahn mitstenogra-
phiert und von ihm in Klartext iibertragen. Diese Ubertragungen liegen dem
Druck zugrunde. Die Nachschriften sind stellenweise unzulanglich, die Origi-
nalstenogramme sind nicht erhalten geblieben.
Fiir die 2. Auflage wurde dieser Band von David Hoffmann neu durchge-
sehen und mit zusatzlichen Hinweisen, einem Namenregister und ausfiihr-
lichen Inhaltsangaben versehen.
DieTitel der Vortrage sind von Rudolf Steiner. Der Titel des Bandes wurde
von den Herausgebern gewahlt.
Einzelausgaben und fruhere Veroffentlichungen :
Friiher erschienen als Reihe «Ergebnisse der Geistesforschung I-XIV» :
Berlin 31. Okt., 7. Nov. 1912 «Wie widerlegt man Geistesforschung? Wie
begrundet man Geistesforschung ?» I/II, Basel 1941
Berlin 14. Nov. 1912 «Die Aufgaben der Geistesforschung fiir Gegenwart
und Zukunft» III, Basel 1941
Berlin 21. Nov. 1912 «Die Wege der iibersinnlichen Erkenntnis» IV, Basel
1942
Berlin 5. Dez. 1912 «Ergebnisse der Geistesforschung fiir Lebensfragen und
das Todesratsel* V, Basel 1942
Berlin, 12. Dez. 1912 «Naturwissenschaft und Geistesforschung* VI, Basel
1942; in «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenratsel*,
Band I, Dornach 1965
Berlin 9. Jan. 1913 «Jakob B6hme» VII, Basel 1941
Berlin, 16. Jan. 1913 «Die Weltanschauung eines Kulturforschers der
Gegenwart (Herman Grimm) und die Geistesforschung* VIII, Basel 1941
Berlin 30. Jan. 1913 «RaphaeIs Mission im Lichte der Wissenschaft vom
Geiste» IX, Basel o.J. (1941)
Berlin 6. Febr. 1913 in «Marchendichtungen im Lichte der Geistesfor-
schung* X (irrtumlich XI), Basel 1942; in «Marchendichtungen im Lichte der
Geistesforschung. Marchendeutungen», Dornach 1960; 1969; 1979
Berlin 13. Febr. 1913 «Lionardos geistige Grofie am Wendepunkt zur neue-
ren Zeit» XI, Berlin 1920; Basel 1941
Berlin 6. Marz 1913 (irrtumlich 16. Marz 1913) «Irrtiimer der Geistesfor-
schung* XII, Basel 1942
Berlin 3. April 1913 «Die Moral im Lichte der Geistesforschung» XIII,
Basel 1942
Berlin 10. April 1913 «Das Erbe des neunzehnten jahrhunderts» XIV, Basel
1942
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch im Namen-
register unter : «Steiner, Rudolf (Werke)» und die Ubersicht am Schlufi des
Bandes.
Zu Seite
20 Lebenskraft, Lebensprincip, «vis vitalis»: die seit Aristoteles bis zur
Mitte des 19. Jahrhunderts durchwegs angenommene spezifische, in-
nere Ursache der Lebensfunktionen, eine unbewulSt wirkende, organi-
sierende und regulierende Kraft. Diese Anschauung wurde Vitalismus
genannt. Der «Neo-Vitalismus» des 18. und 19. Jahrhunderts beriick-
sichtigte z.T. die Ergebnisse der «mechanisch-chemischen Biologie».
Gegner der Lebenskraft wurden im 19. Jahrhundert die Vertreter der
mechanisch-chemischen Naturwissenschaft und der materialistischen
Philosophic wie Jakob Moleschott, Karl Vogt, Wilhelm Wundt, Ernst
Haeckel, Wilhelm Preyer, David Friedrich Straufi, Emil Du Bois-
Reymond und Wilhelm Ostwald, der die Kritik an der Lebenskraft in
dem Satz formulierte : «Der Organismus ist wesentlich ein Complex
chemischer Energien.» («Vorlesungen iiber Naturphilosophie», 2.
Auflage 1903, S. 317, 319).
21 Justus von Liebig 1803-1873, bahnbrechender deutscher Chemiker.
Seine Forschungen mit Wohler waren grundlegend fiir die organische
Chemie.
Friedrich Wohler, 1800-1882, Chemiker und Mediziner, stellte 1828
kunstlich den Harnstoff her.
25 Selbstemeuerung des Organismus: Siehe z.B. Max Verworn, «Die
Mechanik des Geisteslebens», Leipzig 1910, Seite 85.
26 Emil Du Bois-Reymond, «Uber die Grenzen des Naturerkennens»,
Leipzig 1872, und «Die sieben Weltratsel», Leipzig 1882.
Leibniz: Zitat nicht nachgewiesen.
Moritz Benedikt, «Die Seelenkunde des Menschen als reine Erfahrungs-
wissenschaft», Leipzig 1895, S. 35.
29 einen genialen Menschen, wie zum Beispiel Feuerbach: Vermuthch
Anselm Feuerbach (1829-1880), im 19. Jahrhundert ein beriihmter
Maler, Enkel des Juristen Anselm Feuerbach und Neffe des Philoso-
phen Ludwig Feuerbach.
31 Jean Reynaud, «Philosophie religieuse, Terre et ciel», Paris 1854.
Louis Figuier, «Le lendemain de la mort, ou la vie future selon la
science», Paris 1871.
36 Einwand . . . den Friedrich Schlegel gegen die Anschauung von den wie-
derholten Erdenleben gemacht hat: Siehe z.B. Friedrich Schlegel, «Phi-
losophie der Geschichte», in achtzehn Vorlesungen gehalten zu Wien
im Jahre 1828, Erster Band, Wien 1829, S. 150f. (Vierte Vorlesung).
38 Jacob Froschammer, «Die Philosophic des Thomas von Aquino, kri-
tisch gewurdigt», Leipzig 1889, S. 418f.
41 Eduard von Hartmann> «Die Philosophic des Unbewuftten», Berlin
1869.
«Das Unbewufite vom Standpunkt der Deszendenztheorie», Eine kriti-
sche Beleuchtung des naturphilosophischen Teils der Philosophic des
Unbewufiten aus naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, Berlin
1872. Die zweite Auflage, diesmal mit dem Namen Eduard von Hart-
manns als Verfasser, erschien 1877.
42 Oscar Schmidt: In seiner Schrift «Die naturwissenschaftlichen Grund-
lagen der Philosophic des UnbewuSten» (Leipzig 1877) kritisiert
Schmidt Eduard von Hartmann und lobt die Schrift des Anonymus
(siehe vorangehenden Hinweis), sie habe «alle, welche nicht auf das
Unbewufite eingeschworen sind, in ihrer Uberzeugung vollkommen
bestatigt, dafi der Darwinismus im Rechte sei.» (S. 3).
43 wie . . . Goethe . . . seinen Faust sagen lafit: «Faust» II, 5. Akt, Palast, Mit-
ternacht, Vers 11404.
wie Geoffroy de Saint-Hilaire recbt hat, wenn er sagt: Etienne Geoffroy
de Saint-Hilaire, Zitat nicht nachgewiesen.
48 das Wort Johann Gottlieb Fichtes: Wortlich : «Was fur eine Philosophic
man wahle, hangt sonach davon ab, was fiir ein Mensch man ist, denn
ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man able-
gen oder annehmen konnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt
durch die Seele des Menschen, der es hat.» Erste Einleitung in die
«Wissenschaftslehre», 1797.
52ff . Es gab eine Zeit, in welcher man . . . daran glaubte, dafl man laboratori-
umsmafiig . . . lebendige Substanz . . . zusammensetzen konnte: Schon der
italienische Arzt und Naturforscher Francesco Redi (1626- 1697) zeig-
te, dafi in faulender Fliissigkeit Wurmer oder Maden sich nicht «von
selbst» erzeugen, wenn man nur die Insekten abzuhalten wisse, die
sonst ihre Eier in die Fliissigkeit legen. Daraus pragte er den Grund-
satz «Omne vivum ex vivo». (Siehe «Osservazioni di Francesco Redi
accademico della crusca. Intorno agli animali viventi che si trovano
negli animali viventi», Florenz 1684.) Siehe dazu auch die Ausfuhrun-
gen Rudolf Steiners auf S. 155f. in diesem Band.
Spater bekampfte der Chemiker Louis Pasteur (1822- 1895) die Theo-
rie der sog. «Urzeugung» aufgrund seiner Untersuchungen iiber den
Garungsprozefi und die darin wirksamen Hefebakterien. Siehe seine
Schrift «Nouvel exemple de fermentation determined par des anima-
cules infusoires pouvant vivre sans oxygene libre», 1863.
Siehe dazu auch Rudolf Steiner, «Reinkarnation und Karma, vom
Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstel-
lungen», in «Lucifer- Gnosis*, GA Bibl.-Nr. 34, S. 67.
72 Darwin fragt: Siehe «Der Ausdruck der Gemiitsbewegungen bei den
Menschen und den Tieren», in «Gesammelte Werke», iibersetzt von
J.V. Cams, Band 7, Stuttgart 1877, S. 50f. (2. Kapitel: «Allgemeine
Prinzipien des Ausdrucks»).
73 ein Feuilleton: Fritz Mauthner, «Die Theosophen», in «Berliner Tage-
blatt» Nr. 562, 3. Nov. 1912.
75 «Moral predigen ist leicht, Moral begrunden schwer»: Motto zur Preis-
schrift «Uber die Grundlage der Moral» in Arthur Schopenhauer,
Samtliche Werke in zwolf Banden, mit Einleitung von Rudolf Steiner,
Stuttgart und Berlin o.J. (1894), 7. Bd., S. 133.
77 in der ersten Szene meines Mysterien-Dramas «Die Prufung der Seele»,
Szenisches Lebensbild als Nachspiel zur «Pforte der Einweihung»
(1911), in «Vier Mysteriendramen» (1910-13), GA Bibl-Nr. 14, S.
151-162 (Erstes Bild: «Ein Studierzimmer des Capesius»).
79 Diesem ruft Fichte zu: Siehe «Die Anweisung zum seligen Leben»
1806, zweite Vorlesung.
8 1 Aber Fichte sagt: a. a. O.
83 «In deinem Denken leben Weltgedanken»: «Die Prufung der Seele»
(Siehe Hinweis zu S- 77), S. 155 (Erstes Bild: «Ein Studierzimmer
des Capesius»).
84 in dem ersten Vortrag dieses Winters: In diesem Band der erste Vortrag.
86 Kepler, welcher der eigentliche grofte Ausgestalter der kopernikanischen
Weltanschauung ist: In seinen Schriften «Mysterium cosmographi-
cum» (1596) und «Harmonices mundi libri VI» (1619).
88f. Herman Grimm, «Goethe», Vorlesungen, 2 Bde., Berlin 1877, 2. Bd.,
23. Vorlesung.
90 Wir haben von Goethe ein merkwurdiges Wort: Wortlich : «Denn wozu
dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von
Sternen und Milchstrafien, von Kometen und Nebelflecken, von ge-
wordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein gliick-
licher Mensch unbewufit seines Daseins erfreut ?» « Winckelmann und
sein Jahrhundert>, Abschnitt «Antikes».
Pbilosophie ... des weltberiihmten Wundt: Wilhelm Wundt, 1832-
1920, Physiologe, Psychologe und Philosoph. «System der Philoso-
phies Leipzig 1889, 3. Auflage, 2 Bde., 1907.
91 Darwin: Charles Darwin, «On the Origin of Species by Means of
Natural Selection* («Die Entstehung der Arten»), 1859.
92 Lord Acton bei einer ... Universitdtsrede: «Uber das Studium der Ge-
schichte», Eroffnungssitzung in Cambridge am 11. Juni 1895, Berlin
1897, S. 15 : «Ich hoffe jedoch, dafi selbst diese kurze und unerbauliche
Strecke der Geschichte Ihnen in der Erkenntnis behilflich sein wird,
dafi das Werk des Auferstandenen an der erlosten Menschheit nicht
nachlafit, sondern zunimmt, dafi die Weisheit der gottlichen Regie-
rung sich nicht in der Vollkommenheit, vielmehr in der Verbesserung
der Welt zu erkennen gibt, und dafi vollendete Freiheit das ethische
Endergebnis ist, auf das alle Bedingungen fortschreitender Kultur im
Vereine hinzielen.»
93 Naturforscher Wettstein ... Rede uber Biologie: Zitat nicht nachge-
wiesen.
94 «Um zu begreifen, dafi der Himmel u'berall blau ist»: Goethe, «Spriiche
in Prosa», in: Goethe, «Naturwissenschaftliche Schriften», herausge-
geben und kommentiert von Rudolf Steiner in Kurschners «Deutsche
National-Litteratur» (1883-1897), 5 Bande, Nachdruck Dornach
1975, GA Bibl.-Nr. la-e, Bd. V, GA Bibl.-Nr. le, S. 368. Siehe auch
Goethe, «Maximen und Reflexionen».
Moriz Carriere ... sein grofies Werk uber die Kulturentwicklung: «Die
Kunst im Zusammenhange der Kulturentwicklung und die Ideale der
Menschheit», 5 Bde., Leipzig 1863-74.
95 Zeuner: Der Brief und das Manuskript Zeuners sind abgedruckt in
Moriz Carriere, «Religi6se Reden und Betrachtungen fur das deutsche
Volk», Leipzig 1894, S. 152-172 unter dem Titel: «Christus in der
Weltgeschichte. Kerkergedanken eines deutschen Republikaners.
(Carl Zeuner, geboren 1813 zu Butzbach in der Wetterau, gestorben
hochbetagt zu Cincinnati in Amerika.)».
97 Mivart: Saint George Mivart, «Man and apes», London 1873.
97 Wallace: Alfred Russel Wallace, Mitarbeiter und Freund Darwins.
100 Lessing in seiner Abhandlung: «Die Erziehung des Menschenge-
schlechts», (1780), § 91-100.
lOOf. Herman Grimm: Siehe Vortrag VIII in diesem Band, S. 249-285 und
die Hinweise dazu.
101 Jakob Froschammer, «Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozes-
ses», Miinchen 1877.
103f. «2ur Kritik der Zeit» von Walther Rathenau, Berlin 1912, Seite 148-150.
107 Dr. Eliot: Charles William Eliot, «The Religion of the Future», A
Lecture delivered at the Close of the Eleventh Session of the Harvard
Summer School of Theology, July 22, 1909, in : «The Durable Satis-
faction of Life», New York 1910, S. 172. Deutsch: «Die Religion der
Zukunft», autorisierte Ubersetzung von E. Mullenhoff, Giessen 1910,
S. 12f.
110 Galilei ... wollte zeigen, wie die Nerven vom Gebim ausgehen: In
Rudolf Steiners nachgelassener Bibliothek befindet sich folgendes
Werk, das dieses Erlebnis Galileis beschreibt : Laurenz Miillner, «Die
Bedeutung Galileis fur die Philosopie», Inaugurationsrede gehalten am
8. Nov. 1894 in Wien, Selbstverlag der K.K. Universitat Wien 1894, S.
39f.; wortlich: «Als nun der Anatom [Galilei] zeigte, wie der Haupt-
stamm der Nerven, vom Gehirn ausgehend, den Nacken entlangzieht,
sich durch das Riickgrat erstreckt und durch den ganzen Korper ver-
zweigt, und wie nur ein ganz feiner Faden von Zwirnsdicke zum Her-
zen gelangt, wendete er sich an einen Edelmann, der ihm als Peripate-
tiker bekannt war und dessentwillen er mit aufierordentlicher Sorgfalt
alles blofigelegt und gezeigt hatte, mit der Frage, ob er nun zufrieden
sei und sich iiberzeugt habe, dafi die Nerven im Gehirn ihren Ur-
sprung nehmen und nicht im Herzen. Worauf unser Philosoph, nach-
dem er eine Weile in Gedanken dagestanden, erwiderte : Ihr habt mir
alles so klar, so augenfallig gezeigt, dafi man - stiinde nicht der Text
des Aristoteles entgegen, der deutlich besagt, der Nervenursprung lie-
ge im Herzen - sich zu dem Zugestandnis gezwungen sahe, Euch recht
zu geben.»
111 Francesco Redi: Siehe Hinweis zu S. 52ff. und die Ausfiihrungen
Rudolf Steiners auf S. 155f. in diesem Band.
114 Giordano Bruno ... nimmt die Gesetze des Kopernikus auf, richtet den
Blick hinaus in die Raumesweiten : Siehe «Zwiegesprache vom unendli-
chen All und den Welten» («De 1'infinito universo et mondi», 1584)
in: «Giordano Bruno, Gesammelte Werke», herausgegeben, ver-
deutscht und erlautert von Ludwig Kuhlenbeck, 2. Auflage, Jena
1904, Bd. 3. Darin auch das Vorwort des Ubersetzers : «Die wissen-
schaftliche Bedeutung dieser Dialoge Brunos. Brunos Verhaltnis zu
Kopernikus und seinen Vorgangern. Die Unendlichkeitsidee», S. I-
LXXII.
132 Schopenhauer: « Arthur Schopenhauers samtliche Werke in zwolf Ban-
den*, mit einer Einleitung von Rudolf Steiner, Stuttgart und Berlin
o.J. (1894).
Schopenhauer ... Die Welt ist meine Vorstellung» : Wortlich: ««Die
Welt ist meine Vorstellung» - Dies ist eine Wahrheit, welche in Bezie-
hung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt.» Siehe «Die Welt
als Wille und Vorstellung», I, § 1.
147 «War nichtdasAuge sonnenhafi»: Goethe, «Zahme Xenien», III. Im er-
kenntnistheoretischen Zusammenhang fiihrt Goethe diesen Spruch
an in : «2ur Farbenlehre», Didaktischer Teil, Einleitung, in : «Natur-
wissenschaftliche Schriften» (siehe Hinweis zu S. 94), Bd. 3, GA Bibl.-
Nr. lc, S. 88.
147f. kann Gleiches von Gleichem ... erkannt werden: Nach Empedokles,
siehe Diels/Kranz, «Fragmente der Vorsokratiker», Fragment 31 B
109.
148 Schopenhauer . . . daft die Sonne nur dadurch vorhanden ist, daft wir ein
Auge haben: In der Einleitung seiner Abhandlung «Uber das Sehn und
die Farben» fuhrt Schopenhauer aus, «da!5 die Farben, mit welchen
[...] die Gegenstande bekleidet erscheinen, durchaus nur im Auge
sind» und an anderer Stelle : «Wie nun aber doch die Sonne eines Au-
ges bedarf um zu leuchten, die Musik eines Ohres um zu tonen [. . .]»
(«Parerga und Paralipomena», Zweiter Band, Kap. 20, § 240). Siehe
auch Hinweis zu S. 132.
in Feuerbachs Sinne . . . das Gottliche, das wir erst in uns geschaffen haben,
nur hinausprojizieren : Siehe «Das Wesen des Christentums», Leipzig
1841, 1. Kapitel und Anhang, 1. Abschnitt. Und «Das Wesen der Reli-
gion», 1851, 20. Vorlesung.
150f. Franz Brentano ... in seiner Psychologic: «Psychologie vom empiri-
schen Standpunkte» Leipzig 1874, 1. Band, S. 21f. (1. Kap., § 2).
152 Huxley ... «Grundzuge der Physiologie» : Thomas Henry Huxley,
«Grundziige der Physiologie», neu bearbeitet von Dr. I. Rosenthal,
Hamburg und Leipzig 1910, S. 23 (1. Vorlesung).
Die Verse Shakespeares stehen im «Hamlet», Funfter Akt, Erste Szene.
155 Franceso Redi: Siehe Hinweis zu S. 52 ff.
166 Goethe sprach den Satz aus: Im Alter werden wir Mystiker: Wortlich :
«Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophic [. . .]
Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen: er
sieht, dafi so vieles vom Zufall abzuhangen scheint; das Unverminftige
gelingt, das Verniinftige schlagt fehl, Gliick und Ungliick stellen sich
unerwartet ins Gleiche; so ist es, so war es, und das hohe Alter beru-
higt sich in dem, der da ist, der da war und der da sein wird.» Goethe,
«Spriiche in Prosa», (siehe Hinweis zu S. 94), S. 454f. Auch in Goethe,
«Maximen und Reflexionen». Im Zusammenhang mit dem «Faust» er-
innert sich Friedrich Forster an ein Gesprach mit Goethe (vmtl. im
Jahre 1828): «Ich erinnere mich nur, dafi, als ich die Vermutung aus-
sprach, die Schlufiszene werde wohl doch in den Himmel verlegt wer-
den und Mephisto als iiberwunden vor den Horern bekennen, < dafi
ein guter Mensch in seines Herzens Drange sich des rechten Weges
wohl bewufit sei> - Goethe kopfschuttelnd sagte: <Das ware ja Auf-
klarung. Faust endet als Greis, und im Greisenalter werden wir Mysti-
ker >.» «Goethes Gesprache», aufgrund der Ausgabe von Flodoard von
Biedermann herausgegeben von Wolfgang Herwig, Bd. Ill/ 2, Zurich
1972, S. 295 (Gesprach Nr. 6187).
171 in den Vortrdgen tiber Wachen und Schlafen: Siehe die beiden ersten
Vortrage dieses Bandes.
182 das soil spdter beantwortet werden: In den Vortragen im Architekten-
haus in Berlin, Winter 1913/14, die im Band «Geisteswissenschaft als
Lebensgut», GA Bibl.-Nr. 63 zusammengefafit sind, besonders die
Vortrage IV, V, VII, X.
188 als damals Biicher erschienen wie zum Beispiel «Die Wdrme, betrachtet
als eine Art von Bewegung», von John Tyndall, autorisierte deutsche
Ausgabe herausgegeben durch H. Helmholtz und G. Wiedemann,
Braunschweig 1867, 3. vermehrte Auflage nach der 5. Auflage des Ori-
ginals, Braunschweig 1875.
Schuldirektor Heinrich Schramm, Direktor der nieder-osterreichischen
Landes-Oberrealschule in Wiener Neustadt (1868-1874) und k.k.
Bezirks-Schulinspektor, ordentlicher Lehrer der Mathematik. Vgl. die
Beschreibung in Rudolf Steiners Autobiographic «Mein Lebensgang»,
GA Bibl.-Nr. 28, S. 34-37 (2. Kapitel).
«Die Anziehungskraft betrachtet als eine Wirkung der Bewegung»
(Aufsatz) in: «Achter Jahresbericht der Nieder-Osterreichischen
Landes-Oberrealschule in Wiener Neustadt», Wien 1873.
«Die allgemeine Bewegung der Materie als Grundursache aller Natur-
erscheinungen», Wien 1872.
190 Scbleiden und Schwann: Matthias Jakob Schleiden, «Die Pflanze und
ihr Leben», 1848.
Theodor Schwann, «Mikroskopische Untersuchungen iiber die Uber-
einstimmung in der Struktur und dem Wachstum von Tier und Pflan-
ze», Berlin 1839.
grqfie Tat Ernst Haeckels, der die Theorie Darwins auch auf den Men-
schen ausgedehnt hatte: Siehe Ernst Haeckel, «Natiirliche Schopfungs-
geschichte. Gemeinverstandliche wissenschaftliche Vortrage iiber die
Entwickelungslehre», Zwei Teile, Berlin 1868; und «Anthropogenie
oder Entwickelungsgeschichte des Menschen», Zwei Teile, Leipzig
1874.
190f. Carl Gegenbaur, «Grundziige der vergleichenden Anatomie», Leipzig
1859, zweite, umgearbeitete Auflage, Leipzig 1870, S. 18f. (§ 8).
191 Darwin ... in seinen fruheren Jabren: Siehe Hinweis zu S. 91.
192 Helmholtz auf dem Gebiete der Lichterscheinungen : Hermann Ludwig
Ferdinand von Helmholtz, 1821-1894, hervorragender Naturfor-
scher. Er erf and 1850 den Augenspiegel und fafke seine zahlreichen
Forschungen iiber das Auge und das Sehen zusammen in seinem
«Handbuch der physiologischen Optik», Leipzig 1856-66. Seine phy-
siologischen Untersuchungen iiber das Ohr und das Horen stellte er
dar in seinem Werk «Die Lehre von den Tonempfindungen», Braun-
schweig 1862.
195 Psychologie ... des ... Franz Brentano: «Psychologie vom empirischen
Standpunkte», Erster Band, Leipzig 1874.
196 A.P. Sinnett: Alfred Percy Sinnet, «Esoteric Buddhism*, 1883. Deutsch:
«Die Esoterische Lehre oder Geheimbuddhismus», Leipzig 1884.
197f. Blavatsky: Helena Petrowna Blavatsky, «The secret Doctrine. The
Synthesis of Science, Religion and Philosophy*, 3 volumes, London
1888. Deutsch: «Die Geheimlehre. Die Vereinigung von Wissen-
schaft, Religion und Philosophies Aus dem Englischen der 3. Auflage
von Robert Froebe, Leipzig o.J. (1899).
199 nicht etwa anseben diirfen mit dem Auge eines modernen Pbilosophen,
wie zum Beispiel Paul Deufien: Rudolf Steiner wandte sich gegen Paul
Deufien (1845-1919), weil dieser in seiner «Allgemeinen Geschichte
der Philosophie» (7 Bde., 1894-1917) schon die altindische Weisheit
als Philosophic behandelt, wahrend nach Steiner die eigentliche Philo-
sophic erst mit Aristoteles beginnt und alles friihere Denken als Seher-
tum bezeichnet werden mufi. Vgl. dazu die Ausfiihrungen in den Vor-
tragen Berlin, 14. Marz 1908 in GA Bibl.-Nr. 108 und Berlin, 8.
Januar 1914 in GA Bibl.-Nr. 63.
205 Franz Brentano: Siehe Hinweis zu S. 195.
207 Cartesius . . . daft ein Geistdhnliches beim Menschen vom Herzen nacb
dem Kopfe . . . wirkt : Nicht nachgewiesen.
208 der englische Arzt Harvey: William Harvey, «De motu cordis et
sanguinis*, 1628.
Marcello Malpigi, 1628-1694, erganzte durch seine mikroskopischen
Untersuchungen Harveys Entdeckungen des Blutkreislaufes.
Francesco Redi: Siehe Hinweis zu S. 52ff. und die Ausfiihrungen
Rudolf Steiners auf S. 155 f. in diesem Band.
209 Widerstand gegen den Aristotelismus ... Galilei ... Giordano Bruno:
Galilei, der in seiner Denkfreiheit eher seinen eigenen Beobachtungen
und Erkenntnissen als den uberlieferten Lehrmeinungen vertraute,
widerlegte die iiberholren Ansichten des Aristoteles in der Physik,
Astronomie, Anatomie etc., was ihm erbitterte Feindschaft der ortho-
doxen, dogmatischen Philosophen einbrachte (vgl. die Ausfiihrungen
Rudolf Steiners auf S. HOf. in diesem Band). Die kirchliche Inquisi-
tion zwang Galilei 1633 zum Widerruf der ketzerischsten seiner An-
schauungen, der Erkenntnis des heliozentrischen Weltsystems.
Giordano Bruno zog sich durch sein unerschrockenes Eintreten fur
das von ihra fiir richtig Erkannte und durch seine Kritik der aristote-
lischen Naturlehre und Kosmologie den Hafi der Kirche zu. Da er
nicht wie Galilei zum Widerruf seiner Lehre bereit war, wurde er
1600 als Ketzer in Rom verbrannt.
211 Du Bois-Reymond ... Rede uber die «Grenzen des Naturerkennens»,
Leipzig 1872, S. 25f.
212 in einem der ersten Vortrdge dieses Winterhalbjahres : Siehe den ersten
Vortrag in diesem Band.
215 Goethe in seinem scbonen Aufsatze uber «Anschauende Urteilskraft» :
Goethe, Naturwissenschaftliche Schriften (siehe Hinweis zu S. 94),
Bd. 1, GA Bibl.-Nr. la, S. 116.
Kant nannte es ein «gewagtes Abenteuer der Vernunft»: Siehe Immanuel
Kant, «Kritik der Urteilskraft», II. Teil, Kritik der teleologischen
Urteilskraft, Anhang, § 80, Anmerkung.
218 alte griechische Lehre und Ausfuhrung uber die Bewegung: Siehe die
Paradoxa uber die Bewegung von Zenon von Elea (ca. 5. Jh.v.Chr.)
bei Diels/Kranz, «Fragmente der Vorsokratiker» Fragmente 29 A 25
bis 29 A 28.
219 Es mag sich Feindliches eraugnen: Goethe, «Zahme Xenien», III.
222f. Erlebnis . . . das ein treuer Biograph von ihm aus seinem Munde gehort
hat: Siehe die Biographie Bohmes: «Herrn Abraham von Francken-
berg, auf Ludwigsdorf, eines gottseligen Schlesischen von Adel und
vertrauten Freundes des sel. Autoris griindlicher und wahrhafter Be-
richt von dem Leben und Abschied des in Gott selig ruhenden Jakob
Bohme, dieser theosophischen Schriften eigentlichen Autoris und
Schreibers» enthalten in: «Schriften Jakob B6hmes», ausgewahlt und
herausgegeben von Hans Kayser, mit der Biographie Bohmes von
Abraham von Franckenberg und dem kurzen Auszug Friedrich Chri-
stoph Oetingers, Leipzig 1920, S. 20f. (4. Abschnitt).
237f. sagt Jakob Bohme: « Aurora oder Morgenrote im Aufgang», 23. Kapi-
tel, Verse 1-6, in: Samtliche Werke, herausgegeben von K.W.Schi-
bler, 6 Bde., Leipzig 1831-1846, Bd. 2, S. 268.
241 So erscheint fur Jakob Bohme ein vorirdisches Ereignis so: Siehe u. a.
«Mysterium Magnum oder Erklarung iiber das erste Buch Mosis», 3.
Kapitel «Wie aus dem ewigen Guten ein Boses ist worden, welches im
Guten keinen Anfang zum Bosen hat; und von dem Ursprung der fin-
stern Welt oder Holle, in welcher die Teufel wohnen» und 4. Kapitel
«Von den zwei Principien, als von Gottes Liebe und Zorn, von Fin-
sternis und von Licht, dem Leser sehr notig zu betrachten» und 8. Ka-
pitel «Von der Erschaffung der Engel und ihrem Regiment* und 9. Ka-
pitel «Vom Fall Luzifers mit seinen Legionen», in: Samtliche Werke,
a.a.O., Bd. 5, S. 11-21 und 34-44.
242 «Kein Ja ohne Nein»: Siehe «Theosophische Fragen, oder: 177 Fragen
von gottlicher Offenbarung». Die 3. Frage, Antwort, in: Samtliche
Werke, a.a.O., Bd. 6, S. 597.
244 Wem Zeit wie Ewigkeit: Die Verse schrieb Jakob Bohme gewohnlich
in die Stammbiicher guter Freunde. Siehe Abraham von Francken-
berg (siehe Hinweis zu S. 222f.), S. 37 (26. Abschnitt).
245 «Philosopkus teutonicus» : So nannte ihn der Freund Bohmes, der weit-
gereiste Arzt und Sprachenkenner Dr. Balthasar Walther von Grofilo-
gau aus Schlesien. Siehe Abraham von Franckenberg (siehe Hinweis
zu S. 222f.), S. 31 (18. Abschnitt).
246 Gegenschrift gegen Jakob Bohme von Calov: Abraham Calov «Anti-
boehmius», Vitebergae 1684.
von einem Leipziger Gelehrten: Freies Zitat aus Adolf von Harles,
«Jacob Bohme und die Alchymisten. Ein Beitrag zum Verstandnis J.
B6hnies», 2. vermehrte Auflage, Leipzig 1882, S. 113.
247 Louis Claude de Saint-Martin, 1743-1803, lernte noch in seinem 50.
Lebensjahr Deutsch, um die Schriften Bohmes ins Franzosische iiber-
tragen zu konnen.
Matthias Claudius iibersetzte seinerseits ein Werk Saint-Martins aus
dem Franzosischen ins Deutsche: «Irrthumer und Wahrheit, oder
Ruckweifi fur die Menschen auf das allgemeine Principium aller Er-
kenntnifi», von einem unbekannten Philosophen. Aus dem Franzosi-
schen iibersetzt von Matthias Claudius, Breslau 1782.
254 der Sohn Wilhelm Grimms und der Neffe Jakob Grimms: Wilhelm
Grimm, 1786-1859, und sein Bruder Jakob Grimm, 1785-1863, gel-
ten als die Begriinder der deutschen Philologie und Altertumswissen-
schaft. Sie waren unermiidliche Sammler des deutschen Sprachschat-
zes und Herausgeber, bzw. Verfasser des «Deutschen W6rterbuches»
(1854-1954), der «Deutschen Grammatik», der «Deutschen Sagen»,
der «Deutschen Mythologie», der «Deutschen Rechtsaltertumer», der
«Deutschen Weistiimer», der beriihmten «Kinder- und Hausmarchen»
etc.
255 «Gdttinger Sieben»: 1837 hatten sieben Gottinger Professoren gegen
die Aufhebung der Verfassung durch Konig Ernst August protestiert,
worauf sie entlassen wurden: Wilhelm Eduard Albrecht, Friedrich
Christoph Dahlmann, Georg Heinrich August Ewald, Georg Gott-
fried Gervinus, Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Wilhelm Eduard
Weber.
256 Goethe- Vorlesungen: Herman Grimm, «Goethe», Vorlesungen an der
Universitat Berlin, 1874 und 1875 gehalten, 2 Bande, Berlin 1876.
260 «Homer»: Herman Grimm, «Homers Ilias», 2 Bde., Berlin 1890/95.
263 der wichtigste Impuls, den er in der Menscbheitsentwicklung anerkennt:
Siehe Hermann Grimm, «Fragmente», 2. Band, Berlin und Stuttgart
1902, S. 175.
264 «Leben Jesu» von Ernest Kenan: Ernest Renan, 1823-1892, trat aus
dem katholischen Priesterseminar aus und verfafite nach einer Palasti-
nareise sein beriihmtes Werk «La vie de Jesus», Paris 1863
265 Raffaels «Vermdhlung der Maria mit dem Josef», 1504, Mailand, Pina-
kothek Breva.
266 «Fragmenten Sammlung»: Herman Grimm, «Fragmente», 2 Bde., Ber-
lin und Stuttgart 1900/02.
267 Raffael-Werk, Michelangelo- Werk : Herman Grimm, «Das Leben Ra-
phaels», Berlin 1872. «Leben Michelangelos», 2 Bde., Berlin 1860/63.
269 ^Raphael ist ein Burger der Weltgeschkhte» : Siehe «Raphael als Welt-
macht», in: «Fragmente», Bd. 2, Berlin und Stuttgart 1902, S. 153.
270 «Wiirde Michaelangelo ...»: a.a. O. S. 171.
274 Novellensammlung: Herman Grimm, «Novellen», 1862; dritte, ver-
mehrte Auflage, Berlin 1897.
276 Roman «Untiberwindliche Machte», 1867; dritte Auflage, 2 Bde., Berlin
1902.
279ff. «Dies ist Emmys Traum aber»: a.a. O., 2. Bd. S. 399-401.
284 ein scbdnes Wort . . . das er selber einem Freunde ins Grab nacbgerufen
hat: Siehe «Heinrich von Treitschkes Politik», in: «Fragmente», 2.
Bd., Berlin und Stuttgart 1902, S. 269.
286 Herman Grimm . . . Raffael: Herman Grimm, «Das Leben Raphaels*,
die erste Auflage von 1872 wurde 1886 und 1896 vollig umgearbeitet.
Die in diesem Vortrag angefiihrten Zitate sind nach der 4. Auflage,
Stuttgart und Berlin 1903 wiedergegeben.
287 Goethe tat einmal den bedeutsamen Ausspruch : In «WiIhelm Meisters
Wanderjahre», I, 10.
288 Ein Wort, das Lessing . . , gebraucht hat . . . «Die Erziehung des Menschen-
geschlechts» : Titel seines 1780 erschienenen philosophischen Werks.
289 die Bildwerke . . . den Zuhorern vorzufiihren: Dies verwirklichte Rudolf
Steiner in seinen 13 Lichtbildervortragen inDornach, 8.-29. Oktober
1916. Siehe «Kunstgeschichte als Abbild innerer geistiger Impulse*, GA
Bibl.-Nr. 292 (Textband und Bildband mit iiber 700 Abbildungen).
292 Augustinus in seinen «Confessiones» : Aurelius Augustinus, 354-430,
verfafite seine «Bekenntnisse» um 400.
296 «Grablegung», 1507, Rom, Galerie Borghese.
«Camera della Segnatura», Rom, Vatikan, Stanzen.
«Verkldrung Christi», auch «Transfiguration» genannt, 1519-1520,
Rom, Vatikan, Pinakothek.
297 der die Stadt als Krieger betritt: Es handelt sich um Astorre Bagliones
(t 1500) Einzug in Perugia 1495. Siehe Francesco Matarazzo, «Crona-
che della citta di Perugia», edite da Ariodante Fabretti, 2. Bd., Turin
1888, S. 113, 115, 118, 121. Siehe auch Jacob Burckhardt, «Die Kultur
der Renaissance in Italien. Ein Versuch», neunte, durchgearbeitete
Auflage von Ludwig Geiger, 2 Bde., Leipzig 1904, Bd. 1, S. 31: «Da-
mals war Raffael als zwolfjahriger Knabe in der Lehre bei Pietro Peru-
gino. Vielleicht sind Eindriicke dieser Tage verewigt in den friihen
kleinen Bildchen des hi. Georg und des hi. Michael.»
297 «St. Georg», 1504-05, Leningrad, Eremitage. Ein zweites St. Georg-
Bild von Raffael befindet sich im Louvre in Paris.
298 Girolamo Savonarola, 1452-1498, Dominikaner, Prior des Klosters
San Marco in Florenz, radikaler Bufi- und Sittenprediger, von pohti-
schen und religiosen Gegnern (u. a. dem Borgia-Papst Alexander VI.)
bekampft und schliefilich nach Folterung als Ketzer, Schismatiker
und Verachter des Heihgen Stuhles gehangt und verbrannt.
299 ein Maler ... der ... selber das Monchskleid anzog: Fra Bartolomeo,
1475-1517, zog sich nach der Hinrichtung Savonarolas 1500 in das
Kloster San Marco zuriick.
303 Karl August . . . iiber die Sixtinische Madonna: Herzog Karl August an
seinen Freund Karl Ludwig von Knebel am 14. Oktober 1783. Siehe
Herman Grimm, «Fragmente», 2. Bd., Berlin und Stuttgart 1902, S.
167f.
306 Franz von Assisi durch Giotto : Siehe den Freskenzyklus von 28 Bildern
zur Franziskus-Legende in der Oberkirche San Francesco in Assisi
(urn 1295) von Giotto di Bondone.
307 «Madonna delta Sedia», um 1514/16, Florenz, Palazzo Pitti.
Mutter mit einem Kinde, von dem Herman Grimm gesagt hat: Wortlich
«eine Mutter mit ihrem Kinde ist immer das Vornehmste, das die
Welt bietet. Die armste Mutter konnte daskzen wie die Madonna
delia Sedia», «Das Leben Raphaels», a.a.O. S. 162.
309 Ausdruck Goethes ... «abgelebtes Leben»: In seinem Gedicht «Warum
gabst du uns die tiefen Blicke . . .» verwendet Goethe den Ausdruck
«abgelebte Zeiten», wo er von seinen und Frau von Steins friiheren
Erdenleben spricht:
«Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.»
312 daft das Leben und die Natur keine Sprunge mache: «Natura non facit
saltus», zuerst bei Fournier, «Varietes historiques et litteraires», 1613,
LX, 247, dann bei Leibniz, «Nouveaux essais sur l'entendement
humain», 1756, Vorwort und IV, Kap. 16 und Linne, «Philosophia
botanica», 1751, Nr. 77.
314 «Schule von Athen», 1509-10, Rom, Vatikan, Stanza della Segnatura.
«Parnaj?», 1510-11, Rom, Vatikan, Stanza della Segnatura.
315 «Disputa», 1509-11, Rom, Vatikan, Stanza della Segnatura.
317 geht Herman Grimm der Gedanke auf: «Das Leben Raphaels*, a. a. O.,
S. 4.
318 Herman Grimm erzdhlt: a.a.O., S. 333 f.
in seinem Homer-Buche: In dieser Form nicht nachgewiesen, siehe aber
«Homers Ilias», Berlin 1895, S. 381 ff.
320 in Sdtzen Herman Grimms: «Das Leben Raphaels*, a. a.O., S. 1.
wenn er am Schlusse seines Raphael-Werkes: «Das Leben Raphaels*,
a.a.O., S. 334.
323 Goethe ... in seinem Mdrchen: Goethes «Marchen» erschien 1795 in
Schillers Zeitschrift «Die Horen». Siehe Rudolf Steiner, «Goethes Gei-
stesart in ihrer Offenbarung durch seinen Faust und durch das Mar-
chen von der Schlange und der Lilie» (1918), GA Bibl.-Nr. 22.; und
«Goethes geheime Offenbarung in seinem Marchen <Von der griinen
Schlange und der schonen Lilie»>, Ein Aufsatz 1918, elf Vortrage
1904/05, 1908/09, Sonderausgabe, Dornach 1982.
Schiller ... in seinen «Briefen uher die dsthetische Erziehung des Men-
schen», Tubingen 1795.
333 Bruder Grimm: Siehe Hinweis zu S. 254.
338 in der «V6lkerpsychologie» : Wilhelm Wundt, «Vdlkerpsychologie.
Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus
und Sitte», 10 Bde., Leipzig 1900ff.
339 ein hei primitiven Volkern sich findendes Mdrchen: Nicht nachge-
wiesen.
343 melanesisches Mdrchen: Nicht nachgewiesen.
346 Da ist ein Mensch, der zieht die Landstrafle entlang: Das Marchen
«Hundert auf einen Streich» in: «Ungarische Volksmarchen», nach
der aus Georg Gaals Nachlafi herausgegebenen Urschrift iibersetzt
von G. Stier, Pesth 1857, S. 106-113.
351 ein Mann, der selber ein defer Freund der Mdrchendarstellung war:
Nicht nachgewiesen.
353 Lionardo: alte Schreibweise fur Leonardo.
Goethes Abhandlung: «Uber Lenoard da Vincis Abendmahl», Bericht
iiber Joseph Bossis Buch (1810), in: «Kunst und Altertum», I, 3, 1817.
Einer ist unter euch, der mich verrdt: Matth. 26,21; Mark. 14, 18; Luk.
22, 21-22; Joh. 13, 21.
357 Selbstbildnis des Leonardo: In Turin, Konigliches Museum.
Augen des Geistes: Siehe z.B. J. W. Goethe, «Erster Entwurf einer all-
gemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von
der Osteologie», VII, B, in : «Naturwissenschaftliche Schriften» (siehe
Hinweis zu S. 94), Bd. 1, GA Bibl.-Nr. la, S. 262.
360 «Heiliger Hieronymus» : Rom, Vatikan.
«Anhetung der Kdnige»: Florenz, Uffizien.
375 «]ohannes»: Paris, Louvre.
«Mona Lisa» : Paris, Louvre.
383 Ein sehr bedeutender Naturforscher : Moritz Benedikt, 1835-1920, Me-
diziner, siehe «Aus meinem Leben», Wien 1906, S. 121 f.
384 in den hisherigen Vortrdgen: Siehe v. a. Vortrag IV in diesem Band.
402 Maurice Maeterlinck, «Vom Tode», deutsch von Fr. von Oppeln-
Bronikowski, Jena 1913.
412 «Denn nie gab es einen Glauben ...»: a. a. O. S. 86f. (VIII. Kap. «Die
Reinkarnation», 3.).
413 Schopenhauer . . . mit den Worten charakterisiert : In der Vorrede zur er-
sten Aufiage von «Die Welt als Wille und Vorstellung», August 1818.
Wortlich : «das Schicksal [. . .], welches [. . .] allezeit der Wahrhek zu-
teil ward, der nur ein kurzes Siegesfest beschieden ist, zwischen den
beiden langen Zeitraumen wo sie als paradox verdammt und als trivial
geringgeschatzt wird.» Arthur Schopenhauers samtliche Werke, mit
Einleitung von Dr. Rudolf Steiner, Stuttgart und Berlin o.J. (1894),
Bd. 2, S. 13.
416 Als Plato ... das Gottliche ... definieren wollte: Siehe «Politeia» («Der
Staat»), 379 a-d.
Schopenhauer ... sagte einmal in seinen Schriften: In «Skizze einer Ge-
schichte der Lehre vom Idealen und Realen», in : «Parerga und Parali-
pomena», I. Arthur Schopenhauers samtliche Werke, mit Einleitung
von Dr. Rudolf Steiner, Stuttgart und Berlin o.J. (1894), Bd. 8, S. 26.
418 Schopenhauer: Siehe Hinweis zu S. 75.
419 bedeutende Persdnlichkeit: Es handelt sich um Lord Byron (1778-
1824), von dem Herman Grimm in seinem Essay «Lord Byron und
Leigh Hunt» berichtet. Siehe Herman Grimm, «Funfzehn Essays»,
Erste Folge, Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage, Giitersloh
1884, S. 319-336, das von Rudolf Steiner angefiihrte Ereignis S. 330-
332.
423 im Verlauf dieser Wintervortrdge: Siehe v. a. Vortrag IV in diesem
Band.
433 Schopenhauer . . . Mitleid: Siehe «Preisschrift iiber die Grundlage der
Moral*, in: Arthur Schopenhauers samtliche Werke, mit Einleitung
von Dr. Rudolf Steiner, Stuttgart und Berlin o.J. (1894), Bd. 7, S. 234.
434 «Dieser Mensch ist tugendhaft»: a.a.O., S. 260.
444 Euripides: «Helena», IV. Akt, 1. Szene (freie Wiedergabe von vier
Versen einer Rede der Theone).
447 Giordano Bruno darauf hingewiesen hat: In seinem Werk «De L'infini-
to universo et mondi» (1584) («Vom unendlichen All und den Wel-
ten») kritisiert Bruno die von Aristoteles herriihrende Vorstellung
von acht endhchen Spharen des Kosmos und postuliert die Unend-
lichkeit des Weltalls.
451 Johann Gottlieb Fichte «Die Bestimmung des Menschen» 1800; Johann
Gottlieb Fichtes Samtliche Werke, herausgegeben von I. H. Fichte, 2.
Band, Berlin 1845, S. 245.
454 Kant ... zu ganz unregelmdfiiger Zeit ... in Konigsberg spazieren ging:
Siehe Karl Vorlander, «Immanuel Kants Leben», Supplement-Band
zu: Immanuel Kant, «Samtliche Werke», Leipzig 1911 (= Philosophi-
sche Bibliothek Bd. 126), S. 68 : «Rousseaus Werke kannte er samtlich,
sein Bild allein [. . .] schmiickte die sonst kahlen Wande seines Studier-
zimmers, und als der Emile 1762 erschien, geschah das Ungewohnte,
da£ seine Lektiire unseren Philosophen mehrere Tage hintereinander
von seinem regelmafiigen Spaziergang zuriickhielt.»
Kants Schrifi vom Jahre 1784: «Was ist Aufklarung?»; Wortlich: «Auf-
klarung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten
Unmiindigkeit. [. . .] Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu be-
dienen !»
454f. Cartesius . . . «Ich denke, also bin ich»: Descartes formulierte diesen Satz
im «Discours de la methode» (1637) I, 7 u. 10 und (nicht wortlich) in
«Meditationes de prima philosophia» (1641), 2. Meditation.
454 Augustinus: Siehe z.B. «Soliloquia», II, 1 und «De trinitate», X, 10, 14.
456 Karl Rosenkranz, «Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben», Berlin
1844, Seite XII.
461 f. Emerson : Zwei der von Ralph Waldo Emerson in England gehaltenen
Vorlesungen uber «Reprasentanten der Menschheit» (1847/48) er-
schienen deutsch in der Ubersetzung von Herman Grimm unter dem
Titel «Ralph Waldo Emerson uber Goethe und Shakespeare», Hanno-
ver 1857. Siehe auch Herman Grimm, «Funfzehn Essays», Erste Fol-
ge, Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage Giitersloh 1884, S. 426-
448 (Essay XV, «Ralph Waldo Emerson»).
462 Herman Grimm ... «Unuberwindliche Mdchte»: Siehe Hinweis zu S.
276.
463 Die wichtigsten Partien meines Homer-Buches : Herman Grimm, «Ho-
mers Ilias», 2. Bd., Berlin 1895, S. 399 (Schlufikapitel «Abschied»).
469 Was sind alle Instrumente der Physik: Wortlich: «Mikroskope und
Fernrohre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn». Goethe,
«Spriiche in Prosa» (siehe Hinweis zu S. 94), S. 351. Auch in Goethe,
«Maximen und Reflexionen».
472 mit dem Ausdrucke Lessings: Rudolf Steiner bezieht sich auf den Titel
von Lessings Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechts» (1780).
473 diese Erde ist fur Kepler ein Riesenorganismus : Siehe Johannes Kepler,
«Harmonices mundi» («Weltharmonik»). IV. Buch, 7. Kapitel.
Giordano Bruno . . . daft die Erde ein Riesenorganismus ist: Nicht nach-
gewiesen.
474 Ausspruch Goethes gegenuber Eckermann: Gesprach vom 11. April
1827.
476 Feuerbach: Siehe Hinweis zu S. 148.
477 Emil Du Bois-Reymond: Siehe Hinweis zu S. 26.
482 bei Otto Liebmann . . . finden wir den Gedanken ausgesprochen : Siehe
Otto Liebmann, «Gedanken und Tatsachen, Philosophische Abhand-
lungen, Aphorismen und Studien», 2 Bde., Strafiburg 1882-1904,
Heft 2, S. 284 : «[. . .] jenes transmakroskopischen Riesengehirns [. . .]».
486 Hegel . . . sprach: Schlufi des «Vorworts, gesprochen zu Heidelberg den
28. Oktober 18 16» zu den «Vorlesungen uber die Geschichte der Phi-
losophic*, in: Georg Wilhelm Friedrich Hegels Werke, Bd. 13, Berlin
1833, S. 5f.
NAMENREGISTER
Die kursiv gesetzten Zahlen geben jeweils die Seiten an, zu welchen ein
Hinweis besteht.
Abraham von Franckenberg
(1593-1652) 222, 224
Acton, Lord John (1834-1902) 92
Alexander VI. (Papst) (1430- 1503)
299
Alkibiades (urn 450-404 v.Chr.)
262
Aristoteles (384-322 v. Chr.) 202-
205, 209, 310, 313, 484
Arnim, Achim von (1781-1831)
251
Augustinus, Aurelius (354-430)
292 306, 313, 454/., 477
Bach (Musikerfamilie) 70
Benedikt, Moritz (1835-1920) 26,
383
Blavatsky, Helena Petrowna
(1831-1891) 197
Bohme, Jakob (1575-1624) 185,
220ff., 237, 241, 242, 244, 245,
246
Brentano, Bettina (1785-1859)
250f.
Brentano, Clemens (1778-1842)
250
Brentano, Franz (1838-1917)
150f., 195f., 205
Bruno, Giordano (1548-1600)
111, 114/., 209, 220, 243, 369,
380, 447, 473f.
Bunsen, Robert Wilhelm
(1811-1899) 457
Byron, Lord George (1788-1824)
419, 421
Caesar, Gajus Julius (100-44 v.
Chr.) 152, 259
Calov, Abraham (1612-1686) 246
Carriere, Moriz (1817-1895)
94-96
Cartesius, Renatus (1596-1650)
207, 454f
Claudius, Matthias (1740-1815)
246f., 247
Dante Alighieri (1265-1321) 264,
271
Darwin, Charles (1809-1882) 72,
91, 190f„ 458, 479
Descartes, Rene s. Cartesius,
Renatus
Deufien, Paul (1845-1919) 199
Du Bois-Reymond, Emil
(1818-1896)26, 156, 21 If., 477L,
482f.
Eckermann, Johann Peter
(1792-1854) 474
Eliot, Charles William
(1834-1926) 107/., 113
Emerson, Ralph Waldo
(1803-1882) 461/
Euripides (484-407 v. Chr.) 444
Feuerbach, Anselm (1829-1880)
29
Feuerbach, Ludwig (1804-1872)
148, 476
Fichte, Johann Gottlieb
(1762-1814) 48, 79, 81, 451/.,
456, 458f., 472, 476
Figuier, Louis (*1819) 31
Franz von Assisi (1181/82-1226)
306
Franz I., (Konig v. Frankreich)
(1494-1547) 376
Froschammer, Jacob
(1821-1893) 38, 101
Galilei, Galileo (1564-1642) 110,
209, 220, 369, 371, 380
Gegenbaur, Carl (1826-1903)
190f.
Geoffroy de Saint-Hilaire, Etienne
(1772-1844) 43/
Giotto di Bondone
(um 1266- 1337) 264, 271, 306/.,
354
Goethe, Johann Wolfgang von
(1749-1832) 43, 88-90, 91, 94,
99, 147/., 166, 214f., 215, 2171,
219, 221, 234, 250-252, 256l,
260, 265, 267 f., 271-273, 282,
287, 300, 303, 309, 322f., 323,
349, 351, 353, 357, 379, 460-462,
469, 474
Grimm, Gisela (1827-1899) 251
Grimm, Herman (1828-1901)
88/., 100-102, 249-285, 256,
260, 263, 266, 267, 269, 270, 274,
286, 295, 307, 316-320, 419-
421, 461, 462, 463
Grimm, Jakob (1785-1863) 254/.,
333
Grimm, Wilhelm (1786-1859)
254/, 333
Haeckel, Ernst (1834-1919) 41f.,
156, 190, 458
Harles, Adolf von (1806-1879)
246/
Hartmann, Eduard von
(1842-1906) 41
Harvey, William (1578-1657) 208
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich
(1770- 1831) 452f., 456, 472, 486
Helmholtz, Hermann von
(1821-1894) 192, 457
Homer 260f., 265, 267f., 272-274,
282, 287, 313, 318f., 463
Humboldt, Alexander von
(1769-1859) 457
Huxley, Thomas Henry
(1825-1895) 152
Jean Paul (1763-1825) 231
Julius II. (Papst) (1443-1513) 299L
Karl August, Herzog (1757-1828)
303
Kant, Immanuel (1724-1804) 215,
453, 454, 455
Kepler Johannes (1571-1630)
86/., 99, 110, 220, 369, 371, 380,
473/
Kirchhoff, Gustav Robert
(1824-1887) 457
Kopernikus, Nikolaus
(1473-1543) 110, 114, 369, 371,
380
La Roche (Familie) 250
Leibniz, Gottfried Wilhelm
(1646-1716) 26
Leo X. (Papst) (1475-1521) 299
Leonardo da Vinci (1452-1519)
264, 270, 353-381, 357, 360,
375, 467
Lessing, Gotthold Ephraim
(1729-1781) 100, 288, 472
Liebig, Justus (1803-1873) 21
Liebmann, Otto (1840-1912) 482/
Lodovico il Moro s. Sforza,
Lodovico
Lyell, Charles (1797-1875) 458
Maeterlinck, Maurice (1862-1949)
402, 410-413
Malpigi, Marcello (1628-1694) 208
Mayer, Julius Robert (1814-1878)
457
Michelangelo Buonarroti
(1475-1564) 264 f., 2671, 270-
272, 282, 373
Mivart, Saint George (1827-1900)
97f.
Muller, Johannes (1801-1858) 457
Nietzsche, Friedrich Wilhelm
(1844-1900) 476
Perikles (um 500-429 v. Chr.) 467 f.
Perugino, Pietro (1446-1523) 298
Pietro da Vinci 358
Plato (427-347 v. Chr.) 310, 313,
416L, 438, 442, 462
Raffael Santi (1483-1520) 264f.,
265, 267-272, 269, 282, 286-320,
296, 297, 307, 314, 315, 368, 467
Ranke, Leopold von (1795-1886)
92
Rathenau, Walther (1867-1922)
1031, 106
Redi, Francesco (1626-1697) 111,
155f., 208
Renan, Ernest (1823-1892) 264
Reynaud, Jean (1806-1836) 31
Richter, Gregorius 226
Rosenkranz, Karl (1805-1879) 456
Rousseau, Jean Jaques (1712- 1778)
454
Saint-Martin, Louis Claude de
(1743-1803) 247
Savonarola, Girolamo (1452 - 1498)
265, 271, 298, 300, 307-309
Schelling, Friedrich Wilhelm Jo-
seph (1775- 1854) 238, 452f., 472
Schiller, Friedrich von (1759-1805)
323, 349
Schlegel, Friedrich (1772- 1829) 36
Schleiden, Matthias Jacob
(1804-1881) 190, 457
Schmidt, Oscar (1823-1886) 4lL
Schopenhauer, Arthur
(1788-1860) 75, 132, 148, 413,
416-418, 421, 432, 433-434, 452
Schramm, Heinrich 188
Schwann, Theodor (1810-1882)
190, 457
Sforza, Francesco (1401 - 1466) 362,
373
Sforza, Ludovico (gen. 11 Moro)
(1425-1508) 361
Shakespeare, William (1564-1616)
259, 265
Sinnett, Alfred Percy (1840-1921)
196
Sokrates (469 - 399 v. Chr.) 484
Spinoza, Benedictus de
(1632-1677) 416
Steig, Reinhold 284
Steiner, Rudolf (1861-1925)
Werke: Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Wel-
ten? (GA 10) 20, 63, 121f.,
128, 141, 229, 387, 392f., 408,
424, 431
Die Geheimwissenschaft im Um-
rifi (GA 13) 141, 337f., 340,
343, 408, 474
Mysteriendrama: Die Priifung
der Seele (GA 14) 77, 83
Mysteriendrama: Der Hiker der
Schwelle (GA 14) 395
Swedenborg, Emmanuel
(1688-1772) 462
Treitschke, Heinrich von
(1834-1896) 284
Verrocchio, Andrea del
(1436-1488) 358
Wallace, Alfred Russel
(1823-1913) 97i.
Wettstein, Richard (1863 - 1931) 93
Wohler, Friedrich (1800-1882) 21
Wundt, Wilhelm (1832-1920) 90,
338
Zeuner, Carl (* 1813) 95
AUSFUHRLICHE INH ALTS ANG ABEN
I. Wie widerlegt man Geistesforschung?
Berlin, 31. Oktober 1912 9
Geisteswissenschaft mufi darauf bedacht sein, die Einwande
ihrer Gegner zu verstehen und zu tolerieren. Uber die Erkenn-
barkeit der geistigen Welt. Die vier Glieder der menschlichen
Wesenheit. Das Schlafleben. Leben und Tod. Wiederholte Er-
denleben. Objektive (natur)wissenschaftliche Forschung und
Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft, ein raffiniertes Illu-
sions- und Halluzinationsvermogen? 1st der Glaube an die «Le-
benskraft» und an den Atherleib ein wissenschaftlicher Dilet-
tantismus? Astrale oder organische Griinde fur Wachen und
Schlafen? Selbstandigkeit des Geisteslebens. Wiederholte Er-
denleben, verschiedene Individualitaten und Vererbung. Gei-
steswissenschaft und Scharlatanerie. Wiederholte Erdenleben,
Karmagesetz und Egoismus. Ein Einwand Friedrich Schlegels.
Das religiose Leben. Die Gefahr von Hochmut und «Selbst-
vergottung» durch Geisteswissenschaft. Ein Einwand Jacob
Froschammers gegen die Praexistenz der Seele. Ein Beispiel:
Eduard von Hartmann und die Kritik an seiner «Philosophie
des Unbewufiten». Geoff roy de Saint-Hilaire iiber die Schwache
des Menschen.
II. Wie begriindet man Geistesforschung?
Berlin, 7. November 1912 46
Eine dreifache Gegnerschaft der Geistesforschung: Wissen-
schaft, religiose Bekenntnisse, gewohnliches Tagesbewufitsein.
Vom Beweis in der Naturwissenschaft und in der Geisteswis-
senschaft. Atherleib und «Leberiskraft». Das vermeintliche
«Erzeugen lebendiger Substanz» im Laboratorium. Wachen
und Schlafen. Atmungsvorgang und Sauerstoff. Wie der Che-
miker das Wasser als die Dualkat von Wasserstoff und Sauer-
stoff auffafit, so betrachtet der Geistesforscher den Menschen
bestehend aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich.
Das Erstarken der Seelenkrafte durch Meditation und Konzen-
tration als Voraussetzung fur iibersinnliche Erkenntnisse und
Anschauungen. Zum Einwand, dafi es unmoglich sei, wahrhaf-
tig zu unterscheiden zwischen wahnhaften Halluzinationen
und realen iibersinnlichen Erfahrungen. Vergleich der geistes-
forscherischen Erlebnisse mit mathematischen Wahrheiten.
Tatsachen kann man nicht beweisen, sondern nur erleben. Der
Einwand, dafi der Mensch nicht aus friiheren Leben, sondern
allein aus der physischen Vererbungslinie seine Eigentiimlich-
keiten empfangt; die Musikerfamilie Bach als Beispiel dafiir.
Uber den Einwand, Geistesforschung fordere den Egoismus im
moralischen Handeln. Schopenhauer uber Moralpredigten.
Uber den religiosen Einwand: Geisteswissenschaft lege den
Funken des Gottlichen in die menschliche Brust. Fichtes Ant-
wort auf den Kampf gegen die Geistesforschung. Verse aus
dem Mysteriendrama «Die Priifung der Seele».
Die Aufgaben der Geistesforschung fiir
Gegenwart und Zukunft
Berlin, 14. November 1912 84
Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft. Kepler. Die Fiille
der naturwissenschaftlichen Leistungen vernichtet die Mog-
lichkeit der Menschenseele, auf das Geistige hinzublicken.
Herman Grimm uber Goethe. Die modernen Philosophen
kommen iiberall bis an das Geistige heran, konnen es aber
nicht ergreifen. Wilhelm Wundt. Darwin. Der Historiker
Lord Acton. Der Irrtum der Naturwissenschaft, das Geistige
abzulehnen. Moriz Carrieres geistige Weltanschauung und der
einfache Mann Carl Zeuner. Keine Weltanschauung darf heute
bestehen, die mit der Naturwissenschaft im Widerspruch steht.
Die gegensatzlichen Ansichten der Naturforscher Mivart und
Wallace uber das Geistig-Seelische im Menschen. Die Aufgabe
der Geisteswissenschaft. Lessing. Herman Grimm vor dem
Tor der Geisteswissenschaft. Der Drang der Zeit nach geistiger
Erkenntnis. Walther Rathenaus «Zur Kritik der Zeit». Das ab-
strakte Hinweisen auf «Geist» und «Seele». Die Vorurteile
gegen die Erkenntnisse von Galilei und Francesco Redi. Die
Vorurteile gegen die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft.
Giordano Bruno.
IV. Die Wege der iibersinnlichen Erkenntnis
Berlin, 21. November 1912 117
Wachen und Schlafen. Beim Schlafen ist der geistig-seelische
Wesenskern aufierhalb des physischen Leibes. Zu ubersinnli-
cher Erkenntnis gelangt der Mensch, wenn er .sich wach und
bewufk durch seinen Willen aus dem physischen Leibe in den
geistig-seelischen Wesenskern zuriickzieht. Die vier Stufen der
menschlichen Erkenntnis: Die auftere Sinnes- und Verstandes-
erkenntnis und die drei Stufen der iibersinnlichen Erkenntnis :
Imagination, Inspiration, Intuition. Ein Mittel, sich zur Imagi-
nation zu erheben: Meditation. Aus den Tiefen der Seele stei-
gen reiche Bilder auf. Abgrenzung gegen Illusion und Halluzi-
nation. Imaginationen als Spiegelbild des eigenen Wesens. Der
Mensch mufi Herr seiner eigenen Imaginationen sein und sie
vergessen und wieder erinnern konnen. Geistige Wesenheiten
konnen schon in der Imagination wahrgenommen werden.
Das Aufsteigen zur Inspiration und das Wahrnehmen von
schopferischen Wesenheiten in der Natur. Die Intuition und
das Wahrnehmen vorhergehender Inkarnationen. Die Ergeb-
nisse der Geistesforschung im Alltag. Die Veroffentlichung der
Methoden der Geistesforschung. Der Wert des Menschen ist
durch seine intellektuellen und moralischen Qualitaten be-
stimmt, nicht durch seine Geistesforschung. Der Geistesfor-
scher ist keine besondere Autoritat. Autoritatsglaube und blin-
de Anhangerschaft sind am allerschlimmsten auf dem Gebiete
geisteswissenschaftlicher Forschung. Schauen und Begreifen
der geistigen Welt. Nur Gleiches kann Gleiches begreifen.
V. Ergebnisse der Geistesforschung fur Lebensfragen
und das Todesratsel
Berlin, 5. Dezember 1912 150
Franz Brentanos «Psychologie». Thomas Henry Huxleys
«Grundziige der Physiologie». Die Schicksalsfrage bei Neuge-
borenen verschiedenen Standes. Wie der Naturwissenschafter
Francesco Redi gezeigt hat, daft Lebendiges nur aus Lebendi-
gem entstehen kann, so zeigt Geisteswissenschaft, daft Geistig-
Seelisches nur aus Geistig-Seelischem entstehen kann. Verer-
bung in der Fortpflanzung. Wiederholte Erdenleben in Natur-
wissenschaft und Geisteswissenschaft. Die Entwicklung des
Seelenlebens. In der Fortpflanzung der Gattung geschieht alle
Entwicklung nach auften (Evolution), im individuellen Leben
geht alle Entwicklung nach innen (Involution). Goethe: «Im
Alter werden wir Mystiker.» Die Geburt des «hoheren Men-
schen», des «zweiten Ichs». Ermiidung und Schlaf. Der Aufbau
verfallener Korperkrafte wahrend des Schlafes. Der Mensch ist
das, was er aus sich selbst gemacht hat, sein konzentriertes
Schicksal. Tod und Wiedergeburt in anderen Verhaltnissen. Ist
das Genie das Ergebnis der vererbten Eigenschaften seiner Vor-
fahren? Wandel und Dauer des Lebens.
VI. Naturwissenschaft und Geistesforschung
Berlin, 12. Dezember 1912 185
Erkenntnisse der Naturwissenschaft am Ende des 19. Jahrhun-
derts. Die Ergebnisse der Biologie, Zoologie und Anatomie.
Die Schwierigkeit, zu unterscheiden zwischen naturwissen-
schaftlichen Tatsachen und hinzuspekulierten Theorien. Die
Strenge des naturwissenschaftlichen Denkens. Das Bediirfnis,
auch in der Seelenlehre nach dem Muster der Naturwissen-
schaft zu forschen: Franz Brentanos «Psyehologie». Brentanos
Scheitern auf dem Weg in die geistige Welt. Sinnetts «Esoteri-
scher Buddhismus» ist in nichts gerechtfertigt vor der strengen
naturwissenschaftlichen Wahrhaftigkeit. Auch Blavatskys «Ge-
heimlehre» ist durchmischt mit naturwissenschaftlichem Dilet-
tantismus. Indische Weisheit und Yoga. Aristoteles' Seelen-
lehre. Der Verlust des Blickes auf die geistige Welt beim Auf-
kommen der Naturwissenschaft. Du Bois-Reymonds «Uber die
Grenzen des Naturerkennens». Der schlafende und der wache
Mensch. Geisteswissenschaft ist nur als berechtigt anzuerken-
nen, wenn sie bekannt ist mit dem Stande der naturwissen-
schaftlichen Forschung der Gegenwart.
VII. Jakob Bohme
Berlin, 9. Januar 1913 220
Originalitat und Geistesgrofie Bohmes. Bohmes «Traumerleb-
nis» als Hirtenknabe. Sein Erlebnis als Schusterlehrling. Die
Entriickung aus dem physischen Leibe in eine andere Welt
wahrend sieben Tagen. Sein Werk «Die Morgenrdte im Auf-
gang». Schreibverbot fiir Bohme. Die anderen Werke Bohmes.
Was in Jakob Bohmes Seele lebt, ist zu vergleichen mit der
ersten Stufe der ubersinnlichen Erkenntnis, der Imagination.
Das Untertauchen und Wiederauftauchen von Jakob Bohmes
Imaginationen. Das Problem des Bosen bei Bohme. Die Welt
als Gegenwurf der Gottheit. Jakob Bohme sucht nicht nur den
Urgrund des Bosen, sondern auch den £/«grund. Das Gute ver-
richtet seine Weltenfunktion, indem es dem Bosen gegeniiber-
gestellt ist. Uber Luzifer. Bohmes Formel des Problems des
Bosen: «Kein Ja ohne Nein.» Bohme als Runenratselloser und
«Philosophus teutonicus». Schriften gegen Jakob Bohme.
VIII. Die Weltanschauung eines Kulturforschers der Gegen-
wart, Herman Grimm, und die Geistesforschung
Berlin, 16. Januar 1913 249
Herman Grimm als Vermittlungsglied zwischen der Goethe-
zeit und dem modernen Geistesleben und als geistiger Statthal-
ter Goethes. Seine Goethe- Vorlesungen. Herman Grimm als
Geschichtsbetrachter : Wer sich treu an auiSere historische Do-
kumente halt, bekommt ein gefalschtes Bild der Menschheits-
entwicklung. Grimm dagegen blickte auf den fortlaufenden
Strom der Schopfungen der Volksphantasie in Literatur und
Kunst. Grimms Homer-Buch. Herman Grimm uber den Chri-
stus-Impuls in der Menschheitsentwicklung. Grimms «Frag-
mente». Sein Buch «Raphael» im Verhaltnis zu seinen anderen
Werken. Grimms Vorstudien fiir seine Werke sind nicht histo-
rische sondern seelische Studien: Die Novellensammlung, der
Roman «Uniiberwindliche Machte». Herman Grimm vor dem
Tor der Geisteswissenschaft.
IX. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft
vom Geiste
Berlin, 30. Januar 1913 286
Die Erziehung des Menschengeschlechts durch so hervorragen-
, de Gestalten wie Raffael. Das Voranschreiten der Menschheit
zur Verinnerlichung: Das Gleichgewicht des Aufierlich-Leib-
lichen und des Seelisch-Geistigen im Griechentum, die verin-
nerlichte Seele im Christentum (Augustinus), die Schopfungen
Raffaels als Wasserscheide der Menschheitsentwicklung. Die
Entwicklung Raffaels in Etappen von vier Jahren. Geburts-
stadt Urbino. Lehrzeit in Perugia. Das Florenz Savonarolas.
Die Papste. Raffael in Rom gleichsam als Diener der heidnisch
gewordenen Christenheit, in seinen Werken erscheinen die
christlichen Ideen aber in neuer Gestalt. Die «Sixtinische Ma-
donna». Die «Madonna della Sedia». Das innere christliche
Feuer bei Raffael und bei Savonarola. Raffaels Christentum
und Griechentum. Die «Schule von Athen». Der «Parnafi».
Die «Disputa». Raffaels Schopfungen im Gang der Mensch-
heitsentwicklung.
X. Marchendichtungen im Lichte der
Geistesforschung
Berlin, 6. Februar 1913 321
Die Quellen zur Marchendichtung liegen viel tiefer in der
Menschenseele als die Quellen der iibrigen Kunstwerke. Der
Unterschied Marchen - Tragodie. Der Kampf der Seele beim
Einschlafen und Aufwachen spielt sich in solchen Tiefen der
Menschenseele ab. Das standige unbewufke Traumen der See-
le. Das fruhere hellseherische Bewuffosein. Das Entstehen der
Marchenbilder. Das Marchen vom Kind und der Unke. «Rum-
pelstilzchen.» Rudolf Steiners «Geheimwissenschaft im Um-
rifi» und Marchen aus Wilhelm Wundts «V6lkerpsychologie».
Die deutschen Marchen der Briider Grimm. Die Riesen in den
Marchen. Das Marchen «Hundert auf einen Streich». Die Mar-
chen sind wunderbare Nahrung fur die Seele des Kindes und
sind ein guter Engel auf der Lebenswanderung des Menschen.
XL Lionardos geistige Grofie am Wendepunkt zur
neueren Zeit
Berlin, 13. Februar 1913 353
Das «Abendmahl» in Mailand. Der Lebensweg Leonardos. Sein
Zeichentalent. Seine Studien der Gesichtsziige fur die mannig-
faltigsten Seelenerlebnisse. Leonardo am Hofe Lodovico il Mo-
ros in Mailand. Seine technischen Erfindungen und Plane. Das
Reiterstandbild des Francesco Sforza. Leonardos jahrelanges
Ringen um die Vollendung des «Abendmahls». Sein «Traktat
tiber die Malerei». Die besonderen Licht-Schatten-Verhaltnisse
bei dem Antlitz des Christus und des Judas im «Abendmahl».
Vom Geheimnis der Personlichkeit Leonardos. Die zweifache
Bedeutung der naturwissenschaftlichen Entwicklung. Die
Kunst der Renaissance und die Kunst der Griechenzeit. Die
Mark Aurel-Statue in Rom. Der Verlust des Sich-verbunden-
Fiihlens mit dem Geist im Zeitalter Leonardos. Leonardo als
tragische Gestalt am Wendepunkt zu einer neuen Zeit. Seine
Seele im iibersinnlichen Dasein.
XII. Irrtiimer der Geistesforschung
Berlin, 6. Marz 1913 382
Gesunde Wahrnehmungsorgane und eine vollstandige Ausbil-
dung und Klarheit des Bewufitseins als Voraussetzung fur rich-
tiges Beobachten. Eine gesunde Urteilskraft und eine morali-
sche Stimmung der Seele als Ausgangspunkt fur die geisteswis-
senschaftliche Schulung. Die Visionen des Geistesforschers
sind zunachst nur Wahnvorstellungen seines eigenen Wesens.
Deshalb mufi der Geistesforscher seine geistigen Erscheinun-
gen, die er herstellen kann, auch wieder ausloschen konnen.
Das ist nur moglich durch den Sieg iiber Selbstliebe und Eigen-
sinn. Der Geistesschiiler darf sich vor der Furcht nicht fiirch-
ten. Der «Huter der Schwelle». Die Furcht vor der geistigen
Welt als Grund fur den Materialismus, der zum Phanomenalis-
mus und Spiritismus ftihren kann. In der geistigen Welt ent-
steht der Irrtum dadurch, dafi man das Tote fur ein Lebendes
halt. Maurice Maeterlincks Buch «Vom Tode» ist Phanomena-
lismus und Gespensterforschung statt Geistesforschung. Das
andere Extrem der Irrtumsmoglichkeit : Die Ekstase. Der soge-
nannte mystische «Gott im Innern» ist oft nichts anderes als
das zum Gott hinaufgestempelte Ich. Wahrhaftigkeit als aufie-
res Zeichen des wahren Geistesforschers. Die Mitteilungen des
Geistesforschers konnen auch von dem gewohnlichen Denk-
vermogen der Menschen begriffen werden. Der Weg der Gei-
stesforschung zwischen Phanomenalismus und Ekstase.
XIII. Die Moral im Lichte der Geistesforschung
Berlin, 3. April 1913 416
Arthur Schopenhauers Moralvorstellung. Die Verschiedenheit
moralischer Begriindungen am Beispiel einer moralischen Tat
Lord Byrons. Die drei Stufen der Einweihung (Imagination,
Inspiration, Intuition) und die moralische Seelenstimmung.
Um die Bilder der Imagination als Spiegelbilder seines eigenen
Wesens erkennen zu konnen, braucht der Geistesforscher Tat-
sachensinn und Ubung der Wahrhaftigkeit. Um die geistigen
Stimmen der Inspiration als Echo seines eigenen Wesens erken-
nen zu konnen, braucht der Geistesforscher moralischen Mut,
Starkmut. Um in der Intuition zu wahren Erkenntnissen ho-
herer Wesenheiten zu kommen, braucht der Geistesforscher
freies offenes Interesse. So hangt geistige Schulung innig zu-
sammen mit der Erhohung der moralischen Kraft. Schopen-
hauers moralische Forderung nach Mitleid, Mitgefiihl. Die mo-
ralische Erfahrung des Geistesforschers bei der Begegnung mit
dem Hiker der Schwelle. Moralische Eigenschaften in ihren
Ursachen und Wirkungen bei wiederholten Erdenleben. Auch
wenn es noch so sehr verborgen ist, etwas ist im Menschen, das
sich zum Guten bekennt.
XIV. Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts
Berlin, 10. April 1913 445
Geisteswissenschaft versucht, der Seele eine Erkenntnis ihres
im Geistigen liegenden Ursprungs zu sein. Die Glanzperiode
des philosophischen Strebens: Fichte, Schelling, Hegel, Scho-
penhauer. Kants Abhandlung «Was ist Aufklarung?». Das
Nachlassen des philosophischen Strebens und das Aufkommen
der Naturwissenschaft um die Mitte des neunzehnten Jahrhun-
derts. Goethe, Herman Grimm, Emerson. Die Bedeutung des
naturwissenschaftlichen Denkens fur die menschliche Seele.
Die menschliche Seele in fruheren Kulturepochen: In der
agyptisch-chaldaischen Zeit fiihlt sich die Seele mit der Welt
eins, in der griechisch-romischen Zeit fiihlt sich die Seele mit
der eigenen Leiblichkeit eins, in der heutigen Kulturepoche hat
sich die Seele herausgeworfen aus dem objektiven Weltbilde.
Kepler und Giordano Bruno iiber die Erde als Organismus.
Die drei Glieder der menschlichen Seele und ihre Ausbildung
in den Kulturepochen. Das Rmgen der Bewufitseinsseele im
neunzehnten Jahrhundert bei Feuerbach, Nietzsche, Du Bois-
Reymond. Die Vorbereitung des Zeitalters des Geistselbstes
schon in unserem Zeitalter der Bewufitseinsseele. Otto Lieb-
manns Gedanke vom Kosmos als einem Riesengehirn. Das na-
turwissenschaftliche Weltbild des neunzehnten Jahrhunderts
ist das schonste Erziehungsmittel zu dem, was die Menschen-
seele werden soil: zu einem aus der Bewufitseinsseele heraus
nach dem Geistselbst strebenden Wesen.